betr.: Was ist Science Fiction? (2)
Fortsetzung vom 2.5.2026
Ich bekenne: Ich bin ein Freund des Ein- und Aussortierens. Ich finde nicht, dass man Menschen (etwa Künstler) in Schubladen stecken oder Gattungen gegeneinander ausspielen sollte. Aber Rubriken schaffen Ordnung, ehe man einen Gegenstand genauer untersuchen kann. Und sie geben Orientierung, um den Gegenstand überhaupt zu finden, der zu einem passt und für den man gerade in Stimmung ist. Dabei spielt nicht selten die Frage eine Rolle, wie viel Eskapismus es denn bitte sein darf. Die Einteilung in Genres antwortet auf unsere Schwäche für die Erfüllung der eigenen Erwartung.
Dietmar Dath verwendet in “Niegeschichte”, aus der wir in dieser Serie zitieren, übrigens den Begriff “Tropen”, wo ich den Ausdruck “Topoi” (Singular: “Topos” = für ein Genre typischer Ort, typisches Thema) hübscher finde.
»Ein Genre ist ein Spiel mit selten ausgesprochenen, aber immer mitgemeinten spezifischen Schreib- und Lektüreprotokollen. In jedem Genre arbeiten einzelne Werke thesenförmig gegeneinander – es gibt anarcho-liberale und autoritär-rechte Krimis ebenso wie kapitalismus-kritisch-linksfeministische; es gibt pro-imperialistische Western und anti-imperialistische. Die Requisiten, Tropen, Feldzeichen, Spielmarken und Siegel der SF, die oben gestreift wurden, gehören wie Werwölfe und Vampire beim übernatürlichen Horror oder die Magier und Drachen der Fantasy zu einem Metagenre: der Fantastik.
Anders als das, was im Krimi vorkommt, oder das, was im Western vorkommt, kommen und kamen diese Requistiten, Tropen, Feldzeichen, Spielmarken und Siegel zu der Zeit, als die betreffenden Werke geschaffen wurden und werden, nur in der Fantastik vor, nicht auf der Welt. Wenn ich wissen will, was ein Verbrechen im Krimi bedeutet oder ein Cowboy im Western, kann ich mich darauf verlassen, dass sich in Erfahrung bringen lässt, was in ein Verbrechen in den Nachrichten oder in der juristischen Fachliteratur ist, was ein Cowboy in Berufsbeschreibungen oder in historischer Literatur ist. Quellen wie Nachrichten oder Historiografie schöpfen ihre Kenntnisse aus der Erfahrung tatsächlicher Menschen.« Mit herkömmlicher Nachprüfbarkeit kämen wir bei der Fantastik aber ohnehin nicht weiter, weil sie »lauter Sachen und Sachverhalte gestaltet, die sich weder bestätigen noch widerlegen lassen. (…) Es gibt [Stanislaw] Lems Solaris und Edgar Rice Burroughs’ Mars nicht außerhalb des jeweiligen Textes. (…) Die Rede ist ja von Kunst, und dass da subjektives Erleben zumindest Beachtung verdient, ist keine abwegige Idee.«
Na? Wie viel Eskapismus darf’s denn nun sein?
Die Art von Geschichten, für die ich praktisch immer in Stimmung bin, sind jene, die mich in einer weitgehend “nachprüfbaren” Welt begrüßen – also im Western oder Krimi, wenn wir bei den genannten Beispielen bleiben – und mich dann ein entscheidendes Stück weit dieser Realität entheben. Ich nenne das den phantastischen Twist, der eine gute Geschichte ausmacht.
Fantasy ist mir suspekt, weil die beliebte Reklame “Hier ist alles möglich! Sogar ein Drache könnte jederzeit auftauchen” in Wahrheit doch meistens bedeutet: “Mach dich darauf gefasst, dass früher oder später der unvermeidliche Drache um die Ecke kommt”.
Ein Autor der Fantastik, der mir in dieser Sache sehr entgegenkommt, ist ausgerechnet H. P. Lovecraft. Er verpackt seine haarsträubenden Realitätsverstöße stets in eine Rahmenhandlung, die zunächst eine völlig humorlose, sachliche Prosa vortäuscht: Reiseberichte bzw. Landschaftsbeschreibungen, historische Aufarbeitungen, Ereignisprotokolle. Lovecraft bekam dieses Kunststück noch besser hin als sein Vorbild Edgar Allan Poe, der es in “Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym aus Nantucket” genau darauf anlegt. Poes nachfolgender Kollege Jules Verne mäkelte, Poe „gibt vor, alles mit physikalischen Gesetzen erklären zu können, die er bei Bedarf erfindet“. Das war als Anklage gedacht, würdigt jedoch eine erzählerische Technik auf, die für die Entstehung der Fantastik (und somit auch der SF) unerlässlich werden sollte.
