Die Oper als Schimpfwort

betr.: Schimpfen in der Popkultur

Dass kulturelle Begriffe gern zu Schimpfwörtern umgebaut warden, ist Alltag und hat seinen Ursprung in der Verachtung, die das Bürgertum schon immer gegenüber den Schönen Künsten pflegte, soweit diese nicht von der Religion vereinnahmt waren. “Was ist das hier für ein Zirkus?” oder “Mach kein Theater!” drückt einen Missmut aus, der sich mit Vokabeln wie “Messe”, “göttlich”, “heilig” oder “Weihe” nicht formulieren ließe.
Die Oper ist besonders dankbar, weil sie schon qua Größe von Anspruch, Konzept und aufwändiger Umsetzung eine unerreichte Angriffsfläche bietet. Die etwas aus der Mode gekommene Redensart “Quatsch keine Opern!” hat ihre Vorläufer in der Terminologie der Mediengeschichte. Eine “Soap Opera” war in den “Roaring Twenties” des 20. Jahrhunderts zunächst eine (oftmals von Seifenherstellern) gesponserte, schlichte dramatische Erzählung in Reihen- oder Serienform im Radio. Erst in den frühen 80er Jahren kam der Begriff als “Seifenoper” im deutschen Sprachgebrauch an, um besonders lang laufende (episch erzählte!) US-Serien zu bezeichnen: “Dallas”, “Der Denver-Clan” und “Falcon Crest” waren die ersten, die so bezeichnet wurden – abfällig natürlich.
Inzwischen ist die Oper wieder aus dem Terminus verschwunden, und “Soap” meint endlos-Serien aus billiger Fertigung – deutsche Endlos-Serien.

1941 kam weitere Herabsetzung auf: der Begriff “Weltraum-Oper”.
Das noch recht junge Genre der Science-Fiction wurde damit auf seine weniger anspruchsvollen Vertreter reduziert – obwohl es auf diesem Gebiet damals wie heute gewaltige Ambitions- und Qualitätsunterschiede gab.
Der SF-Fan (außerdem SF-Autor und –Kritiker) Wilson Tucker musste keine einzige Singspielbühne besuchen, um dieses Schimpfwort auszubrüten, er hängte sich an einen sprachlichen Trend an, der neben der “Seifen-Oper” bereits die “Pferde-Oper” (für schlechte Western) ausfindig gemacht hatte. Doch der Schmähbegriff wandelte sich zum Gütesiegel, denn das Lesevolk liebt von jeher nicht nur anspruchsvoll-allegorische Fantastik à la Capek, Asimov und Lem, es konsumiert bevorzugt Trash.
Dessen Topoi hat Dietmar Dath in “Niegeschichte” exemplarisch am Beispiel des (zunächst literarischen) Helden “Captain Future” zusammenfasst. Sie repräsentieren das, was der Autor in / seit den 90er Jahren wieder auf dem Vormarsch sieht: der Weltraumheld  “erntete die berauschende Frucht des Mondkrauts (…), obwohl es noch gar keine Hippie-Drogenkultur gab, gründete Handelsniederlassungen in den Dschungeln der Venus (…) und freute sich daran, dass die Bewohnerinnen und Bewohner unterschiedlicher Welten einander offenbar erotisch und genetisch hinreichend ähnlich waren, um miteinander eine Spezies fliegender amphibischer Menschen zeugen zu können. (…) Der Mann hält schwarze Planeten auf, die mit der Erde zu kollidieren drohen, sucht sieben Steine, mit denen man die Macht über das Sonnensystem erobern kann, füttert zwischendurch ein ‘Meteor-Chamäleon’ und reist Millionen Jahre in die Vergangenheit, weil es damals noch wilde Mengen von Rohstoffen gab, die man heute bzw. morgen brauchen kann”.

Heute wird der Begriff “Weltraumoper” (der Bindestrich ist nicht länger nötig) im Grunde auf ein einziges Werk bzw. Gesamtwerk angewandt: auf “Star Wars”. Dieses Medien-Universum ist “die” Weltraumoper, so wie Elvis “der King” ist (oder – je nach Domäne Jack Kirby), Hitchcock “der Meister”, Shakespeare “der Barde” und Frank Sinatra “the voice”.
Tuckers Schmähungsversuch ist endgültig implodiert. 1:0 für die Oper!

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