Als Wahrheit Teile der Bevölkerung verunsichern durfte

betr.: 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann

Als „Der gute Gott von Manhattan“ 1959 den renommierten „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ bekam, war das Fernsehen zwar in der Bundesrepublik schon eingeführt, doch das Hörspiel stand noch in voller Blüte, und man versammelte sich abends um das Empfangsgerät, um ihm zu lauschen. Sogar die Dankesrede der Autorin für die Auszeichnung im Bundeshaus in Bonn hat Geschichte gemacht. Ihr Titel wurde zu einem geflügelten Wort: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. (Bundesinnenminister Thomas de Mezière aktualisierte diesen Satz 2016 mit dem vieldiskutierten Ausspruch: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“ …)
Die Bedeutung des Mediums war auch daran abzulesen, dass von wichtigen Hörspielmanuskripten mehrere Fassungen produziert werden konnten – von Bachmanns „Gott“ etwa eine von Gert Westphal für SWF Baden-Baden, Radio Bremen und RIAS Berlin und eine von Fritz Schröder-Jahn als Koproduktion von NDR und BR. Der Deutschlandfunk sendete gestern eine Neufassung zum Jubiläumsjahr der Autorin.

Die Konzeption des Hörspiels ist auf eine für heutige Ohren ungewohnte Weise verwickelt, Günter Peters beschreibt sie so: »Hier geht die Autorin mit dem Thema der Kluft zwischen Liebe und Gesellschaft und der von Herrschaft und Machtansprüchen gelenkten Beziehung zwischen Mann und Frau auf radikale Weise buchstäblich ins Gericht. Die Handlung wechselt ständig zwischen drei Schauplätzen oder Ebenen des Geschehens: Auf der ersten Ebene hören wir das Gespräch eines Richters mit dem vor das Gericht geladenen “guten Gott”, der sich wegen eines mörderischen Brandattentats auf die weibliche Hauptfigur des Hörspiels zu verantworten hat und der diese Tat als Strafe für den asozialen Charakter einer derart absoluten und vorbehaltlosen Liebe rechtfertigt, wie sie das junge Paar auszuleben versuchte. Die zweite Ebene verfolgt die Liebesgeschichte der beiden jungen Leute Jan und Jennifer, deren Zuspitzung sich darin ausdrückt, dass sie in ihrem Wolkenkratzerhotel in immer höhere Stockwerke aufsteigen. Auf einer dritten Ebene treten zwei feuerrote Eichhörnchen auf, deren Doppelrolle darin besteht, die Liebenden tiefer in ihre Leidenschaft hineinzuzuziehen und gleichzeitig auf Geheiß des guten Gottes ihre Vernichtung zu betreiben. In einer Schlüsselszene schlägt die Bereitschaft der beiden Liebenden, sich wieder zu trennen, in eine Form absoluter Liebe um, die keine gesellschaftlichen Schranken kennt, aber auch eine schamlose Erniedrigung der Frau vor dem Mann und ein wechselseitiges Verfallensein impliziert. Direkt anschließend analysiert der vor Gericht geladene “gute Gott” diese Form der Liebe, die in seinen Augen ein Verbrechen gegen die Gesellschaft darstellt und deshalb unnachsichtig vertilgt werden musste.«

Schon aus dieser Inhaltsangabe wird deutlich, welche künstlerische Freiheit ein geachteter Literaturstar genoss, wenn er für den Rundfunk arbeitete – ganz zu schweigen von den immensen Honoraren, zumal wenn noch Mehrfachbearbeitungen entstanden. Auch andere große Schriftsteller schätzten diese Bedingungen. Alfred Andersch und Günter Eich – wie Bachmann zwei Vertreter der “Gruppe 47” (betätigten sich schwerpunktmäßig für das Hörspiel – und vor allem Zweiterer verunsicherte die Bevölkerung gern auch mit seiner Dichtung).
Bevor als Theaterautor groß wurde, schuf auch der Schweizer Friedrich Dürrenmatt Klassiker des Mediums, die heute noch gespielt werden – in jener eng gewordenen Nische, in der heute auch der Hundertste von Ingeborg Bachmann gefeiert wird.    

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert