Die aktuelle Filmkritik
Horrorfilme sind heute wertiger als früher, die Zeit des billig flimmernden Grusels ist vorbei. Was das bedeutet und wie es sich anfühlt, das lässt sich nun anschaulich im Kino erleben.
Insidious – Out Of The Further
von Jacob Chase
Die Zahnärztin Gemma Hall hatte eine mehr als traumatisierende Kindheit. Schließlich musste sie hilflos miterleben, wie sich ihre schwer gestörte Mutter an den Badezimmerkacheln selber den Schädel einschlug.
20 Jahre später ist Gemma Mutter einer kleinen Tochter und weist die Bedenken ihres Freundes, des jungen Polizisten Nick Mendoza, zurück, der sich wundert, dass sie noch immer in dem Haus wohnt, in dem sich so grauenvolle Dinge zugetragen haben – der Tod der Mutter war ja nur das Finale tagtäglichen Irrsinns. Nicks Besorgnis erweist sich als begründet. Eines Tages beginnt ein finster aussehendes Trio alter Leute – Stadtstreicher vielleicht? -, in ihrer Straße auf- und abzumarschieren und Gemma anzustarren. Bald darauf häufen sich in ihren vier Wänden paranormale Vorgänge. Gemma ist sicher: nicht das Haus ist verflucht, ich bin es selbst. Sie nimmt den Kampf mit den Chimären auf …
Die „Insidious“-Reihe hat seit 2010 weltweit bereits über 740 Millionen Dollar eingespielt. Die Figuren dieser Geschichte sind neu, ihr Schicksal setzt keine Vorkenntnisse voraus.
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/insidious-out-of-the-further
Der Komiker Otto hat in den 70er Jahren in seiner TV-Show festgestellt, es gebe in ganz Hamburg keine 28-Zimmer-Wohnung. Wer gern ins Kino geht, der weiß: in der amerikanischen Vorstadt sind solche Behausungen Gang und Gäbe. Das Haus in dieser Geschichte hat außerdem die Besonderheit, dass jedes Zimmer die Größe eines Klassensaals hat, auch die Kellerräume sind riesig. Vielleicht ist das Grund dafür, dass Gemma nach allem, was geschehen ist, auch als Erwachsene an dieser Immobilie festhält und ihr Töchterchen Maya dort großziehen will. Aber in diesem Film sind alle Räume in allen Gebäuden drei Nummern größer, auch die im zahntechnischen Institut, in dem Gemma arbeitet („Second Smile – Family Dentistry“), oder das örtliche Tattoo-Studio. Ganz besonders geräumig ist die Waschküche, in der Gemma ein gewaltiges Archiv eingerichtet hat, eine Mischung aus Rumpel- und Asservatenkammer, in der sie auch die Beweisstücke des gewaltsamen Todes ihrer Mutter aufbewahrt, noch immer verpackt in den beschrifteten Plastikbeuteln der Polizei.
Maya ist ein besonders liebes und hübsches Mädchen. In der Tat ist sie so penetrant entzückend, dass man sie am liebsten aufs Internat schicken möchte. Wann immer Mama von einer Gespensterattacke geschüttelt wurde, aus einem Alptraum oder einer Trance erwacht, unter deren Bann sie Möbel umgeworfen oder Essen verschüttet hat, steht das Kind mit Fremdscham-Blick im Zimmer und fragt: „Mom, bist du okay?“
Dieser Kontrast – hier die von Furien gehetzte Heldin, die ihrer irren Mutter immer ähnlicher wird, dort das patente, kluge, liebe Kind – ist typisch für die Gegensatzpaare, mit denen der Film arbeitet: die sonnig-kitschfarbenen Bilder der realen Welt contra die blaustichige Albtraumwelt der Dämonen; das saubere zahnmedizinische Institut contra die kiezige Tattoo-Werkstatt; die rosige Schönheit ihres Latino-Lovers Nick contra die gerontische Hässlichkeit des warzigen alten Störenfrieds, der sich bei ihr auf den Behandlungsstuhl legt, um ihr seine zerborstenen Zähne zu präsentieren, zwischen denen kleine Parasiten herumkrabbeln …
Ein weiteres wiederkehrendes Motiv von „Insidious – Out Of The Further“ ist das Einsammeln sämtlicher Horrorfilmklischees, an die sich irgendjemand aus dem Produktionsteam erinnern konnte: Besessenheit, plötzlich auftauchende ekelige Fratzen, Psychoterror in der Nachbarschaft, Psychoterror in der eigenen Familie, knarrendes Holz in der Nacht, Spukhaus-Horror, Body-Horror, Lebensmittel-Horror, Rätsel, die zu lösen sind, schlecht aufgelöste VHS-Videos als Zeichen des Bösen, sonstige Found-Footage-Effekte, Spinnen, Verstümmelung, Schatten, aus denen etwas herausgerollt kommt, schlechte Tischmanieren, Zombies, Kannibalismus, Klaustrophobie, Nekrophilie, Alkoholismus, Satanismus, bedrohte Augäpfel, Ratten und anderer Schädlingsbefall, Fingernagelfolter, sonstige Folter, hässliche Oma-Tapeten, wildgewordene Hippie-Sekten, esoterisches Guru-Gelaber, Monster unterm Bett, ängstliche Blicke durch die Lamellen-Schranktür wie in „Blue Velvet“, eine kopfstehende „Stranger Things“-Parallel-Horrorwelt, der aufwallende Nebel aus „The Fog“, beiseitegerissene Duschvorhänge wie in „Psycho“, der grisselige, quadratische 70er-Jahre-Fernseher aus „Poltergeist“, Walkie-Talkies, aus denen seltsame Stimmen sprechen, technisch tiefergetunte Männerstimmen, angeklebte Warzen und Glatzen, seltsame Dinge, die nicht mit bloßem Auge, sondern nur auf dem Monitor zu sehen sind, verhexte Alltagsgegenstände, Haushaltsgeräte und Spielsachen, Alter und Fäulnis in Großaufnahme, eine Kühltruhe im Keller, Türen, die von selber auf- und zugehen, altmodisch eingerichtete Räume mit Sesseln, die nicht zusammenpassen, eine Zwangsjacke, grelle Blitze, höllische Energie, die die Figuren rückwärts umwirft, Gestöhne im Kriechkeller, Naturgesetze im On-Off-Modus und Jumpscares, Jumpscares, viele viele Jumpscares. Das einzige, was fehlt, sind Vampire (immerhin gibt es viele eklige Zähne) und Werwölfe, aber vielleicht habe ich sie in dem ganzen Durcheinander einfach übersehen.
Für sich betrachtet ist das alles technisch makellos umgesetzt, kein Vergleich mit den Billigprodukten, die das Genre des Horrorfilms lange dominiert haben. Doch während früher manchmal das Problem auftrat, dass sich gute Ideen nicht befriedigend umsetzen ließen, leide ich hier und heute unter dem Gegenteil: es ist alles möglich, es wird alles gemacht und bildgewaltig vorgeführt – ganz einfach weil es geht –, aber es gibt nicht den Hauch einer Handlung oder auch nur einer tragfähigen Idee, die das ganze irgendwie motiviert oder zusammenhält.
Der letzte Akt des Films macht uns gar nichts mehr vor: er ist wie ein Trailer geschnitten. Eine gute halbe Stunde lang werden nur noch wilde Kämpfe mit den Mächten der Finsternis aneinandergehängt, die keinen erkennbaren Zusammenhang mehr aufweisen.
Der Mensch, der all das angerichtet hat, heißt Jacob Chase, ist immerhin schon 40 Jahre alt und ganz offensichtlich nicht interessiert: nicht an Horrorfilmen, nicht an Geschichten, nicht an Charakteren, ganz offensichtlich nicht einmal am Kino an sich. Vermutlich hofft er auf einen lukrativen Vertrag mit Netflix. Chase ist derartig unbedarft, dass die Requisiten, die hier zum Einsatz kommen, aus unterschiedlichen Epochen stammen. Sein Werk hat größere Ähnlichkeit mit einer sowjetischen Raketenparade als mit einem abendfüllenden Spielfilm.
Der Titel passt nicht zum neuesten Kapitel der Serie. „Insidious“ bedeutet „hinterhältig, heimtückisch“. Das ergibt hier keinen Sinn, denn obwohl Dämonen a priori keine anständigen Wesen sind (und sich das auch gar nicht leisten können, wenn sie in der Welt der Menschen auf einen grünen Zweig kommen wollen), treten sie doch ganz offen bedrohlich auf. Die drei widerwärtigen alten Leute, die in Gemmas Straße umherschleichen, führen ganz offensichtlich Böses im Schilde und bekunden das eher spöttisch (mit fiesem Grinsen) als mit Heimtücke.
Wie schade es um das Geld und die gute Tricktechnik ist, die hier verplempert werden, lässt sich anhand einer Szene erläutern, die auch nicht neu ist, die aber gut funktioniert. Maya hat sich im Wohnzimmer aus Sofapolstern eine kleine Höhle gebaut. Als Mutter Gemma den Fehler macht, von einem Gespenstertrick angelockt, dort hineinzukriechen, findet sie sich plötzlich in einem Sofapolster-Labyrinth wieder, aus dem es keinen Ausweg gibt. In einer weniger aufgemotzten Veranstaltung hätte diese Passage ein verstörendes Schlaglicht gesetzt. Als alles vorüber ist, spricht die Heldin davon, in ihr normales Leben zurückkehren zu wollen. Du lieber Himmel, das wollen wir nicht hoffen!