Painted Clowns – Die Geheimnisse der Prominenz

Vorwort zur neuen Serie im ST. GEORGE HERALD

Der Begriff „Prominenz“ ist so allgegenwärtig wie nie – was zwangsläufig bedeutet, dass sein Gegenstand implodiert ist. Wenn sich jeder, der will, als „Promi“ fühlen darf, dann – seien wir ehrlich – ist das Besondere, das der Ausdruck eigentlich impliziert, nichts Besonderes mehr.
Neben uns allen, die wir uns unentwegt in hoher Auflösung exponieren können, gibt es nach wie vor Menschen, die im ganz altmodischen Sinne im Licht größerer Aufmerksamkeit stehen. Und natürlich färben die genannten Auswüchse auch auf deren Leben ab. War es in früheren Zeiten unvermeidlich, sich seinen Fans von Zeit zu Zeit zu entziehen, muss man heute allzeit abrufbar sein, ohne dem Publikum auf die Nerven zu gehen. Es gilt, den – individuell unterschiedlichen – Mittelweg zu finden zwischen „Immer schön fuffzig fahren!“ und zur medialen Dauerwurst à la Jan Josef Liefers zu geraten.

Ein Leitfaden zu diesem heiklen Thema war noch nie so wertvoll wie heute! Passenderweise ist der Mann, der ihn leider nicht notiert, ihn uns aber als Erster vorgelebt hat, heute vollständig vergessen. Die Rede ist von Noel Coward (1899-1973). Ein universal begabterer Entertainer ist kaum vorstellbar! – Ein Entertainer im intellektuell / musischen Sinne, nicht in dem des Artisten der Las Vegas Show – obwohl er natürlich auch dort aufgetreten ist. Coward war jahrzehntelang einer der amüsantesten – ja, doch – Prominenten der westlichen Hemisphäre, ein hochwillkommener Gast von Parties, Würdigungen und Übertragungen, immer noch etwas witziger als seine letzte Arbeit, vergleichbar mit Peter Ustinov, einem anderen britischen Weltbürger, der ihm eine Generation später nachfolgte und ebenfalls drauf und dran ist, nach seinem physischen Ableben in Vergessenheit zu geraten. An Coward erkennen wir wie gnadenlos die Zeit auch über die Talentierteten, Fleißigen und Erfolgreichen hinweggeht. Das nur am Rande.

Wenn Noel Coward außerhalb Großbritanniens überhaupt noch stattfindet, dann als Autor der Boulevardbühne. Das war sein geringstes Verdienst, und es tut ihm insofern unrecht, als er vor 100 Jahren ein wirklich moderner Bühnenautor gewesen ist. Seine Musik ist vergessen, und seine verblüffendste soziologische Leistung blieb sogar gänzlich unbemerkt: Noel Coward erfand den Prominentenstatus. Was er aus dem tragischen Schicksal seines ebenfalls homosexuellen Kollegen Oscar Wilde (1854-1900) gelernt hatte, der wiederum ihm zwei Generationen vorausging und der gleichen Londoner Theaterszene entstammte, setzte er in eine Lebens- und Schaffensphilosophie um, die es seither allen berühmten Persönlichkeiten ermöglicht, sich dem Publikum zu zeigen und dennoch ein privates Geheimnis zu bewahren. Coward lehrte uns den Umgang mit den Erwartungen der Masse. Seither ist es möglich, auf glückliche Art berühmt zu sein – und auch dann ist es schwer genug. Wie schwer, das kommt aufs persönliche Temperament an und hängt vor allem von der Berufssparte ab, in der man unterwegs ist. Schauspieler, Sportler und Politiker haben dieses Problem im geringeren Maße als jene, die zur Selbstdarstellung verpflichtet sind: Moderatoren, Popstars und Komiker.
Für sie genügt es nicht, nur ein Image zu haben.
Die Arbeit mit einer öffentlichen Persona sollte keine unkenntlich machende Vollmaske sein (wie bei den restlos prominenzfreien Darstellern von Alf, Chewbacca, Tinky-Winky oder dem Alien). Sie muss Transparenz haben und es dem Betrachter gestatten, die Dinge zu schauen, die er gerne sehen möchte.
Nur eine Persona gestattet es dem öffentlichen Menschen, seine Außenwirkung zu kontrollieren – wenn alles gut geht.

Coward war ein Meister dieser Kunst. Sein Beispiel wird von der Nachwelt belegt – positiv wie negativ.
Sehen wir uns die Schlagerbranche an. Heino ist ein Charakter, der uns sagt: wer ich bin, geht euch nichts an – und so genau wollt ihr es ja auch gar nicht wissen, Kameraden. Rex Gildo ist seiner eigenen Kombination aus Plastikperücke und Sonnenbank-Bräune vollständig selbst auf den Leim und an ihr zugrundegegangen, als kein halbwegs vernünftiger Betrachter sie mehr geglaubt hätte. Udo Lindenberg kommt Cowards Methode recht nah (anders als bei Heino ist die dunkle Brille hier kein distanzierendes Requisit), obwohl ich den Verdacht nicht loswerde, dass der Mensch hinter der Maskerade sich vollständig aufgelöst hat.
Unter Cowards direktesten Nachfolgern – den hauptberuflichen Spaßvögeln, bei denen die Grenze zwischen Persona und Kunstfigur naturgemäß fließend ist – finden sich besonders interessante Beispiele.
John Cleese jammert bei jeder Gelegenheit darüber, wie belästigt er sich vom direkten Kontakt mit den Menschen fühlt, die seinen Lebensstil und die Alimente für seine zahllosen Ehefrauen finanzieren. Er verflucht sich dafür, sich nicht von Anfang an maskiert zu haben. Atze Schröder hat es schlauer angestellt. Er hat sich unaufwändig, aber bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, was völlig in Ordnung ist. Leder zieht er dieses Versteckspiel auch in seiner Autobiographie konsequent durch (was den Leser beständig von der Party verjagt, zu der Schröder ihn doch eingeladen hat). Bastian Pastewka tut immer so, als er völlig echt, einfach nur ein drolliger Kerl – und fürchtet sich erkennbar davor, irgendetwas Privates (und sei es noch so unverfänglich) durchschimmern zu lassen. Ilka Bessin hat – das ist raffiniert! – verkündet, sie sei nicht länger Cindy aus Marzahn, tritt aber gegen Schmerzensgeld unverdrossen weiter als solche auf. Helge Schneider macht es am elegantesten, auch Otto Waalkes hat es mit zunehmendem Alter gelernt: der offensichtlich erfundene Charakter ist gleichzeitig ein reales Individuum mit einem gewissen Tiefgang, das uns längst nicht alles erzählt, aber immerhin das, was uns zu interessieren hat.

Wie wenig selbstverständlich diese veröffentlichen Persönlichkeiten zu ihrer Form gefunden haben, wird deutlich, wenn wir uns Beispiele ansehen, die sich dieser Anforderung ihres Lebensweges verweigern – sei es aus Hybris oder aus Nachlässigkeit.
Elon Musk etwa hat es völlig versäumt, sich eine Persona zuzulegen und wird in unseren Tagen erstmals mit den Folgen dieser Unterlassung konfrontiert – Ende offen.
Glücklicherweise hat Tamara Hahn vor einigen Jahren das Buch vorgelegt, in dem diese Geheimnisse entschlüsselt werden. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über den Künstler Noel Coward vorgelegt worden ist, und es wäre auch dann eines der besten, wenn es noch andere gäbe: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noel Coward“. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 unbemerkt veröffentlicht hat und das noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, die in Kürze beginnt.
Ich bedanke mich ganz herzlich!

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