Sperrvermerk für Paul Temple

betr.: 12. Todestag von Francis Matthews (gestern)

Wie die meisten Schlagworte der Popkultur war mir der Name „Paul Temple“ zunächst aus dem Fernsehen bekannt. Ich erinnere mich dunkel an einen violett gehaltenen Serienvorspann: ein rennender Mann in einem Korridor zu einer zündenden Titelmusik von Ron Grainer, die mir sofort und auf ewig im Ohr blieb.
Heute weiß ich: diese Sendereihe, in der Francis Matthews die Titelrolle spielte, gilt als vergessener Flop – was insofern einleuchtet als mir keine Wiederholung aufgefallen ist.
Der Name „Paul Temple“ begegnete mir später im Hörspiel wieder, wo er auch herkommt und eigentlich hingehört. Die BBC hatte seit Ende der 30er Jahre viele mehrteilige Fälle produziert und der WDR dieses Konzept später für seine Bearbeitungen beibehalten. Die Zerlegung in viele Kapitel war von großer Wichtigkeit, denn nur durch die Fortsetzungen, deren Ausstrahlung man in der Nachkriegszeit nägelkauend abwarten musste, konnten sich die Cliffhanger entfalten, die das Publikum an Format, Figur und Autor banden: Francis Durbridge. Diesen Vielschreiber kannte ich wiederum aus dem Fernsehen, wo seine Krimi-Oldies mit unterschiedlichen Ermittlern in Fortsetzungen als sprichwörtliche „Straßenfeger“ Geschichte gemacht hatten und nun ehrfürchtig wiederholt wurden. Erst auf den zweiten Blick bekam ich mit, dass auch Paul Temple ein Durbridge-Produkt war.

Da mir Krimis überhaupt nur Freude machen, wenn sie aus dem Archiv kommen – und damit aus einer Zeit, als sie noch nicht in der heutigen Weise wie ihm Halbschlaf hingestrullt wurden – habe ich die Wiederholungen antiker Krimiserien in Funk und Fernsehen immer gern mitgenommen.
Bei Durbridge war das stets ein geteiltes Vergnügen. Er ist ein so wirrer und stilloser Autor, dass ich seinen Namen Jahrelang für ein deutsches Redaktionspseudonym gehalten habe: so beschissen schreiben nur deutsche Autoren, war ich mir sicher. Als ich erfuhr, dass er nicht nur tatsächlich existierte, sondern sogar aus England stammte, fiel ich aus allen Wolken.
Seine Temple-Miniserien fand ich immerhin so gut gemacht (sprich: liebevoll produziert), dass ich mich über Dinge hinwegsetzte, die mir von Anfang an missfallen haben: die erstickende Spießigkeit des Ermittlerpaares – der muffig-paternalisch vor sich hinbrabbelnde René Deltgen und seine ihm die Pantoffeln hinterhertragende Gattin, die ihre nachkriegsdeutsche Spießigkeit mittels eines beseelten Singsangs wie eine Erfüllung klingen lassen wollte; die komplett kruden und völlig ohne Dramaturgie auskommenden rätselhaften Ereignisse, die sich wie aus gutgemischten Karteikarten generiert nacheinander abspielten, bis irgendwann Schluss war; die affigen Versuche, etwas große weite Welt vorzutäuschen, indem man sich am Telefon mit „Hello“ meldete, ständig „okay“ rief oder sonstigen Kinderkram. Deltgen, der seine Rolle fast über die gesamte Produktionsgeschichte bekleidete, wirkt noch gruseliger, wenn ich an den spitzbübischen Francis Matthews zurückdenke (nur als Bild: an die TV-Serie selbst erinnere ich mich so gut wie gar nicht mehr).

Naturgemäß milder gestimmt: ein Verlagskatalog von 2003.

Kürzlich präsentierte Bastian Pastewka die zu vier Teilen zusammengefügten acht Teile von „Paul Temple und der Fall Jonathan“ (NWDR 1954) in seinem Krimi-Podcast „Kein Mucks!“. Er spielte sogar eine kürzlich wiederentdeckte Aufnahme vor, auf der René Deltgen als junger Schauspieler zu hören ist, und schon hier klingt er wie ein motziger Knatter-Opa, der vom Balkon aus im Hof spielende Kinder zusammenfaltet.
Ich dachte, dies sei eine schöne Gelegenheit, der alten Serie mal wieder eine Chance zu geben. Doch ich gab es rasch wieder auf. Ohne Nostalgie geht es beim Krimi nicht, aber „Paul Temple“ geht gar nicht mehr. Es war ein deprimierendes Wiederhören ohne den geringsten Unterhaltungswert, geradezu gespenstisch. Es reicht nicht einmal mehr für unfreiwillige Komik. Ich fühlte mich wie in die Steinzeit zurückgeballert.

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