So siehst du aus! – Personenbeschreibungen in der Literatur (Einführung)

Der Mensch an sich wird mangelhaft.
Die Locke wird dahingerafft.

Wilhelm Busch

Der Autor Heinz Strunk erfreut seine große Fangemeinde zuverlässig mit präzisen Schilderungen der menschlichen Unzulänglichkeit – und hier ganz besonders der physischen. Er protokolliert sichtbare Scheußlichkeit so gründlich wie ich es zuvor nur bei H. P. Lovecraft gefunden habe. Doch während der Barde aus Providence das Grauen vor allem in sogenannten Artefakten findet – Übriggebliebenes und Wiedergefundenes aus anderen Welten und tiefsten Schichten, Ausgegrabenes und Vermodertes aus fernen Schluchten oder Galaxien -, findet der Chronist aus Altona es in und bei uns selbst: am eigenen Leibe. Strunk erzählt von Altersdeformation, den sichtbaren Konsequenzen motorischen Müßiggangs und der Manifestation innerer Armseligkeit an der Oberfläche. Und natürlich von Leuten, die einfach Pech gehabt haben, weil sie schon scheiße aussehend auf die Welt gekommen sind. Das Alter mag eine Heimsuchung sein, doch manch einer bedarf des Verfalls nicht, um am Ende zu sein. So farbenprächtig wie erbarmungslos listet er vollständig auf, welche elendige Verwüstung uns letztlich allen bevorsteht, wenn wir nur lange genug durchhalten. Die folgende Verwesung im Sarg kann im Grunde nicht schlimmer aussehen als das, was zuvor eingesargt wurde. Und das ist gut so! Indem die ultimative Demütigung der Gattung Mensch – der Tod – ins Leben vorverlegt wird, hat sie ja viel mehr davon.

Stan Lee und Jack Kirby teilten die Welt der widerwärtigen Ungetüme in drei Gruppen ein: Man-Made Monsters, Ancient Menaces und Alien Invaders. Heinz Strunk ergänzte sie um eine noch entsetzlichere: reife Kleinbürger in Funktionskleidung.
Dass der menschliche Körper im Grunde nicht viel taugt (schon gar nicht auf der Langstrecke unserer heutigen Lebenserwartung), beschäftigt Literatur und Popkultur schon seit jeher. Bereits im Alten Testament finden sich deftige Schilderungen kläglicher Erscheinungen. Aber Heinz Strunk – unzweifelhaft ein belesener Kopf – braucht solche Vorbilder für seine Arbeit im Grunde nicht. Seine humane Landschaftsmalerei scheint beispiel- und vorbildlos, so sehr spricht sie seine und unsere Sprache mit all ihren Schnodderigkeiten.

Um beides noch besser genießen zu können, wollen wir an dieser Stelle, in einer kleinen Serie gelegentlich untersuchen, wie es die anderen Großen des Literaturkanons so gemacht haben. Wie bei Strunk ist es auch bei den alten und modernen Klassikern: die Oberfläche ist keine Täuschung. Sie lässt tief blicken. Sie ist nur die Pforte, durch die wir zum Inhalt vordringen. Wer sein Kind dazu erzieht, Menschen nicht nach dem Äußeren zu beurteilen, meint es sicher gut, erzählt ihm aber ähnlich verflachenden Unsinn wie den Hinweis, Blut sei dicker als Wasser oder es wäre „Alles gut, alles gut, alles guuuut!“. Mit den Jahren verfestigen sich die Grimassen, die wir zu häufig aufsetzen. In den Worten von George Orwell: Mit 50 hat man sich seine Visage verdient.

Die Serie beginnt am 21. Juni.

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