betr.: Deutschlandfunk Kultur: „Die Unverschämten – Eine Lange über Bad Girls im Kino“ (vom 31.7.2026)* / „All About Eve“ (USA 1950)
Die Sendung ist ein großer Spaß, obwohl sie für diese Sendereihe ein sehr schlichtes Konzept hat (das bei Film-Features hin und wieder zur Anwendung kommt und nicht immer gleich gut funktioniert): sie setzt sich nur aus Inhaltsangaben sorgfältig ausgewählter älterer Spielfilme zusammen, die mit O-Tönen aus der Original- wie auch aus der deutschen Synchronfassung gespickt werden. Das Ziehen von Schlüssen bleibt den Zuhörenden überlassen, die Infos und O-Töne helfen dabei.
Gewürdigt werden Klassiker, aber auch so Unerwartetes wie „Baby Face“ von 1930 oder das japanische Drama „Wenn eine Frau die Treppe hinaufsteigt“.
Zum Schluss geht es um „Jackie Brown“, der zu meiner Freude als Quentin Tarantinos bester Film bezeichnet wird (ohne das heute übliche Subjektivitätsgefasel oder ängstliche einschränkende Füllwörter). Seine Inhaltsangabe endet vor der Mitte der Handlung – ein Stilmittel zum Ende der langen Nacht, das überdies einen Film angeht, den die meisten kennen und der häufig zu sehen ist.
Etwas bedauerlicher ist, dass auch bei „All About Eve“ das Finale nicht miterzählt wird. In der Sendung wird der Aufstieg der Monroe als Apotheose des Films eingeordnet, doch der spielte sich ja in der Realität ab. Die Moral von der Geschichte ist aber gerade für das Sujet des Features von großer Wichtigkeit und überhaupt eine Gipfelleistung auf dem Gebiet der allegorischen Pointe wie auch der Kunst, einen Film zu beenden.
Die intrigante Eve (Anne Baxter) hat es also geschafft, ihre berühmte, ältere Kollegin Margo Channing auszuschmieren und ihren Platz am Broadway einzunehmen. Die Rahmenhandlung – eine Theater-Preisgala zu ihren Ehren – ist vorüber, der Epilog beginnt. Channing und ihre Getreuen verlassen die Veranstaltung, voll Verachtung für die Aufsteigerin, doch insgesamt nicht unglücklich mit der Situation. Eve hat für ihre Hinterhältigkeit bereits einen Preis zahlen müssen: der Starkritiker Addison DeWitt (George Sanders, der eigentliche Bösewicht des Films, der Eve an Niedertracht noch überlegen ist) hat sie qua Erpressung sexuell an sich gekettet: er hat die Macht dazu.
Völlig erschöpft zieht sich Eve in ihr Hotelzimmer zurück, zu dem ein junges Mädchen sich Zutritt verschafft hat. Sie rührt die Diva mit ihrer scheinbar dümmlichen Verehrung und wird nicht hinausgeworfen. Unbemerkt von ihr posiert sie mit deren frisch erworbener Theatertrophäe vor dem Spiegel: die nächste Intrigantin ist unterwegs.
Diese Szene ist atemberaubend – sogar nach einem Film, der uns auf der betreffenden Meta-Ebene schon mehr als zwei Stunden lang aufs Höchste gefesselt und amüsiert hat. Der Soundtrack von Alfred Newman (der hier zu einer Art Krönungsmesse anschwillt) ist der Sahnetupfer auf dem Sahnetupfer.
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* https://www.deutschlandfunkkultur.de/lange-nacht-bad-girls-im-kino-die-unverschaemten-102.html