betr.: 72. Geburtstag von Elvis Costello
Über die Gründe, die bis heute verhindern, dass der Komponist Kurt Weill in seiner Heimat angemessen gewürdigt wird, wurde an dieser Stelle schon nachgedacht. Dass es auch in den USA, wo man seine Leistungen als Erfinder großer Melodien stets zu würdigen wusste, nur drei seiner Songs ins „Great American Songbook“ geschafft haben („Speak Low“, „September Song“ und der noch aus deutschen Tagen stammende „Mack The Knife“), könnte an der Komplexität und Spitzfindigkeit des Materials liegen. Im Gegensatz zu den Songs etwa von Cole Porter sind Weills Lieder nicht unverwüstlich. Werden sie nachlässig oder uninspiriert vorgetragen, verpufft ihre Magie. Um nur eines von vielen Beispielen zu nennen: selbst eine so gewiefte Künstlerin wie Caterina Valente versagt auf ihrem Weill-Album, weil sie mit der Musik dieses Künstlers im Grunde nichts anzufangen weiß.

Ich weiß das auch aus eigener Erfahrung. Als großer Verehrer des amerikanischen Repertoires von Kurt Weill war sogar ich auf eine solche Fügung angewiesen. Der Titelsong seiner letzten Show „Lost In The Stars“ leuchtete mir lange Zeit überhaupt nicht ein. Er klingt auf dem Cast-Album von 1950 arg pathetisch, beinah wie aus dem Gesangbuch – was durch seinen liturgisch angehauchten Text noch unterstützt wird. (Ähnlich verhielt es sich übrigens auch mit der Urfassung von Richard Rodgers‘ „You’ll Never Walk Alone“ aus „Carousel“ von 1945, den 20 Jahre später die Mersey Beat-Version zu einem Welthit machte.)
„Lost In The Stars“ wurde erst Anfang der 90er Jahre für meine Ohren freigeschaltet. Und zwar durch Elvis Costello, der ihn mit dem „Brodsky Quartet“, einem britischen Streichquartett, zusammen im Konzertfilm „September Songs“ vortrug. Ich war geradezu schockiert von diesem Erlebnis – und höre Weills Genie jetzt auch aus dieser Nummer immer heraus, interpretenunabhängig.