Das kann doch nicht so schwer sein

betr.: „Neue Fälle für Miss Marple“ als Lesungen im SRF Krimi-Podcast

Macht ganz schön was mit: Miss Marple (Abb.: SRF Homepage)

Wer heute noch kreativ ist, ist selber schuld. Nicht genug damit, dass die KI es inzwischen gut genug kann, um damit Kohle zu machen. Es ist ganz allgemein so, dass sich schon Dagewesenes am leichtesten verkauft: alte Showkonzepte, immer dickere Franchises und gemeinfreie Dauerbrenner à la Sherlock Holmes. (Wenn auch Stefan Raab gerade eine andere Erfahrung macht …)
Das Werk der Agatha Christie ist noch urheberrechtlich geschützt, also werfen die Erben, organisiert in der „Agatha Christie Limited“, die Melkmaschine an, solange es noch geht. Miss Marple darf (muss …) weiterermitteln.

Der SRF Krimi-Podcast, in dem Wolfram Höll und Susanne Janson allwöchentlich donnerstags Hörspiel-Ursendungen und -Archivschätze präsentieren, wird sich in den nächsten Wochen der Serie „Neue Fälle für Miss Marple“ widmen. Höll hat vier Lesungen solcher Fälle eingerichtet und stellt diese nun mit begreiflicher Zuneigung dem Publikum vor. Auf der Homepage heißt es zum Inhalt nur knapp: „Der erste Fall seziert die Unterschiede zwischen Hausherren und Bediensteten.“ Das ist auch das Fazit der Moderatoren nach dem Anhören der Lesung: Frau Christie hätte sich etwas mehr um Klassenunterschiede kümmern und sich (mit meinen anderen Worten) an ihrer Nachschreiberin Lucy Foley ein Beispiel nehmen können, wenn sie sie noch hätte erleben dürfen.

Die SRF-Reihe wirbt mit der guten Margaret Rutherford (siehe Abbildung), weil die immer noch das unangefochtene Gesicht dieser Figur ist, und einer stupiden Jingle-Version der alten Filmmusik. Die Texte orientieren sich allerdings an der literarischen Figur der Hobby-Detektivin, die von ihrer ersten filmischen Verkörperung bekanntlich deutlich abwich. Obwohl Lucy Foley den Stil der Agatha Christie auf den ersten Blick leidlich parodiert (das wäre ja auch noch schöner!), sorgt die Unbescheidenheit dieses Ansinnens von Anfang an für den eigentlichen Nervenkitzel. Der Titel „Das Böse in kleinen Ortschaften“ lässt die Kenner der Christie-Bücher an St. Mary Mead denken, Miss Marples Heimat-Örtchen (das bei Rutherford „Milchester“ heißt). Doch die Detektivin ermittelt außerhalb. Die gruseligen Ereignisse, die man meinte, der Fangemeinde zum Einstieg anbieten zu müssen, sind doch zu groß und zu fruchtig, um sie vor Miss Marples Haustür anzusiedeln.
Selbstverständlich kann am Genie der Weltliteratin Agatha Christie niemand mal so eben hochklettern. Schon gar nicht – da muss ich Frau Foley in Schutz nehmen – wenn eine Erbengemeinschaft in den Texten herumschmiert. Doch ein bisschen mehr Verständnis für die zwischenmenschliche Beobachtungsgabe der Vorlage würde guttun – ständig „meine Liebe“ zu sagen macht noch keine Miss Marple. Was außerdem fehlt, ist der Respekt vor dem zutiefst humanistischen Weltbild Agatha Christies, das woke Marketing-Kraftmeiereien wie die weiter oben und unten zitierten ebensowenig nötig hat wie moralische Belehrungen der Nachwelt. Auch sonst musste ich beim Anhören der Geschichte an Hannibal Lecters berühmten Ausspruch über seinen Kerker-Psychiater denken: „Er fummelt an meiner Psyche herum wie ein Pennäler an einem Miederhöschen.“

Von eigener Inspiration kann bei einer solchen Unternehmung ohnehin keine Rede sein, aber ich hätte mich gern positiv überraschen lassen. Literarische Anspielungen gehören bei dieser Art von Belletristik zur Atmosphäre. Im neuen Fall wird auf Alfred Tennysons Ballade „The Lady Of Shalott“ bezug genommen. Das ist der Christie-Bastelgruppe nicht etwa selbst eingefallen – solche Bücher lesen diese Leute nicht – es ist eine Idee aus dem späten Miss-Marple-Krimi „The Mirror Crack’d From Side To Side“ von Agathe Christie, dessen Titel aus der besagten Ballade stammt.

Apropos anhören: was taugt die Lesung von Ilknur Bahadir (respektive die Regie von Susanne Janson)? Es ist ein solider, leicht unterdurchschnittlicher Vortrag, der zu allzu knalligen Chargen aufläuft, wenn man eine Figur besonders unsympathisch darstellen will (um der vermuteten Schwerfälligkeit des Publikums entgegenzukommen). Was man halt so macht, wenn man Teil eines so großen Produktes ist. Im Gespräch nach der Lesung spricht Susanne Höll sogar (mit Respekt) von den Vorschriften, die ihr bei der Produktion von der Christie-Vereinigung gemacht wurden.

Auf der Resterampe rutscht sich’s wie geschmiert: „Tod auf dem Nil“ und „Mord im Orient-Express“ lassen schon nächste Woche als Ideengeber grüßen. (Abb.: SRF-Homepage)

Nächsten Donnerstag wird die Schraube weiter an- und zwei der berühmtesten Fälle von Hercule Poirot (Marples berühmterem Kollegen im literarischen Kosmos der Autorin) mit in die Wurstmaschine hineingezogen: „Mord im Ostasien-Express! Miss Marple reist nach Hongkong: an Bord des Dampfers «Die Jadekaiserin». Sie freundet sich mit einem älteren chinesischen Herrn an. Bald wird er ermordet – und er wird nicht der einzige bleiben. Miss Marples Neugier für andere Kulturen ist gefragt …“
St. Mary Mead ist nicht genug!
Ich freue mich auf Folge 4. Da dürfte dann er erste Weltraumflug der alten Lady anstehen.
Leben Sie long and prosper, meine Liebe!

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Die wiedergefundene Textstelle: Sammeln macht wunderlich

Ron Goularts Kurzgeschichte „Back On My Feet Again“ erhielt im Deutschen den Titel „Der Sarg wartet schon“. Das klingt konventioneller als es ist, denn in diesem kenntnisreichen Krimi spielen Requisiten alter Horrorfilme und deren Sammler eine Rolle. Ihr etwas tragischer Held, auch das ist pfiffig und individuell, ist von Beruf Stimmenimitator, was ihm viele Aufträge im Trickfilm und in der Werbung eingebracht hat und auf die Filmmetropole zurückverweist. Abgesehen vom fiktiven Kinovampir Igor Zarb hantiert der Text mit dem realen Gruselfilm-Repertoire und dessen Ensemble.*

Sie meinen Hurford Mildrew, den ehemaligen Präsidenten von Mildrew & Askey, der größten Talentagentur in dieser Stadt der Illusionen? Meinen Onkel Hurford, der wie ein Raubritter in einer verrückten alten Burg in Atlanta lebt, die fast überquillt von Erinnerungsstücken aus alten Filmen, aus allen Epochen der Filmgeschichte von der Stummfilmzeit bis heute? Irgendwo in diesem nicht katalogisierten Durcheinander befanden sich der schwere Buckel, den Lon Chaney sich als Glöckner von Notre Dame auf den Rücken geschnallt, das Cape, das Bela Lugosi sich in „Dracula“ um die finstere Gestalt geworfen, und drei Alben, in die Boris Karloff seine Pressekritiken eingeklebt hatte. Da waren Rüstungen darunter, Mumiensarkophage, sogar ein  mit Seide ausgeschlagener Sarg. Man munkelte, dass Mildrew häufig in diesem Sarg schlief.
Kaum hatte mein Onkel sein Haus in ein Museum für alte Filmrequisiten verwandelt, da beschloss Marco ebenfalls unter die Sammler zu gehen. Es gibt keine zwei Leute, die sich so von Herzen hassen wie zwei rivalisierende Sammler. Man stelle sich das vor, da streiten sich zwei schwerreiche alte Herren um den Eichenpflock, mit dem Igor Zarb erstochen wurde, als er in diesem vermoderten alten Film den ehrenwerten Grafen Dracula spielte. Alle Sammler sind gleich. Sie mögen eine noch so große Sammlung haben, ein Stück fehlt ihnen immer.

Redigierter Auszug aus der genannten Kurzgeschichte

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* Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2025/12/08/bram-stoker/

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Das Duo infernale des zeitlosen Horrors

betr.: 178. Geburtstag von Bram Stoker / 65. Geburtstag von Kenneth Branagh (am Mittwoch)

In seinem aktuellen „Spiegel“-Artikel „Monster wie wir“* schreibt Andreas Bernard viel Allgemeingültiges zur popkulturellen Bedeutung Bram Stokers, dessen großem Romanhelden sowie dem Parallelphänomen Mary Shelley / „Frankenstein oder Der Moderne Prometheus“: ein aufbewahrenswertes Doppelportrait:

Dracula und Frankensteins Monster tauchten in der Geschichte des Kinos immer wieder als Doppelpack auf. 1931 produzierte Hollywood innerhalb weniger Monate die beiden für die populäre Kultur des 20. Jahrhunderts maßgeblichen Verfilmungen der Romane mit Bela Lugosi als Vampir und Boris Karloff als Laborgeschöpf. 1992 und 1994 erschienen kurz nacheinander die Adaptionen von Francis Ford Coppola und Kenneth Branagh, die ihre Werktreue nach Jahrzehnten der immer freieren Varianten übereinstimmend im Titel trugen: „Bram Stoker’s Dracula“ und „Mary Shelley’s Frankenstein“.

Davor und danach gibt es diverse weitere Beispiele, etwa die vielen parodistischen und paraphrasierenden Kinoklamotten, in denen beide zusammen auftreten.

Warum sind Shelleys und Stokers Geschichten, deren ursprüngliche Publikation weit auseinanderliegt (1818 und 1897), zu einem ikonischen Zwillingspaar des Grauens geworden? Der Vampir und die künstliche Kreatur: Über diese beiden Figuren, die auf der unheimlichen Schwelle zwischen Tod und Leben stehen, scheint jede Epoche ihre dringlichsten Fragen nach der Verfassung und den Grenzen des Menschlichen zu stellen, (…) verhandelt eine Kultur ihre Wünsche und Ängste. Gleichzeitig eignen sich die beiden Geschöpfe offenbar besonders gut dafür, die neuesten medialen Verdopplungen der Welt zu erproben.

Seit knapp 100 Jahren beinahe unzertrennlich: Graf Dracula und das Monster von Frankenstein – hier mit einem weniger berühmten Kollegen auf dem Cover eines gutgebauten Sammelbandes, der die Horrortitel von Marvel Comics würdigt (2019).

Bram Stokers Roman von 1897 ist bereits selbst ein von modernen Kommunikationsgeräten durchzogenes Buch. Apparate wie Telegraphen, Schreibmaschinen und Phonographen spielen bei der Jagd nach dem Vampir eine zentrale Rolle, was den Medientheoretiker Friedrich Kittler in den Achtzigerjahren zu der Hypothese führte, in „Dracula“ gehe es nur am Rande um Sex und Tod – und in erster Linie um Fragen der Datenverarbeitung. Für das junge Kino waren die „Dracula“- und „Frankenstein“-Verfilmungen ein wichtiges Experimentierfeld. Die beiden Adaptionen von 1931 gelten als Meilensteine der Make-up- und Special-Effects-Künste in Hollywood und hatten zudem einen bedeutenden Anteil an der Etablierung des Tonfilms.

Beide Stoffe bieten sich immer wieder an, um unsere zeitgeschichtlichen Schubladen zu beschriften.  

Vor allem das Wort „Frankenstein“ (von dem wahrscheinlich jeder einmal gedacht hat, dass es der Name des Monsters sei und nicht der des Schöpfers) kam bis vor kurzer Zeit etwa dann zum Einsatz, wenn es um Debatten über die bedrohlichen Grenzen des Humanen ging.

Was beide Charaktere heute kulturell so unwiderstehlich macht, ist neben ihrer Popularität und Gemeinfreiheit, dass wir in einer Zeit leben, in der jedes Produkt des kommerziellen Mainstreams darauf versessen ist, sittliche und emotionale Tiefe zu behaupten. „Trauma Plots“ gehören zur selbstverordneten Grundausstattung des Blockbuster-Kinos. Immer ausgiebiger wird das bewegte Innenleben der Figuren in Analysen und Vorgeschichten ausgebreitet. Beim Monster, dem Inbegriff der gepeinigten Kreatur, die erst aus einer Gegenwehr heraus Böses tut, gab es diese Zwischentöne schon 1931 und sehr eindrucksvoll im Zweiteiler „Frankenstein wie er wirklich war“ von 1973*, bei Dracula kamen sie um die selbe Zeit in der Adaption durch die Marvel-Comics zum Vorschein – dezente Vorahnungen der plakativen Psycho-Analysen heutiger Drehbücher. Fazit:

Auch der Vampir und das Monster (…) sind empfindsam und menschlich, müssen sich mit ihren inneren Konflikten auseinandersetzen. Der Sog des Therapeutischen, der die Kultur des 21. Jahrhunderts bestimmt, hat auch ihre letzten Widersacher erfasst.
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* Nr. 47/2025

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Wo beginnt das Uncanny Valley?

betr.: Das Gruselige Element im Vertrauten

Marc Andersen* erzählt: „Wenn wir über den Horror in der Zeit der Sozialen Medien und der KI nachdenken, kommt mir als erstes ein altes Konzept von 1970 namens ‚the uncanny valley‘ in den Sinn, etwa: das unheimliche Tal. Menschen begannen mit dem Bau von Robotern und wollten herausfinden, warum Menschen Roboter mögen. Und sie entdeckten, dass dies umso mehr der Fall war, je ähnlicher die Roboter dem Menschen sahen. Aber dann passierte etwas Seltsames. Als die Roboter immer menschlicher wurden, mochten die Leute sie irgendwann nicht mehr. Es gab also diesen Einbruch in der Kurve, dieses Tal, das dann ‚the uncanny valley‘ genannt wurde. Man vermutete weiter, dass wir Kreaturen wie Zombies nicht mögen, weil sie zwar menschenähnlich sind, aber nicht ganz. Aus kognitiver Sicht hat es wahrscheinlich damit zu tun, dass wir sehr starke Erwartungen entwickeln, wenn etwas wie ein Mensch aussieht, sich aber nicht wie ein Mensch verhält. Das macht uns Angst. Ich denke, das ist etwas, was wir in den nächsten Jahren bei Künstlicher Intelligenz in großem Umfang erleben werden. Die KI muss ziemlich große Sprünge machen, damit ein von ihr generierter Mensch das unheimliche Tal überwinden kann. Wir reagieren sehr empfindlich auf Abweichungen von menschlichem Verhalten, und es wird schwer, einen KI-Menschen so weit zu bringen, dass er uns nicht unheimlich wird.“

Solche Künstlichkeit ist auch im wirklichen Leben und bei tatsächlichen Menschen anzutreffen, und sie zeitigt auch die beschriebenen Verunsicherungen. Dass wir das nicht sogleich als gruselig wahrnehmen, bringt die Alltäglichkeit solcher Anblicke mit sich. Wenn wir einen zweiten Blick riskieren, erkennen wir (bei anderen) diesen Effekt sofort.
Es ist keineswegs so, dass Personen erst dann künstlich wirken, wenn sie uns als ihre eigene retuschierte Social-Media-Version aus dem Smartphone heraus anblickt. So ist etwa der Selbstvermarkter Harald Glööckler unzweifelhaft auch im persönlichen Kontakt eine Kunstfigur, die sich nicht grundlegend verändern dürfte, wenn sie einmal nicht beobachtet wird. Doch ein Mensch muss nicht erst „Schönheits“-Operationen an sich vornehmen lassen, um an seiner Natürlichkeit Einbuße zu nehmen. Es ist eine Frage der Attitüde, des Stils und der nach außen verlängerten Selbstwahrnehmung. Als ein Vorreiter dieses Phänomens darf der Schlagersänger Rex Gildo (1936-99) gelten, von dem wir heute wissen, dass er am Ringen mit seiner Persona und an den Erwartungen, die er an sie gerichtet hat, zugrundegegangen ist. Seine Arbeit am öffentlichen Bild geriet ihm außer Kontrolle. Er wirkte schon früh, schon bevor er seine erste als Eigenhaar behauptete Perücke aufsetzte, überaus künstlich, heute würde ich sagen: KI-generiert.

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* Der dänische Kognitionswissenschaftler Marc Andersen erforscht in seinen „Recreational Fear Lab“ die Ausprägungen von menschlicher Furcht anhand von verschiedenen Unterhaltungsstrategien im Horror-Genre. Seine Ausführungen entnahm ich einem aktuellen Gespräch mit dem ORF-Magazin „Diagonal“.

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„Ich bin in dich gefahren!“

betr.: die Premiere von „Walter Bockmayer. Der andere Millowitsch“ in Köln

Eine ehrende Theatercollage über Walter Bockmayer ist a priori eine erfreuliche Sache. Schon deshalb, weil es ausnahmsweise nicht um Berlin geht. Und weil ein Erinnern an diese volkstümliche Kölner Subkultur-Ikone tatsächlich bedeutet, jemanden dem Vergessen zu entreißen – häufig sind solche Würdigungen ja nur ein Abmelken der ohnehin vitalen Fanmassen (zum Beispiel, die Graphic Novel, die gerade zum 100. von Hildegard Knef herauskam…). Hier lohnt es sich ganz besonders, denn Bockmayer war und blieb bis zuletzt ein Original, das diese Bezeichnung verdient. Das betrifft sogar seine Art zu sprechen, eine unwiederholbare Mischung aus seinem Heimatdialekt (Pirmasenser Pfälzisch) und Kölsch, seiner tiefen, aber femininen Stimme und seinem ganz eigenen beiläufigen Sprachwitz. Genau dieser Unwiederholbarkeit wird durch die abendfüllende Parodie Daniel Breitfelders Rechnung getragen, die eine erstaunliche Balance zwischen der gebotenen Knalligkeit und einer dezenten Anlehnung an den Sound der „Wally“ bewahrt (etwa deren Unfähigkeit bzw. Unwillen, die Konsonanten L, N und D sauber auseinanderzuhalten).

Die junge Wally (Johannes Brüssau), Rolf Bührmann (Sebastian Kreyer) und Wally himself (Daniel Breitfelder ohne Perücke) in einem Stück, das nichts mit Millowitsch zu tun hat – und nur sehr wenig mit Fassbinder (na gottseidank!) – Foto: Oliver Strömer / Theater der Keller

Dieser Abend ist – wie gesagt – bereits unbesehen eine gute Tat! Doch was taugt er nun als Ereignis, was nützt er uns? Da ich das Glück hatte, Walter Bockmayer frühzeitig persönlich kennenzulernen (im Rahmen einer Würdigung seines Filmschaffens beim Saarbrücker „Max Ophüls Festival“ irgendwann in den 80ern) und in seiner legendären „Filmdose“ unzählige Male meine Soloprogramme gespielt zu haben, bin ich zwangsläufig ein ungnädiger Betrachter. Ein programmierter Mecker-Onkel, der auf Verzauberung ein Anrecht zu haben glaubt. Das Wunder ist geschehen: ich bin begeistert!

Das queere Theaterkollektiv „Produktionsbüro Petra P.“ besteht neben Breitfelder aus Sebastian Kreyer, der u.a. den Bockmayer-Lebensmenschen Rolf Bührmann vertritt, aus Johannes Brüssau in der Rolle des variantenreichem Traumknaben. Sie bekennen sich offen dazu, Bockmayers Welt nicht miterlebt zu haben, und nähern sich ihm als Nachgeborene, die umfangreich recherchiert haben müssen. Zum Glück hat der geehrte schwule Underground-Künstler nicht nur die irren Super-8-Filme hinterlassen, die seinen Ruhm begründeten, sondern auch frühzeitig prominente Kooperationspartner wie das ZDF für sich eingenommen, die sein schräges Wirken z.B. mit dem Film „Jane bleibt Jane“ mit der Werbe-Ikone Johanna König („Klementine“) in Sicherheit brachten. Außerdem ist Wally (und uns!) mit ,„Flammende Herzen“ das Glück einer wirklich gut geschriebenen Autobiographie vergönnt. Aus diesem Material können die Kollegen schöpfen – außerdem aus YouTube -, doch sie bleiben wachsam, assoziativ und fleißig. Es gelingt ihnen, in ihrer Folge aus Monologen, Sketchen und Video-Zuspielen tatsächlich, ihren völlig aus der Zeit gefallenen Gegenstand ins Heute zu holen, in die spießigste deutsche Epoche seit dem Biedermeier. Einige Seitenhiebe haben sie auch für den abgelegenen Schauplatz ihrer Uraufführung übrig, das auf der „Schäl Sick“ gelegene „Theater der Keller“, eher ein Ort für die Treffen verschwiegener Geheimbünde als ein Premierentheater für einen Beitrag zur Kölner Stadtfolklore. Der ist Saal ist nicht komplett gefüllt, der Altersquerschnitt aber erfreulich breit.

Der Abend wird ohne Pause gespielt und ist derart unterhaltsam, dass der Schlussgag (wie gewünscht) nach hinten losgeht. In einer trashigen Sterbeszene sitzt Wally dem Wahn auf, das Finale sei lediglich das Ende des ersten Teils. „Einen zweiten Teil überlebe ich nicht!“ ruft sie gequält – und es ist aus mit ihr.

Für die ganz wenigen kritischen Anmerkungen soll auch noch Zeit sein. Neben kleinen Nachlässigkeiten (die Biolek-Parodie läuft eher auf Reich-Ranicki heraus) fällt vor allem der hilflose (Unter-)Titel auf. Mit Millowitsch hat Bockmayer als Kunstschaffender gar nichts gemein (mit Fassbinder*, den er so hündisch abfeierte, übrigens auch nicht). Das ist den Machern sogar bewusst, und sie genieren sich im Laufe der Show ein wenig des aussichtslosen Versuchs, mit dieser Überschrift irgendwen interessieren oder anzulocken zu wollen. Walter Bockmayers Wagemut als schwuler Aktivist zu würdigen, ist angemessen, aber der Versuch, diesen mit den heutigen miesen Zeiten in Relation ist zu setzen, ist überflüssig (das tut im Publikum schon jeder selbst), widerspricht Bockmayers humoristischem Naturell diagonal und geht überdies handwerklich in die Hose. Sebastian Kreyer erspart uns nicht einmal die Zumutung, ausgerechnet an dieser Stelle verschämt vor sich hinzugendern. Das ist klemmpimmelig, wie wir früher gesagt hätten, und von einer vorauseilenden Gefallsucht, die Walter Bockmayer zuwider war. (Schon den botanisierenden Sammelbegriff „queer“ hätte er gehasst.) Sicher wäre ihm etwas sehr Boshaftes zu dieser Szene eingefallen. Und wir hätten uns darüber kaputtgelacht.


„Walter Bockmayer. Der andere Millowitsch“ läuft heute, am Silvesterabend und dann wieder am 28. und 29. Januar um 20 Uhr im „Theater der Keller“ in der TanzFaktur, Siegburger Str. 233w, 50679 Köln-Deutz
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* siehe https://blog.montyarnold.com/2017/07/17/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-33-im-himmel-ist-die-hoelle-los/
** Pressetext:
Walter “Wally” Bockmayer 
Er war der Millowitsch der Subkultur, der Kölsche Fassbinder: Walter  Bockmayer. 1975 eröffnete er im Kwartier Lateng die „Filmdose“ – schnell  erlangte das Lokal, vor allem durch die seit 1984 stattfindenden  Theateraufführungen, die Bockmayer dort inszenierte, Berühmtheit – und  mit ihm damals noch unbekannte Schauspieler*innen: Hella von Sinnen, Dirk Bach, Ralph Morgenstern u.v.m. Bockmayer und seine „Familie“ waren  die Avantgarde der Kölner Queerness und festigten den Ruf Kölns als  schwuler Hauptstadt. Das Produktionsbüro Petra P. erinnert an einen  Künstler und Menschen, dem es selbst viel verdankt. Der in seinen Filmen  und Inszenierungen Trash mit Hochkultur verband – ein Getriebener, ein  Macher, ein mutiger Egomane, dem es egal war, was andere über ihn  dachten. 
WALTER BOCKMAYER. DER ANDERE MILLOWITSCH: ein Stück Zeit-, Stadt- und Theatergeschichte.

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Kultfilm Azubis: Seltsame Bettgenossen

Die RomCom als aktuelle Spielart der uralten Filmgattung „romantische Komödie“ steht heute zunächst im Mittelpunkt. Danach sehen wir uns ein Paar an, das noch härter um seine Liebe kämpfen muss, wenn sie es auch ein paar Jahre früher schaffen.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/harry-und-sally-und-noch-schraegere-paare

A) Harry und Sally / When Harry Met Sally …
Romantische Hollywood-Komödie von 1989

Der leichtlebige Hobby-Philosoph Harry (Billy Crystal) lässt sich als Mitfahrer von Sally (Meg Ryan), der besten Freundin seiner Partnerin, von Chicago nach New York mitnehmen. Die beiden sind auf kritische Weise fasziniert voneinander, verlieren sich aber erst einmal aus den Augen. Als sie sich in längeren Abständen wiedertreffen, erblicken sie im jeweils anderen schließlich eine verwandte Seele. Doch eine sexuelle Beziehung wollen sie nicht riskieren, um ihre Freundschaft nicht zu gefährden.
Ab jetzt wartet das Publikum darauf, was aus Harrys früh verkündeter These wird, nach der Männer und Frauen niemals Freunde sein könnten, weil ihnen der Sex doch immer in die Quere komme. Wie sich herausstellt: sogar der, den man nicht hat …

Rob Reiner, der bald darauf in „Misery“ ein anderes, noch schrägeres Paar in Szene setzen sollte, schuf mit „Harry und Sally“ zweierlei: ein frühes Beispiel für die vor der Jahrtausendwende so beliebte Gattung der romantischen Komödie, das auf der immer längeren Liste der Beiträge erhalten blieb; und natürlich die oft herauskopierte Cafeteria-Szene mit Meg Ryans vorgetäuschtem Orgasmus. Letztere ermunterte Til Schweiger – Deutschlands Verkörperung des Genres – zu dem Hinweis, dies sei die beste schauspielerische Leistung der Filmgeschichte. Vor solchem Lob sollte man „Harry und Sally“ auf jeden Fall in Schutz nehmen. 

B) Haus der Schatten / The Night Digger
Englisches Thrillerdrama von 1971

Die verhärmte Maura Prince lebt mit ihrer blinden, tyrannischen Adoptivmutter in einem verfallenden Landsitz in der englischen Provinz. Als Mutter gegen ihren Willen den jungen Vagabunden Billy als Gärtner einstellt, macht der sich schnell im Haushalt unentbehrlich. Bald entwickelt sich eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen Maura und Billy, die in eine Romanze übergeht. Gemeinsam wollen die beiden ausbrechen: sie aus ihrem tristen Dasein zwischen Kirchengemeinde, Arbeit im Krankenhaus und der Ausbeutung durch ihre Mutter, er aus dem Sog eines noch weitaus dunkleren Geheimnisses …

In keinem Drehbuch, das der Kinderbuch- und Kurzgeschichtenmeister Roald Dahl verfasst hat, ist sein schräger schwarzer Humor so lebendig wie in dieser Adaption einer Erzählung von Joy Cowley. Und nur hier erleben wir seine Spezialität im bewegten Bild: den Zuschauer in einem maximal empfindlichen Moment alleinzulassen. Dahls Ehefrau Patricia Neal und der theatererfahrene Jungschauspieler Nicholas Clay liefern eine berührende Darstellung, die bestens mit den skurrilen britischen Kleinbürgerchargen interagiert, die sie umgeben.  

Nächste Woche: Breakfast Club – Der Frühstücksclub und Zu heiß gebadet

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Nicht mal sexy, dieser Bösewicht

betr.: 50. Todestag von Hannah Arendt

Die Formulierung von der „Banalität des Bösen“ ist einer jener Aussprüche, die es aus einer vereinzelten Situation heraus in den geflügelten Wortschatz geschafft haben. In diesem Fall erinnern sich ungewöhnlicherweise sogar viele an Urheberin und Anlass: als 1961 dem in Argentinien aufgespürten Kriegsverbrecher Adolf Eichmann in Israel der Prozess gemacht wurde – aufgezeichnet und in alle interessierte Welt übertragen -, schrieb die Holocaust-Überlebende Hannah Arendt: „An diesem Prozess teilzunehmen ist irgendwie, so meine ich, eine Verpflichtung, die ich meiner Vergangenheit gegenüber habe“. Die Redewendung ist der Untertitel ihres Buches „Eichmann in Jerusalem“.

Zu Arendts Verblüffung erwies sich der wichtigste Organisator der Ermordung der Juden nicht als Ungeheuer, sondern war blass und spießig, seine Selbstverteidigung alles andere als eloquent.  Dass sie in diesem Zusammenhang von der „Banalität des Bösen“ sprach, wurde scharf kritisiert. Im Rahmen des regelrechten Kesseltreibens, das nun seinen Lauf nahm, wurde ihr als Jüdin auch mangelnde Liebe zum jüdischen Volk unterstellt. 1963 schrieb sie dazu an den Religionshistoriker Gershom Scholem:
„Erstens habe ich nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv ,geliebt‘, weder das deutsche noch das französische, noch das amerikanische, noch etwa die Arbeiterklasse oder was es sonst so noch gibt. Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig. Zweitens wäre mir aber diese Liebe zu den Juden, da ich selbst jüdisch bin, suspekt. Ich liebe nicht mich selbst und nicht dasjenige, wovon ich weiß, dass es irgendwie zu meiner Substanz gehört.“

Die Nachwelt hat Hannah Arendt recht gegeben, indem sie ihr Urteil über Eichmann heute als keineswegs schmeichelhafte Umschreibung weiternutzt. Das Böse muss nicht malerisch oder sexy sein, kein schillerndes Monster, wie wir es in der Literatur oder in der Popkultur so lieben. Das Fehlen solcher Attribute ermöglicht ihm ein unso ungestörteres Wirken. Die meisten Täter des NS-Regimes mussten nicht einmal nach Südamerika flüchten, sie konnten in Deutschland und Österreich sogar ihre Karrieren bruchlos fortsetzen. Unter Klarnamen.

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Meine Pantherstunden

betr.: 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke (morgen) / „Der Panther“

Immer wieder höre ich aus Kennerkreisen, Rilkes „Panther“ zu lieben, sei eher eine oberflächliche Wahl, jedenfalls innerhalb seines Werkes.
Ich habe dieses kurze Gedicht nicht als Schullektüre kennengelernt, sondern eher zufällig, erst in der Berufsschule, wo ich mit meiner Technologieklasse eine stillgelegte Druckerei besichtigte. Der Siegeszug des Offsetdrucks hatte diesen Laden überrollt, und so liefen wir zwischen verlassenen Setzkästen umher und atmeten ein letztes Mal das Aroma des Hochdrucks.
An einer Säule hing, vermutlich zu Übungszwecken für den jungen Schriftsetzer, ein vergilbtes Zettelchen, auf dem der „Panther“ mit Schreibmaschine getippt war. Ich war so verzaubert davon, dass ich diese drei Vierzeiler sogleich auswendig konnte. Trotzdem nahm ich den Zettel mit.

Jahre später lernte ich auf einer Dienstfahrt nach München einen jungen Mann kennen, der versuchte, sich als Künstler selbst zu erfinden. Seine zeichnerischen Ambitionen investierte er u. a. in ein aufwändiges Tattoo. Als er einige Zeit später unter dem Namen Logan McCree als schwuler Pornostar Karriere machte, dauerte es nicht lange, bis sich – diesseits und jenseits dieses Segments – viele seiner Fans ähnlich tätowieren ließen.
Irgendwann dazwischen hat er mich einmal in Hamburg besucht und mir die obige Zeichnung geschenkt, nachdem ich ihm meine kleine Panther-Geschichte erzählt hatte.

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Nun filmt er wieder, gottseidank …

Woody Allen zum 90. Geburtstag

Auf meine Fantasie lasse ich nichts kommen. Wenn also ein Schuft ist, wer Schlechtes denkt, muss das unseren gottlosen Zeiten liegen.
Beim Anblick dieses in der Mitte gefalteten Feuilletons habe ich tatsächlich einen Schreck gekriegt – und erst einen Augenblick später begriffen bzw. erinnert, dass die zum Bild gehörende Artikelüberschrift unter demselben steht, nicht links daneben, und ich dazu die Zeitung auseinanderfalten muss.
Der F.A.Z.-Artikel ist fair und erfreulich (im Gegensatz zum einschlägigen NDR-Musikfeature) und bringt mir z.B. die Information, dass Woody noch immer filmt. Diese Neuigkeit ist für mich ein wie kühler Lufthauch am Jüngsten Tag.

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