betr.: Supplement zu „So siehst Du aus! – Personenbeschreibungen in der Literatur“

Je bereitwilliger jede und jeder Bilder von sich ins Netz stellt, desto häufiger haben wir es andererseits mit der Volkskrankheit „Bodyshaming“ zu tun, einem Sammelbegriff für die Verdrossenheit über das eigene Erscheinungsbild. Aber vielleicht ist dieses Zusammentreffen gar nicht so paradox wie es mir vorkommt. Die Wikipedia ist jedenfalls auffallend zurückhaltend mit Angaben zu Äußerlichkeiten. Nicht einmal die Hautfarbe wird genannt (als sei sie etwas, was man vorsichtshalber verschweigen sollte), auch nicht bei Romanhelden oder Cartoonfiguren.
Der Horror-Autor und –Herausgeber J. N. Williamson (Gerald „Jerry“ Neal Williamson) liebte es, seinen Lesern auszumalen, wer seine Autoren waren – wiewohl die folgenden Beispiele gut 40 Jahre zurückliegen.

Bill Nolan ist ein langbeiniger Kobold mit einem strahlenden Lächeln, und er verteilt Umarmungen, wie man sie seit Großvaters Zeiten nicht mehr erlebt hat.

David B. Silva ist wirklich ein Mann für den Job! Er ist ein Herausgeber, wie sie alle sein sollten: groß, massig, mit breiten Schultern, unter denen es verdächtig nach Muskeln aussieht.

Die Tatsache, dass sein Konterfei auf dem Titelblatt der Juniausgabe 1986 von „Twilight Zone“ erschien, hat ihm nicht den Kopf verdreht … wohl aber einer Anzahl von Leserinnen, wie man so hört. Doch der hochgewachsene, sportliche Richard Christian Matheson kann mit ganz anderen Dingen auftrumpfen als mit seinem beneidenswerten Aussehen.

Nie zuvor habe ich Teenager so gebannt einem Mann lauschen sehen [wie Mort Castle], der einen Kopf kleiner und eindeutig weniger androgyn war als ihre üblichen Idole.

Der Hüne mit über zwei Metern Körpergröße, einem Gewicht von hundertachtzig Kilo und einer Lache, mit der er auftreten könnte, schreibt überwiegend Fantasy. Besonders bekannt sind seine oft recht informativen Geschichten über „Imaro, den ‚schwarzen‘ Tarzan“. Aber Imaro ist viel mehr als ein schwarzer Dschungelheld. Und der aus Kanada stammende Charles R. Saunders kann für sich in Anspruch nehmen, weit mehr zu sein als nur hünenhaft oder schwarz; er ist ein vielseitiger Autor und Philosoph und zudem ein begeisterter Basketballfan.

Es freut uns sehr, dass Ardath Mayhar unter den Bewerbern für den internationalen Literaturpreis, für den “Balrogs Award”, den Titel “Best Poet” verliehen bekam. Mit der Ehrung dieser zierlichen begabten Frau haben sich die Stimmberechtigten selbst das größte Lob ausgesprochen.

Über Stephen King erfahren wir immerhin, er sei groß.

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Reisen als Herausforderung

betr.: „Orient-Express“ von John Dos Passos

„Orient-Express“ ist ein koketter Buchtitel. Oberflächlich betrachtet bezeichnet der Begriff jene legendäre Bahnlinie, deren schwelgerischer nostalgischer Luxus uns aus Filmen wie „Liebesgrüße aus Moskau“ und „Mord im Orient-Express“ vertraut ist. Der Ich-Erzähler John Dos Passos durchquert die Region zwischen Kaukasus und östlichem Mittelmeer – aber als Abenteurer, ohne jeden Luxus. Er improvisiert und nimmt Entbehrungen in Kauf, die jedes Urlaubsgefühl illusorisch machen würden. Das bedeutet zweierlei, was Pauschalreisen nicht bieten: Gefahr und die sprichwörtliche Erweiterung des Horizonts.
1927 erschienen, wurde dieses Reisejournal erst 2013 wiederentdeckt, da die Beobachtungen kleiner und großer Umbrüche die späteren brisanten Entwicklungen in der Region schon vorzeichnen. Die erst jetzt erfolgte Herausgabe des Textes auf Deutsch hat den NDR zu einer famosen Hörbuchfassung mit Volker Hanisch angeregt, die bei HörbucHHamburg erschienen ist.

Als der später weltberühmte John Dos Passos aus Virginia durch die Länder des Nahen Ostens reiste, war er 25. Der Sohn eines vermögenden Rechtsanwalts war schon als Schüler mit seinem Privatlehrer um die Welt geschickt worden. Er sollte die Meisterwerke der Klassik und Antike im Original studieren. Nach Abschluss seines Harvard-Studiums 1916 zog es ihn nach Spanien, und im Sommer 1917 trat er in den Krieg ein, in dem er sich auf französischer Seite zum Dienst als Krankenwagenfahrer meldete. Das Kriegsende erlebte er in Paris und studierte an der Sorbonne. Sein erster Roman mit dem Titel „1917“ erschien in den USA ein Jahr, bevor er zu der Reise aufbrach, die in „Orient-Express“ geschildert wird.

Der Bericht beginnt mit der Überfahrt über den Atlantik und der Durchquerung Europas mit dem Zug, ab Konstantinopel wechseln die Fortbewegungsmittel. Eine Karawane oder ein Güterwaggon werden noch zu den kommoderen Varianten gehören. Dos Passos sieht die Verheerungen des Türkisch-Griechischen Kriegs. Er verbringt drei Wochen in Bagdad und beobachtet die Neuordnung des Irak durch die Briten, schreibt über die Ermordung der Armenier und über islamischen Fundamentalismus. Er erkrankt an Malaria-Fieber, lässt sich einen Bart wachsen und überredet die Chefin des britischen Nachrichtendienstes, ihn bei einer Expedition durch die syrische Wüste zu unterstützen. Überall wird der Reisende daran erinnert, dass der Erste Weltkrieg noch immer seinen Schatten auf die ganze Region wirft.
In seinem Nachwort schreibt Stefan Weidner: „Der aufmerksame Leser dürfte es gemerkt haben: Dos Passos reist von Teheran bis Damaskus ohne jegliche Pass- oder Grenzkontrollen. Und ohne Grenzkontrollen wäre er auch bis Gaza gekommen, wenn er gewollt hätte – eine heutzutage unvorstellbar traumwandlerische Art, den nahen Osten zu bereisen.“

Im Jahr 1925 wird John Dos Passos‘ episodischer New-York-Roman „Manhattan Transfer“ die amerikanische Moderne einläuten und ihn weltberühmt machen. 1970 wird der Autor in Baltimore sterben.

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Der Sommer unseres Vergnügens

Mit „Der Sommer der guten Geschichten“ ging diese Woche eine hübsche Aktion von radiodrei, dem Kulturkanal vom rbb, zuende. Die von Thomas Böhm organisierte wöchentliche Reihe präsentierte uns sieben kurze Erzählungen zum Nachlesen und Anhören. Im Sendegenbiet gab es für jeden Text eine leibhaftige Leserunde mit anschließendem Gespräch.
Böhm gab die Empfehlung aus, solche Runden auch selbst zu organisieren. Ich möchte diese Anregung an den Sender zurückgeben. Auch wenn die Auswahl so großartigen Materials (Anton Tschechow, Oscar Wilde, Katherine Mansfield, Franziska zu Reventlow …) in der passenden Länge nicht von mir unterschätzt wird, würde eine solche Sendereihe das Programm zu jeder Jahreszeit bereichern.  Und wenn dann nicht jede der Geschichten einen so aparten Subtext bereithielte – auch gut.

Einziger Kritikpunkt: die von Nina Kunzendorf gelesenen Mini-Hörbücher klangen etwas hastig und arg melodisch, eine Entscheidung der Regie. Außerdem endeten sie allesamt wie abgeschnitten, weil das jeweilige Rubato zum Finale fehlte – eine objektive handwerkliche Unsitte. Zeit genug für eine entsprechende Regieanweisung wäre gewesen, mit vier Stunden war die Aufnahmesession geradezu luxuriös disponiert.

Zu Beginn der Aktion erzählte Thomas Böhm von einer nicht näher bezeichneten Siegfried–Lenz-Geschichte, die ihm besonderes Vergnügen bereitet habe. Ich habe mich darauf gefreut, sie irgendwann zu hören, doch sie diente nur als Beispiel für einen von Beginn an fesselnden Text. Es handelte sich übrigens um „Die Nacht im Hotel“. Auf meine Nachfrage hin empfahl mir die Redaktion eine Lesung von Matthias Winde:

https://www.youtube.com/watch?v=rVIM9M1ZN18

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Summer Of Kult: Zwei Stühle – sechs Meinungen

Es geht das Gerücht, so richtig interessant wird es für euch, die ihr uns zuhört, wenn wir uns im Gespräch über Kultfilme und solche, die es werden wollen, in diesem Podcast gehörig in die Haare kriegen. Jedenfalls erklingen zum Abschluss unserer Sommerserie für alle, die gern die Fetzen fliegen sehen, drei Gespräche, bei denen wir nicht einer Meinung waren. Und zwar überhaupt nicht. Unter dem Motto „Zwei Stühle, sechs Meinungen“ hören wir noch einmal in unsere erste Staffel hinein und zweimal in die zweite.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/summer-of-kult-zwei-stuehle-sechs-meinungen

Blow Up
Britisch-italienischer Mystery-Thriller von 1966

London in den Swinging Sixties. Der hippe, erfolgreiche, aber vom Leben angeödete Modefotograf Thomas fotografiert im Park von weitem ein diskutierendes Liebespaar. Bei der Entwicklung der Bilder fällt ihm ein seltsames Detail auf. Als er dieses immer weiter vergrößert – to blow up -, glaubt er, einen Mord fotografiert zu haben. Es gelingt ihm nicht, einen seiner Freunde für diese aufregende Entdeckung zu begeistern. Die Frau auf den Bildern hat umso größeres Interesse daran. Sie wird bei Thomas vorstellig und fordert die Herausgabe des Negativs. Er trickst sie aus, doch dabei bleibt es nicht …

Der italienische Starregisseur Michelangelo Antonioni begann als Assistent von Roberto Rosselini und entwickelte dessen Stilrichtung, den damals tonangebenden Neorealismus, ab 1950 selbstbewusst weiter. Als Antonioni mit „Blow Up“ seinen ersten Film in englischer Sprache vorlegte, war er bereits einer der Größten des europäischen Kinos. Dieser Film bist bis heute sein beliebtester, der meistdiskutierte und am häufigsten wiederaufgeführte.

Als Steven Spielberg kürzlich mit „Disclosure Day“ in unsere Kinos kam, schrieben viele Rezensenten, damit sei er zurückgekehrt zu seinem eigentlichen Thema: dem Weltraum (von der Erde aus gesehen) und den Aliens.
Das ist spontan eine verblüffende Einordnung, wenn man bedenkt, wie vieler unterschiedlicher Milieus und Genres Spielberg sich in den mehr als 50 Jahren seiner Karriere angenommen hat. Auf den zweiten Blick ist es umso einleuchtender. Die Science-Fiction-Parabel „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ war 1977 der erste Film, in dem uns der Regisseur auf seine unverwechselbare Weise versprach, alles würde gut werden. Das sollte fortan ein Markenzeichen seines Personalstils sein. Fünf Jahre später machte sich Spielberg mit dem folgenden Werk zu so etwas wie dem Ehrenpräsidenten des Ministeriums für außerirdisches Leben.   


E.T. – Der Außerirdische
/ E.T. – The Extra-Terrestrial
Amerikanisches Science-Fiction-Märchen von 1982

Als ein Raumschiff aus einer fernen Galaxis seinen Erkundungsflug zur Erde Hals über Kopf beendet und abfliegt, bleibt einer der Passagiere in einem Waldgebiet nahe Los Angeles zurück. Der kleine runzlige Kerl versteckt sich in einem Geräteschuppen, wo er vom Sohn der Familie Toomey entdeckt wird. Der zehnjährige Elliott nimmt E.T., den Extra-Terrestrischen, heimlich mit auf sein Zimmer, füttert ihn mit Schokolade und bringt ihm Sprechen bei. Während E. T. ein Funkgerät zusammenbastelt, um seine Artgenossen zu Hilfe zu rufen, macht sich die Regierung auf die Suche nach ihm. Sie hat von seiner Ankunft Wind bekommen und möchte ihn konfiszieren. Es stellt sich heraus, dass E.T. die Anwesenheit auf der Erde gesundheitlich nicht bekommt. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt – und der uralte Kampf der unschuldigen Kinderseele gegen die korrupte Welt der Erwachsenen.

Über Steven Spielbergs alles überragenden Welterfolg ist kaum etwas Freundliches ungesagt geblieben. Hier kommt ein stellvertretendes Zitat von vielen, die die Begeisterung teilten. Das Filmlexikon des Katholischen Filmdienstes freute sich über ein Werk, das die unbeschwerte Trivialität des Comicstrip, die technische Phantasie des Science-Fiction-Films und familienfreundliche Sentimentalität zur perfekten Kinounterhaltung verarbeitet.

Erstaunlich oft stehen Kinder im Mittelpunkt der Filme, die wir uns gemeinsam ansehen. Warum das so ist? Mal in Ruhe überlegen.
Für Horrorfilme jedenfalls gilt: hier sind die lieben Kleinen in der Regel die Bösewichte. Und nichts für ungut: sie können ja schon recht gruselig rüberkommen mit ihren großen Köpfen, ihren noch größeren Augen und ihrem unerfindlichen Innenleben. Oswalt Kolle hat einen Bestseller darüber geschrieben: „Dein Kind, das unbekannte Wesen“.
Doch nur wenige Jahre später wendet sich Blatt. Wenn aus dem Kind ein Teenager wird, mutiert es im Horrorfilm von der Bedrohung zur bedrohten Art.
Die Helden unseres nächsten Films beschreiben genau diesen Übergang vom einen Rollenfach ins nächste.
Zum letzten Halloween hatten wir die Kollegen vom Podcast „Filmtieftauchen“ zu Gast, die sich in wechselnder Besetzung mit uns zwei Horrorfilmen gewidmet haben. Ich habe diese große Runde sehr genossen, besonders im zweiten Teil, wo die Urteile weiter voneinander abwichen als beim Kettensägenmassaker in unserem Hauptfilm „Blutgericht in Texas“. Ich grüße Susann und Asfaha und hoffe, sie sehen es mir nach, dass ich unser Vierergespräch für die heutige Collage ganz auf meinen Showdown mit Torben zugeschnitten habe,
meinem Bösewicht. Das komplette Gespräch über beide Filme steht in unserer Mediathek.

The Visit
US-Teenie-Horrorfilm von 2015

Die Teenager Tyler und Rebecca haben durchgedrückt, ihre Großeltern besuchen zu dürfen, obwohl sich Mutter Loretta vor langer Zeit restlos mit ihnen überworfen und den Kontakt abgebrochen hat. Während sie eine Kreuzfahrt mit ihrem neuen Lover macht, fahren der extrovertierte Tyler und seine pfiffige große Schwester für eine Woche aufs Land. Rebecca filmt die ganze Reise mit dem Smartphone, um sie zu einer Doku zu verarbeiten. Die Kids werden herzlich empfangen, wundern sich jedoch bald darüber, wie seltsam das Alter die Menschen macht. Nach und nach werden ihnen Oma und Opa immer unheimlicher …

Der gesamte Film ist als Found-Footage-Montage gestaltet. Das mag damit zusammenhängen, dass Autorenfilmer M. Night Shyamalan nach seinem Durchbruch mit „The Sixth Sense“ einen Abstieg hinnehmen und kleinere Brötchen backen musste. Doch die kleine Form bekommt dem Ergebnis ausgezeichnet. „The Visit“ ist ein klug aufgebautes, raffiniertes und gut besetztes Kammerspiel, das sämtliche Shyamalan-Unsitten davor und danach vermeidet. Sogar die Synchronfassung ist meisterlich.

Und damit endet „Summer Of Kult“, unsere Sommerserie aus dem Archiv. Dass weibliche Kultstars und -Azubis wie Marilyn Monroe, Bette Davis, Marlene Dietrich und Margaret Rutherford hier gefehlt haben, hat Materialgründe und hängt natürlich auch mit dem Publikumsverhalten zusammen, das unserem Podcast zugrundeliegt. Es versieht uns aber auch mit guten Vorsätzen für die nahe Zukunft.

Nächste Woche mit dem Gast Bürger Lars Dietrich und den Filmen Im Himmel ist die Hölle los und Vorwiegend heiter

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So siehst Du aus! (9)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Gilbert Keith Chesterton (1874-1936)
Der verschwiegene Garten

Eine Abendgesellschaft

Ein Blick in den Salon freilich beruhigte ihn; sein wichtigster Gast war jedenfalls noch nicht gekommen. Er umfing mit dem nächsten all die anderen Stützen seiner kleinen Gesellschaft: er sah den englischen Botschafter Lord Galloway, einen cholerischen Mann mit rotbraunem Apfelgesicht, der das blaue Band des Hosenbandordens trug; er sah Lady Galloway, dünn wie ein Faden, mit weißem Haar und einem sensitiv vornehmen Antlitz; er sah ihre Tochter, Lady Margaret Graham, ein blasses, hübsches Mädchen mit kupferrotem Haar und elfenhaften Zügen; er sah die üppige, schwarzäugige Herzogin von Mont St. Michel mit ihren beiden ebenso üppigen und schwarzäugigen Töchtern; er sah Dr. Simon, den typischen französischen Gelehrten, mit Brille, braunem Spitzbart und jenen waagerechten Stirnfalten, welche die Strafe für Überheblichkeit sind, da sie ja durch dauerndes Hochziehen der Augenbrauen verursacht werden; er sah Pater Brown aus Cobhole in Essex, den er kürzlich in England getroffen hatte. Und er sah – vielleicht mit mehr Interesse als diese – einen großen Mann in Uniform, der sich vor den Galloways verbeugt hatte, ohne ausgesprochen herzlich empfangen zu werden, und der nun als einziger herantrat, um seinen Gastgeber zu begrüßen. Das war Kommandant O’Brien von der französischen Fremdenlegion, eine schlanke, etwas prahlerische Erscheinung, glatt rasiert, mit dunklem Haar und blauen Augen. Und wie es sich für einen Offizier dieses berühmten Regiments der siegreichen Verlierer und erfolgreichen Selbstmörder gehört, wirkte er schneidig und gleichzeitig melancholisch.
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https://www.reclam.de/produktdetail/die-besten-pater-brown-geschichten-9783150206522

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Ein „Hellzapoppin“ des Horrors

Die aktuelle Filmkritik

Horrorfilme sind heute wertiger als früher, die Zeit des billig flimmernden Grusels ist vorbei. Was das bedeutet und wie es sich anfühlt, das lässt sich nun anschaulich im Kino erleben.

Insidious – Out Of The Further
von Jacob Chase

Die Zahnärztin Gemma Hall hatte eine mehr als traumatisierende Kindheit. Schließlich musste sie hilflos miterleben, wie sich ihre schwer gestörte Mutter an den Badezimmerkacheln selber den Schädel einschlug.
20 Jahre später ist Gemma Mutter einer kleinen Tochter und weist die Bedenken ihres Freundes, des jungen Polizisten Nick Mendoza, zurück, der sich wundert, dass sie noch immer in dem Haus wohnt, in dem sich so grauenvolle Dinge zugetragen haben – der Tod der Mutter war ja nur das Finale tagtäglichen Irrsinns. Nicks Besorgnis erweist sich als begründet. Eines Tages beginnt ein finster aussehendes Trio alter Leute – Stadtstreicher vielleicht? -, in ihrer Straße auf- und abzumarschieren und Gemma anzustarren. Bald darauf häufen sich in ihren vier Wänden paranormale Vorgänge. Gemma ist sicher: nicht das Haus ist verflucht, ich bin es selbst. Sie nimmt den Kampf mit den Chimären auf …

Die „Insidious“-Reihe hat seit 2010 weltweit bereits über 740 Millionen Dollar eingespielt. Die Figuren dieser Geschichte sind neu, ihr Schicksal setzt keine Vorkenntnisse voraus.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/insidious-out-of-the-further

Der Komiker Otto hat in den 70er Jahren in seiner TV-Show festgestellt, es gebe in ganz Hamburg keine 28-Zimmer-Wohnung. Wer gern ins Kino geht, der weiß: in der amerikanischen Vorstadt sind solche Behausungen Gang und Gäbe. Das Haus in dieser Geschichte hat außerdem die Besonderheit, dass jedes Zimmer die Größe eines Klassensaals hat, auch die Kellerräume sind riesig. Vielleicht ist das Grund dafür, dass Gemma nach allem, was geschehen ist, auch als Erwachsene an dieser Immobilie festhält und ihr Töchterchen Maya dort großziehen will. Aber in diesem Film sind alle Räume in allen Gebäuden drei Nummern größer, auch die im zahntechnischen Institut, in dem Gemma arbeitet („Second Smile – Family Dentistry“), oder das örtliche Tattoo-Studio. Ganz besonders geräumig ist die Waschküche, in der Gemma ein gewaltiges Archiv eingerichtet hat, eine Mischung aus Rumpel- und Asservatenkammer, in der sie auch die Beweisstücke des gewaltsamen Todes ihrer Mutter aufbewahrt, noch immer verpackt in den beschrifteten Plastikbeuteln der Polizei.
Maya ist ein besonders liebes und hübsches Mädchen. In der Tat ist sie so penetrant entzückend, dass man sie am liebsten aufs Internat schicken möchte. Wann immer Mama von einer Gespensterattacke geschüttelt wurde, aus einem Alptraum oder einer Trance erwacht, unter deren Bann sie Möbel umgeworfen oder Essen verschüttet hat, steht das Kind mit Fremdscham-Blick im Zimmer und fragt: „Mom, bist du okay?“
Dieser Kontrast – hier die von Furien gehetzte Heldin, die ihrer irren Mutter immer ähnlicher wird, dort das patente, kluge, liebe Kind – ist typisch für die Gegensatzpaare, mit denen der Film arbeitet: die sonnig-kitschfarbenen Bilder der realen Welt contra die blaustichige Albtraumwelt der Dämonen; das saubere zahnmedizinische Institut contra die kiezige Tattoo-Werkstatt; die rosige Schönheit ihres Latino-Lovers Nick contra die gerontische Hässlichkeit des warzigen alten Störenfrieds, der sich bei ihr auf den Behandlungsstuhl legt, um ihr seine zerborstenen Zähne zu präsentieren, zwischen denen kleine Parasiten herumkrabbeln …

Ein weiteres wiederkehrendes Motiv von „Insidious – Out Of The Further“ ist das Einsammeln sämtlicher Horrorfilmklischees, an die sich irgendjemand aus dem Produktionsteam erinnern konnte: Besessenheit, plötzlich auftauchende ekelige Fratzen, Psychoterror in der Nachbarschaft, Psychoterror in der eigenen Familie, knarrendes Holz in der Nacht, Spukhaus-Horror, Body-Horror, Lebensmittel-Horror, Rätsel, die zu lösen sind, schlecht aufgelöste VHS-Videos als Zeichen des Bösen, sonstige Found-Footage-Effekte, Spinnen, Verstümmelung, Schatten, aus denen etwas herausgerollt kommt, schlechte Tischmanieren, Zombies, Kannibalismus, Klaustrophobie, Nekrophilie, Alkoholismus, Satanismus, bedrohte Augäpfel, Ratten und anderer Schädlingsbefall, Fingernagelfolter, sonstige Folter, hässliche Oma-Tapeten, wildgewordene Hippie-Sekten, esoterisches Guru-Gelaber, Monster unterm Bett, ängstliche Blicke durch die Lamellen-Schranktür wie in „Blue Velvet“, eine kopfstehende „Stranger Things“-Parallel-Horrorwelt, der aufwallende Nebel aus „The Fog“, beiseitegerissene Duschvorhänge wie in „Psycho“, der grisselige, quadratische 70er-Jahre-Fernseher aus „Poltergeist“, Walkie-Talkies, aus denen seltsame Stimmen sprechen, technisch tiefergetunte Männerstimmen, angeklebte Warzen und Glatzen, seltsame Dinge, die nicht mit bloßem Auge, sondern nur auf dem Monitor zu sehen sind, verhexte Alltagsgegenstände, Haushaltsgeräte und Spielsachen, Alter und Fäulnis in Großaufnahme, eine Kühltruhe im Keller, Türen, die von selber auf- und zugehen, altmodisch eingerichtete Räume mit Sesseln, die nicht zusammenpassen, eine Zwangsjacke, grelle Blitze, höllische Energie, die die Figuren rückwärts umwirft, Gestöhne im Kriechkeller, Naturgesetze im On-Off-Modus und Jumpscares, Jumpscares, viele viele Jumpscares. Das einzige, was fehlt, sind Vampire (immerhin gibt es viele eklige Zähne) und Werwölfe, aber vielleicht habe ich sie in dem ganzen Durcheinander einfach übersehen.

Für sich betrachtet ist das alles technisch makellos umgesetzt, kein Vergleich mit den Billigprodukten, die das Genre des Horrorfilms lange dominiert haben. Doch während früher manchmal das Problem auftrat, dass sich gute Ideen nicht befriedigend umsetzen ließen, leide ich hier und heute unter dem Gegenteil: es ist alles möglich, es wird alles gemacht und bildgewaltig vorgeführt – ganz einfach weil es geht –, aber es gibt nicht den Hauch einer Handlung oder auch nur einer tragfähigen Idee, die das ganze irgendwie motiviert oder zusammenhält.
Der letzte Akt des Films macht uns gar nichts mehr vor: er ist wie ein Trailer geschnitten. Eine gute halbe Stunde lang werden nur noch wilde Kämpfe mit den Mächten der Finsternis aneinandergehängt, die keinen erkennbaren Zusammenhang mehr aufweisen.

Der Mensch, der all das angerichtet hat, heißt Jacob Chase, ist immerhin schon 40 Jahre alt und ganz offensichtlich nicht interessiert: nicht an Horrorfilmen, nicht an Geschichten, nicht an Charakteren, ganz offensichtlich nicht einmal am Kino an sich. Vermutlich hofft er auf einen lukrativen Vertrag mit Netflix. Chase ist derartig unbedarft, dass die Requisiten, die hier zum Einsatz kommen, aus unterschiedlichen Epochen stammen. Sein Werk hat größere Ähnlichkeit mit einer sowjetischen Raketenparade als mit einem abendfüllenden Spielfilm.   
Der Titel passt nicht zum neuesten Kapitel der Serie. „Insidious“ bedeutet „hinterhältig, heimtückisch“. Das ergibt hier keinen Sinn, denn obwohl Dämonen a priori keine anständigen Wesen sind (und sich das auch gar nicht leisten können, wenn sie in der Welt der Menschen auf einen grünen Zweig kommen wollen), treten sie doch ganz offen bedrohlich auf. Die drei widerwärtigen alten Leute, die in Gemmas Straße umherschleichen, führen ganz offensichtlich Böses im Schilde und bekunden das eher spöttisch (mit fiesem Grinsen) als mit Heimtücke.

Wie schade es um das Geld und die gute Tricktechnik ist, die hier verplempert werden, lässt sich anhand einer Szene erläutern, die auch nicht neu ist, die aber gut funktioniert. Maya hat sich im Wohnzimmer aus Sofapolstern eine kleine Höhle gebaut. Als Mutter Gemma den Fehler macht, von einem Gespenstertrick angelockt, dort hineinzukriechen, findet sie sich plötzlich in einem Sofapolster-Labyrinth wieder, aus dem es keinen Ausweg gibt. In einer weniger aufgemotzten Veranstaltung hätte diese Passage ein verstörendes Schlaglicht gesetzt. Als alles vorüber ist, spricht die Heldin davon, in ihr normales Leben zurückkehren zu wollen. Du lieber Himmel, das wollen wir nicht hoffen!

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Der Mann mit dem Waffenschein

betr.: 83. Geburtstag von Robert De Niro

Hat nicht nur seine Fans, sondern auch seine Kritiker im Griff: Robert De Niro – hier in „The King Of Comedy“. – 20th Century Home Entertainment

Wer als Legende in Hollywood etwas geworden ist, der wird hierzulande innerhalb eines gewissen feuilletonistischen Rahmens nicht mehr in Frage gestellt.
Robert De Niro hat das erreicht.
Selbstverständlich darf man einen Film verreißen, in dem er mitspielt. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Kulturpresse den Mantel des Schweigens breitet über das, was er in letzter Zeit so tut, das meiste davon ist unwichtig genug.
Es ist unschicklich, De Niros Entgleisungen in prominenteren Filmen offen zu benennen (etwa den anspruchslosen, überdies selbstreflexiven Auftritt in „Joker“, der schauspielerisch unaussprechlich peinlich geriet), und selbst dem deutschen Starregisseur Dominik Graf ist sein Unbehagen anzumerken, wenn er De Niro doch einmal kritisiert, als er beim Nachsinnen über das Älterwerden vor der Kamera anmerkt*:
»Der äußerliche Zenith hat sich heute altersmäßig zwar deutlich nach hinten geschoben. [… Doch] Wie sieht es für De Niro aus, nachdem er in „The Irishman“ (2019) gemeinsam mit Joe Pesci und Al Pacino alle Falten künstlich wegradiert bekam, aber seine Bewegungen noch immer die eines alten Mannes waren? Irritierend. Die drei Giganten sahen aus wie Hobbits. […] Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn De Niro seine Heruntergezogene-Mundwinkel-Mimik bei der jüngeren Ausgabe seiner Figur bleiben gelassen hätte. [Hat er schon seit Jahren nicht mehr unter Kontrolle. Man sieht sie sogar auf gut einem Drittel seiner Filmplakate – Anm. der Red.] Die Mimik wird allmählich manisch. Er ist gemessen an seiner Bedeutung in den 70ern/80ern bislang fast ein wenig unwürdig alt geworden. Bei „Dirty Grandpa“ (2017) und „Man lernt nie aus“ (2014) befällt einen während des Films heftige Nachdenklichkeit.«

Ich wiederhole es gern: ein ganz Großer, an dem so verkniffen Kritik geübt wird!
_______________
* „Sein oder Spielen“, C.H. Beck 2025

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Inspiration mit Mut zur Lücke

betr.: Hörfunktipp

Das „Sonntagsrätsel“ im Deutschlandfunk Kultur ist eine immens inspirierende Sendung. Für alle, die inhaltlich / medial arbeiten, denke ich, keineswegs nur für Ratlelustige. Zu Beginn gibt uns Ralf Bei der Kellen immer einen obligatorischen Überblick über das vorzugsweise Kuriose, was zu diesem Datum früher auf der Welt passiert ist. Heute war das Datum sogar Thema der sechs Quizfragen. Ich zitiere unaktuelle Meldungen aus Opening und Fragerunde, um meine kühne Behauptung vom Anfang des Eintrags zu belegen – und verrate dabei nur eine einzige der Antworten.

Rätselhaft ist auch der letzte Flug L8 vom 16. August 1942. Das Prall-Luftschiff war von Goodyear gebaut und dann der US-Kriegsmarine übergeben worden, die damit die Westküste der USA nach U-Booten absuchte. Nach über 1000 Einsätzen landete es heute vor 84 Jahren mit laufenden Motoren und Funkgeräten in Daily City, Kalifornien. Das einzige, was fehlte, war die Besatzung, Lt. Ernest DeWitt Cody und sein Co-Pilot Charles Adams. Letzterer hatte den Absturz des Zeppelins „USS Macon“ überlebt und Passagiere aus der brennenden „Hindenburg“ gerettet. Es war sein erster Flug an Bord der L8. Bis heute weiß niemand, wo die beiden geblieben sind.
Am 16. August 1896 wurde in Greiling bei Bad Tölz der Volkssänger Josef Bauer geboren. Unter dem Namen Kraudn Sepp wurde er zu einem bayrischen Original. In der Sendung zu hören ist er mit dem Lied „Fünf Minuten später“.
In Bayern, genauer: in München lebte knapp ein Vierteljahrhundert lang auch Mal Waldron. Er kam am 16. August 1924 in New York City zur Welt. 1962 nahm er mit der Hilfe des Bassklarinettisten Eric Dolphy seine Komposition „Warm Canto“ auf.
Am 16. August 1935 wurde auf der Berliner Funkausstellung das „Magnetophon“, sprich: das erste Tonbandgerät vorgestellt. In der modernen Musik, zum Beispiel in der Musique concrète, wurde es bald in den Rang eines Instruments erhoben. Einer der berühmtesten Tonbandkomponisten war der Franzose Pierre Henry. Von seinem 1967er Hit „Psyché Rock“ ließ sich eine US-amerikanische Zeichentrick-Serie von Matt Groening um Philip J. Fry, Turanga Leela und den Roboter Bender zu ihrer Titelmusik inspirieren.
Am 16. August 1938 kam einer der einflussreichsten Bluesmusiker in Greenwood, Mississippi ums Leben. Ob er von der Syphilis oder einem eifersüchtigen Ehemann zur Strecke gebracht wurde, ist nicht bekannt – ebenso wie der Ort, an dem er begraben ist. In der Sendung zu hören ist der „King Of The Delta Blues“ mit dem Stück „Love in Vain“.
Am 16. August 1924 kam unter dem Namen Karl Heinz Schwab in Dortmund ein Mann zur Welt, dem wir in seiner Funktion als Schlagersänger einige der seltsamsten Preziosen dieses Genres zu verdanken haben. Seine Elvis Presley-Adaptionen lassen einen ebenso fassungslos zurück wie das in der Sendung zu hörende Stück aus dem Jahr 1957: „Jonas, warum trugst Du keine Brille?“ Der größte Hit von Ralf Bendix war der „Babysitter-Boogie“, als Talentscout war Heino seine größte Entdeckung.
Am 16. August 1976 erschien mit „Dancing Queen“ die erfolgreichste Single der schwedischen Supergruppe ABBA. Hier wird es nun in einer Hindi-Version gespielt.
Was es nicht alles gibt.

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Ingeborg Bachmann abgefeiert

Persönliches Fazit des Bachmann-Jubiläumsjahres in der Mediathek

Die Hundertjahrfeier für Ingeborg Bachmann gab mir Gelegenheit, eine unbehagliche Bildungslücke endlich zu schließen. Von all den Heldinnen und Helden der „Gruppe 47“ war mir diese Autorin bisher immer entwischt. Lediglich an ihren Hörspielen – Bachmann war eine zentrale Größe auch auf diesem Gebiet – habe ich mir immer wieder die Zähne ausgebissen: zu proklamierend, zu wenig von etwas getragen, was mir als Handlung auffiel oder gar einleuchtete. Nicht einmal „Der gute Gott von Manhattan“, der mir mittlerweile in vier Fassungen vorliegt (die wenigsten Filmstoffe bringen es auf so viele Remakes), war für mich mehr als ein interessantes Thema, das sich in seinen Variationen verzettelt.

In den letzten Wochen hatte ich nun Gelegenheit, mich hörenderweise (was mir mit abnehmender Sehkraft immer größeres Vergnügen bereitet) durch ihr Werk zu graben. Einige ihrer Essays und Erzählungen wurden aus feierlichem Anlass neu produziert, doch zum Glück waren auch die Archivalien nachhörbar.
Mein Fazit: ich bin kein Bachmann-Versteher und werde sicher niemals zu ihren wirklichen Kennern oder gar Bewunderern zählen. Es ist mir alles zum pompös und verkopft. Einzige Ausnahme: „Das dreißigste Jahr“ – hier bevorzuge ich die ältere der verfügbaren Aufnahmen: das Duett, das Gert Westphal und Oswald Döpke 1961 für rb und SDR eingesprochen haben. Der Inhalt wird vom SWR aktuell so angegeben: Ein junger Mann, der kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag steht, nimmt schlagartig wahr, dass die Leichtigkeit des Seins unwiederbringlich vorüber ist, und stürzt in eine tiefe Existenzkrise. – Das hört sich wieder ganz nach der irgendwie zwecklosen Grübelei an, die ich in Bachmanns Texten an anderer Stelle erblickt habe, nach dieser Prosa, bei der selbst die Wortwahl mich niemals überrascht oder erheitert. Hier ist alles anders. „Das dreißigste Jahr“ ist ein überaus anregender Text, der mich – wäre es der erste gewesen, der mir von dieser Autorin untergekommen wäre – zu schönster Vorfreude angetrieben hätte.

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Summer Of Kult: Marlon Brando

In der ersten Staffel unseres Podcasts, in der wir die amtlichen 42 Kultfilme der Wuppertaler Liste durchgegangen sind, kam Marlon Brando nicht vor. Das ist ungerecht – andererseits erging es Charlie Chaplin, Marilyn Monroe, Laurel & Hardy, Gene Kelly und Fred Astaire, Jane Mansfield, Greta Garbo, Louis de Funès, Clint Eastwood, Steve McQueen und Jerry Lewis nicht anders. Seit wir mit „Pulp Fiction“ den letzten wirklichen Kultfilm der Zelluloid-Ära gewürdigt haben, sind Torben Sterner und ich dabei, diese Lücken langsam zuzuspachteln. Mit Marlon Brando haben wir in der 2. Staffel schon ein paar „Kultfilm-Azubis“ besprochen.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/summer-of-kult-marlon-brando

Marlon Brando ist der einzige männliche Kultstar, der es heute noch halbwegs mit der Popularität eines Humphrey Bogart aufnehmen kann, den wir vor zwei Wochen in unserer Sommerserie „Summer Of Kult“ gefeiert haben. Brando starb 2004 im Alter von 80 Jahren und ist uns eine Generation näher als Bogart. Das hat ihm den digitalen Sumpf des Vergessens nicht erspart, in den das algorithmisch konsumierende Publikum seine Popstars von gestern so gnadenlos versinken lässt. In der Fachliteratur ist die Welt noch in Ordnung. Dort steht Marlon Brando, zeitweise der bestbezahlte Filmstar der Welt, neben Namen wie Bogart oder Marilyn Monroe noch immer ganz oben im Regal. Er hat es zeitlebens verstanden, sich und seine Fans mit einem herben Duft von Haltung und Rebellentum einzustänkern – was unzweifelhaft die ambitionierteste und handwerklich sauberste schauspielerische Leistung seiner Karriere darstellt.

Fred Zinneman – Regisseur unseres Kultfilms „12 Uhr mittags“ – hat Marlon Brando 1950 seine erste Filmrolle gegeben. Doch seine Legende begann einige Jahre zuvor auf der Theaterbühne. Er durfte mit der erotischen Präsenz seiner Jugend einen zeitlosen Männertypus verkörpern und später auf der Leinwand in ewige Sicherheit bringen, den es im Kino so noch nicht gegeben hatte, den schwitzenden Rüpel mit Achillesverse: Stanley Kowalski in Tennessee Williams‘ und Elia Kazans Klassiker „Endstation Sehnsucht“, der uns in diesem Podcast noch beschäftigen wird.
Brando war ein Schlawiner, der wusste, dass die Welt verarscht werden will. Er beschwerte sich unentwegt über die Dämlichkeit des kommerziellen Kinos – und hat dessen Millionengagen allweil gern kassiert, um damit sein dekadentes Inselkönigdasein zu finanzieren. Zur Oscar-Verleihung erschien er nicht und ließ sich von einer – falschen – indigenen Mitbürgerin vertreten, um sich ein Ansehen zu geben. Dieses versilberte er wenige Jahre später mit einer besonders üppigen Gage für eine besonders kleine Rolle, für die er zu spät anreiste und vorher keinen Text lernen musste, was ihm immer sehr am Herzen lag. Der Film hieß „Apocalypse Now“, die Rolle „Colonel Kurtz“. Die Widersprüche der öffentlichen Brando-Figur sind zu keiner Zeit so kontrovers diskutiert worden wie anlässlich dieses Films. Und diese Debatte hat dem Erfolg nicht im Geringsten geschadet.
Wir betrachten außerdem den Skandalfilm „Der letzte Tango in Paris“ und gehen zum Schluss noch einmal zurück in die späten 60er Jahre und zu einem Juwel wie man es im linearen Fernsehen gern als „Spätfilm“ verabreicht hat. Brandos Darstellung des homosexuellen Südstaaten-Majors in „Spiegelbild im goldenen Auge“ ist unter Cineasten hoch angesehen, doch es war nicht die Zeit, in der man für solche Portraits einen Oscar erwarten konnte. Ausgerechnet diesen Film kennen die wenigsten Brando-Fans.
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Der letzte Tango in Paris
Französisch-Italienisches Drama von 1974

Nach dem Selbstmord seiner Frau trifft der verstörte amerikanische Hotelier Paul bei einer Wohnungsbesichtigung in Paris die 19jährige Jeanne. Der alternde Mann und das in den Tag hineinlebende Mädchen erliegen einer seltsamen Faszination füreinander und lieben sich in der leeren Wohnung. Sie treffen sich nun regelmäßig, um hemmungslos ihre sexuellen Fantasien auszuleben. Sie vereinbaren, sonst nicht nach dem Leben des anderen zu fragen. Das geht nur ein paar Tage lang gut …

Bernardo Bertoluccis Körper- und Seelen-Striptease ist der populärste aller Skandalfilme, ein „Casablanca“ des gehobenen Schweinkrams. Marlon Brandos Partnerin Maria Schneider hat später offenbart, sie sei tatsächlich vor der Kamera vergewaltigt worden, was Bertolucci erst 2013 öffentlich zugab – zwei Jahre nach dem Tod der Schauspielerin. In die Skandalgeschichte des Films ließ sich dieses Detail gut integrieren. Gato Barbieris Soundtrack wurde unabhängig von seiner Quelle zum Klassiker.

Apocalypse Now
Vietnam-Kriegsfilm von 1979

Captain Willard erhält von seiner Stabsstelle den Auftrag, in den Wirren des Vietnamkriegs nach Colonel Kurtz zu suchen, einem Elitekrieger, der eines Tages im Dschungel Kambodschas untertauchte und – offenbar verrückt geworden – ein Terrorregime errichtet hat. Für die US-Army ist er außerdem ein Sicherheitsrisiko. Willards Eintauchen in den Urwald wird zu einem Trip in die eigenen Abgründe und zur sprichwörtlichen Reise ins Herz der Finsternis.

Ungeachtet seines Ruhmes, seines Erfolges und dem Prädikat, der wichtigste aller Vietnam-Filme und ein Meisterwerk des Kinos zu sein, wird immer wieder punktuelle Kritik an „Apocalypse Now“ geübt, der sehr freien und doch treffenden Verfilmung einer Erzählung von Joseph Conrad. Auch sein Regisseur Francis Ford Coppola hat die Welt immer wieder irritiert: mit der immensen Kluft zwischen schimmernden Ruhmestaten – wie „Der Pate“ 1 und 2 – und Murks – wie „One From The Heart“, „Megalopolis“ oder „Der Pate III“.

Spiegelbild im goldenen Auge / Reflections In A Golden Eye
Amerikanisches Südstaaten-Drama von 1967

Major Penderton und Lt. Colonel Langdon leben mit ihren Ehefrauen auf einem Militärstützpunkt in Georgia am Rande großer Waldungen. Die kriegsfreie Zeit lässt Neurosen ins Kraut schießen, die allesamt sexueller Art sind. Der impotente Major (Marlon Brando) verzweifelt an seiner lebenslustig-gefühllosen Frau (Elizabeth Taylor), die sich mit Langdon vergnügt, während dessen Frau langsam durchdreht und der verschrobene Stallbursche Williams (Robert Forster in seinem ersten Filmauftritt) sie heimlich stalkt. Dass das nicht gut ausgeht, wird schon zu Beginn des Films verraten: „Dort im Süden steht ein Fort, in dem vor Jahren ein Mord geschah.“

John Hustons Verfilmung einer Erzählung von Carson McCullers zeigt uns eine Garnison in Friedenszeiten als Mikrokosmos verkorkster Beziehungen und Obsessionen. Die Rolle des verklemmt schwulen Major Penderton hätte für Montgomery Clift das Leinwand-Coming-Out werden sollen, doch Clift starb kurz vor Beginn der Dreharbeiten, und der von ihm beeinflusste Marlon Brando übernahm. Brandos Biograf Tony Thomas attestierte diesem „die komplizierteste, rundeste und intelligenteste schauspielerische Leistung“ seiner Karriere. Elizabeth Taylor glänzt einmal mehr als große Komödiantin in einem Drama.

Nächste Woche: zum Abschluss der Sommerpause stehen sich Monty Arnold und Torben Sterner unter dem Motto „Zwei Stühle, sechs Meinungen“ in drei Gesprächen vollends unversöhnlich gegenüber.

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