Die eigene Nase

Gestern abend hat Ralf König zum Ausklang des Hamburger CSD-Wochenendes eine seiner Dia-Lesungen im „Nachtasyl“ über dem Thalia-Theater präsentiert: eine kommentierte Revue aus kurzen Comics. Zuvor hatte auf der selben Bühne ein Gespräch mit dem aus New York zurückgekehrten Aktivisten Hans Berlin stattgefunden, der seinen Ruhestand als Pornodarsteller in der Heimat mit Aufklärungsarbeit zum Thema HIV bestreiten wird. (Der beredte Charme, den er dabei entfaltete, dürfte das Unternehmen zu einem großen Erfolg machen!)
Dazu passte, das Ralf uns eine Sittengeschichte des Sexlebens und -verhaltens in der Bundesrepublik aufklappte, einen Leporello, den er mit seit den frühen 80er Jahren geschaffenen Comics satirisch begleitet hat. Es war eine überwältigende Chronik! Und eine saukomische. Dass er die zugrundeliegenden Beobachtungen bekanntlich stets aus der schwulen Perspektive gemacht hat, hinderte ihn nicht daran, die heterosexuelle Normalversion mitzubetrachten und zu –kommentieren. Seit 1987, als er in „Der bewegte Mann“ die Heteros sogar als die eigentlichen Exoten zum Thema machte (was der Film von 1994 zu seinem Leidwesen wieder zurücknahm), ist er ohnehin ein Künstler mit Breitenwirkung über das eigene Milieu hinaus, dessen Gleichnisse von nicht-homosexuellen Frauen ganz besonders geschätzt werden. Die Pointen saßen, und schon die Subkultur-Szenen aus den Bänden der Reihe „Schwulcomics“ (die ersten, die in Buchform veröffentlicht wurden) waren nicht zimperlich, was männliche Neurosen angeht. Die Empfindlichkeiten, Kommunikationsprobleme und Beziehungskapriolen schwuler Männer mussten schon deshalb nicht beschönigt werden, weil sich die anderen (Normalos und homosexuelle Frauen) im Zweifelsfalle noch alberner aufführen.
Als Ralfs Mutter kürzlich hochbetagt verschied, tauchte noch ein vergessener Karton mit besonders frühen Arbeiten auf, die enthüllten, dass der Künstler in Kindertagen sogar eine religiöse Phase hatte.
Was die gestrige Collage vollends zu einem Bildungsprogramm machte, war die historische Einordnung, die dem Publikum dabei half, die Comics akkurat in die eigene Biographie einzuweben: in die AIDS-Krise, die Antischwule Hetze der Gauweiler–CSU, das segensreiche Wirken der konservativen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth, die Quoten-Homos im frühen Privatfernsehen, die Homo-Ehe u.v.a.m.
Selbstverständlich gab es einen Büchertisch (er wurde weitgehend leergekauft), aber eins hat leider gefehlt: der gestrige Abend in Buchform. Er hätte das Zeug zum Klassiker.

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Wohnwelten (21): Eine Working Class Künstlerwohnung

betr.: So wohnen literarische Figuren

John Osbornes tragischer „Entertainer“ Archie Rice lebt mit seiner Familie in einer Wohnung, die nur knapp so beschrieben wird:

Hinten ein Schleiervorhang. Dahinter ein hohes Podest, zu dem Stufen hinaufführen. Kniehohe Blenden und ein Türrahmen genügen als Wand.

Es handelt sich bei diesem modernen Theaterklassiker nämlich um Stück, das mit symbolischen Dekorationen arbeitet:

Möbel und Requisiten so sparsam wie für einen kurzen Sketch.

Umso ausführlicher erläutert der Autor im Einführungstext das Milieu, in dem sich die Wohnung befindet. Sie ist das Biotop, in dem der Unterhaltungskünstler lebt und von dem aus er Tag für Tag in die (ihrerseits) untergehende Welt der englischen „Music-Hall“ aufbricht. Handlungszeit ist die Gegenwart (1957).

Das Stück spielt in einem großen Kurort an der Küste. Familie Rice wohnt in einem jener häßlichen Imponierbauten erfolgreicher Geschäftsleute um die Jahrhundertwende: Zur Strandpromenade nur 25 Minuten im Wagen. Jetzt rumpelt vorne der O-Bus mit Arbeitern vorbei – ringsum sind kleine Fabriken entstanden. Diesen Stadtteil bekommen die Kurgäste nie zu Gesicht – wenn aber doch, eilen sie schnell in die Ferienidylle zurück. Dem zu entkommen, waren sie ja zwei, drei Stunden mit dem Zug gefahren. Da müssen sie noch nicht einmal vom Hauptbahnhof aus vorbei, denn dieser Stadtteil existiert ganz für sich und hat seinen eigenen Bahnhof, ziemlich groß sogar, ein Gelände mit Güterschuppen und Rangiermöglichkeiten. Aber die Schnellzüge halten da nicht. Weder Wohngegend noch Industriegebiet kann man das nennen. Es gibt viele schmutzige Baulücken und hohe schwarze Außenmauern, einen Gasometer, einen großen Schornstein, eine Hauptstraße, die vor Lastwagen und Dreck vibriert. Die Geschäfte liegen vereinzelt an der Kreuzung zu Nebenstraßen. Ein Zeitungsladen, ein Lebensmittelgeschäft, Fish & Chips.

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Summer of Kult: Humphrey Bogart

Er ist neben Marilyn Monroe der Letzte aus der Reihe der „Unsterblichen“ Hollywoods und der Inbegriff des Kultstars schlechthin. In der ersten Staffel unseres Podcasts mit den amtlichen 42 Kultfilmen spielte er dreimal die Hauptrolle und wurde in zwei weiteren Filmen inhaltlich zum Thema gemacht und vor der Kamera parodiert. Im Podcast haben wir uns die Frage gestellt, was diese Filme wirklich bzw. heute noch taugen – wie wir das immer so machen. Und begonnen haben wir mit dem Film, dessen Kult selbst den der übrigen 41 – abgesehen vielleicht von der „Rocky Horror Picture Show“ – überstrahlt: „Casablanca“.
Umberto Eco meinte: „Wenn sich ältere Herren des Abends vor dem Fernsehgerät versammeln, ein Getränk in der Hand, dann kann es nur einen Film geben: Casablanca.“ Dieses launige Dichterwort wollen wir in unserem Rückblick auf die erste Staffel unseres Podcasts so nicht stehen lassen:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/summer-of-kult-humphrey-bogart

Tabak-Reklame von 1984

Wie man hin und wieder liest, kam Humphrey DeForest Bogart am 23. Januar 1899 zur Welt, ein Datum, dass von der Pressestelle seines Studios auf jenen Weihnachtsabend des selben Jahres umdatiert wurde, der heute in der Wikipedia steht. In der Nacht zum 31. Januar 1957 starb Bogart nach einem neunmonatigen Kampf gegen den Krebs. Zwei Jahre später drehte Jean-Luc Godard „Außer Atem“ – auch der inzwischen Kult und der erste von vielen Filmen, der Bogart als historische Figur zelebrieren.
Als Humphrey Bogart und Lauren Bacall heirateten, war er 45 und sie 18. Zur allgemeinen Überraschung war die Ehe glücklich und hielt.
Wenig erfolgreich war die erste Hälfte von Bogarts Karriere gewesen. Als Bühnen- und Filmschauspieler erntete er Verrisse und wurde von berühmteren Filmgangstern um die Ecke gebracht. Erste Aufmerksamkeit erregte er als Bösewicht in dem Stück „Der versteinerte Wald“, 1936 durfte er diese Rolle auch im Film spielen. Bevor er mit „Casablanca“ zum Mythos wurde, wurde er mit „Die Spur des Falken“ zum Star. Regie führte erstmalig John Huston, mit dem Humphrey Bogart befreundet blieb.

Neben den drei Kultfilmen der heutigen Präsentation gibt es noch einige andere, die beinahe ebenso kultig sind, vor allem „Der Schatz der Sierra Madre“ und „African Queen“ – beide von John Huston – und die Komödie „Wir sind keine Engel“ vom „Casablanca“-Regisseur Michael Curtiz. Der größte Kult aber umweht Humphrey Bogart selbst. Und am dichtesten wabert er, wenn Bogey denn unverstandenen Zyniker mit dem weichen Kern verkörpert. So auch im dritten und schrägsten Beitrag unseres Triptychons. Howard Hawks inszenierte „Tote schlafen fest“ und stellte ihm einmal mehr seine Entdeckung Lauren Bacall an die Seite. Wie wir wissen, ist sie dort geblieben. Bis zuletzt.

Wir wiederholen diese Gespräche aus der 1. Staffel:

Casablanca
US-Liebesdrama von 1943

Im Zweiten Weltkrieg ist Casablanca in Französisch-Marokko ein wichtiger Auswanderungshafen für europäische Flüchtlinge. Auf das heißersehnte Visum warten viele im „Café Americain“. Dessen Betreiber Rick Blaine ist zum Zyniker geworden, als ihn seine große Liebe Ilsa beim Einmarsch der Deutschen in Paris verlassen hat. Plötzlich steht ebendiese Ilsa bei ihm im Lokal und stellte eine haarsträubende Forderung: Rick soll Transitvisa beschaffen: für sie und ihren Geliebten Viktor. Wie ein jeder weiß, wird es zuletzt auf dem nebligen Flughafen zu einer weiteren Abschiedsszene kommen … und zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft … 

„Casablanca“ war ein aktuelles Zeitstück, das sich nahtlos zum klassischen Hollywoodfilm an sich wandelte, zu einem Schlagwort, das jeder kennt und einordnen kann. Selbst wer den Film nicht gesehen hat, benutzt Redewendungen und Satzbausteine wie „die üblichen Verdächtigen“ oder „Spiel’s noch einmal, Sam“. Humphrey Bogart und Ingrid Bergman wurden zum Inbegriff des romantischen Leinwandpaares und verdrängten ein anderes, ähnlich glückloses Liebespaar auf den zweiten Platz: Rhett und Scarlett aus „Vom Winde verweht“.

Die Spur des Falken / The Maltese Falcon
Amerikanisches Kriminaldrama von 1941

Die zwielichtige Brigid O’Shaughnessy beauftragt Privatdetektiv Sam Spade, einen Mann zu überwachen. Spade übergibt die Aufgabe seinem Partner Archer. Als der kurz darauf umgebracht wird, ahnt Spade, dass die Dame ihn belügt. Ein schmieriger Typ namens Joel Cairo klopft bei ihm an und bittet ihn, den „Maltester Falken“ aufzuspüren, eine wertvolle Statuette aus dem 16. Jahrhundert. Auch der feiste Mr. Gutman ist mit seinen psychotischen Handlangern hinter dem Vogel her. Und: Mrs. O’Shaughnessy …

Der klassische Detektivroman „Der große Schlaf“ von Dashiell Hammett war schon zweimal Verfilmt worden, doch das waren noch klassische Gangsterfilme gewesen. Mit John Hustons Umsetzung begann die Ära des Film Noir, deren wichtigste Typen und Topoi wir hiermit schon beisammen haben. Der allerwichtigste: sein Held, der furchtlose Einzelgänger.

Tote schlafen fest / The Big Sleep
Amerikanisches Kriminaldrama von 1946

Der greise General Sternwood wird erpresst. Privatdetektiv Marlowe erhält von ihm den Auftrag, seine aufmüpfige Tochter Carmen im Auge zu behalten: eine spielsüchtige Nymphomanin. Wie sich zeigt, hat sie aus verschmähter Liebe den Sekretär ihres Vaters getötet. Marlowe kann den Verdacht auf eine Verbrecherbande lenken. Doch dann entdeckt er, dass Carmens Schwester, die launische Vivian, mit den Herren in dunkle Geschäfte verwickelt ist. Nun ist der ganze Trickreichtum des Schnüfflers gefragt, um die Gangster gegeneinander auszuspielen. Nicht zuletzt, weil er sich für Vivian zu interessieren beginnt …

Weder Romanautor Raymond Chandler noch Regisseur Howard Hawks haben die Handlung dieses Drehbuchs wirklich verstanden. Umso stimmiger geriet die Atmosphäre des Films, in der Humphrey Bogart auch den zweiten großen Hardboiled Detective der amerikanischen Kriminalliteratur verkörpert: Philip Marlowe. Das Ergebnis gilt als Hauptwerk des Film Noir, einer Strömung, die bei uns nicht ganz korrekt „Schwarze Serie“ genannt wurde.

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Der neue Trip ins Almodoversum

betr.: Aktuelle Filmkritik

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/bitteres-fest

Im heutigen Podcast sprechen Monty Arnold und Volker Robrahn über:

Bitteres Fest
Drama von Pedro Almodóvar

Die Filmregisseurin Elsa hat sich zur Werbefilmerin verkleinert, führt aber insgesamt ein beneidenswertes Leben. Doch obwohl es sogar in der Beziehung läuft – ihr rücksichtsvoller, zärtlicher Lover, der Feuerwehrmann Bonifacio, ist eine Frauen- und Männerfantasie zugleich –, wird sie seit einiger Zeit von Panikattacken gequält. Sie könnten ihre Ursache in verschleppter Trauerarbeit haben: vor einem Jahr starb Elsas Mutter. In einer anderen Zeit in der gleichen Stadt arbeitet der erfolgreiche Autorenfilmer Raúl Durán nach überstandener Schreibblockade wieder an einem neuen Projekt: er erzählt darin Elsas Geschichte. Ist es außerdem die einer langjährigen Mitarbeiterin, die sich bei Raúl über den künstlerischen Identitätsdiebstahl beschwert?

Das Werk von Almodóvar begann mit pompösen, willensstarken, lebenslustigen Typen, die wir heute dem LGBTQ+-Milieu zurechnen können. Nach und nach hat er sich auf Portraits starker Frauen verlegt und die eigene alte Subkultur vernachlässigt. In „Bitteres Fest“ – im Originaltitel ist damit das Weihnachtsfest gemeint – führt er die beiden Welten wieder zusammen. Der Held Raúl erinnert an die Banderas-Figur in „Leid und Herrlichkeit“, der sie zum Verwechseln ähnlichsieht – und somit an Almodóvar selbst. Auch sonst erhält der Film viele vertraute Zutaten, Situationen und Gesichter. Kopiert sich der Meister nur noch selbst? Keineswegs.

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So siehst du aus! (6)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

John Williams (1922-1994)
Stoner

Hollis Lomax

Für den Rest des Sommers blieb Lomax eine mysteriöse Gestalt und das Objekt mancher Spekulationen seitens der fest angestellten Mitglieder des Fachbereichs. (…) Erst nach Abschluss der Einschreibung bekamen sie ihn auf einer Fachbereichssitzung am späten Dienstagnachmittag zu sehen. Betäubt von der Monotonie der letzten beiden Tage und doch angespannt von jener Aufregung, die stets mit dem Beginn eines neuen akademischen Jahres einhergeht, hatte der englische Fachbereich Lomax schon fast vergessen. (…) Ein leises Stimmengewirr erfüllte den Raum; Stuhlbeine scharrten über den Boden, und gelegentlich lachte jemand rau und viel zu laut. Gordon Finch hob die rechte Hand und hielt sie mit der Innenfläche dem Publikum entgegen; der Lärm legte sich ein wenig.
Jedenfalls wurde es so leise, dass alle im Saal hören konnten, wie hinten knarrend die Tür aufging und sich jemand mit auffälligem, langsamem Schlurfschritt über den nackten Holzboden näherte. Man wandte sich um; und das allgemeine Murmeln erstarb. Jemand flüsterte: „Das ist Lomax.“ Die Worte waren im ganzen Raum deutlich zu verstehen.
Er war durch die Tür getreten, hatte sie geschlossen, war einige Schritte über die Schwelle hinaus in den Saal gegangen und blieb nun stehen.
Er maß kaum einsfünfzig und war auf groteske Weise missgestaltet. Ein kleiner Buckel zog die linke Schulter bis zum Hals hoch; der linke Arm hing schlaff herab. Der Oberkörper war massig und eigenartig schief, weshalb er stets ums Gleichgewicht zu kämpfen schien; die Beine waren dünn, das steife rechte Bein zog er nach. Mehrere Augenblicke stand er da und hielt den blonden Kopf gesenkt, als inspizierte er die scharfe Bügelfalte seiner schwarzen Hose und die aufpolierten schwarzen Schuhe. Dann hob er den Kopf und riss in einer plötzlichen Bewegung den rechten Arm hoch, sodass die steife, weiße Manschette mit dem goldenen Manschettenknopf zu sehen war; in den langen, fahlen Fingern hielt er eine Zigarette. Er nahm einen tiefen Zug, inhalierte und blies den Rauch in dünnem Strom wieder aus. Erst dann konnte man sein Gesicht sehen.
Es war das Gesicht eines Leinwandhelden, lang, hager, lebhaft und stark ausgeprägt, die Stirn hoch und schmal mit vortretenden Adern, dazu dichtes, wallendes Haar von der Farbe reifen Weizens, in einer leicht theatralischen Tolle nach hinten gekämmt. Er ließ die Zigarette auf den Boden fallen, trat sie aus und sagte: „Ich bin Lomax.“ Dann schwieg er, die Stimme tief und voll, die Worte präzise, mit dramatischer Resonanz artikuliert. „Ich hoffe, ich störe Ihre Zusammenkunft nicht.“ 
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https://www.dtv.de/buch/stoner-25417

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Brandneu und wieder ganz der Alte

Für die aktuelle Filmkritik sahen Gniechel, Ronny Fanta und Monty Arnold den neuen Marvel-Film vorab:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/spider-man-brand-new-day

Spider-Man: Brand New Day
von Destin Daniel Cretton

Wie man sich erinnert, musste Peter Parker, indem er einen Deal einging, der alle Welt seine Geheimidentität vergessen ließ, auch seine Freunde und seine große Liebe MJ aufgeben.
Er ist wieder der aufopferungsvolle Superheld mit den Problemen von einst, lebt allein in einem Loft, schraubt an seinen Erfindungen und hat in Detective DeWolff eine dankbare Kollegin bei der Polizei. Die Bevölkerung New Yorks liebt ihn als Superhelden, doch er ist sehr einsam.
Ohne den Support der Avengers erhält er außerdem keine High-Tech-Updates für seinen Anzug mehr. Doch dann tritt eine Bedrohung auf den Plan, die auch das Wohlergehen seiner alten Freunde Ned und MJ betrifft, und Peter beginnt, mit den Konsequenzen seiner Entscheidung zu hadern.

Zu den Gaststars dieses Abenteuers, das allein noch genug Stoff für eine Fortsetzung hergegeben hätte, gehören Black Widow, Scorpion, Hulk bzw. Bruce Banner und der Punisher … Der Trailer zum neuen Marvel-Film, dem 4. Mit Tom Holland in der Titelrolle, setzte sich mit unglaublichen 718,6 Millionen Aufrufen in nur 24 Stunden an die Spitze der erfolgreichsten Film-Trailerpremieren aller Zeiten und ließ damit auch den bisherigen Rekordhalter „Deadpool & Wolverine“ mit knapp doppelt so vielen Aufrufen hinter sich. Der Titel des Fims spielt auf eine Story an, die 2008 von Autor Dan Slott und Zeichner Steve McNiven in „The Amazing Spider-Man #546“ begonnen wurde.

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Exilliteratur – einst und jetzt

Bei „Schreiben im Exil“ denken wir meist an das, was vertriebene deutschsprachige Autoren während der NS-Zeit im Ausland verfasst haben. In der Sekundärliteratur ist es eine Art Epochenbegriff („1933-45“). Mit zunehmendem zeitlichem Abstand hat sich der Begriff geweitet. Auch heute werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller vertrieben und müssen in anderen Ländern Zuflucht suchen, einige von ihnen in Deutschland. Deutschland hat die Position gewechselt.
Die Erfahrung des Exils weil jemand etwas schreibt, was den Machthabern nicht gefällt, ist fast so alt wie die Literatur selbst. Ovid soll von Augustus wegen eines Gedichts ans Schwarze Meer verbannt worden sein – und weil er wohl Kenntnis von Intrigen am kaiserlichen Hof erlangt hatte. (In der Exilliteratur wird immer wieder auf dieses historische Beispiel bezug genommen.) Im Fall von Dante hatte die Verbannung aus Florenz politische Gründe. Als die Machtverhältnisse sich änderten, stand er auf der falschen Seite.
Der Exilbegriff hat jedenfalls eine lange Tradition.
Erst im 20. Jahrhundert gab es in Europa Länder, die nicht nur einzelne Literaten verfolgten, sondern die unabhängige Literatur als solche: zuerst die Sowjetunion, dann das nationalsozialistische Deutschland, im Kalten Krieg schließlich die Diktaturen Osteuropas.
Für die Schreibenden ist das Schicksal der Vertreibung naturgemäß besonders folgenreich, bedeutet es doch oftmals auch den Verlust des Lesepublikums, gerade bei kleineren Sprachen. Es gibt offiziell vier „lucky languages“, vier Glückssprachen: Englisch, Französisch, Spanisch und Arabisch. Das sind Sprachen, die in mehr als zwanzig Ländern gesprochen werden.

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Das Lesen und seine Feinde

Im aktuellen „Spiegel“ wird unter der der Überschrift „Dumm gehört?“ über das Lesen an sich und über Fragen wie diese nachgedacht: macht es einen Unterschied, ob ich einen Inhalt selber lese oder mir in Form eines Hörbuchs zugänglich mache? Diese und all die anderen aufgeworfenen Fragen sind großartige Denkanstöße. Da macht es keinen Verdruss, wenn einige davon (etwa die oben genannte) nicht abschließend beantwortet werden.
Beim Lesen des Artikels fiel mir eine Textstelle aus dem uralten Sachbuch „Literarisches Leben in Deutschland“ wieder ein. Sie wurde zu einer Zeit formuliert, als die Glotze sich gerade vom Statussymbol zu dem wichtigen Möbelstück entwickelte, das sie bis zur Jahrtausendwende bleiben sollte: 1965. Eine Zeit, als es nur zweieinhalb TV-Programme gab, die zusammengenommen weit weniger als die 24 Sendestunden eines Tages ausgefüllt hätten – doch die wurden wichtig genommen.
Im besagten Buch wird auf einen damals populären Vorwurf geantwortet, der an unsere heutige Lage erinnert: die Annahme, das Fernsehen sei der Feind des Buches: »Gewiß wird auch die Lektüre erheblich reduziert. Aber ist das so schlimm? Es tut mir leid: ich kann im Bücherlesen an sich noch nichts Positives sehen. Es kommt darauf an, was gelesen wird. Gehen die Stunden, die der Mensch vor dem Apparat verbringt, den Werken von Thomas Mann, Camus oder Faulkner verloren? Oder vielleicht den ohnehin fragwürdigen Unterhaltungs- und Kriminalromanen, den Sensationsbüchern jeglicher Art? Schließlich wird in der Bundesrepublik vieles gedruckt, das weit gefährlicher ist als die schlechteste Sendung des Fernsehens.«
Man käme nicht darauf, wer das geschrieben hat: Marcel Reich-Ranicki.

Einerseits stimmen die Verhältnisse von vor 60 Jahren immer noch ungefähr (wenn inzwischen auch eine handwerkliche Schamlosigkeit herrscht, von der man damals schlicht keine Vorstellung hatte). Andererseits ist die schwindende Lesekompetenz, die auch im „Spiegel“-Artikel nicht unerwähnt bleibt, eine Sache, die alle trifft (… träfe …): den schlechten Krimi ebenso wie Mann, Camus und Faulkner.

Ich selbst lese mindestens so gern wie die Verfasser der genannten Quellen. Dennoch hätte ich nichts dagegen, mir häufiger vorlesen zu lassen, schon wegen meiner immer schlechter werdenden Augen. Leider ist das meistens gar nicht möglich. Und wenn, nützt es mitunter nichts. Einer meiner Lieblingsschriftsteller, Georges Simenon, wurde zuletzt im großen Stil eingelesen. Aber leider von Walter Kreye.

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Wohnwelten (20): Weimerer Feng Shui

betr.: So wohnen literarische Figuren

Im Sommer 1854 bricht der britische Schriftsteller George Henry Lewes nach Deutschland auf, um in Weimar und Berlin Material für eine Goethe-Biografie zu sammeln. Der verheiratete Lewes reist nicht allein, er wird von seiner Lebensgefährtin Mary Ann Evans begleitet, mit der er in damals skandalöser „wilder Ehe“ zusammenlebt. Diese 35-jährige Schriftstellerin wird später unter dem Pseudonym George Eliot mit „Middlemarch“ und „Die Mühle am Fluss“ bedeutende Romane des viktorianischen Zeitalters verfassen. Ihr Blick fällt auf ein Weimar, in dem August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Franz Liszt das Kulturleben prägen, während die Größen der deutschen Klassik schon als Statuen bewundert werden und ihre Wirkungsstätten beginnende museale Verehrung erfahren, in dem das Gesellschaftsleben ungezwungener und das Essen gehaltvoller ist als in England. In Eliots „Zu Gast in Weimar“ werden Schiller und Goethe selbst zu literarischen Figuren.

„Hier wohnte Schiller“ steht über der Tür eines kleinen Hauses mit Bogenfenstern. Im zweiten Stock sieht man Schillers Arbeitszimmer, das noch fast so aussieht wie zu der Zeit, als er darin tätig war. Es ist ein freundlicher Raum mit drei Fenstern – zwei davon Richtung Straße und eines mit Blick auf einen kleinen Garten, der sein Haus von dem des Nachbarn trennt. Der Schreibtisch, den er in seinen Briefen als wichtige Anschaffung erwähnt – in einer Schublade verwahrte er faulige Äpfel wegen ihres Geruchs –, steht nah am letztgenannten Fenster, so dass das Licht auf seine linke Hand fiel. Auf einer anderen Seite des Zimmers steht sein Klavier. Darauf liegt seine Gitarre, und darüber hängt ein hässlicher Druck einer italienischen Landschaft.  Ein zweiter, ebenso hässlicher, hängt an einer anderen Wand. Es war ein seltsames Gefühl für mich, die Finger über die Tasten des kleinen Klaviers streifen zu lassen und Töne hervorzubringen, die jetzt so sonderbar und schwach klingen wie die einer invaliden alten Frau, deren Stimme einst das Herz höher schlagen ließ oder sein zorniges Pochen besänftigen konnte. Das Bett, auf dem Schiller starb, steht jetzt im Arbeitszimmer und nicht mehr in dem Schlafzimmer dahinter, das nun leer ist. Neben dem Kopfende des Bettes steht ein kleiner Tisch mit seinem Trinkglas, und an der Wand über dem Bett hängt eine wunderschöne Skizze, die zeigt, wie er tot daliegt.

Goethes Haus sieht viel wichtiger aus, aber für englische Augen keineswegs wie die palastartige Residenz, die man nach den Beschreibungen deutscher Autoren erwartet. Die Eingangshalle ist wirklich imposant mit ihren Statuen in den Nischen und der breiten Treppe. Aber der Rest des Hauses ist nicht allzu geräumig und elegant. Der einzige Teil des Hauses, der Besuchern zugänglich ist, und das nur freitags, sind die Zimmer mit seinen Sammlungen von Gipsabgüssen, Bildern, Gemmen undsoweiter. Diese Sammlung ist höchst unbedeutend – abgesehen davon, dass sie ihn gehörte -, und man wendet sich von schlechten Bildern und vertrauten Gipsfiguren ab, um sich in das Manuskript der wunderbaren „Römischen Elegien“ zu vertiefen, die er selbst in Distichen verfasst hat.
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https://www.bertuch-verlag.com/produkte/zu-gast-in-weimar/

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Summer Of Kult: Sean Connery

In der 2. Folge von „Summer Of Kult“, unserer Sommerpause, werden drei Gespräche zusammengestellt, die alle keine „Kultfilm-Azubis“ behandeln, sondern Filme, die traurigerweise gar keinen Kult generiert haben. Die Collage im heutigen Podcast kann, wer möchte, auch unserer dritten Staffel zurechnen, die mit den „Kultfiguren“. Sie hätte unsrem heutigen Hauptdarsteller sicher zugesagt: einem Mann, den wir ausdrücklich nicht darauf reduzieren, dass der er der Erste war, der im Kino James Bond gespielt hat:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/summer-of-kult-sean-connery

Zwischen seinem ersten Auftritt als 007 (1962) und seinem nachträglichen letzten (1983), der bereits die Züge der Parodie trug, hat der aus armen Verhältnissen stammende schottische Schauspieler Sean Connery seine Projekte danach ausgesucht, dass sie sich als Gegendarstellung zu seinen Agenten-Abenteuern verstanden, als Auflehnung gegen seinen größten Erfolg. Das Ergebnis war ein in jeder Hinsicht wechselvolles, aber hochinteressantes Repertoire, das eine gründliche Retrospektive verdient hätte. Aus dieser spannenden Schaffensphase des Anti-Bond betrachten wir heute drei Filme, die wir in der 2. Staffel des Podcasts als „Pyramid Frolics“ präsentiert haben.

Sean Connery alterte schnell, komplett mit Haarausfall. Abseits seiner Tätigkeit als 007 zeigte er das offen und freute sich über alles, was ihn optisch davon trennte. Nach Möglichkeit vermied er es, ein Toupet zu tragen. Vielleicht hat er auch aus diesem Grund – ähnlich wie sein Kollege Burt Lancaster – so früh damit begonnen, Altersrollen zu spielen.
Unsere drei Filme zeigen ihn in drei Image-Phasen: als den schneidigen Filmstar der frühen 60er und als den prächtigen alten Löwen, den er ab Mitte der 70er Jahre bis zuletzt gestalten sollte. Dazwischen sah er für kurze Zeit wie ein gewöhnlicher Mann Anfang 40 aus.
Einen so alltagsgrauen Sean Connery wie in unserem zweiten Film hat das Publikum niemals vorher und nie mehr danach zu Gesicht bekommen.

Die Strohpuppe / Woman Of Straw
Britischer Thriller von 1963

Der Millionär Charles Richmond tyrannisiert seine Mitwelt vom Rollstuhl aus: er quält seine schwarzen Bediensteten, die er schlechter behandelt als seine Hunde, und demütigt seinen Neffen Anthony, einen bei ihm angestellten Lebemann, dessen Vater er in den Selbstmord getrieben hat, um sich die Mutter zu angeln. Nun ist auch sie nicht mehr am Leben, und Anthony sinnt auf Rache. Er engagiert die ahnungslose Italienerin Maria, um sie für sein Komplott zu benutzen …

Die James-Bond-Produzenten verbaten Sean Connery, pro Jahr mehr als einen weiteren Film zu drehen, was seinen Hass auf die 007-Rolle schürte und ihn von Anfang an zu einer vielseitigen Rollenwahl antrieb. Basil Dearden ließ ihn an der Seite von Gina Lollobrigida und dem Altstar Ralph Richardson seine bis zuletzt fieseste Rolle verkörpern.

Sein Leben in meiner Gewalt / The Offence
Britisches Drama von 1972

Seit genau zwanzig Jahren dient der ehrgeizige Sergeant Johnson glanzlos im Polizeidienst Ihrer Majestät. Der andauernde Blick auf Dreck und Gewalt bereitet ihm ein Gefühl der Sinnlosigkeit, seine Ehe ist am Ende. Nun treibt ein Kinderschänder sein Unwesen. Als ein Verdächtiger aufgegriffen wird, will Johnson an ihm ein Exempel statuieren. Er vernimmt ihn allein, was gegen die Vorschrift ist. Als der Mann ihn verhöhnt und allzu tief in seine Seele blickt, brennt bei dem frustrierten Beamten die letzte notdürftige Sicherung durch. Er prügelt den Verdächtigen zu Tode und wird nun selbst Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens …

1971 ließ sich Sean Connery noch einmal rumkriegen, die ihm verhasste Rolle des James Bond zu spielen. Zur Belohnung mussten ihm United Artists zwei persönliche Projekte finanzieren, die sich als 007-Gegendarstellung verstanden. „The Offence“, basierend auf dem John-Hopkins-Drama „Diese Geschichte von Ihnen“, brachte in Deutschland nicht einmal die Synchronisations- und Kopierkosten wieder herein, in Frankreich fand er keinen Verleih, und insgesamt war er ein solcher Misserfolg, dass man von Connerys zweitem Entschädigungs-Projekt nie etwas gehört hat.

Der Mann, der König sein wollte / The Man Who Would Be King
Amerikanische Literaturverfilmung von 1975

Indien 1882: als Beschmutzer der Ehre ihrer Krone sollen die abgemusterten britischen Soldaten Danny Dravot und Peachy Carnehan eigentlich in den Knast. Doch die Fürsprache eines Logenbruders ermöglicht es ihnen, ins ferne Kafiristan zu ziehen, um ihr Glück zu machen. Dort, wo man seit Alexander dem Großen keinen Weißen mehr zu Gesicht bekommen hat, schlummern sagenhafte Reichtümer.
Am Ziel einer strapaziösen Reise helfen die fröhlichen Taugenichtse dem Bürgermeister eines Bergdorfes beim Kampf gegen die benachbarte Stadt, und durch einen Zufall gerät Danny dabei in den Ruf der Unsterblichkeit. Man erklärt ihn zum Gott und krönt ihn zum König.
Peachy möchte am liebsten so schnell wie möglich die Reichtümer zusammenraffen, die man ihnen nun zu Füßen legt, und in die Heimat zurückreisen. Doch Danny hat längst Gefallen an der Verehrung gefunden, die ihm entgegenschlägt, und träumt davon, ein Großreich zu gründen. Er überredet Peachy, noch zu bleiben, bis er eine schöne Eingeborene geehelicht hat. Ein fataler Fehler …

Der Erstling von Regisseur John Huston war der Film-Noir-Klassiker „Die Spur des Falken“ – wir behandelten wir in unserer ersten Staffel „Alle 42 Kultfilme“. Für ein knappes halbes Jahrhundert blieb er eine der respektiertesten und gefeiertesten Persönlichkeiten des US-Kinos und bespielte souverän alle dramatischen Genres.

Nächste Woche: Kultstar Humphrey Bogart im Spiegel unserer ersten Staffel „Alle 42 Kultfilme“

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