Da lacht das Maschinchen

Schon seit den frühen Tagen des US-Fernsehens wurden komödiantische Serien mit Lachern aus der Konserve, der sogenannten „Laff-Box“, abgemischt. Sogar die Zeichentrickserie „The Flintstones“ (1960-66) war mit Gelächter versehen, das allerdings klang wie durch eine schlechte Telefonleitung und in der deutschen Fassung gottlob fehlte („Familie Feuerstein“, ab 1965). Diese uralten Lach-Tracks wurden noch lange verwendet, bis man in den 70er Jahren damit begann, Sitcoms tatsächlich unter Theaterbedingungen aufzuzeichnen, den stolzen Schriftzug „filmed before a live studio audience“ vorschaltete und die tatsächlichen Reaktionen ggf. verstärkte.
Erst seit Mitte der 80er Jahre, mit dem Aufkommen unseres Privatfernsehens, gehört diese klangliche Ergänzung auch bei uns generell mit dazu und ist gewissermaßen der Markenkern dieser Art von TV-Format.

Was ist davon zu halten? Der Filmjournalist Volker Bleeck hat es ausprobiert: auf YouTube sah er sich Clips zeitgenössischer Sitcoms wie „Young Sheldon“ ohne das ständige Konservengelächter an und kam zu dem Ergebnis: „das funktioniert überhaupt nicht!“ Dennoch bin ich sicher, er hat wie wir alle schon vor dem Fernseher gesessen und das Gackern nach jeder einzelnen Dialogzeile mindestens als nervtötend, vielleicht sogar als idiotisch empfunden.

Als jemand, der seit „Eine schrecklich nette Familie“ („Married With Children“, 1987-97) und „Family Guy“ (seit 1999) keine Sitcom mehr wirklich komisch fand, bin ich wohl nicht repräsentativ (vielleicht auch nur ehrlicher zu mir selbst).  Jedenfalls erfüllt es mich mit Dankbarkeit, dass die Trickserie „Family Guy“ in der deutschen Fassung nicht belacht wird – und trotzdem funktioniert; ebenso meine klassische Lieblings-Sitcom „Männerwirtschaft“ („The Odd Couple“, 1970-75, bei uns ab 1972), die ab der 2. Staffel vor Publikum hergestellt wurde.
Bei Al Bundy haben mich die Lacher abseits grundsätzlicher Vorbehalte nicht gestört, weil ich die Gags wirklich komisch fand und die Serie in einer theaterhaften Kulisse spielte. In diesem Fall, wie auch bei „Cheers“ (1982-93) oder „Golden Girls“ (1990-94), ist es mir möglich, das Publikum als Teil der Inszenierung zu akzeptieren. Wo das Gelächter bei „Seinfeld“ (1989-98), der abgesehen von den einführenden Stand-Up-Auftritten in verschiedenen Locations agiert, herkommen soll, bleibt eines der großen Rätsel Hollywoods. Mir wäre diese Serie auf Deutsch ohne das Lach-Track definitiv zugänglicher gewesen, auch weil ich sie in ihren besten Momenten allenfalls zum Schmunzeln fand.
Das scheint mir überhaupt das Problem zu sein. Die meisten Gags der allermeisten Serien, auch viele gute, rechtfertigen die hysterischen Reaktionen einfach nicht.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Von einem Freund

Ein Gastbeitrag von Sebastian Krämer

Es reißt nicht ab und läßt nicht nach – Geheim-Pop-Phänomen Stefan Ebert „fragt für einen Freund” im Verlängerten Wohnzimmer

Sechs Jahre ist es her, daß der Filmemacher Danny Boyle in „Yesterday” das Märchen von einem Singer-Songwriter erzählte, der in einer Welt, die plötzlich keine Beatles mehr kennt, der einzige ist, der sich an sie erinnert und daher mit einem Piratenschatz von Songs prassen kann, der Menschen jeden Alters und jeder Gesellschaftsschicht sofort geschlossen auf ihn aufmerksam macht und ihm phänomenalen Ruhm beschert. Und das eben war das Märchen: daß man nur die genialsten Songs haben muß und sofort ein Weltstar ist, als verliefe Erfolg erwartbar proportional zu nachweislicher „Qualität” …

Die Wirklichkeit, was diesen Punkt betrifft, ließ sich gestern Abend im Verlängerten Wohnzimmer in Berlin Friedrichshain an der Frankfurter Allee ermitteln. Da stand der Mann, der mindestens sieben erfolgreichsten Bands aus drei Paralleluniversen ihre größten Hits geklaut hat, vor einer kleinen mitgrölenden Fantruppe (zum größten Teil aus nicht ganz neidfreien Kollegen), die das „schmale Handtuch”, wie es früher hieß, gerade mal so eben zu füllen vermochte. Keine Stadien, keine Groupies, keine Tourneen, noch nicht mal ein ordentliches Album weist Stefan Ebert vor. Anstelle einer Karriere hat er einfach seine geilen Songs gemacht – einen nach dem anderen, so, wie er sie jetzt auch präsentiert. 

Jeder einzelne davon hätte Potenzial, einen auch nur ein wenig geltungssüchtigeren Sänger auf so manches Treppchen zu hieven, vielleicht in einer etwas anderen Zeit, den Neunzigern oder Nullern beispielsweise, als erst die eigentlich bereits aufgelösten alten Ärzte für Punkrock, dann Wir sind Helden für Deutschpop Standards setzten und dabei vor allem das Etikett „gute Texte” für sich beanspruchten. 

Aber wer Stefan erlebt, mit seinem viehischen Groove, seinem dezent ekstatischen Gesang, der zwischen Minimalismus und komplexem Rhythmus-Spiel perfekt austarierten E-Gitarre, immer unter Strom, aber nie auf Kosten der Dramaturgie zu sehr ausflippend, merkt, was „gute Texte” wirklich sind: solche, die all dem nur das I-Tüpfelchen, den sanften Ritterschlag versetzen – ganz ähnlich eben wie bei den Beatles, wo sich nie sagen läßt, ob die eigentliche Songidee nun im Text oder der Musik besteht, weil die perfekte Einheit aus beidem das bis heute Erstaunliche ist.

Hauptunterschied: daß sich Stefans Songs eben nicht auf den Portalen des Internets in tausend Versionen stapeln. Um ihre Wucht zu erleben, muß man der kleinen Gemeinde beitreten, die dem unprätentiösesten aller Popstars ohne jede Nebenabsicht in sein jeweiliges Auftrittswohnzimmer folgt. Und alle singen von Anfang bis Ende mit (der Autor dieser Zeilen bildet da keine Ausnahme), nicht nur, falls man das Lied bereits kannte. Diese Refrains verstehen sich bereits beim Kennenlernen fast von selbst, vertreten gleichsam achselzuckend das Ideal des wahren Klassikers: frei erfunden, aber bitte so, als wär’s schon immer da gewesen.

Was Bernd Begemann stets gesucht hat, aber durch seine Affektiertheit weit verfehlte, was Heinz Rudolf Kunze manchmal streifte, aber an den Intellekt wieder verlor, was Udo Lindenberg dringend hätte gebrauchen können, um nicht in Selbstkarikatur zu ersaufen – das hat Stefan Ebert: lauter triumphale Songs auf Deutsch, schlagend wie Argumente, die sofort einleuchten und sogar mich ein paar unreine Reime gern verzeihen lassen, keine Fabergé-, dafür Kolumbus-Eier, ergreifend einfach, schmucklos und schön, glänzend aufgebaut, mit wenigen aber genialen Chord-Überraschungen die schamlose Eingängigkeit auf die Spitze treibend und garantiert ohne ein Wort zu viel. 

Das betrifft auch die Ansagen, die er selbstredend kurz hält, „um mehr Lieder spielen zu können”. Mehr als zweimal gönnt er uns selten einen Schlußrefrain, auch das würde diesen Getriebenen zu sehr aufhalten. Und es reißt nicht ab und läßt nicht nach. Wo andere Zeit schinden, damit die Spärlichkeit des Oeuvres nicht allzu sehr auffällt, wirft dieser Mannheimer mit Perlen nur so um sich und hat, wie sich herausstellt, immer noch Ersehntes für die Zugaben zurückgehalten.

Sein wohl nachdenklichster Song droppt die Hookline: „Ich frag‘ für einen Freund”, während wir natürlich längst wissen, daß er selbst dieser Freund ist mit den langen Haaren um das dauerlachende Gesicht, dem T-Shirt und der roten Hose einfach ein „guter Dude (weißt du, wie gut das tut!)” einerseits – andererseits in seiner Meisterschaft genauso einsam wie die populärsten unserer Ikonen …

Ich hatte meinen Sohn (Anfang 20) mit zum Ort des Geschehens geschleift. Auf dem Rückweg sprach er nicht viel, um zuhause direkt in seinem Zimmer zu verschwinden und zur Gitarre zu greifen. Das sagt doch schon alles, oder?

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Atlanta on her mind

betr.: 125. Geburtstag von Margaret Mitchell

Die herrliche laienverträgliche Anekdote, nach der Margaret Mitchell ihren Klassiker „Vom Winde verweht“ geschrieben habe, um sich von einem verstauchten Fußknöchel abzulenken, entlarvt sich schon daran, dass ein so umfangreiches Werk sich in einer solchen Genesungsphase nicht ansatzweise unterbringen lässt. Die Autorin hat zwölf Jahre daran gesessen und will unterdessen „viele andere Romane, an denen ich inzwischen gearbeitet habe, vernichtet“ haben. Nach allem, was wir wissen, nahm sie die Arbeit auf Anraten ihres Mannes auf, als sie wegen eines Autounfalls längere Zeit das Bett hüten musste. Auf diese künstlerische Betätigung hatte sie u.a. ihr Beruf als Reporterin vorbereitet, den sie ab 1922 beim „Atlanta Journal“ ausgeübt hatte: „Atlanta im Staate Georgia ist meine Heimat. Meine Vorfahren haben seit Generationen in den Südstaaten gelebt, als Baumwollpflanzer, Rechtsanwälte und Methodistenprediger. Sie haben im Bürgerkrieg und vielen anderen Feldzügen mitgekämpft. Mein Vater ist Rechtsanwalt und gilt als Autorität in der Geschichte Georgias und der Südstaaten. Ich wollte Medizin studieren, aber meine Mutter starb früh, und so musste ich meinem Vater den Haushalt führen. Nebenher verfasste ich für eine Atlanter Zeitung Berichte und Kurzgeschichten.“
Was Mitchell im Krankenbett niederschrieb, waren zunächst Erinnerungen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, die sie als Kind gehört hatte. Sie flossen bald zu einem Romanprojekt zusammen, das 1936 schließlich veröffentlich wurde. Nach einem Tag soll „Gone With The Wind“ bereits ausverkauft gewesen sein. Als Margaret Mitchell im Sommer 1949 starb (wiederum ein Unfall, sie wurde auf dem Weg zu einem Kinobesuch überfahren), war es in 40 Ländern erschienen, in 30 Sprachen übersetzt und acht Millionen mal verkauft worden, gar nicht zu reden von der Verfilmung, die 1939 herauskam und ein ebensolcher Erfolg wurde.

Margaret Mitchell waren soldatische Tugenden nicht fremd. Finis Farr beschreibt 1967 in „Margaret Mitchell Of Atlanta – The Author of ‚Gone With The Wind‘“ die Disziplin der zurückhaltenden Lady bei einer der Feierlichkeiten zur Premiere des Films in ihrer Heimatstadt, einem mehrtägigen Volksfest: „Irgendjemand zog einen Stuhl in genau dem Augenblick zurück, als sich der Ehrengast daraufsetzen wollte. Miss Mitchell (sic!) stürzte und verletzte sich die Wirbelsäule. Sie machte kein Aufhebens davon und hielt bis zum Ende des Essens aus, aber als sie in ihre Wohnung zurückkehrte, hatte sie heftige Schmerzen. Dabei war Margaret in diesen Tagen ohnedies von Schmerzen geplagt, über die nur ihr Arzt und ihr Mann bescheid wussten, denn sie litt an Unterleibsverwachsungen, die unbedingt operiert werden mussten. Doch sie hatte diese Operation von Monat zu Monat verschoben – genauso wie Selznick die Premiere von ‚Vom Winde verweht‘, weil sie fand, sie sei es Atlanta schuldig, dabeizusein.“

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Kultfilm Azubis: Heimatfront und Schattenreich

In bedrohlichen Zeiten wollen wir in unserem Podcast heute zwei Filme in Augenschein nehmen, die davon handeln, dass sich reale Menschen in der Spätphase des Krieges aus der Geschichte stehlen, hinein in eine Allegorie, in eine phantastische Parallelwelt:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/pans-labyrinth-und-andere-tueren-ins-schattenreich

A) Pans Labyrinth / El laberinto del fauno
Spanischer Fantasy-Horror-Thriller von 2006

Der spanische Bürgerkrieg ist mit dem Sieg von Francos Faschisten zuendegegangen, der Zweite Weltkrieg tritt in seine letzte Phase ein. Die kleine Ofelia zieht mit ihrer schwangeren Mutter Carmen zu ihrem neuen Stiefvater. Der brutale Hauptmann Vidal hat in den nordspanischen Bergen einen Stützpunkt in einem Mühlenhof errichtet, um die Rebellen zu jagen, die sich in den Wäldern verstecken. Ofelia, die er mit noch größerer Verachtung straft als alle übrigen Menschen in seinem Umfeld, wird von einem hoch- und bocksbeinigen Fabelwesen in einen Brunnen gelockt, der durch ein Labyrinth vom Grundstück getrennt ist. Der Faun sieht in den Mädchen die Thronfolgerin eines unterirdischen Märchenreiches. Er will sie aber auf die Probe stellen, ehe er sie dorthin mitnimmt …

Der Mexikaner Guillermo del Toro ebnete sich mit seiner opulenten Mischung aus Kriegs- und Märchenfilm den Weg nach Hollywood. Mit seiner sattfarbigen, aufwendig retuschierten Bildästhetik veränderte er den Look des Mainstreamkinos nachhaltig. Trotz seiner angesichts von Sujet und Hauptfigur hohen Altersfreigabe brachte es der Film auf ein weltweites Einspielergebnis von 83,9 Millionen US-Dollar und performt seither prächtig in den Heimkinos.

B) Zwischen zwei Welten / Between Two Worlds
Phantastisches US-Melodram von 1944

Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Londoner Flüchtlinge ist glücklich, dem deutschen Bombenhagel entkommen zu sein und sich auf einem Dampfer zu befinden, der sie nach Amerika bringen soll. Ihre Erleichterung ist so groß, dass ihnen ein paar Merkwürdigkeiten zunächst nicht auffallen. So ist das einzige Besatzungsmitglied ist ein älterer Steward, der ihren Fragen ausweicht und sie immer wieder ermuntert, es sich bequem zu machen. Einzig ein Paar junger Selbstmörder ahnt, was hier gespielt wird: die Reise führt nicht über den Atlantik, sondern über den Styx – geradewegs ins Totenreich …

„Zwischen zwei Welten“ ist wie der Kultfilm und Klassiker „Casablanca“ ein Liebesdrama der Warner Brothers aus der Kriegszeit, das von ihm zwei wichtige Nebendarsteller übernimmt. Das zentrale Liebespaar – Paul Henried und Eleanor Parker – ist etwas blass, umgibt sich jedoch mit einem wahrhaft malerischen Ensemble. „Outward Bound“, das zugrundeliegende Theaterstück von Sutton Vane, stammt von 1923 und profitiert davon, dass es in die Gegenwart der Filmadaption übertragen wird: den zweiten Weltkrieg.

In der nächsten Woche begrüße ich meinen Kollegen Dieter Landuris vom Podcast „Die Guten von gestern“ zu einem TV-Special. Wir sprechen über die legendäre Nazi-Folge aus der Serie „Raumschiff Enterprise“ und begeben uns mit Jacques Tourneur in die „Twilight Zone“.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Nature Writing

Diese literarische Aufarbeitung der Natur boomt auch im deutschsprachigen Raum, ist jedoch ein sehr altes Genre. Persönliches mit Natur zu verknüpfen, ist ein Markenzeichen des „Nature Writing“. So durchschwamm die kanadische Autorin und Vierjahreszeiten-Schwimmerin Jessica J. Lee die Seen Berlins und berichtete über die stabilisierende Qualität dieser Unternehmung in „Mein Jahr im Wasser. Tagebuch einer Schwimmerin“ (2017). Und der Oxford-Professor Charles Foster erzählt in „Der Geschmack von Laub und Erde – Wie ich versuchte, als Tier zu leben“ (2018) von einem radikalen Selbstversuch, der ihm auch verriet, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Das Konzept stammt aus den USA, wo Henry David Thoreau (1817-62) ungewöhnlicherweise die Natur zur literarischen Hauptfigur machte, insbesondere in seinen Tagebüchern. Darin legte er ellenlange Listen etwa über Apfelsorten an, ihr Vorkommen und ihre Charakteristika. Sein berühmtestes Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“* hingegen ist mehr Pamphlet als Literatur. 1845-47 lebte der Autor für zweieinhalb Jahre allein in einer selbstgebauten Hütte am Walden-See in Massachusetts. Er praktizierte die große Verweigerung und inspirierte damit die amerikanische Bürgerrechtsbewegung und Generationen von Aussteigern. Menschen auf Sinnsuche fasziniert er bis heute. („Ökonomie“ heißt das erste und zugleich grundlegende Kapitel, in dem er von den Motiven berichtet, die ihn zum radikalen Schritt in die Einsamkeit gebracht haben.) Thoreau war einer der ersten großen Visionäre eines „anderen“ Amerika.
Eine andere wichtige Vertreterin des Genres ist die US-Amerikanerin Josephine Johnson (1910-1990), bis heute die jüngste Trägerin des renommierten Pulitzer-Preises. Sie bekam ihn 1935 mit 24 für ihren ersten Roman „Novemberschwestern“ („Now In November„, 1934). Schon dieser Roman über eine Farmersfamilie während der Großen Depression gibt der Natur ein Gewicht, macht sie neben den Figuren zur gleichberechtigten Protagonistin. Johnson veröffentlichte ein weiteres Dutzend Bücher, die alle vergriffen sind.1969 machte sie noch einmal Furore. Sie und ihr Mann hatten beschlossen, ihre Farm an die Natur zurückzugeben. Was sich dann abspielte, beobachtete die Autorin ein Jahr lang. „Ein Jahr in der Natur“ („The Inland Island„) ist ein Meilenstein des Nature Writing.**

Unabhängig von den genannten Klassikern hat der französische Naturforscher Jean-Henri Fabre im Rahmen eines privaten Experiments, das 1879 begann, mit seinen viele Bände umfassenden „Souvenirs Entomologiques“ die Verhaltensforschung und die Ökophysiologie begründet und wurde sogar für den Literaturnobelpreis erwogen.***

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* Hier als Lesung in Fortsetzungen: https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:af7c1fa8e64451ab/
** Josephine Johnson. Ein Jahr in der Natur. Deutsch von Bettina Abarbanell. 276 Seiten. Die Andere Bibliothek / https://www.srf.ch/audio/passage/josephine-johnson-pionierin-des-nature-writing?id=AUDI20251031_NR_0003
*** Siehe dazu https://blog.montyarnold.com/2014/12/21/schatzmeister-silberfisch/

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Brandmauer Vierte Wand

Tom Stoppard wird das Experiment zugeschrieben, er habe ein Telefon auf der leeren Bühne so lange klingeln lassen, bis ein Mensch im Parkett die Nerven verlor, hinaufstieg und abhob.
Das ist psychologisch interessant, missachtet aber meinen privaten Ekel davor, im Zuschauerraum sitzend (mit bezahlter oder spendierter Eintrittskarte in der Tasche), an der Vorstellung gestaltend teilnehmen zu müssen. Ich habe sogar den Verdacht, das empfindet im Grunde jeder so, aber wenn man schon als gesichtslose Masse im Finsteren zusammensitzt, fällt es leicht, sich auch wie eine Herde zu benehmen. Wer da oben zu irgendetwas auffordert, der kann auf Gehorsam und Unterstützung zählen.
Selbst von mir geschätzte Humor-Solisten, quatschen gern mit einzelnen Zusehern oder fordern den Saal auf, irgendwas mitzusingen – mir graust davor.
Der erste Grund für mein unkooperatives Verhalten, der mir selber einfällt, ist dieser: ich bin gekommen, um etwas geboten zu bekommen, nicht um zu arbeiten. Dass ich zuweilen auch oben gestanden habe, macht mir die Sache nur umso plausibler, denn dort oben will ich mir umgekehrt keine wohlmeinenden Amateure dazwischenfunken sehen.

Der Autor, Kritiker und „Theater heute“-Kolumnist Georg Hensel fühlt wie ich, nennt aber einen ebensowichtigen anderen Grund zuerst: „Ich gehe nicht ins Theater, um mich Zufälligkeiten wie den Einfällen meiner Nachbarn oder der Mimen auszusetzen, dafür gibt’s Quiz im Fernsehen: mein Leben besteht aus ungeprobten Szenen, auf der Bühne sind sie mir zuwider.“
Aus dem selben Grund habe ich auch unter der in den 90er Jahren einsetzenden Mode gelitten, Laien in (täglichen) Talkshows, Quiz-Formaten und sogenannten Doku-Soaps zum Thema zu machen und agieren zu lassen. Die Sender mögen das, weil es so billig ist, und ein Teil der Zuschauer macht es mit, weil er glaubt, sich daran gewöhnen zu müssen. Der weitaus größere Teil des Publikums (ich auch) ist abgewandert und findet das Fernsehen inzwischen insgesamt doof.

Hensel tritt aber auch dem Vorurteil entgegen, es gäbe in den Sitzreihen nicht ohnehin genug zu tun.
„Einem Schauspieler abzunehmen, er vertrete den Hamlet, das ist schon eine starke Zuschauer-Leistung. Die aktive Rolle des passiven Konsumenten besteht darin, dass er sich etwas vorspielen lässt und ein bisschen darüber nachdenkt, das ist fast mehr als genug.“ Den Profis rät er: „Beschäftigt nicht ihre Beine, beschäftigt ihren Kopf!“

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Der John-Wayne-Effekt am Mikrofon

betr.: Vorbilder

In seinem 1982er Kurzfilm-Manifest über das falsche Spiel in den westdeutschen Filmen jener Zeit beschreibt Michael Klier, was Hollywood – mit dessen Filmen er aufwuchs – besser machte. Und wie sich das nach dem Film körperlich anfühlte: „In die Schauspieler verliebte man sich, in Gary Cooper oder James Dean, sie ahmte man nach, wenn man aus dem Dunkel des Kinos in den Alltag zurückmusste.“ Die Erklärung für dieses Phänomen, das er schon damals für erloschen hielt, fand er beim poetischen Theoretiker Béla Balácz: „(…) sie stellten immer den selben Menschen dar, sich selbst. Denn in ihrer Wirkung dominierte die körperliche Erscheinung. Sie tauchten als alte Bekannte in ihren neuen Filmen auf, und nicht sie nahmen das Antlitz der Rolle an, sondern umgekehrt. (…) das Publikum liebte nicht ihre Gestaltungskunst, sondern sie selbst, den Zauber ihrer Persönlichkeit. Freilich – auch die Fähigkeit, diese auszudrücken, ist Kunst.“
Ich habe dieselbe Star-Generation – mit ähnlicher Anteilnahme – vor dem Fernseher bewundert. Ich weiß nicht, ob man meiner Art, mich zu bewegen, ansehen konnte, wem ich gerade zugesehen hatte, wenn ich aus dem Wohnzimmer kam. Aber mit mir passierte das Beschriebene auf der akustischen Ebene. Und das ist noch heute so. Ich war und bin von der damaligen Synchronkunst in Bann geschlagen, ich denke mit den Stimmen von Martin Hirthe, Friedrich Joloff und Holger Hagen oder (ganz besonders) Friedrich Schoenfelder und Erik Ode, wenn ich sie in einem Film gehört habe. Ich imitiere ihr Idiom in den Selbstgesprächen, die ich in den folgenden Stunden führe, um meine Sprache zu schärfen. Und wenn ich beruflich einen Text zu lesen habe, der vom Typ her zu einem von ihnen passt, dann identifiziere ich mich mit seinem Sound. Das geschieht nicht im Sinne einer Parodie und auf einer Ebene, die man auf der Aufnahme nicht hört. Aber es leitet mich da hindurch wie ein Geländer, das ich jederzeit loslassen und wieder ergreifen kann. Es ist wie Magnetismus.

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Tierhaargespräche

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