Kultfim Azubis: Mitgeschnackt

Bei uns im Norden spricht man von Mitschnackern, wenn es um Leute geht, die andere zu etwas überreden, was denen von Anfang an reichlich beknackt vorkommt – und hinterher erst recht. Ein populärer lustiger und ein vergessener tragischer füllen den heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/ferris-macht-blau-toedliche-entscheidung

A) Ferris macht blau / Ferris Bueller’s Day Off
Highschool-Komödie von 1986

Ferris ist der Liebling seiner Mitschüler und ein Meister im Vortäuschen von Krankheiten, um nicht zum Unterricht erscheinen zu müssen. In seinem letzten Jahr an der High School will er das Jubiläum von zehn erfolgreichen Schulschwänzungen vollmachen. Er überredet seinen Freund Cameron – einen braven, ehrlichen Hypochonder – zu einer Spritztour mit Vaters Ferrari durch das sommerliche Chicago. Auch seine Freundin Sloan kommt mit. Doch Schulleiter Rooney will seinen schlimmsten Feind diesmal nicht davonkommen lassen.

Der Autor, Regisseur und Produzent John Hughes, der hier schon mit „The Breakfast Club“ und „Kevin – Allein zu Haus“ zu Gast war, erschafft eine boshafte Sozialsatire, die zugleich als federleichte Teenie-Klamotte funktioniert. Trotz seines aufmüpfigen Ansatzes hatte der Film sogar bei Kritik und „Deutscher Medienbewertung“ Erfolg, tat viel für seinen Hauptdarsteller Matthew Broderick und dessen deutsche Stimme Santiago Ziesmer und nistete sich in den nächsten Jahren auf sämtlichen Heimvideo-Formaten ein, die da kamen und gingen.

B) Tödliche Entscheidung / Before The Devil Knows You’re Dead
Amerikanisches Thrillerdrama von 2008

Der frustrierte Businessman Andy überredet seinen Bruder Hank zu einem Überfall auf das elterliche Juweliergeschäft – das beide gut kennen und bei dem natürlich niemand zu Schaden kommen soll, da ja die Versicherung zahlen wird. Selbstverständlich läuft das alles nicht so glatt wie gedacht, und eine verheerende Kettenreaktion nimmt ihren Lauf …

Sidney Lumet – der Hollywood-Regisseur, der sein New York nie verlassen hat – begann bei der jiddischen Theatergruppe und beim „Group Theatre“, gelangte über das dramatische Live-Fernsehen zum Film und startete dort gleich mit einem Hit, der zum Klassiker wurde: „Die 12 Geschworenen“. Als er 51 Jahre später in seinem letzten Film Ethan Hawke und Philip Seymour Hoffman als tragisches Brüderpaar inszenierte, lagen unzählige Erfolge hinter ihm, alle mit Haltung, aber ohne simple Botschaft. Heute ist Sidney Lumet der am übelsten unterschätzte der großen amerikanischen Regisseure seiner Generation.

Nächste Woche: Rififi und Ein Offizier und Gentleman

Veröffentlicht unter Film, Podcast, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die wiedergefundene Textstelle: „Auf einer einsamen Insel“

auch „Die einsame Insel“
von Robert T. Odemann

Nach einem Schiffbruch voller Grauen
Vor einem fernen Inselstrand
Eretten sich sechs schöne Frauen
Und auch ein Mann trieb auf den Sand
Das Eiland lag ganz weltvergessen
Mit seinem kleinen Palmenhain
Kein Völkerstamm hat hier gesessen
Nur Affen oder Papagein

Nachdem der Nervenschock verwunden
Die Katastrophe sich vergaß
Geschah es zu gewissen Stunden
Dass eine von den Frauen saß
Und heimlich nach dem Jungen schielte
Der ein Adonis, rank und schlank
Und eine zarte Regung fühlte
Kurz, alle wurden liebeskrank

Die älteste von ihnen sagte
Die ökonomisch talentiert
Obwohl’s den Andern nicht behagte:
„Jetzt wird der Bursche rationiert
Am Sonntag hat er seinen Schontag
Das ist schon biblisch festgesetzt
Dann nehme ich ihn mir am Montag
Katrin kriegt ihn am Dienstag jetzt
Am Mittwoch hat ihn die Germaine
Am Donnerstag die schwarze Lo
Freitags gehört er Madeleine
Am Samstag kriegt den Rest Dodo!“

Der Wochenspielplan wurde künftig
In strikter Weise durchgeführt
Natürlich war das unvernünftig
Oft saß der Junge deprimiert
Und starrte nach dem Horizonte
Weit wünschte er sich von hier weg
Weil er es kaum noch schaffen konnte
Dieweil er Mittel nur zum Zweck
Da, eines Tages in der Brandung
Da trieb auf einem Plankenstück
Ein Mann. Er half ihm bei der Landung
Zog auf den Strand ihn voller Glück

Umarmt ganz fest den Maskulinen:
„Grüß Gott, tritt ein, bring Glück herein!“
Erklärt‘ ihm mit erlösten Mienen:
„Jetzt teilen wir die Weiber ein
Und ich kann wieder Kräfte sammeln
Ein jeder von uns nimmt sich drei!“
Da fängt der and’re an zu stammeln
Erhebt ein klägliches Geschrei:
„Kommt mir nur eine in die Nähe
Erklimme ich den höchsten Baum
Mir wird schon krank, wenn ich sie sehe
Du, Starker, aber wärst mein Traum!“

Da ringt der Junge jäh die Hände
Und bricht am Strande in die Knie
Er jammert nur: „Das ist mein Ende
Jetzt ist mein Sonntag auch perdu!“

Veröffentlicht unter Kabarett und Comedy, Manuskript | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Damals – es war ziemlich gegen Abend – entdeckte ich mit Gewissheit, dass dieser öde, mit Nesseln überwachsene Platz der Kirchhof sei; dass Philipp Pirrip, weiland Mitglied dieses Sprengels, und Georgiana, Ehefrau des Obengenannten, tot und begraben waren; dass Alexander, Bartholomäus, Abraham, Tobias und Roger, Kinder des Obengenannten, dasselbe Schicksal erlitten hatten; dass die unwirtliche, flache Ebene jenseits des Kirchhofs, welche – von Gräben, Dämmen und Schleusen durchschnitten – zerstreuten Viehherden zur Weide diente, die Marschen seien; dass die niedrige, bleifarbene Linie der Fluss; dass die ferne, wilde Wüste, aus welcher der Wind herüberbrauste, das Meer, und dass das kleine schaudernde Ding, das sich vor allem Diesen zu fürchten und deshalb zu weinen anfing, Pip war.

Charles Dickens: „Große Erwartungen“

Veröffentlicht unter Literatur, Mikrofonarbeit | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Veröffentlicht unter Cartoon (eigene Arbeiten), Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Stänkern gegen das Vergessen

Solange sich noch irgendjemand an Georg Kreisler erinnert, wird auch der Chansonnier und Harvardprofessor Tom Lehrer nicht vergessen werden. Eine eigene Fangemeinde hat Lehrer hierzulande nicht (ein Schicksal, das er mit vielen Besseren und Geringeren teilt).
Wann immer sein Name fällt, setzt der, der ihn nennt, ein hintersinniges Gesicht auf, so als wollte er gleich eine Bombe platzen lassen. Dann wird Lehrer erst einmal überschwänglich gelobt. Ach ja, übrigens, wird dann zuverlässig noch betont nachträglich hinzugefügt, er sei ja – fast hätt‘ ich’s vergessen – der eigentliche Urheber von Georg Kreislers berühmtem, nein: berühmtestem Chanson, dem Lied vom Taubenvergiften. (Man kann es auch umgekehrt machen, also erstmal Kreisler loben und dann Lehrer drüberbraten, siehe unten.)
Auf alle Fälle kommt das Lehrer-Lob damit auch stets an sein Ende. Kein weiteres seiner 500 Chansons wird genannt oder gar zitiert. Die Erwähnung von „Poisoning Pigeons In The Park“ muss genügen, als Beweisstück A-Z, denn mehr ist ja nicht nötig, um das bekanntere Lied vom „Taubenvergiften im Park“ zu diskreditieren.

Seit ich Kontakt zu Kulturfreunden, Künstlern und Kleinkünstlern habe (etwa seit 40 Jahren), wird mir immer wieder diese „Enthüllung“ zuteil. Gerade erst war sie wieder zu erleben, am Samstag in der noch nachhörbaren neuen Folge von „Klassik, Pop etc.“.
Der Gastmoderator Charles Lewinsky lobt zuerst Kreisler, aber nur ausholend, um dann zuschlagend fortzufahren: „Ich konnte ihm nie ganz verzeihen, dass er nie laut gesagt hat, dass eines seiner erfolgreichsten Werke, ‚Taubenvergiften im Park‘, gar nicht von ihm stammte, sondern eine Übersetzung aus dem Englischen war.“
Das ist leicht übertrieben: Kreislers Lied hat bei aller inhaltlichen Übereinstimmung doch einen eigenen Text und eine selbstständige Melodie. Und in den etwa 65 Jahren, die ihm danach auf Erden noch vergönnt waren, hat er auch immer wieder etwas dazu gesagt: er wehrte sich gegen den Plagiatsvorwurf. Er tat das wie einer dieser Politiker, über die sich Satiriker seines Schlages so gerne lustig machen. Anstatt das Offensichtliche zuzugeben (naja, ich hab die Idee aufgegriffen, nichts für ungut), erklärte er, die Taubenpopulation in unseren Großstädten sei ein allgemeines Problem, und so sei es doch naheliegend, sie an einem Frühlingstag Hand in Hand mit seiner Liebsten vergiften zu wollen. Ein andermal sagte er, die Idee könne er gar nicht von Lehrer haben, da er ja schließlich der Ältere sei (es sind sechs Jahre Unterschied) – vielleicht habe Lehrer sie ja von ihm … und anderen Unsinn mehr.

Dieses Schauspiel haben beide Herren nicht verdient, zumal inzwischen alle drei eminent abgenudelt sind: Kreislers Tauben, Lehrers Pigeons und die sie verbindende Anklage.
Wir sollten damit aufhören – auf die Gefahr hin, dass dann viele noch einen Grund weniger (keinen mehr) haben, sich hierzulande an Tom Lehrer zu erinnern.
Eine Zeile übrigens hat die englische Version der österreichischen voraus: die überlebenden Tauben werden mit nach Hause genommen, um mit ihnen Experimente zu machen.

Veröffentlicht unter Chanson, Hörfunk, Kabarett und Comedy, Medienphilosophie | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Der Song des Tages: „Soliloquy“ from „Carousel“ (cutdown)

betr.: 81. Jahrestag der Broadway-Premiere von „Carousel“

Ein perfekter Theatersong

Die „Soliloquy“ aus „Carousel“, dem zweiten Musical von Rodgers & Hammerstein, ist ein idealer Song für einen Bariton, um parallel zum Gesang auch die schauspielerischen Möglichkeiten auszudrücken – für mich gemeinsam mit Kurt Weill’s „This ist The Life“ und „Gesticulate“ aus „Kismet“ der beste, der sich in dieser Reichhaltigkeit und Komplexität denken lässt.
Und der seitenstärkste. Um ihn bei einer Prüfung oder Audition vorzutragen, ist er mit 7 Minuten zu lang. Der Meinung war auch Ed Sullivan, in dessen berühmter Fernsehshow aktuelle Musical-Produktionen vom Broadway stets ein reichweitenstarkes Podium hatten. Richard Rodgers persönlich richtete für diese Präsentation eine gekürzte Fassung ein, die vom John Raitt, dem Original-Interpreten, live performt wurde.
Ich war glücklich, einem meiner Schüler diese Kurzfassung für die Gesangsprüfung übergeben zu können.
Leider hatte der Schuldirektor von dieser Autorisierung durch den Komponisten keine Ahnung und verpasste dem Prüfling wegen der Kürzung einen Punktabzug.

Ich will sie hier trotzdem vorstellen.

[BILLY]
I wonder what he’ll think of me
I guess he’ll call me the „old man“
I guess he’ll think I can lick every other fellow’s father
Well, I can!
I bet that he’ll turn out to be
The spittin‘ image of his dad
But he’ll have more common sense
Than his puddin‘-headed father ever had

I’ll teach him to wrestle and dive through a wave
When we go in the mornings for our swim
His mother can teach him the way to behave
But she won’t make a sissy out of him
Not him
Not my boy
Not Bill!


[BILLY, spoken]
Bill

[BILLY]
My boy, Bill
I will see that he’s named after me, I will
My boy, Bill
He’ll be tall and as tough as a tree, will Bill
Like a tree he’ll grow with his head held high
And his feet planted firm on the ground
And you won’t see nobody dare to try
To boss him or toss him around
No pot-bellied, baggy-eyed bully’ll boss him around

I don’t give a damn what he does
As long as he does what he likes
He can sit on his tail
Or work on a rail
With a hammer, a-hammerin‘ spikes

He can ferry a boat on a river
Or peddle a pack on his back
Or work up and down
The streets of a town
With a whip and a horse and a hack

He can haul a scow along a canal
Run a cow around a corral
Or maybe bark for a carousel
Of course it takes talent to do that well

He might be a champ of the heavyweights
Or a fellow that sells you glue
Or President of the United States
That’d be all right, too

[BILLY, spoken]
His mother would like that
But he wouldn’t be President unless he wanted to be

[BILLY]
Not Bill

My boy, Bill
He’ll be tall and as tough as a tree, will Bill
Like a tree he’ll grow with his head held high
And his feet planted firm on the ground
And you won’t see nobody dare to try
To boss him or toss him around
No fat-bottomed, flabby-faced
Pot-bellied, baggy-eyed bastard will boss him around

And I’m damned if he’ll marry his boss’s daughter
A skinny-lipped virgin with blood like water
Who’ll give him a peck and call it a kiss
And look in his eyes through a lorgnette—
Say, why am I takin‘ on like this?
My kid ain’t even been born yet!


I can see him when he’s seventeen or so
And startin‘ in to go with a girl
I can give him lots of pointers, very sound
On the way to get ‚round any girl
I can tell him—

[BILLY, spoken]
Wait a minute
Could it be?
Oh, what the hell?
What if he is a girl?
Bill, oh Bill
What would I do with her?
What could I do for her?
A bum with no money

[BILLY]
You can have fun with a son
But you gotta be a father to a girl
She mightn’t be so bad at that
A kid with ribbons in her hair
A kind of meek and petite
Little tintype of her mother
What a pair!


My little girl
Pink and white
As peaches and cream is she
My little girl
Is half again as bright
As girls are meant to be

Dozens of boys pursue her
Many a likely lad
Does what he can to woo her
From her faithful dad
She has a few
Pink and white young fellows of two and three
But my little girl
Gets hungry every night
And she comes home to me

[BILLY, spoken]
My little girl, my little girl

[BILLY]
I gotta get ready before she comes
I gotta make certain that she
Won’t be dragged up in slums
With a lot of bums like me
She’s gotta be sheltered
And fed and dressed
In the best that money can buy
I never knew how to get money
But I’ll try, by God, I’ll try!
I’ll go out and make it
Or steal it or take it
Or die!

Veröffentlicht unter Manuskript, Monty Arnold - Biographisches, Musicalgeschichte, Musik, Songtext, Theater | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Veröffentlicht unter Cartoon (eigene Arbeiten), Film, Gesellschaft, Medienphilosophie | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Kultfilm Azubis: Ab durch die Mitte!

Manch ein Gulity pleasure ist so müllig, dass man sich ein bisschen schämt, es anzuschauen. Wenn man von seinem Mitbewohner dabei erwischt wird, muss man sich auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen: „Ich kann das erklären …“. Diese Erklärung würde dann lauten: Es ist Kult. Ein solcher Fall eröffnet den heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/masters-of-the-universe-ein-mann-geht-durch-die-wand

A) Masters of The Universe
US-Fantasymärchen von 1987

Der abscheuliche Skeletor hat Eternia erobert und die Macht der guten Zauberin gebannt. Der tapfere Krieger He-Man stellt sich dem Aufstieg des Usurpators zum Beherrscher des Universums erbittert entgegen. Er bringt den magischen Dimensions-Schlüssel an sich und wird mit einem Häuflein Getreuer in eine andere Welt katapultiert: in die USA der Achtziger. Zwei Teenager finden das Gerät und haben prompt Skeletors finstere Handlanger am Hals. Die Schlacht des Guten gegen das Böse geht in die entscheidende Runde …

Innerhalb von fünf Jahren konnte der Spielwarengigant Mattel weltweit 120 Millionen He-Man-Actionpuppen verkaufen. Es folgte eine Zeichentrickserie, den Film besorgte die „Cannon“-Gesellschaft, ohne deren hurtig produzierte Produkte die Videotheken der 80er Jahre halbleer geblieben wären. Den israelischen Cousins Menahem Golan und Yoram Globus war zuvor mit den „Eis am Stiel“-Sexklamotten der Einstieg in die Branche gelungen.

B) Ein Mann geht durch die Wand
Wirtschaftswunder-Fantasykomödie von 1959

Der unverheiratete Finanzbeamte Buchsbaum ist ein netter Langweiler aus dem Bilderbuch – er sammelt sogar Briefmarken. Eines Tages bemerkt er eher zufällig, dass er durch Wände gehen kann. Diese Superkraft ermöglicht ihm, allerlei Unfug anzustellen – z.B. nächtliche Einbrüche – und kommt ihm sehr gelegen, als er sich seines neuen Chefs erwehren muss. In einer besonders wichtigen Angelegenheit hilft Buchsbaum diese Fähigkeit aber nicht weiter: er hat sich in seine neue Nachbarin verliebt, eine alleinerziehende französische Klavierlehrerin …

Marcel Aymés phantastische Novelle „Le Passe-muraille” von 1941 wurde mehrmals verfilmt, als Hörspiel und Musical adaptiert, in Paris wurde ihr sogar ein Denkmal gesetzt. Gewisse Parallelen zu „Und täglich grüßt das Murmeltier“ fallen uns nachträglich auf. Mit der kleinen Anita von Ow und dem Regisseur Ladislao Vajda realisierte der deutsche Superstar Heinz Rühmann im selben Jahr noch einen auf ganz andere Weise bemerkenswerten Film, das Kriminaldrama „Es geschah am hellichten Tag“ nach Friedrich Dürrenmatt.

Nächste Woche: Ferris macht blau und Tödliche Entscheidung

Veröffentlicht unter Film, Podcast, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Das extralange Gruselfilmeraten

Die aktuelle Filmkritik: Lee Cronin’s The Mummy

Über diesen Horrorfilm – und über einige andere – sprechen im heutigen Podcast Monty Arnold und  Volker Robrahn:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/lee-cronin-s-the-mummy

„Die Mumie“ ist wieder da, das jüngste der ganz klassischen, alten Kinomonster.

TV-Reporter Charlie Cannon ist von Berufs wegen mit seiner Familie nach Ägypten gezogen. Als sein Töchterchen Katie von einer Magierin aus dem Garten des Grundstücks entführt wird, ist die örtliche Polizei keine Hilfe, sondern äußert sogar ungebührliche Verdächtigungen.
Die Cannons kehren nach New Mexiko zurück. Acht Jahre später erreicht sie dort die Nachricht, Katie sei wiedergefunden worden: in einem Sarkophag, der unbeschädigt an der Absturzstelle eines Flugzeugs gefunden wurde. Zur allgemeinen Verwunderung ist das Mädchen noch am Leben, wenn auch nicht ansprechbar und überhaupt in einem grauenerregenden Zustand. Vor allem Mutter Larissa will Katie schnellstmöglich nach Hause holen und dort pflegen.
Wie sich herausstellt, ist das Mädchen von einem Dämon besessen. Familie Cannon macht schwere Zeiten durch …

„Die Mumie“ von 1932 ist nicht nur ein ganz besonders reizvoller Genreklassiker, sie erlebte auch ab 1999 mit Brendan Fraser und Dwayne „The Rock“ Johnson eine frisch gebliebene Neuauflage. Der Regisseur des neuen Anlaufs, Lee Cronin, verspricht eine „einzigartige, furchterregende Version, die sich von früheren Mumienfilmen unterscheidet.“ Die Heimlichtuerei geht so weit, dass erst seit heute früh um 6 überhaupt über den Film berichtet werden darf – in den USA läuft er erst morgen an. Ein Schuft, wer dabei auf die Idee kommt, die Produzenten könnten ihrem eigenen Produkt misstrauen.

Veröffentlicht unter Film, Podcast, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die wiedergefundene Textstelle: Casablanca revisited, 50 Jahre nach Bogey

Sie fuhren Richtung Küstenstraße. (…) Casablanca! Wie war das überhaupt? (…) Rechts von ihnen war die sonst grüne Natur grau und trist. Das Land machte eine endlose Jahreszeit durch, die weder Winter noch Sommer war und für die Bauern den schlimmsten Alptraum darstellte. Morgens herrschten eisige Temperaturen, unter denen Blüten und Knospen erfroren. Mittags dörrte eine sengende Sonne Täler und Ebenen aus. Es hatte seit drei Jahren nicht geregnet, und der Boden war so trocken, dass die Fellachen schließlich ihr Ackergerät weggepackt und das Pflügen und Säen aufgegeben hatten. Freitags betete man in allen Moscheen des Landes darum, dass endlich ein Wind aufkäme und Wolken brächte. Doch der Regen kam nicht, und unter der bescheidenen Steinbrücke, die das Auto überquerte, war der Er-Rbia ausgetrocknet. Die Bäume waren von einer dicken, weißen Staubschicht bedeckt. In der Ferne sah Mia ein Dutzend ausgemergelter Kühe. Sie irrten über die Ebene und suchten nach etwas Essbarem. Wenn die Dürre anhielt, würde man ganze Herden abschlachten müssen. Und wenn sie nicht auf diese Weise endeten, würden die Kühe irgendwann eine der schwarzen Plastiktüten fressen, die wie Fahnen von den Ästen der Bäume hingen, und ersticken. Sie wandte sich zur anderen Seite und sah dem Zug hinterher, der sie überholte. Dann fuhren sie an einer hohen Mauer entlang, die immer wieder Lücken aufwies. Man konnte nicht sagen, ob die Arbeiten unterbrochen worden waren oder ob die Menschen selbst diese Bogen geöffnet hatten, um ihr Vieh hindurchzulassen. (…) ein paar Baracken, Straßen voller Dreck, ein Esel, ein kleines Mädchen in einem blauen Kleid, ein Tuch um den Kopf gebunden, mit einem pausbäckigen Baby im Arm, ein Mann, der hinten auf einem Karren voller Orangen und Zwiebeln saß, mit Plastikschlappen an den Füßen. Auf der Mauer stehend, zeigten kleine Jungen den hupenden Autos ihren Mittelfinger. (…) Sie kamen nach Casablanca. Mia hatte eine wimmelnde, schmutzige und chaotische Stadt erwartet, eine Stadt wie die Londonder Vororte, die Dickens in seinen Romanen beschrieb, samt ihren Arbeitern mit rußgeschwärzten Gesichtern und den Frauen mit einem schreienden Baby im Arm, die sich nicht unterkriegen ließen. Was ihr zuallererst auffiel, was das Licht, das intensive strahlende Licht, das vom Ozean zu kommen schien und von den weißen Fassaden der hohen Art-Deco-Gebäude reflektiert wurde. Sie passierten die Place des Nations Unies, den Tour de l’horloge, den Parc de la Ligue Arabe. Eine Avenue folgte auf die nächste. Restaurants reihten sich an ausländische Firmen oder Privatclubs, wo die Reichen hingingen, um zu baden und sich zu entspannen. Casablanca vermittelte ihr das Gefühl einer Freiheit, die sie aus Rabat nicht kannte. Sie bemerkte, dass die Boutiquen und Lokale hier oft amerikanische Namen trugen. Während man in Rabat im Bourgogne oder im Café de France zu Mittag aß, trank man in Casablanca ein Glas in „Rick’s“, im „Sun“ oder im „Oklahoma“. Sie erreichten das Geschäftsviertel. Gegenüber der Bank bemerkte Mia das Schaufenster eines Eisladens mit italienischem Namen, und sie sah Männer in Anzügen aus einem Luxushotel kommen. (…)
In der Eingangshalle begann ein merkwürdiger Tanz. Die Telefonistinnen am Empfangstresen verstummten, eine von ihnen richtete sich die Frisur, erhob sich von ihrem Stuhl und nahm Haltung an. Zwei junge Männer drückten sich an die Wand, um Mehdi und das Mädchen, das ihn begleitete vorbeizulassen. Sie nahmen den Aufzug. Mia folgte ihrem Vater in sein riesiges Büro. Der Raum war größer als ihr Wohnzimmer in Rabat. Links gab es einen imposanten Tisch aus hellem Holz, auf dem sich Akten mit farbigen Deckeln stapelten. Ein brauner Lederbecher enthielt Füllfederhalter, und Mia bemerkte das Briefpapier, auf dem rechts oben schöner, himmelblauer Schrift stand: „Generaldirektor“. Gegenüber standen vier Ledersessel um einen Glastisch herum, auf den Uafa den Kaffee stellte. Doch was Mia faszinierte, was sich ihr für immer einprägte, war der Blick auf Casablanca. (…) Die Straße hatte Pastelltöne – hell orange, wassergrün … – und es kam ihr vor, als sähe sie keine echte Stadt, sondern eine Kulisse, die ein Regisseur sich für sie ausgedacht hatte. (…) „In Fès oder in Meknès fragt man dich immer, wessen Sohn du bist. Hier kannst du niemandes Sohn sein. Casablanca ist eine Stadt ohne Gedächtnis, ein El Dorado für Bastarde, Emporkömmlinge, Namenlose. (…)“ (…) War das das Geheimnis ihres Vaters? War er der Sohn von niemandem?

Aus „Trag das Feuer weiter“, dem finalen Band von Leila Slimanis Trilogie über eine marokkanische Familie, die viele autobiografische Züge trägt. Die Schilderung von der Fahrt nach Casablanca bezieht sich also vermutlich auf die Mitte der 90er Jahre.  

Veröffentlicht unter Film, Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen