Still, da komm ich selbst!

Es ist wichtig, wie ein Buch anfängt. Wie das bei „Popóm“ aussieht, berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. In diesem Roman wird das unverwüstliche literarische Doppelgängermotiv mit einer neuen Variante aufgeladen.

Seine Endzwanziger hat sich Hendrik Popom anders vorgestellt. In seinem Agenturjob sitzt er seine Zeit ab, und mit seiner Freundin lief es auch schonmal besser.
In einem Kiosk um die Ecke möchte er eigentlich nur eine Kleinigkeit einkaufen, doch durch diesen kurzen Ausflug gerät sein Leben aus den Fugen. Er begegnet einem älteren Mann und weiß augenblicklich: Dieser Mann bin ich selbst. Er läuft ihm nach, spricht ihn an. Der andere empfindet nichts dergleichen, verbittet sich die Belästigung und verschwindet.
Wie paralysiert kehrt Hendrik in die Wohnung zurück, völlig ratlos, wie er der Liebsten seinen Zustand erklären soll …
Mit diesem famos erzählten Paukenschlag (er steht als Leseprobe online*) beginnt „Popóm“. Donnerwetter!

Johanna Sebauer lebt im Burgenland. 2023 erschien ihr vielbeachtetes Romandebüt „Nincshof“. Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2024 erhielt sie für ihren satirischen Text „Das Gurkerl“ den Publikumspreis und den 3sat-Preis.
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* https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1078707942?msockid=0e9fbe28b56b65de2d80a8bdb4196489

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Die wiedergefundene Textstelle: Tauben *** im Park

Wie alt wird sie gewesen sein? Vielleicht 70 oder 80. Sie wohnte schon immer in dem Viertel. Die Leute hatten sie gern, die kleine Alte, deren einzige Beschäftigung darin bestand, die Tauben zu füttern. Jeden Tag die Tauben zu füttern.
Den ganzen Tag war sie in den öffentlichen Anlagen und verteilte mit vollen Händen Weizenkörner. Die Wächter in den Parkanlagen kannten sie und grüßten sie voller Rührung. Ein Fotograf hatte sie um Erlaubnis gebeten, eine Ansichtskarte von ihr zu machen, die die Alte inmitten ihrer Tauben zeigte. Sie war natürlich dazu bereit. Auf ihre Art war sie berühmt.
Eines Tages erfuhr man – wie, weiß ich nicht, durch ihr Testament vielleicht -, dass die vielen Körner, die sie verteilt hatte, vergiftet waren. Viele Jahre hindurch hatte sie lächelnd mehrere tausend Tauben vergiftet.
Die Leute aus dem Viertel wollten es gar nicht glauben. Sie machte einen so netten Eindruck.

Georges Simenon: „Die Verlobung des Monsieur Hire“

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Jetzt altern schon die Comicfiguren

Heute hatte ich im Studio mehrfach den Namen „Donald Duck“ auszusprechen. Das heißt, ab der zweiten Erwähnung stand da nur noch „Donald“, und kaum hatte ich das gesagt, brach ich selbst ab und fragte nach der Aussprache-Regelung. Ich neige nämlich zu einem dualen System, also dazu, den Vornamen der berühmten Ente deutsch auszusprechen, wenn der Vorname ohne den Nachnamen auftaucht. Und dann, wenn es um die Comics geht (- da hieß er für meine Generation eben nicht „Donnld Dack“, sondern „Donald Duck“).
Außerdem ist der anglophone „Donnld“ inzwischen von einer abscheulichen Bedeutung überlagert worden, von der Walt Disney noch nichts ahnen konnte.
Die Antwort der Regie war überraschend und auch wieder nicht. Es müsse schon die englische Aussprache sein. Und – „Hä?“ – die deutsche gibtsjaganich.
Der zweite Hinweis hat mich etwas erschauern lassen. Da merkte ich mal wieder, wie die Zeit vergeht …

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Summer Of Kult: Endzeit und Apokalypse

Wer diesen Podcast ein bisschen kennt, der weiß, dass ich auf vielgeschmähte Dinge wie „Unterhaltung“ und „Eskapismus“ – was nichts anderes bedeutet als „Zerstreuung, Ablenkung“ – nichts kommen lasse. Ich halte so etwas für wichtig. Der Beruf des Entertainers ist ein edles Handwerk. Und außerdem halte ich es mit Hans Magnus Enzensberger: „Eskapismus? Was denn sonst bei dem Sauwetter?“
Damit könnte auch das Welt- und Gesellschaftsklima gemeint sein.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/summer-of-kult-endzeit-und-apokalypse

Der Kalte Krieg brachte im Kino eine Strömung hervor, die unser heutiges Epochengefühl genau trifft. Sie schlängelte sich durch Gattungen wie Science-Fiction, Drama und Polit-Thriller, fühlte sich aber im Horror besonders wohl: der Endzeit-Film.
In seiner heutigen Form ausdefiniert hat ihn Alfred Hitchcock, eher nebenbei: im dritten Akt seines Klassikers „Die Vögel“.
Die Filme unseres heutigen Programms waren einmal pure Unterhaltung, und sie sind inzwischen allesamt – noch ’ne Schublade! – Zeitstücke. Da haben wir den Salat: die Grenzen zwischen Unterhaltung und dem realen Leben sind fließend. Das Leben imitiert die Kunst.
In der ersten Staffel „Alle 42 Kultfilme“ hatten Torben Sterner und ich nur einen solchen Titel zu behandeln, und der ist nicht nur ein Kultfilm, sondern – aller billigen Machart zum Trotz – außerdem ein Klassiker des Horrorfilms. Heute könnte man ihn sogar als Ursprung eines Franchise bezeichnen, aber das wäre nun wirklich zu grauenvoll!


Die Nacht der lebenden Toten
/ Night Of The Living Dead
Amerikanischer Horrorfilm von 1968

Beim Besuch auf einem ländlichen Friedhof wird ein junges Paar von einem benebelten Wüstling attackiert. Der Junge wird umgebracht, das Mädchen rettet sich in ein einsames Farmhaus. Dort trifft sie auf eine kleine Gruppe Gestrandeter, die sich verbarrikadieren, um nicht von einer Horde Untoter gefressen zu werden. Sie ahnen es nicht, doch sie befinden sich im Zentrum der ersten klassischen Zombie-Apokalypse des Kinos.

Mit Mini-Budget, Abfällen aus der Schlachterei und vielen Freunden und Bekannten revolutionierte George A. Romero den Horrorfilm, ein Genre, das von jeher dazu prädestiniert war, für kleines Geld ein großes Publikum zu finden. Das Wort Zombie war bisher auf Angehörige von Naturvölkern angewandt worden, die sich in einen rituellen Trance-Zustand begeben hatten. Romero hat sich an dem popkulturellen Trend, den er da ausgelöst hatte, später selbst beteiligt.

Zwischen zwei Welten / Between Two Worlds
Phantastisches US-Melodram von 1944

Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Londoner Flüchtlinge ist glücklich, dem deutschen Bombenhagel entkommen zu sein und sich auf einem Dampfer zu befinden, der sie nach Amerika bringen soll. Ihre Erleichterung ist so groß, dass ihnen ein paar Merkwürdigkeiten zunächst nicht auffallen. So ist das einzige Besatzungsmitglied ist ein älterer Steward, der ihren Fragen ausweicht und sie immer wieder ermuntert, es sich bequem zu machen. Einzig ein Paar junger Selbstmörder ahnt, was hier gespielt wird: die Reise führt nicht über den Atlantik, sondern über den Styx – geradewegs ins Totenreich …

„Zwischen zwei Welten“ ist wie der Kultfilm und Klassiker „Casablanca“ ein Liebesdrama der Warner Brothers aus der Kriegszeit, das von ihm zwei wichtige Nebendarsteller übernimmt. Das zentrale Liebespaar – Paul Henried und Eleanor Parker – ist etwas blass, umgibt sich jedoch mit einem wahrhaft malerischen Ensemble. „Outward Bound“, das zugrundeliegende Theaterstück von Sutton Vane, stammt von 1923 und profitiert davon, dass es in die Gegenwart der Filmadaption übertragen wird: den zweiten Weltkrieg.

Das letzte Ufer / On The Beach
Amerikanisches Endzeit-Drama von 1959

Im Jahre 1964 hat ein Nuklearkrieg die Welt entvölkert. Eine radioaktive Wolke bewegt sich unaufhaltsam auf den letzten noch unbehelligten Kontinent Australien zu, wo die Welt augenscheinlich noch in Ordnung ist. Die Menschen genießen das Leben, solange sie noch können, der Originaltitel „On The Beach“ verweist darauf. Unterdessen verteilt die Regierung vergifteten Tee an das Volk, um ihm zu gegebener Zeit ein würdevolles Ende zu ermöglichen. Parallel dazu bricht ein amerikanisches U-Boot auf, um einem mysteriösen Funksignal nachzugehen. Gibt es etwa doch noch menschliches Leben da draußen?

Als erste große Kinoproduktion macht dieser Schwarzweißfilm die drohende (hier bereits vorweggenommene) Nuklearkatastrophe zu seinem Plot. Der couragierte Filmemacher Stanley Kramer leitet ein eindrucksvolles Ensemble.

Nächste Woche: Kultstar Marlon Brando

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Restlos alles über Eva

betr.: Deutschlandfunk Kultur: „Die Unverschämten – Eine Lange über Bad Girls im Kino“ (vom 31.7.2026)* / „All About Eve“ (USA 1950)

Die Sendung ist ein großer Spaß, obwohl sie für diese Sendereihe ein sehr schlichtes Konzept hat (das bei Film-Features hin und wieder zur Anwendung kommt und nicht immer gleich gut funktioniert): sie setzt sich nur aus Inhaltsangaben sorgfältig ausgewählter älterer Spielfilme zusammen, die mit O-Tönen aus der Original- wie auch aus der deutschen Synchronfassung gespickt werden. Das Ziehen von Schlüssen bleibt den Zuhörenden überlassen, die Infos und O-Töne helfen dabei.
Gewürdigt werden Klassiker, aber auch so Unerwartetes wie „Baby Face“ von 1930 oder das japanische Drama „Wenn eine Frau die Treppe hinaufsteigt“.
Zum Schluss geht es um „Jackie Brown“, der zu meiner Freude als Quentin Tarantinos bester Film bezeichnet wird (ohne das heute übliche Subjektivitätsgefasel oder ängstliche einschränkende Füllwörter). Seine Inhaltsangabe endet vor der Mitte der Handlung – ein Stilmittel zum Ende der langen Nacht, das überdies einen Film angeht, den die meisten kennen und der häufig zu sehen ist.
Etwas bedauerlicher ist, dass auch bei „All About Eve“ das Finale nicht miterzählt wird. In der Sendung wird der Aufstieg der Monroe als Apotheose des Films eingeordnet, doch der spielte sich ja in der Realität ab. Die Moral von der Geschichte ist aber gerade für das Sujet des Features von großer Wichtigkeit und überhaupt eine Gipfelleistung auf dem Gebiet der allegorischen Pointe wie auch der Kunst, einen Film zu beenden.

Die intrigante Eve (Anne Baxter) hat es also geschafft, ihre berühmte, ältere Kollegin Margo Channing auszuschmieren und ihren Platz am Broadway einzunehmen. Die Rahmenhandlung – eine Theater-Preisgala zu ihren Ehren – ist vorüber, der Epilog beginnt. Channing und ihre Getreuen verlassen die Veranstaltung, voll Verachtung für die Aufsteigerin, doch insgesamt nicht unglücklich mit der Situation. Eve hat für ihre Hinterhältigkeit bereits einen Preis zahlen müssen: der Starkritiker Addison DeWitt (George Sanders, der eigentliche Bösewicht des Films, der Eve an Niedertracht noch überlegen ist) hat sie qua Erpressung sexuell an sich gekettet: er hat die Macht dazu.
Völlig erschöpft zieht sich Eve in ihr Hotelzimmer zurück, zu dem ein junges Mädchen sich Zutritt verschafft hat. Sie rührt die Diva mit ihrer scheinbar dümmlichen Verehrung und wird nicht hinausgeworfen. Unbemerkt von ihr posiert sie mit deren frisch erworbener Theatertrophäe vor dem Spiegel: die nächste Intrigantin ist unterwegs.
Diese Szene ist atemberaubend – sogar nach einem Film, der uns auf der betreffenden Meta-Ebene schon mehr als zwei Stunden lang aufs Höchste gefesselt und amüsiert hat. Der Soundtrack von Alfred Newman (der hier zu einer Art Krönungsmesse anschwillt) ist der Sahnetupfer auf dem Sahnetupfer.
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* https://www.deutschlandfunkkultur.de/lange-nacht-bad-girls-im-kino-die-unverschaemten-102.html

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The Bigger Brother

betr.: 42. Todestag von Richard Burton

Als 1984 die zweite (und bessere) Verfilmung des gleichnamigen SF-Klassikers von George Orwell in den Kinos lief, war ihr Hauptdarsteller bereits von uns gegangen: der Weltstar Richard Burton. Ich hatte ihn gerade aus alten Filmen wie „Das Gewand“ vor Augen und entsprechende Mühe, ihn in diesem Spielalter wiederzuerkennen. Als Folterer, der den Helden Winston Smith auf Linie zu bringen hat, kommt er sogar darauf zu sprechen: „Sie denken, dass mein Gesicht alt und müde ist. Dass ich, während ich von Macht rede, überhaupt nicht in der Lage bin, den eigenen Verfall zu verhindern. Aber das Individuum ist nur eine Zelle, Winston. Aus der Müdigkeit der Zelle erwächst die Kraft des Organismus.“
Sekunden zuvor hatte er einen berühmteren Ausspruch getan: „Wollen Sie eine Zukunftsvision, Winston? Sie müssen sich ein Paar Stiefel vorstellen, die ununterbrochen auf einem Gesicht herumtrampeln.“

Als Filmmusik-Album (ich war bereits in wilder Sammelwut entbrannt) mussten wir uns damals mit einem Pop-Album von den Eurythmics veräppeln lassen („1984 (For the Love of Big Brother)“), auf dem wohl mancherlei zu hören war, aber nicht der eigentliche Soundtrack von Dominic Muldowney. Der erschien erst vor wenigen Jahren, und ich fand ihn rein zufällig bei einem meiner selten gewordenen Besuche im letzten kümmerlichen Filmmusik-Fach des örtlichen Elektromarktes: ein Sensationsfund!
Muldowney komponierte für diese Dystopie die „Ozeania“, ein Hosianna aus einschmeichelnd-pathetischer Gehirnwäsche-Musik, die tatsächlich aus einer östlichen Diktatur stammen könnte (wo gute sinfonische Musiker ja allweil zur Verfügung standen).
Ich werde zur Feier des Tages außerdem „The Robe“ auflegen, einen ganz gradlinigen Historien-Soundtrack von Alfred Newman.

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https://www.amazon.de/1984-DVD-John-Hurt/dp/B00C7HLVL6 / https://www.jpc.de/jpcng/movie/detail/-/art/Das-Gewand/hnum/4054720

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So siehst Du aus! (7)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Thomas Mann (1875-1955)
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Der Schauspieler Müller-Rosé (vorher – nachher)

Bei seinem ersten Auftreten war er schwarz gekleidet, und dennoch ging eitel Glanz von ihm aus. Dem Spiele nach kam er von einem Treffpunkt der Lebewelt und war ein wenig betrunken, was er in angenehmen Grenzen, auf eine verschönte und veredelte Weise vorzutäuschen verstand. Er trug einen schwarzen, mit Atlas ausgeschlagenen Pelerinenmantel, Lackschuhe zu schwarzen Frackhosen, weiße Glacés und auf dem schimmernd frisierten Kopf, dessen Scheitel nach damaliger militärischer Mode bis zum Nacken durchgezogen war, einen Zylinderhut. Das alles war vollkommen, vom Bügeleisen im Sitz befestigt, von einer Unberührtheit, wie sie im wirklichen Leben nicht eine Viertelstunde lang zu bewahren wäre, und sozusagen nicht von dieser Welt. Besonders der Zylinder, der ihm auf leichtlebige Art schief in der Stirn saß, war in der Tat das Traum- und Musterbild seiner Art, ohne Stäubchen noch Rauheit, mit idealischen Glanzlichtern versehen, durchaus wie gemalt, – und dem entsprach das Gesicht dieses höheren Wesens, ein Gesicht, das wie aus feinstem Wachs gebildet erschien. Es war zart rosafarben und zeigte mandelförmige, schwarz umrissene Augen, ein kurzes, gerades Näschen sowie einen überaus klar gezeichneten korallenroten Mund, über dessen bogenförmig geschwungener Oberlippe sich ein abgezirkeltes, ebenmäßiges und wie mit dem Pinsel gezogenes Schnurrbärtchen wölbte. Elastisch taumelnd, wie man es in der gemeinen Wirklichkeit an Betrunkenen nicht beobachten wird, überließ er Hut und Stock einem Bedienten, entglitt seinem Mantel und stand da im Frack, mit reich gefältelter Hemdbrust, in welcher Diamantknöpfe blitzten. Mit silberner Stimme sprechend und lachend, entledigte er sich auch seiner Handschuhe, und man sah, daß seine Hände außen mehlweiß und ebenfalls mit Brillanten geziert, ihre Innenflächen aber so rosig wie sein Antlitz waren. An der einen Seite der Rampe trällerte er den ersten Vers eines Liedes, das die außerordentliche Leichtigkeit und Heiterkeit seines Lebens als Attaché und Schürzenjäger schilderte, tanzte alsdann, die Arme selig ausgebreitet und mit den Fingern schnalzend, zur anderen Seite und sang dort den zweiten Vers, worauf er abtrat, um sich vom Beifall zurückrufen zu lassen und vor dem Souffleurkasten den dritten Vers zu singen. Dann griff er mit sorgloser Anmut in die Geschehnisse ein.
Dem Stücke zufolge war er sehr reich, was seiner Gestalt eine bezaubernde Folie verlieh. Man sah ihn bei fortschreitender Handlung in verschiedenen Toiletten: in schneeweißem Sportanzug mit rotem Gürtel, in reicher Phantasie-Uniform, ja gelegentlich einer ebenso heiklen wie zwerchfellerschütternden Verwicklung sogar in Unterhosen aus himmelblauer Seide. Man sah ihn in kühnen, übermütigen, bestrickend abenteuerlichen Lebenslagen: zu den Füßen einer Herzogin, beim Champagner-Souper mit zwei anspruchsvollen Freudenmädchen, mit erhobener Pistole, bereit zum Duell mit einem von Grund aus albernen Nebenbuhler. Und keine dieser eleganten Strapazen konnte seiner Makellosigkeit etwas anhaben, seine Bügelfalten zerrütten, seine Glanzlichter auslöschen, seine rosige Miene unangenehm erhitzen. Zugleich gefesselt und gehoben durch die musikalischen Vorschriften, die theatralischen Förmlichkeiten, aber frei, keck und leicht innerhalb der Gebundenheit, war sein Benehmen von einer Anmut, der nichts Fahrlässig-Alltägliches anhaftete. Sein Körper schien bis in das letzte Fingerglied von einem Zauber durchdrungen, für den nur die unbestimmte Bezeichnung »Talent« vorhanden ist und der ihm offensichtlich ebensoviel Genuß bereitete wie uns allen. Zu sehen, wie er die silberne Krücke seines Stockes mit der Hand umfaßte oder beide Hände in die Hosentaschen gleiten ließ, gewährte inniges Vergnügen; seine Art, sich aus einem Sessel zu erheben, sich zu verbeugen, auf- und abzutreten, war von einer Selbstgefälligkeit, die das Herz mit Lebensfreude erfüllte. Ja, dies war es: Müller-Rosé verbreitete Lebensfreude, – wenn anders dies Wort das köstlich schmerzhafte Gefühl von Neid, Sehnsucht, Hoffnung und Liebesdrang bezeichnet, wozu der Anblick des Schönen und Glücklich-Vollkommenen die Menschenseele entzündet.
(…) Wenn wir in unseren Unterhosen dort oben stünden (…) – wie würden wir bestehen? Und wie keck und ebenbürtig er mit zwei so anspruchsvollen Freudenmädchen verkehrt! – Wenn Müller-Rosé vom Schauplatze abtrat, so fielen die Schultern hinab und eine Kraft schien von der Menge zu weichen. Wenn er, erhobenen Armes einen hohen Ton aushaltend, in sieghaftem Sturmschritt vom Hintergrunde zur Rampe vordrang, so schwollen die Busen ihm entgegen, daß die Atlastaillen der Frauen in den Nähten krachten. Ja, diese ganze beschattete Versammlung glich einem ungeheuren Schwarme von nächtlichen Insekten, der sich stumm, blind und selig in eine strahlende Flamme stürzt.

Mein Vater unterhielt sich königlich. Allein nach Schluß der Vorstellung, draußen auf dem Gange, (…) sagte mein Vater zu mir: »Komm mit, wir wollen ihm doch die Hand schütteln. Gott, als ob wir nicht genaue Bekannte wären, Müller und ich! Er wird enchantiert sein, mich wiederzusehen.« Und nachdem er unseren Damen befohlen hatte, in der Vorhalle auf uns zu warten, brachen wir wirklich auf, um Müller-Rosé zu begrüßen. (…) wir schritten weiter bis zur letzten, an der unteren Schmalseite des Ganges gelegenen Tür, und dort klopfte mein Vater, indem er sein Ohr zu dem pochenden Knöchel hinabbeugte. Man antwortete drinnen: »Wer da?« oder: »Was, zum Deibel!« Ich erinnere mich nicht genau des hellen, aber unwirschen Anrufs. »Darf man eintreten?« fragte mein Vater; worauf es antwortete, daß man vielmehr etwas anderes, in diesen Blättern nicht Wiederzugebendes tun dürfe. Mein Vater lächelte still und verschämt und versetzte: »Müller, ich bin es – Krull, Engelbert Krull. Man wird Ihnen doch wohl noch die Hand schütteln dürfen!« Da lachte es drinnen und sprach: »Ach, du bist es, altes Sumpfhuhn! Na, immer ’rein ins Vergnügen! – Sie werden ja wohl«, hieß es weiter, als wir zwischen Tür und Angel standen, »nicht Schaden nehmen durch meine Blöße.« Wir traten ein, und ein Anblick von unvergeßlicher Widerlichkeit bot sich dem Knaben dar. An einem schmutzigen Tisch und vor einem staubigen und beklecksten Spiegel saß Müller-Rosé, nichts weiter am Leibe als eine Unterhose aus grauem Trikot. Ein Mann in Hemdärmeln bearbeitete des Sängers Rücken, der in Schweiß gebadet schien, mit einem Handtuch, indes er selber Gesicht und Hals, die dick mit glänzender Salbe beschmiert waren, vermittels eines weiteren, von farbigem Fett schon starrenden Tuches abzureiben beschäftigt war. Die eine Hälfte seines Gesichtes war noch bedeckt mit jener rosigen Schicht, die sein Antlitz vorhin so wächsern idealisch hatte erscheinen lassen, jetzt aber lächerlich rot-gelb gegen die käsige Fahlheit der anderen, schon entfärbten Gesichtshälfte abstach. Da er die schön kastanienbraune Perücke mit durchgezogenem Scheitel, die er als Attaché getragen, abgelegt hatte, erkannte ich, daß er rothaarig war. Noch war sein eines Auge schwarz ummalt, und metallisch schwarz glänzender Staub haftete in den Wimpern, indes das andere nackt, wässerig, frech und vom Reiben entzündet den Besuchern entgegenblinzelte. Das alles jedoch hätte hingehen mögen, wenn nicht Brust, Schultern, Rücken und Oberarme Müller-Rosés mit Pickeln besät gewesen wären. Es waren abscheuliche Pickel, rot umrändert, mit Eiterköpfen versehen, auch blutend zum Teil, und noch heute kann ich mich bei dem Gedanken daran eines Schauders nicht erwehren. Unsere Fähigkeit zum Ekel ist, wie ich anmerken möchte, desto größer, je lebhafter unsere Begierde ist, das heißt: je inbrünstiger wir eigentlich der Welt und ihren Darbietungen anhangen. Eine kühle und lieblose Natur wird niemals vom Ekel geschüttelt werden können, wie ich es damals wurde. Denn zum Überfluß herrschte in dem von einem eisernen Ofen überheizten Raum eine Luft – eine aus Schweißgeruch und den Ausdünstungen der Näpfe, Tiegel und farbigen Fettstangen, die den Tisch bedeckten, zusammengesetzte Atmosphäre, daß ich anfangs nicht glaubte, ohne unpäßlich zu werden, länger als eine Minute darin atmen zu können.  (…)  Ich erinnere mich, daß der Sänger, obgleich doch der begeisterte Beifall des Publikums ihn seines Triumphes hätte müssen versichert haben, unaufhörlich fragte, ob er gefallen, in welchem Grade er gefallen habe – und wie sehr verstand ich seine Unruhe! (…) Dies also – so etwa gingen damals meine Gedanken –, dies verschmierte und aussätzige Individuum ist der Herzensdieb, zu dem soeben die graue Menge sehnsüchtig emporträumte! Dieser unappetitliche Erdenwurm ist die wahre Gestalt des seligen Falters, in welchem eben noch tausend betrogene Augen die Verwirklichung ihres heimlichen Traumes von Schönheit, Leichtigkeit und Vollkommenheit zu erblicken glaubten! (…)
Empfinde noch mehr! Frage dich, was den abgeschmackten Witzbold trieb, diese abendliche Verklärung seiner selbst zu erlernen! Frage dich nach den geheimen Ursprüngen des Gefälligkeitszaubers, der vorhin seinen Körper bis in die Fingerspitzen durchdrang und beherrschte!
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https://www.thomasmann.de/werk/romane/felix-krull

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Die eigene Nase

Gestern abend hat Ralf König zum Ausklang des Hamburger CSD-Wochenendes eine seiner Dia-Lesungen im „Nachtasyl“ über dem Thalia-Theater präsentiert: eine kommentierte Revue aus kurzen Comics. Zuvor hatte auf der selben Bühne ein Gespräch mit dem aus New York zurückgekehrten Aktivisten Hans Berlin stattgefunden, der seinen Ruhestand als Pornodarsteller in der Heimat mit Aufklärungsarbeit zum Thema HIV bestreiten wird. (Der beredte Charme, den er dabei entfaltete, dürfte das Unternehmen zu einem großen Erfolg machen!)
Dazu passte, das Ralf uns eine Sittengeschichte des Sexlebens und -verhaltens in der Bundesrepublik aufklappte, einen Leporello, den er mit seit den frühen 80er Jahren geschaffenen Comics satirisch begleitet hat. Es war eine überwältigende Chronik! Und eine saukomische. Dass er die zugrundeliegenden Beobachtungen bekanntlich stets aus der schwulen Perspektive gemacht hat, hinderte ihn nicht daran, die heterosexuelle Normalversion mitzubetrachten und zu –kommentieren. Seit 1987, als er in „Der bewegte Mann“ die Heteros sogar als die eigentlichen Exoten zum Thema machte (was der Film von 1994 zu seinem Leidwesen wieder zurücknahm), ist er ohnehin ein Künstler mit Breitenwirkung über das eigene Milieu hinaus, dessen Gleichnisse von nicht-homosexuellen Frauen ganz besonders geschätzt werden. Die Pointen saßen, und schon die Subkultur-Szenen aus den Bänden der Reihe „Schwulcomics“ (die ersten, die in Buchform veröffentlicht wurden) waren nicht zimperlich, was männliche Neurosen angeht. Die Empfindlichkeiten, Kommunikationsprobleme und Beziehungskapriolen schwuler Männer mussten schon deshalb nicht beschönigt werden, weil sich die anderen (Normalos und homosexuelle Frauen) im Zweifelsfalle noch alberner aufführen.
Als Ralfs Mutter kürzlich hochbetagt verschied, tauchte noch ein vergessener Karton mit besonders frühen Arbeiten auf, die enthüllten, dass der Künstler in Kindertagen sogar eine religiöse Phase hatte.
Was die gestrige Collage vollends zu einem Bildungsprogramm machte, war die historische Einordnung, die dem Publikum dabei half, die Comics akkurat in die eigene Biographie einzuweben: in die AIDS-Krise, die Antischwule Hetze der GauweilerCSU, das segensreiche Wirken der konservativen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth, die Quoten-Homos im frühen Privatfernsehen, die Homo-Ehe u.v.a.m.
Selbstverständlich gab es einen Büchertisch (er wurde weitgehend leergekauft), aber eins hat leider gefehlt: der gestrige Abend in Buchform. Er hätte das Zeug zum Klassiker.

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Wohnwelten (21): Eine Working Class Künstlerwohnung

betr.: So wohnen literarische Figuren

John Osbornes tragischer „Entertainer“ Archie Rice lebt mit seiner Familie in einer Wohnung, die nur knapp so beschrieben wird:

Hinten ein Schleiervorhang. Dahinter ein hohes Podest, zu dem Stufen hinaufführen. Kniehohe Blenden und ein Türrahmen genügen als Wand.

Es handelt sich bei diesem modernen Theaterklassiker nämlich um Stück, das mit symbolischen Dekorationen arbeitet:

Möbel und Requisiten so sparsam wie für einen kurzen Sketch.

Umso ausführlicher erläutert der Autor im Einführungstext das Milieu, in dem sich die Wohnung befindet. Sie ist das Biotop, in dem der Unterhaltungskünstler lebt und von dem aus er Tag für Tag in die (ihrerseits) untergehende Welt der englischen „Music-Hall“ aufbricht. Handlungszeit ist die Gegenwart (1957).

Das Stück spielt in einem großen Kurort an der Küste. Familie Rice wohnt in einem jener häßlichen Imponierbauten erfolgreicher Geschäftsleute um die Jahrhundertwende: Zur Strandpromenade nur 25 Minuten im Wagen. Jetzt rumpelt vorne der O-Bus mit Arbeitern vorbei – ringsum sind kleine Fabriken entstanden. Diesen Stadtteil bekommen die Kurgäste nie zu Gesicht – wenn aber doch, eilen sie schnell in die Ferienidylle zurück. Dem zu entkommen, waren sie ja zwei, drei Stunden mit dem Zug gefahren. Da müssen sie noch nicht einmal vom Hauptbahnhof aus vorbei, denn dieser Stadtteil existiert ganz für sich und hat seinen eigenen Bahnhof, ziemlich groß sogar, ein Gelände mit Güterschuppen und Rangiermöglichkeiten. Aber die Schnellzüge halten da nicht. Weder Wohngegend noch Industriegebiet kann man das nennen. Es gibt viele schmutzige Baulücken und hohe schwarze Außenmauern, einen Gasometer, einen großen Schornstein, eine Hauptstraße, die vor Lastwagen und Dreck vibriert. Die Geschäfte liegen vereinzelt an der Kreuzung zu Nebenstraßen. Ein Zeitungsladen, ein Lebensmittelgeschäft, Fish & Chips.

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Summer of Kult: Humphrey Bogart

Er ist neben Marilyn Monroe der Letzte aus der Reihe der „Unsterblichen“ Hollywoods und der Inbegriff des Kultstars schlechthin. In der ersten Staffel unseres Podcasts mit den amtlichen 42 Kultfilmen spielte er dreimal die Hauptrolle und wurde in zwei weiteren Filmen inhaltlich zum Thema gemacht und vor der Kamera parodiert. Im Podcast haben wir uns die Frage gestellt, was diese Filme wirklich bzw. heute noch taugen – wie wir das immer so machen. Und begonnen haben wir mit dem Film, dessen Kult selbst den der übrigen 41 – abgesehen vielleicht von der „Rocky Horror Picture Show“ – überstrahlt: „Casablanca“.
Umberto Eco meinte: „Wenn sich ältere Herren des Abends vor dem Fernsehgerät versammeln, ein Getränk in der Hand, dann kann es nur einen Film geben: Casablanca.“ Dieses launige Dichterwort wollen wir in unserem Rückblick auf die erste Staffel unseres Podcasts so nicht stehen lassen:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/summer-of-kult-humphrey-bogart

Tabak-Reklame von 1984

Wie man hin und wieder liest, kam Humphrey DeForest Bogart am 23. Januar 1899 zur Welt, ein Datum, dass von der Pressestelle seines Studios auf jenen Weihnachtsabend des selben Jahres umdatiert wurde, der heute in der Wikipedia steht. In der Nacht zum 31. Januar 1957 starb Bogart nach einem neunmonatigen Kampf gegen den Krebs. Zwei Jahre später drehte Jean-Luc Godard „Außer Atem“ – auch der inzwischen Kult und der erste von vielen Filmen, der Bogart als historische Figur zelebrieren.
Als Humphrey Bogart und Lauren Bacall heirateten, war er 45 und sie 18. Zur allgemeinen Überraschung war die Ehe glücklich und hielt.
Wenig erfolgreich war die erste Hälfte von Bogarts Karriere gewesen. Als Bühnen- und Filmschauspieler erntete er Verrisse und wurde von berühmteren Filmgangstern um die Ecke gebracht. Erste Aufmerksamkeit erregte er als Bösewicht in dem Stück „Der versteinerte Wald“, 1936 durfte er diese Rolle auch im Film spielen. Bevor er mit „Casablanca“ zum Mythos wurde, wurde er mit „Die Spur des Falken“ zum Star. Regie führte erstmalig John Huston, mit dem Humphrey Bogart befreundet blieb.

Neben den drei Kultfilmen der heutigen Präsentation gibt es noch einige andere, die beinahe ebenso kultig sind, vor allem „Der Schatz der Sierra Madre“ und „African Queen“ – beide von John Huston – und die Komödie „Wir sind keine Engel“ vom „Casablanca“-Regisseur Michael Curtiz. Der größte Kult aber umweht Humphrey Bogart selbst. Und am dichtesten wabert er, wenn Bogey denn unverstandenen Zyniker mit dem weichen Kern verkörpert. So auch im dritten und schrägsten Beitrag unseres Triptychons. Howard Hawks inszenierte „Tote schlafen fest“ und stellte ihm einmal mehr seine Entdeckung Lauren Bacall an die Seite. Wie wir wissen, ist sie dort geblieben. Bis zuletzt.

Wir wiederholen diese Gespräche aus der 1. Staffel:

Casablanca
US-Liebesdrama von 1943

Im Zweiten Weltkrieg ist Casablanca in Französisch-Marokko ein wichtiger Auswanderungshafen für europäische Flüchtlinge. Auf das heißersehnte Visum warten viele im „Café Americain“. Dessen Betreiber Rick Blaine ist zum Zyniker geworden, als ihn seine große Liebe Ilsa beim Einmarsch der Deutschen in Paris verlassen hat. Plötzlich steht ebendiese Ilsa bei ihm im Lokal und stellte eine haarsträubende Forderung: Rick soll Transitvisa beschaffen: für sie und ihren Geliebten Viktor. Wie ein jeder weiß, wird es zuletzt auf dem nebligen Flughafen zu einer weiteren Abschiedsszene kommen … und zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft … 

„Casablanca“ war ein aktuelles Zeitstück, das sich nahtlos zum klassischen Hollywoodfilm an sich wandelte, zu einem Schlagwort, das jeder kennt und einordnen kann. Selbst wer den Film nicht gesehen hat, benutzt Redewendungen und Satzbausteine wie „die üblichen Verdächtigen“ oder „Spiel’s noch einmal, Sam“. Humphrey Bogart und Ingrid Bergman wurden zum Inbegriff des romantischen Leinwandpaares und verdrängten ein anderes, ähnlich glückloses Liebespaar auf den zweiten Platz: Rhett und Scarlett aus „Vom Winde verweht“.

Die Spur des Falken / The Maltese Falcon
Amerikanisches Kriminaldrama von 1941

Die zwielichtige Brigid O’Shaughnessy beauftragt Privatdetektiv Sam Spade, einen Mann zu überwachen. Spade übergibt die Aufgabe seinem Partner Archer. Als der kurz darauf umgebracht wird, ahnt Spade, dass die Dame ihn belügt. Ein schmieriger Typ namens Joel Cairo klopft bei ihm an und bittet ihn, den „Maltester Falken“ aufzuspüren, eine wertvolle Statuette aus dem 16. Jahrhundert. Auch der feiste Mr. Gutman ist mit seinen psychotischen Handlangern hinter dem Vogel her. Und: Mrs. O’Shaughnessy …

Der klassische Detektivroman „Der große Schlaf“ von Dashiell Hammett war schon zweimal Verfilmt worden, doch das waren noch klassische Gangsterfilme gewesen. Mit John Hustons Umsetzung begann die Ära des Film Noir, deren wichtigste Typen und Topoi wir hiermit schon beisammen haben. Der allerwichtigste: sein Held, der furchtlose Einzelgänger.

Tote schlafen fest / The Big Sleep
Amerikanisches Kriminaldrama von 1946

Der greise General Sternwood wird erpresst. Privatdetektiv Marlowe erhält von ihm den Auftrag, seine aufmüpfige Tochter Carmen im Auge zu behalten: eine spielsüchtige Nymphomanin. Wie sich zeigt, hat sie aus verschmähter Liebe den Sekretär ihres Vaters getötet. Marlowe kann den Verdacht auf eine Verbrecherbande lenken. Doch dann entdeckt er, dass Carmens Schwester, die launische Vivian, mit den Herren in dunkle Geschäfte verwickelt ist. Nun ist der ganze Trickreichtum des Schnüfflers gefragt, um die Gangster gegeneinander auszuspielen. Nicht zuletzt, weil er sich für Vivian zu interessieren beginnt …

Weder Romanautor Raymond Chandler noch Regisseur Howard Hawks haben die Handlung dieses Drehbuchs wirklich verstanden. Umso stimmiger geriet die Atmosphäre des Films, in der Humphrey Bogart auch den zweiten großen Hardboiled Detective der amerikanischen Kriminalliteratur verkörpert: Philip Marlowe. Das Ergebnis gilt als Hauptwerk des Film Noir, einer Strömung, die bei uns nicht ganz korrekt „Schwarze Serie“ genannt wurde.

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