So siehst Du aus! (1)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Lesen sie auch die Einführung vom 16. Juni

Matias Faldbakken (1973-)
The Hills

Der Maitre d‘ Er blickt mich lange und eingehend an. Dann bringt er, wie er das oft tut, sein großes Gesicht langsam näher an meines heran.
In der Regel ist ein Kindergesicht eine reine, runde Oberfläche mit den symbolträchtigen Zügen von Augen und Mund. Augen und Mund stechen in einem Kindergesicht hervor. Die Augen und der Mund können die Quelle faszinierender Schönheit sein. Sie sind ein Mittel der Kommunikation. Man kann Unsicherheit, Freude und Trauer an ihnen ablesen. Mit dem Alter wird das Gesicht immer mehr vom Gesicht selbst dominiert. Augen und Mund werden vom Gesicht selbst in den Hintergrund gedrängt.
Das Gesicht des Maitre d‘ ist ein schlagendes Beispiel für diesen Triumph des Gesichts. Seine Augen, die sicher einmal glänzend und hell waren, sind nicht nur eingesunken und blass, sie sind auch merkwürdig klein im Verhältnis zur gesamten Gesichtsfläche. Die Tränensäcke haben ebensoviel Aussagekraft wie die Augen. Seine Augen und sein Mund, die, als er jünger war, für den Großteil seiner Ausdrucksfähigkeit verantwortlich waren, leisten jetzt nur noch einen minimalen Beitrag dazu, was in seinem Gesicht vor sich geht. Sein Mund – einst prall, potent und weich – ist nun stramm, lippenlos, umgeben von vertikalen Falten. Es sieht aus als bliese er ständig auf einer Querflöte. Was von den Lippen noch übrig ist, dient inzwischen im besten Fall als eine Art Vorhang vor den gelblichen Zähnen. Sein Gesicht hat viel Stirn, Kiefer und Kinn mit Gruben, Poren und Furchen, raue und glatte Bereiche, fettige Flächen, eine Unmenge an Schattierungen und Farbnuancen, kleine Netze aus geplatzten Blutgefäßen und Abnutzungserscheinungen von langjährigem Rasieren, dem Auftragen von Aftershave und seinem Alkoholkonsum.
So manche Mimik und Grimasse hat sich verfestigt, und es ist keine Kunst, von außen zu erkennen, was in ihm vorgeht, ganz egal, wie zugeknöpft er ist.
Glück und Unglück leben Seite an Seite, sagt er.
Nun habe ich nicht allzuviel zu sagen, was das Thema Gesichter betrifft. Wenn ich mich meinen Problemen von Angesicht zu Angesicht stellen möchte, um es mal so auszudrücken, muss ich nur in den Spiegel schauen. Es ist, als wäre mein Gesicht ein Abdruck aller Sorgen, die sich in mir im Laufe der Jahre angesammelt haben. Die Sorgen sind die Gussform meines Gesichts. Ich verspüre oft eine Anspannung und weiß, was sie mit meinem Gesicht anstellt. Gewebe und Unterhautfett werden von den Sorgen ausgedörrt. Ich fühle, dass die Mundwinkel nach unten gezogen werden. Ein Ziehen im Gesicht. Ich spüre, wie die Gefühle an meinem Gesicht ziehen und zerren.
Wie ist das möglich?
Dass ein Alkoholproblem ein Gesicht auszehren und ruinieren kann, ist verständlich; dass die Blutgefäße und Poren vom Alkohol geweitet werden, ist logisch. Dies kann man im Gesichtsdrama des Maite d ‘ verfolgen. Aber dass Emotionen ein Gesicht zerstören können, das erscheint ungerecht.    
Wer Nerven hat, bekommt ein sogenanntes Nervengesicht. Wozu soll das gut sein? Ist das Gesicht eine Art Marionette der Nerven? Dass man mit dem Gesicht kommuniziert, ist offensichtlich. Aber wenn man versucht, seine Nerven mit einem Pokerface zu verbergen und dennoch ein Nervengesicht hat, was für einen Zweck hat das denn? Was für eine evolutionäre Sackgasse ist das? Man hilft einem Kind, wenn es weint. Aber man schützt das Kind, wenn das Nervengesicht den Raum betritt. Niemand kommt einem Nervengesicht zu Hilfe.
Manchmal, sagt die Barchefin, geht der Maitre d‘ nach hinten und schmiert sich Creme ins Gesicht. Daher der Glanz! Ich muss grinsen. „Er verbirgt es gut, aber ich höre, wie er sich eincremt“, sagt die Barchefin. Darüber können wir kichern, die Barchefin und ich. Hörbares Eincremen. Aber davon, sagt die Barchefin,  dürfen beispielsweise Sellars und seine Truppe nichts erfahren. Aus solchen Details können sie eine ganze Architektur des Spotts errichten.
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https://www.penguin.de/buecher/matias-faldbakken-the-hills/ebook/9783641230210

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Kultfilm Azubis: Drama – Liebe – Wahnsinn

Filme, in denen es um Sex geht müssen nicht schmuddelig sein und auch nicht voyeuristisch. Abgesehen davon, dass auf das Kino zu ebenso zutrifft, was Truman Capote über Belletristik gesagt hat: alle Literatur ist Klatsch.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/belle-de-jour-schoene-des-tages-live-flesh-mit-haut-und-haar

A) Belle de Jour – Schöne des Tages / Belle de Jour
Französisches Drama von 1967

Die schöne Séverine hält ihren Mann Pierre sexuell kurz – und verachtet ihn ein wenig für seine Rücksicht. Insgeheim träumt sie davon, sich erniedrigen zu lassen. Bei der Arbeit in einem diskreten Bordell für bessere Kreise öffnet sich zeitweilig ein Ventil für ihre schrägen Fantasien. Doch dann erregt sie bei einem ihrer Kunden allzu große Begeisterung. Und den Sadismus eines Freundes von Pierre, der hinter das Geheimnis ihres Doppellebens kommt.

Der Spanier Luis Bunuel etablierte sich schon im Stummfilm als großer Surrealist. Das freizügige französische Kino gab ihm die Möglichkeit, diese Strömung mit seiner Abneigung gegen das gehobene Bürgertum zu verbinden, ein Anliegen, an dem sich auch sein Kollege Claude Chabrol kreativ abarbeitete. Mit „Belle de Jour“ feierte Bunuel seinen größten Erfolg. Und die junge Cathérine Deneuve mutet ihrer unerschrockenen Fangemeinde eine weitere abgründige Heldin zu.

B) Live Flesh – Mit Haut und Haar / Carne trémula
Französisch-Spanisches Drama von 1997

Der heißblütige Victor ist bei einem Rendez-Vous in ein Handgemenge mit Schießerei verwickelt worden, bei dem sich einer der hinzukommenden Polizisten eine Querschnittslähmung zugezogen hat. Als Victor aus dem Gefängnis entlassen wird, hat er nur ein Ziel: die verlorene Zeit nachzuholen und der beste Liebhaber aller Zeiten zu werden. Als Lehrmeisterin sucht er sich ausgerechnet die Frau von Sancho aus, des älteren Cops, der einst die Situation eskalieren ließ. Und als Objekt der Begierde die Frau von David, dem jüngeren Cop, der nun im Rollstuhl sitzt.

Der spanische Meisterregisseur Pedro Almodovár begann Anfang der 80er Jahre in der schwulen Subkultur, hatte mit seinem schrillen Humor auch im Mainstream Erfolg und spezialisierte sich mit den Jahren auf starke Frauenportraits. Im Gegensatz zu seiner Entdeckung Antonio Banderas schlug er alle Angebote aus, nach Hollywood zu gehen, um seine künstlerische Freiheit nicht aufs Spiel zu setzen. Seine Filmgesellschaft heißt „Deseo“: Leidenschaft.

Nächste Woche: Zwei hinreißend verdorbene Schurken und Enthüllung um Mitternacht

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Als Wahrheit Teile der Bevölkerung verunsichern durfte

betr.: 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann

Als „Der gute Gott von Manhattan“ 1959 den renommierten „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ bekam, war das Fernsehen zwar in der Bundesrepublik schon eingeführt, doch das Hörspiel stand noch in voller Blüte, und man versammelte sich abends um das Empfangsgerät, um ihm zu lauschen. Sogar die Dankesrede der Autorin für die Auszeichnung im Bundeshaus in Bonn hat Geschichte gemacht. Ihr Titel wurde zu einem geflügelten Wort: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. (Bundesinnenminister Thomas de Mezière aktualisierte diesen Satz 2016 mit dem vieldiskutierten Ausspruch: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“ …)
Die Bedeutung des Mediums war auch daran abzulesen, dass von wichtigen Hörspielmanuskripten mehrere Fassungen produziert werden konnten – von Bachmanns „Gott“ etwa eine von Gert Westphal für SWF Baden-Baden, Radio Bremen und RIAS Berlin und eine von Fritz Schröder-Jahn als Koproduktion von NDR und BR. Der Deutschlandfunk sendete gestern eine Neufassung zum Jubiläumsjahr der Autorin.

Die Konzeption des Hörspiels ist auf eine für heutige Ohren ungewohnte Weise verwickelt, Günter Peters beschreibt sie so: »Hier geht die Autorin mit dem Thema der Kluft zwischen Liebe und Gesellschaft und der von Herrschaft und Machtansprüchen gelenkten Beziehung zwischen Mann und Frau auf radikale Weise buchstäblich ins Gericht. Die Handlung wechselt ständig zwischen drei Schauplätzen oder Ebenen des Geschehens: Auf der ersten Ebene hören wir das Gespräch eines Richters mit dem vor das Gericht geladenen “guten Gott”, der sich wegen eines mörderischen Brandattentats auf die weibliche Hauptfigur des Hörspiels zu verantworten hat und der diese Tat als Strafe für den asozialen Charakter einer derart absoluten und vorbehaltlosen Liebe rechtfertigt, wie sie das junge Paar auszuleben versuchte. Die zweite Ebene verfolgt die Liebesgeschichte der beiden jungen Leute Jan und Jennifer, deren Zuspitzung sich darin ausdrückt, dass sie in ihrem Wolkenkratzerhotel in immer höhere Stockwerke aufsteigen. Auf einer dritten Ebene treten zwei feuerrote Eichhörnchen auf, deren Doppelrolle darin besteht, die Liebenden tiefer in ihre Leidenschaft hineinzuzuziehen und gleichzeitig auf Geheiß des guten Gottes ihre Vernichtung zu betreiben. In einer Schlüsselszene schlägt die Bereitschaft der beiden Liebenden, sich wieder zu trennen, in eine Form absoluter Liebe um, die keine gesellschaftlichen Schranken kennt, aber auch eine schamlose Erniedrigung der Frau vor dem Mann und ein wechselseitiges Verfallensein impliziert. Direkt anschließend analysiert der vor Gericht geladene “gute Gott” diese Form der Liebe, die in seinen Augen ein Verbrechen gegen die Gesellschaft darstellt und deshalb unnachsichtig vertilgt werden musste.«

Schon aus dieser Inhaltsangabe wird deutlich, welche künstlerische Freiheit ein geachteter Literaturstar genoss, wenn er für den Rundfunk arbeitete – ganz zu schweigen von den immensen Honoraren, zumal wenn noch Mehrfachbearbeitungen entstanden. Auch andere große Schriftsteller schätzten diese Bedingungen. Alfred Andersch und Günter Eich – wie Bachmann zwei Vertreter der “Gruppe 47” (betätigten sich schwerpunktmäßig für das Hörspiel – und vor allem Zweiterer verunsicherte die Bevölkerung gern auch mit seiner Dichtung).
Bevor als Theaterautor groß wurde, schuf auch der Schweizer Friedrich Dürrenmatt Klassiker des Mediums, die heute noch gespielt werden – in jener eng gewordenen Nische, in der heute auch der Hundertste von Ingeborg Bachmann gefeiert wird.    

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Am besten nichts Neues

betr.: Aktuelle Filmkritik

Supergirl
DC-Superhelden-Abenteuer von Craig Gillespie

Kara Zor-El alias Supergirl (Milly Alcock) feiert ihren 21. Geburtstag mit einem Roadtrip – und zwar zusammen mit ihrem Hund Krypto quer durch die Galaxis. Abstand zur Erde ist ihr eigentlich ganz recht, denn dort steht sie sowieso nur im Schatten ihres Cousins Superman (David Corenswet). Außerdem stammen die beiden zwar vom selben Planeten, werden jedoch von den Gespenstern der untergegangenen Heimat ganz unterschiedlich heimgesucht. Während Superman bereits als Baby auf der Erde gelandet ist, musste seine Cousine mit eigenen Augen ansehen, wie Krypton in Schutt und Asche gelegt wurde. Jedenfalls bleiben sie und Krypto nicht lange allein: sie geraten an die kleine Schwertträgerin Ruthye Marye Knoll (Eve Ridley), die wiederum den Tod ihres Vaters rächen will. Eine neue, weitaus größere Bedrohung in Gestalt von Krem of the Yellow Hills (Matthias Schoenaerts) schweißt sie zum Team zusammen. DC-Schlagetot Lobo (Jason Momoa) ist etwas aus dem Leim gegangen, darf aber als komische Nebenrolle mitmischen …

Das DC Extended Universe geht in die nächste Runde – und Marvel-Überläufer James Gunn passt auf, dass es nicht zu viele Überraschungen gibt. Torben Sterner hat für den heutigen Podcast dennoch ein paar aufgespürt:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/supergirl

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Wohnwelten (19): Der verschwiegene Garten

betr.: So wohnen literarische Figuren

„Der verschwiegene Garten“ in der gleichnamigen „Pater Brown“-Erzählung von Gilbert Keith Chesterton ist der Schauplatz eines Verbrechens, das sich im Rahmen einer Abendgesellschaft ereignet. Das ihn umgebende Gebäude wie auch der Hausherr sind Teil der Geschichte.

Aristide Valentin, der Chef der Pariser Polizei, hatte sich verspätet, und einige seiner Gäste trafen bereits vor ihm zum Diner ein. Sie wurden von Valentins altem Faktotum Ivan empfangen, einem bejahrten Mann mit einer Narbe und einem Gesicht, das fast ebenso grau war wie sein Schnurrbart; er saß wie gewöhnlich an einem Tisch in der großen Eingangshalle des Hauses, die voller Waffen hing. Valentins Haus war vielleicht genauso eigenartig und berühmt wie der Hausherr. Es war ein alter Bau mit dicken Mauern und hohen, über die Seine hängenden Pappeln; aber das Seltsamste – und für einen Polizeimann vielleicht wertvollste – seiner Architektur bestand darin, daß es keinen anderen Ausgang als den durch die Vordertür gab, die von Ivan und dem Waffensaal bewacht wurde. Der große Garten war sorgfältig angelegt, und in ihn führten viele Türen des Hauses. Aus ihm jedoch gab es kein Tor zur Außenwelt; er war ringsum von einer hohen, glatten und unübersteigbaren Mauer umgeben, deren oberer Rand mit ausgesucht scharfen Eisenstacheln besät war; sicher kein schlechter Platz zum Nachdenken für einen Mann, dem ein paar hundert Verbrecher den Tod geschworen hatten.

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Emma Peel und die Rache der Enterbten

betr.: 120. Geburtstag von Billy Wilder

Remakes sind überall, wenn sie sich auch nach Möglichkeit als Prequels, Alternativ-Universalien oder schlicht als etwas Neues verkleiden. In Wahrheit war die Ideenarmut in Hollywood noch nie so aufdringlich mit Händen zu greifen wie heute und das Misstrauen der Filmschaffenden in ein Publikum, das sich eventuell gern mal wieder überraschen lassen könnte, so groß.
Wenige Remakes sind sinnvoll – zuletzt habe ich gestaunt, wie nah die x-te Version von “Wuthering Heights” ihrer literarischen Vorlage kam und wie viel schlechter selbst ihre glanzvollsten Vorläufer in dieser Disziplin dagegen abschnitten.
Aber meistens sind Remakes eine Pest, reine Zeitverschwednung, ein Armutszeugnis, eine Unverschämtheit.

“Zeugin der Anklage” von 1982 ist ein besonderer Fall.
Er scheint nicht vollkommen sinnlos, wirkt er doch immerhin, als sei er eigens produziert worden, um uns vor Augen zu führen, wie bescheuert es ist, das Remake eines der Klassiker von Billy Wilder vorzulegen, der seinerseits ein Klassiker ist.
Es gibt in der TV-Version mehrere wirkliche Altstars (etwa Ralph Richardson und Deborah Kerr) und einige Namen mit großer Vergangenheit (allen voran die an anderer Stelle bahnbrechende Diana Rigg oder der Dauerbrenner Donald Pleasence), außerdem seitenweise brillante Dialoge aus den beiden Originalen: dem Theaterstück von Agatha Christie und dem Drehbuch von Harry Kurnitz und Billy Wilder.
Doch lässt die Neufassung schon rein optisch alles vermissen, was das Original von 1957 auszeichnet: Licht, Luftigkeit, Eleganz. Die modrige TV-Optik mit ihren halbschattigen Pappkulissen wirkt so bedrückend, dass man sich nach der stilvollen Schwarzweißfotografie selbst der Kerkerszenen zurücksehnt.
Man versucht, die alten Bilder zu vertreiben, doch immer wieder werden Szenen so schamlos nachgestellt, dass sie die Schmach geradezu anfachen.  

„Zeugin der Anklage II“ ist derartig missraten, dass er sich als abschreckendes Beispiel mühelos neben den zahlreichen Fehlleistungen behauptet, die seither entstanden sind. Am nächsten liegen hier die eitlen Plünderungen, die der im Alter immer selbstbesoffener werdende Kenneth Branagh wiederum an Agatha-Christie-Filmklassikern begeht (– mit Shakespeare ist er durch, jetzt hat er sich eine Jüngere gesucht). Seine Schändungen so munterer Evergreens wie „Tod Auf dem Nil“ mit Peter Ustinov und „Mord im Orient-Express“ mit Albert Finney schlagen immerhin spektakulär fehl, laut knallend und effektvoll stinkend, während „Zeugin der Anklage“ kläglich in die Tiefe rutscht und dabei ein quälendes Quietschen ausstößt.

Besonders weh tut die sogenannte „Bearbeitung“ des Kino-Drehbuchs durch John Gay (1924-2017), der nur Nichtigkeiten an der Vorlage verändert (Schauplätze austauscht, Auf- und Abgänge verschiebt oder vorverlegt) und dem nichts Eigenes einfällt, sobald es zu den Szenen im Gerichtssaal kommt, die schlicht nicht besser herzustellen sind und daher Wort für Wort aus dem Film abgeschrieben werden. Einmal will Mr. Gay es aber richtig wissen, nämlich als die Anwälte kurz vor Prozessbeginn mitleidig den Kopf über ihren Mandanten schütteln, der all seine Hoffnung in die eiskalte Titelheldin setzt. Bei Kurnitz und Wilder erinnert er seine Verteidiger „an einen Ertrinkenden, der sich an einem Haifischrachen festklammert“. Bei Gay klammert sich der Ertrinkende an eine Rasierklinge. Soso …

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Columbo in Babylon

betr.: 35. Todestag von Klaus Schwarzkopf

Obwohl Columbo hauptsächlich zwei deutsche Stimmen hat – Klaus Schwarzkopf und dessen Nachfolger Horst Sachtleben – kommt es uns beim zufälligen hineinschalten in die noch immer fröhlich gesendeten Wiederholungen so vor, als wären es ein Dutzend verschiedene Sprecher, die da am Werk sind. Ganz so schlimm ist aber nicht.

Die beiden TV-Movies „Mord nach Rezept“ (1968) und „Lösegeld für einen Toten“ (1971) wurden noch mit Uwe Friedrichsen in der Hauptrolle synchronisiert, da niemand davon ausging, dass „Columbo“ in Serie gehen würde. Beginnend mit der ersten regulären Serienfolge „Tödliche Trennung“ (1971, bei uns 1974) übernahm Klaus Schwarzkopf (der damals auch für den NDR als „Tatort“Kommissar Finke ermittelte) den Part. 1978 wurde die Serie eingestellt, und eine Fortsetzung war nicht abzusehen, obwohl sie sich viele wünschten.
Als Klaus Schwarzkopf 1991 starb, hatte er die ersten Folgen des 1989 wieder angelaufenen „Columbo“-Revivals noch übernehmen können. Für kurze Zeit wurde er von Claus Biederstaedt (deutsche Stimme von „Detektiv Rockford“ James Garner) vertreten, bevor der Auftrag von Hamburg nach München und damit glücklicherweise an Horst Sachtleben ging (den ich persönlich für den besten deutschen Columbo halte).
Sieht man von Friedrichsens kurzem Vorspiel ab, haben wir es also mit drei Stamm-Stimmen zu tun. Eine Folge geistert jedoch mit der Stimme von Hans Sievers durch die Rotation: „Tödliche Kriegsspiele“. Sie stammt aus einem Paket von fünf Folgen, die für den Videomarkt bearbeitet wurden, ehe feststand, dass RTL die neuen und alten Columbo-Folgen ins Programm nehmen wollte. So nahm man nur die Columbo-Takes dieser Fälle mit Klaus Schwarzkopf neu auf. Aus unerfindlichen Gründen läuft im Fernsehen inzwischen nur noch die Video-Version von „Tödliche Kriegsspiele“, die somit eine einzige ist, in der der Held eine von allen anderen Episoden abweichende Stimme hat, die von Hans Sievers.

Als ich für den Sender SuperRTL tätig war, wo „Columbo“ inzwischen erfolgreich wiederholt wurde, fragte ich dort nach, ob die Schwarzkopf-Fassung nicht doch noch greifbar wäre und sich wieder einfügen ließe. Doch keiner wusste etwas davon.
Ich habe damals einen Video-Mitschnitt der RTL-Version mit Klaus Schwarzkopf gemacht, doch diese VHS-Cassette ist eine der wenigen, die in meiner Sammlung verlorengegangen sind.

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Zur Geschichte des Spoilers

Fortsetzung vom 26. Juni 2021

Inzwischen hat die allgemeine Spoiler-Paranoia im selben Maße zugenommen, in dem es zusätzliche Medien-Angebote gibt.
In der aktuellen „Spiegel“-Literaturbeilage findet Lars-Olav Beier in der James-Bond-Serie ein geläufiges Beispiel – und Gegenargumente:

»Bei „Skyfall“ (2012) hieß es, man dürfe auf keinen Fall das Ende verraten, denn da sterbe ja Bonds Chefin M, gespielt von Judi Dench. Wie bitte? M war doch 1981 schon gestorben, als Bernard Lee, der erste M-Darsteller der Serie, einem Krebsleiden erlag. Wie er wurde auch Judi Dench ersetzt, Ralph Fiennes übernahm in „Skyfall“ den Part.
Die schlimmste Geheimniskrämerei wurde dann um „Keine Zeit zu sterben“ (2021) betrieben, an dessen Ende sich der von Daniel Craig gespielte Held einem Raketenangriff ausgesetzt sieht, den er eigentlich nicht überleben kann. James Bond tot? Natürlich nicht, der kommende 007-Darsteller wird dem Vernehmen nach gerade gecastet. Und dass Craig den Superagenten nach „Keine Zeit zu sterben“ nicht noch ein weiteres Mal spielen würde, war schon vorher klar. Über was für Überraschungen reden wir hier also?« (Es ist ja noch doller: der Craig-Nachfolger wird seit 15 Jahren gecastet, und Craig jammert so unentwegt darüber, wie schrecklich es ist, diese Rolle zu spielen, dass sich eine ganz neue Form der Rätselspannung ergibt.)

Wenn es ums Spoilern geht, reden wir längst über dessen Unsinn an sich und kommen damit zu der viel wichtigeren, der eigentlichen Frage: Was ist ein Stück Kino oder Fernsehen wert, das durch eine einzige Information sabotiert und damit entwertet wird?
Da wären wir wieder bei „Psycho“, dessen Überraschungs-Pointe gemeinsam mit dem Namen des Mörders inzwischen in den Sprachgebrauch übergegangen ist, ohne der andauernden Beliebtheit des Films zu schaden. In den Worten des Schweizer Filmwissenschaftlers Simon Spiegel, der an der Universität Zürich zum Thema Spoilern forscht: „Es kann doch nicht sein, dass ich mir 90 oder 120 Minuten Film oder eine ganze Serie nur wegen des Endes anschaue.“

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Kultfilm Azubis: Billy Wilder – Double Feature

Auch Cineasten alter Schule kommen ins Schleudern, wenn man sie auffordert, die späten Arbeiten von Billy Wilder aufzuzählen, der Königs der Filmkomödie. Wetten, dass unser heutiger Geheimtipp den wenigsten einfällt, wenn überhaupt? Aber zuerst beschäftigt uns der Klassiker im heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/manche-moegen-s-heiss-das-privatleben-des-sherlock-holmes

A) Manche mögen’s heiß / Some Like It Hot
Amerikanischer Komödienklassiker von 1959

Die arbeitslosen Tanzmusiker Joe und Jerry werden in der Prohibitionszeit Zeugen einer Vendetta unter Gangstern – und damit zu Freiwild. Um sowohl Gamaschen-Columbo und seinen Killern als auch den Minusgraden im winterlichen Chicago zu entkommen, schließen sich die Hungernden  en travestie einer Damenkapelle an, die eine Tour ins sonnige Florida unternimmt. „Josephine“ und „Daphne“ halten ihre Maskerade auch dann noch aufrecht, als sich beide in ihre Kollegin, die Ukulelespielerin Sugar, verlieben. Doch dann findet ausgerechnet in ihrem Strandhotel eine große Gangstertagung statt, zu der auch Gamaschen-Colombo und seine Bande anreisen …

Für jene, die das Kino vor 1999 überhaupt wahrnehmen, hält diese Klamotte unangefochten den Ehrenplatz als größte Kinokomödie nach dem Ende der Stummfilmzeit. Sie brachte Marilyn Monroes zweitwichtigste Filmszene hervor – den Song „I Wanna Be Loved By You“ –, führte Billy Wilder mit seinem Lieblingsdarsteller Jack Lemmon zusammen und bereicherte mit ihrer Schlusszeile den internationalen Wortschatz. Und das sind nicht einmal die größten Verdienste dieses Klassikers.

B) Das Privatleben des Sherlock Holmes / The Private Life Of Sherlock Holmes
Englisch-Amerikanisches Drama von 1970
50 Jahre nach dem Tod von Dr. Watson enthüllen unveröffentlichte Manuskripte pikante Details aus dem Leben des großen Sherlock Holmes. Im Jahre 1887 wird eine bewusstlose Frau bei ihm in der Baker Street abgeliefert. Der gelangweilte Holmes ist insgeheim erleichtert, zwischen zwei Fällen mit ihr und Watson nach Schottland zu reisen, um ihr Rätsel zu lüften. Doch der Fall wird ihn menschlich besonders herausfordern – und einmal mehr mit seinem Bruder Mycroft aneinandergeraten lassen … 

Dies ist Billy Wilders zärtlichster Film, obwohl er typische Exempel seines Humors enthält. Dass Holmes von ihm weder parodiert noch recht eigentlich demontiert wird, sorgte für allgemeine Irritation. Doch zeigt uns kein anderer Beitrag zum Sherlock-Holmes-Kosmos einen so lebendigen Dr. Watson, einen, der seinen Partner ebensosehr ergänzt wie kontrastiert: Sinnesmensch contra Verstandesmensch. Außerdem gibt es unheimliche Mönche, Zwerge, das Ungeheuer von Loch Ness, eine geheime Superwaffe, Queen Victoria und Christopher Lee.

Nächste Woche: Belle de Jour und Live Flesh

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Landeier im eigenen Saft

betr.: Alison Bechdels neuer autofiktionaler Comicroman „Kaputt“

Ich gehöre zu denen, die Alison Bechdels Klassiker„Fun Home“ für eine Spitzenleistung halten, für einen großen Roman seiner Zeit (ob geschrieben oder gezeichnet). Trotz oberflächlicher Gemeinsamkeiten ist „Kaputt“ – das im Original den subtileren Titel „Spend“ („völlig erschöpft“) trägt – etwas völlig anderes, nämlich ein Buch, das sich einer kritischen Analyse entzieht. Von seiner eigenen Bubble – also den liberalen Freunden der Demokratie, der LGBTQ+-Gemeinde sowie den aufgeschlossenen Fans des Mediums Graphic Novel – wird es erwartungsgemäß gelobt. Das Ausbleiben einer Reaktion, die irgendeine Emotion verrät – sei sie nun zustimmend oder ablehnend – ist aber kein gutes Zeichen. Die mir vorliegenden, durchweg positiven Rezensionen vermitteln weniger Begeisterung als eine behagliche Zufriedenheit und das Gefühl, dass alles seine Ordnung hat: Hauptsache, die Künstlerin ist sich treu geblieben. Um außerhalb ihrer Community jemanden zu provozieren, aufzuregen oder zum Nachdenken zu bringen, ist „Kaputt“ zu niedlich. So gesehen ist es ein doppelter Irr- und Schwachsinn, dass „Fun Home“ und andere Bücher der Autorin in Teilen der USA aus den Bibliotheken entfernt wurden.

Die (Verlags-)Eigenwerbung „Satire“ ist nicht korrekt, denn nichts, was hier erzählt wird, ist übertrieben (und Übertreibung der Wesenskern der Satire). Aus persönlicher Beobachtung weiß ich, dass sich ganz normale Leute genauso verhalten wie hier vorgeführt, sobald ihnen der Lebensstandard den nötigen Freiraum zu ihren putzigen Schrulligkeiten lässt. So ein Freiraum ist sprichwörtlich für die „Boomer“, die hier im Mittelpunkt stehen. Sie leben idyllisch im ländlichen Vermont (haben „der Großstadt“ also längst den Rücken gekehrt) und sind mit über 60 nicht mehr in den alltäglichen Kampf um den Lebensunterhalt verstrickt. Selbst die Schreibblockade der Titelheldin ist kein existenzielles Problem. Viel größeren Kummer bereitet ihr, dass sie meint, sich für den Fernsehvertrag schämen zu müssen, der sie einstweilen aller Geldsorgen enthoben hat („Verrat an den eigenen künstlerischen Idealen“ u.ä.). Diese auch im wirklichen Leben allgegenwärtige Jammerei auf hohem Niveau wird uns in unzähligen kurzen Szenen vorgeführt. Der Besuch bei Alisons (erfundener) Schwester, einer beinharten Trumpistin, offenbart, dass dort alles ebenso hermetisch und egomanisch ums Banale kreist wie bei Allison und ihrer Lebensgefährtin auf dem Ziegen-Gnadenhof.
All das wird abgebildet, ohne zugespitzt, ironisch gebrochen oder zur Grundlage einer Versuchsanordnung gemacht zu werden. Den Figuren bleibt sogar noch Zeit, über marxistische Thesen nachzudenken – als ob irgendeine von ihnen allen Ernstes dazu taugen würde, in einem sozialistischen oder gar kommunistischen System zu existieren (Die würden sich bedanken!).
Aber könnte nicht genau das die Pointe sein, die mir hier verschlüsselt angeboten wird?
Ich würde es gern glauben.

Guy Delisle, ein ähnlich gefeierter Star der Graphic Novel, um den es zuletzt etwas ruhiger geworden ist, hat viel mit Alison Bechdel und ihrem Konzept gemein. Auch er pflegt eine unaufgeregt-klare Linie (eine noch weitaus klarere) und realistische Beobachtungen. Auch er konstruiert keine fortlaufende Erzählung mit einer Dramaturgie, sondern beschreibt einen gesellschaftlichen Zustand. Und indem wir seinen Figuren folgen, erkunden wir ihn und erleben Variationen eines Themas. Doch bei Delisle habe ich immer das Gefühl eines Vorwärtskommens, des Verstreichens der Zeit und eines Erkenntnisgewinns. Bei Al und Hol, unserem zentralen Paar, stellt sich dieses Gefühl nicht für mich ein. Und das, obwohl sogar der Wechsel der Jahreszeiten miterzählt wird.

Die kulturellen Interessen, die in „Fun Home“ so klug verbaut und ironisiert wurden, sind gänzlich verschwunden. Als die Heldin zu Beginn kurz ihre „Bohème-Jahre“ erwähnte, tat es mir einen sehnsuchtsvollen Stich. Außer einer flüchtigen Erwähnung des Films „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“ und einer Zeile im Erzähltext, die ganz offensichtlich auf Virginia Woolf anspielt („Alison hat beschlossen, die Blumen selbst zu schneiden.“) scheint die Autorin heute keine größere Sorge umzutreiben, als für intellektuell gehalten zu werden.
Andererseits hat sie eine klare politische Haltung – etwa zur Trump-Herrschaft und ihren Folgen. Was ihrer Botschaft wie auch dem Appeal der Figuren geholfen hätte, wäre eine Handlung gewesen, eine wirkliche Geschichte, die uns die Möglichkeit gibt, uns unter die Charaktere zu mischen und eigene Perspektiven zu finden.
Mit dieser Kritik kann die Autorin unzweifelhaft leben. Die Alison in „Kaputt“ macht jedenfalls den Eindruck, als würde sie sich für solche Einwände nicht interessieren (Irrtum vorbehalten). Das ist ihr gutes Recht. Es verwundert mich aber angesichts der Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Anliegen vorbringt – in den Sprechblasen wie auch in ihren Interviews. Und Grund zur Klage gibt es ja wirklich genug.  
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Der Comic „Kaputt“ von Alison Bechdel (übersetzt von Katharina Erben) ist im Reprodukt Verlag erschienen, hat 272 Seiten und kostet 24 Euro.

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