Kultfilme – Das Kneipenquiz

Gestern abend fand in der Hamburger Mittelalter- und Rollenspiel-Taverne „Zum tanzenden Einhorn“ unser Filmquiz statt, das die Kollegen von „Quiz The North“ veranstaltet haben. Wer nicht dabei war, kann das Quiz nachspielen. Die Antworten werden in Kürze nachgereicht.

RUNDE 1

1.01: In welchem James-Bond-Film wird die 5-Ton-Folge aus „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ ebenfalls eingesetzt?

1.02: Mit welcher Summe unterschlagenen Geldes begibt sich Marion Crane in „Psycho“ auf die Flucht?

1.03: Wer singt?

1.04: Der Roman „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad erzählt die Geschichte einer Expedition im Dschungel von Belgisch Kongo, in dem langsam alle Wahnsinnig werden, während sie nach jemandem suche, der bereits wahnsinnig ist. In der berühmten Verfilmung wurden Zeit und Ort der Handlung geändert. Zur Zeit welches großen Konfliktes spielt der Film?

1.05: Unter welchem Titel erschien der Soundtrack zu „Spiel mir das Lied vom Tod“ in der Bunderepublik auf Single-Schallplatte?

1.06: Welcher berühmte Walzer wird in „2001: Odyssee im Weltraum“ zum Schweben der Raumstation gespielt?

1.07: Welche Farbe hat der „Malteserfalke“?

1.08: In „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ wird sich auf die gefährlichste aller Tierarten geeinigt. Welche ist das?

1.09: Wer führte Regie bei „American Graffiti“?

1.10: Der Schauplatz von „Der dritte Mann“ ist nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Sektoren aufgeteilt. Wie heißt diese Stadt?

RUNDE 2

2.01: Wer hat am häufigsten die Rolle des James Bond gespielt?

2.02: Wer singt?

2.03: Welchen weiblichen Vornamen trägt der Cyborg im Stummfilm „Metropolis“?

2.04: Welchen Beruf übt die Titelfigur von „Diva“ aus?

2.05: Welche Bühnenkunst wird in „Kinder des Olymp“ gepflegt und gefeiert?

2.06: Wie lautet der deutsche Verleihtitel für den Film „King Kong“?

2.07: Auf welchen Klassiker der Weltliteratur bezieht sich die Handlung der „Rocky Horror Picture Show“?

2.08: Welchen berühmten Detektiv spielt Humphrey Bogart in „Tote schlafen fest“?

2.09: Welches beliebte Filmgenre verbirgt sich hinter der veralteten deutschen Bezeichnung „Schwarze Serie“?

2.10: Welcher Regisseur prägte den bis heute gebräuchlichen Ausdruck „MacGuffin“ für die meist gegenstandslose Motivation einer Geschichte?

RUNDE 3

3.01: Wie viele Filme drehte das Traumpaar aus „Casablanca“, Humphrey Bogart und Ingrid Bergman, gemeinsam?

3.02: In welchem Land wurden 2008 umfangreiche verschollene Passagen des Films „Metropolis“ aufgefunden, die wir auf immer verloren glaubten?

3.03: Wie lautet die Inschrift über dem Kopf des Löwen im MGM-Logo?

3.04: Welcher Gegenstand verbirgt sich hinter dem Wort „Rosebud“, des letzten Wortes auf dem Sterbebett von „Citizen Kane“?

3.05: Wer singt?

3.06: Auf wie viele Filme brachte es der Hollywoodstar James Dean?

3.07: Wie heißt der Bösewicht in „Einer flog über das Kuckucksnest“?

3.08: Welcher Pizzaservice ist in „Kevin – Allein zu Haus“ am Werk?

3.09: Welcher Schriftzug ziert das Nummernschild des DeLorean von Doc Brown?

3.10: Welche japanische Trickfilmstudio schuf solche Hits wie „Chihiros Reise ins Zauberland“ und „Das wandelnde Schloss“?

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Der letzte Mensch und die Methode Luca Brasi

Kaum eine politikwissenschaftliche These wurde so gründlich missverstanden wie jene des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama: Als er im Sommer 1989 – nur wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer – in seinem berühmten Essay „Das Ende der Geschichte“ ausrief, meinte er keineswegs, dass es keine Kriege, Konflikte oder historische Schlüsselereignisse mehr geben wird. Fukuyamas Kernthese war rein philosophischer Natur: Die Kombination aus Rechtsstaat, Demokratie und Marktwirtschaft stellt das finale Modell der politischen Ideengeschichte dar, postulierte er. Dass Systeme in der Praxis fehlerhaft sind oder Autokratien fortbestehen, ändert nichts daran: Im globalen Ideenkatalog existiert schlicht keine höhere, funktionierende Alternative mehr. Monarchismus, Faschismus und Kommunismus haben sich historisch als unterlegen erwiesen.
Vor allem im Falle des letzteren verstummen törichte Leugnungen auch im offiziell demokratischen Lager nicht und sind selbst unter geachteten Intellektuellen salonfähig. So hält der allgemein als spitzfindiger-humanistischer Entertainer beklatschte Gregor Gysi die DDR bis heute „nicht für einen Unrechtsstaat“ – eine Ansicht, die auch unter aktiven jungen Politikern (also solchen, die das Elend nicht erleben mussten) wieder geteilt wird. Das traurige Thema der unverdrossenen Kommunismus-Verherrlichung hat Christian Reiermann soeben im „Spiegel“ zusammengefasst, und zwar so mustergültig, dass ich mir den Artikel „Marx und Murks“ rahmen werde.
Doch das andere, das rechte Extrem hat gegenwärtig einen solchen Vorsprung, dass der olle Marx mit seinem Rauschebart schon wieder wieder posterwürdig wird …

Dass die freiheitliche Ordnung allerorten wankt, liegt an einem der genannten Fehler der Demokratie: um effektiv wehrhaft zu sein, müsste sie sich einiger hässlicher Mittel bedienen, die ihren totalitären Gegnern keine Gewissensbisse bereiten. Damit ist ihr Unterliegen unausweichlich, sobald es – wie im Augenblick – zu einem Zweikampf kommt. Jedenfalls im Augenblick. Die dritte Demokratie auf deutschem Boden wird – falls es dazu noch kommt – eventuell pragmatischer konzipiert sein.

In seinem aktuellen Werk „Der letzte Mensch“ blickt Francis Fukuyama übrigens auf das psychologische Vakuum unseres saturierten Zeitalters – und bleibt somit beim Thema*. Der Schlüssel zum Verständnis des globalen Rechtsrucks liegt für ihn in einem antiken Konzept Platons: dem Thymos – dem tiefen menschlichen Verlangen nach Anerkennung und Würde. Während die liberale Demokratie zwar immensen materiellen Wohlstand schuf, hinterließ sie bei vielen das Gefühl, kulturell und sozial herabgesetzt zu werden.
Populistische Bewegungen besetzen dieses Vakuum perfekt: Sie verwandeln ökonomische Verlustängste in Identitätskämpfe und bieten im Tausch für Kränkungen ein kollektives Gefühl von Stolz. Weil das System zwar Sicherheit, aber keine tiefe Sinnstiftung liefert, bricht eine paradoxe Rebellion gegen den Frieden selbst aus. Es ist die von Friedrich Nietzsche prophezeite Flucht vor der Existenz als satter, aber gelangweilter „letzter Mensch“: Der moderne Bürger erschafft sich künstliche Feindbilder und zerstört lieber eine funktionierende Demokratie, als in einem bedeutungslosen Konsumparadies zu leben.
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* Francis Fukuyama: „Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt?“, Übersetzung von Helmut Dierlamm und Thomas Stauder, Verlag Hoffmann und Campe

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So siehst Du aus! (12)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Thomas Harris (1940-)
Roter Drache (a)
Das Schweigen der Lämmer
(b)
Hannibal (c)

Dr. Hannibal Lecter

(a) Dr. Hannibal Lecter lag schlafend auf seiner Pritsche; den Kopf hatte er mit einem Kissen gegen die Wand gestützt. Aufgeschlagen auf seiner Brust lag Alexandre Dumas‘ „Le Grand Dictionnaire de Cuisine“. (…)
Dr. Lecter hatte rotbraune Augen, und sie reflektierten das Licht in winzigen rötlichen Punkten. (…) Er war ein zierlicher, geschmeidiger Mann. Sehr gepflegt.

(b) Dr. Hannibal Lecter selbst lag auf seiner Pritsche gestützt und las in der italienischen Ausgabe der „Vogue“. Er hielt die losen Seiten in der rechten Hand und legte sie mit der linken nacheinander neben sich. An der linken Hand hatte Dr. Lecter sechs Finger. (…) Sie konnte sehen, dass er klein und geschmeidig war; in seinen Händen und Armen erkannte sie drahtige Kraft. (…) In seiner kultivierten Stimme schwang ein leichtes metallisches Schnarren mit. Dr. Lecters Augen waren kastanienbraun, und sie spiegelten das Licht in winzigen Punkten wider. Manchmal schienen die Lichtpunkte wie Funken in seine Iris zu sprühen. Seine Augen umfaßten Starling ganz.

(c) Der Lichtschein fällt rötlich auf das reichverzierte Klavier und den Mann dahinter (…). Sein Haar und der Rücken seines wattierten Morgenmantels reflektieren den strahlenden Glanz des Lichtes. (…) Ein leiser Luftzug streift uns, als Dr. Hannibal Lecter an uns vorübergeht. (…) Seine Augen reflektieren das Licht rötlich, aber sie glühen nicht rot im Dunkeln, wie das einige seiner Wärter geschworen haben. (…) Dr. Lecter verfügte über perfekte Umgangsformen, nicht steif, sondern leicht und elegant wirkte alles an ihm.

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Kultfilm Azubis: Trennung bitte!

Streitende Paare sind heute hauptsächlich ein Thema für die Klamotte, für den Boulevard. Einige werden sich noch an Loriot oder „Ein verrücktes Paar“ erinnern, doch da hatte die Krise nur Sketch-Länge. Unser der Hauptfilm im heutigen Podcast ist mehr als abendfüllend, und er nimmt die Sache richtig ernst:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/szenen-einer-ehe-der-tod-steht-ihr-gut

A) Szenen einer Ehe / Scener ur ett äktenskap
Schwedisches Drama von 1973

Marianne und Johan führen eine scheinbar vorbildliche Ehe. Doch als der Streit eines befreundeten Paares in der Scheidung gipfelt und Johan wenig später mit der 23jährigen Studentin Paula durchbrennt, ist auch ihre Ehe am Ende. In langen Einstellungen begleitet der Film seine Helden auch durch die Phase der Trennung und darüber hinaus. In Schweden war der TV-Fünfteiler ein Straßenfeger. Die 155minütige Kinofassung machte Ingmar Bergman vom geachteten Kunstfilmer zu einem Weltstar des Kinos und veränderte die Art, wie im Film von Beziehungen erzählt wird. Woody Allen, ein Verehrer des Regisseurs, drehte wenige Jahre später mit „Innenleben“ seinen ersten „Bergman-Film“. Bergman selbst verabschiedete sich – wiederum im Fernsehen – 30 Jahre später mit einer Wiederbegegnung von Johann und Marianne in „Sarabande“ von seinem Publikum.

B) Der Tod steht ihr gut / Death Becomes Her
Satirische US-Horrorkomödie von 1992

Die unscheinbare Helen will ihren neuen Lover Ernest auf die Probe stellen – und fällt damit auf die Nase. Der junge Mediziner verfällt augenblicklich der Schauspielerin Madeleine, die Helen seit Jugendtagen schon viele Männer ausgespannt hat. 17 Jahre später hadert Madeleine mit ihrem Alter, die Ehe ist längst am Ende und Ernest zum Alkoholiker verkümmert. Da taucht Helen auf und will ihren Mann zurück. Sie scheint jünger und schöner denn je. In ihrer Verzweiflung lässt sich Madeleine mit einer Magierin ein, die ihr ein Verjüngungsserum verkauft. Es wirkt, hat aber eine fatale Nebenwirkung …

Diese kluge Sozialsatire von Robert Zemeckis kommt als starbesetzte Slapstick-Komödie mit Show-Einlage daher. Bei Meryl Streep sind wir an große Schauspielkunst gewöhnt, doch die Popstars Goldie Hawn und Bruce Willis stehen ihr in nichts nach, und ihre Leistung wirkt völlig unangestrengt.

Nächste Woche: Marlene (1983) und Fedora, zu Gast: Karola Oswald

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Historie mit Prequel-Charme

betr.: Die aktuelle Filmkritik im Podcast

The Uprising – Für die Freiheit
Historiendrama von Paul Greengrass

England im Jahre 1381. Ein einfacher Farmer, den wir nur als „der Pflüger“ vorgestellt bekommen, hat Frau und Kinder durch die Pest verloren. Der gerade mal 14-jährige König Richard II. wird vom Kreis seiner korrupten Berater dazu angetrieben, das Volk mehr und mehr zu schröpfen. Als es bei einem Auftritt des Steuereintreibers zu besonders rohen Entgleisungen kommt, zettelt der Pflüger einen Bauernaufstand an, der immer weitere Kreise zieht und schon bald vor den Toren des Königshofes ankommt …

Der Film setzt den Trend einer betont schmucklosen Darstellung historischer Verhältnisse fort, der das Spätmittelalter von allem Glamour der alten Ritterfilme aus Hollywood entkleidet. Die Dreharbeiten fanden in Bayern statt. Die Handlung mutet an wie eine Vorgeschichte zum Robin-Hood-Mythos, spielt jedoch gut hundert Jahre später. Nach einer Reihe von Umbesetzungen wird die Hauptrolle von Andrew Garfield gespielt.

Monty Arnold und Volker Robrahn sahen den Film vorab:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/the-uprising-fuer-die-freiheit

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Der Insprationaufsteller

Ein Foto von Joseph Schimmer zur Sendung „Ex Libris“ von der Ö1 Homepage. Es nimmt bezug auf eine kokette Selbstauskunft des Autors, der im Interview nachgegangen wird.

Clemens J. Setz ist mein zeitgenössischer Lieblingsautor. Und damit bin ich in meinem Freundeskreis sehr allein, obwohl Setz unentwegt alles an Preisen abräumt, was nur geht. Da die Buchpreise inzwischen zur Neige gehen, ist im Oktober der Große Österreichische Staatspreis fällig – und auch den hat er verdient!
Gerade ist es mir immerhin gelungen, die gute Ordnung umzudrehen und meinen Buchhändler davon zu überzeugen, dass Setz einer unserer Besten ist. Das gelang mir mit der Empfehlung des Romans „Indigo“ (2012) und wurde von einem kundigen Essay über Samuel R. Delany unterstützt, den der Autor zum „phantastischen Almanach“ „Vor der Revolution“ beigetragen hat. Zum Glück publiziert Setz nämlich auf allen denkbaren Wegen, schreibt während der Arbeit am nächsten Roman Hörspiele, Theaterstücke, Kinderbücher, Rezensionen u.v.m. und nimmt zwischen seinen Buchveröffentlichungen so fleißig am Diskurs teil wie es vonseiten unserer Schriftstellerzunft längst aus der Mode gekommen ist.
Einen Auszug aus seinem neuen Erzählungsband „Mein Leben als Noiseband“ liest er hier:

https://oe1.orf.at/programm/20260824#841871/Clemens-Setz-verstoerend-beruehrende-Welten

Da meine Lektüre gerade erst beginnt, lasse ich den ORF sprechen. Setz spüre in seinem neuen Wurf „erneut dem Absurden und Befremdlichen nach. Oft geht er noch weiter: Seine Geschichten verlassen den Bereich dessen, was sich noch innerhalb gesellschaftlicher Normen verorten lässt. Seine Figuren stoßen ab und berühren zugleich zutiefst. Oft sind es Eltern und Kinder, meist Verzweifelte, Einsame, Randfiguren. Setz begleitet sie mit ruhigem, präzisem Blick durch ihre schwer fassbaren Wirklichkeiten.“ – Nur zu!
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* Mehr zu Thema: https://oe1.orf.at/programm/20260823/841832/Clemens-J-Setz-im-Sommergespraech

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Was macht ein „Writer’s Writer“ anders?

Unter einem „Writer’s Writer“ versteht man Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in von der von ihnen gewählten Form etwas besonders Beeindruckendes zustande bringen, das von anderen ihrer Zunft bewundert wird, weil sie aus eigener Erfahrung wissen, wie schwierig es ist. Eine Einschätzung wie diese geht oft damit einher, dass solche Talente von Literaturkritik und Publikum weitgehend ignoriert werden.
Manch einer dieser Autoren wird überhaupt erst entdeckt, wenn die von ihm geförderten Talente selbst zu Helden der Zunft heranreifen und seine Bilder weiterverwenden – so geschehen beim zu Lebzeiten offiziell völlig bedeutungslosen H. P. Lovecraft.
Eine Ausnahme von der Regel ist der Popstar Stephen King, der über weite Strecken seiner Karriere von allen drei Gruppen hoch verehrt wird.
Der genannte Ausdruck existiert als sprachliches Konstrukt auch in anderen kreativen Bereichen: „Musician’s Musician“, „Director’s Director“ oder schlicht „Artist’s Artist“ …
Etwas anders verhält es sich in der Comedy. In dieser Branche ist Individualismus eher hinderlich, weil er in der heute prägenden Generation einer Karriere eher hinderlich ist. Ein „Comedian’s Comedian“ müsste jemand sein, der messbaren Erfolg hat, etwa in Gestalt einer Netflix-Serie, und dem es dennoch gelingt, sich ein aufmüpfig-unangepasstes Image zu erhalten.

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Zeit für eine Wiederentdeckung: „Dann schlaf auch du“

betr.: Eine Wiederlektüre

Was hätte wohl der 2010 verstorbene französische Starregisseur Claude Chabrol aus diesem Stoff gemacht? Chabrols liebstes (einziges?) Thema – die Verkommenheit der Bourgeoisie – wird in „Dann schlaf auch du“ mustergültig und bis zum bitteren Ende ausdekliniert. Einerseits kommt die französisch-marokkanische Autorin Leila Slimani ohne die Chabrol’schen Überzeichnungen und Horror-Effekte aus (bei ihm wären nicht nur die Kinder, sondern die ganze Familie draufgegangen). Andererseits hat die Umsetzung von Lucie Borleteau aus dem Jahr 2019 enttäuscht. Gegen das Kopfkino, das Slimanis nüchterne Prosa auslöst, wirkt ihr Film wie eine Pflichtübung.
Zehn Jahre nach der Auszeichnung des Romans mit dem Prix Goncourt – das Buch war in Frankreich wie auch bei uns ein sofortiger Bestseller – machte ich den frühestmöglichen Test of Time. Er fiel großartig aus. Das ist heute wie damals nicht allein damit zu erklären, dass hier relevante Themen wie die schwierige Vereinbarkeit von Kindern und beruflicher Selbstverwirklichung (beider Eltern) oder die Unüberwindlichkeit sozialer Unterschiede verhandelt werden. Es liegt daran, auf welche Weise das geschieht.
„Dann schlaf auch Du“ ist ein Drama ohne eigentlichen Bösewicht. Man staunt, wie präzise alle mit ihren Egoismen und verdrängten Neurosen ineinandergreifen, um das schlimmstmögliche Ergebnis anzurichten.

Der Roman beginnt mit dem grauenvollen Resultat: eine Nanny hat die ihr anvertrauten Kinder umgebracht. Der anschließende Versuch der Frau, sich selbst zu töten, ist fehlgeschlagen. Dann wird die Vorgeschichte der Tat erzählt.

Nach der Geburt des zweiten Kindes fällt der Juristin Myriam zu Hause die Decke auf den Kopf. Als sie ihren ehemaligen Kommilitonen Pascal wiedertrifft, beschließen sie und ihr Mann, der Musikproduzent Paul, ein Kindermädchen, eine Nounou zu engagieren, damit sie wieder als Anwältin arbeiten kann. Sie wollen keine Maghrebinerin und keine Frau, die ohne Papiere in Frankreich lebt. Als Louise vor der Tür steht, ist es Liebe auf den ersten Blick, vor allem bei den Kindern Mila und Adam. Louise ist Französin, Witwe und Mutter einer 20jährigen Tochter, Stéphanie.  Auch durch die Empfehlung ihrer ehemaligen Arbeitgeber ist gut, und man wird sich rasch einig.
Schnell wird das Verhältnis zwischen der Familie Massé und ihrer Nounou sehr eng. Myriam und Paul sind wenig zu Hause, feiern berufliche Erfolge und legen das Häusliche und die Kinder mehr und mehr in die Hände von Louise, die sogar gelegentlich bei ihnen schläft. Sie verwandelt die Wohnung in ein mustergültiges bürgerliches Zuhause. Myriam lässt das alles geschehen – zumal die Massés von ihren Freunden beneidet werden: Louise putzt, kocht, näht, richtet den Kindergeburtstag aus, spielt Verstecken, kocht für Freunde.
Sie beherrscht die Kunst, zugleich unsichtbar und unverzichtbar zu sein. Auch die Eltern – vor allem Myriam – lassen sich von ihr bemuttern und überlassen ihr das Feld widerstandslos, ohne sich oder ihr Fragen zu stellen. Louise kommt immer früher, geht immer später, hat alle Fäden in der Hand. Die Massés nehmen sie sogar mit in den Urlaub nach Griechenland, wo sich herausstellt, dass Louise nicht schwimmen kann. Paul bringt es ihr bei.
Nach der Rückkehr stürzt Louise in ein tiefes Loch. Sie kann ohne die Massés nicht mehr leben. Sie kehrt in ihre hässliche Einzimmerwohnung mit verschimmelter Dusche am Pariser Stadtrand zurück, wo sie seit dem Tod ihres Mannes Jacques lebt. Jacques war ein brutaler, frustrierter Querulant, der an Diabetes litt und Louise einen Berg Schulden hinterließ. Einmal sucht sie sogar der Eigentümer ihrer Wohnung zu Hause auf, um die ausstehende Miete in Naturalien einzutreiben. Von alledem wissen ihre Arbeitgeber nichts – weil es sie nicht interessiert und weil es Louise peinlich wäre.
Doch es mehren sich merkwürdige Zeichen. Myriam hat Bissspuren am Arm ihres kleinen Sohnes entdeckt. Und der Leser weiß, dass seine Schwester Mila auch schon einmal Louise gebissen hat.

Familie Massé fährt in die Berge ins Haus der Großeltern. Für Myriam ist das nicht leicht, denn ihre Schwiegermutter setzt sie wegen ihres Lebensstils als berufstätige Mutter unter Druck mit dem Vorwurf, ihre Kinder aus Nachlässigkeit und Feigheit zu vernachlässigen. Louise ist derweil ohne ihre Pflichten völlig haltlos und bleibt allein in der leeren Wohnung. Nach deren Heimkehr konfrontieren sie Louise mit einem Schreiben vom Finanzamt, in dem sie aufgefordert werden, von Louises Lohn die Schulden abzuführen, für die sie seit langem gemahnt wird: unbezahlte Arztrechnungen ihres Mannes, Kreditrückstände, Schulden, die sie von Jacques geerbt hat. Noch immer interessieren sich die Massés nicht für die Einzelheiten der Lebensumstände ihres Kindermädchens, ihre Einsamkeit und Verzweiflung, ihren Unwillen, nach Hause zu gehen, wo all die ungeöffneten Mahnbriefe liegen, ihre Angst, sich als Obdachlose auf der Straße wiederzufinden.

Eines späten Abends – Louise ist grußlos gegangen – findet die Heimgekehrte Myriam auf dem Küchentisch ein blankes Hühnergerippe, an dem nicht mehr das geringste bisschen Fleisch haftet, glänzend vor Sauberkeit. Dieser pathetische Hinweis auf die Verschwendung im Haushalt ihrer Arbeitgeber irritiert sie. Paul verharmlost den Vorfall, doch Myriam beginnt sich zu fragen, ob Louise ihr gegenüber etwa einen bösartigen Hass nährt.

Die Atmosphäre ist zunehmend vergiftet, man geht sich möglichst aus dem Weg. Myriam, die als Anwältin Kriminelle vor Gericht verteidigt, bringt es nicht fertig, sich auszusprechen. Louise ahnt, dass die Massés erwägen, sich von ihr zu trennen. Da kommt ihr ein Gedanke, der zur fixen Idee wird: das Paar muss ein drittes Kind bekommen, denn das wird sie, Louise, auf längere Zeit unentbehrlich machen. Sie setzt alles daran, ihnen Freiräume zu verschaffen, um ein weiteres Kind zu zeugen. Sie gibt ihr letztes Geld aus, um die Kinder zum Essen auszuführen, damit das Paar einen kinderfreien Abend hat. Doch der Plan schlägt fehl. Die Tragödie nimmt ihren Lauf …

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So siehst Du aus! (11)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Robert Louis Stevenson (1850-94)
Die Schatzinsel

Long John Silver

Wie ich noch wartete, trat ein Mann aus einem Nebenzimmer, und auf den ersten Blick war ich gewiß, daß es der „lange John“ sein mußte. Sein linkes Bein war ihm dicht unter der Hüfte abgenommen und unter der linken Schulter trug er eine Krücke, deren er sich mit wunderbarem Geschick bediente, indem er wie ein Vogel herumhüpfte. Er war hochgewachsen und kräftig, mit einem Gesicht so groß wie ein Schinken, das zwar blaß und häßlich war, im übrigen aber klug und fröhlich aussah. Er schien durchaus guter Laune zu sein, wie er sich pfeifend zwischen den Tischen bewegte und jeden Stammgast mit einem Scherzwort oder einem freundlichen Schlag auf die Schulter bedachte.
Um die Wahrheit zu sagen, gleich als Herr Trelawney den „langen John“ in einem Brief erwähnte, hatte mich die Furcht befallen, es möchte jener einbeinige Matrose sein, nach dem ich so lange Zeit im „Admiral Benbow“ hatte Ausschau halten müssen. Aber ein Blick auf den Mann vor mir war genug, um meinen Besorgnissen ein Ende zu machen. Ich hatte den Kapitän gesehen, den „schwarzen Hund“ und den blinden Pew und glaubte nun zu wissen, wie ein Freibeuter aussieht – nämlich ganz anders als dieser saubere, muntere Gastwirt.
Sofort faßte ich Mut, überschritt die Schwelle und ging geradewegs auf den Mann zu, der, auf die Krücke gestützt, dastand und sich mit einem Gast unterhielt.
„Herr Silver?“ fragte ich, den Brief vorzeigend.
„Ja, mein Junge“, sagte er, „so heiße ich zweifellos. Und wer bist denn du?“
Und als er den Brief des Gutsherrn sah, setzte er sich in Positur.
„Ah!“ sagte er ganz laut und streckte mir die Rechte entgegen. „Ich sehe schon, du bist der neue Kajütenjunge. Freue mich, deine Bekanntschaft zu machen.“
Und er umschloß meine Hand mit seiner mächtigen Tatze.
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https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/robert-louis-stevenson-die-schatzinsel-9783446243460-t-1472

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

„Ich bin ein croyant – ich verabscheue den Gebrauch französischer Wörter im Englischen, doch in diesem Fall kann ich mir kein besseres vorstellen -, und als croyants, dessen bin ich mir sicher, teilen wir die Überzeugung, dass sich jeder, der sich zu exaltierten religiösen Erfahrungen außerhalb der kirchlichen Ordnung bekennt, zum Abtrünnigen macht; dabei meine ich das grausame Gelächter jener Männer und Frauen zu hören, deren Liebe und Gnade wir erstreben; ich spreche von den Qualen von Feuer und Eis; von der Trostlosigkeit, an einem Kreuzweg mit einem Pfahl im Herzen beerdigt zu sein.“

John Cheever: „Willkommen in Falconer“

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