Der neue Trip ins Almodoversum

betr.: Aktuelle Filmkritik

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/bitteres-fest

Im heutigen Podcast sprechen Monty Arnold und Volker Robrahn über:

Bitteres Fest
Drama von Pedro Almodóvar

Die Filmregisseurin Elsa hat sich zur Werbefilmerin verkleinert, führt aber insgesamt ein beneidenswertes Leben. Doch obwohl es sogar in der Beziehung läuft – ihr rücksichtsvoller, zärtlicher Lover, der Feuerwehrmann Bonifacio, ist eine Frauen- und Männerfantasie zugleich –, wird sie seit einiger Zeit von Panikattacken gequält. Sie könnten ihre Ursache in verschleppter Trauerarbeit haben: vor einem Jahr starb Elsas Mutter. In einer anderen Zeit in der gleichen Stadt arbeitet der erfolgreiche Autorenfilmer Raúl Durán nach überstandener Schreibblockade wieder an einem neuen Projekt: er erzählt darin Elsas Geschichte. Ist es außerdem die einer langjährigen Mitarbeiterin, die sich bei Raúl über den künstlerischen Identitätsdiebstahl beschwert?

Das Werk von Almodóvar begann mit pompösen, willensstarken, lebenslustigen Typen, die wir heute dem LGBTQ+-Milieu zurechnen können. Nach und nach hat er sich auf Portraits starker Frauen verlegt und die eigene alte Subkultur vernachlässigt. In „Bitteres Fest“ – im Originaltitel ist damit das Weihnachtsfest gemeint – führt er die beiden Welten wieder zusammen. Der Held Raúl erinnert an die Banderas-Figur in „Leid und Herrlichkeit“, der sie zum Verwechseln ähnlichsieht – und somit an Almodóvar selbst. Auch sonst erhält der Film viele vertraute Zutaten, Situationen und Gesichter. Kopiert sich der Meister nur noch selbst? Keineswegs.

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So siehst du aus! (6)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

John Williams (1922-1994)
Stoner

Hollis Lomax

Für den Rest des Sommers blieb Lomax eine mysteriöse Gestalt und das Objekt mancher Spekulationen seitens der fest angestellten Mitglieder des Fachbereichs. (…) Erst nach Abschluss der Einschreibung bekamen sie ihn auf einer Fachbereichssitzung am späten Dienstagnachmittag zu sehen. Betäubt von der Monotonie der letzten beiden Tage und doch angespannt von jener Aufregung, die stets mit dem Beginn eines neuen akademischen Jahres einhergeht, hatte der englische Fachbereich Lomax schon fast vergessen. (…) Ein leises Stimmengewirr erfüllte den Raum; Stuhlbeine scharrten über den Boden, und gelegentlich lachte jemand rau und viel zu laut. Gordon Finch hob die rechte Hand und hielt sie mit der Innenfläche dem Publikum entgegen; der Lärm legte sich ein wenig.
Jedenfalls wurde es so leise, dass alle im Saal hören konnten, wie hinten knarrend die Tür aufging und sich jemand mit auffälligem, langsamem Schlurfschritt über den nackten Holzboden näherte. Man wandte sich um; und das allgemeine Murmeln erstarb. Jemand flüsterte: „Das ist Lomax.“ Die Worte waren im ganzen Raum deutlich zu verstehen.
Er war durch die Tür getreten, hatte sie geschlossen, war einige Schritte über die Schwelle hinaus in den Saal gegangen und blieb nun stehen.
Er maß kaum einsfünfzig und war auf groteske Weise missgestaltet. Ein kleiner Buckel zog die linke Schulter bis zum Hals hoch; der linke Arm hing schlaff herab. Der Oberkörper war massig und eigenartig schief, weshalb er stets ums Gleichgewicht zu kämpfen schien; die Beine waren dünn, das steife rechte Bein zog er nach. Mehrere Augenblicke stand er da und hielt den blonden Kopf gesenkt, als inspizierte er die scharfe Bügelfalte seiner schwarzen Hose und die aufpolierten schwarzen Schuhe. Dann hob er den Kopf und riss in einer plötzlichen Bewegung den rechten Arm hoch, sodass die steife, weiße Manschette mit dem goldenen Manschettenknopf zu sehen war; in den langen, fahlen Fingern hielt er eine Zigarette. Er nahm einen tiefen Zug, inhalierte und blies den Rauch in dünnem Strom wieder aus. Erst dann konnte man sein Gesicht sehen.
Es war das Gesicht eines Leinwandhelden, lang, hager, lebhaft und stark ausgeprägt, die Stirn hoch und schmal mit vortretenden Adern, dazu dichtes, wallendes Haar von der Farbe reifen Weizens, in einer leicht theatralischen Tolle nach hinten gekämmt. Er ließ die Zigarette auf den Boden fallen, trat sie aus und sagte: „Ich bin Lomax.“ Dann schwieg er, die Stimme tief und voll, die Worte präzise, mit dramatischer Resonanz artikuliert. „Ich hoffe, ich störe Ihre Zusammenkunft nicht.“ 
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https://www.dtv.de/buch/stoner-25417

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Brandneu und wieder ganz der Alte

Für die aktuelle Filmkritik sahen Gniechel, Ronny Fanta und Monty Arnold den neuen Marvel-Film vorab:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/spider-man-brand-new-day

Spider-Man: Brand New Day
von Destin Daniel Cretton

Wie man sich erinnert, musste Peter Parker, indem er einen Deal einging, der alle Welt seine Geheimidentität vergessen ließ, auch seine Freunde und seine große Liebe MJ aufgeben.
Er ist wieder der aufopferungsvolle Superheld mit den Problemen von einst, lebt allein in einem Loft, schraubt an seinen Erfindungen und hat in Detective DeWolff eine dankbare Kollegin bei der Polizei. Die Bevölkerung New Yorks liebt ihn als Superhelden, doch er ist sehr einsam.
Ohne den Support der Avengers erhält er außerdem keine High-Tech-Updates für seinen Anzug mehr. Doch dann tritt eine Bedrohung auf den Plan, die auch das Wohlergehen seiner alten Freunde Ned und MJ betrifft, und Peter beginnt, mit den Konsequenzen seiner Entscheidung zu hadern.

Zu den Gaststars dieses Abenteuers, das allein noch genug Stoff für eine Fortsetzung hergegeben hätte, gehören Black Widow, Scorpion, Hulk bzw. Bruce Banner und der Punisher … Der Trailer zum neuen Marvel-Film, dem 4. Mit Tom Holland in der Titelrolle, setzte sich mit unglaublichen 718,6 Millionen Aufrufen in nur 24 Stunden an die Spitze der erfolgreichsten Film-Trailerpremieren aller Zeiten und ließ damit auch den bisherigen Rekordhalter „Deadpool & Wolverine“ mit knapp doppelt so vielen Aufrufen hinter sich. Der Titel des Fims spielt auf eine Story an, die 2008 von Autor Dan Slott und Zeichner Steve McNiven in „The Amazing Spider-Man #546“ begonnen wurde.

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Exilliteratur – einst und jetzt

Bei „Schreiben im Exil“ denken wir meist an das, was vertriebene deutschsprachige Autoren während der NS-Zeit im Ausland verfasst haben. In der Sekundärliteratur ist es eine Art Epochenbegriff („1933-45“). Mit zunehmendem zeitlichem Abstand hat sich der Begriff geweitet. Auch heute werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller vertrieben und müssen in anderen Ländern Zuflucht suchen, einige von ihnen in Deutschland. Deutschland hat die Position gewechselt.
Die Erfahrung des Exils weil jemand etwas schreibt, was den Machthabern nicht gefällt, ist fast so alt wie die Literatur selbst. Ovid soll von Augustus wegen eines Gedichts ans Schwarze Meer verbannt worden sein – und weil er wohl Kenntnis von Intrigen am kaiserlichen Hof erlangt hatte. (In der Exilliteratur wird immer wieder auf dieses historische Beispiel bezug genommen.) Im Fall von Dante hatte die Verbannung aus Florenz politische Gründe. Als die Machtverhältnisse sich änderten, stand er auf der falschen Seite.
Der Exilbegriff hat jedenfalls eine lange Tradition.
Erst im 20. Jahrhundert gab es in Europa Länder, die nicht nur einzelne Literaten verfolgten, sondern die unabhängige Literatur als solche: zuerst die Sowjetunion, dann das nationalsozialistische Deutschland, im Kalten Krieg schließlich die Diktaturen Osteuropas.
Für die Schreibenden ist das Schicksal der Vertreibung naturgemäß besonders folgenreich, bedeutet es doch oftmals auch den Verlust des Lesepublikums, gerade bei kleineren Sprachen. Es gibt offiziell vier „lucky languages“, vier Glückssprachen: Englisch, Französisch, Spanisch und Arabisch. Das sind Sprachen, die in mehr als zwanzig Ländern gesprochen werden.

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Das Lesen und seine Feinde

Im aktuellen „Spiegel“ wird unter der der Überschrift „Dumm gehört?“ über das Lesen an sich und über Fragen wie diese nachgedacht: macht es einen Unterschied, ob ich einen Inhalt selber lese oder mir in Form eines Hörbuchs zugänglich mache? Diese und all die anderen aufgeworfenen Fragen sind großartige Denkanstöße. Da macht es keinen Verdruss, wenn einige davon (etwa die oben genannte) nicht abschließend beantwortet werden.
Beim Lesen des Artikels fiel mir eine Textstelle aus dem uralten Sachbuch „Literarisches Leben in Deutschland“ wieder ein. Sie wurde zu einer Zeit formuliert, als die Glotze sich gerade vom Statussymbol zu dem wichtigen Möbelstück entwickelte, das sie bis zur Jahrtausendwende bleiben sollte: 1965. Eine Zeit, als es nur zweieinhalb TV-Programme gab, die zusammengenommen weit weniger als die 24 Sendestunden eines Tages ausgefüllt hätten – doch die wurden wichtig genommen.
Im besagten Buch wird auf einen damals populären Vorwurf geantwortet, der an unsere heutige Lage erinnert: die Annahme, das Fernsehen sei der Feind des Buches: »Gewiß wird auch die Lektüre erheblich reduziert. Aber ist das so schlimm? Es tut mir leid: ich kann im Bücherlesen an sich noch nichts Positives sehen. Es kommt darauf an, was gelesen wird. Gehen die Stunden, die der Mensch vor dem Apparat verbringt, den Werken von Thomas Mann, Camus oder Faulkner verloren? Oder vielleicht den ohnehin fragwürdigen Unterhaltungs- und Kriminalromanen, den Sensationsbüchern jeglicher Art? Schließlich wird in der Bundesrepublik vieles gedruckt, das weit gefährlicher ist als die schlechteste Sendung des Fernsehens.«
Man käme nicht darauf, wer das geschrieben hat: Marcel Reich-Ranicki.

Einerseits stimmen die Verhältnisse von vor 60 Jahren immer noch ungefähr (wenn inzwischen auch eine handwerkliche Schamlosigkeit herrscht, von der man damals schlicht keine Vorstellung hatte). Andererseits ist die schwindende Lesekompetenz, die auch im „Spiegel“-Artikel nicht unerwähnt bleibt, eine Sache, die alle trifft (… träfe …): den schlechten Krimi ebenso wie Mann, Camus und Faulkner.

Ich selbst lese mindestens so gern wie die Verfasser der genannten Quellen. Dennoch hätte ich nichts dagegen, mir häufiger vorlesen zu lassen, schon wegen meiner immer schlechter werdenden Augen. Leider ist das meistens gar nicht möglich. Und wenn, nützt es mitunter nichts. Einer meiner Lieblingsschriftsteller, Georges Simenon, wurde zuletzt im großen Stil eingelesen. Aber leider von Walter Kreye.

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Wohnwelten (20): Weimerer Feng Shui

betr.: So wohnen literarische Figuren

Im Sommer 1854 bricht der britische Schriftsteller George Henry Lewes nach Deutschland auf, um in Weimar und Berlin Material für eine Goethe-Biografie zu sammeln. Der verheiratete Lewes reist nicht allein, er wird von seiner Lebensgefährtin Mary Ann Evans begleitet, mit der er in damals skandalöser „wilder Ehe“ zusammenlebt. Diese 35-jährige Schriftstellerin wird später unter dem Pseudonym George Eliot mit „Middlemarch“ und „Die Mühle am Fluss“ bedeutende Romane des viktorianischen Zeitalters verfassen. Ihr Blick fällt auf ein Weimar, in dem August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Franz Liszt das Kulturleben prägen, während die Größen der deutschen Klassik schon als Statuen bewundert werden und ihre Wirkungsstätten beginnende museale Verehrung erfahren, in dem das Gesellschaftsleben ungezwungener und das Essen gehaltvoller ist als in England. In Eliots „Zu Gast in Weimar“ werden Schiller und Goethe selbst zu literarischen Figuren.

„Hier wohnte Schiller“ steht über der Tür eines kleinen Hauses mit Bogenfenstern. Im zweiten Stock sieht man Schillers Arbeitszimmer, das noch fast so aussieht wie zu der Zeit, als er darin tätig war. Es ist ein freundlicher Raum mit drei Fenstern – zwei davon Richtung Straße und eines mit Blick auf einen kleinen Garten, der sein Haus von dem des Nachbarn trennt. Der Schreibtisch, den er in seinen Briefen als wichtige Anschaffung erwähnt – in einer Schublade verwahrte er faulige Äpfel wegen ihres Geruchs –, steht nah am letztgenannten Fenster, so dass das Licht auf seine linke Hand fiel. Auf einer anderen Seite des Zimmers steht sein Klavier. Darauf liegt seine Gitarre, und darüber hängt ein hässlicher Druck einer italienischen Landschaft.  Ein zweiter, ebenso hässlicher, hängt an einer anderen Wand. Es war ein seltsames Gefühl für mich, die Finger über die Tasten des kleinen Klaviers streifen zu lassen und Töne hervorzubringen, die jetzt so sonderbar und schwach klingen wie die einer invaliden alten Frau, deren Stimme einst das Herz höher schlagen ließ oder sein zorniges Pochen besänftigen konnte. Das Bett, auf dem Schiller starb, steht jetzt im Arbeitszimmer und nicht mehr in dem Schlafzimmer dahinter, das nun leer ist. Neben dem Kopfende des Bettes steht ein kleiner Tisch mit seinem Trinkglas, und an der Wand über dem Bett hängt eine wunderschöne Skizze, die zeigt, wie er tot daliegt.

Goethes Haus sieht viel wichtiger aus, aber für englische Augen keineswegs wie die palastartige Residenz, die man nach den Beschreibungen deutscher Autoren erwartet. Die Eingangshalle ist wirklich imposant mit ihren Statuen in den Nischen und der breiten Treppe. Aber der Rest des Hauses ist nicht allzu geräumig und elegant. Der einzige Teil des Hauses, der Besuchern zugänglich ist, und das nur freitags, sind die Zimmer mit seinen Sammlungen von Gipsabgüssen, Bildern, Gemmen undsoweiter. Diese Sammlung ist höchst unbedeutend – abgesehen davon, dass sie ihn gehörte -, und man wendet sich von schlechten Bildern und vertrauten Gipsfiguren ab, um sich in das Manuskript der wunderbaren „Römischen Elegien“ zu vertiefen, die er selbst in Distichen verfasst hat.
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https://www.bertuch-verlag.com/produkte/zu-gast-in-weimar/

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Summer Of Kult: Sean Connery

In der 2. Folge von „Summer Of Kult“, unserer Sommerpause, werden drei Gespräche zusammengestellt, die alle keine „Kultfilm-Azubis“ behandeln, sondern Filme, die traurigerweise gar keinen Kult generiert haben. Die Collage im heutigen Podcast kann, wer möchte, auch unserer dritten Staffel zurechnen, die mit den „Kultfiguren“. Sie hätte unsrem heutigen Hauptdarsteller sicher zugesagt: einem Mann, den wir ausdrücklich nicht darauf reduzieren, dass der er der Erste war, der im Kino James Bond gespielt hat:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/summer-of-kult-sean-connery

Zwischen seinem ersten Auftritt als 007 (1962) und seinem nachträglichen letzten (1983), der bereits die Züge der Parodie trug, hat der aus armen Verhältnissen stammende schottische Schauspieler Sean Connery seine Projekte danach ausgesucht, dass sie sich als Gegendarstellung zu seinen Agenten-Abenteuern verstanden, als Auflehnung gegen seinen größten Erfolg. Das Ergebnis war ein in jeder Hinsicht wechselvolles, aber hochinteressantes Repertoire, das eine gründliche Retrospektive verdient hätte. Aus dieser spannenden Schaffensphase des Anti-Bond betrachten wir heute drei Filme, die wir in der 2. Staffel des Podcasts als „Pyramid Frolics“ präsentiert haben.

Sean Connery alterte schnell, komplett mit Haarausfall. Abseits seiner Tätigkeit als 007 zeigte er das offen und freute sich über alles, was ihn optisch davon trennte. Nach Möglichkeit vermied er es, ein Toupet zu tragen. Vielleicht hat er auch aus diesem Grund – ähnlich wie sein Kollege Burt Lancaster – so früh damit begonnen, Altersrollen zu spielen.
Unsere drei Filme zeigen ihn in drei Image-Phasen: als den schneidigen Filmstar der frühen 60er und als den prächtigen alten Löwen, den er ab Mitte der 70er Jahre bis zuletzt gestalten sollte. Dazwischen sah er für kurze Zeit wie ein gewöhnlicher Mann Anfang 40 aus.
Einen so alltagsgrauen Sean Connery wie in unserem zweiten Film hat das Publikum niemals vorher und nie mehr danach zu Gesicht bekommen.

Die Strohpuppe / Woman Of Straw
Britischer Thriller von 1963

Der Millionär Charles Richmond tyrannisiert seine Mitwelt vom Rollstuhl aus: er quält seine schwarzen Bediensteten, die er schlechter behandelt als seine Hunde, und demütigt seinen Neffen Anthony, einen bei ihm angestellten Lebemann, dessen Vater er in den Selbstmord getrieben hat, um sich die Mutter zu angeln. Nun ist auch sie nicht mehr am Leben, und Anthony sinnt auf Rache. Er engagiert die ahnungslose Italienerin Maria, um sie für sein Komplott zu benutzen …

Die James-Bond-Produzenten verbaten Sean Connery, pro Jahr mehr als einen weiteren Film zu drehen, was seinen Hass auf die 007-Rolle schürte und ihn von Anfang an zu einer vielseitigen Rollenwahl antrieb. Basil Dearden ließ ihn an der Seite von Gina Lollobrigida und dem Altstar Ralph Richardson seine bis zuletzt fieseste Rolle verkörpern.

Sein Leben in meiner Gewalt / The Offence
Britisches Drama von 1972

Seit genau zwanzig Jahren dient der ehrgeizige Sergeant Johnson glanzlos im Polizeidienst Ihrer Majestät. Der andauernde Blick auf Dreck und Gewalt bereitet ihm ein Gefühl der Sinnlosigkeit, seine Ehe ist am Ende. Nun treibt ein Kinderschänder sein Unwesen. Als ein Verdächtiger aufgegriffen wird, will Johnson an ihm ein Exempel statuieren. Er vernimmt ihn allein, was gegen die Vorschrift ist. Als der Mann ihn verhöhnt und allzu tief in seine Seele blickt, brennt bei dem frustrierten Beamten die letzte notdürftige Sicherung durch. Er prügelt den Verdächtigen zu Tode und wird nun selbst Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens …

1971 ließ sich Sean Connery noch einmal rumkriegen, die ihm verhasste Rolle des James Bond zu spielen. Zur Belohnung mussten ihm United Artists zwei persönliche Projekte finanzieren, die sich als 007-Gegendarstellung verstanden. „The Offence“, basierend auf dem John-Hopkins-Drama „Diese Geschichte von Ihnen“, brachte in Deutschland nicht einmal die Synchronisations- und Kopierkosten wieder herein, in Frankreich fand er keinen Verleih, und insgesamt war er ein solcher Misserfolg, dass man von Connerys zweitem Entschädigungs-Projekt nie etwas gehört hat.

Der Mann, der König sein wollte / The Man Who Would Be King
Amerikanische Literaturverfilmung von 1975

Indien 1882: als Beschmutzer der Ehre ihrer Krone sollen die abgemusterten britischen Soldaten Danny Dravot und Peachy Carnehan eigentlich in den Knast. Doch die Fürsprache eines Logenbruders ermöglicht es ihnen, ins ferne Kafiristan zu ziehen, um ihr Glück zu machen. Dort, wo man seit Alexander dem Großen keinen Weißen mehr zu Gesicht bekommen hat, schlummern sagenhafte Reichtümer.
Am Ziel einer strapaziösen Reise helfen die fröhlichen Taugenichtse dem Bürgermeister eines Bergdorfes beim Kampf gegen die benachbarte Stadt, und durch einen Zufall gerät Danny dabei in den Ruf der Unsterblichkeit. Man erklärt ihn zum Gott und krönt ihn zum König.
Peachy möchte am liebsten so schnell wie möglich die Reichtümer zusammenraffen, die man ihnen nun zu Füßen legt, und in die Heimat zurückreisen. Doch Danny hat längst Gefallen an der Verehrung gefunden, die ihm entgegenschlägt, und träumt davon, ein Großreich zu gründen. Er überredet Peachy, noch zu bleiben, bis er eine schöne Eingeborene geehelicht hat. Ein fataler Fehler …

Der Erstling von Regisseur John Huston war der Film-Noir-Klassiker „Die Spur des Falken“ – wir behandelten wir in unserer ersten Staffel „Alle 42 Kultfilme“. Für ein knappes halbes Jahrhundert blieb er eine der respektiertesten und gefeiertesten Persönlichkeiten des US-Kinos und bespielte souverän alle dramatischen Genres.

Nächste Woche: Kultstar Humphrey Bogart im Spiegel unserer ersten Staffel „Alle 42 Kultfilme“

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Geometrie bei Gilbert Keith Chesterton

betr.: Schreiben für Film, Funk und Fernsehen

Was dem breiten Publikum des Filmregisseurs Wes Anderson als simples Wiedererkennungsmerkmal genügt, um großes Entzücken auszulösen („Hui, einen Film dieses Regisseurs erkenne ich auf den ersten Blick!“), setzte der verstorbene Krimiautor Gilbert Keith Chesterton als raffiniertes Stilmittel ein: Geometrie. Das Raffinement des Zweiteren besteht in der Wichtigkeit dieser Strukturen für das Werk. Während die Geometrie bei Anderson (im Verein mit einer Palette kitschiger Sepiatöne) eine reine Blendgrante ist, hat sie bei Chesterton zumeist große Wichtigkeit für die Handlung, die sich innerhalb dieser Linien und Perspektiven abspielt.
Selten sind sie lediglich reiner Zierrat, um den Text zu eröffnen, etwa hier:


Zwischen dem Silberstreifen des morgendlichen Himmels und dem grünen, glänzenden Streifen des Meeres legte der Dampfer in Harwich an.
 „Das blaue Kreuz“

Diesen Ort der Ankunft werden wir gleich wieder verlassen, um die Charaktere anderswo zu treffen. Doch spätestens diese Begegnung geschieht in einem Ambiente, dessen Beschreibung der Autor eine Präzision angedeihen lässt, die er sonst nur auf das Erscheinungsbild seiner Charaktere verwendet.*

Das Dörfchen Bohun Beacon lag auf einem so steilen Hügel, daß sein hoher Kirchturm nur eine Bergspitze zu sein schien. Am Fuß der Kirche stand eine Schmiede, die gewöhnlich von rotem Feuerschein erleuchtet und immer mit Hämmern und Eisenstücken übersät war; ihr gegenüber, jenseits einer Kreuzung holpriger Wege, befand sich „Der blaue Eber“, das einzige Wirtshaus des Ortes. An diesem Kreuzweg trafen sich beim ersten Schimmer eines bleiernen und silbernen Tages zwei Brüder …
„Der Hammer Gottes“

Irgendwo in Brompton oder Kensington draußen gibt es eine unendlich lange Straße, auf deren Seite sich je eine Reihe großer und stattlicher, aber meist unbewohnter Häuser hinzieht, Häuser, die aussehen wie Grabkammern. Sogar die Treppen, die zu den dunklen Eingangstüren hinaufführen, gleichen denen, wie man sie an Pyramiden findet; und wenn man schließlich vor einer dieser Türen steht, zögert man anzuklopfen, denn man hat das dunkle Gefühl, als müsse einem von einer Mumie geöffnet werden. Noch deprimierender an dieser Straße aber ist ihre unendliche Länge und das monotone Aufeinanderfolgen der grauen Fassaden. Wenn man die Straße so durchwandert, hat man den Eindruck, als komme nie eine Unterbrechung in der langen Reihe der Häuser, nie eine Ecke. Und doch – eine einzige Ausnahme gibt es, und der bedrückte Straßenwanderer begrüßt sie mit erleichtertem Aufatmen. Zwischen zweien dieser Häuser gibt es eine Lücke; sie ist im Vergleich zur Länge der Straße nur ein Spalt, eine Türritze, aber doch groß genug für ein winziges Gasthaus, das die Reichen dieser Straße ihren Stallburschen gerade noch genehmigen. (…) Zu den Füßen der grauen Steinriesen sieht die Schenke wie ein hellerleuchtetes Zwergenhäuschen aus.
„Cäsars Kopf“

„ … Da durchblitzte mich die Vorstellung, ein Unbekannter würde mich von den Dünen her anstarren. Eine Sekunde später glaubte ich doch eher an einen Streich meiner Nerven, denn der Mann war nur als ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont zu erkennen, und es war kaum anzunehmen, daß er mich deutlicher sehen konnte. Was ich sicher erkennen konnte, war eine unbewegte Gestalt, die mit schräg geneigtem Kopf in die Gegend schaute. Es gab keinen logischen Beweis, dass er nach mir ausschaute – vielleicht betrachtete er ein Schiff, das Spiel der Möwen, erfreute sich am Sonnenuntergang oder beobachtete einen der anderen Menschen, die sich am Strand aufhielten. Aber meine Befürchtung erwies sich als richtig, denn als ich nun genauer hinsah, bewegte er sich weit ausschreitend über den nassen Sand geradewegs in meine Richtung. Als er näher kam, konnte ich erkennen, dass er dunkelhaarig und bärtig war und die Augen mit einer dunklen Brille verdeckte. Er war ärmlich aber recht ordentlich ganz in Schwarz gekleidet, angefangen beim alten Zylinder auf seinem Kopf bis zu den festen Stiefeln an seinen Füßen. Ohne auf dieses Schuhwerk zu achten, marschierte er in das Wasser hinein und kam mit der Gleichmäßigkeit eines abgefeuerten Geschosses auf mich zu …“
„Cäsars Kopf“

In dem kühlen, blauen Zwielicht zweier steiler Straßen in Camden Town glühte die Konditorei an der Ecke wie das Ende einer Zigarre.
„Der Unsichtbare“

Das Auto des Mannes war klein und flink, genau wie er. (…) Das Gefühl von etwas Kleinem, Dahinfliegendem wurde besonders deutlich, als sie so in dem ersterbenden, aber klaren Abendlicht die langen weißen Straßenwindungen entlangschwebten. Bald wurden die weißen Kurven schärfer und schwindelerregend. Sie bewegten sich in aufsteigenden Spiralen, wie es in den modernen Religionen heißt. Denn nun waren die beiden wirklich auf dem Gipfel eines Teiles von London, der ebenso steil abfällt wie Edinburgh, wenn er auch nicht ganz so malerisch ist. Terrasse erhob sich über Terrasse, und der Wohnblock, dem sie zustrebten, stieg – von der Abendsonne vergoldet – zu fast ägyptischer Höhe an.
Doch als sie um die Ecke bogen und in das Häuser-Halbrund fuhren, das den Namen „Hymalaiah Mansion“ trägt, änderte sich das Bild so jäh wie wenn sich plötzlich ein Fenster auftut, denn dieser Haufen Mietshäuser lag über London wie über einem grünen Schiefersee. Die buschige Umzäunung auf der anderen Seite des Kies-Halbrunds gegenüber dem Häuserblock glich eher einer Hecke oder einem Damm als einem Garten, und etwas tiefer floss ein künstlich angelegter Wasserstreifen, eine Art Kanal, sozusagen der Wallgraben dieser verborgenen Festung.
„Der Unsichtbare“

Bis in die Auslösung des Rätsels hinein wichtig ist die Topografie des Schauplatzes dieses Abenteuers:

Die beiden Männer tauchten gleichzeitig an den gegenüberliegenden Enden einer Art Galerie auf, die an einem Seitenflügel des Apollo-Theaters in Adelphi entlangführte. Das Licht der hereinbrechenden Dämmerung fiel satt und leuchtend in die Straßen. Im Vergleich dazu war die Galerie dunkel, so daß einer den anderen in der Entfernung nur als schemenhaften Umriß ausmachen konnte.
„Der Mann auf der Galerie“.

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* siehe auch die Reihen „Wohnwelten“ und „So siehst Du aus!“betr.: Schreiben für Film, Funk und Fernsehen

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So siehst Du aus! (5)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Christopher Cerf (1941-) and Michael K. Frith (1941-)
Alligator

Der Bösewicht (eine Parodiecollage der Bond-Schurken Goldfinger, Blofeld und Drax)

Er war klein, maß höchstens einsfünfzig, doch seine Hände, die dem Kellner winkten, waren unförmig, grob und grausam. Seine Gesten beeindruckten durch ihre Präzision und Sparsamkeit. Ein massiger Kopf, groß wie ein Fußball und mit dichtem, rotem Haargeflecht bezogen, hockte wie eine Kröte auf seinen Schultern. Seine großen, blassen, porzellanblauen Augen wischten durch den Raum und saugten jede Einzelheit auf. Sie ruhten kurz auf B*nd, und einen Augenblick lang fühlte er dabei eine unbeschreibliche Spannung, spürte, daß sein Bild sich für immer diesem Mann einprägte, dessen Gehirn mit der Empfindlichkeit einer Fotozelle arbeitete. Die Augen fielen auf, weil sie rund waren wie die einer Puppe und unbarmherzig. Winzigklein schwammen die Pupillen im Weiß des Augapfels, zwei Stecknadelköpfe flammender Energie. Die hohe, klare Stirn war die eines Philosophen, doch die Augen und der Mund mit den wulstigen Lippen kontrastierten seltsam dazu. Alles in allem, dachte B*nd, war es ein ungewöhnlich machtvolles Gesicht.
Er musterte ihn wieder. Irgend etwas an dem Mann störte ihn, aber B*nd konnte es nicht näher definieren.
Der Mann wandte sich an den Kellner, um die Drinks zu bestellen, und als er den Mund öffnete, durchrann B*nd unwillkürlich ein Schauder. Das war es. Das Licht brach sich an den spitzen Zähnen des Mannes. Sie waren aus Stahl.
Die beiden Männer hinter ihm waren Killer oder Leibwächter. Sie sahen roh und blöde aus – ganz offensichtlich Bulgaren.
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Notes On A Podcast: From Chinatown To Tinseltown

betr.: 22. Todestag von Jerry Goldsmith

„L. A. Confidental“, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von James Ellroy, kam 1998 heraus. Sie ist ein Geniestreich.
Die Handlung trägt sich in den frühen 50er Jahren zu. Regisseur Curtis Hanson erklärte zur Entstehung des Soundtracks, er habe Jerry Goldsmith auf die vielen Songs hingewiesen, die im Film gespielt werden, darunter auch einige Instrumentals von berühmten Unterhaltungsorchestern. Das Underscoring sollte diese „source music“ optimal einbinden. Deshalb habe sich der Komponist für eine Solotrompete entschieden wie sie auch in einigen der Musiktitel ertönt. Zu diesem Ansatz passt das ungewöhnliche Fehlen eines signifikanten Themas in Goldsmiths Partitur; in den Songs gibt es ja genug davon.
Es gibt aber noch eine andere Erklärung für die besondere sinfonische Cool-Jazz-Anmutung des Soundtracks von „L. A. Confidental“. Sujet, Schauplatz, Zeit der Handlung, Starbesetzung, Look und Atmosphäre erinnern nämlich an einen Filmklassiker, der knapp 25 Jahre zuvor entstanden war: „Chinatown“ von Roman Polanski. Auch hierfür hatte Goldsmith die Musik geschrieben. In diesem Fall war er mit einem einzigen Thema ausgekommen, und auch dieser „Main Title“ wurde von einer Solotrompete gespielt. Film und Filmmusik wurden zu Klassikern. Die beiden Soundtracks könnten A- und B-Seite des selben Albums sein (was sich bei Goldsmith nicht von selbst versteht).
Jack Nicholson, der Hauptdarsteller von „Chinatown“, hat sich jahrelang darum bemüht, eine Fortsetzung zu drehen. Nachdem Roman Polanski aus juristischen Gründen von einer Einreise in die USA absah, inszenierte Nicholson den Film schließlich selbst. „The Two Jakes“ erschien 1990, 16 Jahre nach Chinatown, und gilt als missglückt.
In gewisser Weise löst „L. A. Confidental“ diese alte, unerfüllt gebliebene Verheißung ein. Trotz der Abwesenheit solcher Stars wie Nicholson, Faye Dunaway und John Huston kommt auch hinsichtlich schauspielerischer Leistungen keine Trauer auf. Und das alles durchpulst die Musik von Jerry Goldsmith. Sie verbindet nicht nur die alten Songs zu einer Einheit, sie macht aus den beiden Filmen ein Double-Feature.

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