Landeier im eigenen Saft

betr.: Alison Bechdels neuer autofiktionaler Comicroman „Kaputt“

Ich gehöre zu denen, die Alison Bechdels Klassiker„Fun Home“ für eine Spitzenleistung halten, für einen großen Roman seiner Zeit (ob geschrieben oder gezeichnet). Trotz oberflächlicher Gemeinsamkeiten ist „Kaputt“ – das im Original den subtileren Titel „Spend“ („völlig erschöpft“) trägt – etwas völlig anderes, nämlich ein Buch, das sich einer kritischen Analyse entzieht. Von seiner eigenen Bubble – also den liberalen Freunden der Demokratie, der LGBTQ+-Gemeinde sowie den aufgeschlossenen Fans des Mediums Graphic Novel – wird es erwartungsgemäß gelobt. Das Ausbleiben einer Reaktion, die irgendeine Emotion verrät – sei sie nun zustimmend oder ablehnend – ist aber kein gutes Zeichen. Die mir vorliegenden, durchweg positiven Rezensionen vermitteln weniger Begeisterung als eine behagliche Zufriedenheit und das Gefühl, dass alles seine Ordnung hat: Hauptsache, die Künstlerin ist sich treu geblieben. Um außerhalb ihrer Community jemanden zu provozieren, aufzuregen oder zum Nachdenken zu bringen, ist „Kaputt“ zu niedlich. So gesehen ist es ein doppelter Irr- und Schwachsinn, dass „Fun Home“ und andere Bücher der Autorin in Teilen der USA aus den Bibliotheken entfernt wurden.

Die (Verlags-)Eigenwerbung „Satire“ ist nicht korrekt, denn nichts, was hier erzählt wird, ist übertrieben (und Übertreibung der Wesenskern der Satire). Aus persönlicher Beobachtung weiß ich, dass sich ganz normale Leute genauso verhalten wie hier vorgeführt, sobald ihnen der Lebensstandard den nötigen Freiraum zu ihren putzigen Schrulligkeiten lässt. So ein Freiraum ist sprichwörtlich für die „Boomer“, die hier im Mittelpunkt stehen. Sie leben idyllisch im ländlichen Vermont (haben „der Großstadt“ also längst den Rücken gekehrt) und sind mit über 60 nicht mehr in den alltäglichen Kampf um den Lebensunterhalt verstrickt. Selbst die Schreibblockade der Titelheldin ist kein existenzielles Problem. Viel größeren Kummer bereitet ihr, dass sie meint, sich für den Fernsehvertrag schämen zu müssen, der sie einstweilen aller Geldsorgen enthoben hat („Verrat an den eigenen künstlerischen Idealen“ u.ä.). Diese auch im wirklichen Leben allgegenwärtige Jammerei auf hohem Niveau wird uns in unzähligen kurzen Szenen vorgeführt. Der Besuch bei Alisons (erfundener) Schwester, einer beinharten Trumpistin, offenbart, dass dort alles ebenso hermetisch und egomanisch ums Banale kreist wie bei Allison und ihrer Lebensgefährtin auf dem Ziegen-Gnadenhof.
All das wird abgebildet, ohne zugespitzt, ironisch gebrochen oder zur Grundlage einer Versuchsanordnung gemacht zu werden. Den Figuren bleibt sogar noch Zeit, über marxistische Thesen nachzudenken – als ob irgendeine von ihnen allen Ernstes dazu taugen würde, in einem sozialistischen oder gar kommunistischen System zu existieren (Die würden sich bedanken!).
Aber könnte nicht genau das die Pointe sein, die mir hier verschlüsselt angeboten wird?
Ich würde es gern glauben.

Guy Delisle, ein ähnlich gefeierter Star der Graphic Novel, um den es zuletzt etwas ruhiger geworden ist, hat viel mit Alison Bechdel und ihrem Konzept gemein. Auch er pflegt eine unaufgeregt-klare Linie (eine noch weitaus klarere) und realistische Beobachtungen. Auch er konstruiert keine fortlaufende Erzählung mit einer Dramaturgie, sondern beschreibt einen gesellschaftlichen Zustand. Und indem wir seinen Figuren folgen, erkunden wir ihn und erleben Variationen eines Themas. Doch bei Delisle habe ich immer das Gefühl eines Vorwärtskommens, des Verstreichens der Zeit und eines Erkenntnisgewinns. Bei Al und Hol, unserem zentralen Paar, stellt sich dieses Gefühl nicht für mich ein. Und das, obwohl sogar der Wechsel der Jahreszeiten miterzählt wird.

Die kulturellen Interessen, die in „Fun Home“ so klug verbaut und ironisiert wurden, sind gänzlich verschwunden. Als die Heldin zu Beginn kurz ihre „Bohème-Jahre“ erwähnte, tat es mir einen sehnsuchtsvollen Stich. Außer einer flüchtigen Erwähnung des Films „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“ und einer Zeile im Erzähltext, die ganz offensichtlich auf Virginia Woolf anspielt („Alison hat beschlossen, die Blumen selbst zu schneiden.“) scheint die Autorin heute keine größere Sorge umzutreiben, als für intellektuell gehalten zu werden.
Andererseits hat sie eine klare politische Haltung – etwa zur Trump-Herrschaft und ihren Folgen. Was ihrer Botschaft wie auch dem Appeal der Figuren geholfen hätte, wäre eine Handlung gewesen, eine wirkliche Geschichte, die uns die Möglichkeit gibt, uns unter die Charaktere zu mischen und eigene Perspektiven zu finden.
Mit dieser Kritik kann die Autorin unzweifelhaft leben. Die Alison in „Kaputt“ macht jedenfalls den Eindruck, als würde sie sich für solche Einwände nicht interessieren (Irrtum vorbehalten). Das ist ihr gutes Recht. Es verwundert mich aber angesichts der Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Anliegen vorbringt – in den Sprechblasen wie auch in ihren Interviews. Und Grund zur Klage gibt es ja wirklich genug.  
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Der Comic „Kaputt“ von Alison Bechdel (übersetzt von Katharina Erben) ist im Reprodukt Verlag erschienen, hat 272 Seiten und kostet 24 Euro.

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Meine Tops und Flops des Kinos im ersten Halbjahr 2026

betr.: Ranking

Im Internet interessieren sich die Menschen eher für Negatives, deshalb wurde ich von meinem Social-Media-Betreuer dazu ermuntert, meine Flop-5 des ersten Halbjahres aufzustellen. Die besonders guten Filme wollen die Leute nach dieser Logik erst zum Jahresende wissen.
Hier im Podcast gehen die Uhren ein wenig anders, daher gibt’s jetzt schon beides: die Tops und Flops der Redaktion. Es ist auch so traurig genug …

Meine Top 5 des ersten Halbjahres 2026:

Platz 5
Masters Of The Universe
Science-Fiction-Fantasykomödie von Travis Knight
Längst nicht so liebenswert und amüsant wie das trashige Original von 1987, aber immerhin mit einem sympathischen Helden.

Platz 4
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit
Science-Fiction-Parabel von Steven Spielberg
Über weite Strecken konventionell, aber handwerklich gut inszeniert und gespielt. Zum Ende hin kippt das Ganze leider in die übliche Spielberg-Schwülstigkeit und eine zutiefst fragwürdige Botschaft um.

Platz 3
The Mandalorian And Grogu
Science-Fiction-Abenteuer von Jon Favreau
Selbst „Star Wars“-Fans – die Haupt-Zielgruppe dieses Films – loben ihn dafür, wie wenig er mit „Star Wars“ zu tun hat. Sie haben recht: er scheint sich tatsächlich weniger ernst zu nehmen.

Platz 2
Wuthering Heights
Liebesdrama von Emerald Fennell
Dieser große Stoff wurde häufig verfilmt. Doch diesmal kommt er so dicht an seine literarische Vorlage heran wie es selbst die prominentesten Vorgänger, darunter Meisterwerke des Kinos, nicht geschafft haben.

Platz 1
Blue Moon
Biographisches Kammerspiel von Richard Linklater
Ein origineller Stoff aus der Geschichte der Popkultur, ein famoser Text und ein gut aufgelegtes Ensemble, das von Ethan Hawke angeführt wird – es geschehen noch Wunder.

Meine Flop 5 des ersten Halbjahres 2026:

Platz 5
Primate
Viecher-Horrorfilm von Johannes Roberts
Unpassend säuberlich gemachter Teenie-Horror-Schund – belanglos und unerfreulich anzusehen.

Platz 4
They Will Kill You
Horrorfilm von Kirill Sokolov
Etwas von dieser Sorte fabriziert eine KI, die man erst mit Tarantino vollstopft und der man dann die linke Hand auf den Rücken bindet.

Platz 3
Lee Cronin’s The Mummy
Horrorfilm von Lee Cronin
Trostlose Grusel-Effektschau ohne Sinn und Verstand, die sich nicht einmal für ihre klassische Titelfigur interessiert.

Platz 2
Der Astronaut – Project Hail Mary
Dystopische Parabel von Phil Lord und Christopher Miller
Dieses langatmige, hochmögende Stück Edelschrott bezieht sein Grauen vor allem aus der Biederkeit, mit der es seine Kitschbotschaft unters Volk zu bringen versucht. Ideal, um Schlaf nachzuholen.

Platz 1
Olivia
TV-Biopic von Till Endemann
Wer den deutschen Film entsetzlich findet, der hat lange keinen deutschen Fernsehfilm mehr gesehen.

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So siehst du aus! – Personenbeschreibungen in der Literatur (Einführung)

Der Mensch an sich wird mangelhaft.
Die Locke wird dahingerafft.

Wilhelm Busch

Der Autor Heinz Strunk erfreut seine große Fangemeinde zuverlässig mit präzisen Schilderungen der menschlichen Unzulänglichkeit – und hier ganz besonders der physischen. Er protokolliert sichtbare Scheußlichkeit so gründlich wie ich es zuvor nur bei H. P. Lovecraft gefunden habe. Doch während der Barde aus Providence das Grauen vor allem in sogenannten Artefakten findet – Übriggebliebenes und Wiedergefundenes aus anderen Welten und tiefsten Schichten, Ausgegrabenes und Vermodertes aus fernen Schluchten oder Galaxien -, findet der Chronist aus Altona es in und bei uns selbst: am eigenen Leibe. Strunk erzählt von Altersdeformation, den sichtbaren Konsequenzen motorischen Müßiggangs und der Manifestation innerer Armseligkeit an der Oberfläche. Und natürlich von Leuten, die einfach Pech gehabt haben, weil sie schon scheiße aussehend auf die Welt gekommen sind. Das Alter mag eine Heimsuchung sein, doch manch einer bedarf des Verfalls nicht, um am Ende zu sein. So farbenprächtig wie erbarmungslos listet er vollständig auf, welche elendige Verwüstung uns letztlich allen bevorsteht, wenn wir nur lange genug durchhalten. Die folgende Verwesung im Sarg kann im Grunde nicht schlimmer aussehen als das, was zuvor eingesargt wurde. Und das ist gut so! Indem die ultimative Demütigung der Gattung Mensch – der Tod – ins Leben vorverlegt wird, hat sie ja viel mehr davon.

Stan Lee und Jack Kirby teilten die Welt der widerwärtigen Ungetüme in drei Gruppen ein: Man-Made Monsters, Ancient Menaces und Alien Invaders. Heinz Strunk ergänzte sie um eine noch entsetzlichere: reife Kleinbürger in Funktionskleidung.
Dass der menschliche Körper im Grunde nicht viel taugt (schon gar nicht auf der Langstrecke unserer heutigen Lebenserwartung), beschäftigt Literatur und Popkultur schon seit jeher. Bereits im Alten Testament finden sich deftige Schilderungen kläglicher Erscheinungen. Aber Heinz Strunk – unzweifelhaft ein belesener Kopf – braucht solche Vorbilder für seine Arbeit im Grunde nicht. Seine humane Landschaftsmalerei scheint beispiel- und vorbildlos, so sehr spricht sie seine und unsere Sprache mit all ihren Schnodderigkeiten.

Um beides noch besser genießen zu können, wollen wir an dieser Stelle, in einer kleinen Serie gelegentlich untersuchen, wie es die anderen Großen des Literaturkanons so gemacht haben. Wie bei Strunk ist es auch bei den alten und modernen Klassikern: die Oberfläche ist keine Täuschung. Sie lässt tief blicken. Sie ist nur die Pforte, durch die wir zum Inhalt vordringen. Wer sein Kind dazu erzieht, Menschen nicht nach dem Äußeren zu beurteilen, meint es sicher gut, erzählt ihm aber ähnlich verflachenden Unsinn wie den Hinweis, Blut sei dicker als Wasser oder es wäre „Alles gut, alles gut, alles guuuut!“. Mit den Jahren verfestigen sich die Grimassen, die wir zu häufig aufsetzen. In den Worten von George Orwell: Mit 50 hat man sich seine Visage verdient.

Die Serie beginnt am 21. Juni.

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Sperrvermerk für Paul Temple

betr.: 12. Todestag von Francis Matthews (gestern)

Wie die meisten Schlagworte der Popkultur war mir der Name „Paul Temple“ zunächst aus dem Fernsehen bekannt. Ich erinnere mich dunkel an einen violett gehaltenen Serienvorspann: ein rennender Mann in einem Korridor zu einer zündenden Titelmusik von Ron Grainer, die mir sofort und auf ewig im Ohr blieb.
Heute weiß ich: diese Sendereihe, in der Francis Matthews die Titelrolle spielte, gilt als vergessener Flop – was insofern einleuchtet als mir keine Wiederholung aufgefallen ist.
Der Name „Paul Temple“ begegnete mir später im Hörspiel wieder, wo er auch herkommt und eigentlich hingehört. Die BBC hatte seit Ende der 30er Jahre viele mehrteilige Fälle produziert und der WDR dieses Konzept später für seine Bearbeitungen beibehalten. Die Zerlegung in viele Kapitel war von großer Wichtigkeit, denn nur durch die Fortsetzungen, deren Ausstrahlung man in der Nachkriegszeit nägelkauend abwarten musste, konnten sich die Cliffhanger entfalten, die das Publikum an Format, Figur und Autor banden: Francis Durbridge. Diesen Vielschreiber kannte ich wiederum aus dem Fernsehen, wo seine Krimi-Oldies mit unterschiedlichen Ermittlern in Fortsetzungen als sprichwörtliche „Straßenfeger“ Geschichte gemacht hatten und nun ehrfürchtig wiederholt wurden. Erst auf den zweiten Blick bekam ich mit, dass auch Paul Temple ein Durbridge-Produkt war.

Da mir Krimis überhaupt nur Freude machen, wenn sie aus dem Archiv kommen – und damit aus einer Zeit, als sie noch nicht in der heutigen Weise wie ihm Halbschlaf hingestrullt wurden – habe ich die Wiederholungen antiker Krimiserien in Funk und Fernsehen immer gern mitgenommen.
Bei Durbridge war das stets ein geteiltes Vergnügen. Er ist ein so wirrer und stilloser Autor, dass ich seinen Namen Jahrelang für ein deutsches Redaktionspseudonym gehalten habe: so beschissen schreiben nur deutsche Autoren, war ich mir sicher. Als ich erfuhr, dass er nicht nur tatsächlich existierte, sondern sogar aus England stammte, fiel ich aus allen Wolken.
Seine Temple-Miniserien fand ich immerhin so gut gemacht (sprich: liebevoll produziert), dass ich mich über Dinge hinwegsetzte, die mir von Anfang an missfallen haben: die erstickende Spießigkeit des Ermittlerpaares – der muffig-paternalisch vor sich hinbrabbelnde René Deltgen und seine ihm die Pantoffeln hinterhertragende Gattin, die ihre nachkriegsdeutsche Spießigkeit mittels eines beseelten Singsangs wie eine Erfüllung klingen lassen wollte; die komplett kruden und völlig ohne Dramaturgie auskommenden rätselhaften Ereignisse, die sich wie aus gutgemischten Karteikarten generiert nacheinander abspielten, bis irgendwann Schluss war; die affigen Versuche, etwas große weite Welt vorzutäuschen, indem man sich am Telefon mit „Hello“ meldete, ständig „okay“ rief oder sonstigen Kinderkram. Deltgen, der seine Rolle fast über die gesamte Produktionsgeschichte bekleidete, wirkt noch gruseliger, wenn ich an den spitzbübischen Francis Matthews zurückdenke (nur als Bild: an die TV-Serie selbst erinnere ich mich so gut wie gar nicht mehr).

Naturgemäß milder gestimmt: ein Verlagskatalog von 2003.

Kürzlich präsentierte Bastian Pastewka die zu vier Teilen zusammengefügten acht Teile von „Paul Temple und der Fall Jonathan“ (NWDR 1954) in seinem Krimi-Podcast „Kein Mucks!“. Er spielte sogar eine kürzlich wiederentdeckte Aufnahme vor, auf der René Deltgen als junger Schauspieler zu hören ist, und schon hier klingt er wie ein motziger Knatter-Opa, der vom Balkon aus im Hof spielende Kinder zusammenfaltet.
Ich dachte, dies sei eine schöne Gelegenheit, der alten Serie mal wieder eine Chance zu geben. Doch ich gab es rasch wieder auf. Ohne Nostalgie geht es beim Krimi nicht, aber „Paul Temple“ geht gar nicht mehr. Es war ein deprimierendes Wiederhören ohne den geringsten Unterhaltungswert, geradezu gespenstisch. Es reicht nicht einmal mehr für unfreiwillige Komik. Ich fühlte mich wie in die Steinzeit zurückgeballert.

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Der Song des Tages: „The Ugly Bug Ball“

betr.: 117. Geburtstag von Burl Ives

Burl Ives spielte 1958 in der nicht unumstrittenen, aber heute klassischen Verfilmung von Tennessee Williams‘ Südstaatendrama „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ den Big Daddy – einen todkranken Patriarchen, dem die Familie verheimlicht, das er in Kürze an Krebs sterben wird. In Wahrheit dauerte es noch weitere 37 Jahre, bis Ives tatsächlich dieser Krankheit erlag.
Im Hauptberuf war er Folk-Sänger und wurde 1963 von Walt Disney in „Summer Magic“ („Sommer der Magie“) eingesetzt, einem Musical über eine verwitwete Mutter aus Boston, die mit ihren drei Kindern in ein idyllisches Städtchen in Maine zieht. Ives singt einen Song, der erheblich frecher ist, als der betuliche Plot ahnen lässt (Film und Song brauchen einander nicht). „The Ugly Bug Ball“ beschreibt ein Happening, auf dem sich Ungeziefer beim Tanz näherkommt. Das Ganze kommt als Kinderlied daher, doch in deutscher Sprache wäre es ein Chanson. Der Text ist pointiert, die Musik der Sherman-Brothers schmissig, und Ives‘ Gesang verströmt bärige Entspannung – kurzum: ein geniales Kabinettstückchen!

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Die Achtziger sind wieder da

betr.: 77. Jahrestag der Auszeichnung von „1984“ als „Buch des Jahres“ in den USA

„Im Jahr 1984“ war die erste deutsche Bearbeitung der berühmten Dystopie von George Orwell. Als ich das Buch im titelgebenden Jahr erstmals las, hatte der Ullstein-Verlag gerade aus aktuellem Anlass eine neue Übersetzung vorgelegt, und als ich diese mit einer der vorherigen verglich (ohne das englische Original zur Hand zu haben), erschien es mir, als sei das gar keine Neuübersetzung, sondern nur eine Umformulierung („um dem rauhen Wind zu entgehen“ statt „um sich vor dem rauen Wind zu schützen“ und ähnlicher Mumpitz) – aber das mag mir auch mein jugendlicher Hochmut geflüstert haben.
Die erste Fassung mag ich besonders, ganz einfach, weil sie am nächsten dran ist.
So fängt sie an:


Es war ein klarer, kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn. Winston Smith, das Kinn gegen die Brust gepreßt, um sich wenigstens etwas gegen den ekelhaften Wind zu schützen, schlüpfte rasch durch die Glastüren des Victory-Apartmenthauses.
Im Treppenhaus unten roch es nach Kohl und muffigen, zerfledderten Fußmatten. An der einen Flurwand klebte ein riesiges buntes Plakat. Es stellte ein Gesicht in Großformat dar, über einen Meter hoch: das Gesicht eines Mannes Mitte vierzig, mit dichtem schwarzem Schnurrbart und – grob gesehen – ansprechenden Zügen. Smith steuerte auf die Treppe zu: der Fahrstuhl ging ja doch nicht. Selbst in besseren Zeiten funktionierte er selten, und momentan war der Strom tagsüber sowieso abgeschaltet.
Das gehörte zur Sparaktion für die kommende Haß-Woche.
Seine kleine Junggesellenwohnung lag in der siebenten Etage, und Smith tappte – mit seinen 39 Jahren nicht bei bester Gesundheit – langsam hinauf, immer wieder einmal verschnaufend. Auf jedem Treppenabsatz starrte das Plakat mit dem Gesicht in Großformat von der Wand. es war eines jener geschickt gezeichneten Portraits, deren Augen einen überallhin verfolgen, wo man auch geht und steht. DER GROßE BRUDER SIEHT DICH, stand in wuchtigen Lettern darunter.

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Kultfilm Azubis: Little Boy Lost

Hollywoodfilme, die ihren Titel von einem beliebten Oldie beziehen, waren in den 80er Jahren schwer in Mode. Ben E. Kings Evergreen „Stand By Me“ kam erst nach der Spielhandlung heraus. Der Film war jedoch so ein Hit, dass ihm dieses Detail niemand zum Vorwurf gemacht hat.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/stand-by-me-das-geheimnis-eines-sommers-das-waisenhaus

A) Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers / Stand By Me
Melancholische US-Komödie von 1986

Der Schriftsteller Gordon Lachance erfährt in der Zeitung vom Tod des Rechtsanwalts Chris Chambers und erinnert sich 30 Jahre zurück. Im Spätsommer 1959 sind Gordie und Chris Zwölfjährige in Castle Rock, einem Kaff in Oregon. Sie bilden mit Vern und Teddy, die aus problematischen Elternhäusern stammen, eine Klicke. Beflügelt von dem Wunsch, als Helden gefeiert zu werden, machen sie sich die Vier auf den beschwerlichen Marsch quer durch die Bergwelt Oregons, um die Leiche eines verschollenen Jugendlichen aus der Ortschaft zu suchen. Doch ein anderes Quartett, die Halbstarken um den Kleinkriminellen Ace, wollen ihnen zuvorkommen. Am Ende dieses Abenteuers werden die Jungs nicht mehr dieselben sein.

Wenn Stephen-King-Verfilmungen aufgezählt werden, wird diese hier oft vergessen – und das liegt nicht an ihrer mangelnden Beliebtheit. Dieser klassische Jugend- und Sommerfilm, der eine ganze Reihe späterer Stars in frühen Auftritten zeigt, ist die populärste Nicht-Horrorstory nach einer Vorlage des großen Kult-Autors.

B) Das Waisenhaus / El Orfanato
Spanisches Horrordrama von 2007

Laura kehrt mit ihrem Mann zurück in das ehemalige Waisenhaus, in dem sie aufwuchs und das sie wiedereröffnen möchte. Auch der zehnjährige Simón fühlt sich an der Küste wohl. Der Junge weiß weder, dass er adoptiert ist noch von seiner HIV-Infektion. In einer der Grotten in der Umgebung, die Mutter und Sohn auf einem Spaziergang erkunden, freundet sich der Junge offensichtlich mit dem Geist von Tomás an, der früher unter den Waisenkindern des Hauses ein entstellter Außenseiter war. Auch mit den übrigen Bewohnern von einst scheint er in einen regen Austausch zu treten, der Laura zunehmend unheimlich ist.
Eines Tages ist Simón plötzlich unauffindbar. Noch Monate später ist Laura sich sicher, dass er noch am Leben ist. Und dass bei dieser Katastrophe die Toten ihre Finger im Spiel haben. … Auf zahlreichen Festivals mit Preisen überhäuft, erreichte „Das Waisenhaus“ in seiner spanischen Heimat bereits am Startwochenende über eine Million Zuschauer und war dort der kommerziell erfolgreichste Film des Jahres 2007. Im Portfolio seines Produzenten Guillermo del Toro war er kurz danach so abwesend wie der kleine Simón. Regisseur Juan Antonio Bayona durfte danach in Hollywood Kommerzgeschütze wie „Jurassic World“ und „Herr der Ringe“ bedienen.

Nächste Woche: Manche mögen’s heiß und Das Privatleben des Sherlock Holmes

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Robin Hood kommt und geht

Spontan erscheint uns Robin Hood als ein mythologischer Popstar wie Peter Pan, Sherlock Holmes oder Robinson Crusoe. Doch heute wie in alter Zeit ist die Wirkung einer solchen Figur davon abhängig, wie präsent sie in der aktuellen Popkultur ist: wie regelmäßig sie dort verarbeitet bzw. neu interpretiert wird. Das ist heute sogar besonders wichtig, denn für einen Kanon älterer Bearbeitungen interessiert sich heute niemand mehr – das wiederum war früher (in der Glanzzeit des linearen Fernsehens mit seinen gern gesehenen Wiederholungen alter und neuerer „Klassiker“) ganz anders.

In einer Woche startet ein Robin-Hood-Film, der auf einer solchen Vertrautheit aufbaut, denn er zeigt den Helden im Alter – und auch sonst von einer ungewohnten Seite.
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The Death Of Robin Hood
Historisches Abenteuer-Drama von Michael Sarnoski
(Start: 18.6.2026)

Die Legende vom wohltätigen Robin Hood, der von den Reichen nimmt und den Armen gibt, ist gelogen. Der wirkliche Robin von Locksley ist ein Verbrecher, vor dessen Bande nicht einmal Frauen und Kinder sicher sind. Auf seine alten Tage hadert Robin zunehmend mit einem Leben voller Mord, Raub und Schändung. Nach einer schweren Verletzung bietet eine mysteriöse Frau dem heruntergekommenen Recken einen Weg zur Erlösung an. Hugh Jackman, Jodie Comer und Bill Skarsgård erzählen den Epilog zur Legende vom Helden in Strumpfhosen und dekonstruieren dessen Mythos.
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Ronny Fanta (ein Millennial) und Volker Robrahn (alte Schule) haben den Film vorab gesehen und betrachten ihn im Gespräch von der eingangs beschriebenen und von der heutigen Seite:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/the-death-of-robin-hood

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Die Rebellen des Trickfilmkönigs

betr.: morgige Filmkritik im Podcast

Unter „Walt Disney’s Robin Hood“ verstehen wir im Sprachgebrauch einen Trickfilm, der erst sieben Jahre nach dem Tod des Meisters herauskam. Dennoch hat Disney das Potenzial dieser Sagengestalt erkannt und 1952 als Film präsentiert: als Realverfilmung mit Richard Todd in der Titelrolle, die wir heute gar nicht mehr mit Disney in Verbindung bringen, wenn sie uns der Zufall einmal wieder auf den Monitor wehen sollte: “Robin Hood und seine tollkühnen Gesellen“ (bzw. „Robin Hood – Rebell des Königs“ / “The Story of Robin Hood and His Merrie Men”). In der großen Jugendbuch-Cassette „Walt Disneys wunderbare Welt“ von 1965 taucht „Die Abenteuer des Robin Hood“ also noch in der alten Fassung auf.
Und so liest sich die Szene, die ein Kabinettstückchen von Wolfgang Reithermans 1973er Fassung werden sollte, das Turnier der Bogenschützen:

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Noch ’ne unheimliche Begegnung

Neu im Kino:

Disclosure Day
Fantastisches Thrillerdrama von Steven Spielberg

Der wegen Hackings und Diebstahls vorbestrafte Wissenschaftler Daniel Kellner nutzt eine verdeckte Operation der Regierung zur Flucht, nachdem er ein kosmisches Artefakt an sich genommen hat. Noah Scanlon, der Leiter des Verteidigungsministeriums, hetzt eine Armee von Spezial-Einsatzkräften hinter ihm her. Doch Daniel hat einen Helfer. Der mysteriöse Hugo Wakefield lenkt ihn per Mobiltelefon und weist ihm immer neue Verstecke zu.
Hugo will Daniel mit der Fernseh-Wetterfee Margret zusammenbringen, die zu ihrer eigenen Überraschung seit kurzem über die Gabe verfügt, das ganze Leben eines Menschen zu sehen und alle seine Geheimnisse zu wissen, sobald sie ihm nur ins Auge blickt. Seit sie vor laufender Kamera in Trance eine kosmische Botschaft das Publikum gerichtet hat, wird auch sie von Noahs Leuten gejagt.
Margaret und Daniel kennen einander nicht, doch sie sind Teil eines großen Plans – und einer alten Rechnung, die Hugo und Noah miteinander offen haben …

Steven Spielberg kehrt mit Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth und Colman Domingo zu seinen thematischen Wurzeln zurück. Ein weltweites Phänomen erschüttert das Vertrauen der Menschen in die Politik, die etablierte Wissenschaft und die Medien – und es kommt von irgendwo da draußen.

Volker Robrahn, Torben Sterner, Ronny Fanta und Monty Arnold sahen und besprechen den Film gemeinsam:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/disclosure-day

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