Vor einigen Tagen habe ich “Die letzten Glühwürmchen” von Isao Takahata bei einer Wiederaufführung gesehen, jenen bemerkenswerten Film, der in Japan schon 1988 gemeinsam mit dem heutigen Klassiker “Mein Nachbar Totoro” herauskam.
Erst jetzt habe ich mich das getraut.
Ich weiß schon sehr lange von diesem Zeichentrickfilm. In Frankreich wurde er unter dem korrekteren Titel “Das Grab der Glühwürmchen” (“Le Tombeau des Lucioles”) schon 1996 veröffentlicht und begegnete mir aus diesem Anlass im Magazin “TV Video Jacquettes”, das ich lange Zeit abonniert hatte. Die deutsche Fassung ließ noch etwas auf sich warten. Der weltweite Erfolg des Studio Ghibli* brachte “Die letzten Glühwürmchen” 2002 zunächst auf VHS und DVD auch bei uns in Umlauf. Noch immer zögerte ich. Zu groß war mein Respekt vor der Wirkung dieser Kriegsparabel auf mein Gemüt. Aber ich hatte fest vor, ihn irgendwann nachzuholen: sein fulminanter Ruf machte mich neugierig.

Meine Zurückhaltung reicht weit zurück. Irgendwann um das Jahr 1980 herum wiederholte das ZDF die siebenteilige japanische Serie “Barfuß durch die Hölle” im Nachtprogramm, kurz vor Sendeschluss. Sie wissen bescheid: das waren die Jahre, in denen “die Glotze” noch “das große Lagerfeuer der Nation” war, vor dem “die ganze Familie” zusammenkam. Ungewöhnlicherweise stand ich spät abends nochmal auf und schlich mich ins dunkle Wohnzimmer, um ganz für mich allein den langen Marsch und sinnlosen Tod des japanischen Ingenieurs Kaji mitanzusehen, der in den Wirren des Zweiten Weltkriegs versucht, zu seiner geliebten Frau nach Hause zu finden. Dieses Ziel verfehlt er nur knapp, als es ihn dahinrafft.
Die Serie gehört zu einem Genre, von dem ich mich seither gründlich abgewandt habe: dem für seine Helden von vorneherein aussichtslosen Plot vor historischer Kulisse. Dass ich “Titanic” gar nicht ungern gesehen habe, kann nur daran gelegen haben, dass mir seine Helden so besonders nahe nicht gegangen sind. Ansonsten zwingt mich nur wirklich große Kunst, nur makelloses Handwerk, mir solches Grauen hin und wieder anzutun. So war es bei “Barfuß durch die Hölle”, so würde und sollte es auch bei “Die letzten Glühwürmchen” sein. Dieses Drama ist derart meisterlich, dass mir nichts übrigblieb als mich seiner Geschichte bis zum vorhersehbar bitteren Ende hinzuhalten. Hiermit nehme ich den Ausdruck “Glühwürmchen-Film” in meinen Sprachschatz auf, um meine persönlichen Paranoia-Filme zu bezeichnen.
Der 14jährige Seita liegt völlig abgemagert und unbeachtet in einem dunklen Winkel einer Bahnhofswartehalle in Kobe, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Film beginnt mit einem Satz aus dem Off: „Am 21. September 1945 bin ich gestorben“. Dann durchsucht ein Bahnhofbeamter den Sterbenden, findet aber nur eine zerbeulte, rostige Bonbondose, die er achtlos wegschmeißt, wobei etliche Glühwürmchen in die Nacht auffliegen. In einer großen Rückblende erfahren wir den zurückliegenden Leidensweg des Jungen, der sich nach einem Bombenangriff und dem Tod der Mutter um seine vierjährige Schwester Setsuko kümmert. Er kämpft nicht nur um ihr Überleben, er versucht auch, das Trauma der Flucht und des Hausens in einem höhlenartigen Bunker vor den Toren der Stadt spielerisch von ihr fernzuhalten. Doch auch Seitas gelegentliche Raubzüge bringen nicht genug Nahrung bei. Das Mädchen wird krank und stirbt an schließlich Unterernährung. Als Seito von Japans Niederlage und vom Tod seines Vaters erfährt, der bei der untergegangenen kaiserlichen Marine gedient hat, gibt er auch sich selber auf.
Ein Bartleby aus Japan
Trotz der Kinderperspektive und der wohldosierten expliziten Schreckensbilder (etwa vom qualvollen Ende der Mutter) ist dieser Film niemals rührselig. Von Sujet, Tempo, Tonlage und Dramaturgie her ist er nicht einmal ein Zeichentrickfilm, und doch bezweifelt man keine Sekunde lang die Richtigkeit der Wahl dieses Mediums.
Dass Seita seine geliebte Schwester (und damit auch uns im Kinosessel) so wacker von den Schrecknissen der Lage ablenkt, hat seinen Preis. Er erkennt nicht, was die Situation von ihm fordert: ein Mitarbeiten, ein sich Einbringen, ein solidarisches sich Durchbeißen. So ist in den kleinen Notgemeinschaften der barbarischen Verhältnisse kein Platz für ihn: die Tante, bei der die ausgebombten Kinder zunächst unterkommen, kürzt ihre Essensrationen immer weiter ein, um ihren “faulen” Gast zu bestrafen, und leistet keinen Widerstand, als Seita weiterzieht – die Chancen seines Plans völlig falsch einschätzend.
Seita lässt mich an Bartleby denken, den gleichnamigen Totalverweigerer aus Herman Melvilles Spätwerk. Diese Kurzerzählung wurde 1853 von niemandem begriffen und als Beleg dafür herangezogen, dass der Autor von “Moby Dick” sie nicht mehr alle beisammen habe. Inzwischen wird sie als Ausdruck einer modernen Volkskrankheit gefeiert. Doch sie ist noch viel mehr. Sie behandelt eine verzagte Befindlichkeit, die seit jeher verbreitet ist. Heute wie bei Kriegsende, in Japan wie in der Wall Street.
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* Siehe dazu Blog und Podcast https://blog.montyarnold.com/2026/02/06/hayao-miyazaki-und-das-ghibli-studio/