Alles Disco oder was?

betr.: Summer Of Disco

Ich kam mal wieder knapp zu spät. Gerade, als ich anfing, mich für zeitgenössische Popmusik zu interessieren, verkündete Jörg Ebner, “Pop-Professor” meines Lieblingssenders “Radio Luxemburg”, Discomusik sei nicht tot. Solche Richtigstellungen lassen mich stets aufhorchen und spontan erst einmal das Gegenteil befürchten. Die Disco lebte ohnehin noch etwas weiter: in Gestalt der tristen Dorfdiscotheken, die ich wenige Jahre später gelegentlich besuchte: Wer baut, der bleibt.
Was ich da Wichtiges verpasst haben muss, schwant mir, wenn ich lese, dass Discomusik “seit den 1970er Jahren für gesellschaftlichen Wandel, Emanzipation und Selbstbestimmung steht” (so der Sender “arte” in der Ausrufung des aktuellen Programmschwerpunkts “Summer Of Disco”). Lässt sich so etwas nicht über jede kulturelle Jugendbewegung sagen?
Ich werde diesen Sommer nutzen, mir ein konkreteres Bild zu machen. Besser, ich hätte mich schon früher darum gekümmert, denn wir leben in einer Zeit, in vieles angeblich nicht mehr so wichtig ist, was einmal für Struktur gesorgt hat, und in der Systematik gern mit dem Schimpfwort “Schubladen” diskreditiert wird.
Wie es zur Zeit um das Discobewusstsein bestellt ist, machte mir ein aktueller F.A.Q.-Gastbeitrag von Ralf Niemcyk bewusst. Er stellte nämlich fest:
»Der Geist der Disco schwebt mal wieder durch die Popmusik. Nicht als Relikt, das man aus der Vitrine holt, weil in der Gegenwart nichts los ist. Es ist vielmehr eine immer wieder begehrte Mode, die Welt zu befragen; über den Körper, den Rausch und auch das Spiel der Rollen. (…) Disco, Soul, Jazz, Pop; das sind heute keine getrennten Sphären mehr, sondern durchlässige Systeme.«
Wusst’ ich’s doch!  
»Das Disco-Gespenst lebt in der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten: zwischen Eskapismus und Realität, zwischen Oberflächlichkeit und Tiefe, zwischen Spiel und Ernst. (…) Vielleicht ist eine entscheidende Verschiebung gegenüber der ursprünglichen Disco-Ära: die neue Disco will nicht mehr nur befreien, sie will auch verstehen. Sie fragt, was es bedeutet, sich hinzugeben: an einen Beat, eine Beziehung ode rein Gefühl. Und sie akzeptiert, dass diese Hingebe immer riskant ist.«
Wenn selbst für einen “Rolling Stone”-Journalisten alles so herrlich wurscht ist, werde ich bei meiner Recherche lieber zu älteren Aufzeichnungen greifen.   

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