Der Song des Tages: „Jalousie“

betr.: 214. Jahrestag der Patentierung der Jalousie

Der bei Nicht-Tangotänzern berühmteste aller Tangos ist unzweifelhaft „Jalousie“ („Eifersucht“). Tango-Puristen kann diese Popularität aus verschiedenen Gründen nicht gefallen. Zunächst einmal handelt es sich um einen europäischen Tango – er stammt vom dänischen One-Hit-Wonder Jacob Gade. Außerdem ist er wegen seines unregelmäßigen, nicht durchgehenden Habanera-Rhythmus nicht sehr gut tanzbar und fällt außerdem wegen des sinfonischen Charakters und der extremen Dynamik unangenehm auf. Zähneknirschend wird er dennoch auf den meisten Milonga-Veranstaltungen gespielt, weil sein Fehlen wiederum dem breiten Publikum unangenehm auffiele.
Populär machte „Jalousie“ zunächst, dass er ins musikalische Begleitprogramm des längst Stummfilms „Der Mann mit der Peitsche“ (1925) aufgenommen wurde, in dem der damals überaus populäre Draufgänger Douglas Fairbanks jr. als Zorro auftrat.
Seither ist „Jalousie“ in unzähligen weiteren Filmen aufgetaucht, in den meisten davon als bereits eingeführter Evergreen. Von den noch unzähligeren Aufnahmen, die davon hergestellt wurden – vokal und instrumental -, eine auszuwählen, ist eine überaus undankbare Aufgabe. Ich opfere mich und nenne die Version des Sängers Frankie Laine (1951), dessen leidenschaftlich-kraftaufwändige Atemtechnik sehr gut zu jenem Tanzstil passt, dem der Titel zugeordnet wurde. Bei aller Emotion klingt Laine immer heiter und optimistisch. Und das bekommt „Jalousie“ ganz ausgezeichnet.

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Der unscheinbare Kraftmeier

betr.: 84. Geburtstag von Bill Conti

Der Filmkomponist Bill Conti muss als ein Kleinmeister seiner Zunft gelten, des amerikanischen Soundtracks in dessen letzter wahrhaft spätromantischer Phase kurz vor der Jahrtausendwende. Aber auf diesem Gebiet hängt der Hammer ja insgesamt sehr hoch. Außerdem hat Conti auf  seinen Einstand als eng budgetierter Lieferant für die „Rocky“-Filmmusik – sie wurde ebenso legendär wie der Film an sich – immer wieder wahrhaft große Soundtracks folgen lassen. Nur kamen die nicht immer in großen Filmen vor, zuweilen sogar in Fernsehserien, was damals eine Herabstufung bedeutete.
Wer nicht schon dahintergekommen ist, den mag es immer wieder angenehm überraschen, wenn ihm ein Conti-Soundtrack begegnet.
Zu den zwielichtigen Orten, an denen man sich von seiner Kunst aufschrecken lassen kann, gehört der Film „Masters Of The Universe“, der unter haarsträubend unprofessionellen Bedingungen entstand und der am Freitag im Podcast „Kultfilm Azubis“ verhandelt wird.
Der Soundtrack hat eine tadellose sinfonische Partitur, die einem parodistischen Ansatz nachgeht: das Idiom der sich selbst zu ernst nehmenden „Sword And Sorcery“ wird so hingebungsvoll und handwerklich sauber aufs Wesentliche heruntergebrochen, dass das Ergebnis es jederzeit mit den ernstgemeinten Hochleistungen der Sparte aufnehmen kann (etwa mit James Horners „Krull“ oder mit „Taran und der Zauberkessel“ von Elmer Bernstein). Das passt zu einem Film, der kinderleicht zu schmähen und zu verwerfen ist, der aber erheblichen Charme besitzt. Und außerdem etwas, was es auf dem Gebiet der Fantasy jenseits komischer Nebenrollen überhaupt nicht gibt: Humor.
Contis Musik für „Masters Of The Universe“ – der 1987 alle Gattungs-Klischees und aktuelle Trends in sich aufsog und auf einer ihrerseits kopierfreundlichen Serie von Jungs-Spielzeugfiguren basierte – ist hin und wieder dafür kritisiert worden, sein Thema erinnere an „Superman“/Fanfare und Marsch von John Williams. Das ist nicht unrichtig, geht aber von der falschen Seite an die Sache heran. Auch Williams wollte und verfertigte eine Pastiche zum Thema „Superheld“. Das tat Conti auch – in der unmittelbaren Nachbarschaft, bei den Pulp-Barbaren -, kam zu einem benachbarten Ergebnis, schrieb jedoch ein wirklich welthaltiges Stück großer Filmmusik. Williams gab sich bei „Superman“ mit einem Jingle zufrieden, das ohne seinen Kontext wie ein überproduzierter Klingelton in sich zusammenfällt. Das schien ihm angemessen, und es genügte ja auch.
Ich schätze Bill Conti dafür, dass er immer erst etwas später zufrieden war.

Alle die genannten Kollegen Contis waren übrigens Groß-Meister der sinfonischen Filmmusik – oder galten doch als solche.

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Der Rocker von Kakanien

betr.: 225. Geburtstag von Joseph Lanner

Dass der Walzer einmal skandalös war und eine Wirkung auf seine Zeitgenossen hatte wie später der Rock’nRoll, ist schwer vorstellbar – aber nicht unmöglich.
Er war nicht nur der erste Tanz, bei dem Tänzer und Tänzerin einander intensiv berühren konnten, er hatte mit dem Dreivierteltakt auch einen Rhythmus, der einen leichten Schwindel, einen Rausch auslöste.

Bevor der Name der Strauss-Dynastie zur Weltmarke wurde, war es Joseph Lanner, der dem Wiener Walzer seine charakteristische Form gab. Zusammen mit Johann Strauss/Vater entwickelte er aus Ländler, Deutschem und Vorstadttanz jene elegante Dreiviertelbewegung, die Wien musikalisch definieren sollte. Jedoch: Lanner war keineswegs „nur“ ein Wegbereiter der Wiener Tanzmusik. Seine frühen „Neuen Wiener Ländler“ zeigen bereits jene formale Verdichtung, aus der sich der große Konzertwalzer entwickelte. Während die Sträusse das Geschäft professionalisierten und internationalisierten, prägte Lanner den Ton: feinsinnig, oft melancholisch, mit einer kammermusikalischen Transparenz, die den ländlichen Walzer als urbane Kunstform adelte.

Die Konkurrenz zwischen Lanner und Strauss spaltete zeitweise das Publikum – „Lannerianer“ gegen „Straussianer“ hieß es damals. Der Grund: Im Wien des Vormärz wurde der Walzer zur klingenden Projektionsfläche einer Gesellschaft zwischen Biedermeier-Idylle und politischer Spannung.
Nach seinem Tod mit 42 gerät Joseph Lanner rasch in Vergessenheit. Seinen Rang als zentrale Figur einer musikalischen Zeitenwende – als Komponist, der den Wiener Walzer nicht nur populär machte, sondern ihm eine erste kulturelle Identität verlieh – ist es vor allem der Ruhm von Johann Strauss/Sohn, der seinem Andenken den Garaus machte. Erst 1904 erscheint eine Lanner-Biographie, die lange die einzige bleiben wird.

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Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (30): „Lauter gute Freunde“

Hörspiel nach Margaret Millar, NDR 1993, 60 min.

Zwei Tage später fand ein Junge aus Mildford, als er auf seinem Heimweg unten am See entlangging, eine karierte Mütze. Die Polizei entdeckte oben auf der Straße Reigenspuren, die über den Straßenrand hinausführten. Taucher holten Rons Thunderbird aus einer Tiefe von etwa sieben Metern aus dem Wasser. Der Wagen war kaum zerstört, Fenster und Windschutzscheibe nicht zerbrochen. Und Ron saß noch drinnen, mit dem Sicherheitsgurt fest an den Fahrersitz geschnallt.

Als ihr Ron Galloway etwas Zeit mit seinen alten Schulfreunden Harry, Bill und Ralph in seiner Hütte am Euron -See verbringen will, protestiert seine Frau Esther gegen das „Männerwochenende“. Ron fährt trotzdem – und ist verschwunden. Ein rätselhafter Brief an Esther lässt auf Selbstmord schließen. Wenige Tage später findet man ihn tot in seinem Auto. Der Anlass scheint zu sein, dass Harrys Frau Janice ihm vor der Abfahrt in die Berge verkündet hat, sie sei von ihm schwanger. Eine Familientragödie bahnt sich an. Esther lässt den illegitimen Sprössling großzügig am Erbe des reichen Ron teilhaben. Doch Janice und Harry, die im Freundeskreis immer als glückliches Paar galten, streiten und trennen sich.
Erst Jahre später kommt Ralph, der Erzähler, dahinter, dass die Geschichte sich wohl doch anders abgespielt haben muss …

Valerie Stiegele gelingt es recht gut, die Erzählung „Der Süßholzraspler“ von Margaret Millar im knapp einstündigen Hörspiel-Schema unterzubringen, indem sie einige Passagen der ereignisreichen Geschichte in Briefe oder knappe Zusammenfassungen im Dialog auslagert. Die Dialoge sind springlebendig, das Timing ist famos. Erst im Finale geht alles ein wenig zu flott, um die aufgedeckten Verwicklungen zu akzeptieren. Doch zu diesem Zeitpunkt hat man sich mit dem prominenten und meisterlich arbeitenden Ensemble (Matthias Fuchs, Judy Winter, Christian Brückner, Hildegard Schmahl) unter der Regie von Walter Adler schon großartig amüsiert.

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Kultfiguren: Louis de Funès


Über die Kultfigur Louis de Funès, dessen Filme aus der Glanzzeit von Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre sich im Rückblick wie ein einziger durchgehender Film ausnehmen, spreche ich im heutigen Podcast mit dem Podcaster, Drehbuch- und Comedyautor Gerry Streberg.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/kultfiguren-louis-de-funes

Und der hat mir auch verraten, wer heute noch an großen Komiker erinnert.
Zwei Filme nehmen wir genauer unter die Lupe:

Louis de Funès war der beliebteste Filmstar der Cassettenkinder-Generation, auch „Generation Fernsehkult“ oder schlicht „Baby Boomer“ genannt. Die Erwachsenen liebten ihn damals ohnehin, den kleinen zappeligen Despoten, der in einer Minute 40 Grimassen schneiden konnte.

„Fufu“, wie seine Landsleute ihn nannten, kam im Juli 1914 als Spross einer spanischen Adelsfamilie unweit von Paris zur Welt. Er arbeitete in vielen bürgerlichen und künstlerischen Berufen – u.a. als Zeichner und Barpianist – ehe er zu einer freien Theatergruppe stieß. Erst mit 27 begann er, Schauspielunterricht zu nehmen. Die ersten 80 Filme, in denen er auftrat, sind hierzulande bis heute unerschlossen. In den 50er Jahren begann de Funès, neben Stars wie Jean Gabin, Fernandel, Bourvil und Jean Marais markante Nebenrollen zu spielen.
Der Erfolg kam spät, aber gewaltig.
1964 wurde aus dem inzwischen kahlen Komiker, der soeben als „Balduin, der Gedschrankknacker“ in einer Hauptrolle funktioniert hatte, ein Star. Und das sollte er bleiben, 20 Jahre lang, bis zuletzt. Innerhalb weniger Monate glänzte de Funès in „Le Corniaud“ / „Scharfe Sachen für Monsieur“ an der Seite des Komikers Bourvil, in „Fantomas“ als beinahe gleichrangiger Star neben dem Haudegen Jean Marais und in „Der Gendarm von St. Tropez“, mit dem er eine langlebige Filmreihe begründete. Danach war der größte Publikumsliebling Frankreichs und erschien immer zuerst auf dem Plakat, wenn er auch klug genug war, ein fähiges Stamm-Ensemble um sich herum zu kultivieren, dem er keine Pointe missgönnte.
Obwohl tiefreligiös und nicht ohne Nationalstolz machte er sich auch über Religion und Patriotismus regelmäßig lustig – am meisten aber immer über sich selbst.
Ähnlich wie bei den Filmen seiner US-Kollegen Jerry Lewis und Laurel & Hardy – und schlimmer noch als dort – wurden die ohnehin knalligen deutschen Titel seiner Filme immer wieder verändert, um sie mehrfach auswerten und in Sommer- und Kinderkino-Programmen zusammenstellen zu können. Das sollte außerdem dabei helfen, den Publikumsliebling in der Hauptrolle sofort erkenntlich zu machen.
In diesen Überschriften hatte Louis de Funès drei Vornamen, unabhängig vom Rollennamen: Louis, Balduin – seit seinem frühen Erfolg als „Balduin der Geldschrankknacker“ – und „Oscar“ – seit seinem 1967 verfilmten frühen Theaterhit gleichen Namens, bei uns „Oscar der Korinthenkacker“, in dem er seinen Leinwandcharakter als cholerischer Tyrann in Familie und Büro ausformen konnte.
Dass ein so unangenehmer Charakter über Jahrzehnte so beliebt war, lag nicht nur am Charme und Comedy-Handwerk seines Darstellers, sondern auch an den von ihm mitgeschriebenen Geschichten: der Held ist stets gefährdet, Opfer seiner eigenen Methoden zu werden.

Näher betrachtet werden diese beiden Filme:

Le grand restaurant – Französisch-italienische Komödie von 1966. Deutsche Titel: Oscar hat die Hosen voll, Scharfe Kurven für Madame, Louis der Spaghettikoch u.a.

Monsieur Septime führt in seinem Pariser Nobelrestaurant ein strenges Regiment. Er schmäht seine Angestellten, züchtigt sie in einem Probenraum und besucht verkleidet sein eigenes Lokal, um herauszufinden, ob über ihn getratscht wird. Als ein südamerikanischer Staatschef ein Bankett bei ihm bestellt, ist Septime begeistert. Doch als das Licht gelöscht wird, um die berühmte Pyramide Septime zu flambieren, verschwindet der Ehrengast. Der Kommissar, der den Entführungsfall aufklären soll, verpflichtet den Patron, das Lösegeld zu übergeben …

Dieser Film zerfällt in zwei Teile: eine Sketchparade zum ergiebigen Thema Gastronomie im ersten Drittel, dann eine Agentenstory, die als Beitrag zu den Mitte der 60er Jahre allgegenwärtigen James-Bond-Parodien zu lesen ist. Die DEFA hat später von diesem Film eine Synchronfassung erstellt, die laut „TV Spielfilm“ „den französischen Wortwitz sehr viel pointierter umsetzt und darum die westdeutsche Version bei weitem übertrifft“. In der DDR hieß der Film übrigens schlicht „Das große Restaurant“.

Hibernatus (sinngemäß: „Der Winterschläfer“) – Französisch-italienische Komödie von 1969. Deutsche Titel: Louis taut auf, Onkel Paul die große Pflaume, Louis der Giftzwerg, Die Giftnudel, Der Familienschreck u.a.

Der Unternehmer Paul de Tartas freut sich auf die Verheiratung seines Sohnes mit der Tochter eines reichen Geschäftsfreundes, als eine Sondermeldung Aufsehen erregt: nachdem er 65 Jahre im Ewigen Eis verschollen war, ist ein Polarforscher wieder aufgetaut worden und lebt. Wie sich zeigt, handelt es sich dabei um den Großvater von Madame de Tartas. Der noch immer jugendliche Abenteurer soll nach Hause zurückkehren. Um ihm einen Schock zu ersparen, muss die frisch modernisierte Villa in den Zustand der Belle Époque zurückdekoriert werden, Edmé de Tartas wird wieder zu Mama Fournier, und für Familienoberhaupt Paul ist kein Platz mehr. Er lässt sich zähneknirschend darauf ein, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihm der Kragen platzt …

Diesmal bekommt Louis, der Familientyrann, besonders starken Gegendruck: von seiner Film-Ehefrau Nr. 1 Claude Gensac, die eigentlich die Reiche in der Familie ist, von seinem leiblichen Sohn Olivier, der einmal mehr mit ihm vor der Kamera steht, von einem totgeglaubten Verwandten aus dem 19. Jahrhundert, außerdem von Staat und Wissenschaft. Das alles gipfelt in einem furiosen Zappelmonolog, der dem aus „Oscar“ nicht nachsteht, und einer besonderen Pointe.  
In etwas über einer Stunde steht die Handlung niemals still. Sie wechselt zwischen kluger Motivation und haarsträubenden Zufällen, wie es einer Komödie gut bekommt, und gibt de Funès herrliche Stichworte für seine schönsten Posen. Und dem übrigen Ensemble auch.

Nächste Woche: der Kultfilm-Azubis Masters Of The Universe und der Geheimtipp Ein Mann geht durch die Wand

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Der dankbare Glückspilz

Zum Tode von Mario Adorf

Das letzte Interview, das mir von Mario Adorf bekannt ist, gab er knapp 100jährig in St. Tropez. Und zwar einer TV-Zeitschrift, was der Sache zusätzliche flockig-terminfreie Leichtigkeit verlieh. Das passt zu diesem Glückspilz, zu einem Bundesbürger, der immer noch ein Bein im herrlichen Italien zu stehen hatte, dem großen Sehnsuchtsland der übrigen Bundesbürger. Er musste nicht einmal wirklich große Kunst herstellen – wenn es da auch viele illustre Projekte gegeben hat -, um vom Publikum im Abonnement geliebt zu werden. Keines von diesen Werken hat mich nachhaltig erreicht (Ausnahme weiter unten) oder sonderlich interessiert. Warum spreche ich trotzdem darüber? Mario Adorf vermittelte mir immer das Gefühl, sich der Sonne auf seiner Seite bewusst zu sein. In seine Lebensfreude mischte sich immer ein demütiger Schuss Bescheidenheit.

Vor etwa zehn Jahren Jahren war Adorf in der TV-Doku „Du sollst nicht langweilen – Billy Wilder“ als Zeitzeuge zu sehen. Völlig zu recht stehen bei der Betrachtung des Lebenswerkes dieses Regisseurs stets das Genie, die Erfolge und Leistungen im Vordergrund. Adorf war schon aus Gründen seiner Lebensdaten eher jemand, der den Meister in seiner Abenddämmerung antraf. Was der Schauspieler zu erzählen hat, ist bestrickend und fulminant, steht in keinem der zahlreichen Bücher über Wilder und verknüpft sich mit dem auf hochinteressante Weise missglückten, überaus sehenswerten Drama „Fedora“. Das ist ein Spätwerk wie es im Buche steht. Mario Adorfs Auftritt darin ist witzig und atmet die mediterrane Folklore, die auch seine Fans an ihm geschätzt haben. Besonders lustig ist er, als er die „Air-Condition“ einschaltet.

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Jo-Jo-Effekt im Tierreich

betr.: 100. Jahrestag der Uraufführung des Films „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“ nach dem gleichnamigen Buch von Waldemar Bonsels im Berliner Capitol-Theater

Als „Die Biene Maja“ ihren Jungfernflug über den Bildschirm und in unsere Kinderzimmer machte, hatte ich zum ersten Mal das erhabene Gefühl, „das Buch zum Film“ schon gelesen zu haben. Aber stimmte das überhaupt? Was ich gelesen hatte, war eine als Sammelbildchen-Klebealbum daherkommende Adaption, von der ich heute annehme, sie müsste zusammengestrichen worden sein – so wurde das mit fast allen sogenannten „Jugendbuch-Klassikern“ gemacht, wie ich nach und nach erfuhr.
Schon der Blick aufs Titelbild meiner Ausgabe verrät: die Heldin war ursprünglich nicht so mollig wie in der Zeichentrick-Version der 70er, hat aber im Zuge ihrer 3D-Neuauflage ihre Wespentaille zurückerhalten. Zu solchen Bodyshaming-Aspekten fiel dem Autor vor hundert Jahren freilich noch nichts ein. Heute werden sogar frei erfundene Insekten in unseren Geschlechterdiskurs hineingezogen.
Apropos Taille: im Buch wie auch in der alten Serie kommen Wespen gar nicht vor, es ist ausschließlich von Hornissen die Rede.

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Neues vom Kindermund

betr.: Sprachstörung

So ärgerlich die Verspätungen bei der Bahn sind, es gibt etwas, was in der Regel noch abscheulicher ist: verspätete (oder ausfallende) Flüge. Doch darüber wird längst nicht so viel gejammert. Kein Wunder: es handelt sich dabei ja auch um ein „Delay“ und nicht um eine schnöde Verspätung. Das klingt sexy und verletzt nicht.
Überhaupt klingt auf Englisch alles viel netter bzw. hinnehmbarer.
Auch deshalb besteht ein Großteil der Jugendsprache aus Anglizismen. Die doofsten und sinnlosesten davon bleiben im Sprachgebrauch der Erwachsenen hängen, während die Kiddies schon wieder an den nächsten Sprachverrenkungen arbeiten.

Jetzt (für mich) neu: „Alpine divorce“ ist der amtliche Begriff, wenn Männer ihre Frauen in der Wildnis zurücklassen. Die „Alpine Scheidung“ muss ein gefühltes Massenphänomen sein, sonst würde sich niemand die Mühe gemacht haben, sich ein derart putziges Wort für eine so bösartige alltags- und lebensfremde Verhaltensweise zurechtzuübersetzen. Auch der Hashtag #alpinedivorce legt das nahe.
Ursprung dieser Formulierung sei die gleichnamige Kurzgeschichte von Robert Barr aus dem Jahr 1893. Darin stößt ein Mann seine Ehefrau in eine Schlucht, um seinen Junggesellenstatus wieder herzustellen.
Auch darin blitzt bereits die hämische Unterstellung auf, das Fliegen sei dem Bahnfahren vorzuziehen. In diesem Falle dem Berg-und-Talbahn-Fahren …

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Übung / Sprechen am Mikrofon

Die erste Barriere, so schien es Dr. Bauer, bestand stets aus Spannung, und zwar nicht aus der fast neutralen Spannung, die in Europa von Krieg oder Armut hervorgerufen wurde, sondern aus der amerikanischen Verkrampfung, die bei allen Menschen verschieden aussah und die jeder noch besonders festzuhalten schien, sobald er zum Psychoanalytiker kam, der sie beruhigen und auflösen sollte.

Patricia Highsmith: „Mrs. Afton kommt zum Arzt“ („Mrs. Afton, among thy green braes“ aus „The Snail-Watcher and Other Stories„, 1970)

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Wohlstand jenseits der kapitalistischen Logik

betr.: 5. Todestag von Marshall Sahlins

Selbst Ulrike Herrmann, Wirtschaftsredakteurin der als linkslastig wahrgenommenen „taz“, gesteht in einem Buchtitel: „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“. Der entfesselte Raubtierkapitalismus der Jahrtausendwende ist es zwar auch nicht, aber in dieser Debatte fehlt es seit jeher an ausgewogenen Standpunkten. Wir erinnern uns: etwas Besseres als der a priori undemokratische Kommunismus (oder sich abgemildert gebärdende Varianten, die ebenso undemokratisch sind) sind in der Weltgeschichte als Alternativen zum Kapitalismus bisher nicht ausprobiert bzw. von einem Wahlvolk zugelassen worden, das überhaupt noch gefragt wurde. Insofern sehe ich der Lektüre dieses Essays mit großer persönlicher Neugierde entgegen.

Marshall Sahlins gehört neben Claude Lévi-Strauss und Marcel Mauss zu den maßgebenden Anthropologen des 20. Jahrhunderts. In seinem 1972 erschienenen Essay „Die ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft“, der inzwischen auf Deutsch vorliegt*, unternimmt er eine grundlegende Revision des westlich-ethnozentrischen Blicks auf Jäger- und Sammlergesellschaften. Ausgangspunkt seiner Kritik ist die Beobachtung, dass diese Gesellschaften meist aus der Perspektive moderner Industrie- und Agrargesellschaften beurteilt wurden – häufig zu einem Zeitpunkt, als sie bereits durch Kolonialismus, Vertreibung und die Einengung auf marginale Lebensräume tiefgreifend verändert waren.
Sahlins argumentiert, dass Jager und Sammlergesellschaften keineswegs in permanenter Not lebten. Im Gegenteil: Sie verfügten über ausreichend Nahrung. Und da sie nicht an der Anhäufung von Gütern interessiert waren, also wenig materielle Bedürfnisse hatten, mussten sie nur wenige Stunden pro Woche arbeiten und es blieb ihnen viel Zeit für Muße.

Besonders provokant war Sahlins‘ Infragestellung der neolithischen Revolution, die in der Anthropologie lange als zivilisatorischer „großer Sprung nach vorn“ gefeiert wurde. Er zeigt, dass der Übergang zu Ackerbau und Sesshaftigkeit vielfach mit härterer Arbeit, geringerer Lebensqualität, Hungersnöten und dem Beginn struktureller Ungleichheit einherging.
Der Essay wurde weit über Fachkreise hinaus rezipiert und als fundamentale Kritik am ökonomischen Rationalismus und an der Selbstgewissheit westlicher Gesellschaften gelesen. Zugleich wurde er häufig missverstanden, insbesondere als sozialromantische Verklärung vormoderner Lebensweisen. Von paradiesisch kann bei starker sozialer Kontrolle, geringer Lebenserwartung und hoher Kindersterblichkeit in Jäger- und Sammlergesellschaften kaum die Rede sein. Marschall Sahlins ging es um die Frage, wie Wohlstand abseits kapitalistischer Maßstäbe verstanden werden kann.
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* Marshall Sahlins, „Die ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft“, übersetzt von Heide Lotusch, Matthes & Seitz Berlin, 2024

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