Vorspiele auf dem Theater (3)

Werkanfänge mit Musik-, Theater- oder Medienbezug

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„It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“ (5)

Fortsetzung vom 21. April 2023

(siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/01/24/noel-coward/)

Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.

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Möbel und Klamotten – Die wohlige Ortlosigkeit bei „Mit Schirm, Charme und Melone“

Fortsetzung vom 3. Dezember 2016

Die Ortlosigkeit einer erfundenen Geschichte ist besonders effektvoll, wenn uns eine Lokalisierung vorgetäuscht wird, die in Wahrheit gar nicht stattfindet. Die Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“, deren stilbildende Episoden (die mit der Heldin Emma Peel) gerade im linearen Fernsehen wiederholt werden, macht dies auf exemplarische und sehr raffinierte Art. Einerseits ist die Vorgabe hochpräzise: das London der Gegenwart (der Swinging Sixties). Andererseits ergeben Zeit und Ort in dieser Kombination eines der markantesten Lebensgefühle des 20. Jahrhunderts und damit ein aus heutiger Sicht restlos erfunden wirkendes Setting, ein Großbritannien, das damals tatsächlich zumindest teilweise real war: eine beneidenswert heitere Welt des Aufbruchs, der Kreativität, des allgemeinen Wohlstands und der selbstironischen Einhegung nationaler Eigenheiten („Spleens“) und Heiligtümer. Ein Land, das sich mit Riesenschritten Richtung Zukunft bewegt – während sich sein heutiges reales Gegenstück mit dem Brexit und einer haarsträubend unseriösen politischen Klasse selbst die Kehle zudrückt.

Obwohl John Steed und Emma Peel (ein Duo mit dem verwechslungsträchtigen Originalnamen „The Avengers“) in London leben, sehen wir keine Londoner Außenaufnahmen – allenfalls Postkartenmotive des Themseufers oder unverfängliche Landschaftsbilder, die mit sexy Fahrzeugen durchreist werden, um zu den eigentlichen Schauplätzen vorzudringen. Diese Schauplätze wiederum sind topologische Atelierwelten: gruselige Gemäuer, futuristische Laboratorien oder schräge Arbeitsplätze (z.B. ein kitschig dekoriertes Eheanbahnungsinstitut, in dem heimlich Morde organisiert werden, oder eine angebliche Brennerei, in der in Wahrheit das Wetter manipuliert wird.)  

Als die Serie vor knapp 30 Jahren wieder einmal im Deutschen Fernsehen für gute Quoten sorgte, fand „TV Spielfilm“ diese griffige Formel (oben links) für das Faszinosum „Mit Schirm, Charme und Melone“.

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Lesen vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Übung / Sprechen am Mikrofon

Fortsetzung vom 20. März 2023

Um das Anliegen zu unterstützen, den Vortrag langer Sätze zu trainieren, werden in dieser Rubrik Beispiele gereicht, die unverdächtig sind, den Satz nur aus Gründen der Effekthascherei auf seine Länge gebracht zu haben. Es geht um die Musik der Sprache!
Bei einem Autor wie Thomas Pynchon (22 Jahre alt, als er die untenstehenden Zeilen verfasste) könnte man durchaus auf die Idee kommen, er bringe seine Gedanken gerne in möglichst monströsen Konstrukten unter, auch wenn ihnen (und dem Leser / Hörer) etwas mehr Luft zum atmen guttäte. Urteilen Sie selbst!

Und fast jedes Mal, besonders wenn er von der vorangegangenen Nacht einen Kater nachschleppte oder wenn eine Frau, die jüngeren Diplomatenkollegen zufolge eine sichere Sache war, sich plötzlich als so viel mehr als sicher herausstellte, so dass das Ganze schlussendlich nicht einmal die paar Drinks wert gewesen war, pflegte er seinen Kopf zu schütteln wie ein Betrunkener, der nicht mehr doppelt sehen möchte, da er sich plötzlich des Gewichts der Aktentasche und der Bedeutungslosigkeit ihres Inhalts bewusst geworden war und der Dummheit dessen, was er hier tat, weit weg von Rachel, auf einem finsteren, aber klar bezeichneten Weg durch einen Dschungel von Pfändungen und Beeidungen und juristischen Aussagen; er fragte sich, warum er sich in den ersten Tagen beim Untersuchungsausschuss überhaupt je als eine Art Wunderheiler hatte betrachten müssen, wenn er ja doch immer gewusst hatte, dass einen Wunderheiler – eigentlich für einen Propheten, denn wenn man das Ganze überhaupt ernst nahm, musste man beides sein – Abrechnungstabellen oder juristische Verwicklungen nicht kümmerten, und dass man in dem Moment, wo man sich auf so etwas einließ, etwas Geringeres wurde – ein Arzt oder ein Wahrsager.

Der nächste Satz ist etwas schlanker:

Als er dreizehn gewesen war, etwas weniger als einen Monat nach seiner Bar Mizwa, war seine Kusine Miriam an Krebs gestorben, und vielleicht hatte damals – als er auf einer Orangenkiste in einem verdunkelten Raum weit über dem Grand Concourse Schiwa saß und hager und, obschon erst dreizehn, ein wenig wie ein John-Buchan-Held aussah und starr auf den symbolischen Rasierklingenschnitt auf halber Höhe seiner schwarzen Krawatte starrte – diese Einsicht allmählich zu wachsen begonnen, weil er sich noch immer an Miriams Mann erinnerte, wie er Zeit, den Arzt, und das für die Operation hinausgeworfene Geld sowie die ganze American Medical Association verfluchte und enthemmt und schamlos in seinem düsteren heißen Zimmer hinter den heruntergelassenen Jalousien weinte, und das hatte Siegel als Jungen so verstört, dass er, als sein Bruder Mike fürs erste Medizinsemester nach Yale gegangen war, Angst hatte, etwas werde schieflaufen und Mike, den er liebte, werde schließlich, genau wie Zeit, bloß ein Arzt werden und eines Tages ebenfalls von einem desillusionierten Ehemann in zerrissenen Kleidern in einem dämmrig-zwielichtigen Schlafzimmer verflucht werden.

Thomas Pynchon: „Sterblichkeit und Erbarmen in Wien“

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Gottes Brot und Teufels Aufstrich (70)

Eine Graphic Novel von Monty Arnold
mit Zeichnungen von Stefan Sombetzki

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Der Song des Tages: „Try To Remember“

Zum Tode von Harry Belafonte

Vor einiger Zeit – es mag im Zusammenhang mit den Aktionen der „Letzten Generation“ gewesen sein – erzählte mir ein befreundeter Journalist, das Wort „Aktivist“ sei im Begriff, zum Unwort herabzusinken, und man überlege sich seine Anwendung sehr gut, wenn man dem Bezeichneten nicht zu nahe treten wolle (… als ob wir an Vokabeln der künstlichen Aufregung noch irgendeinen Mangel hätten). Harry Belafonte, einer der unstrittigen Hochverehrten unseres Planeten, wird in der Vermeldung seines Todes als „Musiker, Schauspieler und Aktivist“ bezeichnet, was ich als untrügliches Zeichen dafür werte, dass man von der unsinnigen Ächtung des Begriffs Abstand genommen hat.

Schauspieler wollte er eigentlich werden, und in einem seiner ersten großen Auftritte ist er in den Musiknummern tatsächlich synchronisiert worden, in Otto Premingers Opernfilm „Carmen Jones“. Harry Belafonte hat häufiger erzählt, er habe zunächst gar nicht gewusst, dass er singen könne. Das ist sicher keine Koketterie. Gemeinsam mit einigen Parodisten habe ich mich in meiner Jugend sehr darüber amüsiert, wie kratzig seine Sprechstimme klingt und wie unerwartet es jedesmal ist, wenn er auf einmal in den glockenhellen Gesang wechselt.

Ich erinnere mich noch gut, wann ich Harry Belafonte zum ersten Mal nachhaltig wahrgenommen habe (was mir mit seiner Musik schon zuvor passiert war). Es war die Zeit, als verstorbene Weltstars im Fernsehen noch mit Programmänderungen zur besten Sendezeit gewürdigt wurden.
Harry Belafonte trat bei Rudi Carrell in „Am laufenden Band“ auf, spielte in einem selbstironischen Sketch mit und sang dann seinen neuesten Titel „Try To Remember“. Dieser kleine Walzer aus dem hierzulande damals wie heute unbekannten Musical „The Fantasticks“ wurde durch Belafontes Stimme und durch eine von ihm vorgenommene rhythmische Verschiebung so unverwechselbar, dass jede vorherige und nachmalige Interpretation dagegen abstinken musste. Von nun an war es wirklich ein großartiger Song!

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Interpunktionsvorschlag

betr.: Schreib- und Mikrofonarbeit

Die vielfältigen Wirkungen und Bedeutungen des Fragezeichens haben wir uns an dieser Stelle schon angesehen.*
Trotz der enormen Variablität dieses Satzzeichens gibt es Fälle, in denen man als Verfasser zwischen ihm und dem positiven Gegenstück schwankt. Bei der Schilderung von Zweifel, Vorahnung, allmählichem Geistesblitz, unerklärlicher Irritation oder sich plötzlich enthüllendem Wahnsinn (solche Situationen ereignen sich häufiger als man denkt) setzt man manchmal mit einem etwas unguten Gefühl ein Fragezeichen, überlegt es sich anders, setzt dann lieber drei Pünktchen – und auch das fühlt sich nicht völlig richtig an.

Die Sprache – oder besser die Interpunktion – des Comics ist hier weiter. Sie kennt seit jeher noch eine weitere Möglichkeit: die Kombination von Fragezeichen und Ausruf, also „!?“ oder „?!?“ oder „!?!“ (Man beachte den feinen Unterschied!)

Manche Klassiker schreiben es sogar in die Luft: „Tim und Struppi“ von Hergé, „Pauli“ von Branko Karabajic. (Abbildungen: Carlsen / Rolf Kauka)

Im allgemein üblichen Schriftbild ist dieses wie ich finde auf Anhieb einleuchtende Modell nicht üblich, weder in Druckform noch in Manuskripten oder Dialogbüchern noch in Untertiteln. Ich glaube, auch ich selbst habe es noch nie gewagt, diesen wundervollen Akkord anzustimmen – wie ich gerade  beim Verfassen dieser Zeilen schamvoll feststelle.
Einer muss damit anfangen!
Der gute Vorsatz ist hiermit gefasst!

„Man wird mir nicht glauben, dass ich verrückt bin! … außer wenn ich einen dritten Mord begehe! Einen Mord, der ganz  sinnlos ist?!?“ – Besser als drei Fragezeichen: Finale aus einem Hitchcock-Film.

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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2017/09/16/ixen-fuer-anfaenger-vom-umgang-mit-dem-fragezeichen/

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Vorspiele auf dem Theater (2)

betr.: Werkanfänge mit Musik-, Theater- oder Medienbezug / 459. Geburtstag von William Shakespeare

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Schöner fluchen mit Nabokov

betr.: 124. Geburtstag von Vladimir Nabokov

Vladimir Nabokov – Schmetterlingsliebhaber, Bereicherer des allgemeinen Wortschatzes und Verfertiger rekordverdächtig langer Sätze (der ST. HEORGE HERALD berichtete) – hat mir gerade wieder Formulierungshilfe geleistet. Ich spreche ja gerne von der „Schraube der Verblödung“, die sich – wenn wir den Gelehrten und anderen Spielverderbern glauben dürfen – schon seit der Antike unablässig dreht – mit erhöhter Geschwindigkeit seit Anfang der 80er Jahre und besonders anschaulich im kulturellen Mainstream.
Vladimir Nabokov, von dem ich mir immer gern helfen lasse, hat sich „immer über die selbstgefällige Überzeugung geärgert, dass ein kleines bisschen Bewusstseinsstrom, ein paar gesunde Obszönitäten und eine Prise Kommunismus in irgendeinem alten Spüleimer auf alchimistische Weise und ganz von allein ultramoderne Literatur ergäben“.
Den Spüleimer werde ich mir aufheben!

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„It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“ (4)

Fortsetzung vom 12. April 2023

(siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/01/24/noel-coward/)

Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.

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