Tierhaargespräche

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Was ist Lifeness?

„Lifeness“ bezeichnet im heutigen Sprachgebrauch etwa die einvernehmliche Illusion, eine Performance emotional mitzuerleben, obwohl wir wissen, dass wir nicht dabei waren – vergleichbar mit der Bereitschaft, sich von einem Kunstwerk fesseln zu lassen, dass wir lediglich lesen / hören / anschauen. Der Medien- und Kulturwissenschaftler Philip Auslander fasste diesen Life-on-Tape-Effekt, der mit Telefon und Radio begann und in der Ära der Podcasts eine neue Blütezeit erlebt, in einem Vortrag so zusammen: „Bei Live-Aufnahmen teilt das Publikum weder den zeitlichen Abschnitt noch den physischen Ort mit dem Performer. Es erlebt die Performance später und in der Regel an einem anderen Ort denn jenem, an sie stattfindet. Das Lifeness-Erlebnis, das aus dem Hören oder Sehen der Aufnahme resultiert, ist in erster Linie eine Frage des Affekts. Life-Aufnahmen ermöglichen dem Zuhörer eine sinnliche Teilnahme an einer spezifischen Darbietung. Der Begriff ‚Lifeness‘ ist in bezug auf eine aufkommende Technologie artikuliert worden.  Und dieser Prozess setzt sich entsprechend dem technologischen Fortschritt fort. Online-Lifeness bedeutet die Co-Präsenz über Radio-Maßstäbe hinaus, von kleinen Gruppen in Chatrooms bis zu einem riesigen internationalen Publikum, um sich Nachrichten auf größeren Websites mitzuteilen. Mittlerweile ist das Wort ‚Lifeness‘ auch eine Bezeichnung für eine Verbindung und Interaktion mit nicht-menschlichen Akteuren geworden. Feedback ist in einem breiteren Sinne die Fähigkeit der Maschine, Zeichen zu geben oder Input sofort zu beantworten. Eine Maschine, die mit dem Internet-User interagiert, kann – wenn auch auf dieser minimalen Ebene – ein Gefühl von Lifeness hervorbringen wie auch einer subjektiven Begegnung mit einer Persönlichkeit.“

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Der Song des Tages: „London Is London“

betr.: Krönung von König Charles III.

Im 1969er Musical-Remake der Literaturverfilmung „Goodbye, Mr. Chips“ darf Peter O’Toole unserem Bild des steifen aber liebenswerten britischen Gentleman Zunder geben. Überraschenderweise verliebt sich der Held in ein Mädchen vom Theater, schlimmer noch: vom Vaudeville. Das geschieht, als er sich Petula Clark in der Musik Hall anschaut. Sie singt „London Is London“, und diese schmissige und wirklich anrührende Liebeserklärung an die Stadt an der Themse wirkt nach und trägt die folgende Romanze, ohne im Soundtrack zitiert zu werden.


Die Camp-Exzesse, die sich während der Darbietung des Songs an Umbauten und Kostümwechseln auf der Bühne abspielen, wären in der Realität natürlich nicht zu leisten.
Entsprechend eingeschrumpft wirkt der Song, als er 20 Jahre später tatsächlich den Weg auf die Bühne findet: eingebettet ins Sherlock-Holmes-Musical von Leslie Bricusse, der (unterstützt von John Williams) den Soundtrack für „Goodbye, Mr. Chips“ geschrieben hat. „London Is London“ wirkt seither wie gerupft. Es ist schade um den schrägen Pomp der Originalfassung. Und um Petula Clark, auf die man diesmal verzichtet hat.

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From Development Hell

„Jeder Beruf ist eine Verschwörung gegen den Laien!“
George Bernard Shaw

Billy Wilders berühmter Ausspruch, man brauche drei Dinge, um einen guten Film zu drehen – nämlich ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch – spielt in Hollywood (und überall dort, wo kommerziell gefilmt wird) keine Rolle mehr. Alles ist in unseren Tagen wichtiger als Schlüssigkeit der Handlung, glaubwürdige Figuren, gute (d.h. lebensnah klingende) Dialoge. Wenn sich ein toller optischer Effekt anbietet – und es gibt so viele wie nie zuvor -, dann hat die Logik das Nachsehen. Humor funktioniert auf diese Weise schon gar nicht. Und was bei Vorliegen der „ersten Fassung“ noch an Substanz übrig ist, wird zerredet: von all den handwerksfremden Kräften, die sich außerdem einmischen dürfen: von Fan-Foren und Interessengruppen eingeschüchterte Produzenten, Mit-Produzenten, weitere Geldgeber, Sensitivity-Reader, Marketingleute und andere Gremien-Individuen („Gremlins“ wie sie mal von einem verärgerten deutschen Moderator genannt wurden). Doch nicht jeder, der in der Lage ist, sich vor eine Leinwand zu setzen, kann deswegen ein Drehbuch schreiben oder verbessern.

Man stelle sich vor, irgendein bürgerlicher Beruf (Handwerk, Chirurgie, die sprichwörtliche Kochkunst …) würde von einer solcher Mange ungelernter Kräfte ausgeübt, die alle unterschiedlicher Meinung sind.
Das einzige, was noch darauf verweist, die Branche könnte sich dieser Problematik bewusst sein, ist die Bezeichnung, die sich im Fachjargon für die mehrjährige nervenaufreibende Phase erhalten hat, in der das Drehbuch immer wieder umgefriemelt wird, in der Regisseure abspringen (nachdem sie tüchtig mitgefriemelt haben), Geldgeber das Interesse verlieren und Schauspieler ausgetauscht werden: „Development Hell“, die Hölle der Entwicklungsphase.
Quentin Tarantino ist mittlerweile der einzige, der sich über diese Widrigkeiten weitgehend erhaben fühlen kann. Er selbst spricht sogar davon „der Letzte“ zu sein, „der einmal in Hollywood das Licht ausmachen wird“. Dass seine Filme auch nicht immer glücklich machen, liegt daran, dass auch er längst die Lust verloren hat und seine künstlerische Freiheit gewissermaßen eine Brache ist. (Tarantino: „Ich hab’s hinter mir. … Irgendwann hat man alle Gipfel erstürmt.“*)

Billy Wider würde heute wahnsinnig werden – als Pensionär, nur vom Anschauen der Ergebnisse. Der alte Studio-Vertragsregisseur Jack Arnold, dessen ihn selbst keineswegs befriedigende Karriere mit dem Ende des Studiosystems unterging, hat die Umstände sicher auch aus solchen Gründen verteidigt. Er gestand den alten Filmmoguln zu, dass sie etwas vom Filmemachen verstanden, „obwohl sie keine angenehmen Menschen“ gewesen seien. Natürlich redeten auch sie in manche Produktionen rein, wenn sie es für nötig hielten (besonders in die kostspieligen), aber in der Regel schmierten sie nicht eigenhändig in den Büchern herum. Sie ließen die Autoren ihre Einwände umsetzen, zuweilen durfte auch der Regisseur noch Hand anlegen. Auf keinen Fall konnte das jeder tun, der gerade Lust dazu hatte oder sich einfach aufspielen wollte.

Jetzt, da diese Zeilen geschrieben werden, ist in Hollywood wieder ein Drehbuch-Autoren-Streik im Gange. Angeblich ist deren Bezahlung noch schlechter als die der deutschen Lokführer. Und selbst wenn sie einmal besser wird: der Qualität wird das nicht helfen. Man müsste diese Leute einfach mal ihre Arbeit machen lassen.
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* Interview im „Zeit-Magazin“ Nr 19, 4.5.2023.

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Lesen vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Übung / Sprechen am Mikrofon

Fortsetzung vom 27. April 2023

Um das Anliegen zu unterstützen, den Vortrag langer Sätze zu trainieren, werden in dieser Rubrik Beispiele gereicht, die unverdächtig sind, den Satz nur aus Gründen der Effekthascherei auf seine Länge gebracht zu haben. Es geht um die Musik der Sprache!
Diese zwei aufeinanderfolgenden Beispiele – eingebettet in ihr unmittelbares Textumfeld – stammen aus dem Roman „Indigo“ von Clemens J. Setz. Es sind weniger Schachtelsätze, als Abfolgen starker Bilder.

Schon als ich ein Kind war, war mein Mitleid mit Dingen und Tieren stärker gewesen als mit Menschen. Verlorene Schals weinten die ganze Nacht in der Dunkelheit, ein kaputter Regenschirm fühlte sich wie ein Rabe mit gebrochenen Flügeln und war untröstlich darüber, dass er nie wieder frischen Regen auf seiner gespannten Haut spüren würde, eine Biene, die an der Innenseite eines Fensters entlangschwirrte, sehnte sich nach der Luft und der Sonne und der Nähe ihres Volkes, und ein Baum, aus dessen Krone ein altes Frisbee geschüttelt wurde, war traurig über den Verlust seines Spielzeugs oder Schmucks. Zur selben Zeit liebte ich explodierende Häuser, Soldaten, die brennend aus Helikoptern fielen oder von Maschinengewehrsalven durchlöchert wurden, und ich hüpfte vor Freude vor dem Fernseher auf und ab, wenn einem Menschen in einem Kung-Fu-Film – egal, ob er es verdient hatte oder nicht – durch die akrobatischen Attacken seines Gegners das Genick gebrochen wurde und er röchelnd und nach Luft ringend auf der Erde lag, und der Sieger ging vor ihm ein letztes Mal majestätisch in Position und verbeugte sich vor ihm, als begrüßte er den Tod selbst, der unsichtbar die Szene betrat, seine Opfergabe abzuholen.

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Gottes Brot und Teufels Aufstrich (71)

Eine Graphic Novel von Monty Arnold
mit Zeichnungen von Stefan Sombetzki

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

betr.: 124. Jahrestag der Uraufführung von „Frau Luna“

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Bröckelnde Continuity

Gert Günther Hoffmann, der fleißigste und in meiner Jugend in allen linearen Medien allgegenwärtige „König der Synchronsprecher“ (zeitgenössischer interner Branchen-Titel), der auch Werbung, Hörfunk, Dokus etc. machte und hin und wieder schauspielerte, muss hier natürlich nicht vorgestellt werden. Dies ist nur eine kritische Würdigung.

„G. G.“ Hoffmann ist einer von denen, die es schafften, ihren Klang in Jahrzehnten kaum zu verändern (das ist Synchron häufiger anzutreffen), und doch baute er ganz zum Ende hin tragisch ab. Seine Gestaltung der Stamm-Rolle Captain Kirk in „Star Trek – Treffen der Generationen“ ist so verknödelt und vom Singsang seiner späten Marotte sinn-entstellt, dass William Shatner bei einem Promo-Auftritt in einer deutschen Late-Night-Show sogar Witzchen über seine verdiente deutsche Stimme machte (er wollte sie beim Lispeln erwischt haben).
Anschaulich wird der Rückbau dieses Synchron-Genies, von dem jahrzehntelang kein falscher Ton zu hören war und dessen zurückhaltender Charme verhinderte, dass man von ihm bei all der Dauerpräsenz je zuviel bekommen hätte, in häufig wiederholten Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“. Hoffmann synchronisierte Patrick Macnee alias John Steed unglaubliche 30 Jahre lang immer wieder (von 1966 bis 1996), so auch in den nicht chronologisch bearbeiteten Emma-Peel-Episoden. Da die Serie seit 2003 (als Hans-Werner Bussinger die einzige noch fehlende Steed-Peel-Episode gestaltete) stets vollständig und in der Originalreihenfolge wiederholt wird, lässt sich das beschriebene Phänomen nebenbei deutlich beobachten.

Der Grund für die beständige deutsche Besetzung ist nur allzu verständlich, wünscht sich doch der Zuseher, seine Helden mögen ihre Stimme nicht wechseln. Als Lutz Mackensy ein drittes und bisher letztes Mal gebeten wurde, seinen Part im Klassiker „Der Pate“ zu sprechen, fand er sich dafür etwas zu alt. Aber wenn der Kunde so etwas unbedingt wolle, sei er eben so freundlich.

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Vorspiele auf dem Theater (3)

Werkanfänge mit Musik-, Theater- oder Medienbezug

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„It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“ (5)

Fortsetzung vom 21. April 2023

(siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/01/24/noel-coward/)

Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.

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