Einsam auf dem Boulevard

betr.: die Komödie „Fisch sucht Fahrrad“ im Berliner Schlossparktheater

Der Slogan „Fisch sucht Fahrrad“ ist einer von einer Handvoll wiederkehrenden launig gemeinten Titeln für Singlebörsen wie sie überall veranstaltet werden. Sie geht auf einen Witz zurück, der aus der Frauenbewegung kommt: „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“. Dieser Satz war vor sehr langer Zeit kurzfristig lustig und ging dann rasch in den Sprachgebrauch über, wo er seinen Witz freilich einbüßte.
Die inzwischen zur Sottise herabgesunkene Redewendung zum Titel eines Theaterstücks zu machen, ist eine unglückliche Wahl – schon wegen ihrer Verwechselbarkeit. Und auch dann, wenn es um ein Boulevardstück geht, das von Personen handelt, die jung waren, als der Spruch einstmals lustig war. Der miefige Titel lässt sogleich das Schlimmste befürchten.
Leider erfüllt „The Dating Game“, das zugrundeliegende Werk des West End- und Broadway-Autors Peter Quilter (er portraitierte Florence Foster Jenkins in „Glorious!“ und Judy Garland in „End Of The Rainbow“) diese Erwartungen konsequent. Um die unoriginelle Erkenntnis, dass der Arsch irgendwann Falten wirft, wird brav herumgeblödelt, was in Lebensweisheiten von der Sorte „Willst Du Dir den Tag versauen, musst Du in den Spiegel schauen“ gipfelt.
Der Cast besteht aus zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspielern, von denen zwei in verschiedenen Rollen zu sehen sind – das Stück folgt nicht dem beliebten französischen Modell, in dem zwei (Ehe)Paare einander auseinandernehmen. Wir haben es hier – auch das ist klassisch – mit zwei Geschiedenen zu tun, die erwartungsgemäß wieder zueinanderfinden.
Janina Hartwig, Hardy Krüger, Caroline Beil und Dieter Landuris bringen jeweils einen eigenen Stil in den Abend ein. Diese Angebote werden von der Regie nicht zu einem Ensemblespiel zusammengeführt, wir sehen vier Solisten. Das hat für die an Einsamkeit leidenden Charaktere den Effekt, dass sie noch auf einer weiteren Ebene hilflos und missverstanden wirken.
Im zweiten Akt wagt sich ein Kontaktsuchender am weitesten in die dicke Charge vor: als Berufsclown, der die Heldin zwischen zwei Engagements in Kostüm und Maske datet. Das hat er extra so eingefädelt, um sein Gesicht nicht zeigen zu müssen. Ausgerechnet diese Szene, die vom Autor vermutlich als maximal abschreckendes Beispiel gedacht war, ist der einzig anrührende Moment des Abends. Der verkappte Kavalier mit dem gewohnt banalen Sprechtext wird durch Landuris‘ Spiel zum nettesten Kerl weit und breit. (Dummerweise trägt er sein Make-Up bereits auf dem Plakat, was die Überraschung seines kuriosen Auftritts hintertreibt.)

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Magneto eint das Publikum

betr.: 100. Geburtstag von Dietrich-Fischer Dieskau (morgen)

Ich als Nichtspezialist des Themas bin darauf angewiesen, die dieser Tage in Feuilleton und Kulturfunk vorgenommene Einordnung einfach mal zu glauben, Dietrich Fischer-Dieskau sei der Größte Interpret des deutschen Liedgesangs. Und sie nicht etwa darauf zurückzuführen, dass der verehrte Künstler morgen 100 Jahre alt geworden wäre.
In einem aus diesem Anlass wiederholten Ausschnitt aus einem Interview mit dem 85jährigen Künstler erfahre ich etwas, das mich wirklich beeindruckt.
Fischer-Dieskau habe bei seinen Auftritten danach gestrebt, aus einer Vielzahl von Zuhörenden ein einiges Auditorium zu machen. E war für ihn eine Frage des Magnetismus. „Das Publikum zu einer Person umzugestalten, im Laufe eines Abends also einen Hörer vor sich zu haben – und nicht 200 oder 2000 -, ist das Ziel. Und das lohnt sich!“

Schöner kann man meines Erachtens den Sinn des Singens auf einem Liederabend – oder ganz allgemein: den Dialog mit einem gleichzeitig anwesenden Publikum – nicht zusammenfassen.

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Großen Kollegen endlich getroffen

Mit Sven Plate in Hamburg

Mein Blind Date mit Sven Plate offenbarte gründliche Mentalitätsunterschiede: er findet Berlin freundlicher als Hamburg, steht gern und leicht früh auf, reist möglichst oft und weit weg und hatte 1978 seinen ersten Sprecherjob (als ich noch in einem unwegsamen Kaff daran zweifelte, den richtigen Planeten abgekriegt zu haben). Ungeachtet dessen: eine herrliche und sehr anregende Begegnung, die viel länger dauerte als geplant. Einer der erhaltenen Impulse ist: es ist nicht aussichtslos, sich in der Branche gegen den allzu mühelosen Siegeszug der KI aufzulehnen. Freilich: aufhalten lassen wird sie sich letztlich nicht. Wenn wir Glück haben, ist es so ähnlich wie in meinen persönlichen Lieblings-„Asterix“-Band „Die Trabantenstadt“. Am Ende lässt Miraculix die Bäume wieder wachsen. Und Asterix fragt ihn: „Miraculix, unser Druide, glaubst du wirklich, dass wir den Lauf der Dinge immer so aufhalten können, wie wir es getan haben?“ Und er antwortet: „Natürlich nicht Asterix. Aber wir haben ja noch Zeit, so viel Zeit!“
Ach ja …

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Ixen für Anfänger: Erste Sätze, spätere Sätze (5)

Fortsetzung vom 15. Mai 2025

Wenn „Joe Goopy sah es als erster.“ den Absatz abschließt, bezieht sich der Satz auf das zuvor Geschilderte: Joe Goopy hat sich vor allen anderen ins Freie gewagt und einen Blick auf das (vermutlich kosmische) Artefakt erhaschen können, dass auf dem Grundstück eine Bruchlandung vollzogen hat. Die Satzmelodie hat einen Punkt, der den Gedanken abschließt, ohne die Situation völlig auserzählt zu haben.
Folgt auf diesen jedoch der Satz „In dem Schutthaufen begann sich etwas zu regen …“, beziehen wir Goopys Entdeckung
darauf, richten sie also vorwärts statt rückwärts aus. Die Stimme hebt sich am Ende von „Joe Goopy sah es als erster.“ also leicht an wie zu einem Doppelpunkt.

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Bescheidenheit zwecklos

In seiner wöchentlichen Kolumne bricht Harald Martenstein eine Lanze für die Mittelmäßigkeit. Daran ist zunächst viel Wahres, Schönes, Gutes. Als Kritiker weiß er diese Einordnung schon deshalb zu schätzen, weil er erfahren musste, „wie erholsam ein mittelmäßiger Film oder ein mittelmäßiger Roman sein können, wenn man es vorher mit etlichen schlechten Exemplaren zu tun hatte. Es ist alles andere als selbstverständlich, mittelmäßig zu sein, manchen Menschen gelingt es in ihrem Berufsleben kein einziges Mal. Sie säen nicht, sie ernten nicht, und der Herr ernährt sie doch“.

Er findet sogar: „Das Mittelmäßige, dessen man sich bewusst ist, liegt viel näher beim Guten als beim Schlechten. Mittelmaß bedeutet, sein Handwerk im Großen und Ganzen zu beherrschen, etwas Brauchbares abzuliefern, die eigenen Grenzen zu kennen und mit dem, was man tut (…), keinen Schaden anzurichten.“ Und wie sähe so ein Schaden auf dem Gebiet der schönen Künste aus? „Schlimm sind natürlich mittelmäßige Künstler, die ihr Mittelmaß nicht durchschauen und überambitionierten Kunstscheiß abliefern, der darin besteht, einen schlichten, oft durchaus okayen Gedanken (die Welt ist schlecht, helft den Notleidenden, nieder mit dem Faschismus oder so was) kompliziert auszudrücken. Schlechte Kritiker loben das dann.“
Was hier lediglich fehlt, ist der Hinweis, dass sich das Mittelmaß auf einer qualitativen Skala nicht zuverlässig verorten lässt. Nicht einmal unter Menschen (Kritikern …), die sich geschmacklich einig sind. Irgendwo muss die Latte ja angelegt werden – und irgendwann, nämlich in der Gegenwart. Die Banalität unserer von Franchises und wiederkäuender KI verfinsterten Kultur- und Popkulturlandschaft (und ihrer extremen Ausweichreflexe) ließe ein mittelmäßiges Produkt aus dem vorigen Jahrhundert schon beinahe zwangsläufig in der eingangs beschriebenen Weise wohltuend wirken: als Pause von dem ganzen Mist, der schlimm ist, obwohl er nicht einmal den Plan hat, einen okayen Gedanken wiederzugeben.  

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Kultfilm-Azubis (1): Kinder und Kuscheltiere

Heute startet die zweite Staffel des Podcasts „Alle 42 Kultfilme“. Ab jetzt unterhalte ich mich mit Torben Sterner pro Ausgabe über zwei Filme: einen, der es nicht auf die Wuppertaler Liste aller 42 Kultfilme geschafft hat, aber nach Meinung vieler, die es nicht ganz so genau nehmen, einer hätte sein müssen, und über einen Geheimtipp, der absolut keine Chance auf Kultstatus hat, es aber nach Meinung der Redaktion verdient gehabt hätte. Beide Filme sind durch eine inhaltliche Gemeinsamkeit miteinander verbunden – und dennoch sehr unterschiedlich.
Eine romantische Fantasy-Komödie aus dem Jahre 1993 ist unser erster „Kultfilm-Azubi“.
Der dazu passende „Pyramid Frolic“ ist ebenfalls ein Film, der uns in eine abgelegene Gemeinde entführt, in der unerklärliche Dinge vor sich gehen.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/und-taeglich-gruesst-das-murmeltier-das-dorf-der-verdammten

Und täglich grüßt das Murmeltier / Groundhog Day
Amerikanische Komödie von 1993

Jedes Jahr reist der TV-Wetterfrosch Phil Connors (Bill Murray) aus Pittsburgh für eine Reportage in ein entlegenes Kaff namens Punxsutawney, wo traditionell ein Murmeltier den Beginn des Frühlings voraussagt. Er hasst dieses Ritual und nervt sein Team, zu dem auch die neue Aufnahmeleiterin Rita (Andie McDowell) gehört, mit seinem Zynismus.
Dass das Murmeltier seinen Vornamen trägt, macht die Sache nicht besser.
Phil, der Wettermann, möchte nach der kurzen Aufnahme sofort wieder abreisen, doch ein Schneesturm zwingt die Crew zur Übernachtung in Punxsutawney.
Auch am nächsten Tag kommt Phil nicht aus der Nummer raus. Der Murmeltiertag wiederholt sich wieder und wieder: das gleiche Problem mit der Dusche, die gleichen Leute am Frühstücksbüffet, das gleiche Volksfest. Und jeden Tag sagen alle immer wieder dasselbe. Es ist wie ein Fluch.
Phil versucht, diesem Zeitschleifen-Horror zu entkommen: durch Amokläufe, Sabotage, Selbstmord. Als all das nichts hilft und er immer wieder am 2. Februar in seinem muffigen Hotelzimmer zu den Klängen von „I Got You Babe“ erwacht, ändert er langsam seine Strategie …

Harold Ramis‘ kleine kommerzielle Kinokomödie hat geschafft, was so selten gelingt: noch Jahrzehnte später nennen viele diesen als ihren Lieblingsfilm, und der deutsche Verleihtitel von „Groundhog Day“ ging bei uns sogar in den Sprachgebrauch über. Auch dass dieser Film mit einer Allegorie arbeitet und die versteckte Botschaft enthält, dass wir an uns arbeiten sollten, wenn wir auf Bill Murrays Spuren geläutert werden möchten, hat seine Popularität nicht verhindert.

Das Dorf der Verdammten / Village Of The Damned
Englischer Gruselthriller von 1960

Während der Physiker Gordon Zellaby in seinem Büro im südenglischen Midwich Village mit seinem Schwager Alan Bernard im Kriegsministerium telefoniert, sinkt er plötzlich bewusstlos zu Boden. Da Bernard auch niemand anderen dort telefonisch erreichen kann, sieht er vor Ort nach dem Rechten. Ganz Midwich befindet sich in einer Art Tiefschlaf, von dem weiterhin jeder befallen wird, der dem Gebiet zu nahe kommt. Nach knapp vier Stunden endet das mysteriöse Phänomen so plötzlich wie es begonnen hat, und allen scheint es wieder gut zu gehen. Einige Wochen später stellt sich heraus, dass die gebärfähigen Frauen des Dorfes ein Kind erwarten, auch eine Frau, deren Mann das letzte Jahr auf See verbracht hat, eine unberührte 17jährige – und Mrs. Zellaby.
Sechs Knaben und sechs Mädchen kommen zur Welt, die einander mit ihren weißblonden Haaren wie Geschwister gleichen. Sie entwickeln sich beunruhigend schnell. Im Alter von drei Jahren verfügen die Kinder bereits über den Verstand von 25jährigen, ihren Eltern begegnen sie mit Kälte und Verachtung.
Bald sehen sich die Bürger von Midwich einer verschworenen Gemeinschaft mit übernatürlichen Fähigkeiten gegenüber, deren Hirne miteinander vernetzt sind. Es kommt zu Todesfällen unter jenen, von denen sich die eisig dreinblickenden Intelligenzbestien bedroht fühlen. Dr. Zellaby beschließt, gegen seinen eigenen Sohn David und die anderen „Midwich Cuckoos“ (so der Titel der Romanvorlage) vorzugehen, die offensichtlich die Vorhut einer Invasion bilden. Das ist nicht leicht, denn selbstverständlich können die Kleinen auch Gedanken lesen …

Diese ebenso gemütliche wie verstörende kleine Schwarzweißproduktion ist atmosphärisch irgendwo zwischen „Miss Marple“ und „Gefahr aus dem Weltall“ angesiedelt.

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Richard III. privat

betr.: 118. Geburtstag von Laurence Olivier

Es gibt viele Bücher über den Jahrhundertschauspieler Laurence Olivier (das unangenehmste davon stammt übrigens von ihm selbst). Aber was sein Kollege Anthony Quinn über ihn zu erzählen hat – dies sind nur einige zusammengesuchte Anmerkungen aus dem betreffenden Kapitel in seiner Autobiographie -, findet man nirgendwo sonst:
 
Er sah normal und ziemlich unspektakulär aus. Er hatte einen wahnsinnig schönen, federnden Gang. Er pumpte meine Hand, als würde ich Wasser spenden. Er sprach mit einem furchtbaren britischen Unterschichtenakzent, den er auf der Bühne zwar zu verbergen verstand, der ihm jetzt aber wie die natürlichste Sache der Welt von der Zunge ging. Er spuckte die Worte schnell hintereinander aus wie ein aufgeregter Junge. Außerdem hatte er anscheinend einen Tick mit seinem Mund. Ständig leckte er sich die Lippen, saugte die Backen ein, ließ den Kiefer spielen – das Ganze glich einem nervösen Zucken. Ich fragte mich, ob er wohl gerade eine schlechte Grapefruit gegessen hatte.
Olivier war wie ein Boxer beim Training. Jahre vorher, als ich noch in East Los Angeles boxte, kamen meine Gegner vor dem Kampf manchmal zu mir in die Umkleidekabine. „Tony“, hieß es dann, „hör mal zu. Wir sind heute abend mit vier Runden dran, aber ich hab mir grad die Zähne richten lassen, also tu mir den Gefallen, und geh mir nicht ins Gesicht. Ist ohnehin bloß eine Show für diese Arschlöcher; wir wollen uns doch nicht verletzen.“ Dann stiegen sie in den Ring und prügelten die Scheiße aus mir raus. Genauso war es mit Olivier. Er hatte eine Art, die übrigen Schauspieler zu umschmeicheln, bis wir uns öffneten, dabei war er einzig darauf aus, alles im Griff zu haben. Er machte das eigentlich ganz lieb, aber auch unglaublich gerissen. Der Mann konnte die stille Theaterluft mühelos durchdringen wie Miles Davis mit seiner Trompete! – und wenn ich mitzuhalten versuchte, dröhnte er nur noch lauter.
Als Schauspieler war er ein zähes kleines Miststück, doch als Mensch schien er völlig harmlos und sehnte sich nach Gesellschaft. Er hatte etwas erschreckend Liebes und Trauriges an sich. Gleich am Anfang erzählte er mir, dass er eine schwere Zeit durchmache. Er war in die britische Schauspielerin Joan Plowright verliebt, nur hielten sie ihre beruflichen Verpflichtungen ständig voneinander fern. Und er ließ sich gerade von Vivien Leigh scheiden, die inzwischen krank geworden war. Er fühlte sich entsetzlich einsam und war schrecklich verwirrt.
Trotz aller Klasse und Gelehrsamkeit, die er auf der Bühne ausstrahlte, war er einer der ungehobeltsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Ich kam auch aus armen Verhältnissen, wusste aber trotzdem, wie man sich in einer solchen Situation verhielt. Doch Olivier war ein anderer Fall. Er war ein Tölpel aus der Unterschicht, der vorgab, mehr zu sein, und sobald er nicht mehr im Scheinwerferlicht stand, konnte der arme Kerl keinen mehr täuschen.

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Runter von der Tanzfläche

betr.: morgiger Abschied von Manfred Behrens und „WDR 4 Soundtrack“

Normalerweise kommen Abschiede von Radiomoderatoren überraschend. Wir erfahren erst bei der Schlussmoderation, dass es keine weitere geben wird, hin und wieder wird es auch schon am Anfang der letzten Sendung verraten. Als ich selbst mal in die Lage geriet, mich aus einer Sendereihe zurückzuziehen, ermahnte mich mein Redakteur, es kurz und knapp zu halten.
Manfred Behrens, langjähriger Präsentator von „WDR 4 Soundtrack“ redet seit Monaten davon, dass er aufhören wird. Jetzt wird es endlich ernst. Die morgige Ausgabe ist die letzte, wenn er es sich nicht anders überlegt. Das Thema ist mit einem feucht-schmatzenden Augenzwinkern gewählt: „The Last Dance – Tanz im Film“.

Aus Liebe zur Filmmusik habe ich seit Jahren keine Folge versäumt – oder sagen wir: trotz dieser Liebe. Denn Herr Behrens kann Filmmusik offensichtlich nicht ausstehen. Er spielt Pop, Pop, Pop, hie und da mal Rock, einen Schlager oder eine schauerliche Wirtschaftswunder-Geschmacklosigkeit. Meistens – längst nicht immer! – findet er immerhin eine Begründung für die Musikauswahl, die irgendwie mit Kino zu tun hat. Das ist nicht so schwer, denn Popmusik ist in Filmen ja immer wieder anzutreffen. Es fiel jedoch auf, wie selten es in all den Jahren ein Orchester zu hören gab, das einen tatsächlichen Soundtrack spielte. Putzig auch die Musiklisten auf der WDR-Homepage. Zu solchen Titeln stand dann da etwa „Main Title – Filmorchester“ oder „Abspannmusik – Orch.“. Will eh kein Schwein wissen. Zuweilen gab es auch komplett soundtrackfreie Sendungen – etwa, wenn ein Musiker-Biopic den aktuellen Anlass hergab.

Mit dieser Fachwurstigkeit liegt der Moderator im Trend des linearen Angebotes. Die wenigen Filmmusik-Formate, die nicht ohnehin längst aus dem Schema verschwunden sind, werden allesamt von Kollegen und Kolleginnen moderiert, die gewiss Filmliebhaber sind – bzw. gern in Pressevorführungen gehen -, aber deswegen noch lange keine Filmmusik mögen.
Was mir am Donnerstagabend fehlen wird, ist Behrens‘ leutseliger Kneipen-Charme und sein Talent, knackige, sehr persönliche Inhaltsangaben zu formulieren. Er schaffte es stets, zu( eine)m Kern jedes Films durchzudringen und uns am Lautsprecher das Gefühl zu geben, es müsste lustig sein, mit ihm zusammen ins Kino zu gehen oder einen Videoabend zu verleben. In seinen Augen war auch nicht alles gleich gut. Es mag diese Qualität gewesen sein, die mich so treu hat dranbleiben lassen.
Und die mir fehlen wird.

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Arthaus is not a home

Der heutige Kino-Mainstream ist so beschaffen, dass ich mich dabei ertappe, beim Erklingen des Wortes „Arthaus“ spontane Freude zu empfinden. Ganz einfach weil „Arthaus“ quasi das andere Extrem von „Mainstream“ bedeutet, also mindestens das Gegenteil. Freilich verfliegt dieses Glücksgefühl sofort wieder – schließlich ist der Feind meines Feindes nicht automatisch mein Freund.
Wie fremd mir das Repertoire schon immer ist, das unter diesem Begriff verstanden wird, machte mir die Lektüre des Buches „Sein oder Spielen“ von Dominik Graf neuerlich bewusst (es war an dieser Stelle schon die Rede davon).
Der Autor legt sich nicht fest, wie viel ihn grundsätzlich mit seiner Filmemacher-Generation verbindet, aber seine Biografie bringt es mit sich, dass ihm die Szene der  Autorenfilmer näher ist als das Personal des amerikanischen Gangsterfilms oder des Poetischen Realismus. Seine Projekte führten eher Gudrun Landgrebe oder Tobias Moretti vor seine Kamera als Barbara Stanwyck oder John Wayne.

Wenn er auf das Thema „Neuer Deutscher Film“ zu sprechen kommt, überzieht mich allein das Name-Dropping zugleich mich Horn- und Gänsehaut, ebenso die Schilderung des Klimas, in dem dessen Vertreter ihr Handwerk erlernten. Wenn Graf den „strengen cineastischen Ewigkeits-Code“ beschreibt, der Mitte der 70er durch die Säle der Münchner Filmhochschule wehte, kommt man kaum auf den Gedanken, dass ein Kinobesuch damals mit dem Slogan assoziiert werden wollte: „Mach die ein paar schöne Stunden!“. Selbst aus dem US-Kino der 30er und 40er Jahre (eine tolle Zeit, wie ich finde), suchte der „Filmgeschichte-Dumbledore“ Helmut Färber vor allem das große Epos auf. Er „führte den Diskurs, betrieb eine Art Rückführung zum Heldenzeitalter der Kino-Anfänge, propagierte eine Reinwaschung des Auges, weg vom Hedonismus der hastigen Bilderflut der Hippie-Zeit. Am besten wieder ganz zurück auf Los, zum ästhetischen Kinobild als solchem, am besten schwarz-weiß, so als würde man einen Altar zum Vorbild nehmen. (Neben dem alten Hollywood galten in diesem Kodex nur noch der Däne Carl Theodor Dreyer, der Japaner Ozu Yasujiro und das filmende Ehepaar Huillet/Straub als Lehrmeister.)“
Dominik Graf und seine jungen Kollegen haben sich darauf nicht eingelassen und die Flucht ergriffen. Graf selbst nennt die Schwurbeleien des Herrn Dumbledore heute diplomatisch „eine Art blaue Blume beim Filmemachen“.
Doch es ist eben leider nicht so, dass solche Pädagogik die jungen Künstler zu Hawks, Wilder oder Hitchcock gescheucht hätte. Oder zu den MGM-Musicals.
Wie das eben so ist mit den Feinden meines Feindes …

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Das Orakel vom Pulp Mountain

Die Wikipedia schreibt in einem Anflug von lieb gemeintem Anstand über den Schriftsteller Lester Dent: „Bekannt wurde er auch in Deutschland durch seine DocSavage-Serie, die Anfang der 1970er auch auf Deutsch erschien …“, aber davon kann keine Rede sein. Selbst als sein ergebener jugendlicher Leser* habe ich seinen Namen nicht gekannt, da er sich die Autorschaft der „Doc Savage“-Romane (wenn auch federführend) mit anderen unter dem Verlagspseudonym „Kenneth Robeson“ teilte. Erst viele Jahre später – mit dem Aufkommen nerdiger Sekundärliteratur – erfuhr ich, dass es einen Lester Dent gegeben hatte und dass seine Bücher knapp 50 Jahre älter waren als ich angenommen hatte, so sehr haben sie die nachfolgende Popkultur beeinflusst.** Überhaupt war der inspirierende Weitblick eines seiner vielen unbesungenen Talente. Einer seiner Schundromane beginnt mit den Worten: „Hardrock Hennessey war einmal der zäheste kleine Tunnelbauer genannt worden, der sich je durch die durch die Erde gewühlt hat.“ Einen Erdarbeiter „Hardrock“ zu nennen ist eine Glanzleistung, zumal es die betreffende Musikrichtung in den 30er Jahren noch gar nicht gab und wir annehmen dürfen, dass Mr. Hennesey sie, wäre er zwei Generationen später auf die Welt gekommen, vielleicht sogar gemocht hätte.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2018/10/12/doc-savage-der-bronzemann-die-deutschen-taschenbuecher/
** Siehe https://blog.montyarnold.com/2014/10/01/hollywood-noch-zu-retten/

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