Mrs. Gale, wir werden gebraucht!

betr.: 103. Geburtstag von Patrick Macnee / 15. Todestag von Johnny Dankworth (gestern)

Ich bin sicher, dass es schon vielen Fans der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ so ergangen ist wie mir: nachdem man sich wieder einmal die EmmaPeel-Folgen mit Diana Rigg angesehen hat, gibt man zähneknirschend ihrer Nachfolgerin Tara King eine Chance – und scheitert schon nach wenigen Minuten. Das liegt nicht nur an den Unzulänglichkeiten der Schauspielschülerin Linda Thorson, die ein sehr schweres Erbe antreten musste, es liegt auch am Konzept. Dadurch dass John Steed neuerdings mit seiner Kollegin schläft, bekommt der subtil-parodistisch angelegte Dandy, den Patrick Macnee jahrelang so amüsant verkörperte, etwas Lustmolchhaftes. Auch die Qualität der Bücher verschlechtert sich schlagartig. Gleich zu Beginn der neuen Staffel platzierten die Produzenten die überdurchschnittliche Folge „Puzzlespiel“, doch es nützte nichts. Der farbenfrohe Swinging-Sixties-Spoof der „Avengers“ taugte nur noch zum Selbstplagiat. Das vielleicht Schlimmste: die King-Folgen lachen sich unentwegt über sich selber tot, ein Effekt, der auch die berühmten „Tatort“-Folgen aus Münster nach einer kurzen Phase der Innovation und Frechheit ungenießbar machte.

Im Dezember 1970 begrüßte Rudi Carrell die Stars von „Mit Schirm, Charme und Melone“ in seiner Show. Linda Thorson war auch dem deutschen Fernsehpublikum inzwischen bekannt, doch der Rausch der Emma-Peel-Begeisterung war noch nicht vollständig verflogen.

Was also tun, wenn man mit den Staffeln 4 und 5 durch ist? Ich empfehle, mit dem Vorleben von John Steed weiterzumachen, seinen schwarzweißen Abenteuern mit Honor Blackman als Mrs. Cathy Gale. Auch sie ist freilich etwas blasser als Emma Peel – zumal die Folgen auf schmierigem Videomaterial festgehalten wurden und der schräge Humor der Serie sich erst allmählich andeutet. Aber die Fälle sind teilweise sehr gut ausgedacht, und Honor Blackman hat – auch im Duett mit Macnee – ein eigenes Profil, an das weder Linda Thorson noch die Steed zuletzt zugeteilten Partner Joanna Lumley und Gareth Hunt aus „The New Avengers“ herankommen.

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Die wiedergefundene Textstelle: Falladas Schulzeit

betr.: 78. Todestag von Hans Fallada (gestern)

In der Schule, oder, wie wir sie nur nannten, in der Penne spielte ich zu jener Zeit eine höchst unselige Rolle. Ich ging auf das Prinz-Heinrich-Gymnasium in der Grunewaldstraße, und das war damals ein sehr feines Gymnasium, womit gesagt werden soll, dass dort in der Hauptsache die Söhne vom Offiziers- und Beamtenadel, auch von reichen Leuten die Schulbank drückten. Meine Eltern aber waren für äußerste Sparsamkeit, so kam es, dass ich, war eine Hose durchgerutscht, keine neue bekam, sondern dass meine Mutter ein paar handfeste Flicken in die arg verwundete setzte. Da sie nun aber oft keinen genau passenden Stoff hatte, so wurden ohne erhebliche Hemmung auch andere Stoffe dafür gewählt. Das ist nun gut fünfunddreißig Jahre her, und doch sehe ich diese Hose des Unheils noch genau vor mir: es war eine dunkelblaue Bleyle-Hose, und mit grauen Flicken wurde sie geziert. Ach, über den Hohn und das Gespött, die mir diese Hose eingetragen hat! Es waren natürlich nicht die wirklich »Feinen« in der Klasse, die mich damit aufzogen. Die übersahen den Defekt vornehm, freilich war ich auch für jeden Umgang mit ihnen erledigt. Fragte ich sie etwas, so antworteten sie mir nur kurz mit geringschätziger Herablassung, was mich tief schmerzte und auch empörte. Aber die andern, die Coyoten der Wölfe gewissermaßen, wie offen und schamlos verhöhnten sie mich! Da war einer, über einen Kopf war er größer als ich, Friedemann hieß die Canaille, im Unterricht durch äußerste Unwissenheit ausgezeichnet, schon dreimal bei der Versetzung »kleben« geblieben – aber etwas verstand dieser Bursche ausgezeichnet: mich zu zwiebeln!…

Oh, wie ich ihn gehaßt habe, diesen langen Friedemann mit seinem weißen, pickligen Gesicht, mit den frechen blassen Augen hinter einer Nickelbrille! Wenn er da mit seiner näselnden, überlegenen Stimme anfing, mich nach meiner Ansicht über Flickschneiderei zu befragen, über die Farbwahl bei Flicken, ob ich Rot nicht für eine wunderschöne Farbe hielte, nein, nicht? Aber vielleicht Grün mit Rot, rechts Rot, links Grün, und ein gelber Flicken vorne –? (Beifallsgejohle der andern.) Mein Vater flickte ja wohl auch meine Schuhe, der Rüster an meinem rechten Schuh sehe ihm ganz danach aus! Da könne man eben nichts machen, es gebe heile Familien und es gebe geflickte Familien. Es sei nur gut, daß ein Exemplar der Flickfamilien auf diesem Gymnasium vertreten sei, als Anschauungsmaterial.

Hans Fallada rückblickend in seiner nachgelassenen Erzählung „Warnung vor Büchern“

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Bescheidenheit als handwerkliche Tugend

betr.: Mikrofonarbeit

Sobald der Sprecher vom Hörer bewusst wahrgenommen wird, lenkt er dessen Aufmerksamkeit vom Text ab. Dann ist etwas schiefgelaufen. Das mag durch die schiere Prominenz des Interpreten geschehen – wobei sich die Fans an die Gegenwart ihrer Idole Rufus Beck, Christian Brückner o.ä. sicher bald gewöhnt haben. Heikler ist eine Ablenkung durch die Besonderheiten des Vortrags: Unsauberkeiten, Sprachmarotten (auch Dialekt oder übermäßiges Atmen und Schmatzen zählt dazu), Betonungsfehler. Ebenso störend sind „gut gemeinte“ Effekte, die auf reinen Übereifer hinauslaufen.
Obschon die Lesung eines Textes eine anspruchsvolle künstlerische Leistung darstellt, kann sie nur gelingen, wenn sie im Hintergrund abläuft und gar nicht bemerkt werden will. Sie ist eine dienende Disziplin. Ganz genauso verhält es sich mit der Arbeit an der Filmkamera. Sobald ich von irgendeiner Kamerabewegung daran erinnert werde, dass dahinter jemand arbeitet, ist das streng genommen das Indiz einer Nachlässigkeit.
Wie wir wissen, wird beiden Gewerken regelmäßig Bewunderung zuteil, und kein halbwegs interessierter Mensch wird ihre Wichtigkeit bezweifeln.

Ich habe mich über dieses Thema einmal mit einem jungen Kameramann gestritten. Aufhänger war die von uns beiden sehr geschätzte Serie „Breaking Bad“. Irgendwann fiel mir auf, dass hier grundsätzlich mit Handkamera gearbeitet wurde, also auch in den statischen Dialogszenen innerhalb geschlossener Räume, die einen beträchtlichen Teil der dramatischen Handlung ausmachen. Das leichte Gewackel des Bildausschnitts störte mich und erschien mir wie eine absichtliche Freiheit, die sich genommen wurde, um dem Betrachter unter der Hand zuzuraunen: „Schon toll, was die Kameramänner und -frauen da so alles leisten.“ Diese Bewegungen waren minimal, aber völlig unnötig, und deshalb sprach ich den Kameramann darauf an. Er solidarisierte sich natürlich sofort mit seinen amerikanischen Kollegen und bestätigte meine Vorbehalte ungewollt. Er erklärte mir sinngemäß, es sei ja das gute Recht dieser Leute, auch mal auf sich aufmerksam zu machen. Sonst würde ihre Arbeit ja allzuleicht übersehen. Da ich keinen Streit wollte, habe ich schnell das Thema gewechselt.

Die Stars im Bild stehen immer im Vordergrund – und überragen damit die (Synchron)Sprecher ebenso wie die Kameraleute, die Regisseure und – ganz besonders – die Autoren. Das liegt in der Natur der Sache. Wenn sie ihre Sache gut machen, wird das trotzdem Würdigung erfahren. Und ein guter „director of photography“ darf nach meiner Ansicht gerne ein Stativ benutzen, wenn es der Qualität des Ergebnisses zugutekommt. Diesen Fluch der Unauffälligkeit teilen die Mikrofon- und Kameraleute übrigens mit anderen selbstbewussten Spezialisten: Kriminalbeamten, Schönheitschirurgen, PR-Beratern und Spionen.

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Eröffnungssatz mit Vorspiel

betr.: 64. Geburtstag von Dietmar Bär / Lesen vom Blatt

Fortsetzung von 24.10.20222

Es kann vorkommen, dass der erste Satz eines Textes erst an zweiter Stelle kommt, will heißen: der eröffnende, die Situation etablierende Satz hat ein Vorspiel, das auch später platziert werden könnte, ohne das Verständnis zu behindern.
Ein Beispiel hierfür ist der Prolog eines der beliebtesten Erzählwerke der Jahrtausendwende: „Verblendung“, erster Teil der „Millennium-Trilogie“ von Stieg Larsson, die so erfolgreich war, dass sie in kürzester Zeit in verschiedene andere Medien übertragen und zweimal verfilmt wurde. Zu den berühmtesten Buchanfängen gehört er nicht, aber das kann ja noch werden …

Es wäre auch möglich, die beiden eröffnenden Sätze durch einen Doppelpunkt zu verbinden. Doch so steht es geschrieben:

Es wiederholte sich alljährlich. Der Empfänger der Blume feierte seinen zweiundachtzigsten Geburtstag. Sowie die Blume bei ihm angekommen war, öffnete er das Paket und entfernte das Geschenkpapier. Danach griff er zum Telefonhörer wählte die Nummer eines ehemaligen Kriminalkommissars, der sich nach seiner Pensionierung am Siljan-See niedergelassen hatte. Die beiden Männer waren nicht nur gleich alt, sie waren sogar am selben Tag geboren, was in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Ironie entbehrte. Der Kommissar wusste, dass der Anruf um elf Uhr morgens nach der Postzustellung eingehen würde, und trank Kaffee, während er wartete. Dieses Jahr klingelte das Telefon bereits um halb elf. Er nahm den Hörer ab und sagte hallo, ohne sich mit Namen zu melden.
„Sie ist angekommen.“
„Was für eine ist es dieses Jahr?“
„Keine Ahnung, was für eine Blume es ist. Ich werde sie bestimmen lassen. Weiß ist sie.“
„Kein Brief, nehme ich mal an?“
„Nein. Nur die Blume, sonst nichts. Der Rahmen ist derselbe wie letztes Jahr. So ein Billigrahmen zum Selberzusammenbauen.“
„Poststempel?“
„Stockholm.“
„Handschrift?“
„Wie immer, alles in Großbuchstaben. Gerade, ordentliche Buchstaben.“
Damit war das Thema erschöpft, und ein paar Minuten saßen die beiden schweigend am jeweiligen Ende der Leitung. Der pensionierte Kommissar lehnte sich am Küchentisch zurück und zog an seiner Pfeife. Er wusste jedoch, dass von ihm keine erlösende oder bestechend intelligente Frage mehr erwartet wurde, die ein neues Licht auf diese Angelegenheit hätte werfen können. Diese Zeiten waren seit vielen Jahren vorbei, und das Gespräch der beiden alternden Männer hatte beinahe schon den Charakter eines Rituals – eines Rituals um ein Mysterium, dessen Lösung keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt interessierte.

Von Dietmar Bär stammt die gekürzte, aber unübertroffen feinfühlige Hörbuch-Fassung des Dreiteilers.

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Zweimal Roter Drache

betr.: 82. Geburtstag von Michael Mann (morgen)

Im Herbst 2002 war es für mich schon zu einem sehr seltenen Erlebnis geworden, ins Kinocenter zu gehen und mich mit einer großen Menschenansammlung über einen neu gestarteten Film aus Hollywood gemeinsam zu amüsieren. Der „Rote Drache“ gefiel mir ebensogut wie dem übrigen Publikum. Danach gingen der Blockbuster-Mainstream und ich endgültig getrennte Wege – was ich sehr bedaure aber nicht ändern kann.
„Roter Drache“ ist nicht etwa ein Fantasy-Film, sondern der dritte Auftritt von Anthony Hopkins als Hannibal Lecter, der in der Erzählhandlung allerdings an den Anfang gehört, vor den Durchbruch von Lecter / Hopkins in „Das Schweigen der Lämmer“ (1989). Zuallererst hatte es bereits eine Verfilmung des ersten Romans der Reihe gegeben, in der Dr. Lecter, der längst zum beliebtesten Filmbösewicht überhaupt aufgestiegen ist, nur am Rande mitwirkt: „Manhunter“ von Michael Mann, bei uns „Blutmond“ bzw. „Roter Drache“ (1986).

Es kommt häufig vor, dass ein Film von seinem Remake aus der Wahrnehmung des Publikums verdrängt wird. In der Regel geschieht das zu Unrecht, da die meisten Neuverfilmungen (wie auch „zweite Teile“) wenigstens unter künstlerischen Gesichtspunkten vollkommen überflüssig sind. „Roter Drache“ ist ein komplizierterer Fall. Für sich betrachtet ist er großartig, aber schon wenige Jahre später kam er gewissermaßen aus der Mode. Seine Fortsetzung (im Roman wie im Kino) definierte den Charakter Hannibal Lecter nicht nur durch ihre brillante Interpretation durch Anthony Hopkins vollkommen neu, sie machte ihn auch zu einer Hauptfigur, die sogar gegen die schillernde Gegenspielerin – Jodie Foster als Agent Starling – bestehen kann. Obwohl kein Remake, hat „Das Schweigen der Lämmer“ dem „Roten Drachen“ von Michael Mann den Garaus gemacht – und mit ihm auch der wirklich untadeligen Darstellung der Lecter-Rolle durch Brian Cox.

Mir wurde hin und wieder erzählt, die Fassung von 1986 sei besser als die von 2002. Doch das ist wie gesagt nicht so einfach. Was Michael Manns „Manhunt“ an Glamour und Übereinstimmung mit der ikonischen Hopkins-Reihe abgeht, macht er dadurch wett, dass er seinem Nachfolger eine Vielzahl kluger Anleitungen gibt. „Roter Drache“ 2002 folgt ihnen teilweise penibel, mag oder muss aber auf einiges davon verzichten. Nicht nur Dr. Lecter nimmt mehr Raum ein, auch der Killer „Zahnfee“ wird – da mit Ralph Fiennes prominent besetzt – ausführlicher präsentiert und verliert dadurch viel von seinem Geheimnis. Das wiederum löst das Remake sehr gut, indem es diesen Charakter in einem charismatischen Zwiespalt hält, statt ihn als gruseligen Widerling zu zeichnen, wie es Tom Noonan in „Manhunt“ und dem Killer aus „Das Schweigen der Lämmer“ widerfuhr. Wer sich „Manhunt“ heute anschaut, wird sich vielleicht an der Konsequenz erfreuen, mit der unnötige Ekel-Effekte vermieden werden. Was ihn letztlich doch etwas schlechter abschneiden lässt, sind zeitgeschmackliche Dinge: ein billiger Rock- und Synthesizer-Soundtrack (typisch für die 80er), der besonders die Schlussbilder völlig verramscht, und der (in Kenntnis der Romanvorlage wie auch der Neufassung) allzu flotte Showdown. Das Ende des Bösewichts kommt seltsam früh.
Ein Jahr nach „Manhunter“ war ein Thriller in die Kinos gekommen, der unsere Sehgewohnheiten für immer veränderte. Es war ein Film, in dem die vermeintlich bereits zur Strecke gebrachte Schurkin Glenn Close noch einmal aufstand und erneut angriff: „Fatal Attraction“.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Du sollst nicht für dumm verkaufen

betr.: Schreiben für jugendliche Zielgruppen

Wer als Autor für Kinderfunk und -fernsehen tätig ist, kennt die Sorge der Programmverantwortlichen, das Publikum zu überfordern. Sie ist grundsätzlich unbegründet, denn Kinder wissen ja, dass sie noch nicht alles wissen und sind darauf vorbereitet, ein Wort zum ersten Mal zu hören. (Idealerweise nehmen sie es zum Anlass, mit den Erwachsenen in ihrem Haushalt ein Gespräch zu führen.) So einleuchtend ich dieses Argument finde, so sinnlos ist seine Anbringung im Kundenkontakt. Redakteure – und ganz besonders Redakteurinnen – gehen bei ihrer Zielgruppe von einer Schlichtheit aus, die ich mir gar nicht ausmalen möchte. Gerade deshalb nicht, weil mir die Wichtigkeit meiner eigenen Medien-Früherziehung bewusst ist. Ein Großteil dessen, was mir da präsentiert wurde, war ursprünglich „für Erwachsene“: im Fernsehen Warner-Cartoons, Laurel & Hardy und Verfilmungen von eigentlicher Erwachsenenliteratur: Hauff-Märchen, „Die Schatzinsel“, „Gullivers Reisen“ und solcherlei. Mit lupenreinen Kinderhörspielen konnte ich angesichts dessen nie etwas anfangen.

Unerwartet springt mir nun im SZ-Interview ein beliebter und bestens vernetzter Fachmann bei.  „Werden Kinder nicht ernst genug genommen?“ wird „Checker Tobi“ alias Tobias Krell gefragt. „Vielleicht wird der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen viel zu oft gemacht. Auf meinen Bereich bezogen heißt es oft: Das ist ja nur Kinderfernsehen. Das ärgert mich, Kinder werden viel zu oft unterschätzt – und Medienangebote für sie gleich mit. Kinder sind kein Genre! Sie sind einfach nur ein anderes Publikum. Natürlich muss man auch für sie eine spannende Geschichte erzählen, müssen Inhalte Substanz haben. Das Erfolgsrezept unserer Sendungen ist, glaube ich jedenfalls, dass wir als neugierige Menschen versuchen, einem Thema nahezukommen. Ich bin kein Kind, und es wäre auch komisch, wenn ich so tun würde, als wäre ich eines. Ich stelle mich nicht dümmer als ich bin. Wenn ich bei einer Zahnärztin drehe, frage ich nicht: Warum muss man denn Zähneputzen? Ich sage: Kannst du mal erklären, was Zahnpasta genau macht? Das ist ein feiner Unterschied. Kinder fühlen sich bei uns nicht für blöd verkauft.“

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Prima vista 0,5: Der große Gatsby

betr.: Lesen vom Blatt

Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.

Heutiges Beispiel: aus dem Romanfinale „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald.

Fitzgeralds Ich-Erzähler Nick Carraway bricht am Ende des Buches seine Zelte an der Ostküste ab, um in den Mittelwesten, das Land seiner Herkunft, zurückzukehren. Er tut es nicht, ohne noch einmal für einen Augenblick jenem amerikanischen Traum nachhängen, den als der der Kontinent einst verheißungsvoll aus dem Meer gestiegen war.

Variante 1:

Die meisten großen Häuser an der Küste waren inzwischen geschlossen und man sah fast keine Lichter, mit Ausnahme einer schattenhaft glühenden Fähre, die über den Sund glitt. Und als der Mond höher stieg, begannen die wesenlosen Häuser ganz wegzuschmelzen, bis ich plötzlich die ursprüngliche Insel vor mir sah, die hier einst für die Augen der holländischen Seeleute geblüht und ihnen die frischen grünen Brüste der Neuen Welt entgegengestreckt hatte.
Ihre verschwundenen Wälder, deren Bäume für Gatsbys Haus Platz gemacht hatten, mussten einst flüsternd dem letzten und größten menschlichen Traum kupplerisch Nahrung gegeben haben; für einen flüchtigen, verzauberten Augenblick muss der Mensch den Atem angehalten haben in der Gegenwart dieses Kontinents. Zu einer ästhetischen Andacht gezwungen, die er weder begreifen konnte noch wünschte, befand er sich zum letzten Mal in der Geschichte von Angesicht zu Angesicht mit etwas, das seiner Fähigkeit zum Staunen wahrhaft angemessen erschien.

Variante 2:

Die pompösen Villen längs der Küste waren jetzt fast alle geschlossen. Man sah kaum noch Lichter, höchstens die schwach beleuchtete Fähre, die sich schattenhaft über den Sund bewegte. Und indes der Mond höher und höher stieg, sanken die Häuser ins Wesenlose zurück, und vor mir zeichnete sich allmählich die alte Insel ab, die einst vor den Augen holländischer Seefahrer als ein blühendes Wunder aufgetaucht war, vorgewölbt wie eine schwellende grüne Brust der Neuen Welt.
Ihre längst versunkenen Bäume, dieselben Bäume, die auch Gatsbys Haus hatten weichen müssen, hatten einst mit lockendem Geflüster dem letzten und größten aller Träume der Menschheit Vorschub geleistet – es muss wie ein flüchtiger Augenblick der Bezauberung gewesen sein – und verschlug gewiss denen, die sich hier dem neuen Kontinent nahten, den Atem. Sie spürten wohl einen Drang zum reinen Genuss des Schönen – doch das begriffen sie nicht, noch trugen sie Verlangen danach. Zum letzten Male in der Geschichte war ihnen vergönnt, von Angesicht zu Angesicht etwas zu schauen, das mit ihrem Wunderglauben in Einklang stand.

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Der Soundtrack des Tages: „Girl On A Motorcycle“

Zum Tode von Marianne Faithfull

Knapp drei Monate nach Alain Delon, ihrem Filmpartner in „Girl On A Motorcycle“ (bzw. „La Motocyclette“) aus dem Jahre 1968, hat uns gestern auch die große Marianne Faithfull verlassen. Wenn man bedenkt, dass sie ihren Unterhaltungswert über Jahrzehnte ursächlich dem Rummachen mit einem Rock-Idol verdankte, sind ihre hinterlassenen Songs wirklich beachtlich, darunter zwei unvergessliche Evergreens, die gemeinsam ein enormes Spektrum an Stimmfarbe und Lebenserfahrung konserviert haben.
Und weil diese Songs so unvergessen sind und dieser Tage sicher ohnehin hie und da erklingen werden, will ich zur Platte des Tages eine andere Faithfull-Relique erklären: den Soundtrack zum besagten „Girl On A Motorcycle“. Les Reeds Filmmusik ist so sexy, so jugendlich, so schmissig und melodisch (im Britpop der damaligen Zeit ging das ja mühelos zusammen), dass ich mich hier nie und nimmer auf zwei Titel festlegen oder beschränken würde. Die ganze Scheibe muss auf den Teller, am besten mehrmals hintereinander!

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Die wiedergefundene Textstelle: Herodes-Monolog des amerikanischen Präsidenten

betr.: Brandmauer gefallen

Was erwarten Sie nun von mir und den Vereinten Nationen – wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge? Was sollen wir machen? Ändern, was Sie für unsere Zukunft halten, indem wir zwei unschuldige Geschöpfe töten? – Nein, drei sogar, nachdem eins von ihnen schwanger ist.
Herodes hat das auch versucht, und Christus blieb am Leben. Außerdem machte es ihn unpopulär – historisch unpopulär. Und das wollen wir doch nicht werden, oder?

Ich will damit sagen, dass unsere Gäste offensichtlich charmante, friedliebende Leute sind – oder sagen wir besser: Geschöpfe – und dass die Wähler sie lieben. Natürlich möchte ich nicht, dass die Nachkommen dieser Geschöpfe die Welt beherrschen. Doch das wird kaum vor der nächsten Wahl passieren. Aber eines Tages, wenn die Nachkommenschaft so wohl gerät wie die Eltern … wer weiß? Vielleicht machen sie es besser als wir es gemacht haben.
Sie haben sich zu den düstersten Prognosen provozieren lassen, mein Freund. Womit ich nicht sagen will, dass sie absolut im Unrecht sind. Doch bevor ich die beiden an die Wand stellen lasse, will ich davon überzeugt sein, dass das Menetekel auch wirklich ernst zu nehmen ist. Also: überzeugen sie mich!
Glauben Sie denn wirklich, dass durch eine gegenwärtige Aktion diese Möglichkeit aus der Welt geschafft wird, dass wir die Zukunft ändern können? Und glauben Sie auch, dass wir es tun sollten? Hätten wir mit der Macht, die Zukunft zu ändern, zugleich auch das Recht dazu? Wenn wir die Vernichtung der beiden wollen, gehorchen wir dann Gottes Willen oder bekämpfen wir ihn? Sind wir seine Widersacher oder sein Werkzeug? Ein Attentäter würde letzteres sagen. Und billigen Sie Attentate?
Das Attentat auf Hitler haben wir gebilligt, weil er das Böse verkörpert hat. Aber hätten wir es auch gebilligt, wenn er schon als Baby ermordet worden wäre? Oder seine Mutter, als sie mit ihm schwanger war? Oder alle seine Vorfahren?

Der US-Präsident (William Windom) denkt in „Escape From The Planet Of The Apes“ darüber nach, in den Lauf der Geschichte einzugreifen. Nach einem Drehbuch von Paul Dehn.

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