geführt von Monty Arnold

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Dass vertrödelte Zeit Kosten verursacht und gesparte Zeit auch Geld einspart, werden wir alle schon erlebt und empfunden haben. Zeit ist bekanntlich Geld. Aber ist Geld auch Zeit?
Nicht ganz.
Wenn ich vergeblich auf jemanden warte, der sich für einen Termin angesagt hat, verschwendet er meine Zeit. Selbst wenn er diese ausgefallene Stunde bezahlt, ändert das emotional nichts an der Situation, in die ich gebracht wurde. Dass er sein Geld ebenfalls verschwendet hat, macht diese Unannehmlichkeit nur buchhalterisch wieder wett. Sein Geld lässt sich ersetzen (bei einem solchen Betrag geschieht das sogar automatisch), meine Zeit nicht. Die ausgefallene Stunde wird nicht wiederkommen.
Mit leuchtet ein, dass man für die beschriebene Empfindlichkeit besonders anfällig ist, wenn man seinem Gewerbe mit Hingabe („Liebesmüh“) nachgeht. Als Künstler passiert das eher als in einem Beruf, der insgeheim und insgesamt als Verschwendung von Lebenszeit empfunden wird.
Im Sommer 1950 arbeitete der Raymond Chandler mit dem in einer kleinen Krise steckenden Regisseur Alfred Hitchcock am Drehbuch für „Der Fremde im Zug“ – eine für den Schriftsteller ermüdende und frustrierende Erfahrung – obwohl er am Beginn eines Beschwerdebriefes beteuert, dem Regisseur „nicht gram“ zu sein, „da solches Verhalten zur normalen Verderbtheit Hollywoods zu gehören scheint (…) Aber (…) warum um Himmelswillen machten Sie sich (…) überhaupt die Mühe, zu mir zu kommen? Was für eine Geldverschwendung! Welch eine Vergeudung von Zeit! Zu sagen, ich sei gut dafür bezahlt worden, ist keine Antwort. Niemand kann angemessen dafür bezahlt werden, dass seine Zeit vergeudet wird.“
Chandler erhielt eine Wochengage von 2500 Dollar und durfte (siehe oben) im Homeoffice arbeiten, seinem schmucken Anwesen in La Jolla.
Kriminalhörspiel von Eva Maria Mudrich – WDR 1982 – Credits und komplettes Hörspiel unter https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/krimi-am-samstag/schuldfrage-mudrich-pastewka-100.html
„Frei sein! Das hätten wir wahrhaftig anders und einfacher regeln können!“ – „Aber wir haben’s nicht anders geregelt! Wir haben uns treiben lassen! Bequemlichkeit – nenn es wie du willst! Und jedes Jahr ein Jahr meines Lebens …“
Marlies Torgau ist Abteilungsleiterin einer Versicherungsgesellschaft. Als sie ahnungslos von einer kurzen Reise zurückkommt, erfährt sie von ihrem Chef, dass ihre mustergültige, allseits beliebte Jugendfreundin Cornelia Mahnke am Wochenende ermordet aufgefunden wurde. Der Chef lässt Marlies nach Hause gehen, und sogleich beginnt sie, eigenartige Dinge zu tun. Sie fährt zu ihrem ehemaligen Segelclub und bittet den Bootswart für den Fall des Falles auszusagen, sie hätte das letzte Wochenende im Club verbracht. Dann fährt sie weiter zu Mahnkes. Dort trifft sie auf Jochen, Cornelias Mann. Jochen zeigt Marlies offen sein Misstrauen und treibt sie mit bohrenden Fragen in die Enge. Schließlich wartet auch noch die Polizei bei ihr zuhause auf sie zum Verhör.
Doch dann haben wir Gelegenheit, ein überraschendes Telefongespräch zu belauschen …
Eva Maria Mudrich, die vom Kinder- und Jugendfunk kam, war eine fleißige Autorin von Original-Hörspielen. Auf dem Gebiet der Science-Fiction hat sie sich dort einen Namen gemacht, dessen Größe von dem Umstand gedeckelt wurde, dass das künstlerische Hörspiel generell ein notorisch unbeachtetes Feld ist.
Bezeichnenderweise hat der deutsche Film – der seit dem Ende der Stummfilmzeit praktisch nichts richtig gemacht hat – dieser Autorin nichts zu tun gegeben.
Selbst Mudrichs Krimihörspiele haben diesen leichten surrealistischen Knick, jenen phantastischen Twist, der eine gute Geschichte ausmacht. Mudrichs Arbeiten erfordern ein ausgeruhtes Ohr, denn sie sind – selbst die Kammerspiele – sehr kompliziert (nicht nur komplex und konstruiert – kompliziert). Ihnen zu lauschen, ist jedoch stets ein Aufwand, der sich lohnt!
„Schuldfrage“ ist recht geradlinig. Gewohnt unbehaglich ist der Sog, der uns nach wenigen Minuten erfasst. Die getriebene Hauptfigur, die Versicherungsangestellte Marlies, lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Und wenn sie kurz vor Schluss der Geschichte endlich abgeht und uns noch ein wenig mit einem anderen Charakter alleinlässt, wenn wir endlich das Gefühl haben, einen eigenen klaren Gedanken fassen zu können, ist es längst zu spät.
„Schuldfrage“ wurde in den 90er Jahren als Kaufcassette angeboten.
Und hier noch ein persönliches Nachwort:
Wann immer ich den Namen der Autorin höre, meistens im Zusammenhang mit einem herrlichen Hörspielerlebnis, durchzuckt mich ein leises Weh. In meiner Saarbrücker Radiozeit arbeitete ich regelmäßig mit ihrem Sohn, dem Jazzmusiker Christoph Mudrich zusammen; ihr Mann Heinz, Feuilletonchef der „Saarbrücker Zeitung“, hat mich einmal ausführlich interviewt. Doch ich hatte keine Ahnung, dass die Mutter dieser Familie – wir sind einander nie begegnet – jemand gewesen ist, den ich heute für eine der interessantesten deutschen Autorinnen überhaupt halte (innerhalb und außerhalb ihres Mediums). Wie aufregend wäre es gewesen, sie kennenzulernen und – nun ja: – auszuquetschen über ihre Arbeit, ihre Zeit, ihre Arbeitsweise, ihre Vorbilder (Günter Eich!) etc.? Aber ich hatte nunmal keine Ahnung. Und ebenso ahnungslos bin ich heute im Umgang mit Menschen, die nicht mehr da sein werden, wenn ich dahinterkomme, wer sie eigentlich sind. Es ist ein tragischer Treppenwitz meines Daseins, der auf (noch) fehlender Information beruht. Und darauf, dass man seiner Mitwelt nicht immer die richtigen Stichworte gibt und die richtigen Fragen stellt.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2019/12/16/christoph-mudrich/.
Was der klassische Horrorfilm uns heutigen Mediennutzern zu sagen hat
Der tägliche Umgang mit Computern erzieht zur Demut. Das geht übrigens auch jungen Leuten so, die reden nur nicht darüber. (Wenn ich meinen blutjungen Neffen bitte, mir bei der Verwirklichung einer App zu helfen, habe ich hinterher immer ein schlechtes Gewissen, weil ihn das so viel Zeit und Nerven gekostet hat.)
Wer alte Gruselfilme kennt, wird sich schon darüber amüsiert haben: Jeder verrückte Wissenschaftler, der etwas auf sich hielt, hatte damals an seinem Arbeitsplatz einen Knopf oder Hebel, den man auf gar keinen Fall berühren durfte, weil dann das ganze Labor in die Luft flöge. (Man könnte von einer Fuck-The-System-Taste sprechen.) Ich dachte dann immer: wie tollkühn und unbesonnen. Eine solche Vorrichtung würde ich einfach nicht einbauen. Und wenn, dann würde ich es für mich behalten. Prompt flog am Ende alles in die Luft – meistens, weil jemand mit Absicht am Knopf herumgefummelt hatte.
Mit etwas Nachsicht betrachtet ließ sich der Grund für diese Torheit natürlich erahnen. Die Autoren brauchten so einen Knopf, um am Ende des Films Tabula rasa zu machen – es war eine Zeit ohne Franchise, und das Konzept der Fortsetzung steckte noch in seinen Anfängen.
Heute ist mir das Kopfschütteln über die irren Kollegen Forscher und Erfinder vergangen. Selbst bei der Herstellung dieses Blogs unterlaufen mir regelmäßig unterbewusste Tastenkombinationen, die plötzlich alles weiß werden lassen oder tatsächlich unwiederbringlich löschen, was ich in den letzten Stunden erarbeitet habe. Warum solche Kettenreaktionen überhaupt programmiert werden, weiß der Geier. Würden sie nicht programmiert, könnten sie von irdenen sterblichen Usern auch nicht versehentlich aktiviert werden.
Im Prolog eines britischen Gruselklassikers wird dafür die schöne Formulierung „to call forth“ gebraucht: etwas Unheiliges erwecken, einen Fluch auslösen …
geführt von Monty Arnold

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung
Fortsetzung vom 8. Februar 2024
Der folgende Satz aus einem Märchen von Hermann Hesse wurde von meiner besten Prima-vista-Schülerin fehlerlos bewältigt (nachdem sie sich eine halbe Stunde zuvor noch etwas kokett über „zu lange Sätze“ mokiert hatte. Der Satz ist so elegant konstruiert, dass ihr seine Länge gar nicht auffiel).
Als „Merkwürdige Nachricht von einem anderen Stern“ 1915 entstand, genossen weder der Begriff Science-Fiction noch seine Bedeutung die heutige Verbreitung und Beachtung. Der Text liest sich – angesichts des Titels und der häufigeren Erwähnung dieses „anderen Sterns“ – tatsächlich wie Science-Fiction avant la lettre. Die fremde Welt ist weniger ein anderer Planet in unserer heutigen Definition, sondern vielmehr ein märchenhaftes Dsytopia mit einem König und einem sprechenden Vogel.
Alsbald erhielt der Bote einen Freibrief des Königs, dass ihm alle Blumen des ganzen Landes, deren er bedürfte, zu Gebote stünden, und Begleiter und Boten und Diener zogen mit, und Pferde und Wagen schlossen sich ihnen an, und als er, das Gebirge umgehend, nach wenigen Tagen auf der ebenen Landstraße in seine Provinz und seine Gemeinde heimkehrte, da führte er Wagen und Karren und Körbe, Pferde und Maultiere mit sich, und alles war beladen mit den schönsten Blumen aus Gärten und aus Treibhäusern, deren es im Norden viele gab, und es waren ihrer genug vorhanden, sowohl um die Körper der Toten zu bekränzen und ihre Grabstätten reichlich zu schmücken, , wie auch um für eines jeden Toten Andenken eine Blume, einen Strauch und einen jungen Fruchtbaum zu pflanzen, wie es die Sitte erfordert.
Die Fachpresse sorgt sich um die Zunft der Programmierer. Das galt einmal als „sicherer Job“ und die ideale Berufswahl, wenn man was mit Computern machen wollte. Selbst auf mittelmäßige Kräfte wartete ein hohes Gehalt. Die Programmierer sind diejenigen, die den Code „schreiben, modifizieren und testen und dafür sorgen, dass Computersoftware und Anwendungen ordnungsgemäß funktionieren“, während Softwareentwickler sich um anspruchsvollere Aufgaben kümmern.
Doch mit dem Vormarsch der künstlichen Intelligenz werden in bedrohlichem Maße Stellen abgebaut. Einfachere Programmier-Aufgaben kann die KI miterledigen, für die größeren braucht man weniger Personal – jedenfalls einstweilen noch.
Damit normalisiert sich ein Bedarf, der mit dem Siegeszug der Tech-Branche und der Digitalisierung auf diesem Feld gewaltig angeschwollen war. Der Slogan „Learn to code!“ galt seit den 2010er Jahren gar als Psalm gegen den Strukturwandel in den Industrienationen. Schon im Kindesalter wurde der Nachwuchs gefördert, in Coding-Bootcamps brachte man reiferen Quereinsteigern Programmiersprachen bei. Nun werden die sogenannten „code monkeys“ – Leute, die relativ stupide Programmieraufgaben ohne höheren intellektuellen Anspruch durchführen – nicht länger gebraucht.
Den Programmierern widerfährt nun das, was kreativen Sparten wie Musiker, Autoren, Journalisten, Übersetzern, Zeichnern, Grafikern und Fotografen schon heimsucht, seit sich in jeder Hosentasche ein Hochleistungscomputer befindet: jeder kann sowas jetzt irgendwie machen. Und auch ohne Neigung und Talent wirken die Ergebnisse professionell. Inzwischen ist sogar die Schauspielzunft nervös geworden.
Jensen Huang, Chef des Chipherstellers Nvidia (der mit dem Trend gut zurechtkommt) bringt es auf die Formel: „Jeder ist jetzt ein Programmierer.“
Ich bin immer erleichtert, wenn sich mir die Erkenntnis, dass verbale Kommunikation ohne Missverständnisse reine Glücksache ist, in einem Zusammenhang offenbart, der zumindest nicht dramatisch wichtig oder sonstwie gefährlich ist.
Einmal bin ich mit zwei Freunden zusammen in Urlaub gefahren, weil wir gewisse soziologische Gemeinsamkeiten haben und weil die beiden so nett waren, unsere Reise zu organisieren und ich nur bezahlen und mitfahren musste.
So verschlug es mich für einige Tage nach Ibza – ausnahmsweise.
Eines Abends schlug einer aus unserer Runde – nennen wir ihn Ollie – vor, wir sollten uns an einem Ort, der glaub‘ ich Hasenfelsen hieß, gemeinsam den Sonnenuntergang anschauen. Das könnte lustig sein, weil das alle Touristen immer ganz toll fänden. Als jemand, der wenig in der Welt herumkommt und der die meisten Sehenswürdigkeiten nur von Bildern kennt, stimmte ich begeistert zu. Der Dritte – sagen wir Marco zu ihm – brauchte immer, etwas länger im Bad (aus einer putzigen Eitelkeit heraus). Ollie und ich drängten also extra eine Stunde früher zum Aufbruch als wir es sonst getan hätten.
Leider brauchte Marco an diesem Tag zwei Stunden länger, bis er sich für eins seiner bis auf die leuchtende Grundfarbe identisch aussehenden T-Shirts entschieden hatte, und so kamen wir gerade noch rechtzeitig, um zu erleben wie der letzte Zipfel der Sonne hinter die Felsenkante rutschte.
Marco war es völlig unbegreiflich, warum wir mit den Augen rollten. Mit diesem kleinen Absacken der Abendsonne war der Tatbestand des betrachteten „Sonnen-Untergangs“ für ihn erfüllt.*
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* Poetischeres zum Thema Sonnenauf- und -untergänge hat übrigens der Roman „Gentleman über Bord“ von Herbert Clyde Lewis zu erzählen. Das Buch wurde mir aus recht vertrauenswürdiger Quelle heiß empfohlen (es wird im nächsten Fall von Muße gelesen werden!), und der Anfang berechtigt schon zu den schönsten Hoffnungen.
geführt von Monty Arnold
