Die wiedergefundene Textstelle: „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.“ (Epilog)

betr.: 108. Geburtstag von Jack Arnold

„Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.“ ist eine Literaturverfilmung, deren Regisseur Jack Arnold ein besonderes Kunststück gelingt. Wenn man die Vorlage kennt – die naturgemäß um einiges umfangreicher und ausführlicher ist -, sieht man die fehlenden Szenen im Stil der Filmbilder vor sich, so als erinnerte man sich daran, sie darin tatsächlich gesehen zu haben.
Neben den Zeitgründen, die diese Sequenzen im Film verhindert haben, sind es vor allem sittliche Erwägungen des damaligen Zeitgeistes (das betrifft z.B. das allmählich ersterbende Sexualleben des Helden und seiner Ehefrau, das sich in erschütternden Dialogen ausdrückt). Das Schlusskapitel wiederum ließ die technischen Möglichkeiten der späten 50er Jahre an ihre Grenzen kommen. Es wird im Film in einem Monolog aufgelöst, der die Wunder, die unser immer winziger werdender Held von nun an schauen darf, andeutet und in Optimismus auflöst. Sein Blick schweift aufwärts, und wir sehen Bilder des Weltalls. Es ist ein sehr philosophischer Schluss von geschmackvollem Pathos.
In Richard Mathesons Erzählung „The Incredible Shrinking Man“ richtet sich sein Blick vorwärts (aus der Perspektive des Lesers: nach unten) und zeigt uns die mikroskopische Welt, in der Robert Scott Carey nun weiterleben wird. Es ist ein Aufbruch, der so auch am Anfang eines Romans stehen könnte.

Gestern nacht hatte er zum äußeren Universum hinaufgeschaut. Aber anscheinend gab es auch ein inneres Universum. Vielleicht sogar mehr als eines.
Er stand wieder auf. Warum hatte er nie an diese Möglichkeit der mikrokosmischen und submikroskopischen Welten gedacht? Dass es sie gab, hatte er gewusst. Aber er hatte nie die offensichtliche Schlussfolgerung gezogen. Er hatte immer nur in den Begriffen der Menschheit und ihrer Beschränkungen gedacht. Er hatte sich über die Natur erhoben. Denn das Metermaß war eine Erfindung des Menschen. Und für einen Menschen waren null Zentimeter so gut wie nichts.
Für die Natur aber gibt es kein Nichts. Das Dasein setzt sich in unendlichen Zyklen fort.
Dieser Gedanke schien ihm jetzt so einfach. Er würde niemals völlig verschwinden, weil es im Universum keinen Endpunkt der Nicht-Existenz gibt.
Zuerst erschreckte ihn die Idee, eine Dimension nach der anderen in endlosen Stadien zu durchschreiten.
Dann dachte er: wenn die Natur auf unendlich vielen Stufen existiert, dann vielleicht auch die Intelligenz.
Vielleicht brauchte er ja nicht allein zu bleiben?
Plötzlich begann er, auf das Licht zuzulaufen.
Und als er es erreichte, stand er in stummer Ehrfurcht da und bestaunte die neue Welt mit ihren Flächen von üppiger Vegetation, ihren schimmernden Hügeln, ihren hohen Bäumen und ihrem Himmel von Pastelltönen.
Es war ein Wunderland.
Es gab vieles zu tun und vieles zu denken. Sein Gehirn vibrierte vor Fragen und Ideen und – ja, auch wieder von Hoffnung.
Nahrung musste gefunden werden – Wasser, Kleidung, Unterschlupf. Und das Wichtigste von allem: Leben!
Wer weiß? Vielleicht fand er nun dort drüben irgendwo Lebewesen – Geschöpfe, die ihm ähnelten, mit denen er Gedanken austauschen konnte.
Scott Carey rannte suchend in seine neue Welt hinein. Er würde sie erforschen.

ENDE

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Brutale Ausdrucksweise

betr.: 97. Jahrestag der Uraufführung des Dramas „Der Schinderhannes“ von Carl Zuckmayer

Als 1958 / 59 „Der Schinderhannes“ ins Kino kam, war das abermals die Verfilmung eines Stücks des „größten lebenden Dramatikers“ Carl Zuckmayer (nach Einschätzung von Friedrich Luft, Gunter Groll, Siegfried Melchinger u.a.) durch „unseren bedeutendsten lebenden Regisseur“ Helmut Käutner (so Friedrich Luft, Gunter Groll, Klaus Hebecker u.a.). Auch der Hauptdarsteller ist sowohl ein internationaler Filmstar als auch ein erfahrener Zuckmayer-Held: Curd Jürgens („Des Teufels General“, später ein großartiger Bond-Bösewicht). Das Ergebnis ist dennoch zuallererst eine Kuriosität. Und das nicht, weil der reale Räuberhauptmann Johannes Bückler alias „Schinderhannes“, der zur Zeit der napoleonischen Kriege sein Unwesen trieb, bei seiner Hinrichtung 12 Jahre jünger war als der, der ihn spielt.
Schwerer wiegt, dass der polyglotte Curd Jürgens (als einiger Schauspieler der Filmgeschichte spricht er auf der Leinwand vier Sprachen und synchronisiert sich ggf. immer selbst) in der rheinland-pfälzischen Mundart seine Meisterin fand. Unzweifelhaft hat sich der alte Profi in den Dialekt hineingearbeitet, doch die Ergebnisse sind allenfalls etwas für Sprachforscher, die sich nach Feierabend noch einen einschlägigen Jux machen wollen.

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Deutsche Sprache weiterhin in Auflösung

betr.: Sprachpolizei

Nachdem der WDR auf seiner Homepage vorübergehend den Genitiv abgeschafft hatte (der ST. GEORGE HERALD berichtete), leistet nun auch „Der Spiegel“ seinen Beitrag zur großen Liberalisierung der deutschen Sprache. Das Wort „Chanson“ kommt zwar aus dem Französischen (dort ist es übrigens weiblich), hat aber im Deutschen eine eigene Bedeutung. Das Chanson männlich zu machen, kenne ich bisher nur aus Gesprächen mit Musical-Studenten, die ich dann kraft meiner Funktion korrigieren durfte. Bei den Herrschaften der „Bestseller“-Beilage des Spiegel hab ich leider nichts mitzureden.

Die selben Studenten sagten übrigens „die Cast“, wenn sie „der Cast“ meinten. Das ließen sie sich aber nicht ausreden, denn es hatte seinen Ursprung im Probenbetrieb und hat sich inzwischen in der Branche durchgesetzt. (Es kommt von der Eigenheit amerikanischer Kollegen, alle Hauptwörter zu verweiblichen, so wie sie z.B. auch „die Tisch“ sagen …) Seither spricht man im Musical von der Cast (also der weiblichen Sache), während beim Film weiterhin von dem Cast bzw. dem Ensemble die Rede ist.
Also, liebe Kollegen vom „Spiegel“: lasst euch nicht den Spaß verderben. Fehler setzen sich irgendwann durch!

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Über die mentalesische Brücke (1)

betr.: Lesen vom Blatt / Sprechen am Mikrofon

Es gibt dieses alte Klischee, nach dem eine Fremdsprache derjenige wirklich beherrscht, der in dieser Sprache träumt. Das klingt munter und erstrebenswert, aber kann es wahr sein?
Viel spricht dafür, dass unser Denken nicht in ausformulierten Sätzen geschieht – und somit auch unter Träumen nicht. Wir beginnen schließlich früher zu denken als wir sprechen können. Und geistig flinke Menschen sind nicht unbedingt eloquent – und umgekehrt. Der Beruf des Schriftstellers wäre viel einfacher, wenn mit jeder Überlegung auch schon eine erste Fassung ihrer Niederschrift in unserem Hirn entstünde. Natürlich gibt es auch ein Hantieren mit Worten und Sätzen in unseren Denkprozessen, aber das ist nur ein Teil davon.

In seinem Buch „Der Sprachinstinkt“ legt der Kognitionsforscher Steven Pinker weitere Argumente vor, die gegen das buchstabierbare Träumen sprechen. Im Grunde spricht er vom Kopfkino (jener Bebilderung des Gelesenen, die für den guten Vortrag vom Blatt so unerlässlich ist), wenn er erklärt, dass „Sprache nicht dasselbe ist wie Denken. In meiner Doktorarbeit habe ich über eine geistige Fähigkeit geforscht, die nichts mit Sprache zu tun hat, nämlich über Bilder – die Fähigkeit, sich Dinge vorzustellen, die man gerade nicht sieht. Das ist eine von mehreren Formen der mentalen Repräsentation neben den Worten, in denen wir denken. Aber es geht eben noch abstrakter. Der schöne Ausdruck ‚Mentalesisch‘ stammt von meinem Kollegen Jerry Fodor.“

Ein Beispiel: „Wenn wir wissen, dass zwei Sätze synonym sind, also die gleiche Bedeutung haben, dann sind diese beiden Sätze zwei distinkte Arten, dieselbe mentalesische Sache in Sprache zu kleiden. Mentalesisch ist abstrakter als konkrete Sätze. Das begegnet uns auch, wenn wir eine Textpassage lesen und uns danach zwar nicht an den Wortlaut erinnern, aber doch den Kern, den Inhalt kennen. Oder wenn es uns schwerfällt, unsere Gedanken Worte zu fassen.“
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Die Zitate stammen aus einem Interview mit dem Kognitionspsychologen Steven Pinker im „Zeit-Magazin“ Nr. 43 vom 10.10.2024.

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Selbst ein Abenteurer

betr.: 477. Jahrestag der Taufe von Miguel de Cervantes (der Geburtstag ist unbekannt)

Miguel de Cervantes Saavedra, Verfasser des „Don Quijote“, starb vor 400 Jahren. In seinem 1934 erschienen Roman beschreibt Bruno Frank das abenteuerliche Leben des spanischen Nationaldichters. Die ARD Audiothek hält die Lesung von Ulrich Noethen bereit.

1. Audienz
Der blutjunge Kardinal Aquaviva wird aus Rom zum spanischen König Philipp II. gesandt, um den Eigenmächtigkeiten des Herrschers ein Ende zu setzen. Madrid erweist sich als unbehagliches Nest. – 31 min.

2. Der Sprachlehrer
Unter den Bewerbern für die Stelle als Spanischlehrer ist auch ein junger Dichter. Dem Kardinal gefällt dessen unverstellte, ehrliche Art. Seine Name: Miguel de Cervantes Saavedra. – 15 min.

3. Geehrte geliebte Eltern
Im Frühjahr 1569 berichtet Miguel de Cervantes Saavedra seinen Eltern in einem Brief, dem er einen Wechsel beilegt, voller Zuversicht von seinem neuen Leben in Rom. – 12 min.

4. Die Venezianerin
Cervantes hat Zeit, durch Rom zu streifen und in allen den prachtvollen Kirchen zu beten. Im Pantheon begegnet er immer wieder einer Frau, so schön, dass er den Blick nicht von ihr wenden kann. – 30 min.

5. Fieber
Papst Pius will die Kurtisanen in ein abgelegenes Viertel verbannen. Hatte auf der Liste nicht auch ihr Name gestanden? Wie um den Schmerz zu lindern, raubt ein Fieber Cervantes die Besinnung. – 16 min.

6. Flottenparade
Cervantes hat sich der spanischen Marine angeschlossen. Bei Messina liegen sie vor Anker und warten auf den Admiral. Doch einer wie Cervantes, der Bücher liest, hat es bei den Söldnern schwer. – 18 min.

7. Lepanto
Im Oktober 1751 treffen in der der Bucht von Korinth die feindlichen Flotten aufeinander. Cervantes, fieberschwach, reißt es ins Getümmel. Eine Kugel zerschlägt seine linke Hand. – 18 min.

8. Im Schwarzen Hut
Cervantes hat überlebt. Kann er weiterkommen beim Militär? Als in Genua Truppen aufgestellt werden sollen, will er dorthin. In Lucca verlebt er in der Herberge einer jungen Witwe friedliche Tage. – 28 min.

9. El Sol
Nachdem Cervantes einen Monat mit seinem Bruder Rodrigo in Neapel verbracht hat, begibt er sich an Bord der „El Sol“, um nach Spanien zurückzukehren. – 11 min.

10. Die toten Könige
Philipp II. lässt die Särge mit den teuren Toten des Hauses Habsburg ins neuerbaute Escorial bringen. Der Palast ist sein Lebenswerk, die Totenparade sein großer Augenblick. Ein Sturm zieht auf. – 13 min.

11. Dali-Mami
Cervantes‘ Schiff, das bereits die Rhône-Mündung passiert hat, gerät in einen Sturm und wird von maurischen Piraten gekapert. Die Gefangenen werden nach Algier verschleppt. – 20 min.

12. Die Stadt Algier
Das Seeräuber-Königreich Algier war Inbegriff wilder Phantastik und gleichzeitig florierendes Handelsgeschäft. Gefangene aus aller christlichen Welt füllten diesen seltsamen Speicher als Ware. – 15 min.

13. Der Sklave Don Miguel
Da Dali-Mami noch immer auf ein hohes Lösegeld für Cervantes hofft, erleichtert er dem Gefangenen das Leben. Beinahe frei bewegen kann er sich jetzt, denkt aber nur an eins – die Flucht. – 21 min.

14. Drei Verräter
Mit einem Ortskundigen versuchen Cervantes und zehn Gefangene, ins von Spanien besetzte Oran zu gelangen. Am sechsten Tag ist der Führer samt Geld verschwunden. Es bleibt nicht der einzige Verrat. – 43 min.

15. Die Heimkehr
König Hassan wird abberufen. Seine Schiffe liegen zur Abfahrt nach Istanbul bereit. Gerade noch rechtzeitig kauft der Generalprokurator der trinitarischen Brüderschaft Cervantes frei. – 13 min.

16. Erster Abend
Zu Ehren von Cervantes Heimkunft gibt es ein Festmahl. Bedrückt sieht er, in welch Armut und Enge seine Familie lebt – auch, weil sie alles Geld für seine Befreiung aufgebracht hat. – 10 min.

17. Unica Corte
Cervantes‘ Vater hat die Verdienste seines Sohnes überall gerühmt, doch heimgekehrte Abenteuer gibt es gerade im Überfluss. Kann Cervantes einen neuen Verleger für sein Schauspiel finden? – 12 min.

18. Theater
Cervantes verfolgt das Geschehen auf der Bühne mit Unbehagen. Als er ein Gespräch des Direktors mit seinem jungen, erfolgreichen Autor belauscht, verliert er den Mut, sein Stück anzubieten. – 17 min.

19. Aufatmen
Geld von Andrea ermöglicht die Reise zu König Philipp. In Portugal scheint sich alles zu fügen. Ein Schreiben an den Gouverneur von Oran soll er überbringen. Ist er Botschafter oder Briefträger? – 14 min.

20. Lügenbank
Der bewunderte Tausendsassa Lope de Vega versperrt Cervantes und seinen Zeitgenossen den Weg zur Bühne. Unfrohen Herzens müht er sich, einen Schäferroman zu schreiben. – 12 min.

21. Ana Franca
Ana Franca ist jung und ergibt sich seinem Verlangen. Doch was hat Cervantes schon zu bieten? Andrea verpfändet ihre letzte Reserve. Kann er damit Ana Franca versöhnen? – 23 min.

22. Straßenkreuzung
Drei Monate waren vergangen, seit Ana Franca verschwunden war. Seine Mutter schrieb, Cervantes solle die kleine Isabella zu ihr bringen. So begab er sich auf den beschwerlichen Weg nach Toledo. – 12 min.

23. Das Dorf in der Mancha
Cervantes Mutter hat eine Braut für ihn gefunden: Catalina, versessen auf Ritterromane. Er willigt ein, doch Langeweile bestimmt jetzt sein Leben. Nur im Wirtshaus, fühlt er sich lebendig. – 33 min.

24. Der Kommissar
Cervantes reist nun als Proviantkommissar durchs Land. Verzweifelt über die Not der Bevölkerung lässt er in einem Städtchen die Kirchenvorräte beschlagnahmen. Und wird zur Strafe exkommuniziert. – 27 min.

25. Blutsprüfung
In Sevilla erreicht Cervantes mit Hilfe eines Freundes, dass die Verstoßung aufgehoben wird. Vor der Reinheitskammer, die bei allen Beamten die Abstammung prüft, kann auch er ihn nicht bewahren. – 24 min.

26. 2557029 Maravedis
Nach dem Untergang der Armada, wird das Volk noch mehr ausgeplündert. Wie ein Verdammter zieht Cervantes als Steuereintreiber durchs Land. Ein Fehlbetrag von 6.000 Talern bringt ihn in Gefängnis. – 17 min.

27. Der seltsame Kerker
Im Gefängnis ist für Geld alles zu haben. Wieder hilft ihm der Wirt, Cervantes kann eine Zelle für sich allein beziehen. Enttäuscht blickt er auf sein Leben zurück. Und beginnt zu schreiben. – 21 min.

28. Escorial
Einsam im Escorial stirbt Philipp II. unter Qualen, von denen die schlimmste ist, dass in Frankreich sein Widersacher Henri Quatre regiert, der das Leben so sehr liebt und den Glauben so wenig. – 14 min.

29. Der Ritter
Cervantes erzählt von dem Ritter, der nicht aus seinen Träumen erwacht. Seine Mithäftlinge lachen über Don Quichote. Aber er weiß, dass einst die Wahrheit aus seinem Buch hervortreten wird. – 14 min.

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Endlich wiedergesehen: „Minority Report“

Rückblickend machen die 90er Jahre fast noch mehr Freude als in Echtzeit (fast!). Die Filme, die damals herauskamen, gehören zwar zur verderblichsten Ware der Popkultur, doch ein Teil davon machte immerhin bei der Erstsichtung Freude. Einiges wenige hat sich sogar gut gehalten, aber das sind große Ausnahmen.
„Minority Report“ wollte ich 2002 unbedingt sehen, obwohl der Tausendsassa Tom Cruise längst begonnen hatte, mir mit seinem immergleichen Mackergetue fürchterlich auf den Wecker zu gehen. Immerhin gab es darin aber auch Max von Sydow, und die computergenerierten Scheinwelten wechselten sich mit tatsächlich errichteten Dekorationen noch ab, was der Illusion die nötige latente Erdung verlieh.
Schon beim Kinobesuch störte mich dies und das, verdarb mir aber nicht das Vergnügen: Cruises affige Moves beim Bedienen der 3-D-Ganzkörper-Benutzeroberfläche waren schon immer irgendwas zwischen camp und cringe, und überhaupt nehmen sich alle viel zu ernst. Aber ich fühlte mich mitgerissen.

Beim Wiedersehen hatte sich an dieser Wahrnehmung der kleinen Mängel nichts für mich geändert. Umgekehrt funktionieren die Dinge jedoch nicht mehr, die mich seinerzeit bei der Stange hielten. Alle Figuren sind mir mindestens gleichgültig, wenn nicht sogar unsympathisch, die Atmosphäre bietet eine gewaltige Tristesse, die es nicht bis zur Melancholie hinaufschafft. Die Frage, warum ich mir das überhaupt anschaue, meldete sich so machtvoll und blieb derart unbeantwortet, dass ich nach einer halben Stunde entkräftet aufgab – und die Szene gar nicht mehr erlebte, auf die ich mich ein wenig gefreut hatte: das Abscannen der Insassen des gesamten Häuserblocks durch die Roboterspinnen.

Was war passiert? Ganz einfach: Steven Spielberg hat Regie geführt. Seine gewohnt tödlich dosierte Gefallsucht mischt sich hier mit dem Wunsch, uns eine Dystopie aufzufahren (heute würde man sagen: er will uns zeigen, dass er auch „düster“ kann). Doch dazu müsste er den Mut haben, das Publikum nicht nur mit dunklen Schattierungen anzugruseln, sondern es hin und wieder regelrecht vor den Kopf zu stoßen. Die Ergebnisse dieses aussichtslosen Spagatversuchs sind ohne den Gleichklang mit dem aktuellen Zeitgeist überhaupt nicht mehr auszuhalten.
Anders ausgedrückt: wegen des Autors und seiner Vorlage – Philip K. Dick – habe ich den Film damals konsumieren können, wegen seines Regisseurs kann ich es heute nicht mehr. Spielberg hat über das Buch gesiegt.

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Vorspiele auf dem Theater (13)

betr.: Werkanfänge mit Theater-, Musik- oder Medienbezug / 61. Todestag von Gustaf Gründgens

„Mephisto“, deutsch-ungarisches Filmdrama von István Szabó aus dem Jahr 1981 nach dem gleichnamigen Roman von Klaus Mann.

Die Bühne eines Theaters in Hamburg. Die Gräfin Dubarry aus Karl Millöckers gleichnamiger Operette hebt eben zum Refrain ihres berühmten Couplets an.

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Bitte auseinandernehmen!

Betr.: „Besondere Momente mit falschem Applaus“ (avant verlag)

Es gibt in der Welt des Comics viel mehr gute Zeichner als gute Szenaristen, und nicht jeder, der gut zeichnet, kann auf dieser Ebene auch gut erzählen.
Als Freund des Mediums sollte man also auch dann zugreifen, wenn viele große  Wünsche offenbleiben.

Gipi (Gian Alfonso Pacinotti) ist ein besonders begabter Zeichner, der zwischen wie hingeworfenen Strichzeichnungen und großartig colorierten Aquarellpassagen munter wechselt. Leider tut er das auch auf der Erzählebene.
Charles Burns beherrscht diese Form, Gipi nicht.
Der beständige Wechsel von Traum und Wirklichkeit, Einst und Jetzt, Ebene und Metaebene ist in allen Kunstgattungen sehr beliebt, weil er dem Künstler das Verwursten von Unfertigem aus dem Zettelkasten gestattet. Das ginge ebensogut in Form kurzer Sujets – auch das ein klassisches Konzept, das besonders im frankobelgischen Raum zu erinnerungswürdigen Ergebnissen geführt hat (sowohl im Funny wie auch im Erwachsenencomic). Leider scheint es auf dem Comic-Buchmarkt (also der „Graphic Novel“) genauso zuzugehen wie in der Belletristik: Romane verkaufen sich besser als Kurzgeschichten (oder machen nach Verlegermeinung mehr her, was weiß ich …).

Gipi ist leider nicht begabt darin, seine Erzählstruktur halbwegs zugänglich zu gestalten. Wie grandios seine Ideen auf der Kurzstrecke funktionieren würden, ahnt, wer die Geschichte von dem Jungen, der sich im Strandurlaub etwas weiter hinauswagt und dann als leuchtendes Kind sein älteres Ich heimsucht, am Stück zu lesen versucht (und z.B. die Kriegsgeschichte einstweilen ignoriert oder das Stand-Up-Abenteuer auf später verschiebt, das dem Buch den Titel gab).
Der vierseitige Dschungel-Thriller ist gar ein fortlaufendes, für sich stehendes Binnen-Gesamtkunstwerk und verkündet überdies die frohe Botschaft, dass der Mangel an guten Dialogen gar nicht ins Gewicht fallen muss.
Und dass der Zeichner Gipi tatsächlich das Zeug zum guten Bilder-Erzähler hat.

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Die große Griechin

Das „Spiegel“-Interview zu Nana Mouskouris 90. Geburtstag am 13. Oktober ist ein reines Vergnügen! Unabhängig von der Musik, die man gerade aufgelegt hat, taugt es als Schablone für das ideale Künstlergespräch – für den Antwortgeber. Keine Torheiten über das Älterwerden (nur ein klares „Ja“ auf die Frage, ob sie heute häufiger an den Tod denke und ein „leider nicht“ auf die, ob das Lampenfieber irgendwann nachlässt), kein Gesülze über das Heiraten (lediglich der knappe, glaubwürdige Hinweis auf eine glückliche Ehe), das Kinderkriegen und die berufsbedingt häufige Abwesenheit von zu Hause („Aber aus meinen Kindern sind tolle Menschen geworden. Und mein Beruf hat ihnen ein gutes Leben ermöglicht.“), keine geheuchelte Body-Positivity, stattdessen ein einleuchtendes Anerkennen unabänderlicher Regeln der Schlagerbranche („Die Leute von der Plattenfirma sagten: Wenn du die Bühne betrittst, musst du die Menschen zum Träumen bringen. Nachdem ich Gewicht verloren hatte, schauten mich alle mit anderen Augen an.“) und ein selbstbewusstes Missachten der abänderlichen („Die Brille[…] ist mein Schutz. Ohne sie fühle ich mich nackt.“ – „Haben Sie mal überlegt, Ihre Augen lasern zu lassen?“ – „Nicht eine Sekunde!“), die Zurückweisung geflügelter Plattheiten („Marlene war kein Produkt.“) und endlich Gewissheit über Dinge, die wir bisher nur geahnt haben (das Singen im Badezimmer „vermittelt dir einen falschen Eindruck von deiner Stimme.“)   
Dieses Gespräch ist so welthaltig, ehrlich und bei aller Wachsamkeit vergnügt, dass meiner geplagten Seele – noch immer gerupft von der Lektüre der präsenilen Klischeefusseln des Francis Ford Coppola in der Titelgeschichte des „Zeit Magazins“ – ihre Flügelchen wieder nachgewachsen sind.

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