Die Kunst, das Richtige wegzulassen

Der Pulitzer-Preisträger Bill Mauldin (1921-2003), bekannt durch seine Landser-Karikaturen aus dem Zweiten Weltkrieg, lobte einst, was auch der wichtigste deutsche Comic-Künstler der Gegenwart, Ralf König, schätzt (und was er besonders bei seinem großen Vorbild Claire Bretécher am Werk sieht): Minimalismus. Verdichtung. Die Kunst, mit möglichst wenigen Strichen alles Nötige zu sagen.
Für Mauldin scheinen die meisten großen Comic Strips „in großer Hast gezeichnet zu sein. Selbst ihre begeistertsten Leser schienen zu glauben, dass die Autoren sich beim Ausdenken der Geschichten so erschöpft hatten, dass für die Zeichenkunst nicht mehr viel übrigblieb. Keinesfalls! Die einfachste Form des Zeichnens ist die einer wirren Überfülle. Zeichner, die jedes Fleckchen ihrer Werke mit Details beladen, gelten in der Branche als ‚Nietenpinsel‘, weil bei ihnen jede Niete in jedem Heizkörper stimmt. Was macht es dabei schon aus, wenn die Hauptsache im Bild verrutscht ist? Sie bieten dafür eine Rechenmaschine mit hunderten von Schaltern oder einen Baum mit jedem Blatt. Nichts überzeugt den Leser wohl mehr als ein Baum, an dem kein einziges Blättchen fehlt.“ (Man beachte Mauldins seherische Qualität, wenn er in diesem Zusammenhang von einer „Rechenmaschine“ spricht …)
Am Beispiel von Johnny Hart und dessen Strip „B. C.“ führt der Zeichner weiter aus: „… man gehe hin und platziere zwei ungewaschene Höhlenmenschen vor eine horizontale Linie, die die Oberfläche eines Moores oder die Unterkante eines bedeckten Himmels sein könnte, – oder vor eine geschwungene Linie, die den Hang eines Berges oder den Rand eines Regenbogens darstellen mag – und die Platzierung der Hauptsache im Bild darf einfach nicht verrutschen. Sie muss stimmen!“

Die frühen Cartoonisten des amerikanischen Zeitungscomics – und später die Humoristen unter ihnen – waren Großmeister der Verdichtung auf das Wesentliche. Dik Brownes „Hägar der Schreckliche“ ist ein berühmtes, „Tiger“ vom genialen Bud Blake** ein vergessenes Beispiel. Als die fleißigsten „Nietenpinsel“ dürfen die Vertreter des fotorealistischen Comics angesehen werden.
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* Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2020/04/27/humor-omnia-vincit-12/
** Siehe https://blog.montyarnold.com/2014/11/26/die-verschollenen-nachbarn-der-peanuts/

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Wie kuckst du?

In der Stummfilmzeit war das Filmbild sogar quadratisch, bald setzte sich für viele Jahre das beinahe quadratische Bildschirmformat 4:3 durch. Cinemascope-Filme – Kinofilme im 2,35:1-Format, wie sie ab 1953 gedreht wurden – erschienen also im Pantoffelkino mit schwarzen Balken. Das wirkte auf das Publikum recht cool, obwohl rechts und links immer noch Teile des Bildes fehlten. Weil es den mathematischen Kompromiss zwischen beiden Formaten darstellte, wurde ab den 80er nach und nach das 16:9-Format im Fernsehen eingeführt, Jahre bevor die Bildschirme zu Hause tatsächlich breiter wurden. Mitte der 2000er Jahre hörten die deutschen TV-Sender damit auf, Programme in 4:3 zu produzieren, die Amerikaner machten noch bis etwa 2010 damit weiter.  

Das Format 16:9 entspräche eher dem menschlichen Gesichtsfeld, hieß es in der Übergangszeit hin und wieder im Kulturteil und in der Reklame der Elektromärkte. Das deckt sich zumindest nicht mit meiner Lebenserfahrung: mein Gesichtsfeld kommt mir eher 4:3 vor. Inhaltlich war das Breitbildformat auch kein purer Segen, denn was bei manchen Kinofilmen im Fernsehen hinzukam, fiel bei anderen weg, die nun oben und unten abgesägt wurden, um breiter auszusehen. Die Balken rechts und links – die sogenannten Pillarbox-Balken – wurden im Gegensatz zu den horizontalen Cinemascope-Balken von den meisten Programm-Anbietern eher als uncool empfunden.

Im Kino sitze ich meistens ziemlich allein in einer der vorderen Reihen, weil die meisten meiner Freunde auf das TV-Feeling nicht verzichten wollen und sich möglichst weit nach hinten setzen. Mir gefällt es, wenn mein Gesichtsfeld – sei es nun eher quadratisch oder querformatig – von der Leinwand genau ausgefüllt wird.

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Die wiedergefundene Textstelle: Das große Erlebnis des Meeresbodens

Früher war für uns die Welt am Ufer des Meeres zuende. Wir begnügten uns mit 145 Millionen Quadratkilometer Festland und hatten wenig oder keine Möglichkeit, die 355 Millionen Quadratkilometer Wasser zu erforschen oder in Besitz zu nehmen. Das hat sich entscheidend geändert.
Von Neugier oder aus Interesse getrieben, sind Männer in die Tiefe vorgedrungen, um unsere Kenntnisse von der Welt unter Wasser zu erweitern.
Wir haben diese Welt in drei Stockwerke eingeteilt: das Parterre (es reicht vom Grund bis 1000 Meter unter dem Wasserspiegel) nennen wir die bathypatelagische Zone, darüber (von 1000 bis 200 Meter Tiefe) liegt die mesopelagische Zone, auch als Dämmerungszone bekannt, und von 200 Meter bis zur Oberfläche folgt dann die epipelagische Zone.
Die Welt unter Wasser liegt in einer Durchschnittstiefe von 4000 Metern.
Sie weist Ebenen auf, Täler und Berge, und wir wissen, dass die tiefsten Abgründe des Meeres tiefer sind als die höchsten Berge des Festlandes hoch. Zwar gelingt es einem Freitaucher noch nicht, in diese bemerkenswerten Abgründe hineinzukommen. Gleichviel: wenn man eine mittlere Betätigungstiefe von 50 bis 60 Metern ansetzt, so steht dem Taucher heute ein Gebiet zur Erforschung offen, das so groß ist wie – na, wie sehr groß. Die Wissenschaftler haben bereits mit der Erforschung begonnen. Und viele von ihnen tragen einen Taucheranzug: Meeresbiologen, Hydrographen, Ozeanographen, Physiologen, Ernährungskundler, Archäologen und Ingenieure.
Auch wir werden eines Tages auf den Meeresgrund hinabsteigen. Doch bis dahin gilt es noch viel zu lernen.

Luigi Luagi (Siegfried Lenz) in „Auf Wiedersehen unter Wasser“ (1960)

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Er tut’s trotzdem

Heute bin ich zu Gast bei Mischa Lorenz im Podcast „Never Meet Your Idols“, was mich sehr freut. Wir hatten einander so viel zu erzählen, dass unser Gespräch gar nicht komplett in die Folge reinpasst:

https://creators.spotify.com/pod/profile/mischalorenz/episodes/28–Monty-Arnold–Synchron–Kritik–Frher-war-alles-Besser-e3c7ovh

Es kommt vor, dass man in solchen Interviews nach seinem Lieblingsfilm gefragt wird. Hier wurde ich nach meinen fünf liebsten Filmen gefragt. Das ist sehr rücksichtsvoll – und auch sonst hat es viel Spaß gemacht.
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Der Podcast:

In „Never Meet Your Idols“ spreche ich, Mischa Lorenz – freier Fotograf, Gründer von „bad kids production“, und ehemaliger Musiker – mit Menschen, die Beeindruckendes erreicht haben. Wir reden über die Höhen und Tiefen, die Herausforderungen hinter den Erfolgen und warum es manchmal besser ist, seine Vorbilder nicht persönlich zu treffen.

In dieser Folge ist Monty Arnold zu Gast – Kabarettist, Autor und Sprecher – und heute außerdem Blogger und Podcaster . Wir sprechen über seinen Weg von der Bühne ins Studio, Rätselhaftes aus der Synchronwelt, kreative Stolpersteine und warum ehrliche Kritik so viel Spaß macht. Außerdem geht’s um Lieblingsfilme, das schöne Hamburg, die goldene Ära der Funkwerbung – und natürlich „Deponia“.

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Kultfilm Azubis: Wir müssen drinnen bleiben

Wir kennen es aus dem Lockdown: manchmal darf man nicht raus. Blake Snyder erblickte darin sogar den Gegenstand eines ganzen Filmgenres: „Eingeliefert“. Ein moderner Klassiker und ein Film, der diesen Status knapp verfehlt hat, beschäftigen uns in der heutigen Folge des Podcasts:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/breakfast-club-zu-heiss-gebadet

A) Breakfast Club – Der Frühstücksclub
/The Breakfast Club
US-Jugendfilm von 1985

Fünf Jugendliche – Zitat: „ein Schlaukopf, ein Muskelprotz, eine Ausgeflippte, eine Prinzessin und ein Freak“ – müssen am schulfreien Samstag acht Stunden lang in der Schulbibliothek nachsitzen und einen Aufsatz darüber schreiben, wer sie sind. Beaufsichtigt werden sie von Konrektor Vernon, der die Kids zwar nicht mag, aber gern von ihnen als harter Hund bewundert werden will. Zwar wird im Laufe des Tages gegen viele Regeln verstoßen, doch letztlich funktioniert die Maßnahme: die Jugendlichen stellen sich ihren Vorurteilen, Zwängen und Ängsten, entdecken neue Seiten an sich und erkennen, was sie miteinander verbindet.

John Hughes‘ Film war mit einigen Stars des „Brat Pack“ besetzt, einer vielversprechenden Nachwuchsriege, zu der auch Tom Cruise, Matt Dillon und Nicholas Cage gerechnet wurden. Der theaterhafte Film wurde ein Überraschungserfolg und erwies sich als stilbildend für den amerikanischen Jugendfilm. Ein Teil seines Nachruhms beruht freilich darauf, dass man die Qualität dieses leicht erzählten Dramas vor allem an den nachfolgenden Teenie-Komödienund –Klamottengemessen hat.

B)Zu heiß gebadet / The Ladies Man
Musikalische US-Klamotte von 1961

Herbert H. Heebert muss am Tag seines erfolgreichen Schulabschlusses erkennen, dass das Mädchen seiner Träume einen anderen hat. Er schwört sich, nie wieder etwas mit Frauen zu tun haben zu wollen.
Der Ort, an dem er sich spätabends als Hausboy verpflichten lässt, entpuppt sich am nächsten Morgen als überdimensionales Puppenhaus einer früh verwitweten und kinderlos gebliebenen ältlichen Operndiva. Mrs. Helen Welenmelon fördert junge Künstlerinnen. Unversehens ist Herbert der einzige Mann in einem Haus mit 35 hinreißenden Musikerinnen, Schauspielerinnen und Tänzerinnen. Unter der Bedingung, nicht als Mann, sondern ausdrücklich als „Mädchen für alles“ angesehen werden, ist er bereit, zu bleiben. Vorerst!
Als das Fernsehen kommt, um die Diva in einer Homestory zu portraitieren, will sich Herbert nützlich machen. Mit ins Bild will er natürlich auch …

Der Starkomiker Jerry Lewis war tugendhaft genug, sich vor der Kamera nicht etwa mit Nieten zu umgeben, um selbst besser auszusehen – eine verbreitete Unsitte –, sondern Kollegen auszuwählen, die ihre eigenen Lacher verdienen konnten. Keiner von ihnen schaffte das häufiger als Kathleen Freeman, die bei ihm annähernd den Status der Evelyn Hamann im Loriot-Ensemble einnahm. Diesmal gesellt sich noch die leibhaftige Wagner-Diva Helen Traubel dazu. U.a. deshalb ist nicht etwa „Hallo Page“ die beste Konzeptklamotte des „total filmmaker“ Jerry Lewis, es ist „The Ladies Man“.

Nächste Woche: The Man From Earth und Die Falle

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Das kann doch nicht so schwer sein

betr.: „Neue Fälle für Miss Marple“ als Lesungen im SRF Krimi-Podcast

Macht ganz schön was mit: Miss Marple (Abb.: SRF Homepage)

Wer heute noch kreativ ist, ist selber schuld. Nicht genug damit, dass die KI es inzwischen gut genug kann, um damit Kohle zu machen. Es ist ganz allgemein so, dass sich schon Dagewesenes am leichtesten verkauft: alte Showkonzepte, immer dickere Franchises und gemeinfreie Dauerbrenner à la Sherlock Holmes. (Wenn auch Stefan Raab gerade eine andere Erfahrung macht …)
Das Werk der Agatha Christie ist noch urheberrechtlich geschützt, also werfen die Erben, organisiert in der „Agatha Christie Limited“, die Melkmaschine an, solange es noch geht. Miss Marple darf (muss …) weiterermitteln.

Der SRF Krimi-Podcast, in dem Wolfram Höll und Susanne Janson allwöchentlich donnerstags Hörspiel-Ursendungen und -Archivschätze präsentieren, wird sich in den nächsten Wochen der Serie „Neue Fälle für Miss Marple“ widmen. Höll hat vier Lesungen solcher Fälle eingerichtet und stellt diese nun mit begreiflicher Zuneigung dem Publikum vor. Auf der Homepage heißt es zum Inhalt nur knapp: „Der erste Fall seziert die Unterschiede zwischen Hausherren und Bediensteten.“ Das ist auch das Fazit der Moderatoren nach dem Anhören der Lesung: Frau Christie hätte sich etwas mehr um Klassenunterschiede kümmern und sich (mit meinen anderen Worten) an ihrer Nachschreiberin Lucy Foley ein Beispiel nehmen können, wenn sie sie noch hätte erleben dürfen.

Die SRF-Reihe wirbt mit der guten Margaret Rutherford (siehe Abbildung), weil die immer noch das unangefochtene Gesicht dieser Figur ist, und einer stupiden Jingle-Version der alten Filmmusik. Die Texte orientieren sich allerdings an der literarischen Figur der Hobby-Detektivin, die von ihrer ersten filmischen Verkörperung bekanntlich deutlich abwich. Obwohl Lucy Foley den Stil der Agatha Christie auf den ersten Blick leidlich parodiert (das wäre ja auch noch schöner!), sorgt die Unbescheidenheit dieses Ansinnens von Anfang an für den eigentlichen Nervenkitzel. Der Titel „Das Böse in kleinen Ortschaften“ lässt die Kenner der Christie-Bücher an St. Mary Mead denken, Miss Marples Heimat-Örtchen (das bei Rutherford „Milchester“ heißt). Doch die Detektivin ermittelt außerhalb. Die gruseligen Ereignisse, die man meinte, der Fangemeinde zum Einstieg anbieten zu müssen, sind doch zu groß und zu fruchtig, um sie vor Miss Marples Haustür anzusiedeln.
Selbstverständlich kann am Genie der Weltliteratin Agatha Christie niemand mal so eben hochklettern. Schon gar nicht – da muss ich Frau Foley in Schutz nehmen – wenn eine Erbengemeinschaft in den Texten herumschmiert. Doch ein bisschen mehr Verständnis für die zwischenmenschliche Beobachtungsgabe der Vorlage würde guttun – ständig „meine Liebe“ zu sagen macht noch keine Miss Marple. Was außerdem fehlt, ist der Respekt vor dem zutiefst humanistischen Weltbild Agatha Christies, das woke Marketing-Kraftmeiereien wie die weiter oben und unten zitierten ebensowenig nötig hat wie moralische Belehrungen der Nachwelt. Auch sonst musste ich beim Anhören der Geschichte an Hannibal Lecters berühmten Ausspruch über seinen Kerker-Psychiater denken: „Er fummelt an meiner Psyche herum wie ein Pennäler an einem Miederhöschen.“

Von eigener Inspiration kann bei einer solchen Unternehmung ohnehin keine Rede sein, aber ich hätte mich gern positiv überraschen lassen. Literarische Anspielungen gehören bei dieser Art von Belletristik zur Atmosphäre. Im neuen Fall wird auf Alfred Tennysons Ballade „The Lady Of Shalott“ bezug genommen. Das ist der Christie-Bastelgruppe nicht etwa selbst eingefallen – solche Bücher lesen diese Leute nicht – es ist eine Idee aus dem späten Miss-Marple-Krimi „The Mirror Crack’d From Side To Side“ von Agathe Christie, dessen Titel aus der besagten Ballade stammt.

Apropos anhören: was taugt die Lesung von Ilknur Bahadir (respektive die Regie von Susanne Janson)? Es ist ein solider, leicht unterdurchschnittlicher Vortrag, der zu allzu knalligen Chargen aufläuft, wenn man eine Figur besonders unsympathisch darstellen will (um der vermuteten Schwerfälligkeit des Publikums entgegenzukommen). Was man halt so macht, wenn man Teil eines so großen Produktes ist. Im Gespräch nach der Lesung spricht Susanne Höll sogar (mit Respekt) von den Vorschriften, die ihr bei der Produktion von der Christie-Vereinigung gemacht wurden.

Auf der Resterampe rutscht sich’s wie geschmiert: „Tod auf dem Nil“ und „Mord im Orient-Express“ lassen schon nächste Woche als Ideengeber grüßen. (Abb.: SRF-Homepage)

Nächsten Donnerstag wird die Schraube weiter an- und zwei der berühmtesten Fälle von Hercule Poirot (Marples berühmterem Kollegen im literarischen Kosmos der Autorin) mit in die Wurstmaschine hineingezogen: „Mord im Ostasien-Express! Miss Marple reist nach Hongkong: an Bord des Dampfers «Die Jadekaiserin». Sie freundet sich mit einem älteren chinesischen Herrn an. Bald wird er ermordet – und er wird nicht der einzige bleiben. Miss Marples Neugier für andere Kulturen ist gefragt …“
St. Mary Mead ist nicht genug!
Ich freue mich auf Folge 4. Da dürfte dann er erste Weltraumflug der alten Lady anstehen.
Leben Sie long and prosper, meine Liebe!

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Die wiedergefundene Textstelle: Sammeln macht wunderlich

Ron Goularts Kurzgeschichte „Back On My Feet Again“ erhielt im Deutschen den Titel „Der Sarg wartet schon“. Das klingt konventioneller als es ist, denn in diesem kenntnisreichen Krimi spielen Requisiten alter Horrorfilme und deren Sammler eine Rolle. Ihr etwas tragischer Held, auch das ist pfiffig und individuell, ist von Beruf Stimmenimitator, was ihm viele Aufträge im Trickfilm und in der Werbung eingebracht hat und auf die Filmmetropole zurückverweist. Abgesehen vom fiktiven Kinovampir Igor Zarb hantiert der Text mit dem realen Gruselfilm-Repertoire und dessen Ensemble.*

Sie meinen Hurford Mildrew, den ehemaligen Präsidenten von Mildrew & Askey, der größten Talentagentur in dieser Stadt der Illusionen? Meinen Onkel Hurford, der wie ein Raubritter in einer verrückten alten Burg in Atlanta lebt, die fast überquillt von Erinnerungsstücken aus alten Filmen, aus allen Epochen der Filmgeschichte von der Stummfilmzeit bis heute? Irgendwo in diesem nicht katalogisierten Durcheinander befanden sich der schwere Buckel, den Lon Chaney sich als Glöckner von Notre Dame auf den Rücken geschnallt, das Cape, das Bela Lugosi sich in „Dracula“ um die finstere Gestalt geworfen, und drei Alben, in die Boris Karloff seine Pressekritiken eingeklebt hatte. Da waren Rüstungen darunter, Mumiensarkophage, sogar ein  mit Seide ausgeschlagener Sarg. Man munkelte, dass Mildrew häufig in diesem Sarg schlief.
Kaum hatte mein Onkel sein Haus in ein Museum für alte Filmrequisiten verwandelt, da beschloss Marco ebenfalls unter die Sammler zu gehen. Es gibt keine zwei Leute, die sich so von Herzen hassen wie zwei rivalisierende Sammler. Man stelle sich das vor, da streiten sich zwei schwerreiche alte Herren um den Eichenpflock, mit dem Igor Zarb erstochen wurde, als er in diesem vermoderten alten Film den ehrenwerten Grafen Dracula spielte. Alle Sammler sind gleich. Sie mögen eine noch so große Sammlung haben, ein Stück fehlt ihnen immer.
Igor Zarbs Vampirring wurde mit Zarb begraben, als er vor neun Jahren ins Gras biss. Aber Sachen, die begraben werden, kann man wieder ausgraben.

Redigierter Auszug aus der genannten Kurzgeschichte

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* Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2025/12/08/bram-stoker/

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Das Duo infernale des zeitlosen Horrors

betr.: 178. Geburtstag von Bram Stoker / 65. Geburtstag von Kenneth Branagh (am Mittwoch)

In seinem aktuellen „Spiegel“-Artikel „Monster wie wir“* schreibt Andreas Bernard viel Allgemeingültiges zur popkulturellen Bedeutung Bram Stokers, dessen großem Romanhelden sowie dem Parallelphänomen Mary Shelley / „Frankenstein oder Der Moderne Prometheus“: ein aufbewahrenswertes Doppelportrait:

Dracula und Frankensteins Monster tauchten in der Geschichte des Kinos immer wieder als Doppelpack auf. 1931 produzierte Hollywood innerhalb weniger Monate die beiden für die populäre Kultur des 20. Jahrhunderts maßgeblichen Verfilmungen der Romane mit Bela Lugosi als Vampir und Boris Karloff als Laborgeschöpf. 1992 und 1994 erschienen kurz nacheinander die Adaptionen von Francis Ford Coppola und Kenneth Branagh, die ihre Werktreue nach Jahrzehnten der immer freieren Varianten übereinstimmend im Titel trugen: „Bram Stoker’s Dracula“ und „Mary Shelley’s Frankenstein“.

Davor und danach gibt es diverse weitere Beispiele, etwa die vielen parodistischen und paraphrasierenden Kinoklamotten, in denen beide zusammen auftreten.

Warum sind Shelleys und Stokers Geschichten, deren ursprüngliche Publikation weit auseinanderliegt (1818 und 1897), zu einem ikonischen Zwillingspaar des Grauens geworden? Der Vampir und die künstliche Kreatur: Über diese beiden Figuren, die auf der unheimlichen Schwelle zwischen Tod und Leben stehen, scheint jede Epoche ihre dringlichsten Fragen nach der Verfassung und den Grenzen des Menschlichen zu stellen, (…) verhandelt eine Kultur ihre Wünsche und Ängste. Gleichzeitig eignen sich die beiden Geschöpfe offenbar besonders gut dafür, die neuesten medialen Verdopplungen der Welt zu erproben.

Seit knapp 100 Jahren beinahe unzertrennlich: Graf Dracula und das Monster von Frankenstein – hier mit einem weniger berühmten Kollegen auf dem Cover eines gutgebauten Sammelbandes, der die Horrortitel von Marvel Comics würdigt (2019).

Bram Stokers Roman von 1897 ist bereits selbst ein von modernen Kommunikationsgeräten durchzogenes Buch. Apparate wie Telegraphen, Schreibmaschinen und Phonographen spielen bei der Jagd nach dem Vampir eine zentrale Rolle, was den Medientheoretiker Friedrich Kittler in den Achtzigerjahren zu der Hypothese führte, in „Dracula“ gehe es nur am Rande um Sex und Tod – und in erster Linie um Fragen der Datenverarbeitung. Für das junge Kino waren die „Dracula“- und „Frankenstein“-Verfilmungen ein wichtiges Experimentierfeld. Die beiden Adaptionen von 1931 gelten als Meilensteine der Make-up- und Special-Effects-Künste in Hollywood und hatten zudem einen bedeutenden Anteil an der Etablierung des Tonfilms.

Beide Stoffe bieten sich immer wieder an, um unsere zeitgeschichtlichen Schubladen zu beschriften.  

Vor allem das Wort „Frankenstein“ (von dem wahrscheinlich jeder einmal gedacht hat, dass es der Name des Monsters sei und nicht der des Schöpfers) kam bis vor kurzer Zeit etwa dann zum Einsatz, wenn es um Debatten über die bedrohlichen Grenzen des Humanen ging.

Was beide Charaktere heute kulturell so unwiderstehlich macht, ist neben ihrer Popularität und Gemeinfreiheit, dass wir in einer Zeit leben, in der jedes Produkt des kommerziellen Mainstreams darauf versessen ist, sittliche und emotionale Tiefe zu behaupten. „Trauma Plots“ gehören zur selbstverordneten Grundausstattung des Blockbuster-Kinos. Immer ausgiebiger wird das bewegte Innenleben der Figuren in Analysen und Vorgeschichten ausgebreitet. Beim Monster, dem Inbegriff der gepeinigten Kreatur, die erst aus einer Gegenwehr heraus Böses tut, gab es diese Zwischentöne schon 1931 und sehr eindrucksvoll im Zweiteiler „Frankenstein wie er wirklich war“ von 1973*, bei Dracula kamen sie um die selbe Zeit in der Adaption durch die Marvel-Comics zum Vorschein – dezente Vorahnungen der plakativen Psycho-Analysen heutiger Drehbücher. Fazit:

Auch der Vampir und das Monster (…) sind empfindsam und menschlich, müssen sich mit ihren inneren Konflikten auseinandersetzen. Der Sog des Therapeutischen, der die Kultur des 21. Jahrhunderts bestimmt, hat auch ihre letzten Widersacher erfasst.
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* Nr. 47/2025

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Wo beginnt das Uncanny Valley?

betr.: Das Gruselige Element im Vertrauten

Marc Andersen* erzählt: „Wenn wir über den Horror in der Zeit der Sozialen Medien und der KI nachdenken, kommt mir als erstes ein altes Konzept von 1970 namens ‚the uncanny valley‘ in den Sinn, etwa: das unheimliche Tal. Menschen begannen mit dem Bau von Robotern und wollten herausfinden, warum Menschen Roboter mögen. Und sie entdeckten, dass dies umso mehr der Fall war, je ähnlicher die Roboter dem Menschen sahen. Aber dann passierte etwas Seltsames. Als die Roboter immer menschlicher wurden, mochten die Leute sie irgendwann nicht mehr. Es gab also diesen Einbruch in der Kurve, dieses Tal, das dann ‚the uncanny valley‘ genannt wurde. Man vermutete weiter, dass wir Kreaturen wie Zombies nicht mögen, weil sie zwar menschenähnlich sind, aber nicht ganz. Aus kognitiver Sicht hat es wahrscheinlich damit zu tun, dass wir sehr starke Erwartungen entwickeln, wenn etwas wie ein Mensch aussieht, sich aber nicht wie ein Mensch verhält. Das macht uns Angst. Ich denke, das ist etwas, was wir in den nächsten Jahren bei Künstlicher Intelligenz in großem Umfang erleben werden. Die KI muss ziemlich große Sprünge machen, damit ein von ihr generierter Mensch das unheimliche Tal überwinden kann. Wir reagieren sehr empfindlich auf Abweichungen von menschlichem Verhalten, und es wird schwer, einen KI-Menschen so weit zu bringen, dass er uns nicht unheimlich wird.“

Solche Künstlichkeit ist auch im wirklichen Leben und bei tatsächlichen Menschen anzutreffen, und sie zeitigt auch die beschriebenen Verunsicherungen. Dass wir das nicht sogleich als gruselig wahrnehmen, bringt die Alltäglichkeit solcher Anblicke mit sich. Wenn wir einen zweiten Blick riskieren, erkennen wir (bei anderen) diesen Effekt sofort.
Es ist keineswegs so, dass Personen erst dann künstlich wirken, wenn sie uns als ihre eigene retuschierte Social-Media-Version aus dem Smartphone heraus anblickt. So ist etwa der Selbstvermarkter Harald Glööckler unzweifelhaft auch im persönlichen Kontakt eine Kunstfigur, die sich nicht grundlegend verändern dürfte, wenn sie einmal nicht beobachtet wird. Doch ein Mensch muss nicht erst „Schönheits“-Operationen an sich vornehmen lassen, um an seiner Natürlichkeit Einbuße zu nehmen. Es ist eine Frage der Attitüde, des Stils und der nach außen verlängerten Selbstwahrnehmung. Als ein Vorreiter dieses Phänomens darf der Schlagersänger Rex Gildo (1936-99) gelten, von dem wir heute wissen, dass er am Ringen mit seiner Persona und an den Erwartungen, die er an sie gerichtet hat, zugrundegegangen ist. Seine Arbeit am öffentlichen Bild geriet ihm außer Kontrolle. Er wirkte schon früh, schon bevor er seine erste als Eigenhaar behauptete Perücke aufsetzte, überaus künstlich, heute würde ich sagen: KI-generiert.

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* Der dänische Kognitionswissenschaftler Marc Andersen erforscht in seinen „Recreational Fear Lab“ die Ausprägungen von menschlicher Furcht anhand von verschiedenen Unterhaltungsstrategien im Horror-Genre. Seine Ausführungen entnahm ich einem aktuellen Gespräch mit dem ORF-Magazin „Diagonal“.

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