Künstler, Nachbar und aktiver Vereinskamerad

betr.: 91. Geburtstag von Rolf Becker / St. Georg

Wann immer mich Menschen besuchen, die ein Weilchen nicht hier waren, erzählt man mir, wie sehr sich das Viertel seit letztens wieder verändert habe – weniger Kultur-Läden (wenn auch die Buchhandlung Wohlers wohl weiterbestehen wird, obwohl wir ihren Inhaber kürzlich verloren haben) und statt der unzähligen Bäckereien, die sich zuletzt epidemisch ausgebreitet haben, gibt es jetzt immer mehr Barbiere. Das ist der Lauf der Welt, und hier vollzieht er sich vielleicht ein klein wenig langsamer und freundlicher als anderswo. Aber er vollzieht sich.
Früher war dies hier auch ein Künstlerviertel, rund ums Deutsche Schauspielhaus herum. Vor einigen Monaten hat uns einer der quasi-Ureinwohner verlassen: Rolf Becker.

Abb.: ARD Sounds

In unserem Stadtteilmagazin „Der lachende Drache“ schrieb Liane Lieske dazu: „Als wir 1988 nach St. Georg zogen, haben wir uns (…) hier im Stadtteil immer wieder getroffen und 2019 im Rathaus eine gemeinsame Lesung – mit Sylvia, Kai Degenhardt und uns als Literarisches Menuett – gemacht. Wahrscheinlich war ich – tja was? – nicht linientreu? Keine richtige Kommunistin? – Keine Ahnung. Ich fand ihn manchmal zu dogmatisch, aber ich habe ihn trotzdem geschätzt, weil er solidarisch und empathisch war mit unterdrückten und benachteiligten Menschen.
Meine letzte Begegnung mit ihm war bei der Gedenkfeier für Jürgen Wohlers, wo ich neben ihm saß, und als er mir nach meinem Beitrag anerkennend zunickte, war ich doch beglückt (ich als Laiin). Ich habe ihm einmal gesagt, dass er mich zum Lachen bringt (bei einer Lesung meines Kinderbuches, ich erinnere mich nicht mehr, welches, im St. Ansgar-Haus, Schmilinskystraße) und zum Weinen (Lesung Carl von Ossietzky im Malersaal). Und nun, weil er fehlt.“

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Improvisation: Wiederholt, als sei es wirklich neu

Fortsetzung vom 15. Juni 2015

In seinem Gedicht „Die Improvisation (M. B.)“ (November 1939) lässt der Physiker und Wissenschaftshistoriker Shmuel Sambursky (1900 in Königsberg – 1990 in Jerusalem) den Redner „M. B.“ „völlig von sich hingerissen“ selbst glauben, dass er die richtigen Worte für einen noch nicht geäußerten Gedanken findet – und dadurch zu einem selbstsicheren Vortrag gelangen. „Am rechten Ort“ hatte er aber alles schon aufgeschrieben, um es nicht zu „verfehlen“. Auch hier gilt: Thema (die Improvisation) verfehlt, setzen, sechs!

Noch steht er mit gesenktem Haupt, als fehle
zur  letzten Klärung ihm nur jenes Wort,
das er schon längst, dass er es nicht verfehle,
sich aufgeschrieben hat am rechten Ort.

Dann löst die Hand sich, die noch eben schürfte
und suchend schon das Neue ahnen ließ,
und plötzlich sagt er es so stark, als dürfe
nun keiner daran zweifeln, dass ihm dies

erst jetzt gelang. Doch wie er seine Hörer
so sehr im Banne seines Wortes spürt,
dass sie voll Überraschung zu dem Lehrer
aufschauen, wird er auch dazu verführt,

dass er, nun völlig von sich hingerissen,
schon selber daran glaubt und ohne Scheu,
nicht mehr verkrampft, mit ruhigem Gewissen
und wiederholt, als sei es wirklich neu.

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Geschichte des Komiker-Handwerks (5.2)

betr.: Nachtrag zum 24. März 2020

Zu den persönlichen Rückschlägen im Leben Mark Twains zählten in schöner Regelmäßigkeit familiäre Tragödien von griechischem Format. Zudem war er ein schlechter Geschäftsmann und fällte ein paar folgenreiche Fehlentscheidungen. Er kaufte dem Vatikan für inflationsbereinigt 4 Millionen Dollar die Rechte am Leben von Papst Leo XIII ab (für ein Buch, das keiner lesen wollte). Weiterhin trieb ihn die Investition in eine fehlerhafte Setzmaschine in den Bankrott. Um zu überleben, trat er als Stand-Up auf, wie wir heute sagen würden, zunächst in den USA, später in aller Welt. Der Erfolg war überwältigend. Was ein Augenzeuge aus Berlin berichtet, beschreibt sehr genau, wie sich ein Komiker generell auf der Bühne verhalten sollte.

»Der Saal war gefüllt, alle Köpfe drehten sich der Tür zu; der hohe, kirchenähnliche Raum, welcher sonst wohl nur zu Gottesdiensten benutzt wird, hat gewiss nie so viel Eleganz und Neugier, oder sagen wir besser Spannung, vereint gesehen. Ich saß nur einige Schritte vom Podium entfernt und konnte den beliebten Humoristen genau betrachten. Ein schmales, blasses, kühnes Gesicht unter dem weißen, mähnenähnlichen Haar; dunkle, kleine, tief liegende Augen blitzten bald unter buschigen, noch dunklen Brauen, bald blickten sie scharf beobachtend in die Ferne; eine gebogene Nase mit gewölbten Nasenlöchern, ein dunkler, langer Schnurrbart über einem geistreichen Munde, ein kräftiges Kinn, dazu eine schmiegsame, leicht bewegliche, elegante Gestalt.
Hush! Hush! Er fängt an zu sprechen. Mr. Samuel Langhorne Clemens, so ist Mark Twains bürgerlicher Name, begibt sich nicht auf das Katheder; er steht auf dem Podium frei da; ja, er geht hin und her, er bewegt sich lebhaft während seines Vortrages. Niemals habe ich derartige Lachsalven gehört, wie sie hier nach jedem Satz erschollen.
Mark Twain spricht trocken, ernst; er unterstützt seine Rede durch Gesten, doch nie verzieht er seine Lippen, ja auch seine Augen lachen nicht. Was er spricht, klingt improvisiert; nur wenige Stellen aus seinem Buch „Über die deutsche Sprache“ las er vor, alles andere trug er vollkommen frei, im Plauderton vor, als sei es das Werk eines Augenblicks. Von unwiderstehlicher Komik sind seine Auslassungen über die deutsche Sprache.«

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Prima vosta 0,5: “Falconer” (ii)

betr.: Lesen vom Blatt / Sprechen am Mikrofon

Nachdem ich mit einer Schülerin den Krimi “Mord im Spiegel” ausgelesen habe – einen der letzten “Miss Marple”-Romane und ein bemerkenswert lebenskluges Buch, zudem reich an exemplarischen Übungen für das Lesen vom Blatt -,  wenden wir uns nun einer der längeren Erzählungen John Cheevers zu, für mich (subjektiv) vor allem ein Meister der Kurzgeschichte.
Nach der (allem Mord zum Trotz) sehr aufgeräumten und feinsinnigen Welt der Agatha Christie begeben wir uns damit in eine Männerdomäne, den Knast mit seinen Hierarchien und einer Sexualität, die dort – noch offensichtlicher noch als in Freiheit – Machtstrukturen abbildet. Diese Schilderungen schulen nebenbei den Umgang mit expliziten Darstellungen am Mikrofon.

Mich lädt diese Auswahl dazu ein, die beiden Übersetzungen zu vergleichen. Schon im Prolog springen ein paar Details ins Auge.
Der kurze Ausschnitt endet unmittelbar vor dem Auftritt des Helden.

Heutiges Beispiel: aus “Falconer” von John Cheever

Variante 1:

Das Hauptportal zu “Falconer” – der einzige Eingang für die Sträflinge, die Besucher und das Personal – wurde von einem Wappenschild gekrönt, auf dem Allegorien der Freiheit und der Gerechtigkeit die souveräne Regierungsgewalt flankierten. Die Freiheit trug eine Art Morgenhaube und eine Pike. Die Regierungsgewalt hatte die Gestalt des Bundesadlers, dessen eine Kralle einen Olivenzweig und dessen andere ein Bündel Jagdpfeile umklammerte. Die Gerechtigkeit gab sich konventionell: Über den Augen trug sie eine Binde, das enganliegende Gewand verlieh ihr einen vagen Anflug von Erotik, und bewaffnet war sie mit einem Henkerschwert. Das Basrelief bestand aus Bronze, doch war es inzwischen Schwarz geworden – Schwarz wie matter Anthrazit oder Onyx. Wie viele Hunderte mochten darunter schon hindurchgeschritten sein? Für die meisten war es wohl das letzte Emblem gewesen, mit dem die Menschheit den Versuch machte, das Mysterium des Gefangenseins symbolisch auszudrücken. Hunderte schätzte man zunächst, doch Tausende, ja Millionen dürften der Wahrheit wohl näher kommen. Über dem Wappenschild wurden die verschiedenen Namen der Anstalt fein säuberlich aufgezählt: “Falconer-Kerker 1871”, “Falconer-Korrektionsanstalt”, “Bundeszuchthaus Falconer”, “Staatsgefängnis Falconer”, “Falconer-Besserungsanstalt” und dann der letzte, der nie eine Chance hatte, sich durchzusetzen: “Staatsvollzugsanstalt”. Knastbrüder nannte man jetzt Insassen, Arschlöcher Vollzugsbeamte und das Oberarschloch Superintendent. Ruhm ist Glücksache – weiß der Himmel -, aber “Falconer, das für zweitausend Missetäter kaum über die notwendigen Einrichtungen verfügte, war so berühmt wie “Newgate”. Wohl waren die Wasserfolter, die gestreiften Anzüge, das Zusammenschließen, die Ketten und die Kugeln verschwunden, und wo einst der Galgen stand, gab es jetzt ein Softball-Feld. Doch zu jener Zeit, über die ich schreibe, waren in Auburn noch immer feste Fußeisen in Gebrauch. Man konnte die aus Auburn sofort am Lärm erkennen, den sie bei ihrer Ankunft machten.

“Falconer”, Droemer Knaur 1978

Variante 2:

Das Hauptportal von Falconer – der einzige Eingang für Häftlinge, Besucher und Personal – war von einem Wappen gekrönt, auf dem Allegorien der Freiheit und der Gerechtigkeit die Staatsgewalt einrahmten. Die Freiheit trug eine Spitzenhaube und war mit einem Spieß bewaffnet. Die Staatsgewalt wurde vom Bundesadler symbolisiert und hielt einen Olivenzweig und ein Bündel Jagdpfeile in den Krallen. Die Justitia bot das konventionelle Bild: die Augen verbunden, ihr eng anliegendes Gewand verlieh ihr einen Hauch von Erotik, und in der Hand hielt sie ein Richtschwert. Das Basrelief bestand aus Bronze, doch inzwischen war es ganz Schwarz – wie matter Anthrazit oder Onyx. Wie viele Menschen waren wohl darunter hindurchgeschritten? Für die meisten war es wohl das letzte Emblem gewesen, das vom Versuch des Menschen zeugte, das Mysterium der Gefangenschaft symbolisch zum Ausdruck zu bringen. Hunderte vermutlich, nein Tausende, wahrscheinlich sogar Millionen. Über dem Wappen waren die verschiedenen Namen der Anstalt aufgeführt: Falconer Kerker 1871, Falconer Besserungsanstalt, Falconer Bundeszuchthaus, Falconer Staatsgefängnis, Falconer Justizvollzugsanstalt und schließlich der letzte, der sich nie durchgesetzt hatte: Haus Morgenröte. “Knackis” hießen jetzt Häftlinge, “Wachteln” Vollzugsbeamte und der ”Häuptling” Direktor. Ruhm ist launisch, weiß der Himmel, aber Falconer, das kaum genug Platz für zweitausend Straftäter bot, war so berühmt wie Newgate. Zwar waren die Wasserfolter, die gestreiften Sträflingsanzüge, das Marschieren im Gleichschritt, die Ketten und Kugeln abgeschafft worden, und wo einst der Galgen gestanden hatte, befand sich inzwischen ein Softballfeld, doch zu jener Zeit, über die ich schreibe, waren in Auburn noch immer Fußeisen in Gebrauch. Die Männer aus Auburn waren an dem Lärm zu erkennen, den sie bei ihrer Ankunft machten.

“Willkommen in Falconer”, Dumont 2012

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Kultfilm Azubis: Urban Professionals

Erinnert sich noch jemand an diese Typen, die man rund ums neue Millennium als Yuppies bezeichnet hat: die Young Urban Professionals? Um solche Leute, die sich beim Streben nach Glück ein wenig verrannt haben, geht es im heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/american-psycho-glengarry-glen-ross

A) American Psycho
Amerikanische Sozialsatire von 2000

Der eitle Wall-Street-Broker Patrick Bateman jongliert mit Millionen, führt ein von Luxus und pseudointellektuellem Smalltalk bestimmtes Leben. Er verachtet sein soziales Umfeld, das er als ebenso hohl und degeneriert empfindet wie sich selbst. Anders als seine Freunde sucht er sich jedoch ein Ventil für seinen Welt-Ekel: er verübt sadistische Morde, über die er gelegentlich sogar ganz offen spricht. Doch er wird als Scherzbold missverstanden. Seine Taten bleiben ohne jede Konsequenz …

Der Zeitgeist der Jahrtausendwende lässt sich auch am Wirbel ablesen, den der Skandalroman „American Psycho“ von Bret Easton Ellis 1991 erzeugte – ein Erfolg, der die Verfilmung fast obligatorisch machte. Der ehemalige Kinderstar Christian Bale hätte die Rolle, die ihn nachhaltig berühmt machen sollte, um ein Haar an einen berühmteren Kollegen verloren. Doch alle fürchteten einen drohenden Image-Verlust und die Schinderei durch Training und Diät, um den makellos-narzisstischen Psychopathen überzeugend darstellen zu können. Bale hat sich auch später gern für extreme Auftritte vor der Kamera geschunden.

B) Glengarry Glen Ross
Amerikanisches Drama von 1992

In einem New Yorker Maklerbüro versuchen vier Grundstücksspekulanten alter Schule, per Telefon Käufer für ein wertloses Sumpfgebiet zu finden. Die Zentrale schickt einen protzigen Topmanager, der sie als „Versager“ beschimpft und ihnen ein Ultimatum stellt. Derjenige, der in den nächsten Tagen die meisten Abschlüsse tätigt, bekommt einen Luxuswagen. Die beiden schlechtesten Verkäufer werden entlassen. Das bedeutet Krieg unter den Kollegen, doch es führt auch zu einer seltsamen Allianz …

Auf der Bühne trug dieses Kammerspiel von David Mamet den hübscheren Titel „Hanglage Meerblick“. Die komplett männliche Darstellerriege wirkt heute wie aus einem Casting-Märchenbuch. Der Jüngste ist Kevin Spacey, der Älteste sein Förderer Jack Lemmon, der im Herbst seiner Karriere eine besonders denkwürdige Darstellung abliefert: die tragische Karikatur seines tragikomischen Helden C. C. Baxter, in Billy Wilders „The Apartment“. Das Theaterstück erhielt den Pulitzerpreis, der Film fiel beim Publikum durch.

Nächste Woche: La Strada – Das Lied der Straße und Coma  

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Der Song des Tages: „Zwei Märchenaugen“

betr.: 100. Jahrestag der Welt-Uraufführung der Operette „Die Zirkusprinzessin“ von Emmerich Kálmán im „Theater an der Wien“

Mr. X – unkenntlich durch eine Maske – führt im Zirkus eine gefährliche Reit- und Springnummer vor. Als er der schönen Fürstin Fedora Palinska vorgestellt wird, die ihm zuvor applaudiert hat, erkennt sie ihren einstigen Verehrer nicht wieder und behandelt ihn herablassend. Mr. X ist der Interpret des Liedes, um das es geht.
Es ist ein wenig unhöflich, eine Arie, von der eine Fassung des großen Fritz Wunderlich vorliegt, lieber von jemand anderem zu hören. Wunderlich versteht die Nummer vom (augenscheinlich heiteren) Refrain her, von der Titelzeile des „Operetten-Glanzlichtes“ „Wenn man das Leben durchs Champagnerglas betrachtet“; das Tempo ist von Anfang an flott und beschwingt.
Die vorangehende Strophe „Wieder hinaus“ entdeckte und begriff ich erst, als ich sie in einer dieser insgesamt spießigen Operettenverfilmungen des ZDF, die in meiner Jugend häufig gezeigt wurden, den damals sehr populären Rudolf Schock singen sah und hörte. Wie er in seiner Künstlergarderobe die Verachtung beklagt, mit der das Bürgertum seinesgleichen behandelt – ungeachtet des bescherten Frohsinns und der bereiteten Zerstreuung – das ist groß und wahr und wahrhaftig.
Schock gibt dieser Arie von den „Zwei Märchenaugen“ ihre Doppelbödigkeit zurück und macht aus dem Champagnerglas ein Gewässer, aus dem man nicht nur schlürfen, sondern in dem man auch ersaufen kann. Er hebt sie hinauf in den stilübergreifenden Lieder-Olymp, in dem solche unerreichten einschlägigen Meisterstücke wie „Laugh Clown Laugh“ und „Let’s Face The Music And Dance“ verwahrt sind.

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Ein Allerlei aus Resten

Aktuelle Filmkritik

Seit dem Quellenwerk „Alte Frauen in schlechten Filmen“ wissen wir, dass ein Auftritt in einem Horrorfilm für Filmstars mit Vergangenheit ein böses Omen sein kann. Gilt das heute noch? Gilt heute überhaupt noch irgendwas? Ein flammneuer Gruselfilm gibt Auskunft!
Und der aktuelle Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/they-will-kill-you

They Will Kill You
Horrorfilm von Kirill Sokolov

Warte nur ein Weilchen: Zazie Beetz sucht den Ausgang … – Bild: WB / Nocturnia

Vor zehn Jahren schoss Asia Reaves auf ihren gewalttätigen Vater. Sie wanderte ins Gefängnis und musste ihre kleine Schwester Maria hilflos bei dem Mann zurücklassen, vor dem sie ihn eigentlich schützen wollte. Wieder auf freiem Fuß, will Asia ihre inzwischen erwachsene Schwester aufsuchen, doch Maria ist spurlos verschwunden. Ihr letzter bekannter Job war: Dienstmädchen in einer exklusiven Residenz mitten im gentrifizierten Manhattan, dem monströs-mondänen „Virgil“. Asia bemüht sich dort ebenfalls um eine Anstellung. Von Anfang an hat sie weniger mit der Versorgung der reichen Gäste als vielmehr damit zu tun, sich die Satanisten vom Hals zu halten, die das Haus bewirtschaften. Immerhin findet sie tatsächlich Maria wieder …

Sein Low-Budget-Kammerspiel „Why Don’t You Just Die!“ und den Nachfolger „No Looking Back – Ohne Rücksicht auf Verluste“ realisierte der russische Filmemacher Kirill Sokolov noch in der Heimat, dann siedelte er in die USA über. In seiner neuen Horror-Actionkomödie spielt Zazie Beetz, die wir aus „Deadpool 2“ kennen, die Hauptrolle. Ihre fieseste Gegenspielerin ist Patricia Arquette.
Das Eröffnungsbild ist großartig, wenn es auch als Botschaft dieses Films – ja, so etwas wird hier wirklich behauptet – nicht trägt: eine wohlhabende Familie, die von Schaufensterpuppen dargestellt wird, sehen wir erst aus der Nähe, dann durch eine Schaufensterscheibe, vor der ein übles Unwetter tobt. In dieser Welt leben die Heldin und ihre kleine Schwester. Immer mal wieder wird gegen „reiche Leute“ gewettert, auch ganz zuletzt, als Schlusswort.
In den nächsten Minuten werden noch ikonische Bilder als „Psycho“ und „Shining“ zitiert, dann verlöschen derart weit zurückreichende Anspielungen.
Beim Betrachten des Films fällt auf: Trash wirkt heute wertiger als früher, aber es bleibt Trash. Schlechtes muss nicht billig sein – oder doch zumindest nicht billig aussehen.

Zugegeben: das Wort „Horror-Actionkomödie“ habe ich aus der Verleihwerbung zitiert. Was hier missglückt, ist keine Komödie, es geht eher in Richtung Klamotte und tut auch dieser Gattungsbezeichnung unrecht.
Die mörderischen Action-Ballette, die vor knapp 30 Jahren noch eine Sensation waren, kann heute jede KI herstellen – was sie nicht muss, da uns solche Bilder längst zum Hals raushängen. Das hat Gruselmeister Sokolov nicht mitbekommen, und so beglückt er uns schon in der ersten Viertelstunde mit einem Gemetzel, das keine Steigerung mehr erfahren wird und das – was noch schlimmer ist – auch jedes Geheimnis zerstört, womit wir es bei diesem Edel-Spukhaus zu tun haben. Damit ist auch jeglicher Neugier der Hals umgedreht, was die Heldin in diesem Gemäuer noch erwartet. Zwar wird sich noch eine Erklärung fürs Finale aufgehoben, doch bis die kommt, sind wir längst gegen alles kreuzweise abgestumpft, was in irgendeiner Weise mit Feuer, platzenden Köpfen, Messerkämpfen, Augenverletzungen, Blutfontänen und choreographiertem KI-Slomo-Rumgehopse zu tun hat.
„They Will Kill You“ ist, selbst wenn wir die geringsten Splatter-Erwartungen zugrundelegen, ein derartig wertloser Mist, dass die Rezension hier zuende ist.

Für alle, die noch mögen, nutze ich die restliche Zeit, um zu sortieren, womit wir es hier zu tun haben: mit dem aktuellen Endstadium der Post-Tarantino-Epoche. Was wir hier geboten bekommen, ist restlos alles, worauf wir heute noch hoffen dürfen, wenn sich Schlachtfeste wie diese irgendwie in einen Film einbauen oder in seiner Handlung motivieren lassen. Auch der kürzlich bei den Oscars gefeierte „Blood And Sinners“ ist erkennbar ein Kind dieser Strömung.

Als Quentin Tarantino vor etwas über 30 Jahren seinen Durchbruch hatte, glaubten alle, sie wüssten jetzt, wie sowas geht. Es war, als wäre eine kurze Geheimformel aufgesagt worden, die man nur phonetisch nachplappern muss. Eine Flut von Filmen mit quasselnden Killern und flapsigen Psychopathen ergoss sich in der zweiten Hälfte der 90er Jahre auf die Leinwände. Auch im deutschen Film mangelte es nicht an halbstarken Imitationsversuchen.
Tarantino selbst wurde unterdessen in seinen Konzepten größer, in seinem Idiom opernhafter, in der Erzählung langatmiger. Waren es zunächst „Pulp Fiction“– und „Reservoir Dogs“-Nachahmungsversuche, die jetzt jeder zu beherrschen glaubte, kriegen wir heute hauptsächlich „Kill Bill“– und „Django Unchained“-Varianten zu sehen, nur ohne die popkulturelle Bildung und den persönlichen Geschmack, den wir bei Tarantino bis zuletzt spüren konnten, auch wenn wir letzteren nicht immer teilen mochten. Was ein hochmögendes Prestige-Produkt wie „Blood And Sinners“ mit Küchen-Abfall von der Sorte unseres heutigen Gegenstandes letztlich verwechselbar macht, ist dieses völlige Fehlen von einem Interesse für das Kino an sich, das Kino vor Tarantino, das diesen noch prägte und amüsierte.
Schon hier beginnt das große Missverständnis: Quentin Tarantino hat das, was er da zitierte, nicht nur unerwartet gemischt und zu etwas Eigenem gemacht, er hat diese Sachen erst einmal angeschaut und persönlich geliebt und nicht einfach nur geplündert. Wer ihn heute plündert, interessiert sich nicht für solche Sentimentalitäten. Inspiration ist was für alte Heinis. Sie ist out.   

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Bothered and bewildered

Zum Start des Films „Blue Moon“ am Donnerstag

Zum Hören: https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/blue-moon

Richard Linklater ist ein sehr sorgfältiger Autor und Regisseur, der lange an seinen Filmen arbeitet. Das können Mehrteiler wie die „Before“-Trilogie sein, aber auch eine Langezeitstudie wie „Boyhood“ oder der für 2040 angekündigte „Merrily We Roll Along“. Zurzeit sind zwei seiner Filme parallel unterwegs, beide nach realen Begebenheiten aus dem Kulturbetrieb: das Kammerspiel „Blue Moon“ und der programmatisch betitelte Schwarzweißfilm „Nouvelle Vague“ über die gleichnamige Strömung des französischen Kinos nach dem Krieg.
Zum Letzteren schrieb der „Spiegel“ etwas, das auf beide zutrifft: »Alle Protagonisten geben permanent geistreiche Sätze von sich, (…) ein Quell von Sentenzen, literarischen Zitaten, Apercus; und in manchen Passagen wirken die Dialoge wie eine zu dichte Aphorismensammlung. Verstärkt durch die perfekt kuratierten Kulissen erlangt die (…) Ästhetik stellenweise eine beinahe pornografische Intensität. In dieser Opulenz liegt schließlich auch der elementare Unterschied zwischen Original und Rekonstruktion.«

Während „Nouvelle Vague“ klassische Filmszenen wiederherstellt, ist „Blue Moon“ eher ein Backstage-Bericht, der am Premierenabend des Broadway-Musicals „Oklahoma!“ spielt. Dieses markierte 1943 den Wechsel des Erfolgskomponisten Richard Rodgers von seinem langjährigen Songtexter Lorenz Hart zu Oscar Hammerstein II. Heute wissen wir, dass dies eine endgültige Veränderung sein würde. Und dass das Musical wie auch das Duo Rodgers & Hammerstein Geschichte schreiben sollten.
Der aussortierte Liedtexter sitzt nun am Abend der Premiere im „Sardi’s“ und ist so niedergeschlagen, als wäre ihm beides schon bewusst. Als spitzfindiger, homosexueller Satiriker lässt er sich seine Endzeitstimmung nur mit starker ironischer Brechung anmerken.

Der erste Teil des Films wird hauptsächlich von Ethan Hawke als Lorenz Hart und von Bobby Canavale als Barmann getragen, deren Dialog aus einem pointierten Theaterstück stammen könnte. Dann treffen nach und nach die anderen Premierenbesucher und -beteiligten ein, schließlich auch Rodgers & Hammerstein. Sie lesen die ersten Kritiken (alle hymnisch) und brechen schließlich zu ihrer Feier auf. Hart wird ankündigen, später dazuzustoßen und natürlich nicht hingehen – wie käme er dazu? Er schwadroniert immerzu von seiner Gegenparty, auf der das Golden Gate Quartet singen wird.

Ich bin nicht unvorbelastet: die Details der Trennung von Rodgers & Hart, die abgesehen von Cole Porter die witzigsten, zeitlostesten Musicals der 30er Jahre verfasst haben und damit Dutzende unsterblicher Hits wie „My Funny Valentine“ und „The Lady Is A Tramp“, hat mich schon immer interessiert. Ich habe mich gefragt, wie es wohl gewesen sein mag, als sich der solide Erfolgskomponist Richard Rodgers – bürgerlich und brav, wenn auch kein treuer Ehemann – seines so wesensfremden Texters entledigte: des Partylöwen Lorenz Hart, der zunehmend mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatte. Linklater erarbeitete sich das Buch aus dem Briefwechsel Lorenz Harts mit seiner jungen Vertrauten Elizabeth Weiland und benannte es nach dem Popsong „Blue Moon“, einem Erfolg des Teams Rodgers & Hart von 1933, den der Liedtexter selbstredend als unter seiner Würde betrachtete.
Gnädigerweise musste Lorenz Hart die Erfolgsgeschichte des neuen Musical-Duos, der „Klassiker-Fabrik“ Rodgers & Hammerstein, nicht mehr miterleben: er starb Monate später  an den Folgen seines Lebenswandels, wie wir schon zu Beginn des Films erfahren.
Der Charme von Hawke und Cannavale trägt diesen Film über Bitterkeit und die erbarmungslosen Gesetze des Showgeschäfts, der sonst allzuleicht in Häme und Selbstmitleid versacken könnte, gerade angesichts der geschliffenen Bosheiten, mit denen der Held seine Lage kommentiert. Neben diesem Risiko ist es vor allem das Namedropping eines solchen Kostümfilms in Echtzeit, vor dem man sich als Regisseur in Acht nehmen muss. Der Film bekommt das ganz ordentlich hin, jongliert er auch unablässig mit Liedzeilen und Showtiteln, außerdem mit „Casablanca“-Anspielungen – Hart und Barmann Eddie haben diesen aktuellen Kinohit schon mehrmals gesehen.
Ethan Hawke macht seine Sache sehr gut, obwohl er (soweit man das bei einem so versierten Schauspieler sagen darf) gegen seinen Typ besetzt ist. Als älterer Schwuler mit Haarausfall, der zudem unter seiner geringen Körpergröße leidet, wird er vor allem durch die Bemühungen der Tricktechniker behindert, seine tatsächliche Beinlänge zu überspielen.
„Blue Moon“ ist ein sehenswerter, ein kostbarer Film. Er wird es nicht leicht haben.
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Weiterführendes zum Thema: https://blog.montyarnold.com/2021/04/19/soliloquy-from-carousel/

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Diese un-entsetzlichen Lücken

»Ich bin eine hoffnungslose Nostalgikerin. Ich schwelge in meiner eigenen Vergangenheit, liebe es, mir alte Fotos anzuschauen, und trauere den sorglosen Schul- und Unizeiten hinterher. Ich möchte jedes Jahr an denselben Urlaubsort fahren, alte Lieblingsbücher wiederlesen und Familientraditionen aufleben lassen. Ich schlafe immer noch mit meinem Teddybären aus Kindertagen und kann mich nicht von persönlichen Erinnerungen trennen. Der Trend aus den sozialen Medien, die Musik und den Style von 2016 zu feiern – und die persönliche Entwicklung seitdem -, war für mich wie gemacht: Ich verlor mich für Stunden in meinem persönlichen Fotoarchiv und erinnerte mich an die guten alten Zeiten, in denen ich Mitte zwanzig war.«
Mit diesem launigen Bekenntnis beginnt Agnes Arnold-Forster ihren Artikel zum Thema “Nostalgie”*, in dem sie u.a. die schräge und hochinteressante Geschichte dieses Begriffs beleuchtet (seinen Ursprung als Diagnose einer Krankheit, die sogar tödlich verlaufen konnte).
An der oben zitierten Eröffnung verblüfft mich, wie wenig sie mit mir übereinstimmt (gar nicht!). Das wiederum sagt mir, wie vollkommen subjektiv wir diesen Begriff verwenden, wie zuverlässig er zu Missverständnissen führt (und warum ich ihn schon länger intuitiv vermeide).
Ich schaue mir sehr ungern alte Bilder an (ist doch alles nicht mehr zu ändern), hatte eine außerordentlich grauenvolle Schulzeit, finde Wegfahren stressig und urlaube am liebsten zuhause, komme kaum zum Wiederlesen meiner Lieblingsbücher, weil so viel noch Ungelesenes wartet (habe sie aber griffbereit, um sie jederzeit stellenweise wiederlesen zu können), und was meine Familie angeht … naja. Die / meine Trends von 2016? War das nicht gerade eben erst? Mit Mitte 20 (länger her als 2016) war ich vergleichsweise unglücklich. Immerhin habe ich mich seither verbessert. Und der sprichwörtliche Teddybär? Den gab es nicht. Ein Grund mehr, meine Nostalgie-Definition für mich zu behalten. Wenn man jemandem sagt: “Da war kein geliebter Teddybär”, dann wird man sicher ziemlich mitleidig gemustert. Schon in Ordnung, meine Lieben.
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* “Frankfurter Allgemeine Quarterly” 2 / 2026

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Immer noch der Captain

betr.: 95. Geburtstag von William Shatner

Wer hätte das gedacht: weder die unverwüstliche Kritik an seinen schauspielerischen Grenzen (nicht immer berechtigt) noch seine Karriere nur im Fernsehen und weniger im Kino (heute völlig anders bewertet) noch die Zeitzeugenberichte von mangelndem Wohlverhalten der Crew gegenüber (von ihm selbst schamvoll eingeräumt) konnten etwas daran ändern, dass William Shatner der einzig wahre Captain Kirk und als solcher eine der beliebtesten Typen Hollywoods ist. Zugegeben: dass er die oft an ihn gerichtete Aufforderung „Live long and prosper“ tatsächlich befolgt hat und immer noch da ist, hat dazu beigetragen, dass sein Kirk inzwischen sogar den eigentlich unschlagbaren Mr. Spock als heimlichen Star der Ensembleserie „Raumschiff Enterprise“ abgelöst hat. – Ich selbst hätte die beiden nie gegeneinander ausspielen wollen, bin aber inzwischen zweimal gefragt worden, ob Kirk nicht der Kultigere ist – schon das Aufkommen dieser Frage sagt etwas aus …
Inzwischen gibt es sowohl zu „Star Trek“ als auch seinen Helden sowie der Heldin Uhura viel Literatur, darunter sogar allerlei Autobiographisches. Das bei aller Fairness und Ausgewogenheit amüsanteste Buch, das ich über William Shatner bisher gelesen habe, ist längst vergessen und schon wegen seines weit zurückliegenden Erscheinungsdatums mit dem Makel der Nicht-Aktualität behaftet: „Der Captain“. Ich würde es trotzdem allen empfehlen, die anlässlich des heutigen Datums (oder einfach so) tiefer in das Thema einsteigen möchten. Bis 1995 gibt es keine schönere einschlägige Quelle – und außerdem bezeugt es die Langlebigkeit seines Gegenstandes.
Das Buch von Dennis W. Hauck erschien bei Heyne, versteht sich jedoch nicht als Beitrag zur Heyne-Filmbuchreihe.

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