Emma Peel und die Rache der Enterbten

betr.: 120. Geburtstag von Billy Wilder

Remakes sind überall, wenn sie sich auch nach Möglichkeit als Prequels, Alternativ-Universalien oder schlicht als etwas Neues verkleiden. In Wahrheit war die Ideenarmut in Hollywood noch nie so aufdringlich mit Händen zu greifen wie heute und das Misstrauen der Filmschaffenden in ein Publikum, das sich eventuell gern mal wieder überraschen lassen könnte, so groß.
Wenige Remakes sind sinnvoll – zuletzt habe ich gestaunt, wie nah die x-te Version von “Wuthering Heights” ihrer literarischen Vorlage kam und wie viel schlechter selbst ihre glanzvollsten Vorläufer in dieser Disziplin dagegen abschnitten.
Aber meistens sind Remakes eine Pest, reine Zeitverschwednung, ein Armutszeugnis, eine Unverschämtheit.

“Zeugin der Anklage” von 1982 ist ein besonderer Fall.
Er scheint nicht vollkommen sinnlos, wirkt er doch immerhin, als sei er eigens produziert worden, um uns vor Augen zu führen, wie bescheuert es ist, das Remake eines der Klassiker von Billy Wilder vorzulegen, der seinerseits ein Klassiker ist.
Es gibt in der TV-Version mehrere wirkliche Altstars (etwa Ralph Richardson und Deborah Kerr) und einige Namen mit großer Vergangenheit (allen voran die an anderer Stelle bahnbrechende Diana Rigg oder der Dauerbrenner Donald Pleasence), außerdem seitenweise brillante Dialoge aus den beiden Originalen: dem Theaterstück von Agatha Christie und dem Drehbuch von Harry Kurnitz und Billy Wilder.
Doch lässt die Neufassung schon rein optisch alles vermissen, was das Original von 1957 auszeichnet: Licht, Luftigkeit, Eleganz. Die modrige TV-Optik mit ihren halbschattigen Pappkulissen wirkt so bedrückend, dass man sich nach der stilvollen Schwarzweißfotografie selbst der Kerkerszenen zurücksehnt.
Man versucht, die alten Bilder zu vertreiben, doch immer wieder werden Szenen so schamlos nachgestellt, dass sie die Schmach geradezu anfachen.  

„Zeugin der Anklage II“ ist derartig missraten, dass er sich als abschreckendes Beispiel mühelos neben den zahlreichen Fehlleistungen behauptet, die seither entstanden sind. Am nächsten liegen hier die eitlen Plünderungen, die der im Alter immer selbstbesoffener werdende Kenneth Branagh wiederum an Agatha-Christie-Filmklassikern begeht (– mit Shakespeare ist er durch, jetzt hat er sich eine Jüngere gesucht). Seine Schändungen so munterer Evergreens wie „Tod Auf dem Nil“ mit Peter Ustinov und „Mord im Orient-Express“ mit Albert Finney schlagen immerhin spektakulär fehl, laut knallend und effektvoll stinkend, während „Zeugin der Anklage“ kläglich in die Tiefe rutscht und dabei ein quälendes Quietschen ausstößt.

Besonders weh tut die sogenannte „Bearbeitung“ des Kino-Drehbuchs durch John Gay (1924-2017), der nur Nichtigkeiten an der Vorlage verändert (Schauplätze austauscht, Auf- und Abgänge verschiebt oder vorverlegt) und dem nichts Eigenes einfällt, sobald es zu den Szenen im Gerichtssaal kommt, die schlicht nicht besser herzustellen sind und daher Wort für Wort aus dem Film abgeschrieben werden. Einmal will Mr. Gay es aber richtig wissen, nämlich als die Anwälte kurz vor Prozessbeginn mitleidig den Kopf über ihren Mandanten schütteln, der all seine Hoffnung in die eiskalte Titelheldin setzt. Bei Kurnitz und Wilder erinnert er seine Verteidiger „an einen Ertrinkenden, der sich an einem Haifischrachen festklammert“. Bei Gay klammert sich der Ertrinkende an eine Rasierklinge. Soso …

Veröffentlicht unter Film, Krimi, Literatur, Medienphilosophie, Rezension, Theater | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Columbo in Babylon

betr.: 35. Todestag von Klaus Schwarzkopf

Obwohl Columbo hauptsächlich zwei deutsche Stimmen hat – Klaus Schwarzkopf und dessen Nachfolger Horst Sachtleben – kommt es uns beim zufälligen hineinschalten in die noch immer fröhlich gesendeten Wiederholungen so vor, als wären es ein Dutzend verschiedene Sprecher, die da am Werk sind. Ganz so schlimm ist aber nicht.

Die beiden TV-Movies „Mord nach Rezept“ (1968) und „Lösegeld für einen Toten“ (1971) wurden noch mit Uwe Friedrichsen in der Hauptrolle synchronisiert, da niemand davon ausging, dass „Columbo“ in Serie gehen würde. Beginnend mit der ersten regulären Serienfolge „Tödliche Trennung“ (1971, bei uns 1974) übernahm Klaus Schwarzkopf (der damals auch für den NDR als „Tatort“–Kommissar Finke ermittelte) den Part. 1978 wurde die Serie eingestellt, und eine Fortsetzung war nicht abzusehen, obwohl sie sich viele wünschten.
Als Klaus Schwarzkopf 1991 starb, hatte er die ersten Folgen des 1989 wieder angelaufenen „Columbo“-Revivals noch übernehmen können. Für kurze Zeit wurde er von Claus Biederstaedt (deutsche Stimme von „Detektiv Rockford“ James Garner) vertreten, bevor der Auftrag von Hamburg nach München und damit glücklicherweise an Horst Sachtleben ging (den ich persönlich für den besten deutschen Columbo halte).
Sieht man von Friedrichsens kurzem Vorspiel ab, haben wir es also mit drei Stamm-Stimmen zu tun. Eine Folge geistert jedoch mit der Stimme von Hans Sievers durch die Rotation: „Tödliche Kriegsspiele“. Sie stammt aus einem Paket von fünf Folgen, die für den Videomarkt bearbeitet wurden, ehe feststand, dass RTL die neuen und alten Columbo-Folgen ins Programm nehmen wollte. So nahm man nur die Columbo-Takes dieser Fälle mit Klaus Schwarzkopf neu auf. Aus unerfindlichen Gründen läuft im Fernsehen inzwischen nur noch die Video-Version von „Tödliche Kriegsspiele“, die somit eine einzige ist, in der der Held eine von allen anderen Episoden abweichende Stimme hat, die von Hans Sievers.

Als ich für den Sender SuperRTL tätig war, wo „Columbo“ inzwischen erfolgreich wiederholt wurde, fragte ich dort nach, ob die Schwarzkopf-Fassung nicht doch noch greifbar wäre und sich wieder einfügen ließe. Doch keiner wusste etwas davon.
Ich habe damals einen Video-Mitschnitt der RTL-Version mit Klaus Schwarzkopf gemacht, doch diese VHS-Cassette ist eine der wenigen, die in meiner Sammlung verlorengegangen sind.

Veröffentlicht unter Fernsehen, Krimi, Mikrofonarbeit, Monty Arnold - Biographisches | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Zur Geschichte des Spoilers

Fortsetzung vom 26. Juni 2021

Inzwischen hat die allgemeine Spoiler-Paranoia im selben Maße zugenommen, in dem es zusätzliche Medien-Angebote gibt.
In der aktuellen „Spiegel“-Literaturbeilage findet Lars-Olav Beier in der James-Bond-Serie ein geläufiges Beispiel – und Gegenargumente:

»Bei „Skyfall“ (2012) hieß es, man dürfe auf keinen Fall das Ende verraten, denn da sterbe ja Bonds Chefin M, gespielt von Judi Dench. Wie bitte? M war doch 1981 schon gestorben, als Bernard Lee, der erste M-Darsteller der Serie, einem Krebsleiden erlag. Wie er wurde auch Judi Dench ersetzt, Ralph Fiennes übernahm in „Skyfall“ den Part.
Die schlimmste Geheimniskrämerei wurde dann um „Keine Zeit zu sterben“ (2021) betrieben, an dessen Ende sich der von Daniel Craig gespielte Held einem Raketenangriff ausgesetzt sieht, den er eigentlich nicht überleben kann. James Bond tot? Natürlich nicht, der kommende 007-Darsteller wird dem Vernehmen nach gerade gecastet. Und dass Craig den Superagenten nach „Keine Zeit zu sterben“ nicht noch ein weiteres Mal spielen würde, war schon vorher klar. Über was für Überraschungen reden wir hier also?« (Es ist ja noch doller: der Craig-Nachfolger wird seit 15 Jahren gecastet, und Craig jammert so unentwegt darüber, wie schrecklich es ist, diese Rolle zu spielen, dass sich eine ganz neue Form der Rätselspannung ergibt.)

Wenn es ums Spoilern geht, reden wir längst über dessen Unsinn an sich und kommen damit zu der viel wichtigeren, der eigentlichen Frage: Was ist ein Stück Kino oder Fernsehen wert, das durch eine einzige Information sabotiert und damit entwertet wird?
Da wären wir wieder bei „Psycho“, dessen Überraschungs-Pointe gemeinsam mit dem Namen des Mörders inzwischen in den Sprachgebrauch übergegangen ist, ohne der andauernden Beliebtheit des Films zu schaden. In den Worten des Schweizer Filmwissenschaftlers Simon Spiegel, der an der Universität Zürich zum Thema Spoilern forscht: „Es kann doch nicht sein, dass ich mir 90 oder 120 Minuten Film oder eine ganze Serie nur wegen des Endes anschaue.“

Veröffentlicht unter Fernsehen, Film, Medienkunde, Medienphilosophie | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Kultfilm Azubis: Billy Wilder – Double Feature

Auch Cineasten alter Schule kommen ins Schleudern, wenn man sie auffordert, die späten Arbeiten von Billy Wilder aufzuzählen, der Königs der Filmkomödie. Wetten, dass unser heutiger Geheimtipp den wenigsten einfällt, wenn überhaupt? Aber zuerst beschäftigt uns der Klassiker im heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/manche-moegen-s-heiss-das-privatleben-des-sherlock-holmes

A) Manche mögen’s heiß / Some Like It Hot
Amerikanischer Komödienklassiker von 1959

Die arbeitslosen Tanzmusiker Joe und Jerry werden in der Prohibitionszeit Zeugen einer Vendetta unter Gangstern – und damit zu Freiwild. Um sowohl Gamaschen-Columbo und seinen Killern als auch den Minusgraden im winterlichen Chicago zu entkommen, schließen sich die Hungernden  en travestie einer Damenkapelle an, die eine Tour ins sonnige Florida unternimmt. „Josephine“ und „Daphne“ halten ihre Maskerade auch dann noch aufrecht, als sich beide in ihre Kollegin, die Ukulelespielerin Sugar, verlieben. Doch dann findet ausgerechnet in ihrem Strandhotel eine große Gangstertagung statt, zu der auch Gamaschen-Colombo und seine Bande anreisen …

Für jene, die das Kino vor 1999 überhaupt wahrnehmen, hält diese Klamotte unangefochten den Ehrenplatz als größte Kinokomödie nach dem Ende der Stummfilmzeit. Sie brachte Marilyn Monroes zweitwichtigste Filmszene hervor – den Song „I Wanna Be Loved By You“ –, führte Billy Wilder mit seinem Lieblingsdarsteller Jack Lemmon zusammen und bereicherte mit ihrer Schlusszeile den internationalen Wortschatz. Und das sind nicht einmal die größten Verdienste dieses Klassikers.

B) Das Privatleben des Sherlock Holmes / The Private Life Of Sherlock Holmes
Englisch-Amerikanisches Drama von 1970
50 Jahre nach dem Tod von Dr. Watson enthüllen unveröffentlichte Manuskripte pikante Details aus dem Leben des großen Sherlock Holmes. Im Jahre 1887 wird eine bewusstlose Frau bei ihm in der Baker Street abgeliefert. Der gelangweilte Holmes ist insgeheim erleichtert, zwischen zwei Fällen mit ihr und Watson nach Schottland zu reisen, um ihr Rätsel zu lüften. Doch der Fall wird ihn menschlich besonders herausfordern – und einmal mehr mit seinem Bruder Mycroft aneinandergeraten lassen … 

Dies ist Billy Wilders zärtlichster Film, obwohl er typische Exempel seines Humors enthält. Dass Holmes von ihm weder parodiert noch recht eigentlich demontiert wird, sorgte für allgemeine Irritation. Doch zeigt uns kein anderer Beitrag zum Sherlock-Holmes-Kosmos einen so lebendigen Dr. Watson, einen, der seinen Partner ebensosehr ergänzt wie kontrastiert: Sinnesmensch contra Verstandesmensch. Außerdem gibt es unheimliche Mönche, Zwerge, das Ungeheuer von Loch Ness, eine geheime Superwaffe, Queen Victoria und Christopher Lee.

Nächste Woche: Belle de Jour und Live Flesh

Veröffentlicht unter Film, Podcast, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Landeier im eigenen Saft

betr.: Alison Bechdels neuer autofiktionaler Comicroman „Kaputt“

Ich gehöre zu denen, die Alison Bechdels Klassiker„Fun Home“ für eine Spitzenleistung halten, für einen großen Roman seiner Zeit (ob geschrieben oder gezeichnet). Trotz oberflächlicher Gemeinsamkeiten ist „Kaputt“ – das im Original den subtileren Titel „Spend“ („völlig erschöpft“) trägt – etwas völlig anderes, nämlich ein Buch, das sich einer kritischen Analyse entzieht. Von seiner eigenen Bubble – also den liberalen Freunden der Demokratie, der LGBTQ+-Gemeinde sowie den aufgeschlossenen Fans des Mediums Graphic Novel – wird es erwartungsgemäß gelobt. Das Ausbleiben einer Reaktion, die irgendeine Emotion verrät – sei sie nun zustimmend oder ablehnend – ist aber kein gutes Zeichen. Die mir vorliegenden, durchweg positiven Rezensionen vermitteln weniger Begeisterung als eine behagliche Zufriedenheit und das Gefühl, dass alles seine Ordnung hat: Hauptsache, die Künstlerin ist sich treu geblieben. Um außerhalb ihrer Community jemanden zu provozieren, aufzuregen oder zum Nachdenken zu bringen, ist „Kaputt“ zu niedlich. So gesehen ist es ein doppelter Irr- und Schwachsinn, dass „Fun Home“ und andere Bücher der Autorin in Teilen der USA aus den Bibliotheken entfernt wurden.

Die (Verlags-)Eigenwerbung „Satire“ ist nicht korrekt, denn nichts, was hier erzählt wird, ist übertrieben (und Übertreibung der Wesenskern der Satire). Aus persönlicher Beobachtung weiß ich, dass sich ganz normale Leute genauso verhalten wie hier vorgeführt, sobald ihnen der Lebensstandard den nötigen Freiraum zu ihren putzigen Schrulligkeiten lässt. So ein Freiraum ist sprichwörtlich für die „Boomer“, die hier im Mittelpunkt stehen. Sie leben idyllisch im ländlichen Vermont (haben „der Großstadt“ also längst den Rücken gekehrt) und sind mit über 60 nicht mehr in den alltäglichen Kampf um den Lebensunterhalt verstrickt. Selbst die Schreibblockade der Titelheldin ist kein existenzielles Problem. Viel größeren Kummer bereitet ihr, dass sie meint, sich für den Fernsehvertrag schämen zu müssen, der sie einstweilen aller Geldsorgen enthoben hat („Verrat an den eigenen künstlerischen Idealen“ u.ä.). Diese auch im wirklichen Leben allgegenwärtige Jammerei auf hohem Niveau wird uns in unzähligen kurzen Szenen vorgeführt. Der Besuch bei Alisons (erfundener) Schwester, einer beinharten Trumpistin, offenbart, dass dort alles ebenso hermetisch und egomanisch ums Banale kreist wie bei Allison und ihrer Lebensgefährtin auf dem Ziegen-Gnadenhof.
All das wird abgebildet, ohne zugespitzt, ironisch gebrochen oder zur Grundlage einer Versuchsanordnung gemacht zu werden. Den Figuren bleibt sogar noch Zeit, über marxistische Thesen nachzudenken – als ob irgendeine von ihnen allen Ernstes dazu taugen würde, in einem sozialistischen oder gar kommunistischen System zu existieren (Die würden sich bedanken!).
Aber könnte nicht genau das die Pointe sein, die mir hier verschlüsselt angeboten wird?
Ich würde es gern glauben.

Guy Delisle, ein ähnlich gefeierter Star der Graphic Novel, um den es zuletzt etwas ruhiger geworden ist, hat viel mit Alison Bechdel und ihrem Konzept gemein. Auch er pflegt eine unaufgeregt-klare Linie (eine noch weitaus klarere) und realistische Beobachtungen. Auch er konstruiert keine fortlaufende Erzählung mit einer Dramaturgie, sondern beschreibt einen gesellschaftlichen Zustand. Und indem wir seinen Figuren folgen, erkunden wir ihn und erleben Variationen eines Themas. Doch bei Delisle habe ich immer das Gefühl eines Vorwärtskommens, des Verstreichens der Zeit und eines Erkenntnisgewinns. Bei Al und Hol, unserem zentralen Paar, stellt sich dieses Gefühl nicht für mich ein. Und das, obwohl sogar der Wechsel der Jahreszeiten miterzählt wird.

Die kulturellen Interessen, die in „Fun Home“ so klug verbaut und ironisiert wurden, sind gänzlich verschwunden. Als die Heldin zu Beginn kurz ihre „Bohème-Jahre“ erwähnte, tat es mir einen sehnsuchtsvollen Stich. Außer einer flüchtigen Erwähnung des Films „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“ und einer Zeile im Erzähltext, die ganz offensichtlich auf Virginia Woolf anspielt („Alison hat beschlossen, die Blumen selbst zu schneiden.“) scheint die Autorin heute keine größere Sorge umzutreiben, als für intellektuell gehalten zu werden.
Andererseits hat sie eine klare politische Haltung – etwa zur Trump-Herrschaft und ihren Folgen. Was ihrer Botschaft wie auch dem Appeal der Figuren geholfen hätte, wäre eine Handlung gewesen, eine wirkliche Geschichte, die uns die Möglichkeit gibt, uns unter die Charaktere zu mischen und eigene Perspektiven zu finden.
Mit dieser Kritik kann die Autorin unzweifelhaft leben. Die Alison in „Kaputt“ macht jedenfalls den Eindruck, als würde sie sich für solche Einwände nicht interessieren (Irrtum vorbehalten). Das ist ihr gutes Recht. Es verwundert mich aber angesichts der Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Anliegen vorbringt – in den Sprechblasen wie auch in ihren Interviews. Und Grund zur Klage gibt es ja wirklich genug.  
_______________
Der Comic „Kaputt“ von Alison Bechdel (übersetzt von Katharina Erben) ist im Reprodukt Verlag erschienen, hat 272 Seiten und kostet 24 Euro.

Veröffentlicht unter Comic, Gesellschaft, Literatur, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Meine Tops und Flops des Kinos im ersten Halbjahr 2026

betr.: Ranking

Im Internet interessieren sich die Menschen eher für Negatives, deshalb wurde ich von meinem Social-Media-Betreuer dazu ermuntert, meine Flop-5 des ersten Halbjahres aufzustellen. Die besonders guten Filme wollen die Leute nach dieser Logik erst zum Jahresende wissen.
Hier im Podcast gehen die Uhren ein wenig anders, daher gibt’s jetzt schon beides: die Tops und Flops der Redaktion. Es ist auch so traurig genug …

Meine Top 5 des ersten Halbjahres 2026:

Platz 5
Masters Of The Universe
Science-Fiction-Fantasykomödie von Travis Knight
Längst nicht so liebenswert und amüsant wie das trashige Original von 1987, aber immerhin mit einem sympathischen Helden.

Platz 4
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit
Science-Fiction-Parabel von Steven Spielberg
Über weite Strecken konventionell, aber handwerklich gut inszeniert und gespielt. Zum Ende hin kippt das Ganze leider in die übliche Spielberg-Schwülstigkeit und eine zutiefst fragwürdige Botschaft um.

Platz 3
The Mandalorian And Grogu
Science-Fiction-Abenteuer von Jon Favreau
Selbst „Star Wars“-Fans – die Haupt-Zielgruppe dieses Films – loben ihn dafür, wie wenig er mit „Star Wars“ zu tun hat. Sie haben recht: er scheint sich tatsächlich weniger ernst zu nehmen.

Platz 2
Wuthering Heights
Liebesdrama von Emerald Fennell
Dieser große Stoff wurde häufig verfilmt. Doch diesmal kommt er so dicht an seine literarische Vorlage heran wie es selbst die prominentesten Vorgänger, darunter Meisterwerke des Kinos, nicht geschafft haben.

Platz 1
Blue Moon
Biographisches Kammerspiel von Richard Linklater
Ein origineller Stoff aus der Geschichte der Popkultur, ein famoser Text und ein gut aufgelegtes Ensemble, das von Ethan Hawke angeführt wird – es geschehen noch Wunder.

Meine Flop 5 des ersten Halbjahres 2026:

Platz 5
Primate
Viecher-Horrorfilm von Johannes Roberts
Unpassend säuberlich gemachter Teenie-Horror-Schund – belanglos und unerfreulich anzusehen.

Platz 4
They Will Kill You
Horrorfilm von Kirill Sokolov
Etwas von dieser Sorte fabriziert eine KI, die man erst mit Tarantino vollstopft und der man dann die linke Hand auf den Rücken bindet.

Platz 3
Lee Cronin’s The Mummy
Horrorfilm von Lee Cronin
Trostlose Grusel-Effektschau ohne Sinn und Verstand, die sich nicht einmal für ihre klassische Titelfigur interessiert.

Platz 2
Der Astronaut – Project Hail Mary
Dystopische Parabel von Phil Lord und Christopher Miller
Dieses langatmige, hochmögende Stück Edelschrott bezieht sein Grauen vor allem aus der Biederkeit, mit der es seine Kitschbotschaft unters Volk zu bringen versucht. Ideal, um Schlaf nachzuholen.

Platz 1
Olivia
TV-Biopic von Till Endemann
Wer den deutschen Film entsetzlich findet, der hat lange keinen deutschen Fernsehfilm mehr gesehen.

Veröffentlicht unter Film, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

So siehst du aus! – Personenbeschreibungen in der Literatur (Einführung)

Der Mensch an sich wird mangelhaft.
Die Locke wird dahingerafft.

Wilhelm Busch

Der Autor Heinz Strunk erfreut seine große Fangemeinde zuverlässig mit präzisen Schilderungen der menschlichen Unzulänglichkeit – und hier ganz besonders der physischen. Er protokolliert sichtbare Scheußlichkeit so gründlich wie ich es zuvor nur bei H. P. Lovecraft gefunden habe. Doch während der Barde aus Providence das Grauen vor allem in sogenannten Artefakten findet – Übriggebliebenes und Wiedergefundenes aus anderen Welten und tiefsten Schichten, Ausgegrabenes und Vermodertes aus fernen Schluchten oder Galaxien -, findet der Chronist aus Altona es in und bei uns selbst: am eigenen Leibe. Strunk erzählt von Altersdeformation, den sichtbaren Konsequenzen motorischen Müßiggangs und der Manifestation innerer Armseligkeit an der Oberfläche. Und natürlich von Leuten, die einfach Pech gehabt haben, weil sie schon scheiße aussehend auf die Welt gekommen sind. Das Alter mag eine Heimsuchung sein, doch manch einer bedarf des Verfalls nicht, um am Ende zu sein. So farbenprächtig wie erbarmungslos listet er vollständig auf, welche elendige Verwüstung uns letztlich allen bevorsteht, wenn wir nur lange genug durchhalten. Die folgende Verwesung im Sarg kann im Grunde nicht schlimmer aussehen als das, was zuvor eingesargt wurde. Und das ist gut so! Indem die ultimative Demütigung der Gattung Mensch – der Tod – ins Leben vorverlegt wird, hat sie ja viel mehr davon.

Stan Lee und Jack Kirby teilten die Welt der widerwärtigen Ungetüme in drei Gruppen ein: Man-Made Monsters, Ancient Menaces und Alien Invaders. Heinz Strunk ergänzte sie um eine noch entsetzlichere: reife Kleinbürger in Funktionskleidung.
Dass der menschliche Körper im Grunde nicht viel taugt (schon gar nicht auf der Langstrecke unserer heutigen Lebenserwartung), beschäftigt Literatur und Popkultur schon seit jeher. Bereits im Alten Testament finden sich deftige Schilderungen kläglicher Erscheinungen. Aber Heinz Strunk – unzweifelhaft ein belesener Kopf – braucht solche Vorbilder für seine Arbeit im Grunde nicht. Seine humane Landschaftsmalerei scheint beispiel- und vorbildlos, so sehr spricht sie seine und unsere Sprache mit all ihren Schnodderigkeiten.

Um beides noch besser genießen zu können, wollen wir an dieser Stelle, in einer kleinen Serie gelegentlich untersuchen, wie es die anderen Großen des Literaturkanons so gemacht haben. Wie bei Strunk ist es auch bei den alten und modernen Klassikern: die Oberfläche ist keine Täuschung. Sie lässt tief blicken. Sie ist nur die Pforte, durch die wir zum Inhalt vordringen. Wer sein Kind dazu erzieht, Menschen nicht nach dem Äußeren zu beurteilen, meint es sicher gut, erzählt ihm aber ähnlich verflachenden Unsinn wie den Hinweis, Blut sei dicker als Wasser oder es wäre „Alles gut, alles gut, alles guuuut!“. Mit den Jahren verfestigen sich die Grimassen, die wir zu häufig aufsetzen. In den Worten von George Orwell: Mit 50 hat man sich seine Visage verdient.

Die Serie beginnt am 21. Juni.

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Sperrvermerk für Paul Temple

betr.: 12. Todestag von Francis Matthews (gestern)

Wie die meisten Schlagworte der Popkultur war mir der Name „Paul Temple“ zunächst aus dem Fernsehen bekannt. Ich erinnere mich dunkel an einen violett gehaltenen Serienvorspann: ein rennender Mann in einem Korridor zu einer zündenden Titelmusik von Ron Grainer, die mir sofort und auf ewig im Ohr blieb.
Heute weiß ich: diese Sendereihe, in der Francis Matthews die Titelrolle spielte, gilt als vergessener Flop – was insofern einleuchtet als mir keine Wiederholung aufgefallen ist.
Der Name „Paul Temple“ begegnete mir später im Hörspiel wieder, wo er auch herkommt und eigentlich hingehört. Die BBC hatte seit Ende der 30er Jahre viele mehrteilige Fälle produziert und der WDR dieses Konzept später für seine Bearbeitungen beibehalten. Die Zerlegung in viele Kapitel war von großer Wichtigkeit, denn nur durch die Fortsetzungen, deren Ausstrahlung man in der Nachkriegszeit nägelkauend abwarten musste, konnten sich die Cliffhanger entfalten, die das Publikum an Format, Figur und Autor banden: Francis Durbridge. Diesen Vielschreiber kannte ich wiederum aus dem Fernsehen, wo seine Krimi-Oldies mit unterschiedlichen Ermittlern in Fortsetzungen als sprichwörtliche „Straßenfeger“ Geschichte gemacht hatten und nun ehrfürchtig wiederholt wurden. Erst auf den zweiten Blick bekam ich mit, dass auch Paul Temple ein Durbridge-Produkt war.

Da mir Krimis überhaupt nur Freude machen, wenn sie aus dem Archiv kommen – und damit aus einer Zeit, als sie noch nicht in der heutigen Weise wie ihm Halbschlaf hingestrullt wurden – habe ich die Wiederholungen antiker Krimiserien in Funk und Fernsehen immer gern mitgenommen.
Bei Durbridge war das stets ein geteiltes Vergnügen. Er ist ein so wirrer und stilloser Autor, dass ich seinen Namen Jahrelang für ein deutsches Redaktionspseudonym gehalten habe: so beschissen schreiben nur deutsche Autoren, war ich mir sicher. Als ich erfuhr, dass er nicht nur tatsächlich existierte, sondern sogar aus England stammte, fiel ich aus allen Wolken.
Seine Temple-Miniserien fand ich immerhin so gut gemacht (sprich: liebevoll produziert), dass ich mich über Dinge hinwegsetzte, die mir von Anfang an missfallen haben: die erstickende Spießigkeit des Ermittlerpaares – der muffig-paternalisch vor sich hinbrabbelnde René Deltgen und seine ihm die Pantoffeln hinterhertragende Gattin, die ihre nachkriegsdeutsche Spießigkeit mittels eines beseelten Singsangs wie eine Erfüllung klingen lassen wollte; die komplett kruden und völlig ohne Dramaturgie auskommenden rätselhaften Ereignisse, die sich wie aus gutgemischten Karteikarten generiert nacheinander abspielten, bis irgendwann Schluss war; die affigen Versuche, etwas große weite Welt vorzutäuschen, indem man sich am Telefon mit „Hello“ meldete, ständig „okay“ rief oder sonstigen Kinderkram. Deltgen, der seine Rolle fast über die gesamte Produktionsgeschichte bekleidete, wirkt noch gruseliger, wenn ich an den spitzbübischen Francis Matthews zurückdenke (nur als Bild: an die TV-Serie selbst erinnere ich mich so gut wie gar nicht mehr).

Naturgemäß milder gestimmt: ein Verlagskatalog von 2003.

Kürzlich präsentierte Bastian Pastewka die zu vier Teilen zusammengefügten acht Teile von „Paul Temple und der Fall Jonathan“ (NWDR 1954) in seinem Krimi-Podcast „Kein Mucks!“. Er spielte sogar eine kürzlich wiederentdeckte Aufnahme vor, auf der René Deltgen als junger Schauspieler zu hören ist, und schon hier klingt er wie ein motziger Knatter-Opa, der vom Balkon aus im Hof spielende Kinder zusammenfaltet.
Ich dachte, dies sei eine schöne Gelegenheit, der alten Serie mal wieder eine Chance zu geben. Doch ich gab es rasch wieder auf. Ohne Nostalgie geht es beim Krimi nicht, aber „Paul Temple“ geht gar nicht mehr. Es war ein deprimierendes Wiederhören ohne den geringsten Unterhaltungswert, geradezu gespenstisch. Es reicht nicht einmal mehr für unfreiwillige Komik. Ich fühlte mich wie in die Steinzeit zurückgeballert.

Veröffentlicht unter Fernsehen, Filmmusik / Soundtrack, Hörspiel, Krimi | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Der Song des Tages: „The Ugly Bug Ball“

betr.: 117. Geburtstag von Burl Ives

Burl Ives spielte 1958 in der nicht unumstrittenen, aber heute klassischen Verfilmung von Tennessee Williams‘ Südstaatendrama „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ den Big Daddy – einen todkranken Patriarchen, dem die Familie verheimlicht, das er in Kürze an Krebs sterben wird. In Wahrheit dauerte es noch weitere 37 Jahre, bis Ives tatsächlich dieser Krankheit erlag.
Im Hauptberuf war er Folk-Sänger und wurde 1963 von Walt Disney in „Summer Magic“ („Sommer der Magie“) eingesetzt, einem Musical über eine verwitwete Mutter aus Boston, die mit ihren drei Kindern in ein idyllisches Städtchen in Maine zieht. Ives singt einen Song, der erheblich frecher ist, als der betuliche Plot ahnen lässt (Film und Song brauchen einander nicht). „The Ugly Bug Ball“ beschreibt ein Happening, auf dem sich Ungeziefer beim Tanz näherkommt. Das Ganze kommt als Kinderlied daher, doch in deutscher Sprache wäre es ein Chanson. Der Text ist pointiert, die Musik der Sherman-Brothers schmissig, und Ives‘ Gesang verströmt bärige Entspannung – kurzum: ein geniales Kabinettstückchen!

Veröffentlicht unter Chanson, Film, Filmmusik / Soundtrack, Musik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die Achtziger sind wieder da

betr.: 77. Jahrestag der Auszeichnung von „1984“ als „Buch des Jahres“ in den USA

„Im Jahr 1984“ war die erste deutsche Bearbeitung der berühmten Dystopie von George Orwell. Als ich das Buch im titelgebenden Jahr erstmals las, hatte der Ullstein-Verlag gerade aus aktuellem Anlass eine neue Übersetzung vorgelegt, und als ich diese mit einer der vorherigen verglich (ohne das englische Original zur Hand zu haben), erschien es mir, als sei das gar keine Neuübersetzung, sondern nur eine Umformulierung („um dem rauhen Wind zu entgehen“ statt „um sich vor dem rauen Wind zu schützen“ und ähnlicher Mumpitz) – aber das mag mir auch mein jugendlicher Hochmut geflüstert haben.
Die erste Fassung mag ich besonders, ganz einfach, weil sie am nächsten dran ist.
So fängt sie an:


Es war ein klarer, kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn. Winston Smith, das Kinn gegen die Brust gepreßt, um sich wenigstens etwas gegen den ekelhaften Wind zu schützen, schlüpfte rasch durch die Glastüren des Victory-Apartmenthauses.
Im Treppenhaus unten roch es nach Kohl und muffigen, zerfledderten Fußmatten. An der einen Flurwand klebte ein riesiges buntes Plakat. Es stellte ein Gesicht in Großformat dar, über einen Meter hoch: das Gesicht eines Mannes Mitte vierzig, mit dichtem schwarzem Schnurrbart und – grob gesehen – ansprechenden Zügen. Smith steuerte auf die Treppe zu: der Fahrstuhl ging ja doch nicht. Selbst in besseren Zeiten funktionierte er selten, und momentan war der Strom tagsüber sowieso abgeschaltet.
Das gehörte zur Sparaktion für die kommende Haß-Woche.
Seine kleine Junggesellenwohnung lag in der siebenten Etage, und Smith tappte – mit seinen 39 Jahren nicht bei bester Gesundheit – langsam hinauf, immer wieder einmal verschnaufend. Auf jedem Treppenabsatz starrte das Plakat mit dem Gesicht in Großformat von der Wand. es war eines jener geschickt gezeichneten Portraits, deren Augen einen überallhin verfolgen, wo man auch geht und steht. DER GROßE BRUDER SIEHT DICH, stand in wuchtigen Lettern darunter.

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Literatur, Medienphilosophie, Science Fiction | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen