Wie auch unbescholtene Bürger wissen, kommt es bei einer Unterhaltung auf dem Kommissariat nicht nur auf die genaue Wortwahl an, sondern auch darauf, wie jedes dieser Worte betont wird. Diesen Satz kann man auf zweierlei Art betonen. Eine davon lässt den Verdacht des Beamten zumindest als Möglichkeit gelten, die andere beharrt darauf: Ich bin unschuldig. Wie hören sich die beiden Varianten an?
Auflösung: Wird der Satz auf dem vorletzten Wort betont, setzt er gewissermaßen voraus, dass der Sprechende jemanden vergiftet hat und stellt nur das Motiv in Frage. Anders wenn das letzte Wort betont wird: dann wird der Vorwurf insgesamt abgewehrt. Dehnt man die Betonung auf beide Wörter aus, klingt die Nachfrage noch ein wenig selbstbewusster und stellt die Anschuldigung als absurd hin.
Wie ich versuchte, einem Freund Lust auf Stummfilme zu machen
Auf die Frage, welchen Stummfilm er sich denn mal anschauen könnte, um auf den Geschmack zu kommen, sprach ich einem Freund gegenüber eine Empfehlung aus – und war sehr gespannt. Bei der nächsten Begegnung teilte er mir dann bedauernd mit, das Werk sei gar nicht bei ihm angekommen, täte ihm leid, es sei wohl zu lange her, zu weit weg. Stummfilm sei wohl endgültig um, jedenfalls für ihn.
Ich hatte ein seltsames Gefühl und fragte noch einmal nach, ob er den Film denn auch wirklich gesehen oder nur mal so reingeklickt hätte. Es stellte sich heraus, dass er darunter verstand, man könne einen Film durchaus auf einem Monitor laufen lassen und währenddessen auf einem anderen irgendwas arbeiten. Das mache er öfter so. Und natürlich habe er ihn also „wirklich gesehen“. Abgesehen davon, dass eine solche Art des Konsums den wenigsten Filmen wirklich gerecht würde und dass ich mir auf diese Weise einen Filmgenuss überhaupt nicht vorstellen kann, ist sie bei einem Stummfilm sofort tödlich. Sobald man da nicht hinsieht, ist von dem Film nichts mehr übrig.
Mit den heutigen Sehgewohnheiten ist nicht zu spaßen. Vielleicht sollte ich – für den umgekehrt vieles Heutige weit weg ist – es mal mit einem aktuellen Film auf dem zweiten Bildschirm versuchen.
Wenn im Vorlesefluss eine Aufzählung naht, muss man seine Aufmerksamkeit sofort auf die Frage richten, wo ihre Einzelteile jeweils beginnen und enden. Die dafür zuständigen Kommata sind nicht unbedingt hilfreich, denn auch innerhalb einer Einheit können sie auftreten, um Verschachtelungen aufzuzeigen. Das folgende Beispiel beschreibt, was Jorge Luis Borges‚ berühmte „Bibliothek von Babel“ so alles bereithält: nämlich „Alles: die minutiöse Geschichte der Zukunft, die Autobiographien der Erzengel, den getreuen Katalog der Bibliothek, Tausende und Abertausende falscher Kataloge, den Nachweis ihrer Falschheit, den Nachweis der Falschheit des echten Katalogs, das gnostische Evangelium des Basilides, den Kommentar zu diesem Evangelium, den Kommentar zum Kommentar dieses Evangeliums, die wahrheitsgetreue Darstellung seines Todes, die Übertragung jeden Buches in sämtliche Sprachen, die Interpolationen jeden Buches in allen Büchern, den Traktat, den Beda hätte schreiben können (und nicht schrieb) über die Mythologie der Angelsachsen, die verlorenen Bücher des Tacitus.“
Wenn ein Verlag ein Lesemanuskript einzurichten hat, kann er mit Semikolons arbeiten, um die Übersicht zu erleichtern. Das sähe dann so aus: „Alles: die minutiöse Geschichte der Zukunft; die Autobiographien der Erzengel; den getreuen Katalog der Bibliothek; Tausende und Abertausende falscher Kataloge; den Nachweis ihrer Falschheit; den Nachweis der Falschheit des echten Katalogs; das gnostische Evangelium des Basilides; den Kommentar zu diesem Evangelium; den Kommentar zum Kommentar dieses Evangeliums; die wahrheitsgetreue Darstellung seines Todes; die Übertragung jeden Buches in sämtliche Sprachen; die Interpolationen jeden Buches in allen Büchern; den Traktat, den Beda hätte schreiben können (und nicht schrieb) über die Mythologie der Angelsachsen; die verlorenen Bücher des Tacitus.“
Den Titel „Die Marx Brothers im Krieg“ erhielt der Film „Duck Soup“ (sinngemäß etwa: „kleine Fische“) gemeinsam mit seiner deutschen Synchronfassung, die im Februar 1967 herauskam. Diese Wahl unterstreicht die langjährige und unveränderte Einordnung des Werkes als Komödie mit politischen Untertönen.
Die 13 Marx-Brothers-Filme bilden in der heutigen Rezeption eher ein Gesamtkunstwerk als das man sie einzeln analysieren würde. Sie werden en bloc und aus Prinzip geschätzt, sind sie doch der lebendigste Teil dessen, was von der legendären Komikertruppe geblieben und allgemein zugänglich ist, die ihre Wurzeln im Vaudeville und am Broadway hat. Groucho Marx, ältester der Brüder und „Chef der Marx Brothers“ (so der Untertitel der deutschen Ausgabe von Charlotte Chandlers Biographie) hielt „A Night At The Opera“ und „A Day At The Races“ für ihre besten Filme. Doch „Duck Soup“, den mit Leo McCarey der unstrittig beste Kinoregisseur des Teams inszenierte, hat es zum Kultstatus gebracht.* Der Katholische Filmdienst lobte ihn gar als einen „Höhepunkt der amerikanischen Tonfilmkomödie, an Geschlossenheit den anderen Marx-Brothers-Filmen überlegen“.
Letzteres kann ich nach einem Wiedersehen nach langer Zeit nicht nachvollziehen. Die meisten Gags könnten auch aus jedem anderen Marx-Film stammen, und eine Dramaturgie, die diese zusammenbinden würde, gibt es nicht. Selbst die bescheidensten Anforderungen an eine innere Logik – das wäre die besagte „Geschlossenheit“ – sucht man vergebens. Vielleicht 30% seiner Laufzeit befasst sich der Film überhaupt nur mit Politik oder Krieg, und zwar in einer losen Folge einschlägiger Sketche. Die meiste Zeit spielen Groucho und seine Brüder einfach ihre angestammten Rollen.
Titel und späte Verbreitung dieser in der Zwischenkriegszeit entstandenen Produktion (im schicksalsträchtigen Jahr 1933) haben den Wunsch in Publikum und Fachwelt geweckt, in dieser harmlosen musikalischen Revue eine Satire zu sehen – wie sie später mit dem inzwischen etablierten Feindbild des deutschen Diktators vor Augen von Chaplin („The Great Dictator“) oder Lubitsch („To Be Or Not To Be“) tatsächlich vorgenommen wurde. Dass der Feldzug der Marx Brothers in diese Reihe gehört, ist schlichtweg ein Missverständnis. Die vier Brüder (im Grunde sind es nur drei, denn Zeppo geht im übrigen Ensemble praktisch unter) verulken das Militär ebenso wie die Diplomatie, die heterosexuelle Brautwerbung, feines Benehmen oder das Genre der Tonfilmoperette. „Duck Soup“ ist ebensosehr ein Film gegen den Krieg wie „A Night At The Opera“ eine Anklage der Oper oder „Go West!“ eine Schmähung des Cowboyberufs ist.
Es liegt schon ein paar Jahre zurück, da habe ich versucht, mir ein Lautsprecher-System zu kaufen, das es gestattet, die Musik, die im Wohnzimmer läuft, zugleich auch in der Küche und auf dem Klo zu hören. Für so etwas wurde schon in den 70er Jahren geworben, und inzwischen hat die Technik ja enorme Fortschritte gemacht. Mich freute der Gedanke, inzwischen würde man nicht mal mehr eine Verkabelung brauchen.
Ich ging also in ein sogenanntes Hi-Fi-Studio. Dort sagte man mir, so einfach sei das nicht. Es müsse alles übers Smartphone laufen. Ich könnte so eine Anlage nicht einfach mit einen Knopf an- und ausschalten und mit einem weiteren die Quelle einstellen – CD-Player, USB-Stick, Plattenspieler. Ich müsse all das dem Gerät mit meinem Handy mitteilen, das natürlich währenddessen mit dem Internet verbunden sei. Für den Fall, dass ich die Anlage niemals ausschalte, würde eine einmal vorgenommene Programmierung immerhin erhalten bleiben.
Ich war entsetzt über diese Umständlichkeit, und auch der Gedanke, beim Auflegen einer Platte digital bevormundet zu werden, missfiel mir. Als ich den Laden schließlich mit leeren Händen verließ, hielt man mich dort sicherlich für geisteskrank. Auch spätere Recherchen in weiteren Fachgeschäften und die Konsultation eines Hi-Fi-Profis im Freundeskreis brachten zutage: ohne Live-Schalte in den Weltraum und wieder zurück geht es nicht. Seither drehe ich wie früher die Lautstärke hoch und öffne die Binnentüren, wenn ich mal in mehreren Zimmern parallel lebe oder arbeite.
Nun lese ich dies und bin ganz glücklich, so stur gewesen zu sein:
Selbstverständlich bilde ich mir nicht ein, dass es mir gelingen könnte, dem Strudel unserer Zeitgeschichte davonzulaufen. Aber bis jetzt ist es mir zumindest möglich, selbst ausgesuchte Musik zu hören, ohne auf die Gnade von Elon Musk angewiesen zu sein.
Die Korrekturen drehen sich um das Finale des Films. Lila wird nicht angefallen, „als sie dem Rätsel auf die Spur kommt“, sondern schlicht, weil sie sich in das Bates-Haus vorgewagt hat. In der Tat findet sie die ausgestopfte alte Dame erst, als sie sich im Keller versteckt, wohin sie vor Norman flüchtet, als der ins Haus zurückkommt. Die besagte Leiche hockt dort aber nicht seit ihrer Ermordung (was nahelegt, dass sich die Mumifizierung von selbst vollzogen hat). Sie „wohnt“ weiterhin in ihrem alten Zimmer und wird von Norman nur in den Keller gebracht, wenn er es für geboten hält. Eine denkwürdige Szene widmet sich diesem Ritual.
Literatur putzt – und im Falle von „Dracula“ putzt der Rest der Popkultur kräftig mit. Warum Rumänien vom einträglichen Hype um seinen halb-fiktiven berühmtesten Sohn touristisch lange nicht profitieren wollte, enthüllt das Radio–Bremen-Feature „Der Dracula-Mythos – Ein Roadtrip durch Transsylvanien“. Lange Zeit fanden es die rumänischen Machthaber nämlich unschicklich, mit einem Vampirgrafen assoziiert zu werden und unterdrückten die Verbreitung von Bram Stokers Roman ebenso wie dessen potenzielle Leser: „Bis heute gilt das rumänische Kernland Transsylvanien als mystisch, rückständig und nicht ganz ungefährlich. Irgendwas scheint nicht ganz geheuer – dort am Rande Europas. Doch als die ersten internationalen Dracula-Touristen in den 1970er Jahren ins kommunistische Land kamen, kannte nahezu kein Rumäne die Geschichte vom dämonischen Grafen Dracula. Der Roman wurde dort nämlich erst im Jahr 1990, also nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, veröffentlicht. Heute sind das vermeintliche Dracula-Schloss Bran in Brașov und der Borgo-Pass in den Karpaten Pilgerorte für Dracula- und Vampirfans.“
Tobias Nagornys hochamüsante Sendung steht in der ARD Audiothek. Leider unauffindbar ist die großartige WDR-Doku „Diktatur der Vampire“ (1998) über das Ceaușescu-Regime. (Wenn noch jemand einen VHS-Mitschnitt besitzt, bitte ich um eine Zuschrift.) Leichter dürfte sich ein Buch auftreiben lassen, dass unserem heutigen Geburtstagskind und seinem einschlägigen Gegenspieler gewidmet ist: „Karloff And Lugosi: The Story Of A Haunting Collaboration“. Gregory Manks Doppelportrait erschien 1990 – im rumänischen Erscheinungsjahr von „Dracula“ – bei McFarland, North Carolina.
Das Ende von „Easy Rider“ wird in den meisten Büchern und Artikeln so beschrieben: Zwei ländliche Kleinbürger, denen die Rocker nicht passen, schießen aus dem fahrenden Wagen auf Billy (den besonders langhaarigen), „um ihm einen Denkzettel zu verpassen“. Sie treffen ihn tödlich, kehren zurück und erschießen auch seinen Freund Wilbur, der ihnen nachgefahren ist. In „Reclams Filmführer“ wird die Sache so ausgelegt, dass Wilbur in einem verzweifelten, selbstzerstörerischen Racheakt die Mörder seines Freundes mit ins Verderben reißt, indem er ihren Wagen rammt. Die Sache ist gar nicht so einfach. Nachdem der erste Schuss gefallen ist, sagt der Fahrer zu dem Beifahrer mit der Flinte: „Ist was passiert?“ (was eher auf Totschlag deutet) und fügt hinzu: „Wir fahren besser zurück.“ Sein Entschluss könnte ein letzter anständiger Reflex sein. Oder will er nur umkehren, um keine halben Sachen zu machen? Die muss vor allen für das Kinopublikum verwirrend gewesen sein, das – im Gegensatz zu uns heute – nicht die Möglichkeit hatte, sie mehrmals abzuspielen und genau hinzusehen. Wir ahnen die Ereignisse mehr als wir sie sehen. Es sieht aus, als wäre die Szene am Schneidetisch improvisiert worden. Eine Art Notlösung, aus Resten zusammengebastelt. Als Apotheose eines unabhängigen Films, der sich so viel auf seine Botschaft zugutehält, ist sie in jedenfalls recht unbefriedigend.
Reclam ist mit seiner Auslegung von den meisten Quellen überstimmt worden, doch ich halte die dort beschriebene Auflösung tatsächlich für die interessantere.
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