Wie man Aliens einseift

betr.: Aktuelle Filmkritik

Im heutigen News-Short des Kultfilm-Podcasts sprechen Monty Arnold und Torben Sterner über:

BUGONIA
Gesellschafts- und SF-Groteske von Giorgos Lanthimos

Der Landbursche Teddy (Jesse Plemons) glaubt an eine Unterwanderung der Erde durch Außerirdische. Auch seinen schüchternen Cousin und Mitbewohner Donnie überzeugt er von dieser These. Gemeinsam entführen sie die taffe Michelle (Emma Stone), CEO eines Biomedizin-Konzerns. Die Gefangene spult das Programm ab, das ihr für einen solchen Fall in Coachings eingeimpft wurde: sie leugnet, säuselt, wiegelt ab, heult und droht. Doch Teddy ist unerbittlich. Er betreibt mit Foltermethoden, dass sie ihn und Donnie in fünf Tagen im Rahmen einer Mondfinsternis mit ihren außerirdischen Artgenossen zusammenbringt. Mit viel Verhandlungsgeschick will er den Untergang der Welt abwenden.

Dieses Remake der südkoreanischen Science-Fiction-Komödie „Save the Green Planet!“ trägt nicht nur die Handschrift seines Regisseurs, es fügt sich mit seinem Genremix, in dem der Horror weit vorne steht, auch ins Werk seines Produzenten Ari Aster nahtlos ein.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/bugonia-aktuelle-filmkritik

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Von wegen Winterdepression

Im hinteren Teil des aktuellen „Spiegel“ tut sich das Winterlöchlein im Rahmen eines Interviews auf, in dem die Psychologin Kari Leibowitz ganzjährig hilfreiche Tipps verrät. Was tun gegen die Niedergeschlagenheit der lichtlosen Jahreszeit? Vor allen jetzt, da die Umschaltung auf Winterzeit uns die letzten lichten Wohnminuten zwischen Schichtbeginn und Feierabend auch noch weggebissen hat.
Erst einmal wird es bitter. Nicht jeder, der zwischendurch über graues Wetter jammert, kann sich gleich damit brüsten, eine Winterdepression zu schieben. Diese ist nämlich ein seriöser medizinischer Terminus, der an eine Reihe von Symptomen gebunden ist. Auch wenn er in der Alltagssprache ähnlich unsachgemäß verwendet wird wie etwa das Wort „Kultfilm“*.
Aber dann folgt viel Aufmunterndes.
Leibowitz: „Man muss nach kleinen Gelegenheiten suchen. Ich glaube, dass viele Menschen Dinge tun, die sich nicht optimal anfühlen, aber optimal sind. Was würde passieren, wenn wir ein Experiment machen: Ich sage eine Woche lang, vielleicht in der Woche vor Weihnachten, zu allem Nein, zu dem ich Nein sagen kann. Die Leute sind oft überrascht, was da zusammenkommt. Andere Möglichkeiten können sein: An einem Abend in der Woche legt man sein Handy weg, man schaut am Wochenende nicht in die E-Mails. Die Pausen summieren sich und machen einen Unterschied aus.“
Wer das jetzt einfach grundsätzlich befolgt – vor allem die letzten beiden Ratschläge –, für den geht die Sonne so richtig auf. Wetterunabhängig.

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* Siehe https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/was-ist-ein-kultfilm

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Schwinger feiner Sicheln

betr.: Florian Illies: „Wenn die Sonne untergeht: Familie Mann in Sanary“; Volker Weidermann: „Wenn ich eine Wolke wäre“; „Der Spiegel“ Nr. 43/2025

In einem Artikel des „Spiegel“-Literaturteils wirft Andreas Bernard einen kritischen Blick auf die aktuelle Erfolgsmasche, die Biographien großer Persönlichkeiten als Roman zu erzählen. Dass ein Publizist wie Volker Weidermann damit ein Genre regelrecht (mit)begründet haben soll, ist gleichwohl eine sehr kollegiale Einordnung. Es mag sein, dass solche Bücher gerade boomen, doch es hat solcherlei schon vielfach gegeben. Logo. Selbstverständlich. Schon ewig.

Ein beliebiges Beispiel ist mir in meiner Kindheit gleich multimedial begegnet und bis heute unvergesslich (und auch dieses war nicht das erste). 1976 erschien Alex Haleys berühmte Familiensaga „Roots“, die schon im folgenden Jahr mit großem Erfolg fürs Fernsehen verfilmt wurde. Dass diese erste umfassende Aufarbeitung der Verschleppung der afrikanischen Sklaven in die USA quasi zur Autobiographie des Autors hinführt, ändert nichts an ihrer romanhaften Schilderung von Ereignissen, die Haley nach guter Historikersitte nicht persönlich miterleben konnte. Soweit ich mich erinnere hat er damals die Formel 30% Recherche / 70% Erfindung angegeben.

Jünger noch und auch schon ewig her ist die vor lauter selbstverliebt-geschwätziger Rachsucht schier unlesbare „Biographie“, die Maria Riva ihrer Mutter Marlene Dietrich ins noch offene Grab hinterherwarf. In epischer Breite erzählt sie uns beispielsweise, was an ihrer Wiege alles geredet und später hinter ihrem Rücken getuschelt wurde. Auch sonst hört das Gequassel, hören die Schilderungen noch des popeligsten Kleinkrams nie auf. Klar: dieses Buch ist kein Roman, es läuft sogar unter „Autobiographie“, doch die im Artikel thematisierte „Illusion von Anwesenheit“ wird hier mustergültig vorgeführt.
Die aktuellen Sätze, die Bernhard aus den Werken von Weidermann und Florian Illies zitiert, sind ganz in diesem Stil gehalten: „Golo und seine halbwegs genesene Mutter sitzen noch auf der Veranda und trinken etwas, sie Lindenblütentee, er einen Wein. Kaum ein Windhauch rührt sich, die feine Mondsichel steht am Firmament, alles ist ruhig, nur in der Ferne bellen ein paar Hunde.“ Oder, genauso cheesy: “Staunend und begeistert sieht sie in den Cafés und Restaurants die Leute vor ihren vollen Tellern sitzen, vor ihren Biergläsern und Torten mit Bergen von Schlagsahne. Es scheint, als würden sie Sahne mit Sahne essen.“

Diese Schreibe ist besonders beklemmend, wenn – wie hier – das Leben einer Poetin und das eines legendären Schriftstellerclans aufbereitet werden.

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Plansequenz / One-Shot

In den 80er Jahren bezeichnete man als einen One-Shot einen Comic, der trotz der insgesamt epischen Erzählweise der Serie, der er angehörte, ein abgeschlossenes Abenteuer in einem Heft erzählte. Die inzwischen durch epische Verfilmungen populär gewordenen Marvel-Comics gebrauchten diesen Begriff im Dialog mit ihren Lesern in bezug auf solche vereinzelten Abenteuer ohne Cliffhänger.
Heute meint man damit umgangssprachlich das, was in der Fachsprache „Plansequenz“ genannt wird: eine durchgehende Kameraeinstellung ohne (sichtbaren) Schnitt.
Im Stummfilm war sie zu Beginn üblich, der Schnitt war noch nicht erfunden bzw. zufällig entdeckt worden. Als künstlerisches Stilmittel wurde sie erst viel später eingesetzt, besonders prominent in Hitchcocks erstem Farbfilm „Rope“ („Cocktail für eine Leiche“), das war 1948. Als formales Experiment, einen ganzen Film ohne Schnitt durchzuhalten (und bei den damals unvermeidlichen Rollenwechseln zu mogeln), wird „Rope“ noch immer geschätzt, an der Kasse enttäuschte er. Als Hitchcock in seinem nächsten Film „Under Capricorn“ einzelne wohlerwogene Passagen wiederum in Plansequenzen anlegte, hat man ihm das vorgeworfen. Fazit: die lange Einstellung war ab jetzt endgültig auch für den Betrachter / Kritiker ein erkennbarer Effekt.  
Von den Regisseuren unserer Tage, die Plansequenzen einzusetzen verstanden, ohne sich dem Verdacht der Faulheit, der Prätention oder der Effekthascherei auszusetzen, ist vor allem Michael Haneke zu nennen. Ganz so unverdächtig ist der populärste Fall nicht: der Thriller „Viktoria“ (Regie: Sebastian Schipper, sechs Deutsche Filmpreise 2015). Er drehte im Abstand von einer Woche drei schnittfreie Komplett-Durchläufe, bis er zufrieden war.
Eine Zeitlang wird uns der One-Shot nun häufiger begegnen. In der Serie „The Studio“ wurde er unlängst sogar thematisiert. Der von Seth Rogen gespielte neue Boss Matt Remick darf dazu ausrufen: „Es ist die ultimative cineastische Errungenschaft: Die perfekte Verbindung von Kunst und Technik!“ – und sich mal so richtig als Cineast fühlen.

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Die wiedergefundene Textstelle: Prolog zum „Großen Walzer“

betr.: 200. Geburtstag von Johann Strauß*

Musik, Melodie, Rhythmus. In Wien herrschte vor mehr als 100 Jahren nicht nur ein Kaiser, sondern auch ein König: Johann Strauß (Sohn), der Walzerkönig, der ganz Wien in einen Taumel der Begeisterung versetzte. Schon Johann Strauß (Vater) hatte die tanzlustigen Wiener mit seiner Musik fasziniert. Doch als Komponist wurde er noch weit übertroffen von seinem Sohn, dessen Melodien mit ihren prickelnden Rhythmen einen fast hypnotischen Zwang auf die Tänzer ausübten. Die lebensfrohen Wiener füllten die vielen Ballhäuser, die zum Teil mit großer Pracht ausgestattet waren. Das erste dieser Art, das „Apollo“, bestand aus fünf Riesensälen, 44 weiteren Räumen und drei Glashäusern. Große Kristalllüster erleuchteten den Tanzsaal taghell. Während des Karnevals eilte der Walzerkönig im Zweispänner von Ball zu Ball, denn überall wollte man ihm zujubeln, wollte man tanzen nach einem Walzer von Johann Strauß.

Diese Worte eröffnen 1972 den Film „The Great Waltz“, den nach 1938 zweiten als Biopic dieses Titels zurechtgemachten Film des traditionsreichen Musical-Filmstudios MGM.
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* Keine Ahnung, wer, aber jemand hat vor einigen Monaten festgelegt, man müsse den Walzerkönig nunmehr mit Doppel-S am Ende schreiben, statt wie zwei Jahrhunderte lang mit scharfem S. Ich werde für diesen Unsinn noch ein Weilchen brauchen und bitte dafür um Verständnis …

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Kultfilm Azubis: Alle an Bord!

In den 70er Jahren erlebte die angeblich humorlose Bundesrepublik Deutschland eine unvergleichliche und unwiederholte Blütezeit des Nonsens wie auch des feineren Witzes. Entsprechend aufgeschlossen war man für die Erzeugnisse eines Teams aus Hollywood, das sich in jener Zeit darauf spezialisierte, der Filmkomödie ein neues Gesicht zu geben. Darüber sprechen wir in der heutigen Ausgabe unseres Podcasts. Auch im zweiten Film gehen wir an Bord, doch diesmal per U-Boot in die Tiefe. Und betrachten ein Drama, das das apokalyptische Kino wie wir es kennen, auf seinen Schultern trägt:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/die-unglaubliche-reise-in-einem-verrueckten-flugzeug-und-einem-serioesen-u-boot

A) Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug / Airplane
Amerikanischer Slapstick von 1979

Ein Taxifahrer und Ex-Vietnam-Pilot muss die Kontrolle über ein Flugzeug übernehmen, dessen Crew wegen einer Lebensmittelvergiftung außer Gefecht ist. Er kommt nur deshalb in diese Verlegenheit, weil er die Trennung von einer der Stewardessen nicht hinnehmen will und ihr in die startbereite Maschine nachsteigt …

David und Jerry Zucker und ihr Freund aus Jugendtagen Jim Abrahams gründeten 1970 in Wisconsin die Multimedia-Bühne „Kentucky Fried Theatre“, dessen schrägen, parodistischen Humor sie im beinahe gleichnamigen Kinoerfolg „Kentucky Fried Movie“ vom Regisseur John Landis auf die Leinwand bringen ließen. 1979 taten sie das mit beachtlichem Erfolg selbst. Der Titel „Airplane“ spielt auf die „Airport“-Katastrophenfilmreihe an und auf die in den 70ern überaus beliebten Disaster-Movies, veräppelt aber auch alles andere. Die Zucker-Brüder wurden zur festen Adresse durchgeknallter Slapstick-Komödien und konzentrierten sich später jeweils auf eigene Projekte.

B) Das letzte Ufer / On The Beach
Amerikanisches Endzeit-Drama von 1959

Im Jahre 1964 hat ein Nuklearkrieg die Welt entvölkert. Eine radioaktive Wolke bewegt sich unaufhaltsam auf den letzten noch unbehelligten Kontinent Australien zu, wo die Welt augenscheinlich noch in Ordnung ist. Die Menschen genießen das Leben, solange sie noch können, der Originaltitel „On The Beach“ verweist darauf. Unterdessen verteilt die Regierung vergifteten Tee an das Volk, um ihm zu gegebener Zeit ein würdevolles Ende zu ermöglichen. Parallel dazu bricht ein amerikanisches U-Boot auf, um einem mysteriösen Funksignal nachzugehen. Gibt es etwa doch noch menschliches Leben da draußen?

Als erste große Kinoproduktion macht dieser Schwarzweißfilm die drohende (hier bereits vorweggenommene) Nuklearkatastrophe zu seinem Plot. Der couragierte Filmemacher Stanley Kramer leitet ein eindrucksvolles Ensemble.

Nächste Woche: ein Halloween-Special mit „Blutgericht in Texas“, „The Visit“ und dem Team vom Podcast „Filmtieftauchen“.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Wohnwelten (15): Arm und reich mit James Ellroy

betr.: So wohnen literarische Figuren

Auch das Milieu, in dem eine Figur lebt, ist Teil ihrer Wohnkultur. Ein Ermittler des hartgesottenen Kriminal-Romanautors James Ellroy führt uns in das titelgebende „High Darktown“ in Los Angeles um die Zeit des Kriegsendes.


Ich überflog den Bericht, der neben mir auf der Sitzbank lag. Die Tatorte der vier neuen schwarzweißen Überfälle lagen zwischen der 26th Ecke Gramercy und der La Brea Ecke Adams. Kaum hatte ich die Demarkationslinie überquert, wechselte die Topographie unversehens von weißem Mittelmaß zu schwarzem Stolz. Die Häuser östlich von St. Andrews waren verwahrlost, mit blättrigem Anstrich und verwilderten Vorgärten. Die Domizile auf der Westseite wirkten  wesentlich eleganter: gemütliche Eigenheime, umgeben von Mauern und gepflegtem Grün; die Villen, denen West Adams den Spitznamen  verdankte, stellten selbst Beverly-Hills-Paläste in den Schatten – sie waren älter, größer und architektonisch nicht annähernd so prätentiös, als hätten ihre Besitzer gewusst, dass man reich und schwarz nur dann sein konnte, wenn man sein Licht mit der großmütigen Bescheidenheit des alteingesessenen weißen Geldadels unter den Scheffel stellte.
Ich kannte High Darktown lediglich aus Unmengen widersprüchlicher Legenden, die sich um das Viertel rankten. Damals bei der University Division hatte es nicht auf meiner Runde gelegen. Nirgendwo in L.A. war die Kriminalitätsrate so niedrig wie hier. Die Häuptlinge der University hielten sich an ein ungeschriebenes Gesetz und ließen die reichen Schwarzen selbst für ihre Sicherheit sorgen, als sprächen wir einfachen Indianer eine andere Sprache. Und die Bewohner von High Darktown machten ihre Sache gut. Einbrecher, die dumm genug waren, nachts durch riesige Vorgärten zu schleichen und Tiffanyfenster einzuschlagen, wurden in der Regel mit einer tödlichen Ladung Schrot aus einem Tausend-Dollar-Jagdgewehr in Empfang genommen, abgefeuert von schwarzen Finanziers mit einem aristokratischen Temperament, das dem eines beliebigen weißen Bonzen in nichts nachkam. High Darktown war eine uneinnehmbare Festung.

(…) Wir verließen High Darktown über die Western, und binnen Minuten wichen Villen und herausgeputzte Eigenheime Mietskasernen und armseligen Hütten aus Dachpappe und Maschendraht. Je weiter wir nach Süden vordrangen, desto schlimmer wurde es; als der Packard an der 94th links abbog und Kurs nach Osten nahm, vorbei an Autofriedhöfen, Frisiersalons und Voodoo-Ladenkirchen, hatte ich das Gefühl, in den schlimmsten Alptraum eines Weißen geraten zu sein.

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Die wiedergefundene Textstelle: Challenge Langweile

„Uns ist toooodlangweilig“, sagen die Kinder. Sie legen sich in die Wiese und schauen fadisiert in die Wolken. Nach einiger Zeit ruft das eine: „Ein Elefant!“ „Wo?“, fragt das andere. „Na dort neben dem Raumschiff“. Beide blinzeln in die vorbeiziehenden Wolken und deuten auf die lebendigen Dinge, die sie am Himmel erkennen.

Langeweile ein Stück auszuhalten, das kann was. In der Fadesse, die zunächst bedrückt, beginnen Gedanken, sich neu zu ordnen, Erinnerungen verschieben sich, Bilder und Ideen steigen hoch. Aus nichts als scheinbarer Trägheit erwachsen Spiele, Geschichten, Welten. Die Langeweile ist der dunkle Boden, aus dem die hellsten Einfälle sprießen können.

Jedes Mal, wenn die Glocke ertönte, stellte der Forscher Iwan Pawlow seinem Hund Futter bereit. Nach einigen Wiederholungen begann der Hund zu speicheln, sobald der Ton erklang – selbst dann, wenn gar kein Futter mehr da war. Ein unschuldiger Klang hatte sich in ein machtvolles Signal verwandelt. Die sozialen Medien haben Pawlows Lektion nicht nur verstanden – sie haben sie perfektioniert. So wie Pawlows Hund auf ein Signal reagierte, ohne dass reale Nahrung vorhanden war, bieten die Tech-Konzerne algorithmisch gesetzte Reize, deren Nahrung ebenfalls oft dünn ist. Der Speichel fließt aber, auch wenn gar kein Futter mehr da ist.

Langeweile auszuhalten, ist mittlerweile ein Akt des Widerstands gegen das programmierte Dopaminfeuer im Kopf. Natürlich ist nicht jede Form der Langeweile heilsam. Langeweile kann auch lähmen, wenn sie zum Dauerzustand wird. Sie kann dumpf machen, wenn sie ohne Ausweg bleibt. Doch die alltägliche, vergängliche Langeweile ist von anderer Natur: Sie ist kein Abgrund, sondern ein Übergang, eine Schwelle, die auffordert, innezuhalten, aufzuwachen, Unvorhergesehenes zuzulassen, in den vorbeiziehenden Wolken die lebendigen Dinge zu sehen.

Von Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie, aus der Ö1-Reihe „Gedanken für den Tag“

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