Stänkern gegen das Vergessen

Solange sich noch irgendjemand an Georg Kreisler erinnert, wird auch der Chansonnier und Harvardprofessor Tom Lehrer nicht vergessen werden. Eine eigene Fangemeinde hat Lehrer hierzulande nicht (ein Schicksal, das er mit vielen Besseren und Geringeren teilt).
Wann immer sein Name fällt, setzt der, der ihn nennt, ein hintersinniges Gesicht auf, so als wollte er gleich eine Bombe platzen lassen. Dann wird Lehrer erst einmal überschwänglich gelobt. Ach ja, übrigens, wird dann zuverlässig noch betont nachträglich hinzugefügt, er sei ja – fast hätt‘ ich’s vergessen – der eigentliche Urheber von Georg Kreislers berühmtem, nein: berühmtestem Chanson, dem Lied vom Taubenvergiften. (Man kann es auch umgekehrt machen, also erstmal Kreisler loben und dann Lehrer drüberbraten, siehe unten.)
Auf alle Fälle kommt das Lehrer-Lob damit auch stets an sein Ende. Kein weiteres seiner 500 Chansons wird genannt oder gar zitiert. Die Erwähnung von „Poisoning Pigeons In The Park“ muss genügen, als Beweisstück A-Z, denn mehr ist ja nicht nötig, um das bekanntere Lied vom „Taubenvergiften im Park“ zu diskreditieren.

Seit ich Kontakt zu Kulturfreunden, Künstlern und Kleinkünstlern habe (etwa seit 40 Jahren), wird mir immer wieder diese „Enthüllung“ zuteil. Gerade erst war sie wieder zu erleben, am Samstag in der noch nachhörbaren neuen Folge von „Klassik, Pop etc.“.
Der Gastmoderator Charles Lewinsky lobt zuerst Kreisler, aber nur ausholend, um dann zuschlagend fortzufahren: „Ich konnte ihm nie ganz verzeihen, dass er nie laut gesagt hat, dass eines seiner erfolgreichsten Werke, ‚Taubenvergiften im Park‘, gar nicht von ihm stammte, sondern eine Übersetzung aus dem Englischen war.“
Das ist leicht übertrieben: Kreislers Lied hat bei aller inhaltlichen Übereinstimmung doch einen eigenen Text und eine selbstständige Melodie. Und in den etwa 65 Jahren, die ihm danach auf Erden noch vergönnt waren, hat er auch immer wieder etwas dazu gesagt: er wehrte sich gegen den Plagiatsvorwurf. Er tat das wie einer dieser Politiker, über die sich Satiriker seines Schlages so gerne lustig machen. Anstatt das Offensichtliche zuzugeben (naja, ich hab die Idee aufgegriffen, nichts für ungut), erklärte er, die Taubenpopulation in unseren Großstädten sei ein allgemeines Problem, und so sei es doch naheliegend, sie an einem Frühlingstag Hand in Hand mit seiner Liebsten vergiften zu wollen. Ein andermal sagte er, die Idee könne er gar nicht von Lehrer haben, da er ja schließlich der Ältere sei (es sind sechs Jahre Unterschied) – vielleicht habe Lehrer sie ja von ihm … und anderen Unsinn mehr.

Dieses Schauspiel haben beide Herren nicht verdient, zumal inzwischen alle drei eminent abgenudelt sind: Kreislers Tauben, Lehrers Pigeons und die sie verbindende Anklage.
Wir sollten damit aufhören – auf die Gefahr hin, dass dann viele noch einen Grund weniger (keinen mehr) haben, sich hierzulande an Tom Lehrer zu erinnern.
Eine Zeile übrigens hat die englische Version der österreichischen voraus: die überlebenden Tauben werden mit nach Hause genommen, um mit ihnen Experimente zu machen.

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Der Song des Tages: „Soliloquy“ from „Carousel“ (cutdown)

betr.: 81. Jahrestag der Broadway-Premiere von „Carousel“

Ein perfekter Theatersong

Die „Soliloquy“ aus „Carousel“, dem zweiten Musical von Rodgers & Hammerstein, ist ein idealer Song für einen Bariton, um parallel zum Gesang auch die schauspielerischen Möglichkeiten auszudrücken – für mich gemeinsam mit Kurt Weill’s „This ist The Life“ und „Gesticulate“ aus „Kismet“ der beste, der sich in dieser Reichhaltigkeit und Komplexität denken lässt.
Und der seitenstärkste. Um ihn bei einer Prüfung oder Audition vorzutragen, ist er mit 7 Minuten zu lang. Der Meinung war auch Ed Sullivan, in dessen berühmter Fernsehshow aktuelle Musical-Produktionen vom Broadway stets ein reichweitenstarkes Podium hatten. Richard Rodgers persönlich richtete für diese Präsentation eine gekürzte Fassung ein, die vom John Raitt, dem Original-Interpreten, live performt wurde.
Ich war glücklich, einem meiner Schüler diese Kurzfassung für die Gesangsprüfung übergeben zu können.
Leider hatte der Schuldirektor von dieser Autorisierung durch den Komponisten keine Ahnung und verpasste dem Prüfling wegen der Kürzung einen Punktabzug.

Ich will sie hier trotzdem vorstellen.

[BILLY]
I wonder what he’ll think of me
I guess he’ll call me the „old man“
I guess he’ll think I can lick every other fellow’s father
Well, I can!
I bet that he’ll turn out to be
The spittin‘ image of his dad
But he’ll have more common sense
Than his puddin‘-headed father ever had

I’ll teach him to wrestle and dive through a wave
When we go in the mornings for our swim
His mother can teach him the way to behave
But she won’t make a sissy out of him
Not him
Not my boy
Not Bill!


[BILLY, spoken]
Bill

[BILLY]
My boy, Bill
I will see that he’s named after me, I will
My boy, Bill
He’ll be tall and as tough as a tree, will Bill
Like a tree he’ll grow with his head held high
And his feet planted firm on the ground
And you won’t see nobody dare to try
To boss him or toss him around
No pot-bellied, baggy-eyed bully’ll boss him around

I don’t give a damn what he does
As long as he does what he likes
He can sit on his tail
Or work on a rail
With a hammer, a-hammerin‘ spikes

He can ferry a boat on a river
Or peddle a pack on his back
Or work up and down
The streets of a town
With a whip and a horse and a hack

He can haul a scow along a canal
Run a cow around a corral
Or maybe bark for a carousel
Of course it takes talent to do that well

He might be a champ of the heavyweights
Or a fellow that sells you glue
Or President of the United States
That’d be all right, too

[BILLY, spoken]
His mother would like that
But he wouldn’t be President unless he wanted to be

[BILLY]
Not Bill

My boy, Bill
He’ll be tall and as tough as a tree, will Bill
Like a tree he’ll grow with his head held high
And his feet planted firm on the ground
And you won’t see nobody dare to try
To boss him or toss him around
No fat-bottomed, flabby-faced
Pot-bellied, baggy-eyed bastard will boss him around

And I’m damned if he’ll marry his boss’s daughter
A skinny-lipped virgin with blood like water
Who’ll give him a peck and call it a kiss
And look in his eyes through a lorgnette—
Say, why am I takin‘ on like this?
My kid ain’t even been born yet!


I can see him when he’s seventeen or so
And startin‘ in to go with a girl
I can give him lots of pointers, very sound
On the way to get ‚round any girl
I can tell him—

[BILLY, spoken]
Wait a minute
Could it be?
Oh, what the hell?
What if he is a girl?
Bill, oh Bill
What would I do with her?
What could I do for her?
A bum with no money

[BILLY]
You can have fun with a son
But you gotta be a father to a girl
She mightn’t be so bad at that
A kid with ribbons in her hair
A kind of meek and petite
Little tintype of her mother
What a pair!


My little girl
Pink and white
As peaches and cream is she
My little girl
Is half again as bright
As girls are meant to be

Dozens of boys pursue her
Many a likely lad
Does what he can to woo her
From her faithful dad
She has a few
Pink and white young fellows of two and three
But my little girl
Gets hungry every night
And she comes home to me

[BILLY, spoken]
My little girl, my little girl

[BILLY]
I gotta get ready before she comes
I gotta make certain that she
Won’t be dragged up in slums
With a lot of bums like me
She’s gotta be sheltered
And fed and dressed
In the best that money can buy
I never knew how to get money
But I’ll try, by God, I’ll try!
I’ll go out and make it
Or steal it or take it
Or die!

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Kultfilm Azubis: Ab durch die Mitte!

Manch ein Gulity pleasure ist so müllig, dass man sich ein bisschen schämt, es anzuschauen. Wenn man von seinem Mitbewohner dabei erwischt wird, muss man sich auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen: „Ich kann das erklären …“. Diese Erklärung würde dann lauten: Es ist Kult. Ein solcher Fall eröffnet den heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/masters-of-the-universe-ein-mann-geht-durch-die-wand

A) Masters of The Universe
US-Fantasymärchen von 1987

Der abscheuliche Skeletor hat Eternia erobert und die Macht der guten Zauberin gebannt. Der tapfere Krieger He-Man stellt sich dem Aufstieg des Usurpators zum Beherrscher des Universums erbittert entgegen. Er bringt den magischen Dimensions-Schlüssel an sich und wird mit einem Häuflein Getreuer in eine andere Welt katapultiert: in die USA der Achtziger. Zwei Teenager finden das Gerät und haben prompt Skeletors finstere Handlanger am Hals. Die Schlacht des Guten gegen das Böse geht in die entscheidende Runde …

Innerhalb von fünf Jahren konnte der Spielwarengigant Mattel weltweit 120 Millionen He-Man-Actionpuppen verkaufen. Es folgte eine Zeichentrickserie, den Film besorgte die „Cannon“-Gesellschaft, ohne deren hurtig produzierte Produkte die Videotheken der 80er Jahre halbleer geblieben wären. Den israelischen Cousins Menahem Golan und Yoram Globus war zuvor mit den „Eis am Stiel“-Sexklamotten der Einstieg in die Branche gelungen.

B) Ein Mann geht durch die Wand
Wirtschaftswunder-Fantasykomödie von 1959

Der unverheiratete Finanzbeamte Buchsbaum ist ein netter Langweiler aus dem Bilderbuch – er sammelt sogar Briefmarken. Eines Tages bemerkt er eher zufällig, dass er durch Wände gehen kann. Diese Superkraft ermöglicht ihm, allerlei Unfug anzustellen – z.B. nächtliche Einbrüche – und kommt ihm sehr gelegen, als er sich seines neuen Chefs erwehren muss. In einer besonders wichtigen Angelegenheit hilft Buchsbaum diese Fähigkeit aber nicht weiter: er hat sich in seine neue Nachbarin verliebt, eine alleinerziehende französische Klavierlehrerin …

Marcel Aymés phantastische Novelle „Le Passe-muraille” von 1941 wurde mehrmals verfilmt, als Hörspiel und Musical adaptiert, in Paris wurde ihr sogar ein Denkmal gesetzt. Gewisse Parallelen zu „Und täglich grüßt das Murmeltier“ fallen uns nachträglich auf. Mit der kleinen Anita von Ow und dem Regisseur Ladislao Vajda realisierte der deutsche Superstar Heinz Rühmann im selben Jahr noch einen auf ganz andere Weise bemerkenswerten Film, das Kriminaldrama „Es geschah am hellichten Tag“ nach Friedrich Dürrenmatt.

Nächste Woche: Ferris macht blau und Tödliche Entscheidung

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Das extralange Gruselfilmeraten

Die aktuelle Filmkritik: Lee Cronin’s The Mummy

Über diesen Horrorfilm – und über einige andere – sprechen im heutigen Podcast Monty Arnold und  Volker Robrahn:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/lee-cronin-s-the-mummy

„Die Mumie“ ist wieder da, das jüngste der ganz klassischen, alten Kinomonster.

TV-Reporter Charlie Cannon ist von Berufs wegen mit seiner Familie nach Ägypten gezogen. Als sein Töchterchen Katie von einer Magierin aus dem Garten des Grundstücks entführt wird, ist die örtliche Polizei keine Hilfe, sondern äußert sogar ungebührliche Verdächtigungen.
Die Cannons kehren nach New Mexiko zurück. Acht Jahre später erreicht sie dort die Nachricht, Katie sei wiedergefunden worden: in einem Sarkophag, der unbeschädigt an der Absturzstelle eines Flugzeugs gefunden wurde. Zur allgemeinen Verwunderung ist das Mädchen noch am Leben, wenn auch nicht ansprechbar und überhaupt in einem grauenerregenden Zustand. Vor allem Mutter Larissa will Katie schnellstmöglich nach Hause holen und dort pflegen.
Wie sich herausstellt, ist das Mädchen von einem Dämon besessen. Familie Cannon macht schwere Zeiten durch …

„Die Mumie“ von 1932 ist nicht nur ein ganz besonders reizvoller Genreklassiker, sie erlebte auch ab 1999 mit Brendan Fraser und Dwayne „The Rock“ Johnson eine frisch gebliebene Neuauflage. Der Regisseur des neuen Anlaufs, Lee Cronin, verspricht eine „einzigartige, furchterregende Version, die sich von früheren Mumienfilmen unterscheidet.“ Die Heimlichtuerei geht so weit, dass erst seit heute früh um 6 überhaupt über den Film berichtet werden darf – in den USA läuft er erst morgen an. Ein Schuft, wer dabei auf die Idee kommt, die Produzenten könnten ihrem eigenen Produkt misstrauen.

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Die wiedergefundene Textstelle: Casablanca revisited, 50 Jahre nach Bogey

Sie fuhren Richtung Küstenstraße. (…) Casablanca! Wie war das überhaupt? (…) Rechts von ihnen war die sonst grüne Natur grau und trist. Das Land machte eine endlose Jahreszeit durch, die weder Winter noch Sommer war und für die Bauern den schlimmsten Alptraum darstellte. Morgens herrschten eisige Temperaturen, unter denen Blüten und Knospen erfroren. Mittags dörrte eine sengende Sonne Täler und Ebenen aus. Es hatte seit drei Jahren nicht geregnet, und der Boden war so trocken, dass die Fellachen schließlich ihr Ackergerät weggepackt und das Pflügen und Säen aufgegeben hatten. Freitags betete man in allen Moscheen des Landes darum, dass endlich ein Wind aufkäme und Wolken brächte. Doch der Regen kam nicht, und unter der bescheidenen Steinbrücke, die das Auto überquerte, war der Er-Rbia ausgetrocknet. Die Bäume waren von einer dicken, weißen Staubschicht bedeckt. In der Ferne sah Mia ein Dutzend ausgemergelter Kühe. Sie irrten über die Ebene und suchten nach etwas Essbarem. Wenn die Dürre anhielt, würde man ganze Herden abschlachten müssen. Und wenn sie nicht auf diese Weise endeten, würden die Kühe irgendwann eine der schwarzen Plastiktüten fressen, die wie Fahnen von den Ästen der Bäume hingen, und ersticken. Sie wandte sich zur anderen Seite und sah dem Zug hinterher, der sie überholte. Dann fuhren sie an einer hohen Mauer entlang, die immer wieder Lücken aufwies. Man konnte nicht sagen, ob die Arbeiten unterbrochen worden waren oder ob die Menschen selbst diese Bogen geöffnet hatten, um ihr Vieh hindurchzulassen. (…) ein paar Baracken, Straßen voller Dreck, ein Esel, ein kleines Mädchen in einem blauen Kleid, ein Tuch um den Kopf gebunden, mit einem pausbäckigen Baby im Arm, ein Mann, der hinten auf einem Karren voller Orangen und Zwiebeln saß, mit Plastikschlappen an den Füßen. Auf der Mauer stehend, zeigten kleine Jungen den hupenden Autos ihren Mittelfinger. (…) Sie kamen nach Casablanca. Mia hatte eine wimmelnde, schmutzige und chaotische Stadt erwartet, eine Stadt wie die Londonder Vororte, die Dickens in seinen Romanen beschrieb, samt ihren Arbeitern mit rußgeschwärzten Gesichtern und den Frauen mit einem schreienden Baby im Arm, die sich nicht unterkriegen ließen. Was ihr zuallererst auffiel, was das Licht, das intensive strahlende Licht, das vom Ozean zu kommen schien und von den weißen Fassaden der hohen Art-Deco-Gebäude reflektiert wurde. Sie passierten die Place des Nations Unies, den Tour de l’horloge, den Parc de la Ligue Arabe. Eine Avenue folgte auf die nächste. Restaurants reihten sich an ausländische Firmen oder Privatclubs, wo die Reichen hingingen, um zu baden und sich zu entspannen. Casablanca vermittelte ihr das Gefühl einer Freiheit, die sie aus Rabat nicht kannte. Sie bemerkte, dass die Boutiquen und Lokale hier oft amerikanische Namen trugen. Während man in Rabat im Bourgogne oder im Café de France zu Mittag aß, trank man in Casablanca ein Glas in „Rick’s“, im „Sun“ oder im „Oklahoma“. Sie erreichten das Geschäftsviertel. Gegenüber der Bank bemerkte Mia das Schaufenster eines Eisladens mit italienischem Namen, und sie sah Männer in Anzügen aus einem Luxushotel kommen. (…)
In der Eingangshalle begann ein merkwürdiger Tanz. Die Telefonistinnen am Empfangstresen verstummten, eine von ihnen richtete sich die Frisur, erhob sich von ihrem Stuhl und nahm Haltung an. Zwei junge Männer drückten sich an die Wand, um Mehdi und das Mädchen, das ihn begleitete vorbeizulassen. Sie nahmen den Aufzug. Mia folgte ihrem Vater in sein riesiges Büro. Der Raum war größer als ihr Wohnzimmer in Rabat. Links gab es einen imposanten Tisch aus hellem Holz, auf dem sich Akten mit farbigen Deckeln stapelten. Ein brauner Lederbecher enthielt Füllfederhalter, und Mia bemerkte das Briefpapier, auf dem rechts oben schöner, himmelblauer Schrift stand: „Generaldirektor“. Gegenüber standen vier Ledersessel um einen Glastisch herum, auf den Uafa den Kaffee stellte. Doch was Mia faszinierte, was sich ihr für immer einprägte, war der Blick auf Casablanca. (…) Die Straße hatte Pastelltöne – hell orange, wassergrün … – und es kam ihr vor, als sähe sie keine echte Stadt, sondern eine Kulisse, die ein Regisseur sich für sie ausgedacht hatte. (…) „In Fès oder in Meknès fragt man dich immer, wessen Sohn du bist. Hier kannst du niemandes Sohn sein. Casablanca ist eine Stadt ohne Gedächtnis, ein El Dorado für Bastarde, Emporkömmlinge, Namenlose. (…)“ (…) War das das Geheimnis ihres Vaters? War er der Sohn von niemandem?

Aus „Trag das Feuer weiter“, dem finalen Band von Leila Slimanis Trilogie über eine marokkanische Familie, die viele autobiografische Züge trägt. Die Schilderung von der Fahrt nach Casablanca bezieht sich also vermutlich auf die Mitte der 90er Jahre.  

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Der Song des Tages: „Jalousie“

betr.: 214. Jahrestag der Patentierung der Jalousie

Der bei Nicht-Tangotänzern berühmteste aller Tangos ist unzweifelhaft „Jalousie“ („Eifersucht“). Tango-Puristen kann diese Popularität aus verschiedenen Gründen nicht gefallen. Zunächst einmal handelt es sich um einen europäischen Tango – er stammt vom dänischen One-Hit-Wonder Jacob Gade. Außerdem ist er wegen seines unregelmäßigen, nicht durchgehenden Habanera-Rhythmus nicht sehr gut tanzbar und fällt außerdem wegen des sinfonischen Charakters und der extremen Dynamik unangenehm auf. Zähneknirschend wird er dennoch auf den meisten Milonga-Veranstaltungen gespielt, weil sein Fehlen wiederum dem breiten Publikum unangenehm auffiele.
Populär machte „Jalousie“ zunächst, dass er ins musikalische Begleitprogramm des längst Stummfilms „Der Mann mit der Peitsche“ (1925) aufgenommen wurde, in dem der damals überaus populäre Draufgänger Douglas Fairbanks jr. als Zorro auftrat.
Seither ist „Jalousie“ in unzähligen weiteren Filmen aufgetaucht, in den meisten davon als bereits eingeführter Evergreen. Von den noch unzähligeren Aufnahmen, die davon hergestellt wurden – vokal und instrumental -, eine auszuwählen, ist eine überaus undankbare Aufgabe. Ich opfere mich und nenne die Version des Sängers Frankie Laine (1951), dessen leidenschaftlich-kraftaufwändige Atemtechnik sehr gut zu jenem Tanzstil passt, dem der Titel zugeordnet wurde. Bei aller Emotion klingt Laine immer heiter und optimistisch. Und das bekommt „Jalousie“ ganz ausgezeichnet.

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Der unscheinbare Kraftmeier

betr.: 84. Geburtstag von Bill Conti

Der Filmkomponist Bill Conti muss als ein Kleinmeister seiner Zunft gelten, des amerikanischen Soundtracks in dessen letzter wahrhaft spätromantischer Phase kurz vor der Jahrtausendwende. Aber auf diesem Gebiet hängt der Hammer ja insgesamt sehr hoch. Außerdem hat Conti auf  seinen Einstand als eng budgetierter Lieferant für die „Rocky“-Filmmusik – sie wurde ebenso legendär wie der Film an sich – immer wieder wahrhaft große Soundtracks folgen lassen. Nur kamen die nicht immer in großen Filmen vor, zuweilen sogar in Fernsehserien, was damals eine Herabstufung bedeutete.
Wer nicht schon dahintergekommen ist, den mag es immer wieder angenehm überraschen, wenn ihm ein Conti-Soundtrack begegnet.
Zu den zwielichtigen Orten, an denen man sich von seiner Kunst aufschrecken lassen kann, gehört der Film „Masters Of The Universe“, der unter haarsträubend unprofessionellen Bedingungen entstand und der am Freitag im Podcast „Kultfilm Azubis“ verhandelt wird.
Der Soundtrack hat eine tadellose sinfonische Partitur, die einem parodistischen Ansatz nachgeht: das Idiom der sich selbst zu ernst nehmenden „Sword And Sorcery“ wird so hingebungsvoll und handwerklich sauber aufs Wesentliche heruntergebrochen, dass das Ergebnis es jederzeit mit den ernstgemeinten Hochleistungen der Sparte aufnehmen kann (etwa mit James Horners „Krull“ oder mit „Taran und der Zauberkessel“ von Elmer Bernstein). Das passt zu einem Film, der kinderleicht zu schmähen und zu verwerfen ist, der aber erheblichen Charme besitzt. Und außerdem etwas, was es auf dem Gebiet der Fantasy jenseits komischer Nebenrollen überhaupt nicht gibt: Humor.
Contis Musik für „Masters Of The Universe“ – der 1987 alle Gattungs-Klischees und aktuelle Trends in sich aufsog und auf einer ihrerseits kopierfreundlichen Serie von Jungs-Spielzeugfiguren basierte – ist hin und wieder dafür kritisiert worden, sein Thema erinnere an „Superman“/Fanfare und Marsch von John Williams. Das ist nicht unrichtig, geht aber von der falschen Seite an die Sache heran. Auch Williams wollte und verfertigte eine Pastiche zum Thema „Superheld“. Das tat Conti auch – in der unmittelbaren Nachbarschaft, bei den Pulp-Barbaren -, kam zu einem benachbarten Ergebnis, schrieb jedoch ein wirklich welthaltiges Stück großer Filmmusik. Williams gab sich bei „Superman“ mit einem Jingle zufrieden, das ohne seinen Kontext wie ein überproduzierter Klingelton in sich zusammenfällt. Das schien ihm angemessen, und es genügte ja auch.
Ich schätze Bill Conti dafür, dass er immer erst etwas später zufrieden war.

Alle die genannten Kollegen Contis waren übrigens Groß-Meister der sinfonischen Filmmusik – oder galten doch als solche.

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Der Rocker von Kakanien

betr.: 225. Geburtstag von Joseph Lanner

Dass der Walzer einmal skandalös war und eine Wirkung auf seine Zeitgenossen hatte wie später der Rock’nRoll, ist schwer vorstellbar – aber nicht unmöglich.
Er war nicht nur der erste Tanz, bei dem Tänzer und Tänzerin einander intensiv berühren konnten, er hatte mit dem Dreivierteltakt auch einen Rhythmus, der einen leichten Schwindel, einen Rausch auslöste.

Bevor der Name der Strauss-Dynastie zur Weltmarke wurde, war es Joseph Lanner, der dem Wiener Walzer seine charakteristische Form gab. Zusammen mit Johann Strauss/Vater entwickelte er aus Ländler, Deutschem und Vorstadttanz jene elegante Dreiviertelbewegung, die Wien musikalisch definieren sollte. Jedoch: Lanner war keineswegs „nur“ ein Wegbereiter der Wiener Tanzmusik. Seine frühen „Neuen Wiener Ländler“ zeigen bereits jene formale Verdichtung, aus der sich der große Konzertwalzer entwickelte. Während die Sträusse das Geschäft professionalisierten und internationalisierten, prägte Lanner den Ton: feinsinnig, oft melancholisch, mit einer kammermusikalischen Transparenz, die den ländlichen Walzer als urbane Kunstform adelte.

Die Konkurrenz zwischen Lanner und Strauss spaltete zeitweise das Publikum – „Lannerianer“ gegen „Straussianer“ hieß es damals. Der Grund: Im Wien des Vormärz wurde der Walzer zur klingenden Projektionsfläche einer Gesellschaft zwischen Biedermeier-Idylle und politischer Spannung.
Nach seinem Tod mit 42 gerät Joseph Lanner rasch in Vergessenheit. Seinen Rang als zentrale Figur einer musikalischen Zeitenwende – als Komponist, der den Wiener Walzer nicht nur populär machte, sondern ihm eine erste kulturelle Identität verlieh – ist es vor allem der Ruhm von Johann Strauss/Sohn, der seinem Andenken den Garaus machte. Erst 1904 erscheint eine Lanner-Biographie, die lange die einzige bleiben wird.

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Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (30): „Lauter gute Freunde“

Hörspiel nach Margaret Millar, NDR 1993, 60 min.

Zwei Tage später fand ein Junge aus Mildford, als er auf seinem Heimweg unten am See entlangging, eine karierte Mütze. Die Polizei entdeckte oben auf der Straße Reigenspuren, die über den Straßenrand hinausführten. Taucher holten Rons Thunderbird aus einer Tiefe von etwa sieben Metern aus dem Wasser. Der Wagen war kaum zerstört, Fenster und Windschutzscheibe nicht zerbrochen. Und Ron saß noch drinnen, mit dem Sicherheitsgurt fest an den Fahrersitz geschnallt.

Als ihr Ron Galloway etwas Zeit mit seinen alten Schulfreunden Harry, Bill und Ralph in seiner Hütte am Euron -See verbringen will, protestiert seine Frau Esther gegen das „Männerwochenende“. Ron fährt trotzdem – und ist verschwunden. Ein rätselhafter Brief an Esther lässt auf Selbstmord schließen. Wenige Tage später findet man ihn tot in seinem Auto. Der Anlass scheint zu sein, dass Harrys Frau Janice ihm vor der Abfahrt in die Berge verkündet hat, sie sei von ihm schwanger. Eine Familientragödie bahnt sich an. Esther lässt den illegitimen Sprössling großzügig am Erbe des reichen Ron teilhaben. Doch Janice und Harry, die im Freundeskreis immer als glückliches Paar galten, streiten und trennen sich.
Erst Jahre später kommt Ralph, der Erzähler, dahinter, dass die Geschichte sich wohl doch anders abgespielt haben muss …

Valerie Stiegele gelingt es recht gut, die Erzählung „Der Süßholzraspler“ von Margaret Millar im knapp einstündigen Hörspiel-Schema unterzubringen, indem sie einige Passagen der ereignisreichen Geschichte in Briefe oder knappe Zusammenfassungen im Dialog auslagert. Die Dialoge sind springlebendig, das Timing ist famos. Erst im Finale geht alles ein wenig zu flott, um die aufgedeckten Verwicklungen zu akzeptieren. Doch zu diesem Zeitpunkt hat man sich mit dem prominenten und meisterlich arbeitenden Ensemble (Matthias Fuchs, Judy Winter, Christian Brückner, Hildegard Schmahl) unter der Regie von Walter Adler schon großartig amüsiert.

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