Loriot feiern – aber richtig!

betr.: der 100. Geburtstag von Loriot – und wie die alten Medien ihn feiern

Obwohl er nicht mein ganz persönlicher Humor-Spitzenreiter ist, verehre ich Loriot doch so sehr, dass ich die Ehrungen mitnehme, die Print, Funk und Fernsehen dieser Tage zu seinem 100. auffahren. Meine Verehrung geht sogar so weit, dass ich die große ARD-Gala unbedingt auslasse, denn was gibt es dort schon zu sehen? Dasselbe wie allen vergleichbaren „Würdigungen“: da setzen sich wild- und fachfremde Promi-Nasen in Szene, die hinsichtlich des Themas genauso schlau sind wie ich. Und in den Einspielern dazwischen hängt mal wieder das Bild schief, saugt und bläst der Heinzelmann und war früher mehr Lametta – und das in Form winziger Filmschnipsel, die oben und unten abgesägt werden, damit sie ins Breitbild passen und die mit Logos zugekleistert werden (da lasse ich die Hotelbadewanne, aus der die Ente draußen bleibt, doch lieber mit meinen eigenen Loriot-DVDs  volllaufen) – kurzum: ein Umgang mit Loriot wie er respektloser und unersprießlicher nicht sein könnte und der keinen einzigen Erkenntnisgewinn bereithält. Das ist angesichts der prall gefüllten Archive, in denen sich Interviews mit dem echten Loriot geradezu stapeln, unbegreiflich. Zumal man ja beides senden könnte …

Umso sorgfältiger höre ich mir das Radioprogramm zum Thema an. Schon zu Loriots Lebzeiten und anlässlich seiner vielen runden Geburtstage war es eine große Herausforderung, eine Sendung zu seinen Ehren zu füllen, ohne die immergleichen Auszüge aus seinen Klassiker-Miniaturen allzu offensichtlich zu wiederholen. Vermeiden lässt sich solcherlei nicht, kann aber mehr oder weniger geschickt geschehen.
Hier will ich den Vierteiler (zu je 25 Minuten) des Kultursenders Ö1 hervorheben, der aus dem Powerplay-Problem das Beste macht und dessen gebetene Gäste und Zeitzeugen für mein bundesrepublikanisches Ohr etwas Frisches hatten: „Loriot – Der preußische Bajazzo“. Damit kommt der ORF nicht das unerreichte Feature heran, das der Deutschlandfunk vor 25 Jahren hergestellt hat, aber das geht schon in Ordnung. Sehr anständig schlägt sich die aktuelle BR-Produktion „Auf den Spuren des unbekannten Loriot: ‚Och nö, Kinder, muss das sein?‘“.

Beim unvermeidlichen Sketche-Wiederhören – man kann es ja wahrlich schlechter treffen – fällt mir übrigens etwas auf, was mich schon immer ein wenig irritiert hat. Loriot ist im Original immer besser, als wenn er sich selbst kopiert – das gilt auch für seine Partnerin Evelyn Hamann. Nutzen sie doch die vielen Cartoons und Sketche der laufenden Festspiele für einen Vergleich. Finden Sie nicht auch, dass Frau Hamanns Vortrag von „Inhaltsangabe“ (einer englischen Krimiserie) in der TV-Version (bei geschlossenen Augen) viel präziser und schlichtweg komischer ist als ihre Studio-Aufnahme für die Schallplatte? Ist Loriots eigener Erwin Lindemann nicht etwas weniger trefflich als das Original von Heinz Meier in der visuellen Version? Gleiches denke ich auch über die LP-Fassungen von „An der Opernkasse“, „Frühstück und Politik“, „Jodelschule“ …
Einzig die Cartoons sind hier wie dort gleich gut, denn es wurden ja die gleichen Tonspuren benutzt. Bernd Eilert ist in der F.A.Z. vielleicht ähnlicher Ansicht, wenn er ganz allgemein feststellt: „Nachspielen lassen sich Loriots Klassiker kaum ohne erhebliche Qualitätsverluste.“

Das bringt mich zu den gedruckten Würdigungen. Die Zeitungen und Magazine feiern den Jubilar vielleicht auf die schönste Weise. Gedrucktes wird doch immer noch ein klein wenig sorgfältiger und gewogener hergestellt als das „Er ist der Größte“-Geblubber auf einer Fernsehgala. Das optische Angebot ist auf dem Papier weitaus reichhaltiger, denn die Abbildungen speisen sich aus drei Quellen. Während das Fernsehen sich mit Loriot als Autor / Darsteller begnügt, erleben wir ihn hier außerdem als unbewegten Cartoonisten. Der Zeichner Loriot hat uns ein weiteres, schier unüberschaubares Werk rund um seine Knollenmännchen und –frauchen hinterlassen. Außerdem wird im Feuilleton als Zugabe zu den bekannten Szenenfotos immer mal wieder ein überraschendes Privat- oder Werkstattfoto ausgegraben. Das Nachher-Bild vom Set der „Zimmerverwüstung“ etwa kannte ich noch nicht: Loriot sitzt fröhlich und wohlbehalten in der Wüstenei, die wir so gut kennen wie unser eigenes (unaufgeräumtes) Wohnzimmer.

Zurück zu Bernd Eilert, der angesichts von „Steinlaus“, „Filmmonster“ & Co. sogar nachdenklich wird: „Ob sie auch künftige Generationen noch zum Lachen bringen werden, ist schwer vorherzusagen. Die biedermeierlichen Benimmregeln, deren Erlernen und Befolgen in der alten Bundesrepublik noch als Verbindlich galt, verschwinden seit 1968. (…) sprachliche Sonder- und Irrwege gibt es zwar immer noch, sie haben aber den Leerformeln und Fachjargons, die Loriot mit Vorliebe parodierte und zitierte, wenig mehr gemein.“  

Thomas Gottschalk, ein weiteres Idol der Ära, ist uns mal wieder voraus. Er meinte kürzlich in einem großen ZEIT-Interview: „Gucke ich einen Loriot-Film, ist das von einer unglaublichen Langatmigkeit“.  Aber Gottschalk hat zuletzt ja auch sonst nichts Fröhliches mehr auf der Platte – wie das häufig so ist, wenn man ein Leben lang vom Publikum geliebt wurde. Im selben Gespräch sagt er rückblickend über seine Karriere: „Ich habe das Tor zur Hölle aufgestoßen, also musste ich auch durchgehen“.
Na, dann doch lieber einen ollen Loriot-Sketch zur Feier des Tages! Oder zwei. Ich wähle meine Lieblingssketche: „Der sprechende Hund“ und „Der K 2000“ (in der TV-Version natürlich).

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Pipeline des Gefühls

betr.: 44. Todestag von Dimitri Tiomkin

In der Ära des Great American Songbook und des klassischen Filmsongs und noch bis zu kreativen Popstars wie den Beatles ging es jenseits der Texte und Arrangements in erster Linie um eine Melodie, erst dann um den Groove. Natürlich war das alles wichtig, aber die Melodie war – flapsig ausgedrückt – der Grund für einen Musiker oder eine Band, sich überhaupt an die Arbeit zu machen.
Heute mag das völlig anders sein.

Im Hollywood der Jahrhundertmitte machte Dimitri Tiomkin aus seiner Position als Komponist sinfonischer Soundtracks den Filmsong zu einer eigenständigen Gattung. Und er blieb Zeit seines Schaffens der König dieser Disziplin.
Was Tiomkin tatsächlich besser konnte als seine großartigen und vielfach bedeutenderen Kollegen auf diesem Gebiet – etwa Henry Mancini, John Barry oder das Team Livingston & Evans -, war das Erfinden eines unwiderstehlichen B-Teils oder jener Brücke, die im Refrain von der Titelzeile zu ihrer Wiederholung überleitet. Mit wenigen Tönen schafft schafft es Tiomkins Musik, im Zuhörer eine Art Sehnsucht auszulösen, die Titelzeile wiederzuhören. Die Kunst einer guten Bridge besteht genau darin: die kurze Zeit subjektiv so sehr zu dehnen, als müsste man auf etwas Wundervolles ungehörig lange warten. Das neuerliche Erklingen von Liedzeilen wie „I was high and mighty“ oder „Love, Look What You’ve done To Me“ fühlt sich dann wie eine Erlösung an, wie die Erfüllung eines innigen Wunsches.
Am Beginn des Chansons „Am Tag als der Regen kam“ von Gilbert Bécaud findet sich die treffliche Umschreibung: „langersehnt, heißerfleht“.
Von Dimitri Tiomkin stammen einige der besten Beispiele. Man findet sie in Songs wie „So Little Time“ (aus „55 Days At Peking“), „Haji Baba“ (aus „The Adventures Of Haji Baba“) und „Wild Is The Wind“.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Die Dystopie, die sich nicht traut

betr.: das Multimedia-Phänomen „Die drei Sonnen“

Cixin Lius Science-Fiction-Epos „Die drei Sonnen“ – auch „Trisolaris-Trilogie“ (ab 2007) – erschien zehn Jahre nach dem chinesischen Original auch bei uns. Inzwischen genießt der Roman bei Kritikern und Lesern gleichermaßen Kultstatus, wie es immer so schön heißt. WDR und NDR produzierten gemeinsam eine aufwändige sechsteilige Hörspielfassung, Netflix hat für die Verfilmung ein 200-Millionen-Budget in die Hand genommen.
Als mir einer meiner Schüler den Roman nun zum Abschluss des Kurses schenkte, habe ich diese Bildungslücke geschlossen.

Die Handlung: China zur Zeit der Kulturrevolution. Die Roten Garden verbreiten Angst und Schrecken und lassen bei ihren zahlreichen „Kampf- und Kritiksitzungen“ Akademiker und hochangesehene Intellektuelle, tituliert als Reaktionäre oder Feinde der Revolution, öffentlich umbringen. 1967 wird die Astrophysikerin Ye Wenjie als reaktionäres Element denunziert, verurteilt und zu der abgelegenen Militärbasis „Rotes Ufer“ gebracht, um mit einer kleinen Gruppe von Astrophysikern, Politkommissaren und Ingenieuren ein streng geheimes Forschungsprojekt mitzugestalten. Ihre Aufgabe: Signale ins All zu senden und noch vor allen anderen Nationen Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen. Fünfzig Jahre später wird diese Vision Wirklichkeit, doch was die kosmischen Wesen mitzuteilen haben, ist kein Grund zum Feiern: die Menschheit sei nicht in der Lage, ihre weitere Existenz zu gewährleisten und nur durch eine Unterwerfung durch die fremde Macht aus dem All vor dem Untergang zu retten …

Die Botschaft der Invasoren ist mindestens stichhaltig, und insofern ein toller Plot für einen relevanten phantastischen Roman. Die Verbannung der jungen Ye Wenjie war für mich einer der bewegendsten Momente:

„Ye Wenjie, ich will dir nichts vormachen. Das hier ist nicht die ganz große Chance für dich. Ich habe es mir vom Militärgericht erklären lassen. Obwohl Cheng Lihua nachdrücklich die Höchststrafe fordert, wirst du höchstens zu zehn Jahren Haft verurteilt werden. Wenn du dann noch mildernde Umstände bekommst, sitzt du vielleicht sechs oder sieben Jahre ab. Aber hier …“ Er nickte zur Basis hinüber. „steckst du in einem Forschungsprojekt auf höchster Geheimhaltungsstufe. Bei deinem Status ist es durchaus wahrscheinlich, dass du hier …“ Er hielt einen Moment inne, als wollte er das Summen der Antenne im Wind als dramatischen Effekt nutzen. „… dein Leben lang nicht wieder rauskommst.“
„Ich mache es.“ 

Doch so sehr mich dieses Werk stellenweise amüsiert und gefesselt hat, so sehr ich vereinzelt Freude daran hatte, in die sich auftuenden Scheinwelten abzutauchen, so sehr stört mich etwas, was ich andererseits für eine Quelle des allgemeinen Erfolgs halte. Die Geschichte ist nicht aus einem Guss – was sie durchaus vortäuschen möchte -, sie ist aus einer Vielzahl unzusammenhängender Plots und Genre-Fingerübungen zusammengesetzt. Der Autor schüttet uns die ganze Fülle seines Zettelkastens vor die Füße. Das hat zwei strategische Vorteile: zum einen kann er hier diverse unterschiedlich weit fortgeschrittene Entwürfe verwursten, zum anderen kommt er damit der Aufmerksamkeitsspanne des heutigen Mainstream-Publikums entgegen. Mit seinen Parallel-Universen (oja, darum geht es wieder einmal!) heißt er außerdem die Fans von Computerspielen und Fantasy-Produkten zu Hause willkommen. Es ist ein konzeptioneller Geniestreich – der ausgerechnet bei mir nicht funktioniert. Vielleicht würde er es, wenn er etwas raffinierter konstruiert wäre – und wenn mir die Kultur der ewigen What-If-Storyfragmente nicht längst zum Halse heraushinge. Ich frage mich, wie gut mir eine Kurzgeschichtensammlung auf der Basis dieses Materials gefallen hätte …
Vollends töricht finde ich die Auflösung. Dass der „Sonnenuntergang der Menschheit“, ihre Vernichtung (Rettung?) durch die Außerirdischen, schließlich doch nicht stattfindet, wird uns wie folgt erklärt:

„Ich verstehe sie“, antwortete der Konsul für Wissenschaft und Technik. „Wir haben die erste Nachricht der Terrestrischen gründlich studiert. Am meisten Beachtung verdient ihre Zivilisationsgeschichte. Die menschliche Art entwickelte sich in einem Zeitraum von circa siebzehntausend Jahren von der Jäger- und Sammlergesellschaft zu einer Ackerbaukultur. Von der Jungsteinzeit mit der Erfindung der Landwirtschaft bis zur Dampfmaschine brauchte es einige tausend terrestrische Jahre. Von der Dampflokära bis zur Elektrizität waren es aber nur zweihundert terrestrische Jahre. Dann vergingen nur wenige Jahre, und die Terrestrischen traten ins Atom- und kurz darauf ins Informationszeitalter ein. Diese Zivilisation besitzt die erschreckende Fähigkeit, ihre Entwicklung zu beschleunigen! Auf Trisolaris haben wir so etwas in den vergangenen zweihundert Zivilisationen nie erlebt. Der wissenschaftliche und technische Fortschritt verlief auf Trisolaris immer gleich schnell, wenn nicht sogar mit der Tendenz, sich zu verlangsamen. Die technischen Zeitalter brauchen in unserer Welt im Grunde alle eine gleich lange Entwicklungszeit.“
Der Regent nickte. „Wenn unsere Raumschiffflotte in viereinhalb Millionen Trisolaris-Stunden das Sonnensystem erreicht, hat uns diese Zivilisation auf technischem Niveau aufgrund ihrer beschleunigten Entwicklung bereits überholt. Die Flotte hat dann einen langen Flug, bei dem sie zwei interstellare Staubgürtel durchqueren musste, hinter sich. Bei ihrer Ankunft wird höchstwahrscheinlich nur noch die Hälfte der Schiffe das Sonnensystem wirklich erreichen. Die andere Hälfte wird auf der langen Expedition verlorengehen. Wir werden der terrestrischen Zivilisation nicht gewachsen sein. Das ist also keine Expedition – das ist eine Fahrt in den Untergang.“

Eine überlegene Rasse, die das Prinzip des exponentiellen Wachstums nicht kapiert hat, mag ich mir gar nicht vorstellen.

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Up In The Air mit Cary Grant

Still und leise zeigt arte heute am frühen Nachmittag die neue Synchronfassung von „Only Angels Have Wings“, eines alten Films mit Cary Grant; die alte deutsche Fassung von 1950 ist etwa 20 Minuten kürzer gewesen. Auch der deutsche Titel hat sich verlängert, er lautet nun „SOS Feuer an Bord: Nur Engel haben Flügel“. Solche späten Bearbeitungen sind rar geworden auf dem Bildschirm – wie „alte Filme“ überhaupt.

Was taugt der Film? Donald Deschner fasste einen weit verbreiteten Vorbehalt zusammen, als er schieb, der Film sei „für (Howard) Hawks-Freunde ein Meisterwerk, für Grant-Fans ein Leckerbissen und für den Rest der Menschheit ein langweiliges Fliegerdrama.“ Als Abenteuerfilm erzeuge er nämlich zu wenig Spannung und als Komödie zu wenig Spaß. Immerhin: unter Cary Grants Fliegerfilmen (die anderen sind „The Eagle And The Hawk“, „Wings In The Dark“ und „Kiss Them For Me“ und wurden noch gar nicht eingedeutscht) sei er der beste. Aber – so viel Zeit muss sein: „Die beste Fliegerszene aus sämtlichen Grant-Filmen ist natürlich die Sprühflugzeug-Jagd aus ‚North By Northwest‘, wo Grant zeigt, dass er die Kunst, Flugzeuge sicher zu Boden zu bringen, noch genauso beherrscht wie 20 Jahre zuvor.“

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Ästhetik am Mikrofon

betr.: Sprechen am Mikrofon / Lesen vom Blatt

Das Wort „Ästhetik“ geht auf das griechische Wort für Wahrnehmung zurück und damit auf die Verarbeitung der Eindrücke, die unsere Sinne auffangen. Das ist ein alltäglicher Prozess; wir sind ständig dabei, Sinnesdaten auszuwerten, einzuordnen und begrifflich zu fassen. Wir tun das so unbewusst und natürlich wie wir atmen. Auch wenn unsere Sinne eigeschränkt sind und weniger Daten liefern können – wenn wir kurzsichtig sind, schwerhörig oder bei schlechter Sicht autofahren -, sind wir doch ständig damit beschäftigt. Sogar im Schlaf kann es passieren – etwa wenn wir ein Geräusch in unseren Traum einbauen, ehe wir davon geweckt werden und es als äußeren Einfluss erkennen.

Bei der Texterfassung und Textauffassung, die jeder hörbaren Äußerung am Mikrofon vorangehen muss, geschieht außerdem das Umgekehrte: das Umsetzen von Begriffen in Sinnesreize.
Wer privat und zum eigenen Vergnügen einen Text liest, verarbeitet ganz selbstverständlich die schriftlichen Informationen, setzt sie in Bilder und Gefühle um („Kopfkino“) und bewertet das alles („Subtext“): wir klassifizieren unsere Eindrücke als groß oder klein, gut oder schlecht, angenehm und harmonisch oder irritierend und unbehaglich. Ein Beispiel: die Farbe Grün gewinnt ihre Bedeutung aus dem Gegenstand, der sie trägt: ist es eine grüne Landschaft, ist es grünes Blut, eine grüne Banane, „grünes Licht“ oder ein „grüner Junge“, worüber wir reden? Das Schriftbild sagt uns darüber nichts. Selbst der Satz, in dem das Adjektiv steht, kann uns noch im Unklaren lassen. Erst der Sinnzusammenhang der den Satz umgebenden Textpassage gibt uns die Möglichkeit, diese Bewertung wirklich vorzunehmen.
Viel spricht dafür, dass Menschen, die zu dieser Umsetzung keine Neigung haben, letztlich auch keine Freude am Lesen entwickeln werden – und selbstverständlich sind auch ihre Ausdrucksmöglichkeiten am Mikrofon entsprechend limitiert.

Wer professionell etwas vorzulesen hat, sollte so routiniert im Umgang mit Leseverständnis, Mikrofon und Studiosituation sein, dass er sich auf den Text in der gleichen Weise konzentrieren kann wie als privater Leser. Wer abgelenkt wird – etwa dadurch, dass er über eine Betonung nachdenkt oder sich Sorgen macht, es könnte ihm ein Fehler unterlaufen – steigt augenblicklich aus der Interpretation des Textes aus und verliert den Zuhörer.

Ästhetik wird gern mit „die Lehre vom Schönen“ übersetzt („Hegels Ästhetik“). Im Alltag neigen wir sogar dazu, das Adjektiv „ästhetisch“ mit „schön“, „wohlgefällig“ gleichzusetzen – etwa, wenn wir einen Anblick, der uns missfällt als unästhetisch bezeichnen. Das verkürzt den philosophischen Terminus, der zwischen der formalen, der inhaltlichen und der Gehaltsästhetik unterscheidet. (Wer möchte, kann darüber streiten, wie sehr wir uns dieser Definition im Sprachgebrauch verpflichtet fühlen sollten …)

Beim lauten Vorlesen ist es viel einfacher: ein schöner Vortrag ist einer, der dem Inhalt des Textes wohlverstanden möglichst gerecht wird, der also neben diesem auch die Textgattung und das Medium bedenkt. Natürlich sollte er auch auf Grundtugenden wie Aussprache, technische Sauberkeit der Aufnahme etc. Rücksicht nehmen.
Dann beginnt der geschmackliche Aspekt seiner Wirkung: Wie gut gefällt mir der Klang der Stimme? Wie wichtig ist es für mich, dass mir ein Krimi von einem prominenten TV-Kommissar vorgelesen wird? etc.

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Absurdes Theater als Antwort auf ebensolche Wirklichkeit

Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs wurden in Paris – das jahrelang von den Nazis belagert worden war – u.a. mit einem neuen Komödiengenre aufgearbeitet. Sein Name bildete sich erst in den 50er Jahren heraus und kam vom lateinischen „Surditas“. Dieses Wort bezeichnet in der Ohrenheilkunde die Taubheit, das davon abgeleitete Adjektiv „abdurd“ stand ursprünglich für „misstönend“ und etablierte sich schließlich als Bezeichnung für Phänomene, die der Logik des Alltags zuwiderlaufen.

Tilman Spengler: „Absurdes Theater zielt nicht darauf, die Zuschauer durch eine Logik der Handlung, der Gefühle, der Argumente zu fesseln und zu überzeugen. Vielmehr geht es darum, scheinbar Vertrautes durch die Anarchie der Komik zu brechen. (…) Einen ganz anderen Zugang liefert die Philosophie des Existenzialismus, die gerade nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa eine geradezu religiöse Verehrung genoss. Die Schlagworte ‚Unbehaustheit‘ und ‚Geworfenheit‘* kommen daher. Die Ideale, für die noch wenige Jahre zuvor gekämpft worden war, hatten sich aufgelöst, dem Leben und dem Leiden der Menschen wurde jeglicher Sinn abgesprochen. Junge nachdenkliche Männer in schwarzen Hosen und schwarzen Pullovern versicherten jungen nachdenklichen Frauen in schwarzen Hosen und schwarzen Pullovern, das Leben sei schrecklich leer“. In den Worten Jean-Paul Sartres: „Alles Existierende entsteht ohne Grund, setzt sich aus Schwäche fort und stirbt durch Zufall.“ („Der Ekel“).

Während die meisten Klassiker dieser Theatergattung heute ehrenvoll ins Archiv entrückt und uns hauptsächlich dem Namen nach geläufig sind – etwa „Die Irre von Chaillot“ von Jean Giraudoux oder Eugène Ionescos „Die Nashörner“ und „Die kahle Sängerin“ – hat sich das 1953 uraufgeführte Clownspiel „Warten auf Godot“ auf unseren Spielplänen erhalten. Sein Autor: Samuel Beckett, ein Ire, der in der Pariser Résistance gekämpft hatte. Das Stück um die Vagabunden Vladimir und Estragon, die auf einer fast leeren Bühne sitzen, warten und grübeln, machte Beckett berühmt und stellte die rhetorische Frage nach dem Sinn des Ganzen, an der sich Publikum, Feuilleton und Historiker seither lustvoll abarbeiten.
Ein halbes Jahrhundert später wurde in einer unauffälligen TV-Dokumentation die Erklärung angeboten, der mysteriöse Godot könnte ein Schleuser sein, der von zwei Flüchtlingen herbeigesehnt wird. Vielleicht ist diese sehr einleuchtende Deutung deshalb so schnell wieder vergessen worden, weil es zum Wesen dieser Kunstgattung gehört, dass man es auf einer bestimmten Ebene so genau gar nicht wissen will.

Weitere wichtige Vertreter des Absurden Theaters sind sein Vorreiter Karl Valentin, der es geradezu physisch verkörpert, sowie Jean Genet, Harold Pinter und Edward Albee, die sich auch auf anderen Gebieten betätigt haben.
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* … laut Martin Heidegger: der Umstand, dass ein Mensch ungefragt teil dieser Welt wird und mit dem klarkommen muss, was eine willkürliche, undurchsichtige Natur bereithält.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Haben wir gelacht?

Über den schlechten Geschmack des zuständigen Kultusministeriums, das mir ausschließlich Pflichtlektüre zuteilte, die mir damals wie heute als Zeitverschwendung erschienen ist, habe ich mich an dieser Stelle schon einmal beklagt. Außerdem mache ich meinen Deutschlehrern gern den Vorwurf, dass mich keine/r von ihnen – und sei es am Rande – darauf hingewiesen hat, was Thomas Mann für ein witziger Autor ist. In meinem persönlichen Lesekanon ist er bei den Humoristen einordnet.
Entsprechend verblüfft bin ich, in einem aktuellen Interview zu lesen, dass Salman Rushdie Thomas Mann für einen humorlosen Schriftsteller hält. Er sagt das deutlich, als es um die Autoren geht, die er trotz deren Humorlosigkeit lese, schätze und bewundere.
Nach seinem kürzlichen Wiederlesen der „Buddenbrooks“ („Bei Gott, es ist so großartig! Und er war so jung!“) hat sich Rushdie nun den „Zauberberg“ vorgenommen: „Kolossal. Einfach kolossal. Darf ich Ihnen meine kleine Theorie verraten, was Franz Kafka und Thomas Mann gemeinsam haben? Beide nehmen einen extrem düsteren Mikrokosmos, hier das Schloss, dort das Sanatorium – aber beinahe jedes Kapitel ist komisch.“ – ?!? – „Jede einzelne Szene in ‚Das Schloss‘ beginnt wie ein Sketch, verwandelt sich dann aber in etwas ganz anderes. Bei ‚Der Zauberberg‘ ist es genauso, da geht Mann bis an die Grenze der Absurdität.“
… Also doch? … Nun bin ich restlos irritiert (was Rushdies Humordefinition betrifft), aber in meinem Mann-Bild auch wieder bestätigt.
Vielleicht erinnern wir uns noch, was der Autor Bernard Schweizer dazu sagte. Er liebte am „Zauberberg“ „diese Sätze wie geflochtener Stahl, unglaublich“.

Dass Kafka sehr viel Komik enthält, fand der Prager Schriftsteller ja sogar selbst. Seine Lesung von „Der Prozess“ im Freundeskreis wird in einer Weise beschrieben, wie man sie sich an Comedy-Abenden wünschen würde: Kafkas Spott über die Hilflosigkeit seines Helden soll sich vollständig auf das Publikum übertragen haben.

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