Haben wir gelacht?

Über den schlechten Geschmack des zuständigen Kultusministeriums, das mir ausschließlich Pflichtlektüre zuteilte, die mir damals wie heute als Zeitverschwendung erschienen ist, habe ich mich an dieser Stelle schon einmal beklagt. Außerdem mache ich meinen Deutschlehrern gern den Vorwurf, dass mich keine/r von ihnen – und sei es am Rande – darauf hingewiesen hat, was Thomas Mann für ein witziger Autor ist. In meinem persönlichen Lesekanon ist er bei den Humoristen einordnet.
Entsprechend verblüfft bin ich, in einem aktuellen Interview zu lesen, dass Salman Rushdie Thomas Mann für einen humorlosen Schriftsteller hält. Er sagt das deutlich, als es um die Autoren geht, die er trotz deren Humorlosigkeit lese, schätze und bewundere.
Nach seinem kürzlichen Wiederlesen der „Buddenbrooks“ („Bei Gott, es ist so großartig! Und er war so jung!“) hat sich Rushdie nun den „Zauberberg“ vorgenommen: „Kolossal. Einfach kolossal. Darf ich Ihnen meine kleine Theorie verraten, was Franz Kafka und Thomas Mann gemeinsam haben? Beide nehmen einen extrem düsteren Mikrokosmos, hier das Schloss, dort das Sanatorium – aber beinahe jedes Kapitel ist komisch.“ – ?!? – „Jede einzelne Szene in ‚Das Schloss‘ beginnt wie ein Sketch, verwandelt sich dann aber in etwas ganz anderes. Bei ‚Der Zauberberg‘ ist es genauso, da geht Mann bis an die Grenze der Absurdität.“
… Also doch? … Nun bin ich restlos irritiert (was Rushdies Humordefinition betrifft), aber in meinem Mann-Bild auch wieder bestätigt.
Vielleicht erinnern wir uns noch, was der Autor Bernard Schweizer dazu sagte. Er liebte am „Zauberberg“ „diese Sätze wie geflochtener Stahl, unglaublich“.

Dass Kafka sehr viel Komik enthält, fand der Prager Schriftsteller ja sogar selbst. Seine Lesung von „Der Prozess“ im Freundeskreis wird in einer Weise beschrieben, wie man sie sich an Comedy-Abenden wünschen würde: Kafkas Spott über die Hilflosigkeit seines Helden soll sich vollständig auf das Publikum übertragen haben.

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„It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“ (23)

Fortsetzung vom 24. Oktober 2023

(siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/01/24/noel-coward/)

Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.

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The Witta Pohl Blues

nach der Titelmelodie von „Diese Drombuschs“ von Eugen Thomass

betr.: 86. Geburtstag von Witta Pohl

Kaum zu glauben, dass das Ende der Serie „Diese Drombuschs“ schon fast 30 Jahre zurückliegt – und dass wir uns an viele Details dieses veritablen „Straßenfegers“ kaum noch erinnern können.
Mit etwas Nostalgie ersteht das Bild der großen Eppendorfer Fernsehtragödin vor uns auf, die von ihrem erbarmungslosen Showrunner durch immer schlimmere Krisen und Entbehrungen getrieben wurde. Wäre der Titel der„Mutter der Nation“ nicht schon an eine (ebenfalls kinderlos gebliebene) ältere Kollegin vergeben gewesen, die begeisterten Kritiker hätten ihn zu gern an Witta Pohl weitergereicht – aber besagte Kollegin war ja noch unter uns.
Wer die Titelmelodie von „Diese Drombuschs“ auf YouTube heraussucht, kann „Mutter Drombusch“ nun posthum dieses Geburtstagsständchen bringen:


Wieder haut das Schicksal drauf auf unsre Witta, uns’re tapf’re Witta Pohl.
Fußpilz, Rheuma, Hungersnöte, Wirbelstürme – Witta kennt sie allzuwohl.
Wo auch je ein Leid geschieht, gähnend sich ein Abgrund öffnet,
immer, wenn die Hütte brennt, ist zur Stelle uns’re Witta,
wiegt ihr Haupt voll Blut und Wunden.

Friede, Freude, Eierkuchen, keine Sorgen – das kennt uns’re Witta nicht!
Niemals ist ihr Himmel blau und ohne Grauen, stets ein Wolkenbruch in Sicht!
Andre hör’n nicht auf zu jammern, sie vernimmt ihr stetes Klagen.
Undankbares Menschenvolk!
Was soll da erst Witta sagen,
voll der Buße und der Pflicht?

Und käm aus der Gruft zurück selbst Inge Meysel, unsre „Mutter der Nation“,
wiche nicht und wankte nicht die starke Witta, nein, da kennt sie kein Pardon!
Ja sie trotzte der Megäre, spie der Alten ins Gesicht!
Niemand kommt ihr in die Quere, nein, doch nicht der guten Witta!
Nein, der guten Witta nicht!
Schmerzensmüde, ausgemergelt, schwer beladen,
bist uns Arche in der Flut!
Steh uns bei, und es wird gut!

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Ein viertes Sieb für Sokrates

Sie kennen das: drei Grundfragen, die mitzuteilende Informationen nach ihrer Moral und im Bedeutungsgehalt filtern sollen, nennt man in der Philosophie scherzhaft die „drei Siebe des Sokrates“. Die Grundidee: Ist etwas weder gut noch notwendig noch wahr, dann sollte der Mensch keine Energie darauf verschwenden. Was nun durch alle Maschen der drei Siebe hindurchrieselt, das muss umgekehrt automatisch die Qualitäten Güte, Notwendigkeit und Wahrheit besitzen und ist es somit wert, die Aufmerksamkeit des Denkers zu beanspruchen. Der Rest taugt nicht zum Gesprächsthema.

Schon bei den Alten Griechen wird dies ein angesichts der Fehlbarkeit menschlichen Alltagsverhaltens nicht konsequent umsetzbares Gebot gewesen sein, lediglich ein guter Denkanstoß.
Das allzu dehnbare und subjektiv besetzte Wort „gut“ würde ich außerdem gern durch „hilfreich“ ersetzen – und es durch ein viertes Sieb absichern. Die Antwort auf die vierte Frage „Ist es zu jemandes Schaden?“ wäre ein Gegenargument.
In bezug auf sprachpolizeiliche Verordnungen ließe sich dann etwa argumentieren: Verdient nur eine einzige weibliche Person weniger, wenn ich meine Ausführungen nicht gendere (bzw. geschieht ihr ein anderes Unrecht, das auf ihr Geschlecht zurückgeht)? Na also …

Humoristen wissen: auch Klatsch (wenn er nicht in proaktive üble Nachrede mündet), Zuspitzung (wenn sie nicht persönlich diffamiert, sondern Strukturen offenlegt), Redundanz (also für die Botschaft nicht zwingend Notwendiges, aber Schmückendes) sind notwendig, um dem Alltag mit jenem Humor zu begegnen, der so oft beiläufig gepriesen wird. Heitere Gelassenheit (wieder so ein philosophisches Ideal, das es in sich hat), ist nicht zu haben, wenn wir die genannte Regel zu streng befolgen. Insofern können auch Klatsch, Zuspitzung und Redundanz „gut“ sein.
Ich glaube, das wäre ganz im Sinne des Sokrates – beweisen kann ich es nicht.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Die wiedergefundene Textstelle: Kurt Tucholsky und die resistente Mentalität der Deutschen

Einführungstext zu einer Tucholsky-LP, verfasst 1974 von Hans Günter Martens:

„Die Deutschen glauben, wenn einer Witze macht, er sei ein Schaumkopf. Und wissen nicht, wie lange man ernst gewesen sein muß, um einen guten Scherz zu machen …“                   Tucholsky, 1. September 1918

Der Friedhof liegt ein wenig außerhalb des Städtchens, über dem Mälarsee. Man geht vom Schloß Gripsholm dorthin gute zwanzig Minuten, und es ist nicht mehr viel Zeit bis zur Rückkehr unseres kleinen Dampfers nach Stockholm. Aber wir hatten diesen Ausflug nach Mariefred nicht nur gemacht, um Gripsholm zu besichtigen, eins der schönsten Schlösser Schwedens, sondern auch, um Kurt Tucholsky zu besuchen, der auf dem idyllischen Friedhof von Mariefred begraben liegt.
An diesem Samstagnachmittag im Hochsommer war der Friedhof einsam. Wir hatten geglaubt, das Grab habe einen Ehrenplatz, müsse jedenfalls schnell zu finden sein, aber wir hatten uns getäuscht. Auch ein junger Mann, der das Grab seiner Eltern besuchte und zum ersten Mal nach langer Zeit wieder in sein Heimatstädtchen gekommen war, konnte uns nicht helfen. Tucholsky? Der deutsche Schriftsteller? Ja, den Namen kenne er, der sei hier begraben, aber er wisse nicht wo. Das müsse hinten, im älteren Teil des Friedhofs sein. Freundlich, wie die Schweden sind, irrte er mit uns durch die Gräberreihen, vorbei an den verewigten Kleinstadt-Honoratioren, pensionierten Beamten, Kapitänen, Handwerkern, Großbauern – den Ringdahls, Björks, Gustafsons und Petersons. Ein würdiger Greis, einer der ältesten Ureinwohner sozusagen, der schlurfend, am Stock, durch die hintere Friedhofspforte tappte, wies uns endlich den richtigen Weg zu den „tyske skriver“ …
Vor dem Grab verstanden wir gar nicht, warum wir es nicht auf Anhieb entdeckt hatten – denn es ist eigentlich leicht zu finden. Es liegt unter einer mächtigen Eiche, und auch die wuchtige Steinplatte hebt Tucholskys Ruheplatz von denen seiner schwedischen Nachbarn ab. Auf der Platte: Name, Daten und Goethe-Worte, Schlußverse aus dem zweiten Teil des „Faust“: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“. Die Platte – übrigens verkehrt aufgelegt, so daß der Tote darunter auch jetzt noch „aus der Reihe fällt“ – ist erst nach dem Krieg dazugekommen. In den Jahren davor hatte man absichtlich alles unkenntlich gelassen. Tucholskys letzte Lebensgefährtin, die mit ihm die letzten schwedischen Exiljahre in Hindås  bei Göteborg verbrachte, war in steter Sorge, der Haß des Faschismus, der Tucholsky die Heimat so gründlich verleidet hatte, könnte womöglich auch vor seiner letzten Ruhestätte nicht Halt machen.
Heute kommen Tucholskys Landsleute mit anderen Gefühlen hierher. Es kommen nicht viele, sagte der Greis aus Mariefred, aber die kommen, bringen alle Blumen mit und sie stehen immer lange vor dem Grab … Auch wir gingen erst, als unten vom See ungeduldig der Dampfer tutete. Wir konnten uns nicht so schnell losreißen von diesem Platz, der mancherlei Gedanken in Bewegung setzt.

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Lesen vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Übung / Sprechen am Mikrofon

Fortsetzung vom 30. September 2023

Es war hier schon die Rede davon, dass es zu den Tugenden eines guten Vortrags gehört, die Länge und Komplexität eines langen und komplexen Satzes unhörbar zu machen: so kommt der Zuhörer in den Genuss der Vorzüge und entgeht den eitlen Spitzfindigkeiten des geschriebenen Wortes. Hier kann daneben auch der stilistische Abstand zu unserer Umgangssprache kaschiert werden, den wir Heutige vielleicht bei einem Autor wie Honoré de Balzac (hier freilich in der Stimme einer historischen Übersetzung) empfinden könnten.
Die folgende Zeile stammt aus der „mystischen Erzählung“ (also der gepflegten Gruselgeschichte) „Der Kriminalrichter“.

Ungeachtet des bemerkenswerten Missverhältnisses der Kräfte, welche den beiden Kämpfern von der Vorsehung zugeteilt waren, ungeachtet der Dazwischenkunft der menschlichen Einrichtungen, welche durch den Spruch der Geschworenen die Gleichheit noch mehr stören mußten, wäre dennoch der Angeklagte wegen Mangels an Beweisen allem Anschein nach den Händen des Henkers entgangen; allein gerade infolge der ungenügenden Beweise der Anklage ergab sich die Gelegenheit, eine außerordentliche Beredsamkeit zu entfalten, welche der Erfüllung der schönen Hoffnungen des Herrn Desalleux nur nützlich sein konnte.

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Xavier Cugat: Poseidon der Latino-Welle

betr.: 33. Todestag von Xavier Cugat

Unter jazzbegeisterten Schallplattenfreunden – die naturgemäß nicht zu der Torheit neigen, Crossover mit „Aneignung“ zu verwechseln – ist der Orchesterleiter Xavier Cugat ein großer Mann (wenn nicht gar ein heißgeliebter). Der in Spanien geborene Bandleader war über Kuba nach New York gekommen, und als er in den späten 20er Jahren im Waldorf Astoria regelmäßig live spielte, war er längst zu einem Spezialisten für lateinamerikanische Musik geworden. Indem er sich mit Benny Goodman in der Radiosendung „Let’s Dance“ abwechselte, wurde er überaus populär, und 1935 begann er Hits für die Schallplatte zu produzieren. Außerdem begleitete er die größten singenden Stars bei ihren Plattenaufnahmen, etwa Bing Crosby und Dinah Shore. Jedem war klar, dass der afrokubanische Sound von Tito Puente die authentischere lateinamerikanische Musik bot. Aber bei Cugat bekam man dieses Amalgam aus südlicher und westlicher Lebensfreude (in die selbstverständlich auch der Jazz hineingehörte) und damit jene Popmusik, die in den USA des 20. Jahrhunderts entstand und von dort gerade deshalb so erfolgreich in alle Welt exportiert wurde, weil sie sich zunächst an ein Publikum wandte, das aus lauter Ausländern bestand: die US-Amerikaner. So wurde ausgerechnet der füllige Cugat zum „Rumba King“ (wir kommen gleich darauf zurück).

Als in den 40er Jahren die „South Of The Border“-Welle rollte, wurde Xavier Cugat gern in seiner Funktion als Bandleader mit etwas Dialog in den Technicolor-Musicals der MGM eingesetzt. In „A Date With Judy“ („Wirbel um Judy“, 1948), in dem mit Liz Taylor und Jane Powell gleich zwei Jungtalente präsentiert werden, ist außerdem „the brazilian bombshell“ Carmen Miranda zu sehen, eine gebürtige Portugiesin, die zum zweiten musikalischen Protagonisten der Strömung wurde (siehe Abbildung).
Die beiden traten häufiger zusammen vor die Kamera. In einer skurrilen Filmszene versucht die etwas paternalische Carmen Miranda dem jeder Sportlichkeit unverdächtigen Xavier Cugat einen Tanz beizubringen. Auch ihre MGM-Kollegin Esther Willams, die berühmte Schwimmerin, wurde von Miranda geschult: in der Kunst portugiesisch zu singen. Das Geheimnis der Stabilität ihrer Früchtehüte hat die gelernte Hutmacherin hingegen eisern für sich behalten.

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Children Of The Damned

Der Toilettenbesuch am Morgen ist die einzige Zeit des Tages, da ich rituell auf Facebook vorbeischaue – in erster Linie, um mich an Gratulationsanlässe erinnern zu lassen oder meinen Sprecherkollegen zuzusehen, wie sie sich beim Grinsen selber abfilmen.
Wenn die Zeit noch reicht – ich verlängere meine Sitzungen niemals aus inhaltlichen Gründen -, sehe ich mir eine der hochformatigen „Reels“ in der oberen Zeile an, in denen Facebook (der Teufel weiß, warum) mir am liebsten hübsche bzw. muskulöse Männer präsentiert.
Heute erblickte ich ein fast unbekleidetes Früchtchen, das sich vor dem Spiegel stehend selber filmt und behauptet, „so etwas noch nie gemacht zu haben“ (der kleine Schlingel). Es fragt uns, ob man „so“ feiern gehen könne. Es ist eine rhetorische Frage.
Das Filmchen hat noch einen Bonus-Track. Der selbe Junge spricht nun in Großaufnahme in die Kamera, um sich zuerst mal selber zu loben („Mein Clip ist viral gegangen … 1,5 Millionen Klicks …) und sich dann bitter zu beklagen. Hauptsächlich sei ihm homophober Hass entgegengeschlagen. Er wiederholt das Kernwort seiner Kritik mehrmals: „Hass! Hass! Hass!“ sein Kindergesicht ist dabei aufs Wüste verzerrt, als es uns dazu aufruft, diesen Hass nun – an seiner Seite – zu erwidern. In noch mehr Posts …
Das alles wirkt routiniert, geradezu professionell. Hier hat sich jemand auf dem Weg ins lange Wochenende seine Bestimmung gesucht.

Als ich selbst in diesem Alter war – ohne jemals annähernd so appetitlich auszusehen – war ich keinen Deut schlauer. Reifer bin ich (ja nachdem) bis heute nicht. Aber hätte ich mich so frühzeitig bewusst dagegen entschieden, Spaß zu haben? Und das nur, um mich in dieser Weise zu produzieren? Ich weiß es nicht.
Ich hoffe nicht.

Zu meiner Zeit hätte man sehr reiche Eltern haben oder früh berühmt werden müssen, um sich in solche Lage zu bringen. Wer aus dieser Irrsinnsspirale wieder raus möchte, muss sich sehr mutig in die Büsche schlagen – das ist viel verlangt, egal welches Alter man erreicht hat.
Der Junge in dem Filmchen ist in eine Richtung unterwegs, die keine befestigte Abzweigung hat. Ihm ist nicht zu helfen. er wird seinem Schicksal nicht entgehen.

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Von der Abschaffung des Happy Ends

Happy End
= Ausstieg aus einer Geschichte zum Zeitpunkt des größtmöglichen Frohsinns und der Lösung des zentralen Konflikts – eine Besonderheit des Kinos, die das wirkliche Leben nicht zu bieten in der Lage ist.

Juliane Liebert vermutete in ihrer Kritik des Films „The Circle“ (2017), dass wir von des Kinos schlimmstem Feind – der modernen US-Dramaserie und ihrer epischen Erzählweise – „inzwischen schon wieder angeödet sein“ dürften: „Als die ersten aufwendigen Serien Furore machten, waren alle begeistert. Nachdem sie zum Standard wurden, stellte sich heraus, dass diese Erzählweise auch ökonomischen Gesichtspunkten folgt. Dadurch entsteht nie eine klare narrative Form, weil die Fortsetzbarkeit immer gegeben sein muss.“ Ähnlich wie in der Sequel-Flut des Kinos existiere „praktisch keine Katharsis mehr, sondern nur noch ewige Dramatik bis zur Erschöpfung (und darüber hinaus).“

Schon der Schriftsteller Stefan Zweig sah das Problem – und fand Denker, die das noch weitaus früher getan hatten. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs schrieb er in einem Essay: „Die ungeheure Mehrzahl der Menschen hat die redlichste Absicht, an jedem außerordentlichen Geschehen starken Anteil zu nehmen, sie ist beseelt von dem Willen, ja sogar dem Wunsch, sich erschüttern zu lassen. Aber wir alle unterliegen gleichzeitig einem höheren Gesetz der Natur, die in weiser Ökonomie die Fähigkeit unserer Anteilnahme begrenzt. Starke kontinuierliche Erregungen erzeugen unweigerlich steigende Ermüdung, übermäßige Spannung, allzulang fortgesetzt, schlägt um in eine Art Lähmung. Dies erkannten schon vor zweitausend Jahren die griechischen Dramatiker als Gesetz der Tragödie, Sophokles wie Aeschylos wußten, warum sie die Dauer ihrer Dramen auf zwei, höchstens drei Stunden begrenzten. Denn steigert sich das Tragische ohne Maß, so vermindert es eher die Fähigkeit, uns zu erschüttern statt sie zu steigern. Wir alle fühlen diese verhängnisvolle Proportion: je länger das Weltdrama vor unseren Blicken dauert, je grauenhafter seine Szenen werden, je aufregender seine Episoden, umso mehr läßt unsere Fähigkeit des innerlichen Miterlebens nach.“

Ungeachtet dessen hat uns das Kino im zweiten Jahrhundert seines Bestehens von seiner liebsten Tradition zu entwöhnen versucht – zumindest in dramatischen Sujets. Das Happy End verträgt sich nicht mit immer weiter gestreckten Erzählbögen. Und selbst Serien, die schließlich zuendegehen, finden oftmals kein befriedigendes Ende. Wenn die Folge produziert wird, die sich als die letzte herausstellen wird, steht der Abbruch des Projektes ja mitunter noch gar nicht fest, weil man hofft, noch eine Staffel finanziert zu bekommen. Das verstörendste Beispiel für einen solchen dramaturgischen Interruptus dürfte ein Beispiel hinterlassen haben, bei dem zumindest versucht wurde, aus der Nummer wieder herauszukommen: die US-Version von „House Of Cards“. In den ersten Staffeln musste die Hauptfigur – eine nicht restlos überzeugende Verbindung aus Held und Schurke – alle in die Tasche stecken, sie musste vor allen Nachstellungen ihrer Gegner geschützt werden, ihre Verfolger mussten scheitern oder zumindest auf der Stelle treten. Als dann überraschend der Hauptdarsteller Kevin Spacey gecancelt wurde und man die letzte Staffel ohne ihn herstellen wollte, ließen sich all die aufgestauten Konflikte nicht mehr entwirren. Die Storyline verreckte in einem absurden Knäul aus zahllosen Todesfällen, Cliffhanger-artigen Finaletti und pathetischem Gerede mit Blick in die Kamera.

Auch im Kino haben wir es zunehmend mit Serien und Franchises (also Serienkonstrukten) zu tun. Zudem werden auch die einzelnen Filme immer länger. „Hört das denn nie auf?“ fragte kürzlich der erschöpfte „Spiegel“-Rezensent Lars-Olav Beier und erklärte sich die „Tortur“ des „horizontale[n] Erzählen[s], das auf viele Erzählstränge, komplexe Entwicklungen der Figuren und ein fortwährendes Hinausschieben des Endes setzt“ mit der Faulheit der Filmemacher: schließlich „kostet es mehr Zeit, ein knappes und konzises Drehbuch zu schreiben als ein konvolutartiges“. Er sehnte sich nach Filmen, die „uns nicht auf Jahre binden wollen. Sondern uns schon nach 100 Minuten gut gelaunt oder tief berührt wieder in den Alltag entlassen“. – Das ist die exakte Umschreibung dessen, was unsere Vorfahren vom alten Studiosystem bekamen: ein Kinobesuch mit Happy End.

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