Das Prinzip der Heldenreise: Langeweile in tausend Gestalten

Es ist ehrenhaft, künstlerischen Prinzipien auf die Spur zu kommen. Leider wollen die, denen das gelingt, es dann immer auch aufschreiben. Und die Nachwelt erliegt leicht der Versuchung, diese Analyse als bequemen Leitfaden für die weitere Arbeit zu missbrauchen – die Herstellung von Romanen, Filmen, Comics, Musicals und Videospielen. Was folgt, gerät schnell zu einem repetitiven Mainstream, demgegenüber originelle Künstler mit ihrem Schaffen keinen Fuß mehr auf die Erde kriegen.
Insofern hat Syd Field mit seinem berühmten Leitfaden „Das Handbuch zum Drehbuch“ letztlich kein gutes Werk getan – und das nicht nur beim „Tatort“, dessen Autoren seit Jahren strikt dem dort niedergelegten Prinzip zu folgen und die bekannten vorhersehbaren Ergebnisse abzuliefern haben.
Was Redakteure oder Produzenten so praktisch finden, weil es ihnen Mühe erspart und den Erfolg berechenbar scheinen lässt, kann Schauspielern und Regisseuren nicht unbedingt gefallen. Als Ralph Fiennes nach Deutschland kam, um für seine erste Regiearbeit „Coriolanus“ zu werben, wurde er auf ein Derivat des besagten Handbuchs angesprochen, Ted Snyders „Rette die Katze“, und reagierte sehr unwirsch.
Susan Sontags Essay über die Klischees beim Science-Fiction-Film hingegen blieb ein Lesevergnügen, das vor allem vom Publikum aufgenommen wurde.
Als geradezu verheerend sollte sich eine ältere Analyse erweisen, die inzwischen zum Klassiker der Gattung „Große Epen zum Selbermachen“ aufgestiegen ist.
Der Mythenforscher Joseph Campbell legte 1949 in „Der Heros in tausend Gestalten“ die uralte Erzählstruktur offen, der schon Buddha, Herakles, Wotan und der Froschkönig gefolgt sind und die wir seither und vor allem heute unter dem Haudraufbegriff „Heldenreise“ im Munde führen. Es ist das Klischee vom Helden im Larvenstadium, der auf eine abenteuerliche Reise verschlagen wird, die auch ein Weg zu sich selbst ist und von der er gereift zurückkehrt, nachdem er in der Fremde einen gewaltigen Gegner besiegt hat.
George Lucas, der ein technischer Visionär, aber zu keiner Zeit am Erschaffen einer Erzählung interessiert war, hat dieses Prinzip bei „Star Wars“ intuitiv und ohne Kenntnis eines Leitfadens befolgt – auch wenn er das später anders darstellte.
 
Dass dieses Konstrukt so primitiv und beschränkend ist, erklärt noch nicht, dass sich alle so gern daran halten. Andererseits ist es auch sehr bequem, wenn man als Autor keine Phantasie hat. Und das Publikum hat gegen Kitsch leider nichts einzuwenden, solange es ihn nicht als solchen erkennt.

Die 12 Campbell’schen Stufen der Heldenreise

1. Station: Die gewohnte Welt

Die Geschichte beginnt normalerweise in der vertrauten Umgebung des Helden, die entweder feindselig-bedrückend oder schlicht langweilig ist. (So wie die Wüstenfarm auf dem Planeten Tatooine bei „Star Wars“). Der Held ist so unscheinbar wie unzufrieden und ahnt nichts von seiner Vorbestimmung (genau wie Balthasar Bux in Michael Endes „unendlicher Geschichte“).

2. Station: Der Ruf des Abenteuers

Der „Herold“, eine der archetypischen Figuren der Heldenreise, tritt auf: ein Bote des Abenteuers (bei Harry Potter ist es der Halbriese Hagrid, der bei der Pflegefamilie hereinplatzt und dem Waisenjungen etwas Überraschendes mitzuteilen hat). Er gibt dem Helden einen Anlass, seine Lebensführung in Frage zu stellen.

3. Station: Die Weigerung

Um es ein wenig spannend zu machen, weist der Held zunächst den Ruf des Herolds zurück. Doch ihn befällt eine Zug-Unruhe.

4. Station: Begegnung mit dem Mentor

Ein bärtiger, alter, weiser (weißer) Mann tritt auf und bekräftigt die Botschaft des Herolds mit väterlichen Gesten der Mahnung und Aufmunterung. Er ist ein Haudegen im Ruhestand, der dem zukünftigen Helden mit seinem Rat zur Seite stehen wird (wie Mr. Miyagi in „Karate Kid“).

5. Station: Das Überschreiten der ersten Schwelle

Noch ist der Held nicht überzeugt, sich aufzumachen. Doch ein tragisches Ereignis – Massaker, Tötung der Familie, Verwüstung des Dorfes … – gibt ihm den entscheidenden Antrieb. Der Verursacher dieser Katastrophe kann bereits der Bösewicht sein, zu den nun zu Felde gezogen wird, um Rache zu üben und weitere Untaten zu verhindern.

6. Station: Bewährungsproben, Verbündete und Feinde

Zu Beginn des Zweiten Akts beginnt die eigentliche Reise / Queste / Aventure. Der Held wird von der rauen Welt da draußen eingeschüchtert. Die unverzichtbaren Archetypen treten auf: die komischen Nebenrollen, die vom wenig amüsanten Naturell des notorisch grundanständigen Helden ablenken, indem sie unentwegt irgendwelche lustigen Sachen raushauen. (Nur „Schnuffi der Staubsauger“ schafft es ohne quasselnde Sidekicks. Es sei denn, wir rechnen seinen Freund, den kleinen Schraubenschlüssel, in diese Kategorie. Aber ist ja immer dabei und meistens still und gut verstaut.) Häufig wird auch ein Hilfs-Bösewicht eingeführt, mit dem wir uns herumschlagen können, ohne den geheimnisvollen Endboss zu frühzeitig preiszugeben.

7. Station: Das Vordringen zur tiefsten Höhle

Der Held hat sich zum ersten Mal bewährt. Jetzt soll es in die Höhle des Löwen und dem Bösen an den Kragen gehen. (Zum Beispiel zum Todesstern. Hin und wieder wird auch der irrwitzige Gebäudekomplex des stinkend reichen, aber genialen Bond-Bösewichts genannt. Doch das trifft es nicht. James Bond ist auf keiner Helden-, sondern auf einer Dienstreise. Er wird sich nicht entwickeln und weder eine Läuterung noch die Initiation erfahren, auf die der werdende junge Held hinarbeitet.) Nur mit Hilfe seiner Verbündeten kann der Held die unzähligen Gefahren in dieser „tiefsten Höhle“ überwinden: Feinde. Fallen. Rätsel. Action. Explosionen. Feuergefechte.

8. Station: Die entscheidende Prüfung

Es wird richtig bedrohlich und lebensgefährlich, geht aber notwendigerweise gut aus. Eventuell kommt ein Teammitglied der Guten zu Schaden und erinnert uns an den Ernst der Lage.

9. Station: Die Belohnung oder: Das Ergreifen des Schwerts

Der Held erringt einen symbolträchtigen / zauberwirksamen Gegenstand bzw. nach sagenhaftem Vorbild die Waffe, die er auf dem Titelblatt schon in der Hand hält: ein mächtiges Schwert. Noch kommt es nicht zum entscheidenden Kampf, doch das nötige Wissen um die Schwachstelle des Gegners – oder um die eigene Bestimmung – wird erworben.

10. Station: Der Rückzug

Der Held kann nach einer ersten Niederlage aus dem Reich seines Feindes entkommen. Er hat dazugelernt, ist an seinen Aufgaben gewachsen. Sein altes Ich ist gestorben. Nichts wird mehr sein wie zuvor. Er ist gerüstet für den Showdown.

11. Station: Die Auferstehung

Der Held greift wieder an. Der zuvor als ungemein mächtig geschilderte Bösewicht (zum Beispiel Skeletor in der angenehm ironischen Saga um die „Masters Of The Universe“) macht gegen seinen nunmehr zum Messias herangeschwollenen Herausforderer keinen Stich mehr und geht kläglich unter.

12. Station: Die Rückkehr mit dem Elixier

Die triumphale Rückkehr in die Heimat wird begleitet von Jubel und Partystimmung.

Das Muster der Heldenreise wird nirgends so streng und offensichtlich eingehalten wie in Animationsfilmen. Hier wird die anfängliche Loslösung aus dem zuvor geführten Leben als Verlust definiert, den es wieder herzustellen gilt: die Rückkehr nach Hause, die Wiedervereinigung mit der Familie.

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Novel ist nicht gleich Novelle

Ähnlich wie das Wort „Chanson“, das im Französischen eine allgemeinere Bedeutung hat als im Deutschen, hat auch der Begriff „Novelle“ hat eine andere Bedeutung als die angelsächsische Entsprechung „Novel“ für „Erzählung“. Mir wurde im Deutschunterricht erklärt, eine Novelle sei eine nicht übermäßig lange Erzählung, bei der es kurz vor Schluss zu einer Wende kommt, die buchstäblich alles über den Haufen wirft (- die Neuigkeit, die in der Bezeichnung angelegt ist). Tatsächlich konnte ich diese Definition bei meinen literarischen Erlebnissen seither gut nachvollziehen.
Offiziell sei eine Novelle „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit nach Goethe, straff komponiert und dicht“. Als Schwester des Dramas wird sie auch bezeichnet, als Geschichte, die einen „Falken“ braucht.
Stephanie Ahrens in einem BR-Feature der Reihe „radioWissen“: „Als Goethe 1828 einer kurzen Erzählung den Namen ‘Novelle‘ gibt, knüpft er an eine literarische Tradition an, die von Giovanni Boccaccio mit seinem ‚Decameron‚, einem Zyklus von Geschichten, im 14. Jh. begründet wird. Boccaccio, der neben dem Spanier Cervantes (‚Exemplarische Novellen‘, 1613) als Vater der Novelle gilt, bettet seine Erzählungen in eine Rahmenhandlung ein: Edle Florentiner flüchten vor der Pest in ein Landhaus, wo sie einander Geschichten vortragen, um sich zu unterhalten und die Zeit zu vertreiben. Es sind anregende, überraschende und kurze Texte, die die eingeschlossene adlige Gesellschaft amüsieren und von der drohenden Pestgefahr ablenken. Das italienische novella für ‚kleine Neuigkeit‘ spiegelt die Vorstellung von der kurzen, hörens- und erzählenswerten Angelegenheit wider, die sich damit nicht für den langen epischen Text, den Roman eignet. Die Kürze bedient gleichzeitig eine im 14. Jh. neue Leserschaft: die der aufsteigenden Mittelschicht, wohlhabende, geschäftige Händler und Kaufleute.“   
Nach Goethe entdeckten im Laufe des 19. Jahrhundert immer mehr Schriftsteller diese kurze Prosaform für sich. Nachdem Anton Tschechow um die Jahrhundertwende eine Reihe von Beispielen vorgelegt hat, die bis heute als Klassiker gelten, waren es im 20. Jahrhundert vor allem US-amerikanische Schriftsteller, die sich als Meister und Vorbilder herausstellten: Popstars wie wie Ernest Hemingway und der längst verstorbene Edgar Allan Poe, ewige Geheimtipps wie John Cheever und Richard Matheson – die Verlängerung dieser kurzen, willkürlichen Liste ist ein Vergnügen, das man sich jederzeit bereiten kann: „Eine Novelle lässt sich sozusagen ‘zwischendrin‘ mal lesen.“ (Stephanie Ahrens).

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Prima vista 0,5: Arthur Gordon Pym

betr.: Lesen vom Blatt / Übung

Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.

Heutiges Beispiel: aus „Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym aus Nantucket“ von Edgar Allan Poe.

Variante 1 (Übersetzung von Hans Schmid, 2008):

21. März. Über uns hing jetzt eine unheilvolle Finsternis – doch aus den milchigen Tiefen des Ozeans stieg ein grelles Leuchten auf und stahl sich, am Schanzkleid des Bootes entlang, nach oben. Wir wurden fast begraben unter dem weißen, aschenartigen Regen, der dort, wo er auf uns und das Kanu fiel, liegen blieb, im Wasser aber zerschmolz, sowie er hineinfiel. Die Höhe des Kataraktes verlor sich zur Gänze im Zwielicht und in der Ferne. Und doch näherten wir uns ihm offensichtlich mit grässlicher Geschwindigkeit. In Abständen wurden breite, gähnende, aber nur vorübergehend sich öffnende Risse sichtbar, und aus diesen Rissen heraus, in denen es ein Chaos aus vorbeihuschenden und verschwommenen Bildern gab, kamen brausend und gewaltig, aber tonlos die Winde, zerrissen auf ihrem Weg den entflammten Ozean.

22. März. Die Dunkelheit hatte sich erheblich verstärkt, gemildert nur durch das grelle Leuchten des Wassers, das der weiße Vorhang vor uns zurückwarf. Viele gigantische und fahlig weiße Vögel kamen jetzt unaufhörlich von jenseits des Schleiers geflogen, und ihr Schrei war das ewige Tekeli-li!, mit dem sie wieder aus unserem Gesichtsfeld verschwanden. Hierauf regte sich Nu-Nu auf dem Boden des Bootes; aber als wir ihn berührten, stellten wir fest, dass er sein Leben ausgehaucht hatte. Und jetzt rasten wir hinein in die Umarmungen des Katarakts, dorthin, wo sich ein Spalt auftat, uns zu empfangen. Da aber erhob sich auf unserem Pfad eine verhüllte menschliche Gestalt, in ihren Ausmaßen viel viel größer als irgendjemand, der unter den Menschen wohnt. Und die Farbe der Haut und der Gestalt hatte die vollkommene Weiße des Schnees.

Variante 2 (Übersetzung von Gisela Etzel, 1965):

21. März. Nun hing ein mürrisches Dunkel über uns; aber aus den milchigen Tiefen des Ozeans hob sich glimmender Schein und stieg leuchtend an den Planken des Bootes hinauf. Der weiße Aschenregen lagerte sich erdrückend auf uns und begann das Kanu zu füllen, aber im Wasser zergingen seine Flocken. Der Gipfel des Kataraktes verschwand vollkommen im Dämmer der Höhe und Ferne. Doch näherten wir uns ihm offenbar mit grauenhafter Schnelligkeit. Zuweilen erblickte man in ihm weite, gähnende Risse, die sich jedoch augenblicklich wieder schlossen; und aus einer dieser Klüfte, in der sich ein Chaos flirrender und zerfließender Gestalten bewegte, strömte ein heftiger, aber geräuschloser Wind hervor, dessen mächtiger Atem den flammenden Ozean aufwühlte.

22. März. Die Finsternis war immer dichter geworden, und nur der Widerschein des Wassers auf dem weißen Riesenvorhang belebte flirrend die Meeresnacht. Viele ungeheure und gespenstisch bleiche Vögel flogen jetzt unablässig aus jenem Schleier hervor, und während sie sich unseren Blicken entzogen, schrillte noch ihr ewiges Tekeli-li! In unseren Ohren. Da rührte sich Nanu noch einmal auf dem Boden des Kanus; aber als wir ihn anfaßten, sahen wir, daß er den Geist aufgegeben hatte. Und jetzt rasten wir den Umarmungen des Wassersturzes entgegen, dorthin, wo sich eine Spalte auftat, um uns zu empfangen. Aber in diesem Augenblick erhob sich mitten in unserem Wege eine verhüllte, menschliche Gestalt, doch weit gewaltiger in allen Maßen als die Kinder der Erde. Und ihre Haut war von weißer Farbe, von der Farbe des leuchtendsten, blendendsten ewigen Schnees – –

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Singen im postpoetischen Zeitalter

Das Schlagerfestival im italienischen Sanremo (jawoll, der Name der Stadt wird zusammengeschrieben) ist ein seit 1951 ausgetragenes Wettsingen, das sich über fünf sehr lange Fernsehabende hinzieht. Es reicht seinen Siegertitel automatisch an den Eurovision Song Contest weiter. Auf diese Ehre verzichtet der diesjährige Gewinner Olly (Federico Olivero) und lässt den Zweitplatzierten aufrücken (den Favoriten in Sanremo), der sein Glück kaum fassen kann.
Lucio Corsi wird also in diesem Jahr sein Heimatland vor einem Millionenpublikum vertreten.

F.A.Z.-Ausriss

In den sozialen Medien tut Corsi seine Pflicht („Wir sehen uns beim ESC!“) und sprach auch mit Reportern so wie es sich seiner Meinung nach für einen Poeten gehört: „Ich habe mein Leben lang Gitarren gejagt, die aus ihren Koffern entkommen waren, bin Klavieren hinterhergerannt, die aus ihren Häusern fortgerollt waren, und habe Mundharmonikas zu erhaschen versucht, die vom Winde verweht worden waren.“ Er werde auch in Basel wieder Instrumenten nachjagen, versprach Corsi.
Nach dem vorsorglichen Abräumen dieser beachtlichen Menge schiefer Sprachbilder und verirrter Metaphern dürfen wir nun auf den Text seines Songs gespannt sein: ein Geständnis mit dem Titel „Volevo essere un duro“ (etwa: Ich wollte ein harter Typ sein). Die F.A.Z. hält ihn für chancenlos.

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Fliegen oder Stehlen?

betr.: Mikrofonarbeit / Lesen vom Blatt / Sprechen für Software

Die meisten Sätze bringen die inhaltliche Hinführung mit, wenn man sie nur aufmerksam liest.
Beispiel.
Ein Kapitel in einem Kinderhörbuch beginnt wie folgt:

„Am nächsten Morgen hätte sich Olga am liebsten erst mal gar nicht blicken lassen.“

Was verrät uns das?
Die Figur, um die es geht heißt Olga. Sie wird von Selbstzweifeln geplagt bzw. hat einen schlechten Tag. Man rechnet mit ihrem Erscheinen bei einem turnusmäßigen Zusammentreffen. (Dass es sich nicht um eine einzelne Verabredung handelt, impliziert die Formulierung „erst mal“.) Wir befinden uns mitten in einer Entwicklung bzw. einem Konflikt („am nächsten Morgen“), die Dinge sind in Bewegung, und Olga ist daran beteiligt.
Das ist eine ganze Menge Information für einen einzelnen Satz.

Das ist in den meisten Fällen so: es steht eigentlich alles da, was man braucht, um den Satz auch ohne seinen Zusammenhang zu verstehen und zu interpretieren.
Manchmal geschieht das auch über den Weg der sarkastischen Umkehrung. Den Satz „Du hast mir gerade noch gefehlt!“ wird niemand wörtlich nehmen.

Sätze, die sich nicht zweifelsfrei selbst erklären, gibt es vereinzelt auch.
Das beliebteste Beispiel wurde hier schon genannt. Der Ausspruch „Der tut nichts!“ hat eine völlig andere Bedeutung, je nachdem, ob er sich auf einen Hund oder auf einen Lehrling bezieht.
Im Französischen hat ein Verb zwei komplett unterschiedliche Bedeutungen: „voler“ bedeutet sowohl „fliegen“ als auch „stehlen“. Weil diese Definitionen so weit auseinanderliegen, wird es deshalb kaum zu Verwirrung kommen, der Zusammenhang wird es richten.
Im unwahrscheinlichen Fall, dass ein kleptomanischer Pilot aus Frankreich in einem Interview mit dem Deutschen Fernsehen gefragt wird: „Was werden Sie in Zukunft lieber tun, stehlen oder fliegen?“, würde die Antwort „Je vol“ einer Nachfrage bedürfen.

Was tut man aber, wenn man bei einer Software-Sprachaufnahme – also ohne die üblichen Hinweise eines linearen Kontextes – auf einen Take stößt, der zwei oder mehr unterschiedliche Bedeutungen haben könnte?
Falls die Regie keinen Informationsvorsprung hat (was bei Computerspielen vorkommen kann), muss sich für eine Variante entschieden werden. Magischerweise funktioniert das in den meisten Fällen im später sich ergebenden Zusammenhang.
Was mit Sicherheit seltsam klingt und nicht funktioniert, ist der Versuch, einen Kompromiss aus beiden Möglichkeiten zu bilden. Solche Situationen kommen in der Kommunikation unseres Alltags nämlich nicht vor.

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Prima vista 0,5: Dracula

betr.: Lesen vom Blatt / Übung

Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.

Heutiges Beispiel: aus „Dracula“ von Bram Stoker.

Variante 1 (Übersetzung von K. B. Leder, 1967):

VIERTES KAPITEL

Jonathan Harkers Tagebuch – Fortsetzung

Ich erwachte in meinem Bett. Wenn ich nicht alles geträumt hatte, mußte der Graf mich hierhergetragen haben. Ich versuchte, mir darüber klarzuwerden, konnte aber nicht zu einem unzweifelhaften Ergebnis gelangen. Es gab zwar gewisse kleine Beweise, wie zum Beispiel den, daß meine Kleidungsstücke in einer Art zusammengelegt waren, wie ich es nie tat. Meine Uhr war noch unaufgezogen, ich pflege aber unbedingt, bevor ich zu Bett gehe, die Uhr aufzuziehen. Und so gab es noch einige Kleinigkeiten. Aber diese Dinge waren kein Beweis; sie hätten ebensogut Beweis dafür sein können, daß mein Geist nicht mehr wie sonst arbeitete. Und ich hatte wahrhaftig Ursache, erregt zu sein! Aber ich muß nach einem Beweis suchen. Nur über eines bin ich froh: Wenn mich wirklich der Graf hierhergetragen und hier ausgezogen hat, muß er es sehr eilig gehabt haben, denn meine Taschen hat er nicht untersucht. Ich bin sicher, das Geheimnis dieses Tagebuches hätte er nicht ertragen. Er hätte es an sich genommen oder vernichtet. Da ich mich jetzt hier im Zimmer umsehe, kommt es mir fast wie ein Heiligtum vor, obwohl es sich mir doch schon so voller Schrecken darstellte. Aber nichts kann schrecklicher sein als jene gräßlichen Frauen, die darauf warteten – oder noch darauf warten -, mein Blut zu saugen.

Variante 2 (Übersetzung von Andreas Nohl, 2012)

KAPITEL 4

Jonathan Harkers Reisetagebuch
(Fortsetzung)

Ich erwachte in meinem Bett. Sollte es kein Traum gewesen sein, muss der Graf mich hierher getragen haben. Ich versuchte mir darüber klar zu werden, kam aber zu keinem eindeutigen Ergebnis. Zwar gab es gewisse kleine Anhaltspunkte, etwa, dass meine Kleidung anders gefaltet und zusammengelegt war, als ich es tue. Auch war meine Uhr abgelaufen, dabei ist es meine feste Gewohnheit, sie immer unmittelbar, bevor ich ins Bett gehe, aufzuziehen. Und so gab es noch andere Indizien. Doch all diese Dinge sind kein Beweis, sie können ebenso gut bedeuten, dass ich nicht ganz bei Sinnen war, denn zweifellos war ich aus irgendeinem Grund sehr erregt. Ich muss nach Beweisen Ausschau halten. Über eines bin ich froh: Wenn der Graf mich hierhergetragen und entkleidet haben sollte, muss er in Eile gewesen sein, denn meine Taschen sind unangetastet. Ich bin mir sicher, er hätte dieses für ihn unverständliche Tagebuch nicht geduldet. Er hätte es an sich genommen oder vernichtet. Wenn ich mich nun im Zimmer umsehe, kommt es mir, obgleich es so furchtbeladen ist, wie ein Zufluchtsort vor, denn nichts kann grauenvoller sein als diese scheußlichen Frauen, die nur darauf gewartet haben – nein, die darauf warten, mir das Blut auszusaugen.

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Simultandolmetschen – Eine Erfolgsgeschichte

Das Simultandolmetschen hat sich im Deutschen Fernsehen sehr spät durchgesetzt. Ein entscheidendes Ereignis war ein ARD-Interview mit einem der berühmtesten Menschen der frühen 80er Jahre – Larry Hagman, Darsteller des Bösewichts „J. R.“ in der Serie „Dallas“ – mit dem Talkmaster Alfred Biolek. Bisher war es in TV-Sendungen üblich gewesen, eine Frage erst auf Deutsch zu stellen, sie dann in holprigem Englisch zu wiederholen und die Antwort des internationalen Gastes danach fürs Publikum (das noch nicht so gut Englisch verstand wie wir Heutigen) zu übersetzen. Folglich dauerten solche Promi-Talks immer nur wenige Minuten. Während Reportagen auch nachträglich ge-voice-overt werden konnten, wollte Bio vor Publikum und eine Dreiviertelstunde am Stück mit seinem Star plaudern. Da kam die Simultantechnik gerade recht, die bislang nur politischen Gesprächen vorbehalten gewesen war. Danach war das Eis gebrochen.

Ohne die schnelle mündliche Übersetzung von einer Sprache in die andere wären nicht nur Fernsehshows wie „Wetten dass..?“ unvorstellbar gewesen, auch internationale Konferenzen würden nicht funktionieren. Die Nürnberger Prozesse – gewissermaßen der Durchbruch dieser Methode – hätten viermal so lange gedauert, wäre es nicht allen Beteiligten möglich gewesen, den vielsprachigen Ausführungen parallel per Kopfhörer zu folgen.

Schon eines der frühesten überlieferten Beispiele des Simultandolmetschens war mit dem Dritten Reich befasst: 1934 dolmetschte der Franzose André Kaminker (wiederum im Nürnberg) live eine Hitler-Rede auf einem Parteitag für das französische Radio. Zuvor war das Konsekutivdolmetschen üblich gewesen: während einer Rede hörte der Dolmetscher zu, machte Notizen und verlas anschließend die Übersetzung – so lief es beim Völkerbund, dem Vorläufer der UN.
Die Fähigkeit, gleichzeitig zuzuhören, zu übersetzen und das soeben Übersetzte parallel laut vorzutragen, wurde dem Menschen noch nicht zugetraut. Aber auch heute, da wir es längst besser wissen, macht das Prinzip der Gleichzeitigkeit das simultane Dolmetschen zu einer besonderen Herausforderung.* Während im Alltag das „Äh“ eine Wortfindungsschwierigkeit verrät, gilt es beim Simultandolmetschen die Maxi-Version zu vermeiden: „Örömmöö-Ömmöö“.
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* Siehe dazu auch:

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Da sah er für einen Moment unter schonungsloser Scheinwerferbestrahlung die Fratze der Vettel vor sich, die maskendicke Schminkschicht auf der Matronenvisage, und dann, wie eine Röntgenaufnahme, hinter der Fassade den Verfall, die Löcher, Risse, Runzeln, die ganze grausige Abbruchreife der übertünchten Ruine.

Dieser Satz stammt aus der Erzählung „Der Todeskandidat“, dem letzten Prosawerk, das Max Herrmann-Neiße 1927 in Deutschland veröffentlichen konnte, ehe er nach dem Reichstagsbrand 1933 nach London floh, wo er 1941 starb.
Der Plot ist so nah an unserer heutigen Sensibilität für die Wohlstandsverwüstungen der Seele – und den Hype, der zuletzt um Leiden wie Depression und ADHS gemacht wurde -, dass er uns banal erscheinen müsste, doch die Sprache Herrmanns-Neißes zerstreut diesen Vorbehalt rasch:
Clemens, Anfang vierzig, ledig, in Arbeit und Brot, lebt in Berlin. Sein Leben scheint so weit in Ordnung. Doch plötzlich reicht die Kraft nicht mehr aus, aufzustehen. Clemens bleibt lethargisch liegen und der Arbeit fern, die Wohnung verkommt. Irgendwann will er Klarheit über seinen Zustand gewinnen, der doch wohl eine Krankheit sein muss
. Als der Held sich endlich zum Besuch eines Arztes aufrafft, von dem er sich Linderung seines mysteriösen Leidens erhofft, ereignet sich dies:

In der nervösen Erregung seiner Diensteifrigkeit machte er aber lauter falsche, unzweckmäßige Handgriffe, verhedderte sich in seinen Kleidungsstücken, schämte sich selber seiner Ungeschicklichkeit und riss schließlich unbeherrscht die Hüllen vom Leibe, dass der Stoff Schaden nahm, Knöpfe zerbrachen und dann alles unordentlich, zerknüllt, beschmutzt am Boden durcheinanderlag.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Vom Winde verweht

betr.: „Black Lives Matter wird abgewickelt“

… stellt die „taz“ besorgt fest und berichtet über die Mucksmäuschenstille, mit der die USA auf die betreffenden Maßnahmen ihres neuen Anführers reagieren. „Eigenartig still blieb es (…) im Verlagswesen, obwohl die US-amerikanischen Buchverlage im Sog der Ermordung von George Floyd und dem Wiederaufblühen der Black-Lives-Matter-Bewegung sehr aggressiv ihre Diversitätsanstrengungen vorwärtsgetrieben hatten. Es gab keine Bekanntmachung der ‚Big Five‘-Verlage zu einer neuen Linie oder eine Stellungnahme zu Trumps Verordnung. In der Branchenpresse war nichts zu dem Thema zu lesen. (…) Dan Sinykin, der an der Emory University von Atlanta über das Verlagswesen forscht, sprach von einer gespenstischen Stille.“

Ganz allgemein haben sich Trumps Kritiker verkrümelt und sich in die Erkenntnis gefügt, dass der Präsident bei seinem dritten Anlauf ja tatsächlich die Mehrheit der Wählerstimmen bekommen hat – was in den USA ja nicht unbedingt den Einzug ins Weiße Haus bedeutet. Wie albern und überholt hätten angesichts dessen solch laute Proteste, so wütende und verzweifelte Leitartikel gewirkt, all das mediale Kopfschütteln über diesen Betriebsunfall der Geschichte wie zu Beginn seiner ersten Amtszeit? Die demokratischen Gemüter hielten so still wie die Briten nach dem Brexit-Referendum, das nur hauchdünn beschlossen worden war und viele Bürger seither geschädigt hat. Doch ein öffentliches Wort des Zweifels oder Bedauerns gehört sich einfach nicht.
Der Zustand der westlichen Welt war schon vor Trumps zweitem Amtseid und der auf ihn folgenden Ladung präsidialer Dekrete eine andere geworden.

Niemand, der halbwegs bei der Sache ist, kann bestreiten, dass es eine kurzsichtige Idee gewesen sein könnte, den Vereinigten Staaten Toleranz verordnen zu wollen, eine gutgemeinte Notlösung. Auch ein weniger mächtiger Flegel als Donald Trump hätte auf ein angewachsenes Verständnis für seine Maßnahmen hoffen dürfen und auf ein Gefühl der Erleichterung – bei allem Entsetzen über das, was sie im Einzelfall gesellschaftlich bedeuten. Für die Verlage wäre ein aufrichtiges und anhaltendes Interesse der Leserschaft für „inklusive Literatur“ ein Anreiz gewesen, die guten Vorsätze weiter zu verfolgen, doch es ist ausgeblieben. Der Artikel kommt zu dem Fazit, „dass DEI-Programme in ihrer jetzigen Form nicht dazu angetan sind, gesellschaftlichen Pluralismus zu befördern.“
Es hat durchaus Zeiten gegeben, in denen das Publikum einen „ansteigenden Appetit für die Werke nicht-weißer Autoren“ hegte, doch das waren nur Phasen, die jeweils einen Auslöser hatten. Dan Sinykin: „Es gab nach der Bürgerrechtsbewegung einen Boom schwarzer Literatur und Mitte der 90er Jahre noch einmal.“ Doch die seien jeweils nach etwa vier Jahren wieder abgeebbt, genau dem Zeitpunkt, an dem wir uns nun befänden. Die Verlage haben auf diese Strömungen zwar mit trendigen Publikationen reagiert, strukturell aber ist alles beim Alten geblieben. „Die Anzahl schwarzer Angestellter in den Verlagshäusern blieb zwischen 2019 und 2023 konstant um die 5 Prozent.“

Jene, die darauf verweisen, dass Kultur eine politische Dimension und die Kraft – die Aufgabe? – hat, gesellschaftliche Entwicklungen anzustoßen, liegen nicht falsch. Doch so etwas erreicht man nicht durch sprachliche Gendervorschriften oder eine Wokeness, wie sie ein großer Unterhaltungskonzern seinen Kreativen und dem eigenen Publikum zuletzt verordnen wollte – und über die sich die Zielgruppe seit Jahren das Maul zerreißt.
Das Musical „Show Boat“ war vor einem knappen Jahrhundert ein Beispiel, wie sowas laufen müsste.* Die Show war qualitativ so großartig, dass alle sie sehen wollten. Auch die Rassisten. Und die mussten die tolerante Botschaft des Librettos dann eben aushalten.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2014/12/27/musikdampfer-mit-mission/

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