Zum Geburtstag von Corny Littmann (74) und Olivia Jones (55)

Diese beiden Kollegen durfte ich Ende der 80er Jahre auf der Reeperbahn kennenlernen. Die weltberühmte Amüsiermeile befand sich in jenen Tagen in einer Krise, weil sich ein großer Teil ihrer bürgerlichen Laufkundschaft wegblieb, um sich die Pornos nun zuhause auf dem noch frischen Videorecorder anzuschauen.
Im Frühsommer 1988 stand das „Schmidt Theater“ vor der Eröffnung, ein wagemutiges Projekt zweier Künstler aus der schwulen Theatergruppe „Familie Schmidt“ und zwei befreundeten Gastronomen. Die Künstler waren Corny Littmann und Ernie Reinhardt*, die Eröffnungsshow würde „Sag‘ bitte, und ich sing“ heißen, Georgette Dee und Terry Truck würden das Quartett auf der Bühne komplettieren. Claus Vinçon führte Regie und war freilich auch Mitautor (das gehörte zum Service).
Ich durfte – zu Besuch in Hamburg – einer Hauptprobe dieses Programms beiwohnen. Es war eines der großartigsten Live-Erlebnisse, die mir bis dahin widerfahren waren, und ich bedaure, dass es davon keine Aufzeichnung gibt. Lediglich die Songs wurden aufgenommen und später (fast alle) auf einer Audiocassette an der Kasse verkauft …
Ein knappes Dreivierteljahr später: inzwischen wohnte ich in Hamburg, und zwar schräg gegenüber dem Theater auf der anderen Seite der Reeperbahn.
Das machte mich zu einem guten Einspringer, wenn die zunächst noch sehr verbummelte Künstlerschar, aus der sich die allnächtliche „Mitternachtsshow“ rekrutierte, mal nicht komplett zur Aufführung erschien. Ernie Reinhardt pflegte mich dann anzurufen und zu sagen: „Eine Transe hat sich das Bein gebrochen, magst du heute abend als Moderator aushelfen?“
Ich mochte immer, und meistens ließ es sich einrichten.
Eines nachts durfte ich Olivia Jones ansagen, die mit zwei Vollplaybacknummern (eine davon müsste „Als Hausfrau ist man immer auf der Wanderschaft“ gewesen sein) ihren ersten Auftritt im „Schmidt“ absolvierte. Auf Ernies Programmzettel stand: „Zwei Meter Travestie“.
Olivia war sehr nett und unprätentiös und nahm sich in ihrer Kunstfigur nicht so ernst wie es in der vorangegangenen Generation von Travestie-Künstlern verbreitet war. Die wirklich brillanten Vertreter parodierten den larmoyanten Gestus der übrigen, aber das waren verschwindend wenige, und sie waren auch nicht auf das für diesen Berufsstand typische Vollplayback festgelegt. Nun standen die fröhlichen 90er vor der Tür, und Olivia verkörperte einen neuen Ansatz.

Einen Abend mit Corny Littmann und Olivia Jones – sowas könnte heute kein Mensch mehr bezahlen. Es lebe die gute alte Zeit.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2022/05/26/effi-effinghausen-4/

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100 Jahre Zauberberg

betr.: Lesung des Romans zum Jubiläum in der ARD Audiothek, siehe https://blog.montyarnold.com/2024/11/10/26657/

Am 20. November 1924 erschien Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“.* Die 1000 Seiten starke Geschichte begeisterte von Anfang an viele Leserinnen und Leser. Ein Lungensanatorium im schweizerischen Davos. Hans Castorp will dort seinen kranken Cousin besuchen. Eigentlich nur für drei Wochen. Doch dann bleibt er sieben Jahre – denn Castorp ist dem „Zauberberg“ verfallen, seinen Ärzten, Patienten und Patientinnen. Bis ihn der Erste Weltkrieg aus seinen Träumereien reißt.

Zum 100. Jubiläum senden wir die leicht gekürzte Lesung des Romans aus dem Jahr 1983, eingesprochen vom Schauspieler, Hörspielregisseur und Rezitator Gert Westphal.
40 Folgen à c.a. 28 min.

1. Die Handlung beginnt 1907, sieben Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der junge Hamburger Patriziersohn und Ingenieur Hans Castorp will eigentlich nur seinen kranken Vetter Joachim Ziemßen drei Wochen lang im Lungensanatorium Berghof in Davos besuchen. Doch dort schickt ihn Thomas Mann in eine europäisch-kosmopolitische Gesellschaft von Weltentrückten Figuren, die ihn mit Politik, Philosophie, aber auch Liebe, Krankheit und Tod konfrontieren. – 28 min.

2. Hans Castorp ist im Sanatorium angekommen. Bei einem Spaziergang lernt er den Arzt Hofrat Behrens kennen, einen der Leiter des Sanatoriums. Und obwohl sich Hans gesund fühlt, empfiehlt Hofrat Behrens, dass auch ihm das Sanatorium guttun würde, zieht ihm das Augenlid runter und sagt, Hans sähe „total anämisch“ aus. Im Gegensatz zu seinem Vetter würde er bestimmt einen hervorragenden Patienten abgeben. – 28 min.

3. Schon bei seiner Ankunft wundert sich Hans Castorp über vieles. Zum Beispiel darüber wie lange die Patientinnen und Patienten hier immer auf dem Balkon liegen. Und wie viel Zeit man sich hier mit allem lässt. Gerade haben die beiden das Restaurant des Sanatoriums betreten. – 28 min.

4. Hans Castorp ist immer noch dabei, sich im Sanatorium einzugewöhnen, und lernt nach und nach die anderen Patientinnen und Patienten kennen. Gerade haben er und sein Vetter sich mit dem italienischen Literaten Settembrini unterhalten, einem wortstarken Intellektuellen, der Hans ausgiebig ausgefragt hat. Aber jetzt ist erst mal Zeit für die Liegekur auf dem Balkon. – 28 min.

5. Hans Castorp hat Mühe, sich daran zu gewöhnen, wie langsam die Zeit im Sanatorium vergeht. Liegekuren und Spaziergänge findet er prima. Und die junge Russin Madame Chauchat ist ihm auch schon aufgefallen, weil sie immer die Türen knallen lässt. Überhaupt gibt es viele Russinnen und Russen hier oben, die guten Russen und die schlechten. Und die Abende sind immer sehr gesellig.

6. Hans Castorp ist den zweiten Tag im Sanatorium. Vormittags hat er ein ausführlicheres Gespräch mit dem italienischen Literatren Settembrini, der ihn mit seiner Eloquenz sehr beeindruckt. Und damit ihm bei der Liegekur auf dem Balkon warm genug ist, hat er sich Decken bestellt. – 25 min.

7. Hans Castorps ist jetzt fünf Tage im Sanatorium. Und weil in diesem Sanatorium auch gestorben wird, ist er immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Außerdem denkt er darüber nach, an wen ihn die junge Russin Madame Chauchat so sehr erinnert. Darüber hinaus geht das Leben im Sanatorium einen sehr gemächlichen Gang. – 26 min.

8. Während eines Spaziergangs bekommt Hans Castorp Nasenbluten und hat einen sonderbaren Traum von seinem ehemaligen Mitschüler Pribislav Hippe. An diesen Mitschüler erinnert ihn Madame Chauchat. Aber wegen seines missglückten Spaziergangs hätte er fast den Vortrag des Psychoanalytikers Dr. Krokowski verpasst. – 28 min.

9. Madame Chauchat geht dem jungen Hans Castorp nicht mehr aus dem Sinn. Erst hat er sich über sie geärgert, weil sie ständig die Türen knallen lässt. Aber sie erinnert ihn auch an seinen ehemaligen Mitschüler Pribislav Hippe, dem er sich sehr nahe fühlte. Hans Castorp ist fasziniert von dieser Frau und beobachtet sie, sooft er kann. Obwohl er bislang nicht mal ihren Vornamen weiß. – 26 min.

10. Hans Castorp ist ziemlich verknallt in die junge Russin Clawdia Chauchat. Immer wieder nehmen sie sogar Blickkontakt miteinander auf. Aber nach dem er sie bei einer kleinen Unachtsamkeit beobachtet, würdigt sie ihn keines Blickes mehr. Doch Hans Castorp ist darüber gar nicht traurig. Denn jetzt ist er sich sicher, dass Madame Chauchat und er schon in Beziehung zueinanderstehen. – 28 min.

11. Hans Castorp hat sich im Sanatorium eingelebt. Viel zu tun gibt es nicht. Essen, schlafen, spazieren gehen, Liegekur. Abwechslung verschafft ihm einerseits sein Schwärmen für Madame Chauchat, andererseits die intellektuellen Höhenflüge des Italieners Lodovico Settembrini. – 27 min.

12. Hans Castorp hat sich recht gut in die abgeschlossene Welt dieses Sanatoriums eingefügt. Doch kurz vor seiner Abreise fängt er sich eine Erkältung ein. Zur Sicherheit kauft er sich ein Fieberthermometer. – 26 min.

13. Kurz vor seiner Abreise fängt sich Hans Castorp eine Erkältung ein und hat erhöhte Temperatur. Ganz so ernst nimmt er das nicht. Trotzdem lässt er sich darauf ein, sich bei nächster Gelegenheit mal untersuchen zu lassen. Gerade hat Hofrat Behrens die Untersuchung seines Vetters beendet. Jetzt ist Hans Castorp an der Reihe. – 26 min.

14. Hans Castorp soll drei weitere Wochen im Sanatorium bleiben wegen seiner Erkältung. Für den leitenden Arzt Hofrat Behrens keine Überraschung: So richtig gesund wirkte Hans Castorp von Anfang an nicht. Womit er nun kein Gast mehr im Sanatorium ist, sondern regulärer Patient. Unglücklich scheint er darüber gar nicht zu sein. – 27 min.

15. Hans Castorp ist jetzt sechs Wochen im Sanatorium und hat sich ans Patientenleben gewöhnt. Sonst hat sich weniger verändert. Auch nicht an seiner Schwärmerei für die Russin Clawdia Chauchat. Sie erinnert ihn ja sehr an seinen ehemaligen und heimlich geliebten Mitschüler Pribislav Hippe, den er so sehr liebte und von dem er sich mal einen Bleistift geliehen hatte. – 27 min.

16. Hans Castorp muss ebenso wie sein Vetter Joachim zum Röntgen. Im Wartezimmer treffen Sie auf Clawdia Chauchat. Und Hans Castorp ist so perplex, dass er kein Wort herausbringt. Als erstes wird sein Vetter durchleuchtet. Hans Castorp ist fasziniert von dem Verfahren. – 29 min.

17. Hans Castorp hat seinen Angehörigen einen Brief geschrieben. Er wisse noch nicht, wie lange er im Sanatorium bleiben müsse. Und er genießt es auch, endlich ein richtiger Patient zu sein. Und neben Fiebermessen und Liegekur bleibt genug Zeit, sich weiter in seine Schwärmerei für Clawdia Chauchat reinzusteigern. – 27 min.

18. Hans Castorp buhlt immer noch um die Aufmerksamkeit von seiner Mitpatientin Clawdia Chauchat. Die hatte ihn vor ein paar Tagen aber mit Missachtung gestraft. Oder zumindest hat er einen ihrer Blicke so gedeutet. Überhaupt spielt sich diese Schwärmerei mehr in Hans Castorps Kopf ab als in der Wirklichkeit. – 28 min.

19. Der Leiter des Sanatoriums Hofrat Behrens malt in seiner Freizeit gerne. Auch die von Hans Castorp so innig verehrte Clawdia Chauchat hat ihm schon Modell gesessen. Als Hans Castorp davon durch eine Mitpatientin erfährt, ist er ziemlich erregt. Und sogar ein wenig neidisch auf den Hofrat, der so viel Zeit mit seiner Angebeteten verbringen darf. – 26 min.

20. Hans Castorp ist jetzt schon fast ein halbes Jahr im Sanatorium. Und wenn er nicht gerade in der Liegekur ist oder einen Spaziergang macht, geht er seiner Vernarrtheit in Clawdia Chauchat nach oder führt ausschweifende Unterhaltungen mit dem italienischen Literaten Settembrini. Bei so viel Monotonie ist jede Abwechslung willkommen. Auch der Tod. – 28 min.

21. Ein Mitpatient ist gestorben. Hans Castorp tröstet dessen Witwe und empfindet große Zufriedenheit dabei. Also hält er seinen Vetter Joachim dazu an, mit ihm gemeinsam im Sanatorium den Schwerkranken und Todgeweihten ein wenig zur Seite zu stehen. Der selbst nicht besonders gesunde Settembrini hat für so viel Mitgefühl nur Spott übrig. – 27 min.

22. Hans Castorp und sein Vetter Joachim kümmern sich im Sanatorium ein wenig um die Schwerkranken und Todgeweihten wie die junge Karen Karstedt. Weil ihre Familie wenig Geld hat, wird sie aus Kostengründen irgendwann in der Nähe des Sanatoriums begraben werden. Gerade besuchen sie, Hans und Joachim gemeinsam den Friedhof, auf dem sie ihre letzte Ruhe finden wird. – 27 min.

23. In dem Sanatorium wird eine ausgelassene Faschingsparty gefeiert. Hans Castorp hat schon ein paar Becher getrunken und ist bei Settembrini zum freundschaftlichen Du übergegangen, was dem italienischen Intellektuellen überhaupt nicht gefallen hat. – 28 min.

24. Hans Castorp hat auf der Faschingsparty Clawdia Chauchat seine Liebe gestanden. Aber sie hat ihn daraufhin nicht abgelehnt, sondern den Abend mit ihm verbracht. Nur um ihm später zu sagen, dass sie abreisen werde. Währenddessen macht der Intellektuelle Settembrini immer noch einen Bogen um Hans Castorp, weil der Ingenieur ihm auf dieser Party ein wenig zu nahe gekommen war. – 28 min.

25. Clawdia Chauchat ist abgereist. Und auch Settembrini hat seinen Abschied bekannt geben. Er werde nicht mehr gesund und ziehe zum Arbeiten runter ins Dorf. Dort lebt auch Leo Naphta, ein Professor der Altphilologie. Gerade sind Hans Castorp und sein Vetter Joachim auf dem Weg zu den beiden. – 29 min.

26. Hans Castorp ist jetzt knapp ein Jahr im Sanatorium auf dem Berghof. Er hat Abschiede erlebt und Neuzugänge. Er hat Freunde gefunden und sich verliebt. Und er hat all diese Erlebnisse mit seinem Vetter Joachim geteilt. Aber das wird sich nun ändern. – 28 min.

27. Hans Castorps Vetter Joachim ist abgereist, entgegen des ärztlichen Rates von Hofrat Behrens. Joachim hatte zu sehr darauf gebrannt, endlich zur Armee zu gehen. Hans aber hat sich entschlossen zu bleiben. Er wolle erst vollständig gesund werden. Wobei der wahre Grund wohl eher sein dürfte, dass er immer noch darauf hofft, seine geliebte Clawdia Chauchat wiederzusehen. – 28 min.

28. In Leo Naphta hat der Literat und Humanist Lodovico Settembrini einen perfekten Gegenspieler gefunden. Naphta ist ein scharfsinniger und scharfzüngiger christlicher Fanatiker. Immer wieder entbrennen zwischen ihm und Settembrini erbitterte Wortgefechte, denen Hans Castorp regelmäßig mit Lust und Neugier folgt. – 29 min.

29. Aber ist Hans Castorp überhaupt wirklich krank? Glaubt er, dass er krank ist? Will er es glauben? Auf jeden Fall ist er der Ansicht, dass ihm der Aufenthalt im Sanatorium gut bekommt und auch zusteht. Und es findet sich immer was zu tun, auch jetzt im Winter, wenn alles zugeschneit ist.
Dieser Abschnitt enthält den ersten Teil des berühmten „Schnee-Kapitels“, das Thomas Mann selbst als „sein Herzstück“ bezeichnet hat. Er schrieb es erst im vorletzten Jahr seiner sieben Jahre währenden Beschäftigung mit dem großen Zeitroman, zu dem er schon 1912 inspiriert wurde durch einen Aufenthalt seiner Frau Katja in einem Lungensanatorium in Davos. Als bei Hans Castorp eine „feuchte Stelle“ in der Lunge gefunden wird, wird auch er ein regulärer Patient. Nun ist schon zum zweiten Mal der Winter auf dem Zaubergerg eingekehrt, und nach zögerlichen Anfängen fällt so viel Schnee, dass den Patienten die Bewegung im Freien verwehrt ist – die Skiläufer unter ihnen ausgenommen. Hans Castorp überkommt der Wunsch, das schneebedeckte Gebirge rings um Davos kennenzulernen. – 29 min.

30. Hans Castorp ist den zweiten Winter in dem Sanatorium. Um die Schönheit der verschneiten Berge voll genießen zu können, hat er sich Schneeschuhe gekauft und fängt an, die Gegend zu erkunden. Bis er dabei in einen Schneesturm gerät und mit letzter Kraft einen Schuppen erreicht.
Dieser Abschnitt enthält den zweiten Teil des berühmten „Schnee-Kapitels“. Der darin beschriebene Traum mutet an wie ein Jugendstilgemälde und beinhaltet alle existenziellen Motive: Leben, Liebe, Zeit, Kunst und Tod. Hans Castorp hat sich Schneeschuhe und ein Paar Ski gekauft, um sich heimlich das schneebedeckte Gebirge anzusehen. Freilich unterschätzt er die Mühen des Weges ebenso wie die Tücken des Wetters. Auf halbem Weg gehen Schneefall und Sturm los, und der nur leicht Bekleidete hat das Glück, im Schneetreiben den Schatten einer menschlichen Baulichkeit zu entdecken. Hier findet er Schutz. – 28 min.

31. Hans Castorps Vetter Joachim hatte sich selbst entlassen, um endlich zur Armee zu gehen. Verfrüht, wie sich jetzt herausstellt. Nach einem dreiviertel Jahr verschlechtert sich Joachims Zustand, sodass er wieder zurück auf den Berghof muss. Hans Castorp freut sich sehr. Und sie schließen da an, wo sie aufgehört haben. – 28 min.

32. Hans Castorps Vetter Joachim ist gestorben, kurz nachdem er aufs Sanatorium zurückgekehrt ist. Bis zum Schluss war er bei seinem Vetter. Und sein Warten auf Clawdia Chauchat wird auch zu Ende sein, obwohl das Wiedersehen mit ihr anders sein wird, als er es sich erhofft hat. – 28 min.

33. Clawdia Chauchat ist ins Sanatorium zurückgekehrt. Und mit ihr ein wohlhabender Mann, der niederländische Kaffeeplantagenbesitzer Pieter Peeperkorn. Gerade hat Hans Castorp ihr vom Tod seines Vetters Joachim erzählt und Clawdia berichtete, wo sie in der Zwischenzeit war. – 29 min.

34. Clawdia Chauchat ist jetzt mit Mynheer Peeperkorn zusammen. Nach einem gemeinsamen Abend, an dem alle viel getrunken haben, hat Peeperkorn Hans sogar aufgefordert, Clawdia auf die Stirn zu küssen. Hans hat abgelehnt. Er liebt sie noch immer sehr. – 28 min.

35. Pieter Peeperkorn, der Partner von Clawdia Chauchat, liegt krank im Bett. Gerade besucht ihn Hans Castorp. Und obwohl sich Hans große Mühe gegeben hat, durchschaut ihn Peeperkorn. Und er konfrontiert ihn damit, dass Hans offenbar Clawdia liebt. Hans merkt, dass Leugnen sinnlos ist und gibt seine Liebe zu. – 28 min.

36. Pieter Peeperkorn ist tot. Noch am Totenbett hat Hans Castorp den Kuss auf die Stirn von Clawdia Chauchat nachgeholt, zu dem Peeperkorn ihn damals aufgefordert hatte. Kurz darauf reist Clawdia Chauchat ab. Hans Castorp muss weiter auf dem Berghof bleiben und schlägt die Zeit tot mit Patiencen legen.
Die Lesung erreicht ein weiteres berühmtes Kapitel: „Fülle des Wohllauts“. Es zählt zu den wichtigsten dieses Bildungsromans. Nach dem „großen Stumpfsinn“ des vorangegangenen Kapitels, in dem Hans Carstorp zunehmend „den Launen des Kartenkobolds verfallen“, also spielsüchtig geworden ist. Nach den Jahren im Sanatorium hat sich Begriff der Zeit aufgelöst. Dieses Kapitel nun setzt einen Meilenstein im Hinblick auf die innere Entwicklung des Protagonisten. Diesem hatte sein Mentor, der italienische Literat Settimbrini, einst eine „Sympathie mit dem Tode“ attestiert. Hans Castorp aber strebt nun nach Selbstüberwindung, und die Erfahrung der Musik kommt ihm zu Hilfe. – 29 min.

37. Hans Castorps Zeit im Sanatorium wird zäh. Auch die Unterhaltungen mit Settembrini und Naphta langweilen ihn mittlerweile. Wenigstens gibt’s jetzt ein Grammophon. Hans Castorp sitzt nächtelang im Musikzimmer. Währenddessen wird die Welt um ihn immer seltsamer. – 29 min.

38. Es ist einsam geworden um Hans Castorp im Sanatorium. So richtig Kontakt hält er nur noch zum Literaturen Settembrini und zum Altphilogen und Ex-Jesuiten Naphta. Und das liegt vor allem an den nicht enden wollenden Disputen der beiden. Doch nicht nur Settembrini und Naphta scheinen gerne zu streiten. – 28 min.

39. Immer wieder liegen sich der Literat Settembrini und der Altphilologe Naphta in den Haaren. Doch dieses Mal hat der Streit zwischen den beiden eine neue Qualität bekommen. Settembrini und Naphta gehen sich verbal regelrecht an die Kehle. Worüber die beiden streiten, scheint gar keine Rolle mehr zu spielen. – 28 min.

40. Nach einem erbitterten Streit wurde Settembrini von Naphta zum Duell herausgefordert. Doch Settembrini schoss in die Luft. Und als er sich Naphtas Forderung widersetzte, nochmal zu feuern, erschoss sich Naphta selbst. Von den Menschen, die Hans Castorp in seinen sieben Jahren in dem Sanatorium nahe waren, ist nur Settembrini übriggeblieben, der selbst todkrank ist. – 29 min.
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* Dieses Datum konkurriert in der Fachwelt mit dem 28. Januar 1924.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Literatur zum bevorstehenden Weltuntergang

betr.: Ö1 Bücherbox

Der kleine Vierteiler, der diese Woche im Rahmen der Ö1 Sendereihe „Bücherbox“ zum Thema literarische Dystopien zubereitet wurde (Redaktion: Julia Reuter), machte deutlich, dass es im frühen 21. Jahrhundert vor allem zwei große dystopische Romane gibt, die beide aus dem 20. stammen: „1984“ und „Schöne neue Welt“.
Bis heute ist nichts gleichsam Visionäres und Gültiges weit und breit zu sehen. Um die Reihe auf vier Beiträge zu bringen, mussten zwei Werke dazugehoben werden, die heute recht populär sind, neben Orwell und Huxley aber doch etwas beliebig aussehen. Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ ist vor allem wegen seiner TV-Serienadaption ein moderner Klassiker (in wenigen Jahren kennt das Ding kein Schwein mehr), und auf Juli Zehs Buch bin ich soeben erstmals hingewiesen worden.
Ich hätte eher „Alles, was wir geben mussten“ von Kazuo Ishiguro mit auf die Liste gesetzt, aber den kennt ja heute schon kein Schwein mehr.* Und gegen „Animal Farm“ spricht, dass wir Orwell dann doppelt hätten …

Wer lange genug durchhält, kann mein herzloses Urteil überprüfen, wenn der test of time sein Wort gesprochen hat.

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Ö1 Bücherbox

George Orwell: „1984“

Ein Überwachungsstaat, der jegliche Individualität zerstört; ein totalitärer Staat, in dem Frauen keine Rechte haben; die „beste aller Welten“, die bei genauerer Betrachtung jedoch in ein Schreckbild kippt; eine Gesellschaft, in der Gesundheit als höchste Bürgerpflicht gilt: Die 13. Staffel der Ö1 Bücherbox widmet sich vier dystopischen Romanen – verstörende Zukunftsszenarien und Gegenwartskritik zugleich.

„Big Brother is watching you.“ Dieser Satz aus dem 1948 veröffentlichten und wahrscheinlich berühmtesten dystopischen Roman fasst pointiert zusammen, in welches Zukunftsszenario der britische Autor George Orwell seine Leser:innen versetzt: Eine lückenlose Überwachung durch Kameras und Monitore, Bespitzelung durch Freunde, Nachbarn und Kinder. In diesem totalitären Überwachungsstaat wird außerdem Geschichtsschreibung verfälscht bzw. den aktuellen politischen Gegebenheiten angepasst. „Doppeldenk“ wird diese Fähigkeit im Roman bezeichnet, also die Fähigkeit, gleichzeitig zwei einander widersprechende Überzeugungen zu hegen und beide gelten zu lassen. Zum Beispiel, dass Zwei und Zwei addiert nicht nur Vier, sondern auch Fünf ergeben kann. Winston Smith, Mitarbeiter im „Ministerium für Wahrheit“, durchschaut dieses brutale System, in dem Individualität keine Rolle spielen darf. Als er sich verliebt, hat das fatale Folgen.

2. Margret Atwood: „Der Report der Magd“

Frauen als unterdrückte Gebärmaschinen. Eine nukleare Katastrophe hat bei vielen Menschen zu Sterilität geführt. In einem fiktiven Staat in Nordamerika haben religiöse Fundamentalisten daher einen totalitären Staat errichtet, in dem Frauen keine Rechte besitzen. Sie werden in drei Gruppen eingeteilt: Ehefrauen von Führungskräften, Dienerinnen und Mägde. Letztere werden zur Fortpflanzung rekrutiert und sollen für unfruchtbare Ehefrauen Kinder empfangen. Auch die Magd Desfred wird Opfer dieses entwürdigenden Programms. Doch sie besitzt etwas, was ihr alle Machthaber, Wächter und Spione nicht nehmen können: Hoffnung auf ein besseres Leben. Die kanadische Schriftstellerin Margret Atwood hat „The Handmaid’s Tale“ 1985 veröffentlicht; ihr provokanter dystopischer Roman gilt nach wie vor als prophetische Warnung, aber auch als kritischer Spiegel vergangener und gegenwärtiger Gesellschaften.

3. Aldous Huxley: „Schöne neue Welt“

Glück wird in Form von Tabletten verabreicht, Sex und Konsum dominieren den Alltag, das Fortpflanzungsproblem ist dank Fertilisationsstationen gelöst. Es gibt weder Bedrohungen noch Krankheit oder Elend. Kurz: Es ist die beste aller Welten. Aber nur, solange man nicht genauer hinsieht. Die Welt im Jahr 2540 nach Christus ist zweigeteilt: In die der perfekt konditionierten Alpha-Klasse, die der Betas und in die der Ureinwohner. Nur der Außenseiter Bernard Marx entzieht sich immer mehr dem Diktat der Herrschenden und der genormten Wohlfühlatmosphäre, die weder individuelle Freiheit noch Kunst zulässt. Der englische Schriftsteller Aldous Huxley hat „Brave New World“, wie der Roman im Original heißt, 1932 veröffentlicht: eine scharfzüngige, durchaus auch humorvolle Zeitkritik und ein Meisterwerk der dystopischen Literatur.

4. Juli Zeh: „Corpus Delicti“

Eine nicht weit entfernte Zukunft, eine Gesellschaft, die nach einer Epidemie freiwillig von einer demokratischen Regierungsform zu einer Gesundheitsdiktatur übergegangen ist. In dem 2009 veröffentlichten, dystopischen Roman der deutschen Autorin Juli Zeh wird Gesundheit zu einer Staatsangelegenheit von höchstem Wert erhoben. Um ein möglichst langes, gesundes Leben zu führen, sind alle Bürger:innen verpflichtet, regelmäßig Berichte über ihre sportlichen Aktivitäten, ihre Ernährung und ihren Schlaf einzureichen. Diejenigen, die sich nicht an diese Vorschriften halten, werden gnadenlos bestraft. Im Mittelpunkt der Handlung steht die junge Naturwissenschaftlerin Mia, die die Unschuld ihres wegen eines Mordes verurteilten Bruders beweisen will und so zu einer Gefahr für das staatliche System wird. „Corpus Delicti. Ein Prozess“ verschaffte Juli Zeh den Spitznamen „Orwell im Rock des 21. Jahrhunderts“.

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* Außer dem ST. GEORGE HERALD natürlich: https://blog.montyarnold.com/2024/11/11/26662/

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Ein Gruß aus dem Toten Winkel

Glanz und Elend der Autobiographie

In einer idealen Welt wäre jeder selbst der Beste, um über sich zu schreiben, denn dann wüsste der Autor all das Wissenswerte aus eigenem Erleben, was Dritte erst mühsam zusammentragen müssen. Aber erstens kann längst nicht jeder schreiben, und zweitens sieht man von außen manches deutlicher und kann es besser einordnen, zumal im Rückblick. Ach (das ist vielleicht das Wichtigste): Wer über sich selber redet, neigt dazu, mit Deckweiß und Weichzeichner zu arbeiten. Er erzählt schlichtweg nicht das weiter, was er von sich weiß.
Auto- bzw. autorisierte -biographien von Künstlern sind allenfalls eine von mehreren Quellen, um sich einem Werk zu nähern, und selten eine der besseren. Aber sie haben die redliche Chance, die Konkurrenz einzuholen – vor allem mittels Esprit und Selbstironie. Außerdem sind Künstler – im Gegensatz zu Politikern – zur Selbstkritik und Selbstironie immerhin grundsätzlich fähig.

Die Qualität politischer Autobiographien ist von vorneherein durch das Bestreben gedeckelt, ein letztes aber gut vernehmliches Wort bei der historischen Einordnung der eigenen Person und Arbeit mitzureden. (Gut, das Geld spielt sicher auch eine Rolle.) Stefan Reinecke geht sogar noch weiter und spricht in der „taz“ vom „Defekt des Genres“: das Publikum erwarte von solchen Erinnerungen „einen Blick hinter die Kulissen der Macht und Selbstkritik. Beides wird zuverlässig enttäuscht. (…) Aber die Forderung, dass PolitikerInnen gefälligst selbstkritisch zu sein haben, hat etwas Selbstgefälliges, Wohlfeiles. Man delegiert vermeintliches Versagen auf eine Person“ und lässt zu gern die Beschränkungen der jeweiligen Macht außer Acht, die Kompromisse, Interessenkonflikte, die Grenzen des Machbaren. „Der Wunsch, dass PolitikerInnen sich entschuldigen sollen, ist nur bedingt aufklärerisch. Er erinnert nicht zufällig an Rituale der Beichte und stellt unpolitische Selbstreinigung in Aussicht.“

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Nabend zusammen!

Passend zu den Zeiten des abnehmenden Lichts widmet das „Zeit Magazin“ dem Abendbrot einen Schwerpunkt, der – man kann es sich denken – diesem Ritual größere Beachtung wünscht. Das ist spontan einleuchtend, steht es doch seit jeher im Verdacht, weniger wert zu sein als sein morgendliches Gegenstück. Das Frühstück sei die wichtigste Mahlzeit des Tages, wird seit Urzeiten unentwegt behauptet, ohne dass einem mal jemand erklärt, wieso eigentlich. Ich vermute, es hat Gründe, die mit dem Nährwert zusammenhängen, während der Artikel vor allem die gesellschaftlichen und familiären Nebeneffekte betont. Es wird das idyllische Bild eines Happenings beschworen, zu dem „etwa um sieben“ alle „aus ihren jeweiligen Ecken gerollt“ kämen, „sie würden sich setzen, an einen gemeinsamen Tisch, sie würden miteinander reden und essen. Gelächter. Kummer. Palaver. Gespräch. Dann stünden sie auf und gingen wieder, jeder in seine Richtung. Der Tag könnte sich neigen.“
Das klingt so surreal für mich, dass sich sogleich das (neben dem verbotenen nächtlichen Naschen am Kühlschrank) letzte verbleibende Mahl im bürgerlichen Tageskreis in meinem Hirn auftut, Szenen des Mittagessens in meinem Elternhaus. Was ich da sehe, sind „grässliche Gaukelbilder, Erinnerungen voll Schlangengift“ (wie Stan Lee es ausgedrückt hätte). Mein Vater, der seiner sechsköpfigen Familie den ganzen Tag nach Kräften aus dem Wege ging, musste sich mittags fügen und am Kopfende unserer Tafel platznehmen. Er hasste das so sehr, dass es auch für uns übrige kein Vergnügen war.
Dann doch lieber Abendbrot.

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Mit dem Finger, der in der Nase bohrt, geht es aufwärts!

Die Schöne Lesung: Joachim Meyerhoff „Man kann auch in die Höhe fallen“

radioeins events · 11.11.2024 · 82 Min. – nachzuhören in der ARD Audiothek

Vier Jahre ist es her, dass Joachim Meyerhoff in seinem Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“ davon erzählte, wie er einen Schlaganfall erlitt und sich mühsam ins Leben zurückkämpfte. Nun erfahren wir endlich die Fortsetzung der Geschichte. Am 7. November erschien „Man kann auch in die Höhe fallen“ und Joachim Meyerhoff hat das Buch – wie schon die beiden Vorgänger-Bände – als Deutschlandpremiere bei radioeins vorgestellt. „Man kann auch in die Höhe fallen“ schließt unmittelbar an „Hamster im hinteren Stromgebiet“ an. Nach dem Schlaganfall zieht Meyerhoff von Wien (wo er zum Ensemble des Burgtheaters gehörte) nach Berlin. Er hofft, durch einen Neuanfang wieder Fuß zu fassen. Doch alles kommt anders als gedacht. Die neue Stadt zerrt an den Nerven und die künstlerische Arbeit als Schriftsteller und Schauspieler fällt ihm von Tag zu Tag schwerer. (ARD-Text, Foto: SWR Kultur / ARD Audiothek)

Das Wichtigste vorab: an Meyerhoffs Erkenntnissen ist nicht zu rütteln. Berlin ist unbewohnbar, Altwerden ist doof, Mama ist die Beste, auf dem Land ist es schöner als in der Stadt (in Berlin z.B.), man muss auch mal Fünfe grade sein lassen (besonders mit 86), Handys sind flach, und es wird zu viel an ihnen herumgefingert (gerade auch von einem selbst, ja ja …). Außerdem hat man inzwischen auch mit 55 Anrecht auf eine Midlife-Crisis – und auf die damit verbundene Lebenserwartung.

Gekrönt von einem anheimelnden Bandwurmtitel  redet der Autor mit erbarmungslos zwinkerndem Auge darüber, wie dröge es ist, ein sich selbst vernachlässigender alter Heini zu sein. Und um seine wohlfeile Selbstgeißelung glaubwürdiger zu machen, setzt er dem Jammer die Beschreibung seiner Mutter entgegen, die – selbstredend – am Meer wohnt, Auto fährt wie ein Gangster, ein freches Mundwerk hat, sich von Fast Food und Alkohol ernährt und trotzdem schlank, topfit und sinnenfroh ihrem Sohn was vorlebt. In der gelesenen Passage fehlt nur der ungeklärte Mordfall, und das Idyll würde in einen Küstenkrimi mit Ermittler-Oma umkippen.
Dafür, dass das Abenteuer, das Meyerhoff in seinen zurückliegenden Bestsellern beschrieben hat, gerade alle ist, kann der Leser ja nichts. Ein wenig Kreativität gehörte einst zu den vornehmen Pflichten eines Schriftstellers.

Wer sich vor irgendetwas fürchtet, das in einen Denkanstoß münden könnte oder in Selbstironie, die diese Bezeichnung verdient, ist hier so sicher wie Mama Meyerhoff in der Arschmulde, die sie sich keck in den Strand rubbelt, ehe sie sich reinlegt (ach, das Leben kann so einfach sein). Entsprechend erleichtert klingen Gelächter und Applaus bei der „Schönen Lesung“.
Man hat ja bekanntlich nicht viel zu lachen in Berlin.

Zum Ende der Lesung geht Meyerhoff zu seinen Theatererlebnissen über. Da blitzen dann etwas gut platzierte Bosheit und ein paar Tiefe Einblicke in Welt der Bühne auf.

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Der Krimihase in uns allen

Testvorführungen funktionieren nicht, ihre Ergebnisse sind reiner Zufall.
Ausführlicher gesagt: Testvorführungen funktionieren nur dann, wenn das Testpublikum keine Ahnung hat, dass es als ein solches fungiert oder wenn es ihm egal ist – also ein weitgehendes Ding der Unmöglichkeit.
Wer als Testperson dient, in dem setzt sich eine Reihe von psychologischen Reflexen in Bewegung, die der Idee, die Wirkung einer künstlerischen Arbeit – sagen wir: eines Films – zu testen, vollständig zuwiderläuft: man freut sich der übertragenen Verantwortung (Macht), verreißt also lieber als dass man lobt. Zudem erliegt man leicht der Versuchung, sich der gefühlten Meinung der Masse anzuschließen (die wiederum von Punkt 1 getrieben wird). Man wird vielleicht lügen, um besser dazustehen, wenn man gefragt wird: wie hat’s dir gefallen?  Überhaupt genießt man nicht unbefangen die Darbietung, sondern fühlt sich als Teil des Teams, das hier am Werk ist.
Der freiwillige Zuseher, der zum Vergnügen in seiner Freizeit ins Kino geht, ist in einer komplett anderen Verfassung.

Selbstverständlich lassen sich diese Einschränkungen der eigenen Aussagekraft nicht abstellen oder niederhalten, obwohl das jeder für sich in Anspruch nehmen würde: klar bin ich objektiv.
Gute Kritiker lernen im Laufe der Zeit, sich in dieser Disziplin zu schulen (aber wirklich nur gute!). Sie schaffen es auch, die Reaktionen eines ebenfalls anwesenden Publikums zwar zur Kenntnis zu nehmen, sich aber dennoch von ihnen zu emanzipieren.

Dieses Paradox der nicht durchführbaren Testvorführung im Sinne der Vorführenden lenkt unseren Blick auf den großen Widerspruch in uns allen.
Privatdetektive berichten zuweilen von dem Wunsch nach Klärung eines bösen Verdachts und dem gleichzeitigen Unwillen, es genau zu wissen und die Hoffnung endgültig begraben zu müssen. Solche Kunden werden am Ende des Auftrags richtig sauer auf den Überbringer der schlechten Nachricht, den sie selbst gebucht haben.
Wir alle kennen dieses Paradox aus unserem Leben als Zuschauer eines Thrillers. Einerseits wollen wir wissen, wem die mordende Hand gehört, die aus dem Dunkel ins Bild kommt, andererseits würden wir es nicht schätzen, wenn jemand „spoilert“.

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Nach der US-Wahl

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bat eine Reihe amerikanischer Autorinnen und Autoren, sich zum Ausgang der US-Wahl zu äußern. Pulitzer-Preisträger Joshua Cohen gab das kürzeste Statement ab, und der zentrale Satz lautete: „Wir müssen aufhören, das Nichtpolitische (Unterhaltung, Religion) im Politischen zu suchen.“
Wenn ich diesen interpretierfähigen Satz im Sinne Cohens korrekt auslege, dann stellt er den ersten Fall dar, in dem ein anderer Mensch als ich selbst einen bestimmten Gedanken ausspricht, der mich schon lange beschäftigt. Ich habe mit Sorge den Siegeszug solcher Figuren wie Berlusconi oder Boris Johnson beobachtet, die man früher schon wegen ihrer Unseriosität vom Hof gejagt hätte. Ihre Salonfähigwerdung, die politischen Karrieren, die ihnen inzwischen offenstehen, weil das jeweilige verblödete Wahlvolk ihre weniger offensichtlich verkommenen Konkurrenten offenbar auch weniger amüsant findet, ist nach meiner Überzeugung eine Folge des Niedergangs unserer Unterhaltungsindustrie. Das Volk braucht Unterhaltung, es bekommt sie nicht länger dort, wo es sie sie zu finden hofft (auf dem Smartphone etwa) – oder zumindest nicht in ausreichendem Maße – und meint nun, sich beim Ausüben seines Wahlrechts amüsieren zu müssen.
Ich wüsste zu gern, ob Mr. Cohen das auch denkt, oder ob er etwas völlig anderes gemeint hat.
Er hat jedenfalls recht.

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