Meine schönsten Hörbuch-Erlebnisse des Jahres: Gert Westphal liest „Das Parfum“

Gert Westphal hat mit Vorliebe die ganz großen, zeitlosen Literaturklassiker eingelesen. „Das Parfum“ ist ein modernes Beispiel, dem man seine Jugend nicht anhört, weil der Autor Patrick Süskind es mit großer Meisterschaft auf die stilistische Patina des 18. Jahrhunderts anlegt. Was kann schon schiefgehen, wenn der König des literarischen Vortrags sich einen der grandiosesten historischen Romane der Jahrhundertwende vornimmt? Nichts! Diese Lesung ist ein Hochgenuss! 
Westphals Könnerschaft erlaubt es ihm, sich in den emotionalen Strudel, den der Text vor uns auftut, ohne jede Scheu hineinzustürzen. Und uns mitzureißen, wo uns als Selbstleser hie und da die Möglichkeit bliebe, etwas langsamer umzublättern, um die Wüstigkeit der Geschichte besser zu verkraften.
Die Wiederbegegnung mit diesem Buch nach so langer Zeit (unterdessen entstand eine Verfilmung, die die den Stoff bei aller notwendigen Glättung und Verknappung sehr gut umsetzt) hat mich erstmals auf den Gedanken gebracht, dass wir es bei dem triebhaften Riech-Mutanten Grenouille mit einem Autisten zu tun haben; das ist eines jener Krankheitsbilder, die Mitte der 80er Jahre nur Spezialisten bekannt waren und die inzwischen als selbstdiagnostiziertes Wischiwaschi-Syndrom beim nichtstudierten Volksmund Karriere gemacht haben.
Und außerdem fiel mir auf … ach was, hören Sie selbst!

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

betr.: 125. Geburtstag von Mischa Spoliansky

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Der Song des Tages: „Umtauschen“

betr.: erster verkaufsoffener Tag nach Weihnachten

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Weihnachten in Shenzhen

Hallo Monty,

schön, dass Dir das Buch gefallen hat. Ich erzähle Dir auch ein bisschen, wie Weihnachten in China gefeiert wird.

In China ist Weihnachten kein Feiertag. Auch ich musste am 25. Dezember und heute arbeiten. Weihnachten ist hier eher ein Fest für Paare und damit die Geschäfte mehr verdienen können. So ähnlich wie der Valentinstag. Mein Feed in den sozialen Medien ist voll von Leuten, die ihre Weihnachtsbäume und ihre Freundinnen und Freunde gepostet haben. Dann gibt es einige, die einen Apfel essen. „Friedliche Nacht“ heißt „Pingan Ye“ und Apfel heißt „Pingguo“, was ähnlich klingt.

Den Weihnachtsmann, der hier „Alter Weihnachtsmann“ (Shengdan laoren) heißt, trifft man manchmal in Einkaufszentren. Dort hat er aber keine Elfen, sondern „Kleine Schwestern“ (Shengdan nülang), die ihm bei der Arbeit helfen. Das habe ich aber nur einmal gesehen und das Bild musste ich im „chinesischen Internet“ suchen. Wenn der Weihnachtsmann als Dekoration vor den Geschäften hängt, spielt er Saxophon. Keiner weiß warum. Ich glaube, das hat in den 90er Jahren angefangen, weil Bill Clinton Saxophon gespielt hat.

Es gibt ein paar Weihnachtsbäume, aber die sind seit diesem Jahr in öffentlichen Einrichtungen nicht mehr so beliebt. Wir sollten unseren Plastikbaum nicht mehr vor den Fahrstuhl stellen, damit man ihn nicht auf den ersten Blick sieht.

In Hongkong ist das ganz anders. Da wird Weihnachten richtig gefeiert. Der 25. Dezember ist dort auch frei. Kommerz wird dort aber mehr gelebt als bei uns. Dior hat mitten in der Innenstadt einen Weihnachtsbaum aufgestellt. Dort wurde ein kleiner Zaun aufgestellt, damit man besser Selfies um den Baum machen kann, wenn man vorher online einen Termin gebucht hat. Influencer überall. Das fand ich grenzwertig, musste aber fotografisch festgehalten werden. Der beste Baum stand aber vor dem Hong Kong Museum of Art. Den wollte meine Frau unbedingt sehen. Auf dem Weihnachtsmarkt waren wir auch.

Ich hoffe, der kleine Exkurs hat Dir gefallen.

LG
Sammy

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Noch’n Familienfilm

betr.: 28. Todestag von Dean Martin / 23.Todestag von Jason Robards (morgen)

Die Verfilmung von Lilian Hellmans Bühnenstück „Toys In The Attic“ stand 1963 am Ende einer langen Reihe modriger Südstaatendramen, die spätestens mit dem Theater- und Filmerfolg von Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“ begonnen hatte; der Erfolg des Films war entsprechend bescheiden. Der Titel ist eine Redensart, die unserer „Meise unterm Pony“ verwandt ist, und evoziert zugleich den verwinkelten Familiensitz als Schauplatz des Kammerspiels.
„Puppen unterm Dach“ bot Dean Martin Gelegenheit zu einer weiteren dramatischen Schauspielerleistung. Martin hatte noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen. Der Sänger romantischer Schlager und frühere Teil des immens erfolgreichen Comedy-Duos mit Jerry Lewis war längst zum ernsthaften Schauspieler gereift, doch die Kritik ignorierte seine bisherigen Verdienste geflissentlich.
Für die Rolle des Julian ist er – als reine Verkörperung eines Charmeurs, den das Publikum die längste Zeit für einen lupenreinen Hallodri hält, ehe es erkennen muss, dass es sich in ihm geirrt hat – die Idealbesetzung. (Es fällt mir schwer, mir den lauernd-seriösen Jason Robards auf diesem Platz vorzustellen, der den Part in der Originalproduktion am Broadway innehatte.)
Einer der Reporter, die Dean Martin bei dieser Aufgabe gern scheitern sehen wollten, kam von der „New York Times“, die das Theaterstück drei Jahre zuvor abfällig gelobt hatte. Er besuchte den Star am Set und schrieb danach, dieser sei „sich durchaus darüber im klaren, dass er nach Ansicht einiger Leute mit dem Part des launischen, innerlich zerrissenen Südstaatlers überfordert sei“. Martin war so nett gewesen, ganz offen zu sprechen: „Ich verstehe nicht, warum mich alle fragen, wie ich zu dieser Rolle gekommen bin. Mein Agent hat sie mir beschafft. Herman Citron – er ist seit etwa fünfzehn Jahren mein Agent – hat das Stück gesehen. Es hat ihm gefallen, und er hat mir gesagt, dass es etwas für mich wäre. Ich denke, dass ich mich in diesen Dingen auf sein Urteil verlassen kann. Also sagte ich: Okay. Herman brachte den Deal mit Mirish unter Dach und Fach, und ich bekam die Rolle. Das ist alles, was ich dazu sagen kann. (…) Ich habe das Stück nicht angesehen, und ich habe es auch nicht gelesen.“ Aus soviel Offenheit zog der Reporter einen unerbittlichen Schluss – „Tatsächlich empfindet Mr. Martin eine generelle Abneigung gegenüber Theaterstücken.“ – und war über ein Detail besonders entsetzt: „die Lieblingsmethode, mit der er seine Texte auswendig lernt; er lässt sich auf dem Golfplatz von seinem Caddie Stichworte geben.“
Der Reporter – so berichtet Nick Tosches in seiner Dean-Martin-Autobiographie – sei stehenden Fußes in die Garderobe von Deans hochgeachteter Filmpartnerin Wendy Hiller geeilt, „die einen Novellenband von Henry James beiseitelegte“, um mit der „Times“ zu sprechen. Doch sie wusste nichts Negatives über Dean oder sein darstellerisches Handwerk zu berichten.

Wer sich von einer wahrhaft malerischen Leistung anlocken lassen möchte, für den bietet die Darstellerin des dritten Geschwisterkindes ein Motiv: Geraldine Page. Ihre Carrie ist eine verblühende Dame mit Stich in der Tradition von Williams’ berühmter Blanche aus „Endstation Sehnsucht“. Am Broadway trefflich mit der unberechenbaren Maureen Stapleton besetzt, wird diese Figur bei Geraldine Page zu einer stets am Rande des Wahnsinns entlangschrammenden und irgendwie gefährlich wirkenden Person. Wie immer bei Page, die außerdem eine herausragende Komödiantin war, erweisen sich sämtliche Befürchtungen als berechtigt.

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Unerwünschte Gefährten

In der Jahresbilanz der „Wochentaz“ findet sich dieser Absatz:

Mittelerde ist nicht Europa. Die fiktive Welt des Schriftstellers J. R. R. Tolkien hat gleichwohl Ähnlichkeiten mit diesem Kontinent. Und wenn es nach der italienischen Premierministerin Giorgia Meloni geht, hat das Zuhause von Figuren wie Frodo und Konsorten mit unserer Gegenwart sogar noch einiges mehr gemein. Die „Postfaschistin“ lässt keine Gelegenheit ungenutzt, um auf Tolkien zu sprechen zu kommen, dessen Roman „Der Herr der Ringe“ für sie ein „heiliger Text“ ist. Im November etwa gab sie sich bei der Eröffnung einer großen Tolkien-Ausstellung in Rom als Fan zu erkennen. Mit ihrer Begeisterung für den Roman „Der Herr der Ringe“ steht sie in Italien dabei in einer längeren Tradition. Dort versucht man seit Jahrzehnten, Tolkien von rechts zu vereinnahmen. Mittelerde als utopischer Ort für Faschisten, pardon, Postfaschisten? Meloni zumindest identifiziert sich im Kampf gegen das Böse regelmäßig mit den Hobbits. Man könnte meinen, dass ihre geistige Heimat Mittelerde ist, wobei unklar scheint, ob sie diese nicht großzügig mit der Realität verwechselt. In jedem Fall eine Beleidigung für den akribischen Philologen Tolkien. Der dachte sich seine mythologische Welt überhaupt erst aus, weil er begonnen hatte, alte Sprachen zu erfinden. Egal. Dass man sich die Wirklichkeit nach Wunsch bastelt, hat ja Konjunktur. Fantasiereiche braucht man dafür gar nicht.

Man kann sich seine Bewunderer bekanntlich nicht aussuchen – schon gar nicht, wenn man tot ist. Die Erfindung alter Sprachen lässt allerdings noch keine Gesinnung erkennen – weder rechts noch links. Und dass Tolkiens Werk es der rechten Seite zumindest recht einfach macht, vereinnahmt zu werden, ist dem ST. GEORGE HERALD schon einmal aufgefallen …*
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Siehe https://blog.montyarnold.com/2014/09/25/in-den-fesseln-von-shangri-la/

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„Das Mädchen in Weiß“ – ein Chanson

betr.: 28. Todestag von Effi Effinghausen 

Effi wird begleitetet von Eric Gabriel, der das Lied wie gewohnt auf Englisch verfasst, um ihm die Übersetzung zu überlassen.

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Nur der Vierte in der Reihe

betr.: 79. Todestag von Harry Langdon / 46. Todestag von Charlie Chaplin (übermorgen)

In seinem berühmten Artikel „Comedy’s Greatest Era“ für das Magazin „Life“ stellte der Filmkritiker James Agee 1949 Harry Langdon erstmals mit Charlie Chaplin, Buster Keaton und Harold Lloyd in die Reihe der „Großen Vier“ der Stummfilmkomödie (in die er freilich nur Solisten berücksichtigte). Das konnte nicht unwidersprochen bleiben, schon weil die anderen Drei im schönsten und gültigsten Sinne zu groß sind, um daneben noch Platz zu lassen. In unserer heutigen Wahrnehmung rangiert Langdon deutlich hinter ihnen bleibt somit in der Kürze der meisten einschlägigen Aufzählungen ungenannt. In seiner Glanzzeit (deren frühes Ende ja noch nicht abzusehen war) fand er gewichtige Fürsprecher. Der Produzent Mack Sennett nannte ihn an erster Stelle, wenn er nach dem größten Komiker gefragt wurde, den der Film hervorgebracht habe. Stan Laurel (das andere unschuldige Gesicht des Komischen Films) attestierte ihm das Zeug zu einem großen Schauspieler, dem Chaplins vergleichbar.

Die Einführung des Tonfilms war für alle Filmschauspieler eine Herausforderung, ganz besonders für die Komödianten, für deren Timing die Normierung der Projektoren auf 24 Einzelbilder pro Sekunde eine brutale Einschränkung bedeutete.
Was Langdon zusätzlich ausbremste, war – wenn wir einer gewissen Quelle glauben wollen – sein Charakter. Frank Capra – zuerst Gagschreiber im Stummfilm, später einer der wichtigsten Komödienregisseure des frühen Tonfilms – erklärt uns den Fall 1971 in seiner Autobiographie „The Name Above The Title“ und fasst ihn zehn Jahre später in „Comedy – A Serious Business“, der 8. Folge der Fernsehdokumentation „Hollywood“, noch einmal zusammen: „Harry Langdon hatte seine Figur nicht selbst erfunden. Das waren wir – wenn ich wir sage, meine ich Arthur Ripley und mich. Sennett hatte Harrys Nummer zusammen mit seiner Frau am Broadway gesehen und Fotos gemacht. Er mochte diesen kleinen Mann, der ein sehr langsamer Pantomime war. Er nahm ihn dann mit ins Studio und brachte ihn mit allen Komikern zusammen. Sie konnten schneller laufen, höher springen und besser fallen als alle anderen. Und da kam nun dieser kindliche Mann, der fünf Minuten brauchte, um auch nur zu zwinkern. Und den keiner wollte. Aber Sennett sagte: ihr habt ja keine Ahnung, der Kerl hat was! Also mussten Ripley und ich uns den Film anschauen, um zu sehen, ob man etwas daraus machen konnte. Wir taten das und waren der selben Meinung wie alle anderen auch. Wir hielten ihn für einen ziemlich armseligen Komiker. Ripley sagte, diesem Einfaltspinsel kann nur Gott helfen. Ich selbst hatte gerade ‚Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk‘ gelesen, und für mich gab es da eine unmittelbare Verbindung zu Langdon. Wir baten um Erlaubnis, die Idee weiterzuentwickeln. Das taten wir, der Film wurde gedreht und war ein riesiger Erfolg.

Es war die Geburt eines neuen Stars, einer neuen unschuldigen Persönlichkeit. Ich war für seine Gags zuständig und wurde schließlich sein Regisseur. Der erste Film, bei dem ich für ihn Regie führte, war ‚The Strong Man‘. Langdon konnte darin einbringen, was er am besten beherrschte. Er ging dann nach Hollywood, wo man ganz verrückt nach ihm war. Aber der arme Kerl kam mit seinem Erfolg nicht klar. Er fing an, bei seinen Filmen selbst Regie zu führen, und sein einziges Ziel war, so gut wie oder noch besser als Chaplin zu werden. Und zwar auf dessen ureigenem Gebiet! … Ich habe ihn danach jahrelang nicht getroffen, aber als ich erfuhr, dass er Theater spielt, ging ich hin, um ihm bei der Probe zuzusehen. Er hatte einen berühmten Gag aus ‚The Strong Man‘ wieder aufgenommen. Dafür musste er die Frau auf seinem Schoß im Sitzen rückwärts die Treppe hochtragen. Und der Regisseur schrie ihn an: schneller, Harry, schneller um Gottes Willen! – Das war genau das, was man von Langdon nicht verlangen durfte. Langsamer ja, aber schneller war unmöglich … Er hat nie erkannt, dass seine Figur anders war als die Chaplins. Chaplin hatte seine Figur selbst erfunden. Er konnte bei seinen eigenen Filmen selbst Regie führen, weil er seine Figur besser kannte als irgendjemand sonst. Bei Langdon war das anders. Seine Figur war für ihn erfunden worden, und das hat er nie verstanden. Das war seine Tragödie.“
In seiner Autobiographie schließt Capra gar mit dem Superlativ, Langdon sei „die tragischste Figur, der ich im Showbusiness begegnet bin“.

Seither ist dieser Darstellung auch widersprochen worden, und einige machen Capra gar als den rufmordenden Urheber von Langdons Niedergang aus – was die von mir bemühten Zeugnisse zumindest nicht nahelegen.
Es wäre großartig, die Ereignisse in einer sauberen, fairen Recherche aufgearbeitet zu finden. Eine gedruckte Harry-Langdon-Biographie böte dazu Gelegenheit. Sie wäre m. W. Die erste ihrer Art.

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Lesen vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Fortsetzung vom 10.12.2023

Patrick Süskind erschafft in „Das Parfum“ die sprichwörtliche Sogwirkung, um die jeder Erzähler bemüht ist. In ersten Kapitel gibt es tatsächlich längere Zeit kein Satzende.

Da nun aber diese Transporte von Lastträgern vermittels Bastkiepen durchgeführt wurden, in welche man aus Rationalitätsgründen bis zu vier Säuglinge gleichzeitig steckte; da deshalb die Sterberate unterwegs außerordentlich hoch war; da aus diesem Grund die Kiepenträger angehalten waren, nur getaufte Säuglinge zu befördern und nur solche, die mit einem ordnungsgemäßen Transportschein versehen waren, welcher in Rouen abgestempelt werden musste; da das Kind Grenouille aber weder getauft war noch überhaupt einen Namen besaß, den man ordnungsgemäß in den Transportschein hätte eintragen können; da es ferner seitens der Polizei nicht gut angängig gewesen wäre, ein Kind anonymiter vor den Pforten der Sammelstelle auszusetzen, was allein die Erfüllung der übrigen Formalitäten erübrigt haben würde … – aus einer Reihe von Schwierigkeiten bürokratischer und und verwaltungstechnischer Art also, die sich bei der Abschiebung des Kleinkinds zu ergeben schienen, und weil im übrigen die Zeit drängte, nahm der Polizeioffizier La Fosse von seinem ursprünglichen Entschluss wieder Abstand und gab Anweisung, den Knaben bei irgendeiner kirchlichen Institution gegen Aushändigung einer Quittung abzugeben, damit man ihn dort taufe und über sein weiteres Schicksal entscheide.

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Wonka schämt sich

Das LeslieBricusse-Filmmusical* „Willy Wonka And The Chocolate Factory“ von 1971 mit Gene Wilder in der Hauptrolle führt hierzulande ein Schattendasein sogar bei den Fans des klassischen Musicals. Nicht einmal das Remake mit Johnny Depp im Jahre 2005 hat zu seiner Entdeckung beigetragen. Auch Sammy Davis jr.s Hit „The Candy Man“ wird von denen, die ihn noch kennen, kaum mit seiner Quelle in Verbindung gebracht. Im angelsächsischen Raum ist das anders, zumal der hintersinnige Bestsellerautor Roald Dahl die Vorlage geschrieben hat.

Der neue „Wonka“ kommt nun ganz modisch als Prequel all dessen daher. Das zum Knutschen gephotoshopte Bild des kindlichen Hauptdarstellers Timothée Chalamet (Beispiel für eine Generation männlicher Stars, die keinen Sixpack mehr braucht, wie die taz anmerkte) lässt schon erkennen, dass alles Abgründige, was die Autoren vor einem halben Jahrhundert umgetrieben hat, hier vermieden wird.

Eines habe ich mich beim Lesen der Ankündigungen immer gefragt: ist dieser Film ein Musical? Die Frage ist nicht unberechtigt. Da ich keinen Hinweis darauf fand, nahm ich an, es handele sich wohl um einen reinen Sprechfilm.
Nun erzählt mir meine Nachbarin, der Film sei sehr wohl ein Musical, und dass das niemand zugibt, sei kein Zufall, sondern eine Entscheidung der Produzenten. Das Musical als solches hat nach deren Meinung so sehr abgewirtschaftet, dass man das Genre lieber verheimlicht – auf die Gefahr hin, dass am Ende Leute im Saal sitzen, die sowas gar nicht sehen wollen.
Machen wir uns nichts vor: das Marketing schämt sich! Sogar der schmucklose Wikipedia-Artikel wurde auf Linie gebracht. Man muss ihn recht lange durchhalten, bis man weiter unten auf den Hinweis stößt, er enthalte „neue Songs“, die jemand dem Film „beigesteuert“ habe.

Timothée Chalamet ließ die Öffentlichkeit wissen, er habe Johnny Depps Darstellung (die ich – zugegeben – weiträumig umfahren habe) „mutig“ gefunden. Mit diesem Ausdruck haben wir früher im Kabarett nach der Vorstellung unseren Kollegen höflich mitgeteilt, dass uns ihre Arbeit nicht erreicht hat. Heute sagt man wohl „interessant“ …

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* Siehe auch: https://blog.montyarnold.com/2023/08/19/sprechstunde-bei-doctor-dolittle-3/

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