„It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“ (19)

Fortsetzung vom 16. September 2023

(siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/01/24/noel-coward/)

Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.

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Lesen vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Übung / Sprechen am Mikrofon

Fortsetzung vom 25. August 2023

Der verstorbene Kultschriftsteller und Beststellerautor (soweit man beides zugleich sein kann) David Foster Wallace liebte Bandwurmsätze. Zu recht, denn in der Regel fällt seinen zahllosen Fans in Publikum und Feuilleton gar nicht auf, dass sie seine Gedanken schon weitaus versierter gelesen haben, weil sie so selig und stolz darauf sind, diese nicht enden wollenden Satzteilmutationen bewältigen zu können. Und so ringt sich der Deutschlandfunk denn auch zu dem Urteil durch: „Keine Frage: Das ist eine schreckliche Schreibe. Aber Wallace weiß, was er tut.“
Hin und begräbt der Autor unter dem Dickicht seines „in Gedankensprüngen dahinrasenden Bewusstseinsstromes“ (ORF) tatsächlich ganz hinreißende Ideen. Der Titel der ersten Kurzgeschichte im Erzählband „Vergessenheit“ lautet: „Der Spiegel der Natur – Eine Kritik der Philosophie“ (im Ernst). Ihr Plot ist so bestrickend, dass der eigentliche Text ihm kaum noch etwas hinzufügt: Ein Mann begleitet seine Mutter zum Büro ihres Rechtsanwalts. Es gilt sich einen strategisch klugen Sitzplatz im Bus zu sichern, denn die Leute reagieren auf den Anblick der Mutter recht emotional. Der Grund ist derselbe, warum man den Anwalt aufsucht: eine verpfuschte Schönheitsoperation hat ihr Gesicht erstarren lassen – zu einem dauerhaften Ausdruck blanken Entsetzens. Während der Busfahrt sinniert der gerade aus der Haft entlassene Sohn seinem eigenen verlorenen Prozess nach: ein neunjähriger Junge war durch sein Garagendach gebrochen und in sein Spinnen-Terrarium gefallen, mitten zwischen schwarze Witwen, Rotrücken- und Spei-Spinnen… Den Rest der Population trägt der Erzähler in einer schwarzen Aktentasche auf seinem Schoß.

Wir hatten experimentell nachgewiesen, dass es nicht ratsam war, sich weiter hinten in eine der konventionelleren Sitzreihen zu setzen, wo man in Fahrtrichtung sah, weil manche Mitfahrende sichtlich zusammenzuckten, wenn sie einstiegen, beim Gang durch den Gang die anscheinend reflexartige Handlung absolvierten, kurz die Gesichter der Menschen in den Reihen zu mustern, die sich bis in den rückwärtigen Teil des Busses zogen, und plötzlich Mutters gestrecktes und tonlos schreiende Gesicht erblickten, das ihnen mit dem Ausdruck des nackten Grauens entgegensah.

Die komplette Erzählung ist in der Leseprobe auf bücher.de enthalten.

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Über die Glitch-Art

Schon lange bevor man damit anfing, in den Werken der (Welt)Literatur herumzuschmieren, um sie einem flüchtigen Moralbegriff anzupassen, gab es ein Medium, bei dem die Eigenart der beständigen Veränderung (was eigentlich „Weiterentwicklung“ bedeuten sollte) obligatorisch war. Einerseits war dem Videospiel schon bei seinem ersten Auftauchen in der Alltagskultur, es mag Anfang der 80er Jahre gewesen sein, anzumerken, dass es seiner Zeit voraus sein wollte. (Für uns Heutige klingt schon das Wort „Video“ nach Unschärfe, Aussetzern, unsauberer Wiedergabe und einem klobigen Gerät mit schnell vergilbender Außenhülle. Deshalb waren alle erleichtert, als der Computer Einzug hielt, und man auf etwas schärferen Monitoren weiterspielen konnte.) Zugleich erzählten diese Spiele am liebsten von der Zukunft, handelten von tollen Sachen, die noch gar nicht erfunden und Welten, die noch nicht entdeckt waren. Technisch nicht ausgereift zu sein, war eine Selbstverständlichkeit, über die Macher und Spielende einvernehmlich hinwegsahen.
Diese Bescheidenheit ist längst verschwunden, doch das Videospiel bleibt ein endoplasmatisches Medium, bei dem Form und Inhalt (Botschaft und Medium) in besonderer Weise miteinander verknüpft sind. Jedes Videospiel, das ein gewisses Alter erreicht, besteht aus Versionen, die die jeweils vorangegangenen verdrängen, und mit dem immer schnelleren technischen Fortschritt verschwinden all die fehlerhaften, überholten Varianten im Nichts. Da auch die zuständigen Geräte unentwegt abgeschafft und neu erfunden werden, lassen sich die verworfenen Bilder auch von interessierten Nostalgikern kaum wieder herstellen.
Ein Beispiel dafür sind die herabrieselnden Mammuts im Spiel „Elder Scrolls V: Skyrim“, sie haben es zu interner Popularität gebracht. Diese Mammuts sind längst ausgebessert (sprich: wegretuschiert) worden, und hätte sie nicht jemand vom Bildschirm abgefilmt, gäbe es nicht einmal unscharfe VHS-Bilder von ihnen.
Das Bewahren solcher Kinderkrankheiten der digitalen Kreativität hat eine seriöse Zunft hervorgebracht: die Videospiel-Archäologie.

Wie ich höre, ist die Computerspiel-Branche darauf bedacht, solche historischen Zeugnisse (etwa ihre Präsentation auf YouTube) zu verhindern oder auszumerzen. Parallel dazu werden den „Glitches“, also den Dokumenten des Fehlerhaften und technisch Unvollkommenen, erste Ausstellungen gewidmet. Die Glitches sind das, was ein Computerspiel einbüßt, wenn ein Update herauskommt. Die Screenshots solcher Momente sind nun Bilder einer Ausstellung Glitch-Art.

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… gerade auch in Berlin …

In der Sendereihe „Denk ich an Deutschland“ erzählte der Berliner Comickünstler und Comedian Fil („Didi & Stulle“) dem Deutschlandfunk folgendes: „Eine Zeitlang habe ich immer versucht, die deutsche Mentalität zu verteidigen – gegenüber meiner Freundin. Sie ist Spanierin und lebt hier seit 15 Jahren. Sie weist immer darauf hin, dass die Araber und Türken freundlicher wären. Wenn sie mit einem arabischen oder türkischen Taxifahrer fährt, dann fragt der: wie geht’s, wo kommst du her, hast du Familie …? Wenn sie mit’m deutschen Taxifahrer fährt, dann ist der wunderlich und monologisiert irgendwelchen Wahnsinn vor sich hin. Nachdem ich so lange mit ihr zusammen bin, sehe ich das auch mit ihren Augen. Und es stimmt: Wir sind ein Volk von Irren! Ich bin mit dem Taxi hierhergefahren. Der Taxifahrer redet nicht mit mir, ist sauer auf mich – aus irgendeinem Grund, ich hab ihm nichts getan. Jeder Typ, den du irgendwas fragst, gerade in Berlin, hat’n Problem, irgendwas ist los. Die Leute rennen rum mit ihrer Psychose im Gesicht. Andere Leute sind so viel netter (außer die Franzosen). Ich finde, die Deutschen sind wunderlich. Und diese angeblichen Tugenden, Fleiß und Gründlichkeit – ich seh‘ das überhaupt nicht. Ich seh nur Psychopathen. Ich seh Leute, die vor sich hinmurmeln.“

Die Details die Fil schildert, stimmen exakt, aber er spricht von Berlin, wenn er an Deutschland denkt. In Berlin – und auch im Zentrum von Frankfurt – habe ich exakt den von ihm beschriebenen Eindruck. Aber im Rest des Landes verteilen sich all diese üblen Eigenschaften, verbergen sich hinter Hemmungen und Ängstlichkeiten (was sie nicht besser macht), und hie und da verdünnisieren sie sich sogar. Wann immer mich Freunde aus Berlin besuchen (im Hamburger Bahnhofsviertel!) erzählen sie mir als erstes, wie viel netter hier alle sind.

In einem Punkt, der von den meisten Deutschen geteilt wird, muss ich Fil allerdings zumindest relativierend entgegenlaufen. Die Idee, die Schönen Künste in E und U unterteilen, gibt es auch anderswo – sogar in den USA, die uns als erstes einfallen, wenn wir das lockerstmögliche Gegenteil zu uns selbst aufrufen möchten. Das Schicksal der Operndiva Helen Traubel (auch nach heutiger Einschätzung eine der wichtigsten Wagner-Sängerinnen des 20. Jahrhunderts) ist ein schönes Beispiel dafür. Um ihrem mutterwitzigen Naturell die Sporen  zu geben, trat sie mit dem Komiker Jimmy Durante im Rundfunk auf (in einer ausdrücklichen Unterhaltungssendung) und machte auch in Musical und Operette. Rudolph Bing, der Manager der Metropolitan Opera, fand das so geschmacklos, dass er ihren Vertrag nicht verlängerte.

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Werner Grassmann und das ABATON

betr.: Zum Tode von Werner Grassmann

Felix Grassmann, heute Chef des Hamburger Programmkinos “Abaton”, hat mir gestattet, die Trauerrede für seinen Vater Werner Grassmann, dem Gründer des Kinos, hier festzuhalten. Ich habe sie mit dem Editorial des Abaton-Programmheftes vom September 2023 zusammengefügt.

Mein Vater, 1926 geboren, gehörte einer Generation an, die gerade noch in den Zweiten Weltkrieg ziehen musste. Er wurde mit 17 Jahren an die Ostfront geschickt, als der Krieg schon längst verloren war. Auf die Frage meines Sohnes, wie das im Krieg eigentlich so sei, hat er geantwortet: „Stell Dir vor, Du hast nichts zu essen und musst bei Schnee nachts raus in den Park, nur bekleidet mit einem Hemd.“ Über die Todesangst hat er nicht gesprochen, die denkt sich jedes Kind dazu, wenn es nachts allein in den Park gehen soll.
Diese Erfahrungen haben ihn nicht gelähmt, er war ein unglaublich tatkräftiger und unternehmungslustiger Mensch, geprägt von unverwüstlichem Optimismus. Niederlagen, Rückschläge oder die gelegentlichen Besuche des Gerichtsvollziehers in den 70er Jahren konnten ihn nicht entmutigen. Dabei war er kein Egoist, sondern ein sehr mitfühlender, gutmütiger und zurückhaltender Mensch. Enorm großzügig und mit einem feinen Humor ausgestattet.

Nach Ende des Krieges gelang ihm relativ bald die Flucht aus der Kriegsgefangenschaft, und er kehrte nach Hamburg zurück. Dort konnte er bei seinem Vater arbeiten, der Prokurist in einem Verlag war. Dieser Verlag brachte eine Publikation heraus, deren Sinn ich bis heute nicht verstanden habe. Dort wurden alle Waren aufgelistet, die im Hafen ankamen oder ihn verließen. Mein Vater sollte für diese Publikation Werbekunden besorgen. Er nutzte diese Kontakte, um 1953 seinen ersten Film zu finanzieren: „Ware unterwegs“, ein Dokumentarfilm über den Hamburger Hafen, versehen mit einem ironischen Kommentar des damals recht berühmten Kabarettisten Werner Finck.
Es folgten bis Ende der sechziger Jahre mehr als 35 Filme, die mein Vater für das gerade entstehende Fernsehen produzierte und die Regie führte. Ich kann nur über das damalige Tempo staunen. Aber jede Zeit hat ihren Rhythmus und ihre Geschwindigkeit. Denn im selben Jahr, in dem mein Vater als Anfänger und Autodidakt seinen ersten Film drehte, hat er auch sein erstes Kino eröffnet.

Das “Studio 1” war mit seinen 25 Plätzen das kleinste Kino Hamburgs, aber vermutlich mit dem besten Programm, schon damals.* Drei Jahre später war Schluss. Die Behörden hatten entdeckt, dass das Kino keine getrennten Toiletten für Damen und Herren anbieten konnte, und es geschlossen. Die Zeit war noch nicht reif für das Konzept von Unisex-WCs (und Programmkinos).
1967 findet in den Räumen der Filmproduktion meines Vaters „Studio 1“ das erste „Film-In“ statt: 72 Stunden experimentelle Filme non stop. Sein Produktionsbüro in der Brüderstraße 17 wird zum Kristallisationspunkt für die Filmemacher der „Hamburger Film-Coop“, deren Gründungsmitglied er war. Diese Film-Coop war ein Zusammenschluss von Filmemacherinnen und Filmemachern, die Andere Filme wollten.

In seiner Trauerrede hat Johann Claussen eine wichtige Qualität meines Vaters hervorgehoben: Er hätte erkannt, dass es nicht ausreicht Ideen zu haben, es braucht Institutionen, um diese Ideen durchzusetzen und ihnen Raum zu verschaffen. Mein Vater hatte in seinem Büro einen Kanonenofen. Das war sein Beitrag. Da war es schön warm, da konnte man sich treffen. Wer weiß, was aus der Hamburger Film Coop ohne diesen Kanonenofen geworden wäre? Manchmal ist es eben ein Kanonenofen, der am Anfang einer Institution steht. Auch das Abaton wurde eine Institution.

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Patient von Dr. Freud, Mentor von Dr. Frankenstein, Kollege von Dr. Boerne

Zum Tode von David McCallum

Die Gäste schlecht vorbereiteter Interviews werden gerne mit langen klebrigen Aufzählungen begrüßt, so nach dem Schema: „Frau Knef – Sie sind Sängerin, Schauspielerin, Malerin, Dichterin, Schriftstellerin, Tropenforscherin, Krokodilzüchterin, Kopfgeldjägerin … – Wie schaffen Sie das eigentlich alles?“ Ich schäme mich dann immer ein bißchen fremd – so als hätte sich hier jemand selber gelobt.
Werner Schneyder ist in meiner Erinnerung der einzige, der einer solchen Einführung mit dem Hinweis entgegentrat, letztlich hingen ja all die gesagten Dinge miteinander zusammen und wären gar nicht so viele wie sie sich anhören.

Nun lese ich in den ersten Online-Meldungen vom Tode des Schauspielers David McCallum ein Statement seines Sohnes Peter, das in diese Richtung geht. Sein Vater sei „von Wissenschaft und von Kultur begeistert gewesen. Er konnte sowohl ein Orchester dirigieren, als auch eine Autopsie vornehmen, dank seiner jahrzehntelangen Studien“ für die Rolle des  Gerichtsmediziners Donald „Ducky“ Mallard in der seit 2003 laufenden Krimiserie „Navy CIS“.
Ich habe die Serie nie gesehen, dennoch hat David McCallum einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Er war her heimliche Held (also der wichtigste männliche Nebendarsteller) im Adventsvierteiler meines 12. Lebensjahres „Die Abenteuer des David Balfour“ (sowas verbindet, besonders wenn Peter Fricke die Rolle synchronisiert) und trat bald darauf – gerade so, als hätte er meine geheimsten Wünsche erfüllen wollen – in einem herrlich schrägen „Frankenstein“-Zweiteiler auf.* Da war er längst ein Star für mich, denn er hatte kurz davor in der Titelrolle der kurzlebigen Reihe „Der Unsichtbare“ große Selbstironie bewiesen. Ich schnappte am Rande auf, er habe außerdem in „Solo für O.N.C.E.L.“ (wiederum im Fernsehen, aber nicht auf unserem Bildschirm) mit Leo G. Carroll und Robert Vaughn ein Team gebildet. Dass David McCallum auch Musiker war, wusste sich seit seiner Version des „Batman“-Themas von Neal Hefti (als Erkennungsmelodie der SR-Sendereihe „Bundfunk“) …
All das ist natürlich kompletter Kleinkram und längst vom Winde verweht, ebenso wie die wenigen Filmauftritte des Schauspielers – etwa als Patient von Montgomery Clift in „Freud“ (1961) oder als Bösewicht in „Hear My Song“ -, aber da war es schon passiert: ich hatte diesen gar nicht mal gutaussehenden, aber unendlich liebenswerten Kerl mit der Handpuppenfrisur längst ins Herz geschlossen.
Und ich freute mich all die Jahre, dass er immer noch da war und mitmischte, z.B. bei „Navy CIS“. Dass uns ein so vielseitiger Künstler ausgerechnet auf dem Gipfel des Facharbeitermangels verlässt, hätte sich auch die Drehbuch-KI nicht schöner ausdenken können.

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* Der ST. GEORGE HERALD berichtete: https://blog.montyarnold.com/2015/04/17/kein-monster-wie-alle-anderen/

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Deadnaming in der Bonner Republik

betr.: Retro-Humorkritik, Teil 3

Nur ganz wenige Helden der US-amerikanischen Popkultur dürfen heute noch deutsch umgetauft werden. Dass sich Namen wie „Onkel Dagobert“ und „Daniel Düsentrieb“ unter einem so wachsamen Logo wie Disney bis heute erhalten haben, liegt an dem über 70jährigen Erfolg, der sie begleitet und ihnen rechtgibt. Spätere Eindeutschungen von erfundenen Eigennamen sind entweder unterbunden oder nachträglich wieder einkassiert worden. Die Marvel-Helden heißen heute wieder so wie sie ursprünglich geheißen haben: „Der Eiserne“ wieder „Iron Man“, „Die Spinne“ wieder „Spider-Man“, „Die ruhmreichen Rächer“ wieder „The Avengers“ …
Der letzte halbwegs prominente Cartooncharakter, der einen deutschen Rufnamen bekommen und behalten hat, könnte 2002 der muffige Tintenfisch Thaddäus Q. Tentakel gewesen sein (bürgerlich Squidward Quentin Tentacles), leidgeprüfter Nachbar von „Spongebob Schwammkopf“.

Im Jahre 1954 trat in der US-Filmklamotte „Artists And Models“ ein geldgieriger Verleger namens Murdock auf, der in der Synchronfassung wegen seiner blutrünstigen Inhalte „Mr. Mordgans“ genannt wurde. Abgesehen davon, dass man so etwas heute nicht mehr machen würde, wäre es auch gar nicht notwendig. Der reale Medienmogul Rupert Murdoch (gleiche Aussprache) wäre als Gegenstand dieser Anspielung weitaus treffender als das tutige Wortspiel der 50er Jahre. Zumindest im Augenblick. Murdoch (92) hat soeben seinen Rückzug als Chef von Fox Corp. und News Corp. bekanntgegeben.

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Die große Unschuld

Für politisch Verantwortliche gehört es sich so, in Talkshows und Interviews mit Nachrichtenmagazinen darauf hinzuweisen, dass die Wähler der NSAfD nicht automatisch Nazis seien. Ein jeder Talker beeilt sich, das auch ungefragt zu betonen. Und es klingt dann immer ein bisschen so, als seien sie allesamt keine Nazis, als schlösse es sich geradezu aus, ein Wähler dieser Partei und gleichzeitig ein rechtsradikaler Idiot zu sein.
Sogar Altbundespräsident Joachim Gauck, den ich insgesamt für gescheit und besonnen halte und der – anders als die meisten dieser Betoner und eiligen Ausschließer – gar nicht wiedergewählt werden kann, mischt bei diesem Getue ganz vorne mit.
Dabei ist es relativ wurscht, ob diese Wähler Nazis sind oder nicht. Auch ihre Ausreden sind streng genommen wurscht (irgendeinen Frust schiebt schließlich jeder).  Entscheidend ist, wen sie wählen würden und dass sie es tatsächlich tun. Denn auf diese Weise versetzen sie die Feinde der Demokratie in die Lage, die Abschaffung der Demokratie zu betreiben. Es ist ja nicht so, dass uns das nicht bereits auf deutschem Boden vorgemacht wurde und seither in aller Welt immer wieder mit all seinen Konsequenzen präsentiert wird.

Was haltet ihr davon, Freunde? Wer die NSAfD nicht mag und / oder das in Kameras und Mikrofone hinein behaupten will, der könnte doch einfach mal damit aufhören, die Wähler der Rechtsradikalen zu verharmlosen. Ohne Wähler sind Nazis zwar ekelhaft und peinlich, aber noch nicht zwingend gefährlich. Jedenfalls nicht für die Demokratie an sich.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Torte trifft Bull’s Eye

betr.: Retro-Humorkritik, Teil 2

Letzte Woche hörte ich im Radio das „Abendlied“ von Hanns Dieter Hüsch in einer Coverversion. Hüsch hat die Nummer in den 70er Jahren geschrieben, als seine gesellschaftspolitisch radikalsubversivste Phase langsam zuendeging. In den letzten Jahren seiner Karriere wurde dieser Titel zur rituellen Gutenachtnummer (ursprünglich war er im Laufe des Programms erklungen).
Ich werde mich hüten, hier aus dem Text zu zitieren, denn im reinen Schriftbild ist er praktisch unverständlich. Die Aufzählung der possierlichen Tierchen (einige größere haben sich daruntergemischt), die hier traulich den Weg in die Heia antreten, ist in Hüschs eigener Interpretation ironisch gebrochen, ohne die Idee zu verraten, dass die heile Welt vielleicht gar kein schlechter Ort wäre, wenn es sie denn gäbe. Hanns Dieter Hüsch größtes Talent ist hier en miniature zu bestaunen: die Präzision, mit der er das Gewünschte haargenau trifft, ohne dass es zwingend zu „Enthauptungen“ (ein Programmtitel von 1970) kommt. Hüsch beherrschte wie kein anderer das Prinzip der Sahnetorte, die dem Getroffenen bei maximaler Demütigung körperliche Unversehrtheit garantiert (- als Kommentator solcher Filmszenen hatte er zeitweise ein großes TV-Publikum).
Im Radio wurde das „Abendlied“ nun – sehr gut- und ernstgemeint – von Blumfeld vorgetragen.
Seien Sie bloß froh, dass Sie das verpasst haben!

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