Das Duo infernale des zeitlosen Horrors

betr.: 178. Geburtstag von Bram Stoker

In seinem aktuellen „Spiegel“-Artikel „Monster wie wir“* schreibt Andreas Bernard viel Allgemeingültiges zur popkulturellen Bedeutung Bram Stokers, dessen großem Romanhelden sowie dem Parallelphänomen Mary Shelley / „Frankenstein oder Der Moderne Prometheus“: ein aufbewahrenswertes Doppelportrait:

Dracula und Frankensteins Monster tauchten in der Geschichte des Kinos immer wieder als Doppelpack auf. 1931 produzierte Hollywood innerhalb weniger Monate die beiden für die populäre Kultur des 20. Jahrhunderts maßgeblichen Verfilmungen der Romane mit Bela Lugosi als Vampir und Boris Karloff als Laborgeschöpf. 1992 und 1994 erschienen kurz nacheinander die Adaptionen von Francis Ford Coppola und Kenneth Branagh, die ihre Werktreue nach Jahrzehnten der immer freieren Varianten übereinstimmend im Titel trugen: „Bram Stoker’s Dracula“ und „Mary Shelley’s Frankenstein“.

Davor und danach gibt es diverse weitere Beispiele, etwa die vielen parodistischen und paraphrasierenden Kinoklamotten, in denen beide zusammen auftreten.

Warum sind Shelleys und Stokers Geschichten, deren ursprüngliche Publikation weit auseinanderliegt (1818 und 1897), zu einem ikonischen Zwillingspaar des Grauens geworden? Der Vampir und die künstliche Kreatur: Über diese beiden Figuren, die auf der unheimlichen Schwelle zwischen Tod und Leben stehen, scheint jede Epoche ihre dringlichsten Fragen nach der Verfassung und den Grenzen des Menschlichen zu stellen, (…) verhandelt eine Kultur ihre Wünsche und Ängste. Gleichzeitig eignen sich die beiden Geschöpfe offenbar besonders gut dafür, die neuesten medialen Verdopplungen der Welt zu erproben.
Bram Stokers Roman von 1897 ist bereits selbst ein von modernen Kommunikationsgeräten durchzogenes Buch. Apparate wie Telegraphen, Schreibmaschinen und Phonographen spielen bei der Jagd nach dem Vampir eine zentrale Rolle, was den Medientheoretiker Friedrich Kittler in den Achtzigerjahren zu der Hypothese führte, in „Dracula“ gehe es nur am Rande um Sex und Tod – und in erster Linie um Fragen der Datenverarbeitung. Für das junge Kino waren die „Dracula“- und „Frankenstein“-Verfilmungen ein wichtiges Experimentierfeld. Die beiden Adaptionen von 1931 gelten als Meilensteine der Make-up- und Special-Effects-Künste in Hollywood und hatten zudem einen bedeutenden Anteil an der Etablierung des Tonfilms.

Beide Stoffe bieten sich immer wieder an, um unsere zeitgeschichtlichen Schubladen zu beschriften.  

Vor allem das Wort „Frankenstein“ (von dem wahrscheinlich jeder einmal gedacht hat, dass es der Name des Monsters sei und nicht der des Schöpfers) kam bis vor kurzer Zeit etwa dann zum Einsatz, wenn es um Debatten über die bedrohlichen Grenzen des Humanen ging.

Was beide Charaktere heute kulturell so unwiderstehlich macht, ist neben ihrer Popularität und Gemeinfreiheit, dass wir in einer Zeit leben, in der jedes Produkt des kommerziellen Mainstreams darauf versessen ist, sittliche und emotionale Tiefe zu behaupten. „Trauma Plots“ gehören zur selbstverordneten Grundausstattung des Blockbuster-Kinos. Immer ausgiebiger wird das bewegte Innenleben der Figuren in Analysen und Vorgeschichten ausgebreitet. Beim Monster, dem Inbegriff der gepeinigten Kreatur, die erst aus einer Gegenwehr heraus Böses tut, gab es diese Zwischentöne schon 1931 und sehr eindrucksvoll im Zweiteiler „Frankenstein wie er wirklich war“ von 1973*, bei Dracula kamen sie um die selbe Zeit in der Adaption durch die Marvel-Comics zum Vorschein – dezente Vorahnungen der aufdringlichen Psycho-Analysen heutiger Drehbücher. Fazit:

Auch der Vampir und das Monster (…) sind empfindsam und menschlich, müssen sich mit ihren inneren Konflikten auseinandersetzen. Der Sog des Therapeutischen, der die Kultur des 21. Jahrhunderts bestimmt, hat auch ihre letzten Widersacher erfasst.
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* Nr. 47/2025

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„Ich bin in dich gefahren!“

betr.: die Premiere von „Walter Bockmayer. Der andere Millowitsch“ in Köln

Eine würdigende Theatercollage über Walter Bockmayer ist a priori eine erfreuliche Sache. Schon deshalb, weil es ausnahmsweise nicht um Berlin geht. Und weil ein Erinnern an diese volkstümliche Kölner Subkultur-Ikone tatsächlich bedeutet, jemanden dem Vergessen zu entreißen. Häufig sind solche „Würdigungen“ ja nur ein Abmelken der ohnehin vitalen Fanmassen (Beispiel, die Graphic Novel, die gerade zum 100. von Hildegard Knef herauskam…). Außerdem lohnt es sich hier ganz besonders, denn Bockmayer war und blieb bis zuletzt ein Original, das diese Bezeichnung verdient. Das betrifft sogar seine Art zu sprechen, eine unwiederholbare Mischung aus seinem Heimatdialekt (Pirmasenser Pfälzisch) und Kölsch, seiner tiefen, aber femininen Stimme und seinem ganz eigenen beiläufigen Sprachwitz. Genau dieser Unwiederholbarkeit wird durch die abendfüllende Parodie Daniel Breitfelders Rechnung getragen, die eine erstaunliche Balance zwischen der gebotenen Knalligkeit und einer dezenten Anlehnung an den Sound der „Wally“ bewahrt (etwa deren Unfähigkeit bzw. Unwillen, die Konsonanten L, N und D sauber auseinanderzuhalten).

Die junge Wally (Johannes Brüssau), Rolf Bührmann (Sebastian Kreyer) und Wally himself (Daniel Breitfelder ohne Perücke) in einem Stück, das nichts mit Millowitsch zu tun hat – und nur sehr wenig mit Fassbinder (na gottseidank!) – Foto: Oliver Strömer / Theater der Keller

Dieser Abend ist – wie gesagt – bereits unbesehen eine gute Tat! Doch was taugt er nun als Ereignis, was nützt er uns? Da ich das Glück hatte, Walter Bockmayer frühzeitig persönlich kennenzulernen (im Rahmen einer Würdigung seines Filmschaffens beim Saarbrücker „Max Ophüls Festival“ irgendwann in den 80ern) und in seiner legendären „Filmdose“ unzählige Male meine Soloprogramme gespielt zu haben, bin ich zwangsläufig ein ungnädiger Betrachter. Ein programmierter Mecker-Onkel, der auf Verzauberung ein Anrecht zu haben glaubt. Das Wunder ist geschehen: ich bin begeistert!

Das queere Theaterkollektiv „Produktionsbüro Petra P.“ besteht neben Breitfelder aus Sebastian Kreyer, der u.a. den Bockmayer-Lebensmenschen Rolf Bührmann vertritt, und Johannes Brüssau als variantenreichem Traumknaben. Sie bekennen sich offen dazu, Bockmayers Welt nicht miterlebt zu haben, und nähern sich ihm als Nachgeborene, die umfangreich recherchiert haben müssen. Zum Glück hat der geehrte schwule Underground-Künstler nicht nur die irren Super-8-Filme hinterlassen, die seinen Ruhm begründeten, sondern auch frühzeitig prominente Kooperationspartner wie das ZDF für sich eingenommen, die sein schräges Wirken z.B. mit dem Film „Jane bleibt Jane“ mit der Werbe-Ikone Johanna König („Klementine“) in Sicherheit brachten. Außerdem ist Wally (und uns!) mit ,„Flammende Herzen“ das Glück einer wirklich gut geschriebenen Autobiographie vergönnt. Aus diesem Material können die Kollegen schöpfen – außerdem aus YouTube -, doch sie bleiben wachsam, assoziativ und fleißig. Es gelingt ihnen, in ihrer Folge aus Monologen, Sketchen und Video-Zuspielen tatsächlich, ihren völlig aus der Zeit gefallenen Gegenstand ins Heute zu holen, in die spießigste deutsche Epoche seit dem Biedermeier. Einige Seitenhiebe haben sie auch für den abgelegenen Schauplatz ihrer Uraufführung übrig, das auf der „Schäl Sick“ gelegene „Theater der Keller“, eher ein Ort für die Treffen verschwiegener Geheimbünde als ein Premierentheater für einen Beitrag zur Kölner Stadtfolklore. Der ist Saal ist nicht komplett gefüllt, der Altersquerschnitt aber erfreulich breit.

Der Abend wird ohne Pause gespielt und ist derart unterhaltsam, dass der Schlussgag (wie gewünscht) nach hinten losgeht. In einer trashigen Sterbeszene sitzt Wally dem Wahn auf, das Finale sei lediglich das Ende des ersten Teils. „Einen zweiten Teil überlebe ich nicht!“ ruft sie gequält – und es ist aus mit ihr.

Für die ganz wenigen kritischen Anmerkungen soll auch noch Zeit sein. Neben kleinen Nachlässigkeiten (die Biolek-Parodie läuft eher auf Reich-Ranicki heraus) fällt vor allem der hilflose (Unter-)Titel auf. Mit Millowitsch hat Bockmayer als Kunstschaffender gar nichts gemein (mit Fassbinder*, den er so hündisch abfeierte, übrigens auch nicht). Das ist den Machern sogar bewusst, und sie genieren sich im Laufe der Show ein wenig des aussichtslosen Versuchs, mit dieser Überschrift irgendwen interessieren oder anzulocken zu wollen. Walter Bockmayers Wagemut als schwuler Aktivist zu würdigen, ist angemessen, aber der Versuch, diesen mit den heutigen miesen Zeiten in Relation ist zu setzen, ist überflüssig (das tut im Publikum schon jeder selbst), widerspricht Bockmayers humoristischem Naturell diagonal und geht überdies handwerklich in die Hose. Sebastian Kreyer erspart uns nicht einmal die Zumutung, ausgerechnet an dieser Stelle verschämt vor sich hinzugendern. Das ist klemmpimmelig, wie wir früher gesagt hätten, und von einer vorauseilenden Gefallsucht, die Walter Bockmayer zuwider war. (Schon den botanisierenden Sammelbegriff „queer“ hätte er gehasst.) Sicher wäre ihm etwas sehr Boshaftes zu dieser Szene eingefallen. Und wir hätten uns darüber kaputtgelacht.


„Walter Bockmayer. Der andere Millowitsch“ läuft heute, am Silvesterabend und dann wieder am 28. und 29. Januar um 20 Uhr im „Theater der Keller“ in der TanzFaktur, Siegburger Str. 233w, 50679 Köln-Deutz
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* siehe https://blog.montyarnold.com/2017/07/17/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-33-im-himmel-ist-die-hoelle-los/
** Pressetext:
Walter “Wally” Bockmayer 
Er war der Millowitsch der Subkultur, der Kölsche Fassbinder: Walter  Bockmayer. 1975 eröffnete er im Kwartier Lateng die „Filmdose“ – schnell  erlangte das Lokal, vor allem durch die seit 1984 stattfindenden  Theateraufführungen, die Bockmayer dort inszenierte, Berühmtheit – und  mit ihm damals noch unbekannte Schauspieler*innen: Hella von Sinnen, Dirk Bach, Ralph Morgenstern u.v.m. Bockmayer und seine „Familie“ waren  die Avantgarde der Kölner Queerness und festigten den Ruf Kölns als  schwuler Hauptstadt. Das Produktionsbüro Petra P. erinnert an einen  Künstler und Menschen, dem es selbst viel verdankt. Der in seinen Filmen  und Inszenierungen Trash mit Hochkultur verband – ein Getriebener, ein  Macher, ein mutiger Egomane, dem es egal war, was andere über ihn  dachten. 
WALTER BOCKMAYER. DER ANDERE MILLOWITSCH: ein Stück Zeit-, Stadt- und Theatergeschichte.

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Kultfilm Azubis: Seltsame Bettgenossen

Die RomCom als aktuelle Spielart der uralten Filmgattung „romantische Komödie“ steht heute zunächst im Mittelpunkt. Danach sehen wir uns ein Paar an, das noch härter um seine Liebe kämpfen muss, wenn sie es auch ein paar Jahre früher schaffen.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/harry-und-sally-und-noch-schraegere-paare

A) Harry und Sally / When Harry Met Sally …
Romantische Hollywood-Komödie von 1989

Der leichtlebige Hobby-Philosoph Harry (Billy Crystal) lässt sich als Mitfahrer von Sally (Meg Ryan), der besten Freundin seiner Partnerin, von Chicago nach New York mitnehmen. Die beiden sind auf kritische Weise fasziniert voneinander, verlieren sich aber erst einmal aus den Augen. Als sie sich in längeren Abständen wiedertreffen, erblicken sie im jeweils anderen schließlich eine verwandte Seele. Doch eine sexuelle Beziehung wollen sie nicht riskieren, um ihre Freundschaft nicht zu gefährden.
Ab jetzt wartet das Publikum darauf, was aus Harrys früh verkündeter These wird, nach der Männer und Frauen niemals Freunde sein könnten, weil ihnen der Sex doch immer in die Quere komme. Wie sich herausstellt: sogar der, den man nicht hat …

Rob Reiner, der bald darauf in „Misery“ ein anderes, noch schrägeres Paar in Szene setzen sollte, schuf mit „Harry und Sally“ zweierlei: ein frühes Beispiel für die vor der Jahrtausendwende so beliebte Gattung der romantischen Komödie, das auf der immer längeren Liste der Beiträge erhalten blieb; und natürlich die oft herauskopierte Cafeteria-Szene mit Meg Ryans vorgetäuschtem Orgasmus. Letztere ermunterte Til Schweiger – Deutschlands Verkörperung des Genres – zu dem Hinweis, dies sei die beste schauspielerische Leistung der Filmgeschichte. Vor solchem Lob sollte man „Harry und Sally“ auf jeden Fall in Schutz nehmen. 

B) Haus der Schatten / The Night Digger
Englisches Thrillerdrama von 1971

Die verhärmte Maura Prince lebt mit ihrer blinden, tyrannischen Adoptivmutter in einem verfallenden Landsitz in der englischen Provinz. Als Mutter gegen ihren Willen den jungen Vagabunden Billy als Gärtner einstellt, macht der sich schnell im Haushalt unentbehrlich. Bald entwickelt sich eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen Maura und Billy, die in eine Romanze übergeht. Gemeinsam wollen die beiden ausbrechen: sie aus ihrem tristen Dasein zwischen Kirchengemeinde, Arbeit im Krankenhaus und der Ausbeutung durch ihre Mutter, er aus dem Sog eines noch weitaus dunkleren Geheimnisses …

In keinem Drehbuch, das der Kinderbuch- und Kurzgeschichtenmeister Roald Dahl verfasst hat, ist sein schräger schwarzer Humor so lebendig wie in dieser Adaption einer Erzählung von Joy Cowley. Und nur hier erleben wir seine Spezialität im bewegten Bild: den Zuschauer in einem maximal empfindlichen Moment alleinzulassen. Dahls Ehefrau Patricia Neal und der theatererfahrene Jungschauspieler Nicholas Clay liefern eine berührende Darstellung, die bestens mit den skurrilen britischen Kleinbürgerchargen interagiert, die sie umgeben.  

Nächste Woche: Breakfast Club – Der Frühstücksclub und Zu heiß gebadet

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Nicht mal sexy, dieser Bösewicht

betr.: 50. Todestag von Hannah Arendt

Die Formulierung von der „Banalität des Bösen“ ist einer jener Aussprüche, die es aus einer vereinzelten Situation heraus in den geflügelten Wortschatz geschafft haben. In diesem Fall erinnern sich ungewöhnlicherweise sogar viele an Urheberin und Anlass: als 1961 dem in Argentinien aufgespürten Kriegsverbrecher Adolf Eichmann in Israel der Prozess gemacht wurde – aufgezeichnet und in alle interessierte Welt übertragen -, schrieb die Holocaust-Überlebende Hannah Arendt: „An diesem Prozess teilzunehmen ist irgendwie, so meine ich, eine Verpflichtung, die ich meiner Vergangenheit gegenüber habe“. Die Redewendung ist der Untertitel ihres Buches „Eichmann in Jerusalem“.

Zu Arendts Verblüffung erwies sich der wichtigste Organisator der Ermordung der Juden nicht als Ungeheuer, sondern war blass und spießig, seine Selbstverteidigung alles andere als eloquent.  Dass sie in diesem Zusammenhang von der „Banalität des Bösen“ sprach, wurde scharf kritisiert. Im Rahmen des regelrechten Kesseltreibens, das nun seinen Lauf nahm, wurde ihr als Jüdin auch mangelnde Liebe zum jüdischen Volk unterstellt. 1963 schrieb sie dazu an den Religionshistoriker Gershom Scholem:
„Erstens habe ich nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv ,geliebt‘, weder das deutsche noch das französische, noch das amerikanische, noch etwa die Arbeiterklasse oder was es sonst so noch gibt. Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig. Zweitens wäre mir aber diese Liebe zu den Juden, da ich selbst jüdisch bin, suspekt. Ich liebe nicht mich selbst und nicht dasjenige, wovon ich weiß, dass es irgendwie zu meiner Substanz gehört.“

Die Nachwelt hat Hannah Arendt recht gegeben, indem sie ihr Urteil über Eichmann heute als keineswegs schmeichelhafte Umschreibung weiternutzt. Das Böse muss nicht malerisch oder sexy sein, kein schillerndes Monster, wie wir es in der Literatur oder in der Popkultur so lieben. Das Fehlen solcher Attribute ermöglicht ihm ein unso ungestörteres Wirken. Die meisten Täter des NS-Regimes mussten nicht einmal nach Südamerika flüchten, sie konnten in Deutschland und Österreich sogar ihre Karrieren bruchlos fortsetzen. Unter Klarnamen.

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Meine Pantherstunden

betr.: 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke (morgen) / „Der Panther“

Immer wieder höre ich aus Kennerkreisen, Rilkes „Panther“ zu lieben, sei eher eine oberflächliche Wahl, jedenfalls innerhalb seines Werkes.
Ich habe dieses kurze Gedicht nicht als Schullektüre kennengelernt, sondern eher zufällig, erst in der Berufsschule, wo ich mit meiner Technologieklasse eine stillgelegte Druckerei besichtigte. Der Siegeszug des Offsetdrucks hatte diesen Laden überrollt, und so liefen wir zwischen verlassenen Setzkästen umher und atmeten ein letztes Mal das Aroma des Hochdrucks.
An einer Säule hing, vermutlich zu Übungszwecken für den jungen Schriftsetzer, ein vergilbtes Zettelchen, auf dem der „Panther“ mit Schreibmaschine getippt war. Ich war so verzaubert davon, dass ich diese drei Vierzeiler sogleich auswendig konnte. Trotzdem nahm ich den Zettel mit.

Jahre später lernte ich auf einer Dienstfahrt nach München einen jungen Mann kennen, der versuchte, sich als Künstler selbst zu erfinden. Seine zeichnerischen Ambitionen investierte er u. a. in ein aufwändiges Tattoo. Als er einige Zeit später unter dem Namen Logan McCree als schwuler Pornostar Karriere machte, dauerte es nicht lange, bis sich – diesseits und jenseits dieses Segments – viele seiner Fans ähnlich tätowieren ließen.
Irgendwann dazwischen hat er mich einmal in Hamburg besucht und mir die obige Zeichnung geschenkt, nachdem ich ihm meine kleine Panther-Geschichte erzählt hatte.

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Nun filmt er wieder, gottseidank …

Woody Allen zum 90. Geburtstag

Auf meine Fantasie lasse ich nichts kommen. Wenn also ein Schuft ist, wer Schlechtes denkt, muss das unseren gottlosen Zeiten liegen.
Beim Anblick dieses in der Mitte gefalteten Feuilletons habe ich tatsächlich einen Schreck gekriegt – und erst einen Augenblick später begriffen bzw. erinnert, dass die zum Bild gehörende Artikelüberschrift unter demselben steht, nicht links daneben, und ich dazu die Zeitung auseinanderfalten muss.
Der F.A.Z.-Artikel ist fair und erfreulich (im Gegensatz zum einschlägigen NDR-Musikfeature) und bringt mir z.B. die Information, dass Woody noch immer filmt. Diese Neuigkeit ist für mich ein wie kühler Lufthauch am Jüngsten Tag.

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Narren und ihre Wärter

Hörspieltipp zum Tode von Tom Stoppard

But soon a wonder came to light,
That showed the rogues they lied:
The man recovered of the bite,
The dog it was that died.

.          Oliver Goldsmith,  „An Elegy on the Death of a Mad Dog“

Tom Stoppard gehört zu den meistgespielten zeitgenössischen Theaterautoren und ist mit dem Drehbuch für „Shakespeare in Love“ auch für die noch größere Gruppe der Filmbegeisterten gut zu fassen. Ich habe zuletzt über ihn gestaunt, als der SRF unlängst sein Jubiläum „100 Jahre Schweizer Hörspiel“ feierte, was auch im Netz gut nachzuverfolgen war und ist.

Da lief Stoppards Originalhörspiel-Oldie „Es war der Hund, der starb“ von 1983, eine Parodie auf die Spionage-Romane seines Landsmannes John Le Carré und dessen Held „Smiley“. Es geht um Purvis, einen alten Spion, der einen kompromittierenden Brief schreibt, bevor er seinen Selbstmord verpfuscht. Sein Kollege Blair, soll ihn am Krankenbett und später in der Klapse verhören, um herauszubekommen, was dieser schräge Typ eigentlich weiß und was er möglicherweise noch alles vorhatte.
Abgesehen von wenigen Misslichkeiten ist diese Produktion bemerkenswert flott und wird mit einem präzisen Comedy-Timing angeliefert, wie es (Klischee hin oder her) im Schweizer Hörspiel nicht üblich ist. Herausragend: Wolfgang Reichmann als Blair – schwer geprüft von dem Unsinn, den der überlebende Purvis so redet, fehlbesetzt wie immer: besagter Purvis Hans Helmut Dickow (ein Liebling der SRF-Hörspielredakteure), dem man seine ausgestellt gute Laune wie gewöhnlich einfach nicht abnehmen will. Auch die Esels-Leidenschaft von Mrs. Blair ist etwas zu absurd. Damit ist das Sündenregister aber auch erschöpft. Hans Hausmann leitet ein Ensemble zum Küssen, das bei Blairs Ankunft in der Klinik zu besonderer Hochform aufläuft (mit Hein Bender-Plück als „Commodore“ und Hanna Burgwitz als irre Oberschwester). Der Wortwitz (Übersetzung: Hilde Spiel) sprüht, dass man am Ende gleich wieder von vorn anfangen möchte.
Der SDR produzierte im selben Jahr eine Fassung von „The Dog It Was That Died“ mit Horst Bollmann und Lukas Ammann als Purvis und Blair.

https://www.srf.ch/audio/krimi/es-war-der-hund-der-starb-von-tom-stoppard-gespraech?id=AUDI20251016_NR_0091

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Kultfilm Azubis: Und ewig schleichen die Erben

Die heutige Folge unseres Podcasts spannt den Bogen vom alten Hollywood in die Swinging Sixties:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/frau-ohne-gewissen-und-andere-erbschleicher

Frau ohne Gewissen / Double Idemnity
US-Kriminaldrama von 1944

Mit kühler Raffinesse wickelt Phyllis Dietrichson den braven Versicherungsmakler Walter Neff um den Finger, um ihren Mann erst zu versichern und dann um die Ecke zu bringen. Die beiden schaffen es sogar, einen Unfall vorzutäuschen, was die Prämie verdoppelt. Doch als Walters Freund und Kollege Barton Keyes ihnen auf die Schliche zu kommen droht, beginnt das perfekte Team auseinanderzubrechen …

James M. Cains Buchvorlage wurde innerhalb weniger Jahre in Hollywood zweimal prominent verfilmt. Es war die Version des eigentlich auf Komödien spezialisierten Billy Wilder, die nicht nur besser funktionierte, sie gilt heute als archetypisches Beispiel für den klassischen Film Noir. Es duellieren sich: Barbara Stanwyck, Fred MacMurray und Edward G. Robinson.

Die Strohpuppe / Woman Of Straw
Britischer Thriller von 1963

Der Millionär Charles Richmond tyrannisiert seine Mitwelt vom Rollstuhl aus: er quält seine schwarzen Bediensteten, die er schlechter behandelt als seine Hunde, und demütigt seinen Neffen Anthony, einen bei ihm angestellten Lebemann, dessen Vater er in den Selbstmord getrieben hat, um sich die Mutter zu angeln. Nun ist auch sie nicht mehr am Leben, und Anthony sinnt auf Rache. Er engagiert die ahnungslose Italienerin Maria, um sie für sein Komplott zu benutzen …

Die James-Bond-Produzenten verbaten Sean Connery, pro Jahr mehr als einen weiteren Film zu drehen, was seinen Hass auf die 007-Rolle schürte und ihn von Anfang an zu einer vielseitigen Rollenwahl antrieb. Basil Dearden ließ ihn an der Seite von Gina Lollobrigida und dem Altstar Ralph Richardson seine bis zuletzt fieseste Rolle verkörpern.

Nächste Woche: Harry und Sally und Haus der Schatten

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Zwei neue „Familienfilme“ – Die aktuelle Kritik

ANEMONE
Familien- und Polit-Drama von Ronan Day-Lewis

Die aktuelle Kritik im Odcast

Jem Stoker (Sean Bean) will nach langer Zeit endlich seinen Bruder Ray (Daniel Day-Lewis) wiedersehen, der in absoluter Abgeschiedenheit in den Wäldern lebt. Ray ist nach überaus traumatischen Erfahrungen in der Irisch-Republikanischen Armee desertiert und hat mit der Welt gebrochen. Von heute auf morgen ließ er seine Frau Nessa und den gemeinsamen Sohn Brian zurück. Jem hat sich schließlich um die beiden gekümmert und musste mit ansehen, wie auch Brian zum Militär eingezogen wurde und dort mit seinen eigenen Dämonen ringt. In Rays Hütte liefern sich Jem und Ray ein Psycho-Duell, ohne sich zunächst recht im Klaren darüber zu sein, wie sie sich dessen Ausgang eigentlich wünschen.

Daniel Day-Lewis gilt seit den frühen Tagen seiner Karriere, spätestens aber seit dem Oscar für „Mein linker Fuß“ von 1989, als einer der besten Filmschauspieler der Welt. Er macht sich auf der Leinwand so rar, dass bereits sein schieres Auftauchen auf derselben wie eine Marienerscheinung gefeiert wird. Mit diesem Glanz will er nun auch seinen Sohn Ronan bestrahlen, der ihm dieses Drama als Mitautor und Regie-Debütant auf den Leib geschneidert hat.

Wir stellen uns die Frage: Was taugt der Film?

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/anemone-aktuelle-kritik


Außerdem heute als Kurzkritik im Podcast:

ROOFMAN – Der Hochstapler
Komödie von Derek Cianfrance

Der ehemalige Army Ranger Jeffrey Manchester (Channing Tatum), hält sich mit Überfällen auf Fast-Food-Restaurants über Wasser, seit er bemerkt hat, dass die Lokale von McDonalds baugleich sind und sich ihre Sicherheitsvorrichtungen alle auf die selbe Art umgehen lassen.
Zugang verschafft er sich übers Dach, was ihm den Spitznamen „Roofman“ einbringt. Als er nach mehr als 40 erfolgreichen Einbrüchen gefasst wird, gelingt ihm der Ausbruch aus dem Gefängnis – nicht zuletzt, weil er das Wachpersonal mit der gleichen harmlos-liebenswerten Ausstrahlung täuscht, mit der er die ausgeraubten Restaurantmitarbeiter regelmäßig in Erstaunen versetzt hatte.
Jeffrey verlässt nicht etwa die Gegend, wie die Polizei vermutet, sondern versteckt sich hinter der hohlen Wand einer nahegelegenen „Toys ‚R‘ Us“-Filiale, wo er sich häuslich einrichtet. Nach Ladenschluss startet er von dort behutsam in ein neues Leben. Nebenbei züchtigt er den Personalchef (Peter Dinklage) für seine Hartherzigkeit. Sogar eine neue Liebe (Kirsten Dunst) kann er sich auf seinen Freigängen erobern. Es dauert eine ganze Weile, bis ihn die Vergangenheit einholt …

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/roofman-aktuelle-filmkritik

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Ghost In The Machine

betr.: Udo Kier

„Variety“ meldet den Tod von Udo Kier, unserem Mann in Hollywood, dem Star zahlloser Arthaus-, Trash- und Independent-Filme. Besonders gern erinnert sich Poki Pokinsson an die Arbeit mit ihm im Rahmen der Arbeit an dem Computerspiel „1½ Ritter“ nach dem gleichnamigen Film von Til Schweiger. Schon Kiers „Husky-Augen“ werden ihm unvergesslich bleiben, obwohl sie naturgemäß nicht von der Sprachaufnahme für das Spiel eingefangen werden konnten.
Dieser Teil meines 16-Stunden-Gespräches mit dem innovativen Game-Creator Poki ist als Bonus-Track einer der letzten Folgen meines Kultfilm-Podcasts zu hören:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/star-trek-mit-stahlhelm-und-andere-gespenstergeschichten

Das ganze Gespräch wird demnächst unter dem Titel „Deponia And Beyond“ vom ST. GEORGE HERALD veröffentlicht.

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