„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (59)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 18. November 2022

Sie orientierten sich nach dem Spalt im Eis und gingen zu einer Stelle, die sie sich eingeprägt hatten, als es noch einigermaßen hell gewesen war. Sie traten den Schnee auseinander und gruben mit den Händen. Nach einer Weile brachten sie einen Kasten zum Vorschein, den sie für den Notfall hier deponiert hatten. In dem Kasten befanden sich Kleider, Lebensmittel, ein Zelt, Waffen und ein zusammenklappbarer Schlitten. Das Zelt konnte wie ein Faltboot über den Schlitten gespannt werden und ergab so ein behelfsmäßiges Wassergefährt, mit dem sie Spalten im Eis überwinden konnten. Außerdem waren in dem Kasten ein Kompass und ein Sextant, der es ihnen ermöglichte, nach der Sonne oder nach den Sternen die Position zu errechnen. Der lebensnotwendigste Gegenstand aber war ein Kurzwellenfunkgerät, mit dem sie Hilfe herbeirufen konnten — vorausgesetzt, dass das Gerät funktionierte.
Sie waren eben damit beschäftigt, die Antenne aufzurichten, als das Flugzeug zurückkam. Es heulte niedrig über die hinweg und warf einen Fallschirm mit einer Lampe ab, die langsam und majestätisch niederschwebte und die gesamte Umgebung hell erleuchtete. Außerdem warf das Flugzeug etliche Bomben.
Ham und Long Tom ließen sich zu Boden fallen; die Gewehre, die sie aus dem Kasten genommen hatten, lagen abseits im Schnee. Sie bedauerten, dass sie sich nur um das Funkgerät und nicht um die Waffen gekümmert hatten.

Die Maschine landete auf dem Eis, und Civan schwang sich heraus und kam gemächlich näher. Er feixte wie über einen dreckigen Witz.
„Ich habe noch einmal über den guten Ruf der Savage-Gruppe nachgedacht“, sagte er. „Ich hab‘ mir gedacht, dass sie sich diesen Ruf irgendwie verdient haben muss. Deswegen sind wir wiedergekommen. Da hatten wir mal mächtig Glück, wie?“
Long Tom und Ham schwiegen. Sie wurden in das Flugzeug geladen und an Händen und Füßen gefesselt.
„Wir haben über Funk mit John Sunlight gesprochen“, teilte Civan leutselig mit. „Er hat gemeint, ich soll euch retten.“
Fifi jammerte wieder.
„Ich frage mich, ob ich Sie nicht erschießen und damit von Ihren Leiden erlösen soll …“, sagte Civan missgelaunt.
„Mir ist so kalt“, wimmerte Fifi. Schlau fügte sie hinzu: „Wenn Sie mich erschießen, kann ich Ihnen Savage nicht zeigen.“
Civan sah das ein. Porto Novyi hatte am Motor eine Unregelmäßigkeit festgestellt und machte sich daran, die Maschine zu überprüfen. Er stellte fest, dass es nur eine Kleinigkeit war, die aber doch einen Aufenthalt erzwang. Er kramte Werkzeug hervor und machte sich an die Arbeit.

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Kräuter der Provinz

betr.: Dialekte Fortsetzung vom 19. September 2014 Doch wollen die Träger von Dialekten eigentlich von allen verstanden werden? Sicher nicht! Der Kabarettist Tilman Birr hat etwas Interessantes festgestellt: „Mir macht es großen Spaß, Menschen Dialekte reden zu hören. Ich versuch dann immer, sie nachzumachen. Das ist nicht so einfach in Deutschland. Wenn man eine Fremdsprache lernt, freuen sich die Träger dieser Sprache darüber. Wenn man in Polen seinen Sommerkurs Polnisch anwendet, denken die Leute: wie schön, der interessiert sich für unsere Kultur! Wenn man so etwas aber in Bayern versucht, sind die Einheimischen unglaublich angefressen. Wer das nicht kann, soll es bitte gar nicht erst versuchen! Im Dialekt gibt’s nur 100% oder gar nicht! Versuch mal in Berlin als Nichtberliner mit einem Berliner zu berlinern – der wird fuchsteufelswild!“ Birr fasste es in die Liedzeile: „‚Du hast’n Witz auf Kosten meiner Heimatstadt gemacht / doch der Witz war wirklich gut, drum hab‘ ich trotzdem gelacht!‘ – Das ist kein deutscher Satz, nee nee!“
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Queer in the Nineties im November

betr.: Start der Filmreihe

Spätestens seit Kenneth Angers Hollywood Babylon II wissen wir, dass die meisten von Hollywoods klassischen Liebhabern schwul waren. Zum Thema eines Films wurde Homosexualität aber allenfalls als abschreckendes Beispiel, tragische Verirrung oder Gegenstand von Spott. Erst Mitte der 80er Jahre begann das Kino – besonders das europäische – wie selbstverständlich gleichgeschlechtliche Geschichten in den unterschiedlichsten heiteren und dramatischen Genres zu erzählen. In den 90ern drang das Setting schließlich in den Mainstream vor. Aus dieser Zeit wird in der Reihe Queer in the Nineties eine kleine Auswahl vorgestellt, die zu weiterer Erforschung des Repertoires ausdrücklich einlädt.
Eine Filmreihe des METROPOLIS Kino Hamburg in Zusammenarbeit mit der Queer Media Society in Kooperation mit der Aidshilfe Hamburg und dem Hamburg International Queer Film Festival, kuratiert von Monty Arnold und Karola Oswald.

The Celluloid Closet OmU
US 1995, Rob Epstein, Jeffrey Friedman, 102 min., 35mm
Susan Sarandon, Harvey Fierstein, Whoopi Goldberg, Tom Hanks, Gore Vidal und viele andere sprechen in dieser Chronik über homosexuelle Untertöne im zunächst sehr heterosexuellen Mainstream des Kinos. Der mit reichlich Filmausschnitten bebilderte Streifzug durch die Filmgeschichte von ihren Anfängen bis in die 90er basiert auf dem gleichnamigen Quellenwerk des früh verstorbenen Vito Russo.
Auftaktveranstaltung heute um 19.00
Gemeinsame Moderation: Monty Arnold, Manja Malz, Karola Oswald, Gast: Peter Clasen

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Altruismus Alaaf!

Vom Charakterschauspieler Brian Cox – dem ersten Menschen, der Hannibal Lecter auf der Leinwand verkörperte – macht dieser Tage ein Aphorismus die Runde. Ausholend erzählte er, sein Vater sei Sozialist gewesen: er ließ die Kunden seiner Metzgerei Waren mitnehmen, ohne zu bezahlen (und das als Schotte!). Das wenig überraschende Ergebnis: nach seinem frühen Tod lebten Brian und seine Mutter in Armut (was darauf schließen lässt, dass sich die weiland Beschenkten für die bedingungslose Grundversorgung nicht bedankt haben). Cox: „Ich habe im Fish-&-Ships-Shop um Reste gebettelt und diese heimgebracht.“ Noch heute plagt in die Angst, „dass mir alles genommen wird und ich wieder in Armut lande.“ So weit, so nachvollziehbar. Verblüffend ist der Schluss, den er aus dieser Erfahrung zieht: „Geld ist die Tragödie der Welt!“
Soso.
Lieber Mr. Cox, wenn es kein allgemein gültiges Zahlungsmittel gäbe, müssten wir alle in einer Tauschgesellschaft leben. Das wäre schrecklich kompliziert, ohne dass deswegen plötzlich Nächstenliebe und Gerechtigkeit auf die Menschheit niederregnen würden. Wer einen bürgerlichen Beruf ausübt – wie Ihr Vater -, der könnte dann mit seinen Waren den Arzt, den Klempner oder den Busfahrer bezahlen. Aber was würden Sie tun? Würden Sie eine Ihrer Rollen rezitieren, wenn sie busfahren oder am Blinddarm operiert werden wollten? Was, wenn dafür keine Zeit bleibt? Oder wenn Ihr Geschäftspartner keine Lust auf Ihr Solo hat und lieber den kompletten Film sehen möchte?
Wissen Sie was? Ich glaube, das Geld kann gar nichts für den Zustand der Welt. Es liegt mal wieder an uns selbst.

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Ixen für Anfänger: Willkommen am Schauplatz

Besonders in Kurzgeschichten wurde es kultiviert, gleich mit dem ersten Satz mitten ins Geschehen hineinzuspringen. Je gescheiter der Autor, je eleganter sein Text ist, desto unauffälliger ist der unweigerliche folgende Nachtrag, „was zuvor geschah“, wo wir uns befinden, mit wem wir es zu tun haben etc., in die nächsten Absätze eingewoben.
Bei Romanen und längeren Erzählungen darf sich der Text zu Beginn Zeit lassen und uns mit einer bequemen (gleichwohl hoffentlich nicht langatmigen) Vorrede in der Geschichte willkommen heißen. In unseren Tagen sind solche Buchanfänge etwas aus der Mode gekommen. Aktuelle Romane folgen gern dem Modus der Kurzgeschichte. Sie werden mit einer reißerischen Szene eröffnet, danach heißt es plötzlich „Eine Woche zuvor“ o.ä. – diese Methode gehört auch in Filmen und Serien längst zum Standard.
Doch machen wir uns nichts vor: solches Tun deutet auf eine Unsicherheit der Macher hin, auf eine Verlegenheit. Die Frage steht im Raum, ob die Geschichte wirklich so bestrickend ist, dass wir sie nicht besser mit einem Knalleffekt betreten, dann abbremsen, um schließlich doch ganz von vorne anzufangen. In jedem Fall ist die Teaser-Struktur ist längst zur Masche geworden. Schon allein deshalb wäre ein behaglicher Einstieg als Abwechslung begrüßenswert.

Von den alten Meistern, die die gemächliche Art des Openings schätzen, will ich zwei beispielhaft zwei anführen, die im 20. Jahrhundert tätig waren.
Truman Capote beginnt seinen berühmten Tatsachenroman „In Cold Blood“ („Kaltblütig“), indem er die weite Ödnis der Landschaft und die Harmlosigkeit des Schauplatzes vor uns ausbreitet. Es ist einer der berühmtesten Romananfänge überhaupt:

Das Städtchen Holcomb liegt auf der Weizenhochebene von West-Kansas, eine weite einsame Gegend, die selbst für die anderen Kansaner „hinter dem Mond“ liegt. Das Land, gut hundert Kilometer östlich der Grenze von Colorado, hat mit seinen harten blauen Himmeln und seiner klaren Winterluft eine Atmosphäre, als wäre man hier schon im Fernen Westen, nicht mehr im Mittelwesten.

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (58)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 11.11.2022

„Na schön“, meinte er. Er wandte sich an seine Begleiter. „Dann erschießen wir jetzt auch diese beiden und haben endgültig Ruhe. Dieser Doc und seine Gruppe sind schon richtig lästig gewesen.“
„Einverstanden“, sagte Long Tom.
Civan sah ihn betroffen an.
„Erschießen Sie uns“, sagte Long Tom. „Wir sind nicht lebensmüde, aber wenn Sie uns hier allein lassen, werden wir erfrieren. Dann ist es immer noch angenehmer, erschossen zu werden. Es geht schneller.“
Civan nickte. Abermals wandte er sich an seine Begleiter.
„Bringen wir es hinter uns“, meinte er. „Erschießt sie.“
In diesem Augenblick meldete sich Fifi wieder zu Wort.
„Nein!“ kreischte sie laut. „Ich will nicht erschossen werden! Sie haben euch angelogen, Savage ist nicht tot, er war gar nicht im Flugzeug!“
„Halten Sie endlich das Maul!“ wetterte Long Tom. „Sie blöde . . .“
Aber Fifi wurde noch lauter, denn sie ahnte nichts von Hams und Long Toms Absicht, nicht geduldig zu warten, bis Civans Begleiter sie erschossen.
„Ich weiß, wo Savage ist!“ schrie sie. „Wenn ihr mich leben lasst, verrate ich es euch!“
„Wo ist er?“ fragte Civan verblüfft.
Fifi verlegte sich aufs Feilschen.
„Wenn Sie mich mit zu Sunlight nehmen, zeige ich Ihnen Savage“, sagte sie. Unvermittelt sprach sie mit normaler Lautstärke, als hätte sie nie einen beachtlichen Teil des Polarkreises mit Lärm erfüllt. „Nehmen Sie mich mit?“
„Bringt sie ins Flugzeug“, sagte Civan zu seinen Begleitern.
Sie stießen Fifi ins Flugzeug, Civan und die anderen kletterten hinterher.
„He!” rief Long Tom. Er konnte den Impuls nicht unterdrücken, seinen Bluff auf die Spitze zu treiben. „Sie haben doch versprochen, uns zu erschießen!“
„Ich hab‘ meine Meinung geändert.“ Civan lachte. „Das kommt manchmal vor.“
Long Tom und Ham standen frierend auf dem Eis und sahen zu, wie das Flugzeug über die Wasserfläche fegte und allmählich an Höhe gewann. Die Positionslampen waren noch eine Zeitlang zu erkennen, dann war nur noch der Motor zu hören. Schließlich verebbte das Getöse in der Ferne, und der Wind strich wieder pfeifend über die Schollen und wirbelte Eisnadeln hoch, und das schwarze Wasser plätscherte und rauschte. Die Zivilisation lag Tausende von Meilen weiter südlich, und wenn Doc Pech hatte und von Fifi an die Banditen ausgeliefert wurde, gab es vielleicht auch für sie, Ham und Long Tom, keine Rettung mehr.
„Großartig!“ sagte Long Tom ironisch.
„Es hätte schlimmer kommen können“, bemerkte Ham. „Wenn du ihn nicht auf den Einfall gebracht hättest, uns lieber erfrieren zu lassen, wären wir jetzt entweder tot oder wieder im Wasser.“
„Dieser Civan ist ein richtiger Querkopf“, meinte Long Tom. „Er tut partout nicht, was man von ihm erwartet.“
„Beschäftigen wir uns“, schlug Ham vor, „ehe unsere Zähne vor Klappern zersplittern . . .“

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Scorsisi nisi bene

betr.: 80. Geburtstag von Martin Scorsese

Hat ein Künstler ein gewisses Alter erreicht und entsprechend lange im Unterhaltungsbetrieb durchgehalten, kann es ihm gelingen, sich über jede kritische Bewertung zu erheben. Das kann gelingen, wenn er zwei Voraussetzungen erfüllt. Er muss den Mainstream bedienen, aber gleichzeitig glaubhaft damit kokettieren, dass ihn dies eigentlich unterfordert (das ist eine anerkennenswerte Leistung, wenn auch keine künstlerische). Und er muss lange genug leben, um den Tod der begabteren Mitbewerber auszusitzen (zum Beispiel den von Sidney Lumet).

Steven Spielberg ist unzweifelhaft der Allergrößte auf diesem Gebiet. Er wird in einer geradezu liturgischen Weise gepriesen. Kritische Anmerkungen findet man allenfalls, wenn sich seine Hohepriester jemand anderen aus dieser Gruppe vornehmen und ein Gegenbeispiel auf höchstem Niveau benötigen, um den anderen noch dicker aufzublasen. Zum heutigen Feiertag wird sich das neuerlich abspielen, sobald auf eine Gemeinsamkeit der beiden letztlich Unfehlbaren verwiesen wird (so war es schon zu Scorseses 70.): von den Überlebenden des New Hollywood gilt Scorsese als derjenige, der – im Gegensatz etwa zu Spielberg oder George Lucas – der Versuchung stets widerstanden habe, kommerziell ausgerichtete Serienkonzepte zu verfolgen. – Sie haben richtig verstanden: die Ablehnung von Superhelden-Filmen (der sich Scorsese immer wieder rühmt) ist etwas, wofür man heutzutage als Zuschauer schon dankbar sein muss.

Diese Auslegung missachtet, dass Scorsese seit Jahrzehnten den gleichen Film immer wieder dreht: eine Romantisierung der Mafia, ihrer „Ehre“, ihres Männlichkeitsbegriffs und ihrer Luca-Brasi-Methoden*. Dieses Detail wird von seinen Rhapsoden wider besseres Wissen aktiv bestritten. Ein Beitrag des Deutschlandfunks behauptet, dieser Regisseur habe keinen Hang zur Gewaltverherrlichung: „Das Bezwingende und die Zuschauer Treffende der Inszenierung beruht […] darauf, dass sie das Angemaßte und Beliebige der Haltung durchsichtig macht.“ Scorsese zeige in „Taxi Driver“ „einen psychotischen, vor sich selbst fliehenden Verlierer, der sich ein Opfer imaginiert und über eine mörderische Tat seiner Existenz eine Rechtfertigung verschaffen will.“ – „Taxi Driver“ Travis Bickle, ein Idol der Halbstarken aller Altersstufen, soll ein Loser ein? Immerhin ein siegreicher, bei dem sich der Off-Kommentar zum Schluss ausdrücklich bedankt.
Weiter heißt es, selbst die „Wutausbrüche der von Joe Pesci gespielten Figuren in ‚Goodfellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia‘ und in ‚Casino‘ […] hatten nichts von Gewaltverherrlichung, sie versuchten auch nicht, diese Gewalt als Schauwert zu überhöhen. Distanzierung wurde zum Merkmal der Inszenierung.“
Dabei sind die genannten Filme für das Kino der harten Jungs das, was „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ für das öffentlich-rechtliche Weihnachtsprogramm ist. Aber wer Martin Scorsese ernsthaft für einen Feind fetter Gewaltdarstellungen hält, der glaubt auch an die Macht der Zaubernuss.

Natürlich verlässt sich Martin Scorsese nicht auf seine Fanclubs und auf das Lob der Kulturbeilage. Er inszeniert sich regelmäßig als demütiger Diener seines Mediums – so als Kurator, durch die Herstellung und Präsentation von Kulturdokumentationen oder indem er sich für die Entwicklung und Anwendung alterungsbeständigen Filmmaterials einsetzt.
Und immer wieder gönnt er sich Projekte jenseits der Mafia-Oper, in denen er die Komplexe, die ihn – allem Lobgehudel zum Trotz – beständig heimsuchen, fingerfertig in ein Lob für alte Meister einwickelt.
In einem Werbefilm für einen spanischen Sektproduzenten mit dem Titel „The Key to Riserva“ behauptet er, es seien dreieinhalb Seiten des Manuskriptes aus einem unrealisierten Film von Alfred Hitchcock aufgetaucht. In einem gespielten Interview spricht er über die Schwierigkeiten, drei Minuten à la Hitchcock zu drehen: „Wir werden es machen, ja: Ich werde meinen eigenen Hitchcock-Film drehen. Aber er muss so aussehen, muss so sein wie der Film, den er damals gemacht hätte. Nur, dass wir ihn jetzt drehen. Aber auf die Art, wie er es damals gemacht hätte. Wenn er heute lebte und den Film jetzt drehen würde, dann würde er es heute so machen, als würde er es damals gemacht haben. Also seinen Film – nicht meinen. Denn das könnte ich nicht. […] Mein Ansatz? Ich werde es sicherlich nicht so angehen wie ich es als Ich selbst täte. Aber: Kann ich es so drehen wie Hitchcock? Ich denke nicht. Also: Als wer werde ich den Film dann drehen? Das ist die große Frage …“

Mit anderen Worten: falls es euch nicht gefällt, wäre Hitchcock schuld. Aber nur ironisch. Soll ja nur ein Witz sein? Klar? Also doppelt ironisch! Nicht wirklich schuld! Verstanden? Gut.
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* geflügeltes Wort, das auf eine Figur aus dem Coppola-Repertoire zurückgeht.

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Ausgebissen: Nosferatus Dritte Zähne

„Ich möchte betonen, dass ich nicht zu den Menschen gehöre, die den Kulturwert eines Filmes nach der Abkehr vom Publikumsgeschmack bemessen, da ich persönlich die Erfahrung gemacht habe, dass das Publikum aller Schichten vom sogenannten künstlerischen Film sich hinreißen lässt und ihn auf den Schild hebt, solange er nur die Gesetze des Filmmäßigen nicht verletzt und Ernsthaftigkeit nicht in Langeweile übersetzt.“

                                                                                                                                             Fitz Lang

Als ich heute im Foyer eines Programmkinos auf eine Kollegin wartete, kamen viele Teenager aus der Vorstellung von Murnaus Stummfilm „Nosferatu“ heraus, eines der ältesten wichtigsten deutschen Filmklassiker und der ersten Verfilmung des „Dracula“-Stoffes.
Es war schon die zweite Schulaufführung des Tages gewesen. Die Achtjährigen zuvor waren brav sitzengeblieben, die ältere Klasse habe sich teilweise überhaupt nicht für den Film interessiert, erzählte der Kinomitarbeiter, der beide Vorführungen mit einer Einführung versehen hatte. Ständig seien welche raus- und reingelaufen. In der anschließenden Diskussion bat er die Gruppe um ehrliche Statements, und die Hauptkritikpunkte lauteten allen Ernstes, die Musik (der sinfonische Soundtrack von 1921) sei zu laut gewesen und der Film insgesamt zu schnell erzählt – und daher zu verwirrend. Aus dem Munde einer Generation, die mit Techno-Parties und den rasantesten Filmschnitten der bisherigen Mediengeschichte bestens zurechtkommt, kann es sich – ich bitte um Verzeihung! – bei diesen Einwänden nur um blödsinnige Ausflüchte handeln. Der Film hat den jungen Leuten nicht gefallen – das ist legitim –, aber was daran nicht genehm war, interessiert offensichtlich niemanden (mehr). Ich argwöhne, die Achtjährigen sind nur deshalb sitzengeblieben, weil die erziehungsbedingten Verhaltensmuster es ihnen noch (!) untersagen.
Zugegeben: ich halte nicht viel vom offiziellen Kanon. Und wenn es schon eine Säule des deutschen Expressionismus sein muss, mit der man der Jugend zuleibe rückt, dann lieber „Dr. Caligari“. Lieber hätte die Kunstform des Stummfilms mit „The Circus“ von Chaplin präsentiert – oder meinetwegen mit dem kürzeren und noch intensiveren „The Kid“, ebenfalls von 1921.
Am eigentlichen Problem hätte das allerdings nichts geändert: die Zeit ist um! _______________
* Leider ist nicht angegeben, ob dieses Zitat aus der Stummfilmzeit stammt. Es klingt nach einer schlechten Übersetzung, und das verweist eher auf Langs Jahre in Hollywood, die sich vollständig im Tonfilmzeitalter abspielten.

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Licht aus im Radiokino

betr.: „Tonart Filmmusik “ (Deutschlandfunk Kultur) im neuen Schema

Filmmusik hat es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch nie leicht gehabt, doch in letzter Zeit kommen die Wände bedrohlich näher.
Auf BR Klassik hat unlängst eine neue Generation den Regler übernommen (der ST. GEORGE HERALD berichtete), die den glotzäugigen Stil ihres pensionierten Lehrmeisters ins Extrem treibt – wobei der immerhin von Zeit zu Zeit etwas Archivbewusstsein erkennen ließ. „BR Klassik Cinema“ ist nur noch an aktuellen Trends, Film- und Streamingstarts interessiert. Das hätte seine Berechtigung, wenn recherchiert und in Rezensionen Farbe bekannt würde. Doch statt das aktuelle Filmangebot redaktionell auszuleuchten, wird einfach die Reklame nachgebetet. Dabei muss man dankbar sein, dass Filmmusik im Radio überhaupt noch stattfindet. MDR und WDR haben die einschlägigen Formate schon lange versickern lassen.
Auch auf Deutschlandfunk Kultur werden beim Soundtrack als Programmfarbe neue Saiten aufgezogen. Seit der vergangenen Nacht findet die „Tonart Filmmusik“ nur noch einmal monatlich statt. Die auf vier Stunden verdoppelte Portion täuscht, bedeutet sie doch insgesamt eine Halblierung der bisherigen Sendezeit. Die Moderation dieser Eisscholle teilten sich zuletzt drei Kollegen, die nun wohl rotieren werden. Oliver Schwesig wird sich auch weiterhin nicht für Soundtracks interessieren und sich entsprechend unbekümmert durch seine Präsentation stolpern. Vincent Neumann mag Filmmusik überhaupt nicht, obwohl er erkennbar gern Netflix schaut und zu Pressevorführungen geht. Insofern ist es ein tröstliches Zusammentreffen, dass die erste Ausgabe der neuen Kompakt-„Tonart“ von Birgit Kahle moderiert wird, der einzigen in dieser Runde und auf weiter Flur, der diese musikalische Stilrichtung tatsächlich am Herzen liegt und die sie nicht nur als austauschbares Anhängsel eines anderen, höherwertigen Mediums betrachtet.

Wie schön es sein könnte, kann nachfühlen, wer mal eine Jazz-Sendung einschaltet (auch dieser eine Nische, aber eine offiziell als Kunstform anerkannte). Weder das Alter einer Aufnahme oder Komposition noch gewisse Fachkenntnisse sind etwas, wofür man sich schämen müsste. Wenn es um Jazz geht, sitzen senderübergreifend Aficionados am Mikrofon, die niemals versuchen würden, sich an eine imaginierte „breite Masse“ anzubiedern – was mitten in der Nacht auch reichlich albern wäre. Stattdessen sprechen sie eine Einladung aus und wenden sich an den ergebensten anzunehmenden Zuhörer. Damit erreichen sie auch mich, der ich mich mit Jazz nicht wirklich gut auskenne.
Vincent Neumann klingt immer so, als wollte er sagen: „Filmmusik ist doch gar nicht so schlimm!“ Und dann werden zur Beruhigung erstmal drei Popsongs aufgelegt.

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Grußworte vom Excelsior

betr.: 4. Todestag von Stan Lee (gestern)

Im Januar 1974 erschien das erste Grußwort des hierzulande noch unbekannten Comic-Schöpfers Stan Lee (in mehreren parallel gestarteten Comicheft-Serien). 35 Jahre später erreichte uns das letzte im Vorwort zur erweiterten Neuauflage der „Marvel Ezyklopädie“. Wer Lees Personalstil ein wenig kennt, der kann ihn zumindest aus der ersten Botschaft klar herauslesen.

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