„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (50)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 16.9.2022

„Monk!“ rief er scharf.
Monk wusste, was er zu tun hatte. Er rannte nach hinten und kam mit einer lebensgroßen Puppe wieder, die er auf den freien Sitz des Copiloten setzte.
Die Maschine erreichte das Packeis und schob sich daran empor, die Geschwindigkeit verlangsamte sich. Dann kippte das Flugzeug ein wenig zur Seite, eine der Kufen brach und die Maschine legte sich auf den Rücken, eine Tragfläche zerknickte.
Schließlich blieb sie zwischen den Eisschollen liegen; doch der Schaden sah bedenklicher aus, als er war. Monk packte den Playboy und zerrte ihn durch die Tür ins Freie. Er kehrte um, griff Docs Ausrüstungskasten und sprang wieder hinaus.
Schnell und umsichtig riss Doc die Benzinleitung ab, das Benzin sprudelte hervor und floss in die Kabine. Doc lief zur Tür, strich ein Zündholz an und ließ es fallen. Das Benzin fing Feuer, und Doc warf sich in den Schnee, um die Flammen zu ersticken — seine pelzgefütterte Parka und die Hose aus Bärenfell hatten ebenfalls Feuer gefangen.
Er deutete auf den Ausrüstungskasten, und Monk ließ den Playboy im Stich und vergrub den Kasten hastig im Schnee. Er rannte zu Doc.
„Unser nächstes Ei“, sagte er fröhlich, „ist bereits gelegt. Jetzt kann Sunlight kommen.“

Mittlerweile brannte die Maschine wie Zunder, auch die Puppe im Cockpit verkohlte. Sie bestand aus Fleisch und künstlichen Knochen und steckte in einer Fliegerkombination. Monk und Doc hatten die Puppe vor ihrer Abreise in New York hergestellt, weil sie ahnten, dass sie Sunlight und dem Playboy eine Erklärung dafür würden liefern müssen, wieso der Pilot nicht mit ihnen ausgestiegen war.
Der Playboy hatte durch den Unfall seine guten Manieren wieder eingebüßt. Trotz seiner partiellen Blindheit war ihm das brennende Flugzeug nicht entgangen, und er hatte große Angst.
„Adonis!“ schrie er. „Beauty! Wo ist dieser idiotische Pilot? !“
„Der Pilot ist nicht mehr rausgekommen“, sagte Doc scheinbar betrübt, wobei er die Stimme des Gardisten Adonis nachahmte.
„Geschieht ihm recht“, sagte der Playboy giftig. „Ich hoffe, dass er ganz langsam und bei Bewusstsein verbrennt.“

Einen Augenblick später kamen Civan, Giantia und Titania und ein paar Männer. Sie hatten es eilig und rutschten und schlitterten über das Eis. Sie hatten Gewehre und Revolver bei sich. Civan erkannte den Playboy und steckte seine Waffe ein; die übrigen taten es ihm nach. Wortlos trotteten sie zu dem brennenden Flugzeug. Der Gestank von verbranntem Fleisch hing in der Luft.
„Der Pilot!“ sagte Civan entsetzt. „Er verbrennt!“
„Geschieht ihm ganz recht“, sagte der Playboy noch einmal. „Warum hat er nicht besser aufgepasst . . .“
Civan besah sich den Schaden.
„Ein Jammer“, sagte er. „So ein schönes Flugzeug .. .“
Anschließend besah er sich Beauty und Adonis. Er stellte nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen ihnen und Doc und Monk fest; für ihn waren sie zwei Schlägertypen, denen er lieber nicht allein auf einer finsteren Straße begegnen wollte.
„Was sind das für Leute?“ fragte er den Playboy in seinem russisch gefärbten Englisch. Er sprach nicht Spanisch, der Playboy nicht Russisch, so waren sie auf Englisch angewiesen. „Gehören sie zu Ihnen?“
Die beiden echten Leibwächter konnten kein Englisch; daher bemühten sich Doc und Monk um möglichst ausdruckslose Gesichter.
„Sie sind meine Leibwächter“, erläuterte der Playboy. „Bringen Sie mich jetzt zu John Sunlight.“
Civan wandte sich um und ging auf dem Weg, den er gekommen war, voraus. Wieder schlitterte und rutschte er über die glatte Fläche; dass er einige Male zu Boden ging, schien ihn nicht zu stören. An solche Unfälle war er mittlerweile gewöhnt. Der Playboy ließ sich von den vorgeblichen Leibwächtern stützen. Für sie war der Boden nicht weniger tückisch als für Civan und die anderen. Auch sie glitten abwechselnd aus und rissen den Playboy mit von den Beinen. Der Playboy traktierte seine Helfer dafür mit Fausthieben.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Ixen für Anfänger

Übung:
Dieser Filmtitel* ändert seine Bedeutung völlig, je nachdem ob er auf dem zweit- oder auf dem drittletzten Wort betont wird. Worin besteht der Unterschied?

Auflösung:
„Der Mann, der sich die Haare kurz schneiden ließ“ bedeutet im Grunde nur, dass jemand zum Friseur geht – in der Regel sind die Haare bei einem Herrn hinterher kürzer als vorher. Man kann es auch als Hinweis deuten, dass sie besonders kurz geschoren werden.
„Der Mann, der sich die Haare kurz schneiden ließ“ bezieht das nunmehr unbetonte Adjektiv auf die Dauer des Friseurbesuchs bzw. auf die Spontaneität der Aktion (im dem Sinne: „Der Mann, der sich kurz die Haare schneiden ließ“).
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* Er gehört zu einem selten gezeigten belgischen Psychodrama von 1965. Zum Inhalt dieser „Analyse der Krise eines übersensiblen Menschen“ sagt der „Katholische Filmdienst“: „Ein Anwalt und Lehrer an einem Mädchengymnasium findet nicht den Mut, einer Schülerin seine Liebe zu gestehen, verliert sein Interesse an Arbeit und Umwelt und steigt bis zum Gerichtsschreiber ab. Als er sehr viel später die heimliche Geliebte als berühmte Schauspielerin wiedersieht und erfährt, dass ihre Zuneigung  gegenseitig war und nur sein Schweigen sein Glück verhinderte, greift er zur Pistole. Endstation ist die Heilanstalt …“

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Wozu brauchen wir Horrorfilme?

Das Kino war das erste Medium der Kulturgeschichte, das ein urmenschliches Bedürfnis vollauf befriedigen konnte: die aufregende Illusion größter Gefahr in völliger Sicherheit.
Der Horrorfilm profitiert am meisten von diesem Grundprinzip und nutzt dazu die ältesten Angstmacher, die es gibt: die unheimlichen Bedrohungen und Quälgeister des Mythenschatzes (Geister, Untote, Flüche, Besessenheit und grauenvolle Wesen). Auf dieser Grundlage stellt sich das Genre denkbar breit auf und hat für jeden Geschmack etwas zu bieten, sei es der Splatterfilm – bei dem vorzugsweise Teenager auf anschauliche Weise zu Tode gebracht werden – oder das gepflegt gruselige Schauermelodram, das vor allem mit Andeutung arbeitet, der Erregung von Furcht vor dem nicht Gezeigten bzw. dem möglicherweise Bevorstehenden.
Der Tonfilm machte dieses zweischneidige Vergnügen komplett, denn wie Donald Pleasence es einmal auf der Leinwand sagte: „Mann kann sich zwar die Augen zuhalten, wenn es einem zuviel wird, aber die Ohren lassen sich nicht verschließen!“
Den wichtigsten Hinweis zu dem weiten Feld des Horrorfilms habe ich bei William K. Everson gefunden: Humor ist für einen guten Horrorfilm unverzichtbar!

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Der Heino Jaeger des Jazz

betr.: 20. Todestag von Dodo Marmarosa

Das Album „Dodo’s Back!“ des 36jährigen Jazzpianisten Dodo Marmarosa war eine Sensation in Jazzkreisen. Der Musiker galt damals als verschollen – innerhalb und außerhalb der Szene.
Schon früh sehr erfolgreich, war ihm der Musikbetrieb bald zu viel gewesen, und er hatte sich zurückgezogen. Der Produzent des besagten Albums, Joe Siegel, beschreibt in den Liner Notes, wie schwierig es gewesen war, den sich mitunter leicht erratisch  gerierenden Künstler auf irgendetwas festzulegen – auf ein Repertoire, ein Studio, eine Plattenmarke, darauf, überhaupt zur Aufnahme zu erscheinen.

Dodo Marmarosa wurde am 12. Dezember 1925 in Pittsburgh geboren. Mit neun Jahren begann der das Klavierspiel, und obwohl sein Interesse anfangs ausschließlich der klassischen Musik galt, war er fasziniert von dem, was ein wenige Jahre älterer Nachbarsjunge so auf dem Klavier spielte – es war der später so berühmte Errol Garner. Der führte ihn in die Kunst des Jazz ein.
Bereits mit 15 war Dodo ein Profimusiker. Er spielte im Orchester des Trompeters Johnnie „Scat“ Davis, mit 16 wurde er der Pianist der Gene Krupa Big Band.
1943 gastierten Krupa und sein Orchester  in Philadelphia. Nach der Show wurde Dodo von Marinesoldaten angegriffen, die ihn bezichtigten, sich in Kriegszeiten der Einberufung zu entziehen. Es kam zu massiven Gewaltausbrüchen. Die Kopfverletzungen, die Dodo dabei erlitt, haben ihm, wie Kollegen es schilderten, den Rest gegeben. Der schon immer etwas wunderliche Knabe habe als Musiker zwar weiterhin tadellos funktioniert, aber alles andere habe irgendwie nicht mehr gestimmt.
Es war das Jahr, in dem die ersten Schallplattenaufnahmen mit Dodo Marmarosa entstanden. Er war 17 Jahre alt und spielte mit Charlie Barnet den Klassiker „The Moose“, der sich als früher Meilenstein des Bebop erweisen sollte. Ein Projekt mit Boyd Raeburn verschaffte ihm – vorübergehend – die einzige Erwähnung in J. E. Berendts „Jazzbuch“.

Nach der Mitwirkung in anderen Bigbands – bei Ted Fiorito, Tommy Dorsey und Artie Shaw – beschloss er, nur noch als Studiomusiker oder Gast auf Rundfunk-Sessions tätig zu sein. Dodo Marmarosa wurde zum führenden Pianisten in Los Angeles, um den sich Stars wie Lionel Hampton, Mel Tormé, Barney Kessel oder Louis Armstrong bemühten.

Nach seinen großen Tagen in Hollywood zog sich der Pianist Anfang der 50er Jahre in seine Heimatstadt Pittsburgh, aus der Welt und in sich selbst zurück. Er spielte noch ein paar Jahre lokal, dann versandeten auch diese Aktivitäten. Die Aufnahmen für „Dodo’s Back!“ dürften die letzten gewesen sein, die er professionell gefertigt hat.
Dodo Marmarosa starb 2002, wenige Wochen vor seinem 77. Geburtstag.

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (49)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

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Fortsetzung vom 9.9.2022

15. Die Hälfte einer blauen Kuppel
(Half A Blue Ball)

Monk zuckte zusammen. Im ersten Augenblick fürchtete er schon, der Playboy hätte den Schwindel endlich bemerkt, die ganze Arbeit, die ganze Mühe sei vergeblich gewesen. Dann sagte Doc mit der Stimme des Piloten: „Ich hab mich mit Adonis unterhalten. Wir sind gleich da.“
„Warum auch nicht . . .“, sagte der Playboy. „Ich hab nichts verstanden, die verdammte Maschine macht einen Höllenlärm. Wie sieht’s unten aus?“
Monk wagte wieder zu atmen. Er war beruhigt. Es war alles in Ordnung. Der Playboy war viel zu betrunken, um überhaupt noch etwas zu bemerken.
„Vor uns ist eine Felseninsel”, erklärte Doc. „Auf der Insel befindet sich eine seltsame blaue Halbkugel.“
„Eine blaue Halbkugel?“
„Hier in der Arktis eine ungewöhnliche Erscheinung“, fügte Doc hinzu.
Der Playboy teilte in grobem Ton mit, dass er nichts, aber auch gar nichts von ungewöhnlichen Erscheinungen hielte, in der Arktis schon gar nicht.
„Gehen Sie ‚runter“, sagte er dann.
„Sehr wohl, Sir“, sagte Doc.

Monk platzte beinahe vor Neugier, aber er konnte Doc nicht weiter fragen, denn der Playboy blieb bei ihnen und starrte nach vorn, obwohl er doch immer noch nichts sehen konnte. Monk drückte den Vogel nach unten. Die blaue Halbkugel rückte näher, die scheinbar glatte Eisfläche löste sich in zahllose Schollen auf. Sie wirkten bedrohlicher, je tiefer sich das Flugzeug zur Erde senkte. „Sie sollten wieder in die Kabine gehen und sich anschnallen“, sagte Doc zu dem Playboy. „Ihre Leibwächter können Ihnen helfen.“
Monk zwängte sich hinter dem Steuerknüppel hervor und bugsierte den Playboy in die Kabine. Der Playboy kam nicht auf den Gedanken, nach dem zweiten Gardisten Adonis zu fragen. Er ließ sich willig anschnallen; am Ziel der Reise schien er nun seine guten Manieren wiedergefunden zu haben.
Monk kehrte ins Cockpit zurück. Von dort beobachtete er die Insel. Er sah jetzt, dass sie zum größten Teil mit Schnee bedeckt war, stellenweise war sie vereist, und wo die Felsen aus der weißen Masse ragten, war eine Landung unmöglich. Es gab überhaupt nur eine Stelle, wo ein Flugzeug aufsetzen konnte, und die lag im Süden, wo der Schnee tief und locker aussah, eine weiße Ebene, die vom Packeis begrenzt wurde.
Die Maschine ging noch tiefer, glitt knapp über die Schollen hinweg, schwenkte hinter die blaue Halbkugel und setzte auf der Ebene auf.
Die Ausmaße der Ebene waren für ein Rollfeld ziemlich knapp, aber für das, was Doc und Monk planten, konnten sie kaum knapp genug sein.
Die Kufen der Maschine schlitterten über den Schnee, die Geschwindigkeit war ein wenig zu hoch, aber Doc wusste das. Die hohe Geschwindigkeit gehörte zum Plan.

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Das Genre der Stunde: der Kriegsfilm

Das Genre möchte sowohl jene ansprechen, die sich die unterhaltsame Vermittlung einer pazifistischen Botschaft wünschen – eine Abbildung des Grauens und der Sinnlosigkeit einer Katastrophe, bei der es letztlich keine Sieger geben kann – als auch die Freunde expliziter Gewaltdarstellungen, in denen sich große Menschenmassen aufreiben. Pikanterweise ist einer der ewigen Klassiker des Genres  „Die Brücke am Kwai“ (GB/USA 1957) ein Film, der einen Spagat hinbekommt. Das Schlussbild könnte sinn- und trostloser nicht sein, doch das Geschmetter britischer Marschmusik (die können es einfach am besten!) lässt den Militärromantiker im Publikum das Gesicht wahren. Alec Guinness ist ein Held, wenn auch ein gebrochener.
Die ältesten / schwarzweißen Evergreens des Kriegsfilms schlagen sich klar auf die Seite der Antikriegsbotschaft: „Im Westen nichts Neues“ (USA 1930), „Die große Illusion“ (F 1937) und „Die Brücke (D 1955).
Seit den späten 70er Jahren befördert der zunehmende Realismus der Darstellung die Option, sich am Gemetzel zu berauschen. Das gilt für so unterschiedliche Werke wie „Apocalypse Now“ (1979) (sowie eine Vielzahl weniger bedeutender Vietnam-Filme) und „Das Boot“ (D 1981).
Der Transport patriotischer Gefühle wird vom Publikum am ehesten goutiert, wenn er aus Hollywood kommt – etwa in „Der Soldat James Ryan“ (USA 1998) -, aber auch hier gilt Hitchcocks alte Regel, dass Amerika nun einmal aus Ausländern besteht und seine Filme deshalb weltweit so gut verstanden werden.
Die Fantasy hat (vor allem im epischen Serienfernsehen) dem Kriegsfilm inzwischen den Rang abgelaufen, was explizite Gewaltorgien auf dem Schlachtfeld angeht. Der Kriegsfilm spezialisierte sich folgerichtig auf die möglichst getreuliche Abbildung historischer Szenen mit entsprechendem Anspruch: in Historienfilmen wie „Dunkirk“ (USA 2017) und „1917“ (USA 2019), aber auch in den zeitgenössischen Krisenstoffen „Sniper – Der Scharfschütze“ (USA 1993) und „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ (USA 2008).

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Breaking Out

betr.: Medienkunde

Und wieder gibt es für einen besonders alten Hut einen sexy Neologismus aus dem englischen Sprachraum!
Ein „breakout character“ ist das personelle Kernstück eines Spin Off: eine Nebenfigur, die aus einer Serie aussteigt, um von deren Erfolg profitierend ein eigenes Format zu tragen. Dieses Prinzip wurde 1960 in der „Andy Griffith Show“ erstmals vorgeführt (und bald darauf von Marvel Comics auch in einem Printmedium etabliert und gepflegt). Im Streaming hat es zu einer neuen Blüte gefunden, ermöglicht es doch den Produzenten, eine Serie nach deren Auslaufen mit einer Vorgeschichte weiter auszuwerten (wie im Falle des schmierigen Anwalts aus „Breaking Bad“). Nach hinten gibt es keine Luft mehr, weil die Figur erzählerisch oder biologisch an ihr Ende gekommen ist. So verfuhr man sogar im Kino (mit der Vorgeschichte des „Star Wars“-Helden Han Solo).
In der Ära des linearen Fernsehens wurden solche Geschichten noch parallel zum Hauptstrang erzählt, damit die Fans eines laufenden Erfolgs ein weiteres Mal einschalteten: „Frasier“ verließ die Kneipengesellschaft von „Cheers“, „Stockinger“ die Amtsstube von „Kommissar Rex“ – und Gaststars aus der alten Umgebung konnten zu Besuch kommen, um für gute Stimmung zu sorgen.
Nicht jede originelle Charge verträgt eine solche Beförderung und erweist sich ohne ihr natürliches Umfeld als nicht abendfüllend. Das kann sogar Hauptfiguren passieren.
Als nach gut zehnjähriger Pause der „Tatort“-Ermittler „Schimanski“ unter eigenem Logo auf den Bildschirm zurückkehrte, war die Luft raus. Ein Großteil des Vergnügens hatte in den Rangeleien des unkonventionellen Rüpels mit seinem (inzwischen verstorbenen) pingeligen Kollegen und in den Beschränkungen durch die Dienstvorschriften bestanden. Mit Schimanski als frühverrentetem Vagabunden, der mit einer schönen (und sehr pflegeleichten) Frau auf einem Hausboot im grenznahen Ausland lebte, fiel dieser Gag in sich zusammen – was angesichts des heißerwarteten Wiedersehens mit dem alten Haudegen niemanden störte.
Manche Figuren wollen aber einfach ihr Geheimnis bewahren. Über ein aktuelles Beispiel klagte ein Kritiker, dieser Held habe durch seine Leerstellen funktioniert. „Man sollte ihn nicht erklären, sondern als Deus ex Machina auf eine Geschichte loslassen. Aber das widerspräche natürlich der Kommerzlogik der Streamingdienste“.   

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Erinnerungen an Dirk Bach

betr.: „Dear Dicki“ (rororo)

„Crazy Race“ – mit Dirk Bach unterwegs im Reich der Klamotte – Bild: RTL / Universum Film

In gut zwei Wochen ist es zehn Jahre her, dass eines der beliebtesten TV-Gesichter uns jählings verlassen hat: Dirk Bach. Ein Mann, der für die Sachen, die er da auf dem Bildschirm trieb, im Grunde total überqualifiziert war.
Dass er zuallererst ein „richtiger Schauspieler“ gewesen ist, haben viele noch miterlebt. Und auch wer erst durch seine „Dirk Bach Show“ auf RTL an ihn geriet, die inzwischen dreimal so weit zurückliegt, wird etwas in dieser Richtung geahnt haben. Aber Dirks Charme wirkte jenseits solcher Einordnungen. Die gleiche Herzensgüte (ich möchte von „Knuffigkeit“ sprechen), die ihn persönlich auszeichnete, galt auch seinem Publikum – und umgekehrt.
Es war ein seltener Glücksfall. Dirk war echt.

Drei Freunde, die nun Hinterbliebene sind, haben das letzte Jahr damit zugebracht, unzählige Briefe anzuregen und einzusammeln, die andere ihm nun geschrieben haben: Hella von Sinnen (einst Dirks Mitbewohnerin), Cornelia Scheel und Pelle Pershing. Die Liste der Rückläufe ist beachtlich und reicht von Sandkastenfreundschaften über den Kölner Underground der 80er Jahre bis in unsere mediale Gegenwart. Irgendwo dazwischen tummeln sich ehrenvolle Kabarett-Größen, denn die Kleinkunst war eine, die Dirk ebenfalls beherrschte.
Für die vielen Fans des früh verstorbenen Komödianten versteht sich von selbst, warum sie sich dieses Buch – es ist eine richtige Schwarte geworden – sogleich besorgen werden. Aber obwohl ich ja gewissermaßen zu den Befangenen gehöre, glaube ich noch etwas darin gefunden zu haben, was uns alle angeht. Sogar die, die Dirk Bach erst noch entdecken müssen – zehn Jahre sind ja eine verdammt lange Zeit …

Die schriftlichen Souvenirs (die von unzähligen Fotos aus sämtlichen Lebensabschnitten des Helden begleitet werden) ergänzen sich auf verblüffende Weise zu einer biographischen Großaufnahme. Sie lassen sich in drei Gruppen aufteilen. Da sind einmal die zumeist großen Namen, die fast eine Auditoriumsperspektive einnehmen und denen Geschliffenes, aber nicht unbedingt Persönliches einfällt („Wäre schön, wenn du jetzt bei uns wärst. Gerade in diesen komplett verrückten Zeiten.“). Einige räumen das auch erfrischend ein („… ich will hier gar nicht unken und auf Kumpel machen; denn im Grunde kannten wir uns gar nicht.“).
Es gibt auch das verschwindende Grüppchen derer, die all die Jahre immer nur von sich selbst geredet haben und die es weiterhin tun („… ich hatte eine Affäre mit dem Darsteller des Jochanaan“).
Der weitaus größte Teil der Briefe jedoch erzeugt durch seine Wärme und Subjektivität diese übergreifende Wirkung, die ich meine.
Wenn man mehrere davon hintereinander liest, kann man auf den Gedanken kommen: schade, dass all das erst jetzt geschrieben wurde. Und dann fallen einem all die lebenden Mitmenschen ein, denen man vielleicht schon länger nicht mehr gesagt hat, wie lieb man sie hat oder wie gut man findet, was sie machen. – Nicht wenige sind in diesem Buch versammelt.

Obwohl ich nicht zu denen gehört habe, die Dirk „Dicki“ nannten (hätten nennen dürfen?), habe ich damals und auch danach immer wieder erlebt, wie üppig ihm die Liebe der Seinen schon zu Lebzeiten zuteilwurde, gerade von Hella.
Also: schon alles in Ordnung. Aber natürlich komme ich ins Nachdenken.
Ich habe lange auf einem Planeten gelebt, auf dem die Menschen einander einfach mal angerufen oder besucht (!) haben, weil sie sich mal wieder sehen wollten – ohne einen weiteren Grund. Das ist für uns Heutige außerhalb ganz enger Freundschaften schon beinahe Aberwitz. Meine Komplimente – egal ob menschlich oder professionell – sind den Adressaten meistens eher peinlich. Im Zweifelsfalle muss ich noch ein bisschen üben.
Allgemein löst spontane Zustimmung in unseren optimierten virtuellen Abläufen häufig Misstrauen aus – Was will der von mir? Aber all das kann ja keine Ausrede sein!
Auch davon handelt „Dear Dicki“. Es ist ein „kugellustiges“ Fanbuch (ich liebe dieses Wort aus Rolf Kaukas Zeiten) und eine Biographie, die bisher vermisst wurde.
Und es ist noch weitaus mehr. 

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Wie man sowas macht

Anfang des Monats lief „Three Thousand Years Of Longing“ an, der neue Film von George Miller, dessen wichtigstes Projekt die „Mad Max“-Filme sein dürften.
Einst erzählte er einem Filmjournalisten von den unterschiedlichen Absichten, die ihn bei einem Interview antreiben (wohlgemerkt im Interview, nicht unbedingt beim Filmemachen), etwa vom „Kniefall vor dem eigenen Ego“ und von dem Verlangen weiterzuvermitteln, was er gelernt habe: „Da besteht so eine Art Verantwortung, meine ich. Spielberg analysiert dauernd, was er macht. Er arbeitet mit Kindern und verallgemeinert sofort, was er tut. Er sagt dir, warum er so und nicht anders mit Kindern arbeitet. Ich habe viel von ihm gelernt…“
Obwohl Miller das voll Bewunderung erzählt, findet er die exakte Umschreibung für das Gefühl, das mir Spielbergs Filme zuverlässig bereiten: ich fühle mich von diesem Regisseur immer wie ein Kind behandelt. Und zwar wie eines, dem man nach jeder Bevormundung auch noch erklärt, warum man sie so und nicht anders durchgeführt hat. Er macht das, um seine Sub-Botschaft zu unterstreichen und sicherzustellen, was ich den Spielberg-Effekt nennen möchte: Ich bin der Erwachsene, und du nicht. Ohne meine Betreuung wärest du an einem Ort wie diesem völlig aufgeschmissen! – Er meint den Kinosessel.

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