Beglückendes Treibgut

Vor Jahren habe ich an dieser Stelle die Comicserie „Tom Patapom“ vom Kleinmeister Leone Cimpellin vorgestellt.* Weil ich buchstäblich niemanden kannte, der sich auch nur vage an sie erinnern konnte, fügte ich meinen sentimentalen Anmerkungen noch eine Recherche nach sämtlichen Abenteuern des Helden hinzu, stieß aber zum Schluss an die Grenzen meiner deduktiven Talente: für den abschließenden im „Felix“-Comicheft abgedruckten Mehrteiler konnte ich gar kein französisches Original mehr ausfindig machen und argwöhnte, der Bastei Verlag habe diese Geschichte, in der Tom endlich wieder nach Hause kommt, vielleicht selbst in Auftrag gegeben.
Dieses und viele andere Rätsel lassen sich endlich lüften, denn das einschlägige Fanmagazin „Bastei Freunde“ ist in seiner April-Ausgabe endlich bei der ungelesensten Comic-Serie aller sieben Meere angekommen: „Tom Patapom“. Es ist die Ausgabe 61 (!), und eigentlich war das Thema sogar erst für die folgende Nummer eingeplant und wurde aus organisatorischen Gründen vorgezogen.

Ein nicht ganz unschlimmer Verdacht hat sich bereits beim Durchblättern bestätigt: Cimpellin hat auch „Jupiter“ gezeichnet, eine Asterix-Nachahmung, in der die Römer „unsere Freunde“ sind und deren Gegner ein para-gallisches Völkchen namens „die Schlawiner“. So etwas muss nicht zwingend so schrecklich sein wie es sich in dieser Kurzbeschreibung anhört, ist es aber in diesem Fall. Wie bei den meisten schlechten Comics sind es vor allem die Texte, die alles verderben, aber auch die Arbeiten des in der deutschen Ausgabe ungenannten Zeichners sind überaus nachlässig.
Ich freue mich auf die Lektüre des Bastei-Magazins und auf viele weitere Male, in denen ich unwillkürlich ausrufen werde: „So ist es also gewesen!“

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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2015/06/06/kaeptn-nemo-2-0/

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Die letzten Kultfilme

Fortsetzung vom 15. Mai 2024

Die einzigen Filme aus der erweiterten Ausgabe, die noch als Kultfilme durchgehen – die also nicht einfach nur anhaltende Erfolge bzw. aufgegangene Vorausberechnungen des Mainstreamgeschmacks gewesen sind -, sind „Dirty Dancing“ und „Pulp Fiction“ – ersterer ein Guilty Pleasure für die ganze Familie und ihre schwulen Freunde, zweiterer ein nach 30 Jahren noch immer überraschendes Werk, das seinen Regisseur – als letzten Filmemacher der Zelluloid-Ära – für seine persönliche Vision mit unverwüstlichem Ruhm belohnt hat.
Das war’s!

„Fargo“ ist ohne Zweifel ein Geniestreich, aber die Coen-Brüder waren vorher / nachher / zwischendurch ganz weit oben (wenn auch stets und beständig mit dem unerklärlichen Sex-Appeal des Geheimtipps behaftet). „Pretty Woman“ war ein Riesenhit mit zwei zuvor bereits eingeführten Hauptdarstellern (einem reifen und einer aufstrebenden), der seinen Erfolg der größtmöglichen Betulichkeit verdankt – keine Spur von „experimentell“, „wagemutig“, „innovativ“, „überraschend“ oder sonstewas. „Harry und Sally“ wird zwar häufig eingelegt bzw. angeklickt, doch dann spulen alle bis zu dieser einen Szene in der Cafeteria vor, um ihn danach abzuschalten oder ihn im Hintergrund laufen zu lassen – und die betreffende Szene ist überdies dadurch restlos diskreditiert, dass Til Schweiger sie als „die größte schauspielerische Leistung der Filmgeschichte“ bezeichnet hat. „Vom Winde verweht“ ist – wie auch „Singin’ In The Rain“, „Frankensteins Braut“, „Zeugin der Anklage“ und viele andere – ein Klassiker und ein herrlicher alter Film dazu, aber ganz sicher nichts, was irgendjemand unter 35 tatsächlich gesehen hat oder sich jemals freiwillig vollständig anschauen wird (so leid mir das persönlich tut) – immerhin kennt man ihn noch dem Namen nach. „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ hätte einen Kultstatus verdient, aber er gehört zu jenen zahlreichen Kunstwerken, die von einem überflüssigen Remake verdrängt worden sind (zumal es in diesem Falle ein gleichnamiges ist). „Star Trek VI: Das unentdeckte Land“ ist definitiv einer der amüsantesten und gescheitesten Filme der 90er Jahre, die poetische Krönung des gesamten Star-Trek-Komplexes, der schönste farbige Science-Fiction-Film nach „Die Zeitmaschine“ (1959), die feinste Übung in Selbstironie, die Hollywood jemals hervorgebracht hat und der allgemeinverständlichste Film über den Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber ein Kultfilm? Das wüsste ich! „Star Trek IV“ (der mit den Walgesängen) hatte tatsächlich einmal einen gewissen Kultstatus …
„Tote tragen keine Karos“ ist offensichtlich ein persönlicher Lieblingsfilm der Autoren, und auch ich werde nie vergessen, wie schlapp meine Freunde und ich uns mal über ihn gelacht haben (- das Plakat war bereits im Originalband abgedruckt, ohne dass der Film darin behandelt worden wäre.) Aber wenn alle meine Lieblingsfilme Kultfilme wären, dann hätten wir alle keine Sorgen mehr.   

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Die Antwort(en)

Auflösung des Raumschiff-Enterprise-Fehlersuchbilds vom 13. April

Der deutsche Titel der Folge 15 (deutsche Nummerierung) „Shore Leave“ lautet nicht „Landurlaub“, sondern „Landeurlaub“; der deutsche Titel der Episode 16 „The Galileo Seven“ ist falsch, da die Galileo 7 kein Planet ist, auf dem die Landung erfolgen könnte, sondern eine Raumfähre, mit der sie erfolgt – die ZDF-Redaktion hat das im Jahre 1972 bei der Titelvergabe vertüdelt, und der Fehler ist niemals korrigiert worden; das Szenenfoto stammt aus einer ganz anderen (sehr populären) Folge, nämlich „Kennen Sie Tribbles?“.

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Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (27): „Das Netz“

„Das Netz“ – SfB 1969, 47 min. – Credits unter: https://hoerspiele.dra.de/vollinfo.php?dukey=1433326&vi=1&SID

Die Vorhänge waren zugezogen. Das Dunkel im Zimmer wurde von kleinen, springenden Blitzen durchbrochen, die in kurzen und unregelmäßigen Abständen mal hier, mal dort aufzuckten. Das Auge musste sich erst gewöhnen. Alles geschah an der Längswand. Auf Eisengestellen standen sie sorgsam aneinandergereiht: vier, nein, fünf gläserne Kästen …“

Der sympathische Reflex, einer Dame in Not behilflich zu sein, wird Herrn Auer zum Verhängnis. Als er die weinende und völlig verstörte Fremde nach Hause begleitet, liegt dort ihr ermordeter Ehemann. Die Frau gesteht, ihn mit einem Beil erschlagen zu haben. Auer lässt sich davon überzeugen, dass der Tote ein Sadist war und der eigentlich Schuldige in dieser Angelegenheit ist. Doch eine Leiche verschwinden zu lassen, ist mehr als eine kleine Gefälligkeit …

Diese Kriminalgeschichte von Hans Kasper holt uns im Alltag ab, wie es immer so schön heißt, und führt uns zielstrebig in eine zunehmend durchgeknallte Situation. Dass wir überhaupt bereit sind, sie zu kaufen und mit dem Ich-Erzähler gemeinsam durchzustehen, liegt zu einem erheblichen Teil am Medium (in einem Film würde sie nicht funktionieren) und am Hauptdarsteller Joachim Nottke. Seit ich ihn in seiner kleinen Rolle in der deutschen Fassung von „Fenster zum Hof“ erlebte, wo er mit seiner stabilen Redlichkeit dem mordenden Nachbarn von gegenüber zu besonderer Glaubwürdigkeit verhalf, wartete ich sehnsüchtig auf größere Auftritte von ihm – und sah und hörte lange keinen einzigen. Als Fan von „Benjamin Blümchen“-Hörspielen hätte ich ihm regelmäßig begegnen können, schließlich erlebte ich ihn als Kommissar Maigret in einer historischen Funkreihe. Aber in der Tat hat Joachim Nottke vor allem auf dem flüchtigen Feld des Kinotrailers gewirkt.

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Macher und Gemachtes

Es gibt Schauspieler, die jeder liebt – nur ich nicht. Ich vermeide es, auf Parties über sie zu reden – da könnte ich ja gleich politische Diskussionen führen. Und das ist schade, denn Small Talk über kulturelle Themen ist der einzige, der mir wirklich Freude macht.

Robin Williams ist das gefährlichste Beispiel, denn dieser Filmstar – Inbegriff des „traurigen Clowns“ und nach einer fulminanten Karriere durch eigene Hand aus dem Leben geschieden – wird so beinhart geliebt und gepriesen, als handele es sich um einen sehr früh verstorbenen persönlichen Angehörigen, den man nur drei oder viermal getroffen hat, als man noch ein Kind war.
Abgesehen davon, dass mich sein Spiel nicht überzeugt, schätze ich ihn vor allem deshalb nicht, weil er sich als Komiker feiern ließ und ich ihn ums verrecken nicht zum Lachen finde. Schon bei unserer ersten Begegnung im Kinderprogramm der frühen 80er, wo er als „Mork vom Ork“ herauskam, hat sich bei mir nichts abgespielt. Darstellerisch hat er mich nur ein einziges Mal überzeugt: in „Good Will Hunting“ – und diese Rolle hätten Gene Hackman oder Mandy Patinkin garantiert noch besser hinbekommen.
Auf Facebook tauchen regelmäßig Williams-Memories auf, die sein soziales Engagement loben und ihm unterstellen, der liebenswerteste Mensch der nordamerikanischen Unterhaltungsindustrie gewesen zu sein. Selbst wenn ich nichts in der Hand habe, dies zu widerlegen, werden davon doch seine Witze nicht besser. Und seine Filme (von deren Gelingen ja noch einiges mehr anhängt) schon gar nicht.

Mein Freund Torben, dem ich sehr hoch anrechne, dass er trotz meiner Haltung weiter zu mir hält, wird von mir verdächtigt, Robin Williams ebenfalls nicht komisch oder überzeugend zu finden, sondern sich auf der emotionalen Schiene von ihm einwickeln zu lassen: der ist doch so lieb und knuffig und spielt immer so nette Leute.
In der Tat glaube ich, dass das bei allen seinen Fans so ist.

Ich habe schon aufgehört, Filme zu mögen, weil sich ihre Hauptdarsteller irgendwann jenseits ihrer Arbeit als blasierte Nervensägen herausgestellt haben – Tom Cruise etwa oder der Darsteller von diesem Kommissar Schimanski. Aber das ging immer auch damit einher, dass ich mich an ihrem künstlerischen Potenzial sattgesehen hatte.
Noch nie aber habe ich umgekehrt einen schlechten Film gemocht, nur weil einer der Schauspieler Geld gespendet oder versucht hat, mein Mitleid zu erregen.
So funktioniert das bei mir nicht.

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Was ist eigentlich Avantgarde? (Wer ist eigentlich Avantgarde?)

„Avantgarde“ bedeutet „die Vorhut“ – ursprünglich im militärischen Sinne, seit der Jahrhundertwende auch und vor allem auf den Gebieten der Kunst und Gesellschaft, Wissenschaft und Politik. Es geht darum, was Leute machen, die ihren Zeitgenossen voraus sind. Das ist stets damit verbunden, dass alte Zöpfe abzuschneiden sind und sich des Widerstandes ihrer (vor)herrschenden Träger erwehrt werden muss. Dieses recht kühne, romantische Bild haben sich immer wieder einzelne Persönlichkeiten – besonders der Kunst und der Gesellschaft – selbst übergestülpt. Das ist tückisch und ein bisschen peinlich – so wie wenn sich selbst jemand als Lebenskünstler bezeichnet oder wenn ein erwachsener Mensch ein Rendez-Vous mit dem Hinweis eröffnet „Ich bin schüchtern“.
Wer wirklich Avantgarde ist, weiß die Nachwelt am besten zu beurteilen – wenn sie denn überhaupt eine Erinnerung an den Ketzer / Wirrkopf oder notorisch erfolglosen Schriftsteller bewahrt hat, auf den das zutraf.

Der Ausdruck hat aber noch einen anderen Nachteil. Genau wie die Begriffe „Postmoderne“ oder „Neuzeit“ neigt er dazu, als Einordnung rasch zu veralten. „Was soll das sein?“ fragte Marcel Reich-Ranicki immer, wenn ihm jemand mit der „Postmoderne“ kam. „Was soll denn danach kommen?“ pflegte Hanns Dieter Hüsch zu fragen, wenn die „Neuzeit“ bemüht wurde.
Nach gut 100 Jahren ist der Begriff „Avantgarde“ außerdem – wenn auch auf sympathische Weise – selbst veraltet und zur historischen Vokabel geschrumpft. Er basiert auf der idealistischen Vorstellung, dass in den Künsten ein universell menschheitlicher Fortschritt vorweggenommen werde. Das wäre inzwischen eine törichte Überhöhung.

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Wilder Westen inklusive

Das Wiedersehen mit „Westworld“ (USA 1972) war eine milde Enttäuschung. Er ist nicht mehr so wirkungsvoll wie damals, als ich ihn bei seiner Erstausstrahlung in der ZDF-Filmreihe „Der Science-Fiction-Film“ sah. Der Sieg über den schwarz gekleideten Revolverhelden Yul Brunner kam mir diesmal verfrüht und fast zu einfach vor. Natürlich konnten vor einem halben Jahrhundert weder Autor / Regisseur Michael Crichton noch seine Crew voraussehen, dass Glenn Close fünfzehn Jahre später nach ihrem Badewannen-Tod in „Eine verhängnisvolle Affäre“ noch einmal aufstehen würde. Dieses Ereignis hat die Gesetze von Dramaturgie und Timing in Hollywood für immer verändert, wenn es um das Ausschalten mörderischer Quälgeister geht.
Nun habe ich mir auch „Westworld“, die Serie, angeschaut, und auf einmal finde ich den ollen Film doch wieder ganz nett.

Anthony Hopkins hat extra ein Diagramm gemalt, um uns durch diese wirre Storyline hindurchzuleiten. Doch er blufft! (Screenshot aus Folge 6)

Das Remake greift zahlreiche Topoi auf, die sich im letzten halben Jahrhundert im Kino ereignet und zu Klischees verselbständigt haben. Da wären zum Beispiel die verstörenden Flashbacks aus „Total Recall“, die auf andere Realitäten verweisen; das versteckte Regiezentrum über der Kunstwelt aus „The Truman Show“, dessen Leiter Ed Harris in der Serie den Part von Yul Brunner übernimmt; die alles dominierende Wunsch- und Wahnvorstellung, unbedingt „sich selbst finden“ und „ein Mensch sein zu wollen“, die seit „Arielle die Meerjungfrau“ zum grundierenden Brummton sämtlicher Disney-Filme gehört und die von dort aus den gesamten US-Mainstream überwuchert hat; der etwas rührselige Gründer und Parkdirektor, dem sein Werk außer Kontrolle gerät, aus „Jurassic Park“ (ebenfalls von Crichton), hier gespielt vom Super-Stargast Anthony Hopkins.
Und noch vieles andere ist zumindest den älteren Semestern vertraut: die immer wieder von vorne beginnenden Alltags-Szenen aus „Und täglich grüßt das Murmeltier“; die Replikanten (hier „Hosts“), denen unangenehm aufgeht, dass sie Replikanten sind, aus „Blade Runner“; die dräuende Erkenntnis, in einer ausgedachten Welt zu leben, aus „Matrix“ … Auch in puncto Body-Horror nutzt die Serie den Stand der Erkenntnisse voll aus und zitiert etwa den Zusammenbau der Borg-Königin aus „Star Trek – Der erste Kontakt“.
Eine Szene, die offenherzig auf Früheres anspielt, ereignet sich, als Bernard (Jeffrey Wright) etwas im Keller sucht, wo Artefakte aus den Gründerjahren verwahrt werden. Schemenhaft erhascht man hinter ihm im Schatten einen Blick auf den Revolverhelden aus den Kinofilmen – verstaubt und unbeweglich. Es ist ein rarer Augenblick feinen Humors.

Was hat die Serie ihrem Vorläufer sonst voraus, worin unterscheidet sich WW2 von WW1?
Während WW1 immer Science-Fiction bleibt, nutzt WW2 die längere Spielzeit, um immer wieder konsequent ins Western-Genre zu wechseln.
In WW2 wird uns mehrmals erklärt, dass diese Freizeit-Anlage für „reiche Arschlöcher“ gebaut wurde, „die nichts anderes wollen als töten und ficken“, die Macher von WW1 erlaubten dem Betrachter, solche Schlüsse selbst zu ziehen.
In WW1 ist das Morden Männersache, in WW2 gibt es Revolverheld*innen, Killer*innen, Desperad*innen und Macho*innen.
In WW1 treffen wir Charaktere, die einfach böse sind. In WW2 hat jede/r Böse (sogar die Androiden) auch einen Grund für sein / ihr Bösesein: ein Trauma, eine Depression, ein Burnout, verschüttete Erinnerungen an die eigene Ermordung etc. – und erklärt das früher oder später in aller Ausführlichkeit.
Die Musik in WW1 stammt (wie auch in der Fortsetzung „Futureworld“) von Fred Karlin, einem begnadeten Handwerker. In WW2 hören wir die aus anderen Serien sattsam bekannten Klangbetten und Dreivierteltakt-Vamps aus dem Baukasten von Ramin Djawadi – der das musikalische Idiom des Western völlig ignoriert. Jede Melodie, die diese Bezeichnung überhaupt verdient, ist ein Zitat aus Pop oder Klassik.
Gemäß den heutigen Gepflogenheiten in der Berliner Synchronbranche, haben einige der männlichen Sprecher einen S-Fehler. In den 70er Jahren hätte man sie höflich nach Hause geschickt.
Während WW1 einfach nur unterhalten wollte, gibt uns WW2 immer wieder Stichworte, die ganze Geschichte als Zivilisationskritik zu lesen. Diese unterbrechen eine spätestens ab Folge 6 restlos konfuse Gewalt-Orgie, in der mehr Leichen produziert werden als in allen Weltuntergangsfilmen zusammen. (Jaja, schon klar, es sind ja fast alles Automaten …)

Die Dialoge in WW2 sind tödlicher als jede Gewehrkugel: „Ich kenn das Lied, das du pfeifst, wenn du zum Pissen gehst!“ – „Die Hölle ist entvölkert! Die Teufel sind alle hier!“ – „Der einzige Nachteil bei den sieben Todsünden ist, dass es nur sieben sind.“ – „Neben dieser Storyline wirkt Hieronymus Bosch wie ein Kinderbuch-Illustrator.“ – „Du hast meine Frau getötet! Du hast meinen Stammbaum ganz schön gestutzt!“ … All das ist wird mit dem heiligen Ernst echter Männer und Mannweiber vorgetragen. Die gelegentlichen Anflüge von Ironie klingen dann so: „Glaubst du an das Schicksal?“ – „Wenn das Miststück existiert, würd’ ich ihm jetzt gerne in die Fresse hauen!“
Einmal sagt die bitterböse Charlotte einen Satz, der sich an die Macher von „Westworld“ selbst richtet: „Die meisten Gäste wären mit etwas weniger Überladenem auch zufrieden.“
Was heißt hier „auch“?

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Kultfilme – Die Liste

Fortsetzung vom 14. Mai 2024

Vor 49 Jahren wagten es zwei Filmjournalisten, sich für eine Buchveröffentlichung auf 40 Filmtitel festzulegen, die der Definition eines Kultfilmes entsprechen (Leistungszeitraum: 1927 bis 1980). Dies ist die Liste, der Streit kann beginnen:

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Kultfilme – Nachbetrachtung eines Schlagworts

1985 begeisterte mich ein ungewohnt ambitionierter Band aus der schmucklosen Heyne-Taschenbuchreihe über Filmschaffende. Die Nr. 73 war nicht nur etwas umfangreicher, sie enthielt lupenreines Feuilleton. Und sie hatte ein Thema, das die Begrenzungen einer einzelnen Künstlerbiographie oder eines Genre-Themenbandes sprengte: „Kultfilme“.
Natürlich ist ein so altes Sachbuch heute zwangsläufig überholt, zumal die Autoren Ronald M. Hahn und Volker Jansen in ihrem Vorwort zum Ausdruck bringen, wie sehr sie sich in der Länge einschränken mussten. Doch mein arg abgegriffenes Exemplar hat seinen Wert behalten. Die hierin vorgestellten 40 Filme (sie entstanden von 1927 bis 1980) bilden eine beständige Auswahl.
In den knapp 40 Jahren seit ihrem Erscheinen hat sich nicht nur die Definition des Kultfilm-Begriffs (siehe unten) völlig verändert. In der Art wie wir Filme konsumieren und beurteilen ist auch sonst kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Mein Verdacht, es könnte ab Mitte der 80er ohnehin keine oder kaum noch weitere Filme gegeben haben, die im eigentlichen Sinne „Kultfilme“ sind, wollte sich nicht vertreiben lassen.
Er erhärtete sich, als mir dieser Tage die erweiterte „Kultfilme“-Neuauflage von 1998 in die Hände fiel. Hier waren es nun „die 100 besten …“ (wie sich das gehört) – die Film-Taschenbücher von Heyne sahen mittlerweile nicht nur flotter aus, sie durften auch wesentlich dicker sein.
Zwar sind alle 100 Aufsätze zu den einzelnen Titeln von gewohnter Brillanz, doch das Thema, das der gleichgebliebene Titel verspricht, ist verfehlt.

Bereits Ende der 90er war „Kultfilm“ längst ein Werbespruch, ein Wischiwaschi-Ausdruck, der
a) von Fans gebraucht wird, wenn sie ihren persönlichen Lieblingsfilm zu einem der Allgemeinheit erklären möchten
b) von Marketingleuten gebraucht wird, um ihr neues Produkt hochzujazzen, dass zwangsläufig noch niemand gesehen und das folglich noch gar keinen Kult generiert haben kann („Versäumen Sie nicht den neuen Kultfilm von Bully Herbig!“ …).
Woran man einen wirklichen Kultfilm erkennt, hat sich im Laufe der Zeit eine Reihe angemessen pingeliger Fachleute überlegt.
Ein Kultfilm ist ein Film, …

„… der im Ersteinsatz bei Kasse und Kritik durchgefallen ist, der aber durch Wieder- und Spezialaufführungen seinen Weg gemacht hat.“ – Stuart Byron in „Film Comment“ Oct./Sept. 1976

„… dessen Wirkung sich nicht aus seiner Qualität herleiten lässt. Weniger vornehm ausgedrückt: ein Film, bei dem man auf die Frage: ‚Verstehst du, warum da alle hingehen?‘ mit ‚Versteh ich auch nicht‘ antwortet.“
Hellmuth Karasek in „Film Comment“ Oct./Sept. 1976

Und weiter:

„Kultisten sprechen die Dialoge mit, sie kommentieren Szenen oft durch Jauchzen und Johlen und imitieren das Geschehen auf der Leinwand durch Bewegung, Körperhaltung, Gestik, Mimik, Tonfall und nicht zuletzt durch Requisiten aller Art.“
Ronald M. Hahn und Volker Jansen in „Kultfilme“, München 1985

Das sind natürlich nur Indizien, die nicht vollständig aufscheinen müssen und die sich in unserer geflissentlichen Ära eh überlebt haben. Dass ein Kultfilm zunächst nicht auf seinen großen bzw. langanhaltenden Erfolg hoffen konnte oder ihn erst spät erfuhr, trifft aber auf viele Beispiele zu. Die in der erwähnten Neuausgabe hinzugefügten Titel Nr. 41 bis 100 sind mancherlei (Blockbuster, Klassiker, vieler Leute Lieblingsfilme …), aber eben keine Kultfilme mehr.
Das wussten die Autoren natürlich selbst. Im Nachwort räumen sie das auch ein, nicht ohne für ihre Zusammenstellung auf eine letzte Sonderregelung zu spekulieren: „Kultfilme sind Filme, die Zeitströmungen erfassen, die zunächst Minderheiten faszinieren. Das Zeitalter der totalen Information und Vermarktung auf allen Ebenen lässt solchen Filmen keine Zeit, sich zu entwickeln. So kommt es, dass (…) das ‚Genre‘ in seiner reinen Form (…) langsam, aber sicher ausstirbt.“

Das führt uns zu der spannenden Frage: welches sind jene 40 Filme?

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Raumschiff Enterprise – Fehlersuchbild

In diesem Programmhinweis für den Pfingstmontag sind drei Fehler versteckt.
(Auflösung am Pfingstmontag)

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