Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Ixen für Anfänger: Königsdisziplin Hörbuch

betr.: Sprechen am Mikrofon / Lesen vom Blatt

Im Rahmen eines Podcast-Projekts (später spruchreif) bat ich einen prominenten Sprecherkollegen, einen literarischen Text einzulesen. Er hat es tatsächlich getan – mir zuliebe und obwohl er sich seit Jahrzehnten allen Hörbuchanfragen und Gagenangeboten tapfer verweigert hat. Vom Schauspiel kommend und im Synchron zu Ruhm gelangt – mit gelegentlichen Hits in der Werbung – erklärte er mir, die klassische Lesung stets gemieden zu haben und daher und dort über keinerlei handwerkliche Routine zu verfügen. Er stand also vor zwei gleichermaßen indiskutablen Möglichkeiten: sich von einem mehrere 100 Seiten langen Skript zur Verzweiflung treiben zu lassen oder: einfach hudeln (wie es auf dem Gebiet des Hörbuchs ja allzu häufig geschieht).
Entsprechend intensiv war nun also die Vorbereitung der tatsächlich eingelesenen Kurzgeschichte – und ungewohnt zeitintensiv die Aufnahme.
Dieser kleine Ausriss aus seinem Manuskript macht sichtbar, was beim Blattlesen so alles im Kopf des Interpreten passiert. Ich danke sehr für die Überlassung dieses Einblicks in die Werkstatt!

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Sehnsucht nach dem nächsten Barbenheimer

Das Kunstwort „Barbenheimer“ ist eine Sprachschöpfung des zurückliegenden Kinojahres. Wie man sich erinnert, starteten am selben Tag zwei teure Großproduktionen aus Hollywood, die einander in der Gunst der Publikums eigentlich hätten gefährlich werden müssen: „Barbie“ und „Oppenheimer“. Doch die beiden Filme waren so unterschiedlich und machten das Publikum schon unabhängig voneinander so neugierig, dass der Hype den Gedanken beförderte, man sollte sich einfach beide anzuschauen, um das „Barbenheimer“-Phänomen umfänglich verstehen zu können.
Also liefen sowohl die Interessenten der Geschichte des Vaters der Atombombe J. Robert Oppenheimer in den Film über die berühmteste weibliche Spielzeugfigur als auch umgekehrt. Anstatt sich zu kannibalisieren – wie es etwa zwei kurz hintereinander gestartete Superheldenfilme getan hätten – trieben das zeitgeschichtliche Drama und die pseudofeministische Spielzeugkomödie einander zusätzliches Publikum zu. Zusammen spielten beide Produktionen weltweit fast zweieinhalb Milliarden Dollar ein und sorgten in Nordamerika für fast ein Zehntel der gesamten Kinoeinnahmen 2023.
Dieser Erfolg tröstete Hollywood im tiefen Tal seiner bisher schwersten Krise: einer zunächst qualitativen und in der Folge auch kommerziellen Phase großer Sorge und Verunsicherung. (Angeblich gab es Ende der 60er Jahre schon mal eine ähnliche finstere Zeit, aber die Mainstream-Flops kurz vor dem Beginn von → „New Hollywood“ wirken inhaltlich geradezu gediegen im Vergleich mit dem Hollywood-Trash der 2000er Jahre.)

Die Hoffnung, ein solcher Doppel-Knaller könnte sich wiederholen oder künftig sogar planen lassen, ist mit Händen zu greifen.

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Eine Welt ohne Angebot

betr.: 33. Geburtstag des Bezahlsenders premiere“

Als ich mich kürzlich um einen Satellitentechniker bemühte, um die Anlage auf dem Dach überholen zu lassen, wurde mir von einem „Kommunikationstechniker“ erklärt, dass so etwas gar nicht mehr angeboten wird. (Er verriet mir das aber erst nach einer kostenpflichtigen Begehung des Dachs …) Ich hätte genausogut nach einem Webstuhl-Service fragen können.
Um mich aufzumuntern, sprang mir aus einem meiner Schnippelordner eine Rubrik aus einer alten Kulturbeilage ins Auge. Der „Rheinische Merkur“ hielt einst am unteren Ende seiner Seite mit Video-Neuerscheinungen einen TV-Tipp parat, in dem Sinne: das sollten Sie unbedingt aufzeichnen und ihrer Sammlung alter Schinken ebenfalls hinzufügen. Im Januar 1987 waren solche privaten Cassettensammlungen der heiße Scheiß – und das war gar nicht mal so unpraktisch. Jedenfalls fand man immer einen Film, auf den man sich verständigen konnte, wenn ein gemeinsamer Filmabend anstand.

Das heutige körperlose Überangebot an Filmen und Serien ist in solchen Fällen jedenfalls keine Hilfe. Das geht nicht nur mir so (und den Leuten, die dann jeweils mit mir zusammensitzen), wie ich immer wieder feststelle. Die endlose Käsekästchen-Angebotsstruktur der Streamingdienste kann einen ganz kopflos machen, wenn man gemeinsam draufschaut. In den Worten einer Kolumne von dieser Woche: „Manchmal sitze ich mit meiner Frau vor dem Fernseher auf der Suche nach einer Serie, die wir gucken können. Wir suchen und suchen in diesem riesigen Kosmos voller ‚Content‘. Nach einer halben Stunde geben wir schöpft auf und schauen auf Kabel eins noch mal den Rest von ‚Ghostbusters‘.“

Ach ja – im besagten „Merkur“ stand damals in der Spalte für den TV-Tipp leider nur:

(Abgesehen von gelegentlichen linearen 80er-Fundstücken wie „Ghostbusters“ verläuft heute unser ganzes Leben „ohne Angebot“.) Anno 1987 wird sowas nicht so schlimm gewesen sein, denn es war ja immer ein Regal voller VHS-Cassetten in der Nähe.

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Zeit ist Geld ist Zeit ist Geld

Dass vertrödelte Zeit Kosten verursacht und gesparte Zeit auch Geld einspart, werden wir alle schon erlebt und empfunden haben. Zeit ist bekanntlich Geld. Aber ist Geld auch Zeit?
Nicht ganz.
Wenn ich vergeblich auf jemanden warte, der sich für einen Termin angesagt hat, verschwendet er meine Zeit. Selbst wenn er diese ausgefallene Stunde bezahlt, ändert das emotional nichts an der Situation, in die ich gebracht wurde. Dass er sein Geld ebenfalls verschwendet hat, macht diese Unannehmlichkeit nur buchhalterisch wieder wett. Sein Geld lässt sich ersetzen (bei einem solchen Betrag geschieht das sogar automatisch), meine Zeit nicht. Die ausgefallene Stunde wird nicht wiederkommen.
Mit leuchtet ein, dass man für die beschriebene Empfindlichkeit besonders anfällig ist, wenn man seinem Gewerbe mit Hingabe („Liebesmüh“) nachgeht. Als Künstler passiert das eher als in einem Beruf, der insgeheim und insgesamt als Verschwendung von Lebenszeit empfunden wird.

Im Sommer 1950 arbeitete der Raymond Chandler mit dem in einer kleinen Krise steckenden Regisseur Alfred Hitchcock am Drehbuch für „Der Fremde im Zug“ – eine für den Schriftsteller ermüdende und frustrierende Erfahrung – obwohl er am Beginn eines Beschwerdebriefes beteuert, dem Regisseur „nicht gram“ zu sein, „da solches Verhalten zur normalen Verderbtheit Hollywoods zu gehören scheint (…) Aber (…) warum um Himmelswillen machten Sie sich (…) überhaupt die Mühe, zu mir zu kommen? Was für eine Geldverschwendung! Welch eine Vergeudung von Zeit! Zu sagen, ich sei gut dafür bezahlt worden, ist keine Antwort. Niemand kann angemessen dafür bezahlt werden, dass seine Zeit vergeudet wird.“
Chandler erhielt eine Wochengage von 2500 Dollar und durfte (siehe oben) im Homeoffice arbeiten, seinem schmucken Anwesen in La Jolla.

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Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (26): „Schuldfrage“

Kriminalhörspiel von Eva Maria Mudrich – WDR 1982 – Credits und komplettes Hörspiel unter https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/krimi-am-samstag/schuldfrage-mudrich-pastewka-100.html

„Frei sein! Das hätten wir wahrhaftig anders und einfacher regeln können!“ – „Aber wir haben’s nicht anders geregelt! Wir haben uns treiben lassen! Bequemlichkeit – nenn es wie du willst! Und jedes Jahr ein Jahr meines Lebens …“

Marlies Torgau ist Abteilungsleiterin einer Versicherungsgesellschaft. Als sie ahnungslos von einer kurzen Reise zurückkommt, erfährt sie von ihrem Chef, dass ihre mustergültige, allseits beliebte Jugendfreundin Cornelia Mahnke am Wochenende ermordet aufgefunden wurde. Der Chef lässt Marlies nach Hause gehen, und sogleich beginnt sie, eigenartige Dinge zu tun. Sie fährt zu ihrem ehemaligen Segelclub und bittet den Bootswart für den Fall des Falles auszusagen, sie hätte das letzte Wochenende im Club verbracht. Dann fährt sie weiter zu Mahnkes. Dort trifft sie auf Jochen, Cornelias Mann. Jochen zeigt Marlies offen sein Misstrauen und treibt sie mit bohrenden Fragen in die Enge. Schließlich wartet auch noch die Polizei bei ihr zuhause auf sie zum Verhör.
Doch dann haben wir Gelegenheit, ein überraschendes Telefongespräch zu belauschen …

Eva Maria Mudrich, die vom Kinder- und Jugendfunk kam, war eine fleißige Autorin von Original-Hörspielen. Auf dem Gebiet der Science-Fiction hat sie sich dort einen Namen gemacht, dessen Größe von dem Umstand gedeckelt wurde, dass das künstlerische Hörspiel generell ein notorisch unbeachtetes Feld ist.
Bezeichnenderweise hat der deutsche Film – der seit dem Ende der Stummfilmzeit praktisch nichts richtig gemacht hat – dieser Autorin nichts zu tun gegeben.

Selbst Mudrichs Krimihörspiele haben diesen leichten surrealistischen Knick, jenen phantastischen Twist, der eine gute Geschichte ausmacht. Mudrichs Arbeiten erfordern ein ausgeruhtes Ohr, denn sie sind – selbst die Kammerspiele – sehr kompliziert (nicht nur komplex und konstruiert – kompliziert). Ihnen zu lauschen, ist jedoch stets ein Aufwand, der sich lohnt!
„Schuldfrage“ ist recht geradlinig. Gewohnt unbehaglich ist der Sog, der uns nach wenigen Minuten erfasst. Die getriebene Hauptfigur, die Versicherungsangestellte Marlies, lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Und wenn sie kurz vor Schluss der Geschichte endlich abgeht und uns noch ein wenig mit einem anderen Charakter alleinlässt, wenn wir endlich das Gefühl haben, einen eigenen klaren Gedanken fassen zu können, ist es längst zu spät.
„Schuldfrage“ wurde in den 90er Jahren als Kaufcassette angeboten.

Und hier noch ein persönliches Nachwort:
Wann immer ich den Namen der Autorin höre, meistens im Zusammenhang mit einem herrlichen Hörspielerlebnis, durchzuckt mich ein leises Weh. In meiner Saarbrücker Radiozeit arbeitete ich regelmäßig mit ihrem Sohn, dem Jazzmusiker Christoph Mudrich zusammen; ihr Mann Heinz, Feuilletonchef der „Saarbrücker Zeitung“, hat mich einmal ausführlich interviewt. Doch ich hatte keine Ahnung, dass die Mutter dieser Familie – wir sind einander nie begegnet – jemand gewesen ist, den ich heute für eine der interessantesten deutschen Autorinnen überhaupt halte (innerhalb und außerhalb ihres Mediums). Wie aufregend wäre es gewesen, sie kennenzulernen und – nun ja: – auszuquetschen über ihre Arbeit, ihre Zeit, ihre Arbeitsweise, ihre Vorbilder (Günter Eich!) etc.? Aber ich hatte nunmal keine Ahnung. Und ebenso ahnungslos bin ich heute im Umgang mit Menschen, die nicht mehr da sein werden, wenn ich dahinterkomme, wer sie eigentlich sind. Es ist ein tragischer Treppenwitz meines Daseins, der auf (noch) fehlender Information beruht. Und darauf, dass man seiner Mitwelt nicht immer die richtigen Stichworte gibt und die richtigen Fragen stellt.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2019/12/16/christoph-mudrich/.

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Lauernde Hebel und hämische Tasten

Was der klassische Horrorfilm uns heutigen Mediennutzern zu sagen hat

Der tägliche Umgang mit Computern erzieht zur Demut. Das geht übrigens auch jungen Leuten so, die reden nur nicht darüber. (Wenn ich meinen blutjungen Neffen bitte, mir bei der Verwirklichung einer App zu helfen, habe ich hinterher immer ein schlechtes Gewissen, weil ihn das so viel Zeit und Nerven gekostet hat.)

Wer alte Gruselfilme kennt, wird sich schon darüber amüsiert haben: Jeder verrückte Wissenschaftler, der etwas auf sich hielt, hatte damals an seinem Arbeitsplatz einen Knopf oder Hebel, den man auf gar keinen Fall berühren durfte, weil dann das ganze Labor in die Luft flöge. (Man könnte von einer Fuck-The-System-Taste sprechen.) Ich dachte dann immer: wie tollkühn und unbesonnen. Eine solche Vorrichtung würde ich einfach nicht einbauen. Und wenn, dann würde ich es für mich behalten. Prompt flog am Ende alles in die Luft – meistens, weil jemand mit Absicht am Knopf herumgefummelt hatte.
Mit etwas Nachsicht betrachtet ließ sich der Grund für diese Torheit natürlich erahnen. Die Autoren brauchten so einen Knopf, um am Ende des Films Tabula rasa zu machen – es war eine Zeit ohne Franchise, und das Konzept der Fortsetzung steckte noch in seinen Anfängen.
Heute ist mir das Kopfschütteln über die irren Kollegen Forscher und Erfinder vergangen. Selbst bei der Herstellung dieses Blogs unterlaufen mir regelmäßig unterbewusste Tastenkombinationen, die plötzlich alles weiß werden lassen oder tatsächlich unwiederbringlich löschen, was ich in den letzten Stunden erarbeitet habe. Warum solche Kettenreaktionen überhaupt programmiert werden, weiß der Geier. Würden sie nicht programmiert, könnten sie von irdenen sterblichen Usern auch nicht versehentlich aktiviert werden.

Im Prolog eines britischen Gruselklassikers wird dafür die schöne Formulierung „to call forth“ gebraucht: etwas Unheiliges erwecken, einen Fluch auslösen …

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