„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (68)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 21. Januar 2023

Sunlight lächelte wie ein Wolf. „Das kann ich mir denken!“
Der Playboy schluckte, er fühlte sich ein wenig unbehaglich.
„Sie meinen, dieser Savage.“ Er kratzte sich am Kopf, dachte angestrengt nach und erwischte einen Zipfel des Sachverhalts. „Sie meinen, Savage hat diese blaue Kuppel gebaut?“
„Die blaue Kuppel“, sagte Sunlight mit Nachdruck, „ist Savages Festung der Einsamkeit.“
„Festung der was?“
„Die Festung der Einsamkeit ist der Platz, an dem Savage seine wirklich wichtigen Studien betreibt“, erläuterte Sunlight. „Hier finden auch die Experimente statt, die er für zu gefährlich hält, als dass er sie in New York abhalten könnte.“
Der Playboy schluckte.
„Das … das ist phantastisch“, stammelte er. Er riss sich zusammen. „Aber die Leute reden viel, man darf nicht alles glauben.“
Sunlight nickte.
„Sie haben recht“, bestätigte er, „man darf nicht alles glauben. Aber vergessen Sie nicht, dass Savage tatsächlich eine phantastische Persönlichkeit ist, er ist in vielerlei Beziehung seiner Umwelt um Jahrzehnte voraus. Dieser Ort, diese Festung der Einsamkeit, war völlig unbekannt. Savage hat die Kuppel von Eskimos bauen lassen, das Material ist mit Flugzeugen herangeschafft worden, und es hat lange gedauert, bis die blaue Kuppel, wie Savage und die Eskimos die Halbkugel nennen, fertig war.“
Monk merkte, dass er den Mund offen hatte, und klappte ihn zu. Er wusste, dass die Geschichte, die der Playboy so phantastisch fand, bis ins Detail stimmte; er fragte sich aber, woher Sunlight so genau informiert war. Monk hatte auch gewusst, dass es die Festung der Einsamkeit gab, er hatte nur keine Ahnung von der Lage gehabt. Doc Savage hatte keinen seiner Männer eingeweiht. Er verschwand von Zeit zu Zeit, manchmal für Monate, und es war dann ganz unmöglich, ihn zu erreichen.

Wenn Doc von diesen Reisen zurückkam, erklärte er lediglich, dass er in seiner Festung der Einsamkeit gewesen war — und im allgemeinen brachte er von diesen Reisen neue Erfindungen und Entdeckungen mit, die die Fachwelt in Erstaunen versetzten.
Die Festung der Einsamkeit! Monk hatte gewusst, dass sie ein prächtiges Gebäude sein musste, wahrscheinlich mit einer riesigen Bibliothek und einem vorzüglich ausgestatteten Laboratorium — aber Einzelheiten hatte Doc ihm vorenthalten. Jetzt also sollte er dieses Bauwerk kennenlernen …

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Geheime Cover-Kunst

betr.: 12. Todestag von John Barry

Der heutige Tag ist ein guter Anlass, eine uralte – na, sagen wir gut 60 Jahre alte – Menschheitsfrage zu klären: ist John Barry nicht der eigentliche Komponist des „James Bond Theme“ und taucht Monty Norman nur im Sinne wüster Korinthenkackerei beharrlich auf den Plattencovers und in den Abspännen auf? Antwort: Jawoll! Norman hat ein musikalisches Gerüst geliefert (ein sehr witziges übrigens), und Barry hat durch sein Arrangement den Titel eigentlich erst gemacht. Er müsste als Mitautor geführt werden (wie ein Textautor). Dass dies qua Gerichtsbeschluss nicht geschieht, hat Barry erbittert und letztlich den Rückzug aus der Pinewood-Außenstelle des britischen Geheimdienstes antreten lassen.
Nachdem das endlich geklärt ist, können wir uns dem Hinweis hingeben, dass herrliches Cover-Design nicht nur bei Langspielplatten möglich ist, sondern auch bei Einzelausgaben. Ein Durchwühlen lohnt sich! Codewort: John Barry!

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Die widergefundene Textstelle: Kishon spielt um sein Leben

betr.: 18. Todestag von Ephraim Kishon

Im Arbeitslager spielten Hirtenberg und ich Schach auf einem kleinen Brett, das wir heimlich von zu Hause mitgebracht hatten. Plötzlich hörte ich hinter mir eine Stimme: „Es ist nicht der richtige Zug, Junge!“ Ich drehte mich um und fiel fast in Ohnmacht. Hinter mir stand Gott persönlich: Gott in Uniform. Bekannt auch als der Lagerkommandant. Ich wagte ihm dennoch zu widersprechen: „Gestatten Sie, Herr Kommandant – nach dem Buch des internationalen Großmeisters Maroczy Geza ist das sehr wohl der richtige Zug. „Du irrst dich!“ sagte Gott. „Nicht dein Zug ist in dem Buch beschrieben, sondern ein Sprung mit dem Läufer.“ Ich antwortete: „Mit Verlaub, aber der Zug, den Herr Kommandant meinen, ist in dem Buch falsch angegeben. Im Anhang befindet sich eine Liste der Druckfehler, die der Herr Kommandant sicherlich übersehen haben. Dort steht, dass der Zug so durchzuführen ist wie ich es mir erlaubt habe.“ – „Rühr dich nicht von der Stelle!“ befahl er und verschwand. Kurz darauf kam er mit dem Buch Maroczys zurück. „Nimm deine Sachen, und komm mit!“ ordnete er an und führte mich in sein Büro im Hauptquartier. Ich musste den gelben Streifen vom Arm nehmen, und er sagte: „Du bleibst hier!“

Kishon nimmt an, dass er diese Zeit überlebt hat, weil er von nun an regelmäßig mit dem Kommandanten Schach spielte. Und er  musste ihn gewinnen lassen, um ihn nicht zu verärgern. Natürlich durfte der Kommandant das nicht merken, denn das hätte ihn noch mehr verärgert.

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Der Komiker als Filmheld (16): „The Big Sick“

In dieser Reihe werden Filme vorgestellt, deren Helden Komiker sind. Nach einer kurzen Inhaltsangabe werden sie hauptsächlich danach beurteilt, wie kundig und glaubhaft sie diesen Beruf abbilden. (Meistens entspricht dieser Aspekt aber auch der Gesamtnote.) Biopics werden an anderer Stelle behandelt.
Einige dieser Filme werden bis Ende Februar im METROPOLIS Kino Hamburg in der begleitenden Filmreihe „Die freiwillig komische Leinwand“ vorgestellt.

Der junge pakistanische Uber-Fahrer Kumail versucht in einem Chicagoer Comedy-Club zu reüssieren. Seine traditionsbewusste Familie verübelt es ihm, setzt ihn aber nicht übermäßig unter Druck. Nach einem Auftritt lernt Kumail Emily kennen. Jedesmal, wenn die beiden Sex hatten, versichern sie einander die Unverbindlichkeit ihrer Beziehung. Es gibt den ersten Krach, als Emily dahinterkommt, dass Kumails Familie nichts von ihr weiß und eine Hochzeit nach pakistanischer Sitte für ihn arrangieren will. Erst jetzt erkennt Kumail, wie ernst ihm die Sache ist. Ohne sich mit ihm versöhnt zu haben, erkrankt Emiliy plötzlich und wird in ein künstliches Koma versetzt. Kumail sucht weiterhin ihre Nähe und freundet sich im Krankenhaus mit ihren Eltern an. Er sehnt den Tag ihres Erwachens ebensosehr herbei wir er sich vor ihm fürchtet …

„The Big Sick“ (2017) ist ein beinhartes Feelgood-Movie (Holly Hunter ist mal wieder gar nicht so schlimm wie sie aussieht). Das ist legitim, und der Film ist von der Kritik sehr gelobt worden. Leider leistet er sich die für eine RomCom üblichen Nachlässigkeiten und Kitsch-Exzesse. Er zeigt uns typische junge Stadtmenschen im Zeitalter der selbstoptimierten und anspielungssatten Dauer-Flippigkeit beim druckreifen Smalltalk und skizziert damit vermutlich seine Zielgruppe. Kumails konservative Familie benimmt sich immer so unlogisch wie die Storyline es gerade braucht. Zunächst tritt sie nachsichtig, naiv und alles in allem sehr westlich auf, dann verstößt sie den Sohn urplötzlich – aber meint das letztlich auch wieder gar nicht so. Die Atmosphäre und das Verhalten des Publikums im Club sind stimmungsvoll eingefangen, auch die Comedians, denen wir ausgiebig bei der Arbeit zusehen können, sind realistisch gezeichnet. Sie reden in ihren gemütlichen Backstage-Sesseln pausenlos von ihrer Karriere, anstatt an ihren Nummern zu feilen (wobei der dräuende „Montreal-Auftritt“ eine Nebenhandlung bildet), sind aber als Komiker in ihren Sets ebenso unkomisch wie als Charaktere. (Der Film gibt das anständigerweise sogar zu.) Selbst „Saturday Night Life“-Ensemblemitglied Ady Bryant fällt in ihrer Nebenrolle nicht positiv auf. Umso mächtiger legen sich die übrigen Figuren mit ihrem Geblödel ins Zeug, besonders Emilys verzweifelte Eltern. Unentwegt wird gekalauert und mit Pointenversuchen um sich geworfen, sogar im Trauerraum des Krankenhauses. Alle Figuren reden wie in einem (etwas faden) Stand-Up-Monolog und graben damit dem Helden das Wasser ab. Insofern wird „The Big Sick“ seinem gewählten Milieu, der Comedy, nicht gerecht.

Das Drehbuch stammt von Kumail Janjiani, der sich selbst spielt, und seiner Frau Emily V. Gordon, die hier die Anfänge ihrer Beziehung verarbeitet haben. Der Film ist jedoch nicht als Biopic, sondern als romantische Einwanderergeschichte vor dem Hintergrund der humoristischen Subkultur angelegt.

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Ausgesessen

betr.: 78. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Die heutige Zeremonie zum 78. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ist die erste, bei der auch jene Menschen in den Blick genommen werden, die wegen ihrer sexuellen Identität zum Opfer des Nationalsozialismus geworden sind. Seit einigen Jahren lässt sich diese Gruppe unter dem Begriff „queer“ recht gut zusammenfassen.
Als ich mich Mitte der 80er Jahre erstmals traute, eine Schwulengruppe zu besuchen, versprach man mir, unser Staat würde erst den Tod derjenigen abwarten, die man entschädigen müsste, ehe sich an ihrer Missachtung etwas ändern würde. Diese Weissagung hat sich erfüllt. Bis 1968 hatte sich das NS-Gesetz, das Homosexualität unter Strafe stellte, im Grundgesetz erhalten, ehe es entschärft wurde. An die völlige Abschaffung des Paragraphen 175 hat damals in unserem Gesprächskreis noch niemand ernstlich geglaubt. Sie erfolgte 1994.

Wie machtvoll der fortbestehende „175er“ nach 1945 in das Leben der Homosexuellen eingriff, lässt sich sehr gut an der Biographie des schwulen Entertainers Joe Luga ablesen. Im Dritten Reich gelang es ihm, der als Truppenbetreuer auch en travestie auftrat und so manchen Offizier als Groupie hernach um den Finger wickelte, seine Neigungen juristisch unbelangt auszuleben. In der Adenauerzeit landete er wegen seiner Homosexualität zweimal im Zuchthaus. 
Joe Luga hat diese Erlebnisse zwar niedergeschrieben, sie aber in seiner Autobiographie letztlich doch nicht lesen wollen. Sie wurden im ST. GEORGE HERALD als Serie nachgereicht.* Der heutige Tag ist ein guter Anlass, sie wiederzulesen.
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* Beginnend mit https://blog.montyarnold.com/2021/01/12/17308/

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Von federleichtem Hintersinn

Zum Tode von Wolfgang Draeger

Heute abend teilt sich die Welt in zwei Gruppen: die Hörspielfans, die um Wolfgang Draeger trauern, und die Filmfans, die dies tun. Ich zähle zur zweiten Gruppe, zu den WoodyAllen-Liebhabern, die jedesmal einen Augenblick brauchen, um diese Stimme aus dem Munde eines anderen Schauspielers zu erkennen. Es gelingt immer recht zügig, und dann freue ich mich umso mehr über den Fortgang der Handlung. Natürlich habe ich die Originalstimme von Woody Allen längst ebenfalls kennengelernt und verinnerlicht. Aber seine deutsche Stimme ist mir die echtere.

Wolfgang Draeger gehört zu dieser magischen Generation von Synchronsprechern, die zuerst Schauspieler waren und deren Leistungen mich auf Lebenszeit zum Fan der Synchronkunst gemacht haben, also zum Verehrer dessen, was auf diesem Gebiet im Glücksfall möglich ist bzw. war. In jenen Tagen durften die Kollegen am Mikrofon noch aufeinander reagieren – mussten also viel mehr Zeit mitbringen, was aber ihren künstlerischen Background optimal abrief und dem Ergebnis gutgetan hat. Viele dieser Synchronfassungen klingen spielerisch wie akustisch genauso wie deutsche Originaltonspuren der selben Ära, was wirklich eine Harke ist.
Wolfgang Draeger ist erst recht spät und zufällig in diese Berufssparte hineingerutscht. Der große Ottokar Runze könnte dabei eine Rolle gespielt haben. Er war Leiter des Berliner Theaterclubs im British Centre, wo Draeger engagiert war, nachdem er Schauspielschule und frühe Engagements in der Provinz absolviert hatte. Runze war als Dialogregisseur übrigens generell der Meinung, dass es nach einem halben Tag im Atelier keinen Zweck habe, einen Sprecher weiter zu strapazieren. Danach sei die Batterie einfach leer, und man sollte ihm bis zum nächsten Tag Zeit geben, sich zu regenerieren. Zumindest unter seiner Regie hat man also auch in der Zeit vor dem Ixen irgendwann die Sonne gesehen.
  
Wolfgang Draeger gehörte übrigens nicht zu den vielen Synchronstars, die damit kokettierten, im Grunde müsste man sie als Schauspieler verehren, deren wahre Bedeutung unter der allgemeinen Wertschätzung für eine geringere Arbeit (nämlich die im Synchronstudio) begraben worden sei. Er war ein guter Bühnenschauspieler (wie mir eine strenge Kollegin bestätigte), hätte sich dort aber nie vergleichbar verwirklichen können (wie er selbst zugab).
Zum ersten Mal muss ich seine Stimme aus dem Schnabel des Vogels Bibo in der „Sesamstraße“ gehört haben, wo er auch Regie geführt hat. Die ersten 100 Folgen habe ich als Teil der Zielgruppe damals angeschaut, ohne eine einzige zu verpassen. Doch meine Erinnerung an die Details ist vernebelt. Wenn zurückdenke, klingt Bibo eher wie Kermit (so wie Kermit später in der „Muppet Show“ geklungen hat, also anders in der „Sesamstraße“). Dieser Irrtum mag den unzähligen glücklichen Stunden mit Wolfgang und Woody geschuldet sein.   

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Painted Clowns – Die Geheimnisse der Prominenz

Vorwort zur neuen Serie im ST. GEORGE HERALD

Der Begriff „Prominenz“ ist so allgegenwärtig wie nie – was zwangsläufig bedeutet, dass sein Gegenstand implodiert ist. Wenn sich jeder, der will, als „Promi“ fühlen darf, dann – seien wir ehrlich – ist das Besondere, das der Ausdruck eigentlich impliziert, nichts Besonderes mehr.
Neben uns allen, die wir uns unentwegt in hoher Auflösung exponieren können, gibt es nach wie vor Menschen, die im ganz altmodischen Sinne im Licht größerer Aufmerksamkeit stehen. Und natürlich färben die genannten Auswüchse auch auf deren Leben ab. War es in früheren Zeiten unvermeidlich, sich seinen Fans von Zeit zu Zeit zu entziehen, muss man heute allzeit abrufbar sein, ohne dem Publikum auf die Nerven zu gehen. Es gilt, den – individuell unterschiedlichen – Mittelweg zu finden zwischen „Immer schön fuffzig fahren!“ und zur medialen Dauerwurst à la Jan Josef Liefers zu geraten.

Ein Leitfaden zu diesem heiklen Thema war noch nie so wertvoll wie heute! Passenderweise ist der Mann, der ihn leider nicht notiert, ihn uns aber als Erster vorgelebt hat, heute vollständig vergessen. Die Rede ist von Noel Coward (1899-1973). Ein universal begabterer Entertainer ist kaum vorstellbar! – Ein Entertainer im intellektuell / musischen Sinne, nicht in dem des Artisten der Las Vegas Show – obwohl er natürlich auch dort aufgetreten ist. Coward war jahrzehntelang einer der amüsantesten – ja, doch – Prominenten der westlichen Hemisphäre, ein hochwillkommener Gast von Parties, Würdigungen und Übertragungen, immer noch etwas witziger als seine letzte Arbeit, vergleichbar mit Peter Ustinov, einem anderen britischen Weltbürger, der ihm eine Generation später nachfolgte und ebenfalls drauf und dran ist, nach seinem physischen Ableben in Vergessenheit zu geraten. An Coward erkennen wir wie gnadenlos die Zeit auch über die Talentierteten, Fleißigen und Erfolgreichen hinweggeht. Das nur am Rande.

Wenn Noel Coward außerhalb Großbritanniens überhaupt noch stattfindet, dann als Autor der Boulevardbühne. Das war sein geringstes Verdienst, und es tut ihm insofern unrecht, als er vor 100 Jahren ein wirklich moderner Bühnenautor gewesen ist. Seine Musik ist vergessen, und seine verblüffendste soziologische Leistung blieb sogar gänzlich unbemerkt: Noel Coward erfand den Prominentenstatus. Was er aus dem tragischen Schicksal seines ebenfalls homosexuellen Kollegen Oscar Wilde (1854-1900) gelernt hatte, der wiederum ihm zwei Generationen vorausging und der gleichen Londoner Theaterszene entstammte, setzte er in eine Lebens- und Schaffensphilosophie um, die es seither allen berühmten Persönlichkeiten ermöglicht, sich dem Publikum zu zeigen und dennoch ein privates Geheimnis zu bewahren. Coward lehrte uns den Umgang mit den Erwartungen der Masse. Seither ist es möglich, auf glückliche Art berühmt zu sein – und auch dann ist es schwer genug. Wie schwer, das kommt aufs persönliche Temperament an und hängt vor allem von der Berufssparte ab, in der man unterwegs ist. Schauspieler, Sportler und Politiker haben dieses Problem im geringeren Maße als jene, die zur Selbstdarstellung verpflichtet sind: Moderatoren, Popstars und Komiker.
Für sie genügt es nicht, nur ein Image zu haben.
Die Arbeit mit einer öffentlichen Persona sollte keine unkenntlich machende Vollmaske sein (wie bei den restlos prominenzfreien Darstellern von Alf, Chewbacca, Tinky-Winky oder dem Alien). Sie muss Transparenz haben und es dem Betrachter gestatten, die Dinge zu schauen, die er gerne sehen möchte.
Nur eine Persona gestattet es dem öffentlichen Menschen, seine Außenwirkung zu kontrollieren – wenn alles gut geht.

Coward war ein Meister dieser Kunst. Sein Beispiel wird von der Nachwelt belegt – positiv wie negativ.
Sehen wir uns die Schlagerbranche an. Heino ist ein Charakter, der uns sagt: wer ich bin, geht euch nichts an – und so genau wollt ihr es ja auch gar nicht wissen, Kameraden. Rex Gildo ist seiner eigenen Kombination aus Plastikperücke und Sonnenbank-Bräune vollständig selbst auf den Leim und an ihr zugrundegegangen, als kein halbwegs vernünftiger Betrachter sie mehr geglaubt hätte. Udo Lindenberg kommt Cowards Methode recht nah (anders als bei Heino ist die dunkle Brille hier kein distanzierendes Requisit), obwohl ich den Verdacht nicht loswerde, dass der Mensch hinter der Maskerade sich vollständig aufgelöst hat.
Unter Cowards direktesten Nachfolgern – den hauptberuflichen Spaßvögeln, bei denen die Grenze zwischen Persona und Kunstfigur naturgemäß fließend ist – finden sich besonders interessante Beispiele.
John Cleese jammert bei jeder Gelegenheit darüber, wie belästigt er sich vom direkten Kontakt mit den Menschen fühlt, die seinen Lebensstil und die Alimente für seine zahllosen Ehefrauen finanzieren. Er verflucht sich dafür, sich nicht von Anfang an maskiert zu haben. Atze Schröder hat es schlauer angestellt. Er hat sich unaufwändig, aber bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, was völlig in Ordnung ist. Leder zieht er dieses Versteckspiel auch in seiner Autobiographie konsequent durch (was den Leser beständig von der Party verjagt, zu der Schröder ihn doch eingeladen hat). Bastian Pastewka tut immer so, als er völlig echt, einfach nur ein drolliger Kerl – und fürchtet sich erkennbar davor, irgendetwas Privates (und sei es noch so unverfänglich) durchschimmern zu lassen. Ilka Bessin hat – das ist raffiniert! – verkündet, sie sei nicht länger Cindy aus Marzahn, tritt aber gegen Schmerzensgeld unverdrossen weiter als solche auf. Helge Schneider macht es am elegantesten, auch Otto Waalkes hat es mit zunehmendem Alter gelernt: der offensichtlich erfundene Charakter ist gleichzeitig ein reales Individuum mit einem gewissen Tiefgang, das uns längst nicht alles erzählt, aber immerhin das, was uns zu interessieren hat.

Wie wenig selbstverständlich diese veröffentlichen Persönlichkeiten zu ihrer Form gefunden haben, wird deutlich, wenn wir uns Beispiele ansehen, die sich dieser Anforderung ihres Lebensweges verweigern – sei es aus Hybris oder aus Nachlässigkeit.
Elon Musk etwa hat es völlig versäumt, sich eine Persona zuzulegen und wird in unseren Tagen erstmals mit den Folgen dieser Unterlassung konfrontiert – Ende offen.
Glücklicherweise hat Tamara Hahn vor einigen Jahren das Buch vorgelegt, in dem diese Geheimnisse entschlüsselt werden. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über den Künstler Noel Coward vorgelegt worden ist, und es wäre auch dann eines der besten, wenn es noch andere gäbe: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noel Coward“. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 unbemerkt veröffentlicht hat und das noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, die in Kürze beginnt.
Ich bedanke mich ganz herzlich!

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Lesung vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Mikrofonarbeit

Um das Anliegen zu unterstützen, den Vortrag langer Sätze zu trainieren, werden in dieser Rubrik Beispiele gereicht, die unverdächtig sind, den Satz nur aus Gründen der Effekthascherei auf seine Länge gebracht zu haben. Es geht um die Musik der Sprache!
Gönnen wir uns zwischen all der feinen Belletristik heute den Blick in ein volkstümliches Gute-Laune-Sachbuch auf  der Höhe des aktuellen Diskurses: „Yoga“ von Emmanuel Carrère:

Da ich ja irgendwo anfangen muss mit diesem Bericht über die vier Jahre, in denen ich versucht habe, ein heiteres, feinsinniges Büchlein über Yoga zu schreiben, mit so wenig Heiterem und Feinsinnigem konfrontiert war wie dem Dschihad-Terrorismus und der Flüchtlingskrise, in eine so tiefe Depression verfiel, dass ich vier Monate lang in der Psychiatrie Sainte-Anne stationiert war und schließlich meinen Verleger verlor, der zum ersten Mal seit 35 Jahren das Buch, das ich geschrieben habe, nicht lesen wird, da ich also irgendwo anfangen muss, entscheide ich mich für diesen Morgen im Januar 2015, an dem ich mich beim Zumachen meiner Tasche fragte, ob ich vielleicht doch mein Telefon mitnehmen sollte, das ich allerdings dort, wo ich hinfuhr, sowieso würde abgeben müssen, oder ob ich es zu Hause lassen sollte.

Emmanuel Carrère, „Yoga“ (2022)

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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