Anhören, ehe es zu spät ist!

betr.: „Altern“ von Elke Heidenreich

Über das Altern zu reden, ist schon deshalb frustrierend, weil es sich nicht ändern lässt. Und dass in unserer Zeit der Hygiene und der fortschrittlichen Medizin immer mehr Leute etwas dazu zu sagen haben, macht die Sache auch nicht besser: die meisten reden (und schreiben!) ja bekanntlich nur Blödsinn.
In Elke Heidenreichs neuem Buch, dem Essay „Altern“, geschieht etwas Unglaubliches: nicht nur schreibt sie selbst viel, viel Erbauliches, sie zitiert auch viel Bemerkenswertes darüber aus ihren Lieblingsbüchern. „Altern“ macht richtig Spaß.
Der NDR, der seine beiden Hörbuch-Rubriken „Am Abend …“ und „Am Morgen vorgelesen“ besonders widerwillig ins Netz stellt – abrufbar nur für sieben Tage – ist so gesehen ein angemessener Rahmen für Heidenreichs Text: fast noch vergänglicher als das Leben selbst.
Noch an diesem Wochenende kann man die gekürzte Autorenlesung vollständig nachhören. Und auch wenn man danach zweieinhalb Stunden älter ist: es wird sich gelohnt haben!

Bild: NDR-Homepage

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Wie wird man ein Fragezeichen?

betr.: Geburtstag von Jens Wawrczeck

Der Schauspieler und Hörspielsprecher Jens Wawrczeck hat es mit einigen seiner Arbeiten zu Prominenz und einer großen Fangemeinde gebracht. Hin und wieder wird er bei Autogrammstunden gefragt, wie er das denn geschafft habe und wie „sowas geht“. Er pflegt zu erwidern, das wisse er nicht. Es ist eine ehrliche Antwort.
In seinem Buch „How to Hitchcock“ erfahren wir nicht nur viel über den titelgebenden Filmregisseur und größten Entertainer des Medienzeitalters, wir erleben auch, wie Jens sich in seine Branche hineingearbeitet hat – ganz ohne die Protektion eines reichen, gut vernetzten oder schlichtweg kunstsinnigen Elternhauses. Insofern kann man das autobiographische Kapitel „Der innere Kompass“ – mit all den obligatorischen Punkten, die sich nicht im Sinne eines Taschenbuch-Ratgebers nachleben lassen (angefangen mit der entzauberten Welt, in der wir mittlerweile leben) – auch als Antwort auf die Frage seiner ambitionierten Fans lesen. Es ist, wie Jens im Untertitel schreibt, „Ein Kapitel, in dem ich ein wenig vom Thema abschweife. Und immer wieder zu Hitchcock zurückfinde“.

Jeder von uns wird bei der Lektüre ab und zu denken „genau wie ich!“, um dann an anderer Stelle weniger fröhlich festzustellen, dass er dies und das wohl anders angefangen hätte.
Hin und wieder verquickt sich auch beides miteinander. Im meinem Falle etwa an einer Stelle über Jens’ Zeit als Schüler am legendären „Strasberg Institute“: „Ich erinnere mich, dass Ruth, ein Mädchen, mit dem ich (…) an verschiedenen Szenen arbeitete, meinen Akzent damals besonders elegant fand. Es mag an den Filmen gelegen haben, die ich damals im ‚Regency‘ sah. Nach einer umfangreichen BetteDavis-Retrospektive klang ich, als wäre ich in einem Schwarz-Weiß-Film aufgewachsen.“

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Der Ich-Erzähler und Du (3)

betr.: Lesen vom Blatt / Sprechen am Mikrofon

Über die Herausforderung, einen Ich-Erzähler zu gestalten

Fortsetzung vom 6. April 2024

Die beschriebene Struktur der „Schachtel in der Schachtel“ wird schon im Schriftbild deutlich: in Form der einfachen Gänsefüßchen. (So ungern ich solche Zeichen selbst setze, so hilfreich finde ich sie beim Lesen).

Bereits in Sherlock Holmes‘ Debüt-Fall „Eine Studie in Scharlachrot“ kommt es zu einer ausführlichen Dialogsituation, die wir nachträglich und aus zweiter Hand serviert bekommen. (Genaugenommen ist es sogar die dritte, da Dr. Watson ja der Erzähler ist. Aber das ist zu vernachlässigen, da Watson sehr im Hintergrund bleibt und sich verhält wie sein eigener erster Leser.)

Dieser kleine Ausriss ist nur der Anfang. Watson / Doyle gönnt der unsympathischen Nebenrolle „Gregson“ einen durchgehenden Monolog über dreieinhalb Seiten. Er verzichtet sogar auf die obligatorischen Einschübe, die uns wie kleine Weckrufe immer wieder daran  erinnern, wo wir sind (in einer Rückblende). Der Autor vermeidet also Sätze wie „Er machte eine Pause und rieb seine Hände aneinander, so dass ein schabendes Geräusch entstand.“ oder „Seine blinzelnden Augen fixierten unverwandt einen kleinen Wasserfleck an der Decke seines Büros, der ihm in drei Jahren nie aufgefallen war, ehe er unbeirrt fortfuhr …“.
Nichts gegen solche Einschübe – bei guten Autoren sind sie sehr vergnüglich und niemals reine Zeilenschinderei von der Sorte „Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Er setzte sich wieder und fuhr fort …“.
Doyle tut eher zu wenig, um zwischen „allwissendem“ und „subjektivem Erzähler“ zu unterscheiden (also den tratschenden Charakter innerhalb der Erzählung mit einem persönlichen Sound zu kennzeichnen).
Aber wie gesagt: wenn wir vom Blatt lesen, haben wir diese Details ohnehin nicht zu bewerten; wir nehmen sie so wie sie auf den Tisch kommen.
Je weniger der Verfasser selbst darauf achtet, den Stil des Erzählers im Erzähler zu pflegen, desto wichtiger ist es, dass wir es beim Vortrag tun. Wir müssen Gregson eine eigene Stimme geben, um danach mit unserer eigenen fortzufahren.

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Komik, Action und Destruktion (1)

Von der Verwandtschaft des Actionfilms mit der Slapstick Comedy

Seine humorvollste Zeit hatte der Film in seiner stummen Frühphase. Das amerikanische Slapstick-Kino erhöhte die Zahl der Lacher noch, die seine französischen Vorbilder hervorgerufen hatten, durch halsbrecherische Verfolgungsjadgen und irre Stunts (welche von den sonnigen kalifornischen Außenaufnahmen profitierten) und natürlich durch Sahnetorten. Mancher Filmfreund ist der Meinung, dass selbst der hinzukommende Dialogwitz (etwa in der Screwball Comedy der 40er Jahre) nicht mehr zu dieser Höhe des Witzes hinaufgekommen ist, aber da muss man sich nicht festlegen.
Ein Dreivierteljahrhundert später etablierte sich ein Genre, das auf den ersten Blick wenig damit zu tun hat: der Actionfilm. Er wurde in den 80er Jahren zu einem Phänomen des Mainstreams, feierte 1991 mit „Terminator 2“ seinen künstlerischen Zenit (der von einem kommerziellen Erfolg begleitet war) und verschwand in einer Nische, in der er bis heute gut gedeiht.
Dieser Essay will der Verwandtschaft dieser beiden so ungleichen Gattungen nachspüren.

Der deutsche Filmhistoriker Joe Hembus stellte und beantwortete einmal die Frage, „warum es so komisch ist, wenn immer alles restlos kaputtgeht“. Dabei dachte er nicht etwa an Schauspieler wie Arnold Schwarzenegger (dessen Neudefinition des eigenen Genres als „Aktschfuim“ er nur in ihren Anfängen miterleben sollte).
Ab 1975 schrieb Hembus für das ZDF eine Reihe von Einführungstexten in das Werk von Laurel & Hardy (die Theo Lingen dann vortrug). Darin heißt es: „Der tiefe Sinn jeder Komik ist es, die aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung zu bringen; damit das aber geschehen kann, muss erst einmal tabula rasa gemacht werden; das heißt, alles, was die Harmonie der Welt stört, muss erst einmal radikal abgeräumt werden, in einem Akt der Befreiung, der erleichtert und erheitert.“

Dann zitiert Hembus den französischen Professor Étienne Fuzellier, der in seinem Essay „Die Komik der Destruktion“ (erschienen in der Zeitschrift „Das neue Zeitalter“ vom Juli 1955) unter besonderer Berücksichtigung von Laurel & Hardy, den Marx Brothers und Franz Kafka schreibt: „Das Destruktive ist die Quintessenz des Komischen. Meiner Ansicht nach ist das Lachen das Anzeichen einer intellektuellen Überlegenheit, der Freude, die einem ein Vernichtungsurteil bereiten kann. Der Urheber der komischen Handlung ist unser Delegierter und unser Rächer: wir vernichten mit ihm und durch ihn das, was uns schockiert oder stört. Der Zuschauer ist der Komplize der Zerstörung, und sein Lachen signalisiert die Genugtuung, die Personen, Gegenstände oder Prinzipien, die er verurteilt, zerstört zu sehen.“

Dieses befreite, befriedigte Lachen über die angerichtete rächende Verwüstung lässt sich besonders schön im Finale von „Die Harder“ erleben, dem zweiten der „Stirb Langsam“-Actionfilme mit Bruce Willis. Als die fliehenden Terroristen in ihrem Flugzeug in Flammen aufgehen, lässt sich der geschundene Held in den Schnee des Rollfelds zurücksinken und freut sich wie ein Kind. Er jubelt und lacht so ungehemmt (und sicher im Gleichklang mit den Kinopublikum von 1990) über den Tod seiner Feinde wie er es heute nicht mehr tun dürfte: längst wird Hollywood von Spielverderbern beaufsichtigt, gegen die weder Groucho Marx noch Kafka noch der Terminator persönlich etwas ausrichten könnten.

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A talent not to amuse

betr.: Wie Filme auf uns wirken und warum. Am Beispiel von „Asphalt City“ und „Caché“

Vom aussichtslosen Wunsch des Sozialarbeiterkinos, uns zu besseren Menschen zu erziehen

Seit ich diesen Ausdruck vor Jahrzehnten in einer Filmkritik las, liebe ich ihn und benutze ihn gern: „Sozialarbeiterkino“. Damit bezeichne ich Filme, deren Machern ich jederzeit ihre guten Absichten glaube und deren Wahl einer ersprießlichen Botschaft ich anerkenne. Doch was haben solche Tugenden mit der Fähigkeit zu tun, mich zu unterhalten? Irgendjemanden zu unterhalten!
Nicht das Geringste!
Selbst wenn ein edler, hilfreicher Mensch (was immer das sein mag) über ein gewisses Talent verfügt, einen guten Film zu machen, so wird er dies im Zweifelsfall der Unmissverständlichkeit der angestrebten Belehrung unterordnen. Die Filmgeschichte hat tausende solcher Beispiele hervorgebracht.

Da die Produkte des Sozialarbeiterkinos stets damit werben, wie gut sie gemeint sind, fällt es mir leicht, ihnen auszuweichen. So bin ich auch dem neuen Film des „guten Menschen von Hollywood“, wie sich Sean Penn gern in der Presse nennen lässt, glücklich ferngeblieben.
Mein Vorurteil lautete wie folgt: was der Film mir an Unbehagen bereiten wird, wird nicht durch etwas aufgewogen, das mir wichtig oder willkommen ist.

Ein Freund von mir, der „Asphalt City“ kürzlich sah und der einen gänzlich anderen Geschmack hat als ich, bestätigte mir das. Ohne zu wissen, dass ich den Film insgeheim bereits vorverurteilt hatte, beschrieb er ihn mir ausführlich, lobte ihn etwas hüftsteif für seine „gute Botschaft“, räumte aber ein, dass er sich damit doch sehr geplagt hätte. (Ich hatte den Eindruck, er wünschte sich bereits, die Erinnerung aus dem Kopf zu bekommen.)
Was mich schier sprachlos machte, war die Beschreibung der Schluss-Einstellung. Penn und sein junger Kollege (gespielt von Tye Sheridan) haben sich als Notfallsanitäter knapp zwei Filmstunden lang bis an den Rand des Wahnsinns verausgabt und sind zusätzlich auch noch beschimpft, juristisch belangt und mit Undankbarkeit überzogen worden. Ich glaube unbesehen, dass „Asphalt City“ ein realistisches Bild dieses Berufes zeichnet und dass er allen, die ihn anschauen, zu denken gibt!* Doch kurz vor Schluss hat der Jüngere der beiden ein dezent rührseliges Erlebnis, das dem Drama einen winzigen versöhnlichen Twist aufnötigt und den Helden zum Lächeln bringt.
Zu solch faden Mitteln greifen nur sehr, sehr schlechte Filmemacher (seien sie auch gute Schauspieler und edle Menschen). So etwas tut nur, wer sein Publikum nicht ernst nimmt.
Der Zufall wollte es, dass mein Freund kürzlich auch einen Film des unbequemsten aller von mir geliebten Regisseure gesehen hatte: „Caché“ von Michael Haneke. Ich hatte ihm die DVD geliehen. Haneke betont bei jeder Gelegenheit, wie fern es ihm liegt, Botschaften aussenden zu wollen. Auch er mutet seinen Zusehern allerhand zu (manches davon ist auch mir zuviel!). Doch nie käme er auf die Idee, sein gemartertes Auditorium mit einem Happy-Endchen trösten oder gar bestechen zu wollen. Stattdessen gibt es die von mir gewünschten Gegengewichte zuhauf, die den unbehaglichen Teil ausbalancieren und die diesen zum unverzichtbaren Teil des Dramas machen: gute Darsteller, glaubhafte Dialoge, Humor, Alltagsrealismus (unabhängig vom Milieu, in dem der Film spielt), atemlos spannende Konflikte, Rätsel, die mich nicht mehr loslassen, Einblicke in die eigene Seele (wo Penn & Co mir schreckliche Menschen vorführen, die mich gottlob nichts angehen).

Mein Freund sagte, mir er wisse nicht recht, ob ihm „Caché“ gefallen habe. Schließlich habe er sich über einiges in der Handlung geärgert, und die Botschaft „Die Sünden der Väter werden an den Söhnen vergolten.“ habe ihm privat auch nicht gepasst. Nachdem ich ihn davon überzeugt hatte, dass hier gar keine Botschaft vermittelt, sondern nur eine unschöne Tatsache offen ausgesprochen wird, stellte sich heraus, dass es für ihn doch ein reichlich fesselndes Erlebnis gewesen ist, sich tagelang von Hanekes Geschichte umtreiben zu lassen. Dass die männliche Hauptfigur (gespielt vom liebenswert-abgründigen Daniel Auteuil) ihn gepackt und dass er sich mit ihr sogar identifiziert habe. Dass es oberflächlich zwar um das französische Erbe des Algerienkriegs geht, doch in Wahrheit um eine Vielzahl von Dingen, die uns weitaus näher sind.
Für mich handelt dieser Film von mir selbst. Von uns allen. Von familiären Konflikten. Von der Angst vor der Verletzung der Privatsphäre und des eigenen Wohnraumes. Von der Unzufriedenheit, die selbst Männer befallen kann, die einen tollen Job und eine bildschöne, kluge Ehefrau haben. Von der Aussichtslosigkeit, es Pubertierenden recht machen zu wollen. Von winzigen Nachlässigkeiten, die unsere Liebsten schrecklich kränken, ehe wir es uns versehen. Und vieles mehr.
Wie sich herausstellte, ist „Caché“ für meinen Freund zwar nicht der bequemere, aber der weitaus bessere Film.
Ich wette, eines Tages wird er sich die DVD nochmals ausleihen.
___________________
* Das kann man durchaus mögen, und selbstverständlich gibt es Zuseher, die genau damit glücklich und zufrieden sind. Ich glaube aber nicht, dass Sean Penn es darauf anlegt.

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Klassiker mal wieder völlig verkannt

betr.: Christoph Bantzers Lesung von „Das Phantom der Oper“

In den Kulissen und Katakomben der Pariser Oper geht ein Phantom um: eine düstere, maskierte Gestalt mit entstelltem Antlitz. Geschickt verbirgt sich das Phantom vor den Blicken der Menschen und nimmt doch Einfluss auf das Bühnengeschehen: Dank seiner Hilfe wird die Sängerin Christine Daée zum Star des Ensembles. Er betet sie an – doch Christines Herz hängt an ihrer Jugendliebe Raoul …
Wir alle glauben diese Geschichte von Gaston Leroux zu kennen und würden sie in der altmodischen Rubrik des „Schauerromans“ einsortieren.

Das tut auch die ARD Audiothek, die ihn noch bis zum 15. September als Lesung bereithält. 
In Wahrheit handelt es sich um eine sehr witzige Geschichte, die sich unentwegt über ihre Figuren amüsiert („in netter Form“ und ohne sie zu verraten).
Christoph Bantzer – seit 1985 festes Ensemblemitglied des Thalia Theaters und zwischenzeitlich ein Star desselben – weiß in seiner Lesung (NDR 1996) genau diese Aspekte zu würdigen. Eine so schöne Gelegenheit, diesen Klassiker en passant kennenzulernen, kommt so bald nicht wieder.

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Ein Close-up schwarzer Pappe

betr.: Neues aus der Welt der KI

Seit gestern ist der einstündige Film „The Last Screenwriter“ gratis und in seiner englischen Originalfassung auf der gleichnamigen Website abrufbar. Er handelt von einem erfolgsverwöhnten Drehbuchautor, der von einer Schreibblockade heimgesucht und von einer KI aus dieser Misere gerettet wird.
Sein Regisseur Peter Luisi weist bescheiden darauf hin, ChatGPT 4.0 habe das Drehbuch angefertigt. Das Elektronengehirn musste jedoch Schritt für Schritt von Luisi angeleitet werden und hat nicht einmal ein wirklich verblüffendes Ergebnis zuwege gebracht. Jedenfalls nach der Meinung von Johann Thöming in der F.A.Z. – ich bin geneigt, seinem Urteil zu vertrauen.

Schon das Thema des Films kreist so penetrant um den Gegenstand des durchgeführten Versuchs, dass ich mich an einen alten Sketch von Otto Waalkes erinnern musste (immerhin einen sehr lustigen). Darin behauptet Otto, er könnte einen gewöhnlichen Fotoapparat zu einer Sofortbildkamera hochrüsten (die damals viel Geld kostete), indem er sie mit einem Schneckenbohrer durchlöchert und Entwicklerflüssigkeit hineinfüllt. Das Experiment glückt, und das entstandene Foto zeigt tatsächlich, was Otto geknipst hat – schlauerweise hat er ganz aus der Nähe ein Stück schwarzer Pappe fotografiert.

Weniger komisch, aber der aktuellen Meldung verdächtig ähnlich ist auch ein Fernsehfilm von 2003: „Die fremde Frau“. Der Hamburger Regisseur Matthias Glasner nennt im Abspann keinen Drehbuchautor, sondern bedankt sich beim Drehbuchentwicklungsprogramm „Step By Step“. Der Name verweist darauf, dass er dieses ähnlich sorgsam füttern musste wie Peter Luisi seine KI. Allerdings bewies Glasner etwas mehr Geschmack, denn sein Film handelt nicht von der eigenen Herstellung, sondern verarbeitet Alfred Hitchcocks Klassiker „Vertigo“, als dessen Hommage er präsentiert wird.

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Endlich wiedergesehen: „Die Verurteilten“

betr.: Wiederbegegnung mit einem alten Film

Zweimal lebenslänglich wegen Doppelmordes: Bankier Andy Dufresne (Tim Robbins) landet 1947 unschuldig hinter Gittern. Die Gewalt im Knast erträgt er mit stoischer Ruhe, was seinen coolen Mitsträfling Red (Morgan Freeman) schwer beeindruckt. Nachdem Andy sich als begabter Verfasser von Steuererklärungen beim Wachpersonal beliebt gemacht hat, nutzt Direktor Norton dessen Finanzwissen, um seine krummen Geschäfte abzuwickeln. Das bringt Andy weitere Freiheiten ein und ermöglicht es ihm, die Zuchthausbibliothek auf Vordermann zu bringen. Als Andy nach 19 Jahren seine Unschuld beweisen kann, torpediert der korrupte Norton seine Freilassung. Doch Andy hat ein letztes As im Ärmel: eine Fluchtstrategie, an der er all die Jahre emsig herumgeschabt hat …

Viele Filme, die uns zur Zeit ihrer Uraufführung in den 90er Jahren als verblüffend ausbalancierte Parabeln erschienen – als meisterlich leichte Dramen bzw. abgründige Komödien – wirken heute schrecklich betulich.* (Beim heutigen Wiedersehen meine ich den naiven Glauben vom „Ende der Geschichte“ darin zu spüren, der sich wenige Jahre später mit einem harten Windstoß verflüchtigen sollte.)
„Die Verurteilten“ gehört zu den Filmkunstwerken, bei denen es schmerzt, das feststellen zu müssen, denn es ist nach wie vor ein Film mit sympathischen Hauptfiguren, und er übermittelt eine Botschaft, derer wir gerade in unseren Tagen besonders bedürfen: alles wird gut werden, die Guten werden belohnt, die Bösen bestraft, und die Leidenden werden getröstet.
Der Gefängnisalltag wirkt so geordnet, dass die obligaten Scheußlichkeiten (Korruption, Vergewaltigung unter der Dusche, Folter …) sich vor diesem Hintergrund ausnehmen wie jene Ärgernisse, die auch in unserem zivilen Alltag letztlich nicht zu vermeiden sind. Spätestens nach einer Weile (und viel häufiger als zumindest in meinem Alltag) lassen sich alle diese Widrigkeiten irgendwie beilegen oder auflösen. Sogar das Klischee, mit ein wenig Mozart sei jeder Tag dein Freund, wird einmal mehr bedient …**

Das ist der Preis den der Film für das edle Ansinnen zahlt, ein Knastfilm und zugleich ein Feelgood-Movie zu sein. Zunächst ging diese Rechnung übrigens nicht auf. Als „Die Verurteilten“ 1994 in den US-Kinos anlief, war er ein Reinfall. Selbst mit sieben Oscar-Nominierungen spielte er kaum die Produktionskosten ein. (Fairerweise muss gesagt werden, dass Stephen Kings Buchvorlagen jenseits des Horrorgenres es im Kino häufig schwer hatten, besonders wenn sie so prätentiöse Titel hatten wie „Rita Hayworth And The Shawshank Redemption“.)
Erst als Verleihcassette hatte der Film ein Jahr später Erfolg. Er wurde zum meistgeliehenen Video des Jahres und brach Quotenrekorde im Fernsehen. Regisseur Frank Darabont hatte eine Erklärung dafür: „Es dauerte eine Weile bis die Leute realisierten, dass dies kein deprimierendes Gefängnis-Drama, sondern ein erbaulicher Film ist!“
„The Shawshank Redemption“ hat in Umfragen nach dem „besten Film aller Zeiten“ (wie im britischen „Empire“-Magazin oder in der „Internet Movie Database“) seither ein trockenes Plätzchen. Dass er noch immer so beliebt ist, liegt daran, dass viele Fans ihre Zuneigung nach alten Lieblingsfilmen selten nachprüfen.
Es gibt noch einen Kritikpunkt, der auf den ersten Blick kleinlicher erscheint als er ist: die beiden befreundeten Knastbrüder Andy und Red altern nicht. Da die Maske nichts tut, um den Lauf der Zeit kenntlich zu machen, teilen sich dem Betrachter auch die knapp 20 Jahre Lebenszeit nicht mit, die dem Helden zu unrecht geraubt werden. Die Tragödie gerät zu einem etwas längeren Spaziergang.
_________________
* Siehe z.B. auch https://blog.montyarnold.com/2021/06/15/besser-gehts-nicht/
** Die Metapher ist nicht kaputtzukriegen. Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2022/09/27/21480/

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Krimihase in Seenot

betr.: neue Hörbücher in der ARD Audiothek

Ab morgen stehen zwei neue Lesungen in der ARD Audiothek vollständig bereit. Es sind zwei Klassiker sowohl der Literatur wie auch des Archivs.

hr2-kultur spendiert uns „Lord Jim“ von Joseph Conrad, dessen 100. Todestag zurzeit von uns verschlafen wird, weil wir alle mit Franz Kafka beschäftigt sind. In 46 etwa 20minütigen Folgen liefert der Schauspieler Hans Dieter Zeidler eine makellose Performance. Er war auch als deutsche Stimme von Sidney Poitier, Yul Brunner, Peter Ustinov und Orson Welles tätig.
Wem die See zu rau und Conrads Seefahrergeschichte zu lang ist, der kann sich mit Raymond Chandlers erstem Marlowe-Thriller vergnügen. 1974 las Heinz Baumann für den Süddeutschen Rundfunk (heute im SWR aufgegangen) „Der große Schlaf“. Die acht Teile dauern zwischen einer Dreiviertelstunde und einer Stunde. Heinz Baumann war ein echter Krimihase. Wir kennen ihn als stoffeligen Dienstmann aus „SOKO 5113“ (wo er so beliebt war, dass er sogar ein eigenes Spin-off bekam) und aus „Adelheid und ihre Mörder“. Zweimal war er ein wirklich beachtlicher Gegenspieler für den WDR-Tatort-Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy).
Baumann gerät bei dieser Lesung, deren Produktion auf der schon damals gefährlichen Annahme aufbaute, dass alle Schauspieler auch Vorleser sind, an seine Grenzen. Er muffelt sich mit der gleichen Attitüde, die auf dem Bildschirm so anziehend wirkte, durch diesen Text, den er damit völlig ruiniert. Sein Tempo wirkt so getrieben, dass man der ganzen Freudlosigkeit innewird, die er am Mikrofon erlitten haben muss. Darüber verpasst man glatt den eigentlichen Kriminalfall.

LORD JIM
von Joseph Conrad
gelesen von Hans Dieter Zeidler – hr 1971

1. Ein Hafen, ein Held, ein Schiff, das Meer. Los geht’s mit diesem aufregenden Abenteuerroman – auf die unberechenbare See und auf Handelsrouten, auf denen die Kolonialmächte nicht nur Waren, sondern auch Menschen wie Waren transportierten. – 20 min.

2. Jim ist noch kein „Lord“. Der junge Seemann hat es in zwei Jahren zwar zum 1.Offizier gebracht, doch er muss auch viel Warten: auf die nächste Schiffspassage, den nächsten Job. Gerade hängt er auf einer Krankenstation in Singapur fest. – 23 min.

3. Ein Frachtschiff nimmt Kurs auf das Rote Meer. Jim hat als 1. Offizier auf der maroden „Patna“ angeheuert, der Kapitän ist ein feister Deutscher. An Bord sind 1000 Pilgernde auf dem Weg nach Mekka. Noch gleitet die Patna über ruhige See. – 23 min.

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Zeitraffer eingebaut

betr.: „X-Men ’97“ auf Disney+

Ich  staune immer wieder, was man im Netz alles nicht findet. Selbst in der Abteilung „der heiße Scheiß“ muss man Abstriche machen. Zu der im März auf Disney+ gestarteten Trickserie „X-Men ‘97“ glaubte ich, mühelos die Inhaltsangaben der ersten Staffel zu finden (wie gewohnt gefertigt von den fleißigen Fans: ausführlich, wenn auch in schlechtem Deutsch). Pustekuchen. Es finden sich wenige Sätze zu den allerersten Episoden, danach nur Satzhülsen von der Sorte „Die X-Men müssen sich zusammenschließen, um einer neuen Bedrohung zu begegnen.“ (Übersetzungen aus der amerikanischen Marvel-Wiki, wo’s genauso trostlos aussieht).
Da die Comicheft-Serien um die „seltsamsten Superhelden der Welt“ (wie sie vor 50 Jahren in der deutschen Übersetzung genannt wurden) so zahlreich und vielgestaltig sind wie die Protagonisten selbst, hätte ich mich gern ein wenig orientiert, ehe ich einen Blick auf die Serie werfe.
Es war dann aber alles recht zugänglich (barrierefrei, wie man heute sagen würde).

Die Macher wählten sich einen geeigneten Punkt in der Marvel-Historie für die neue TV-Adaption. Und das Look-and-feel, um neben dem jungen Publikum von heute auch die Fans bestmöglich einzubinden, die vor knapp 30 Jahren die ersten bewegten Bilder der X-Men verfolgt haben: „X-Men: The Animated Series“ (1992-97, deutsch als „X-Men“). Die F.A.Z. dazu im Rückblick: „Die ‚X-Men‘ sind zugleich Beschützer der Menschheit und Ausgestoßene, weil die Gesellschaft sie fürchtet. Die Figuren wurden zur Chiffre für alle möglichen Randgruppen. Aber auch in anderer Hinsicht war die Serie bemerkenswert: Sie war ungewöhnlich komplex und besaß eine fortlaufende Erzählstruktur.“

Flammneu, aber ein vertrauter Anbick: die „X-Men ‘97“ Jubilee, Morph, Wolverine, Storm, Cyclops, Rogue, Jean Grey, Gambit, Bishop und Beast auf Disney+. – Bild: Marvel Animation

Die Handlung der neuen Serie setzt da an, wo es damals endete: Ein Jahr nach dem Tod von Prof. Xavier sind die jungen Superhelden noch immer erschüttert und gewöhnen sich nur mühsam daran, nunmehr von Cyclops angeführt zu werden. Doch dieser wird bald Vater werden und bespricht mit seiner Frau Jean Grey, den Rückzug aus dem Team anzukündigen.
Als bei den „Freunden der Menschheit“, einer Gruppe von Mutantenjägern (eine hochgerüstete Fascho-Armee, bei der wir sogleich an die „Proud Boys“ und ähnliche Vereine denken müssen) Waffen entdeckt werden, die mit der Sentinel-Technik des verschollenen Verbrechers Bolivar Trusk funktionieren, sind die X-Men wie auch Dr. Cooper von der UNO in großer Sorge.
Nun taucht auch noch der Superbösewicht Magneto in der Villa auf und präsentiert ein Testament, in dem ihn Prof. Xavier zu seinem Nachfolger bestimmt hat: zum neuen Hausherrn und Anführer der Gruppe. Begreiflicherweise misstrauen ihm die X-Men – und zweifeln der Richtigkeit dieser Entscheidung ihres toten Mentors.
Als die UNO über Magneto zu Gericht sitzen will, lässt er sich festnehmen und ein Neutralisierungs-Halsband anlegen, um seine Integrität zu beweisen. Die „Freunde der Menschheit“ unter der Führung des wahnhaften X-Cutioner überfallen das UNO-Gebäude, um den wehrlosen Mutanten zu töten. Doch Magneto kann mithilfe der X-Men sich und seine Richter retten. Er wird freigesprochen und sogar in der Xavier-Villa auf seinem Platz akzeptiert.
Nachts klopft eine Doppelgängerin von Jean an die Pforte des Hauses und erbittet die Hilfe der X-Men …
Dieser Cliffhanger beschließt die zweite Folge.

„X-Men ‘97“ ist ein interessantes formales Experiment. Stilistisch orientiert man sich am etwas statischen Design der damaligen Cartoon-Ära (ich musste immerzu an „He-Man“ denken …), ohne die heutige Eleganz vermissen zu lassen. Das hat drei große Vorteile: „X-Men ’97“ hebt sich von den anderen Serien des Streaming-Angebots mühelos ab, das Team sieht wieder so aus wie zu jener Zeit, als die gedruckten Comics den größten Erfolg hatten und – das Wichtigste! – die Erzählung spielt zu einer Zeit, als wir noch nicht von Handys und anderen Alltagscomputern genervt wurden. Alle Rechner, die hier laufen, sind Profi-Geräte aus der Unterwelt bzw. aus dem Superhelden-Arsenal. Die Monitore sind noch größer als unsere zu Hause.
Wer zuletzt eine Live-Action-Serie gesehen hat, wird einen kurzen Moment brauchen, um sich wieder zu erinnern: in klassischen Action-Cartoons wurde ein enormes Erzähltempo vorgelegt. Schlachten, die im Kino oder auf Netflix bis zu einer halbe Stunde dauern, gehen hier ruck-zuck über die Bühne und passen nebst allem Übrigen in eine Episode der nämlichen Länge. Das ist auch diesmal wieder so. Wer das Böse also gern zwischendurch auf’s Kreuz legt, der kann Cyclops‘ Ruf im Titel der ersten Episode folgen: „Zu mir, meine X-Men!

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