Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Übung / Sprechen am Mikrofon

Wenn der Mensch eine Pause braucht von der Zerstörung unseres Planeten, wenn er Schwermut spürt und sich selbst zu einem Geschöpf hochdekorieren möchte, das der Natur etwas zurückgibt, dann chartert er einen SUV und knattert damit qualmend und walzend in den Safari-Park, um den letzten edlen Wilden der Tierwelt auf’s Maul zu schauen, ihnen Snacks hinzuhalten, sich ein wenig vollsabbern zu lassen und dann erleichtert und mit dem guten Gefühl heimzufahren: sieh einer an, diese Viecher sind ja aus der Nähe doch nicht so schön und niedlich wie es in unseren Bilderbüchern aussieht.

In der Sendung „Bitte lächeln“ auf SPORT 1 begleitet dieser Text eine Collage aus Kleinbürgern, die von fahrenden Wagen aus Wildtiere füttern.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Kultfilm Azubis: Das ist die Liebe der Franzosen

Vor etwas mehr als 50 Jahren wurde das Kino so freizügig, dass ein solcher Film vorübergehend möglich war. Auf der ganz großen Leinwand. Entstehen konnte er nur in Europa, aber gesehen hat man ihn auf der ganzen Welt. Sexualität ist in französischen Filmen allgegenwärtig, weitaus präsenter jedenfalls als in deutschen, britischen oder amerikanischen. Der filmische Geheimtipp des heutigen Podcasts geht der Sache etwas freundlicher auf den Grund:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/der-letzte-tango-in-paris-und-andere-sexgeschichten

A) Der letzte Tango in Paris / L’ultimo Tango a Parigi
Französisch-Italienisches Drama von 1974

Nach dem Selbstmord seiner Frau trifft der verstörte amerikanische Hotelier Paul bei einer Wohnungsbesichtigung in Paris die 19jährige Jeanne. Der alternde Mann und das in den Tag hineinlebende Mädchen erliegen einer seltsamen Faszination füreinander und lieben sich in der leeren Wohnung. Sie treffen sich nun regelmäßig, um hemmungslos ihre sexuellen Fantasien auszuleben. Sie vereinbaren, sonst nicht nach dem Leben des anderen zu fragen. Das geht nur ein paar Tage lang gut …

Bernardo Bertlouccis Körper- und Seelen-Striptease ist der populärste aller Skandalfilme, ein „Casablanca“ des gehobenen Schweinkrams. Marlon Brandos Partnerin Maria Schneider hat später offenbart, sie sei tatsächlich vor der Kamera vergewaltigt worden, was Bertolucci erst 2013 öffentlich zugab – zwei Jahre nach dem Tod der Schauspielerin. In die Skandalgeschichte des Films ließ sich dieses Detail gut integrieren. Gato Barbieris Soundtrack wurde unabhängig von seiner Quelle zum Klassiker.

B) Ein Mann sieht rosa / Le Placard
Französische RomCom von 2001

Der herzensgute, langweilige Francois Pignon arbeitet als Buchhalter einer Fabrik für Kautschukprodukte. Als er durch Zufall von seiner bevorstehenden Entlassung erfährt, verliert er den letzten Lebensmut – vor zwei Jahren ist bereits seine Ehe gescheitert – und will sich vom Balkon stürzen. Sein neuer Nachbar, der pensionierte Psychologe Belone, hält ihn davon ab und macht ihm einen Vorschlag: wenn er sich geschickt als Schwuler ausgäbe, entstünde der Eindruck, man wollte ihn genau aus diesem Grund entlassen. Den Vorwurf einer solchen Diskriminierung würde eine Firma, die vor allem Kondome produziert, nicht riskieren. Pignon streut das betreffende Gerücht behutsam aus. Obwohl er seinen Job tatsächlich behält und er keineswegs wirklich schwul wird, bleibt in seinem Leben kein Stein auf dem anderen.

Seit „Tootsie“ hatte es keine so gescheite und joviale Komödie über Genderthemen mehr gegeben – und seither keine weitere auf diesem Niveau. Der größte Erfolg desselben Regisseurs Francis Veber „Ein Käfig voller Narren“ nimmt sich neben deren feinem Witz aus wie der Komödiantenstadl.
Fast alle blamieren sich irgendwann im Verlauf dieser wendungsreichen Geschichte, doch nahezu jedem und jeder widerfährt die Gnade einer zweiten Chance. Man gönnt es ihnen von Herzen, besonders dem Hauptdarsteller Daniel Auteuil. Der erweist sich einmal mehr als der oszillierendste Biedermann der zeitgenössischen Filmbranche.

Nächste Woche: „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ und „Das letzte Ufer“

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Freier Platz am Kiosk

betr.: „tageszeitung“ stellt die Printausgabe ein

Mitunter witziger als die „Titanic“, auf jeden Fall schneller – „taz“-Aufmacher der letzten Tage.

Wenn eine Zeitung oder Zeitschrift ausgewogen berichtet – also Linke, SPD und Grüne ebenso einseift wie die sogenannten „Konservativen“ -, wird sie als „links“ oder „sehr weit links“ angesehen. Der „Stern“ stand früher auch in diesem Verdacht, hat es aber durch den Rückzug unter die Trockenhaube geschafft, sich solchen Einordnungen zu entziehen. Ist ein Blatt hingegen nur gegen Linke, SPD und Grüne wahrhaft kritisch – wie etwa die ganzjährig erscheinende CSU-Wahlkampfpostille „Focus“ -, darf von Überparteilichkeit geredet werden.
Kein Periodikum stand so im Ruf der tiefsten Röte wie die „taz“. Und keines dürfte sein offizielles Lager so gründlich, so impertinent und so witzig gerupft haben wie sie. Die Rechten werden auch nicht strenger behandelt.
Morgen erscheint die Werktagsausgabe der „taz“ letztmalig in gedruckter Form.

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Diskurspopcorn

Die aktuelle Filmkritik:
„After The Hunt“

Ab heute ist Julia Roberts in einem neuen Film zu sehen. Und da man mit RomComs und Komödien schwerlich einen Oscar gewinnt und Roberts in diesem Abschnitt ihrer Karriere noch keinen bekommen hat, erleben wir sie von einer sehr ernsten Seite.

Alma Olsson ist Philosophieprofessorin an der US-Eliteuniversität Yale. Ihre Professur auf Lebenszeit ist in Reichweite, doch dann gerät auf den letzten Metern alles ins Schleudern. Nachts, nach einem Fest im Hause Olsson, steht plötzlich Maggie Price im Hausflur, eine von Almas Doktorandinnen. Sie berichtet völlig aufgelöst davon, wie ihr Dozent Hank Gibson ihr gegenüber sexuell übergriffig geworden sei, nachdem er sie von der Party nach Hause begleitet hat und noch auf ein Glas mit in ihre Wohnung gekommen ist. Alma zögert, dem Mädchen ihre Solidarität zuzusichern, und rät ihr sogar, die Sache für sich zu behalten. Ohne genau zu wissen, was sich zugetragen hat, sieht sie ihren Aufstieg in Gefahr, wenn sie sich auf eine Seite schlägt. Außerdem ist sie mit dem jungen Kollegen Hank in einer On-Off-Beziehung, was ihr loyaler Ehemann Frederik, ein Psychotherapeut, zu dulden scheint. Maggie schweigt jedoch nicht, meldet die Vorwürfe dem Dekan, und Hank verliert seine Stellung. Für Alma und ihre Universität bricht ein gesellschaftlicher Konflikt offen aus, der auf ihrer Party noch ein philosophisches Gedankenspiel gewesen war …

Der Vorspann wirkt wie eine Anspielung: wir sehen die typische Woody-Allen-Schrift vor schwarzem Hintergrund und hören dazu passend einen Song von Tony Bennett. Ich fürchte, das soll ein inhaltlicher Wink sein. Der Eindruck von Leichtigkeit erfüllt sich jedenfalls nicht. Die Heldin Alma Olsson wird wie eine Kranke eingeführt, oder doch wie eine Frau, der ein Zusammenbruch bevorsteht, wenn es so weitergeht. Ihr Mann legt ihr ihre Medikamente auf den Nachtschrank und schleicht sich dann wieder hinaus, um sie nicht zu stören. Dieses morgendliche Ritual ist sehr unheilschwanger in Szene gesetzt. Nach diesem Opening sind wir beinahe überrascht, dass diese Frau in ihrem überaus bewegten Alltag doch so gut funktioniert.

Julia Roberts in dieser Altersrolle zu erleben, ließ mich an Patrick Bahners‘ kluge Überlegung denken, wenn der „Peanuts“-Held Charlie Brown erwachsen geworden wäre, hätte er das Leben des Comic-Büromenschen „Dilbert“ führen müssen. Die federleichten 90er Jahre sind vorbei, und aus der vielseitigen, aber doch beständig zauberhaften Julia Roberts, in deren Charme sich dieses Jahrzehnt noch lange zu konservieren schien, ist eine etwas freudlose, aufgeräumte, pragmatische Frau geworden. Sie ist immer noch unverkennbar Julia Roberts, hat aber zur Seite keinen anheimelnden George Clooney mehr, sondern einen treusorgend-putzigen Gatten, der latent ein erstaunliches Talent erkennen lässt, auch allein zurechtzukommen. Dass sexuell längst nichts mehr läuft, dass es nicht einmal eine wirkliche Freundschaft ist, fängt Frederick mit nachsichtiger Großzügigkeit auf. Michael Stuhlbarg macht diesen Ehemann zur interessantesten Figur des ganzen Films, zur einzigen, die bei aller Schlüssigkeit ein gewisses Geheimnis bewahrt.
Was noch für den Film spricht, ist seine Relevanz. Er ist gesellschaftspolitisch auf der Höhe der Zeit und zeigt uns den längst zur Farce herabgesunkenen Geschlechterdiskurs in all seiner verbohrten Aussichtslosigkeit. Doch dann fangen die Probleme an. Das für jeden Film Wichtigste ist bei diesem ein rechter Murks: das Drehbuch. Es hat keinen Rhythmus, verschleppt den Anfang, lässt ihn in endlosen dümmlichen pseudo-philosophischen Querelen versacken. Die Dialoge – ganz besonders die fachspezifischen, aber beileibe nicht nur sie – lassen das gut besetzte Ensemble im Regen stehen. Der Zorn des beruflich ruinierten Hank wirkt eher wie der Unmut seines Darstellers Andrew Garfield über die tölpelhaften Phrasen, die er zu sprechen hat, und über die verkrampften Kamerawinkel, die sich ihm in die Nasenlöcher bohren. Man spürt jede Minute dieses überlangen, über weite Strecken geschwätzigen Dramas, gerade so, als würde das schicksalhafte, schleppende Ticken, das wir ganz zu Beginn hören, die ganze Zeit durchlaufen.

Julia Roberts spielt untadelig, kommt aber gegen das Material nicht an. Das nach der Präsentation des Films in Venedig sogleich einsetzende, unvermeidliche Geschwätz von der Oscarwürde ihrer Leistung stellte die Ambivalenz ihrer Rolle in den Vordergrund. Leider ermöglicht ihr der Film eben nicht, diese als solche auszuspielen, so blass bleibt ihre Figur in ihrem Bestreben, sich aus allem herauszuhalten. Um ihr etwas Tiefe zurückzugeben, lässt das Buch sie an schlimmen Magengeschwüren leiden, lässt sie selbst ein dunkles Geheimnis hüten, in dem ein sexueller Übergriff eine Rolle spielt, und sie ein schmuddeliges Zimmer bewirtschaften, in das sie sich zurückzieht, um sich mit Hank treffen zu können, oder um … tja, warum eigentlich? Will sie der wohlgeordneten Ehe mit einem Mann entfliehen, der unauffälliger und bescheidener lebt, aber so viel glücklicher ist als sie? Der sie – eine komplett hobbylose Karrieristin – mit seinen vergnügten Kochkünsten beschämt und mit der Freude über seine laut aufgedrehten JohnAdams-Platten? Der sie überdies vor den intellektuellen und charakterlichen Mängeln der Studentin gewarnt hat, deren Förderung Alma nun auf die Füße fällt. Dieser Sache ein wenig (nicht völlig) auf den Grund zu gehen, hätte dem Film die menschlichen Zwischentöne gegeben, die vor lauter Hader und Agitation nicht gedeihen wollen. Die Kontrahenten in diesem Konflikt sind letztlich durchweg schäbige Subjekte und interessieren sich ausschließlich für ihre eigenen Belange, die sie notdürftig mit gesellschaftlichen Botschaften verbrämen. Die Heldin ist da leider keine Ausnahme. Regisseur Luca Guadagnino verhebt sich an seinem Thema und lässt uns mit all den ungelösten – unlösbaren? – Problemen zurück, die uns in der Wirklichen Welt täglich umgeben. Der Slogan auf dem amerikanischen Poster „Not everything is supposed to make you comfortable“ („Nicht alles ist dafür da, damit du dich wohlfühlst“) klingt nach schlechtem Gewissen. Ein fesselndes Drama hat so etwas nicht nötig. Die deutsche Kopfzeile versucht, das Beste draus zu machen: „Wer sagt die Wahrheit?“

Etwas ratlos macht der Schluss, ein angeklebt wirkender „5 Jahre später“-Epilog. Er bietet eine Überraschung, stellt aber auch alles auf den Kopf, was man sich im Kinosessel zusammengereimt hat, neutralisiert es gleichsam, so als sollte sich hier niemand festlegen können, wo die Sympathien hingehören, die man so gern entwickelt hätte. Für mich fühlt es sich an, als wolle der Film mir sagen: wem auch immer du in den letzten zweieinhalb Stunden die Stange gehalten hast, es war Verschwendung. Es ist betrüblich, mit diesem Gefühl aus einem so ambitionierten Film herauszukommen.

Im Podcast auch zum Hören: https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/after-the-hunt-aktuelle-filmkritik

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Die wiedergefundene Textstelle: Der neue Comedian

betr.: 100. Geburtstag von Lenny Bruce

Lenny Bruce war das bekannteste Produkt einer Generation von komischen Satirikern oder satirischen Komikern, die zu jener Zeit erblühten, als Amerika sich entschied, es sei jetzt an der Zeit, aufzuhören, sich selbst zu ernst zu nehmen.
In den dreißiger Jahren unterhielt Will Rogers auf den angesehensten Bühnen Amerikas die Menschen mit aktuellen politischen Geschichten, während er ein Seil herumwirbeln ließ und seinen Optimismus bekundete.
Danach erschien Bob Hope mit seiner gefeierten Witzfabrik auf der Bühne und erzählte lokale Histörchen, womit er sich beim gediegenen republikanischen Establishment der Vereinigten Staaten sehr beliebt machte, durch das er es bis zum Multimillionär brachte.
Doch durch Senator McCarthy, der behauptete, unter oder in viel zu vielen Hollywoodbetten befänden sich „Rote“, kam ein Knick in die Entwicklung. Als das Land sein Bewusstsein wiedererlangte, hatte sich sein Witz gewandelt. Plötzlich tauchten in einer Reihe von Klubs ätzende, intellektuelle Komiker auf, die die man später, nachdem sich das politische Klima gebessert hatte, auch im Fernsehen und in größeren Theatern bewundern konnte. Mort Sahl war einer von ihnen. Lenny Bruce war zu intelligent, zu ätzend, zu unverblümt, um dem Klubmilieu zu entkommen.
Die Menschen, die sich Lenny Bruce ansahen, wollten geschockt werden. Ein seltsames Phänomen, aber die Leute wollten es nicht anders. Manchmal wurden sie durch ein neun Meter großes Plakat angelockt, auf dem Hitler zu sehen war, die Hand zum Nazigruß erhoben; darunter stand in Großbuchstaben: „Donnerstagabend Premiere. Adolf Hitler“. Und darunter in kleinerer Schrift: „Mit Lenny Bruce“. Und jeder Witz über Hitler wirkte wie ein Schock.
Lennys Ruf war enorm. Er war ein Produkt einer Kultur, die man gewöhnlich als Drogenkultur bezeichnet. Und vermutlich waren Drogen auch schuld an seinem Tod.
Doch was ihm jede Möglichkeit verbaute, dem Dunstkreis der Klubs zu entfliehen (vorausgesetzt, er hätte es gewollt), war seine Sprache. In der Welt, die er beschrieb, sagte jeder, was er fühlte. Ihre Bewohner nannten das Kind beim Namen. Es waren Menschen, für die das Leben Scheiße war, die fickten. Je extremer die Sprache, desto größer die Anhängerschaft. Aber die Sprache war nicht das einzig Geniale an Lenny. Es gehört zu den Travestien zeitgenössischer Geschichte, dass man sich allzu oft nur an die Schale erinnert. Lennys Sprache behält man im Gedächtnis, doch der Sinn hinter den Worten wird vergessen.
Auch das Ohr des Gesetzes lauschte seinen Worten. Bruce wurde im Dezember 1964, zwei Jahre vor seinem Tod, wegen einer Vorführung, die laut Gericht „obszön, anstößig, unmoralisch und unanständig“ war, vom Manhattan Criminal Court verurteilt. Was zur Folge hatte, dass er noch nicht einmal in den Klubs erscheinen durfte, in denen er früher seinen Lebensunterhalt verdient hatte.

Aus „Dustin“ von Michael Freedland (1989), übersetzt von Inge Holm für Droemer Knaur (1992)

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Lesen vom Blatt: Die Fotografin

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Diesen Text gut zu interpretieren, ist eine Herausforderung. Nachdem wir uns den typisch-anfeuernden Sound der Modefotografin (oder ihres männlichen Gegenstücks) in Erinnerung gerufen haben, müssen wir ein Gefühl dafür haben, wie jeder Satz gemeint ist – auffordernd, aufmunternd, mahnend, rügend, lobend, als Kommando, als laut gedachter Geistesblitz … – und wo die nonverbalen Momente versteckt sind, etwa das siegreiche Drücken auf den Auslöser, das von einem gewissen Gefühl begleitet wird.
Es ist ein rascher, kreativer Prozess, entsprechend schnell wechselt die Stimmung von Satz zu Satz.

„Mein Gott, Jane, nimm deinen Hintern runter. Man sieht ihn hinter ihrem rechten Knie. Mach dich doch kleiner! So ist es gut! Nein, mehr nach links! Ja, richtig! Jetzt verdeckt dich der Strauch. So wird es gehen. Haltet still! Wir machen noch ein Foto. Diesmal beide Hände am Hut. Gut – und jetzt dreh dich zur Seite, Elsie. Beug dich vor! Mehr! Beug dich, als wolltest du die Zigarettenschachtel aufheben. Ja! Großartig! Ich hab’s. Jetzt mehr nach links. Dieselbe Pose, nur dreh den Kopf etwas nach hinten! So! … Na weil du so einen entzückenden Hintern hast, meine Liebe. Und wenn du den Kopf drehst, geht dein Kinn hoch wie der Mond, der aus den Bergen aufsteigt, Ich glaube, wir sind fertig.“

Auftritt der Margot in „Mord im Spiegel“ (15. Kapitel) von Agatha Christie

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Die wiedergefundene Textstelle: Die Manhattan-Insulaner

Die Insel Manhattan hat ihren Namen von ihren ältesten Einwohnern, den Manhattan-Indianern. Es war ein friedlicher Stamm: sie stellten Fallen, fischten und jagten. Und sie hatten einen alten Brauch. Jedes Jahr im Juli, wenn die Hitze und die feuchte Luft auf der Insel unerträglich wurden, schickten sie ihre Frauen und Kinder den Sommer über fort, flussaufwärts in die kühleren Berge oder, wenn sie es sich leisten konnten, an die See. Die Männer blieben natürlich auf der dampfenden Insel zurück, um ihren Geschäften nachzugehen: dem Fallenstellen, Fischen und jagen.
Aber unsere Geschichte hat eigentlich gar nichts mit Indianern zu tun. Sie spielt 500 Jahre später. Wir wollten ihnen zur zeigen, dass sich seit damals nichts geändert hat.
Noch immer schicken die Männer ihre Frauen und Kinder im Sommer fort und bleiben im heißen New York zurück, um ihren Geschäften nachzugehen: dem Fallenstellen, Fischen und Jagen.

So beginnt das Boulevardstück „The Seven Year Itch“ von George Axelrod, das Billy Wilder hochprominent mit der Monroe verfilmt hat (er selbst hielt diesen Klassiker für eine seiner schwächeren Arbeiten). In Deutschland wurde diese Komödie unter dem Titel „Meine Frau erfährt kein Wort“ auf die Bühne gebracht.

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Kultfilm Azubis: Weltenverschiebung, Weltenverwirrung

Das Kinopublikum unterscheidet längst nicht mehr zwischen Sequels, Prequels und Remakes. Hauptsache, man muss sich nicht vor Überraschungen fürchten. Seit gestern verströmt „Tron: Ares“ diese wohlige Wirkung. Der dritte Teil der Urfassung von 1982 lässt diese wieder nach Kult duften. Wir haben uns das Original nochmals angeschaut.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/tron-und-andere-parallelwelten

A) Tron
Amerikanischer Science-Fiction-Film von 1982

Computergenie Flynn arbeitet bei einem mächtigen Kommunikationsnetzwerk namens Encom. Als er seinen Vorgesetzten Dillinger des geistigen Diebstahls verdächtigt, versucht er, in dessen Computernetzwerk zu gelangen. Ein Kollege, der wegen eines solchen Kummers schon früher aus der Firma geflogen ist, unterstützt ihn dabei. Flynn wird vom Sicherheitssystem MPC entdeckt, per Laserstrahl in seine elektronischen Komponenten aufgelöst und ins System integriert. Als Spielfigur muss er in diesem Cyberspace einen Gladiatorenkampf bestehen. Die „guten“ Programme kämpfen darin gegen die „bösen“ …

Seinerzeit ein Nischen-Spaß für die Freunde von Daddel-Automaten, ein buntes Spektakel zwischen Computeranimation, Zeichentrick, Videospiel und Spielfilm, sind dieser Disney-Produktion längst Subtexte, Geheimbotschaften und Meta-Ebenen zugefallen, die sich Regisseur Steven Lisberger vor mehr als 40 Jahren nicht hätte träumen lassen.

B) Harry außer sich / Deconstructing Harry
Satirische US-Filmkomödie von 1997

Bestsellerautor Harry Block hat sechs Therapeuten, drei Ehefrauen und unzählige Geliebte verschlissen. Zwar hat er das Glück, dieses Treiben literarisch vergolden zu können, doch sein soziales Umfeld reagiert zunehmend feindselig. Als ihn nun eine Schreibblockade befällt, wirft das nicht nur finanzielle Probleme auf – der letzte Verlagsvorschuss ist längst aufgebraucht –, sie raubt Harry auch sein wichtigstes seelisches Ventil. Zu allem Übel verbünden sich nun auch noch reale und erfundene Figuren gegen ihn …

Woody Allens über Jahrzehnte gepflegte fleißige Tradition, pro Jahr einen Film herauszubringen, hat dazu beigetragen, dass selbst Juwelen seines Schaffens dazwischen versunken bzw. in den Online-Diensten „nicht verfügbar“ sind. In Allens Heimatland, den USA, kann „Harry außer sich“ schon wegen der deftigen Vokabeln und der ganz besonders deftigen Eröffnungsszene nicht funktioniert haben. Dieser Film wirkt wie ein Gruß an seine europäischen Fans.

Nächste Woche: „Der letzte Tango in Paris“ und „Ein Mann sieht rosa“

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