Wohnwelten – Vorwort, Teil 2

betr.: So wohnen literarische Figuren

Fortsetzung vom 27. April 2025

Ich fragte mich, warum Doris Dörrie überhaupt ein Buch namens „Wohnen“ geschrieben hat, wenn sie zu dieser Tätigkeit, diesem Aspekt des Daseins doch offensichtlich gar keine Beziehung hat? Der „Zeit“ verriet sie die Antwort: sie hätte in der existenzialistischen Buchreihe des Hanser-Verlags (mit Themen wie „Lieben“, „Arbeiten“, „Altern“ …) lieber über das „Schlafen“ geschrieben – „weil ich sehr gerne schlafe und es sehr schlecht kann“ -, doch das habe ihr eine andere Autorin weggeschnappt. Sie gestand der Verlagsdame, sie sei eher in Hotels unterwegs, und wenn sie mal eine Wohnung einrichte, dann nur für ihre Filmfiguren. Sie richtet diese Wohnungen eigentlich auch nicht ein, sie spricht davon, sie „kalkuliert zuzumüllen“. (Was sie als Regisseurin dazu motiviert, leuchtet mir durchaus ein: „Mich macht es sauer, wenn Figuren über ihre Verhältnisse leben. Da ist eine Polizeibeamtin, und die wohnt in einem Loft mit Blick über die Stadt. Besonders gern ist das so in deutschen Fernsehfilmen.“)

Wenn es ums Wohnen geht, attestiert sich Dörrie den „geschärften Blick einer Außenstehenden“ und macht sich allenfalls Gedanken darüber, was die Wohnsituation über einen Menschen aussagt. Dieser verwinkelte Zugang zum Thema ist die Erklärung für den unbehausten Ansatz ihrer Prosa. Und dass sie in einem Ankreuztest ihren Wohntypus ermittelt hat: „Verweigerin“ mit „keinerlei Sinn fürs Einrichten“.
Die Wege des Lektorats sind unergründlich.

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Alles Disco oder was?

betr.: Summer Of Disco

Ich kam mal wieder knapp zu spät. Gerade, als ich anfing, mich für zeitgenössische Popmusik zu interessieren, verkündete Jörg Ebner, “Pop-Professor” meines Lieblingssenders “Radio Luxemburg”, Discomusik sei nicht tot. Solche Richtigstellungen lassen mich stets aufhorchen und spontan erst einmal das Gegenteil befürchten. Die Disco lebte ohnehin noch etwas weiter: in Gestalt der tristen Dorfdiscotheken, die ich wenige Jahre später gelegentlich besuchte: Wer baut, der bleibt.
Was ich da Wichtiges verpasst haben muss, schwant mir, wenn ich lese, dass Discomusik “seit den 1970er Jahren für gesellschaftlichen Wandel, Emanzipation und Selbstbestimmung steht” (so der Sender “arte” in der Ausrufung des aktuellen Programmschwerpunkts “Summer Of Disco”). Lässt sich so etwas nicht über jede kulturelle Jugendbewegung sagen?
Ich werde diesen Sommer nutzen, mir ein konkreteres Bild zu machen. Besser, ich hätte mich schon früher darum gekümmert, denn wir leben in einer Zeit, in vieles angeblich nicht mehr so wichtig ist, was einmal für Struktur gesorgt hat, und in der Systematik gern mit dem Schimpfwort “Schubladen” diskreditiert wird.
Wie es zur Zeit um das Discobewusstsein bestellt ist, machte mir ein aktueller F.A.Q.-Gastbeitrag von Ralf Niemcyk bewusst. Er stellte nämlich fest:
»Der Geist der Disco schwebt mal wieder durch die Popmusik. Nicht als Relikt, das man aus der Vitrine holt, weil in der Gegenwart nichts los ist. Es ist vielmehr eine immer wieder begehrte Mode, die Welt zu befragen; über den Körper, den Rausch und auch das Spiel der Rollen. (…) Disco, Soul, Jazz, Pop; das sind heute keine getrennten Sphären mehr, sondern durchlässige Systeme.«
Wusst’ ich’s doch!  
»Das Disco-Gespenst lebt in der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten: zwischen Eskapismus und Realität, zwischen Oberflächlichkeit und Tiefe, zwischen Spiel und Ernst. (…) Vielleicht ist eine entscheidende Verschiebung gegenüber der ursprünglichen Disco-Ära: die neue Disco will nicht mehr nur befreien, sie will auch verstehen. Sie fragt, was es bedeutet, sich hinzugeben: an einen Beat, eine Beziehung ode rein Gefühl. Und sie akzeptiert, dass diese Hingebe immer riskant ist.«
Wenn selbst für einen “Rolling Stone”-Journalisten alles so herrlich wurscht ist, werde ich bei meiner Recherche lieber zu älteren Aufzeichnungen greifen.   

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Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (31): „Vom Land“

Hörspiel vonElisabeth Weilenmann nach dem Roman von Dominik Barta – ORF 2021 – Länge: 54’14; Credits: https://oe1.orf.at/hoerspiel/suche/16051

Von der Schönheit dieses unvermuteten Auswegs durchdrungen, bekommt Erwin Lust, in den Wald zu gehen. Beim Gewehrkasten gerät er ins Stocken. Es mag ein Irrtum oder ein Versehen sein, aber ihm fehlt eine Flinte.

Die Bäuerin Theresa ist um die sechzig und hat ihr Leben lang hart gearbeitet, Kinder bekommen, sich einem Ehemann untergeordnet, den sie sich nicht aussuchen durfte, und das stumpfe, reaktionären Klima im Dorf ertragen. Auf einmal legt sich hin und spricht nicht mehr. Der Hausarzt ist ratlos, die Angehörigen sind überfordert. Die erwachsenen Kinder müssen anreisen, von wo auch immer es sie hin verschlagen hat, und endlich wieder miteinander reden. Theresas Mann muss lernen, Hilfe und Gefühle zu akzeptieren. Und selbst der zwölfjährige Daniel muss seinem verbohrten Onkel Max entschlossen entgegentreten, um seinen einzigen wirklichen Freund vor der Fremdenfeindlichkeit seiner Scholle zu schützen.
Und Theresa? Ihr Zusammenbruch ist spätes Aufbegehren. Sie ist nicht krank, sie will raus.

Was der Debütroman von Dominik Barta taugt, weiß ich nicht – der SZ war er etwa zu grob und ungelenk. Jedenfalls gibt er die Vorlage für ein ORF-Hörspiel her, das das ganze Grauen der ländlichen „Gemeinschaft“ bündelt und in intelligente Dialoge und fesselnde Konflikte umsetzt. Solche Provinz-Stoffe werden in Rezensionen gern mal als „Western“ etikettiert. Was „Vom Land“ für mich persönlich dem Westerngenre voraushat, ist der Realismus der Figuren und die Nähe, die ich zu ihnen aufbauen kann. Ich glaube, alle diese Leute einmal gekannt zu haben – in einer gottlob fernen Vergangenheit.

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Revival ausgeschlossen

betr.: 125. Geburtstag von Nelson Eddy

Der Bariton Nelson Eddy bildete vor einem Dreivierteljahrhundert gemeinsam mit der Sopranistin Jeanette MacDonald das berühmteste Gesangspaar der Filmgeschichte – ein bis heute gültiger, wenn auch inzwischen bedeutungsloser Superlativ.
Der kleine Nelson war rothaarig und ein Knabensopran gewesen. In seinen 30ern ergraute er zu einer Art Blondschopf und reifte zum Bassbariton. Von der Broadway- und Opernbühne kam er nach Hollywood, wo das Ende des Stummfilms in den Filmstudios für großen Bedarf an stimmlich geschulten Darstellern sorgte. Sein Einsatz in Tonfilm-Operetten war obligatorisch. Eddy und seine zunächst prominentere Partnerin Jeanette MacDonald waren praktisch von Beginn an altmodisch, verlängerten sie doch auf der Leinwand die Zeit der amerikanischen Operette, die am Broadway bereits einem frischeren Konzept platzgemacht hatte: dem Musical. Mit ihrem ersten gemeinsamen Film „Tolle Marietta“ (“Naughty Marietta”) wurde Eddy 1935 auf einen Schlag zum bestbezahlten Sänger der Welt und erntete die Früchte 15jähriger Mühen. Bis in die Kriegsjahre, als solche gemütvollen Singspiele wie “Rose-Marie” und „Maienzeit“ („Maytime“) endgültig aus der Mode kamen, hatte das Duo in acht Filmen gemeinsam Erfolg.

Das Schmähbuch „The 50 Worst Movies Of All Time“ (das den deutschen Nachkriegsfilm gnädigerweise ausklammert) hat „The New Moon“ (MGM 1940) als besonders trashig eingestuft.

1942 endete die Filmreihe von „America’s Singing Sweethearts“, und Eddy machte noch ein paar folgenlose Filme mit anderen Partnerinnen, darunter das prächtige Technicolor-Remake von „Phantom Of The Opera“ mit Susanna Foster. Während MacDonald als „great lady of music“ eine gemächliche Alterskarriere hatte, machten Eddy der Niedergang des Radios und die Konkurrenz durch jüngere und schlankere Sänger im Fernsehen zu schaffen. Er verlegte sich auf Konzerte und Nachtclub-Auftritte. Mit Mitte 60 wurde ihm die Ehre zuteil, auf der Bühne zu sterben.

Der Zeitgeschmack ist unerbittlich, und in diesem Falle verweigert er sogar die ansonsten unverwüstliche Regel „Alles kommt einmal wieder“. Das Andenken an das große Gesangspaar ist gemeinsam mit ihrer als überholt verspotteten Gattung, der Operette, untergegangen. Wenn überhaupt, lebt es in boshaften Parodien fort, etwa in Gestalt des Duos Wayne und Wanda aus der “Muppet Show”, das immer spätestens nach der zweiten Liedzeile durch einen Bühnenunfall am Weitersingen gehindert wird.

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Notes On A Podcast: Kult von ganz oben

betr.: Was ist kein Kultfilm?

Wie das „F.A.Z. Quarterly“ berichtet, kommt „Leaving Las Vegas“ von Mike Figgis in einer restaurierten Version in die Kinos. Der Grund: es sei ein Kultfilm. Wer dies liest, wird wissen, dass ich mit dem Begriff sehr sorgsam umgehe. Und ich habe eine ganz andere, immerhin persönliche Erinnerung an die Erfolgsgeschichte dieses Films. Ich war sozusagen dabei – nicht beim Dreh, aber eben beim Erfolg, und darum geht es ja.

Ich sah „Leaving Las Vegas“ in einer Pressevorführung, also mit kleinem Fachpublikum. Ich fand ihn grauenvoll. Die anwesenden Journalisten wirkten müde und ein wenig erleichtert, als es vorbei war. Ich weiß nicht, wie viele Hamburger Kinos ihn danach überhaupt gezeigt haben, jedenfalls versank er schnell und geräuschlos.
Monate später bekam Nicholas Cage den Oscar für die männliche Hauptrolle – was 1995 theoretisch noch etwas über die Qualität einer Leistung aussagen konnte. In diesem Falle bedeutete es: wir vergeben zwischendurch eine Trophäe an die haarige, wüste Performance eines haarig-wüsten Performers (in diesem Fach fühlte Cage sich seit jeher wohl), um die Glaubwürdigkeit der Jury zu festigen. Die kann danach wieder jahrelang hauptsächlich rührselige Crowdpleaser abfeiern.
Die Rechnung ging in jeder Hinsicht auf. Die On-Off-Beziehung von Nicholas Cage mit seinen Fans sprang wieder kurzfristig an, der Film kam erneut in die Kinos, und diesmal wussten alle, dass sie ihn zu mögen hatten, und gehorchten. Sogar der Regisseur – auch er feiert sich gern als unangepassten Tinseltown-Verächter – kann sich bis heute darüber freuen.
Ich freute mich nicht, z.B. weil ich Nicholas Cage verdächtigte, den Betrunkenen gar nicht gespielt zu haben. Einen Betrunkenen zu spielen, ist ja auch gar nicht so einfach wie alle denken.
Nun erfahre ich im „Quarterly“ vom Regisseur: genauso war’s. Doch dass es sich bei der preisgekrönten Darbietung nicht eigentlich um Schauspielerei handelt, was die Verleiher eines Oscars für gute schauspielerische Leistung streng genommen interessieren müsste, ist hier und heute gar nicht der Punkt. Auch die m. E. jammervolle Qualität dieses Schinkens nicht, denn Kultfilme dürfen absolut räudige Machwerke sein. Nur eines sollten sie geleistet haben: dass das Publikum sie hochgebracht hat. Und in diesem Punkt ist „Leaving Las Vegas“ das genaue Gegenbeispiel. Es ist ein Sieg der wichtigsten Werbeveranstaltung des Mainstream-Kinos über den tatsächlichen Unterhaltungswert.

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So siehst Du aus! (1)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Lesen sie auch die Einführung vom 16. Juni

Matias Faldbakken (1973-)
The Hills

Der Maitre d‘ Er blickt mich lange und eingehend an. Dann bringt er, wie er das oft tut, sein großes Gesicht langsam näher an meines heran.
In der Regel ist ein Kindergesicht eine reine, runde Oberfläche mit den symbolträchtigen Zügen von Augen und Mund. Augen und Mund stechen in einem Kindergesicht hervor. Die Augen und der Mund können die Quelle faszinierender Schönheit sein. Sie sind ein Mittel der Kommunikation. Man kann Unsicherheit, Freude und Trauer an ihnen ablesen. Mit dem Alter wird das Gesicht immer mehr vom Gesicht selbst dominiert. Augen und Mund werden vom Gesicht selbst in den Hintergrund gedrängt.
Das Gesicht des Maitre d‘ ist ein schlagendes Beispiel für diesen Triumph des Gesichts. Seine Augen, die sicher einmal glänzend und hell waren, sind nicht nur eingesunken und blass, sie sind auch merkwürdig klein im Verhältnis zur gesamten Gesichtsfläche. Die Tränensäcke haben ebensoviel Aussagekraft wie die Augen. Seine Augen und sein Mund, die, als er jünger war, für den Großteil seiner Ausdrucksfähigkeit verantwortlich waren, leisten jetzt nur noch einen minimalen Beitrag dazu, was in seinem Gesicht vor sich geht. Sein Mund – einst prall, potent und weich – ist nun stramm, lippenlos, umgeben von vertikalen Falten. Es sieht aus als bliese er ständig auf einer Querflöte. Was von den Lippen noch übrig ist, dient inzwischen im besten Fall als eine Art Vorhang vor den gelblichen Zähnen. Sein Gesicht hat viel Stirn, Kiefer und Kinn mit Gruben, Poren und Furchen, raue und glatte Bereiche, fettige Flächen, eine Unmenge an Schattierungen und Farbnuancen, kleine Netze aus geplatzten Blutgefäßen und Abnutzungserscheinungen von langjährigem Rasieren, dem Auftragen von Aftershave und seinem Alkoholkonsum.
So manche Mimik und Grimasse hat sich verfestigt, und es ist keine Kunst, von außen zu erkennen, was in ihm vorgeht, ganz egal, wie zugeknöpft er ist.
Glück und Unglück leben Seite an Seite, sagt er.
Nun habe ich nicht allzuviel zu sagen, was das Thema Gesichter betrifft. Wenn ich mich meinen Problemen von Angesicht zu Angesicht stellen möchte, um es mal so auszudrücken, muss ich nur in den Spiegel schauen. Es ist, als wäre mein Gesicht ein Abdruck aller Sorgen, die sich in mir im Laufe der Jahre angesammelt haben. Die Sorgen sind die Gussform meines Gesichts. Ich verspüre oft eine Anspannung und weiß, was sie mit meinem Gesicht anstellt. Gewebe und Unterhautfett werden von den Sorgen ausgedörrt. Ich fühle, dass die Mundwinkel nach unten gezogen werden. Ein Ziehen im Gesicht. Ich spüre, wie die Gefühle an meinem Gesicht ziehen und zerren.
Wie ist das möglich?
Dass ein Alkoholproblem ein Gesicht auszehren und ruinieren kann, ist verständlich; dass die Blutgefäße und Poren vom Alkohol geweitet werden, ist logisch. Dies kann man im Gesichtsdrama des Maite d ‘ verfolgen. Aber dass Emotionen ein Gesicht zerstören können, das erscheint ungerecht.    
Wer Nerven hat, bekommt ein sogenanntes Nervengesicht. Wozu soll das gut sein? Ist das Gesicht eine Art Marionette der Nerven? Dass man mit dem Gesicht kommuniziert, ist offensichtlich. Aber wenn man versucht, seine Nerven mit einem Pokerface zu verbergen und dennoch ein Nervengesicht hat, was für einen Zweck hat das denn? Was für eine evolutionäre Sackgasse ist das? Man hilft einem Kind, wenn es weint. Aber man schützt das Kind, wenn das Nervengesicht den Raum betritt. Niemand kommt einem Nervengesicht zu Hilfe.
Manchmal, sagt die Barchefin, geht der Maitre d‘ nach hinten und schmiert sich Creme ins Gesicht. Daher der Glanz! Ich muss grinsen. „Er verbirgt es gut, aber ich höre, wie er sich eincremt“, sagt die Barchefin. Darüber können wir kichern, die Barchefin und ich. Hörbares Eincremen. Aber davon, sagt die Barchefin,  dürfen beispielsweise Sellars und seine Truppe nichts erfahren. Aus solchen Details können sie eine ganze Architektur des Spotts errichten.
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https://www.penguin.de/buecher/matias-faldbakken-the-hills/ebook/9783641230210

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Kultfilm Azubis: Drama – Liebe – Wahnsinn

Filme, in denen es um Sex geht müssen nicht schmuddelig sein und auch nicht voyeuristisch. Abgesehen davon, dass auf das Kino zu ebenso zutrifft, was Truman Capote über Belletristik gesagt hat: alle Literatur ist Klatsch.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/belle-de-jour-schoene-des-tages-live-flesh-mit-haut-und-haar

A) Belle de Jour – Schöne des Tages / Belle de Jour
Französisches Drama von 1967

Die schöne Séverine hält ihren Mann Pierre sexuell kurz – und verachtet ihn ein wenig für seine Rücksicht. Insgeheim träumt sie davon, sich erniedrigen zu lassen. Bei der Arbeit in einem diskreten Bordell für bessere Kreise öffnet sich zeitweilig ein Ventil für ihre schrägen Fantasien. Doch dann erregt sie bei einem ihrer Kunden allzu große Begeisterung. Und den Sadismus eines Freundes von Pierre, der hinter das Geheimnis ihres Doppellebens kommt.

Der Spanier Luis Bunuel etablierte sich schon im Stummfilm als großer Surrealist. Das freizügige französische Kino gab ihm die Möglichkeit, diese Strömung mit seiner Abneigung gegen das gehobene Bürgertum zu verbinden, ein Anliegen, an dem sich auch sein Kollege Claude Chabrol kreativ abarbeitete. Mit „Belle de Jour“ feierte Bunuel seinen größten Erfolg. Und die junge Cathérine Deneuve mutet ihrer unerschrockenen Fangemeinde eine weitere abgründige Heldin zu.

B) Live Flesh – Mit Haut und Haar / Carne trémula
Französisch-Spanisches Drama von 1997

Der heißblütige Victor ist bei einem Rendez-Vous in ein Handgemenge mit Schießerei verwickelt worden, bei dem sich einer der hinzukommenden Polizisten eine Querschnittslähmung zugezogen hat. Als Victor aus dem Gefängnis entlassen wird, hat er nur ein Ziel: die verlorene Zeit nachzuholen und der beste Liebhaber aller Zeiten zu werden. Als Lehrmeisterin sucht er sich ausgerechnet die Frau von Sancho aus, des älteren Cops, der einst die Situation eskalieren ließ. Und als Objekt der Begierde die Frau von David, dem jüngeren Cop, der nun im Rollstuhl sitzt.

Der spanische Meisterregisseur Pedro Almodovár begann Anfang der 80er Jahre in der schwulen Subkultur, hatte mit seinem schrillen Humor auch im Mainstream Erfolg und spezialisierte sich mit den Jahren auf starke Frauenportraits. Im Gegensatz zu seiner Entdeckung Antonio Banderas schlug er alle Angebote aus, nach Hollywood zu gehen, um seine künstlerische Freiheit nicht aufs Spiel zu setzen. Seine Filmgesellschaft heißt „Deseo“: Leidenschaft.

Nächste Woche: Zwei hinreißend verdorbene Schurken und Enthüllung um Mitternacht

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Als Wahrheit Teile der Bevölkerung verunsichern durfte

betr.: 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann

Als „Der gute Gott von Manhattan“ 1959 den renommierten „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ bekam, war das Fernsehen zwar in der Bundesrepublik schon eingeführt, doch das Hörspiel stand noch in voller Blüte, und man versammelte sich abends um das Empfangsgerät, um ihm zu lauschen. Sogar die Dankesrede der Autorin für die Auszeichnung im Bundeshaus in Bonn hat Geschichte gemacht. Ihr Titel wurde zu einem geflügelten Wort: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. (Bundesinnenminister Thomas de Mezière aktualisierte diesen Satz 2016 mit dem vieldiskutierten Ausspruch: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“ …)
Die Bedeutung des Mediums war auch daran abzulesen, dass von wichtigen Hörspielmanuskripten mehrere Fassungen produziert werden konnten – von Bachmanns „Gott“ etwa eine von Gert Westphal für SWF Baden-Baden, Radio Bremen und RIAS Berlin und eine von Fritz Schröder-Jahn als Koproduktion von NDR und BR. Der Deutschlandfunk sendete gestern eine Neufassung zum Jubiläumsjahr der Autorin.

Die Konzeption des Hörspiels ist auf eine für heutige Ohren ungewohnte Weise verwickelt, Günter Peters beschreibt sie so: »Hier geht die Autorin mit dem Thema der Kluft zwischen Liebe und Gesellschaft und der von Herrschaft und Machtansprüchen gelenkten Beziehung zwischen Mann und Frau auf radikale Weise buchstäblich ins Gericht. Die Handlung wechselt ständig zwischen drei Schauplätzen oder Ebenen des Geschehens: Auf der ersten Ebene hören wir das Gespräch eines Richters mit dem vor das Gericht geladenen “guten Gott”, der sich wegen eines mörderischen Brandattentats auf die weibliche Hauptfigur des Hörspiels zu verantworten hat und der diese Tat als Strafe für den asozialen Charakter einer derart absoluten und vorbehaltlosen Liebe rechtfertigt, wie sie das junge Paar auszuleben versuchte. Die zweite Ebene verfolgt die Liebesgeschichte der beiden jungen Leute Jan und Jennifer, deren Zuspitzung sich darin ausdrückt, dass sie in ihrem Wolkenkratzerhotel in immer höhere Stockwerke aufsteigen. Auf einer dritten Ebene treten zwei feuerrote Eichhörnchen auf, deren Doppelrolle darin besteht, die Liebenden tiefer in ihre Leidenschaft hineinzuzuziehen und gleichzeitig auf Geheiß des guten Gottes ihre Vernichtung zu betreiben. In einer Schlüsselszene schlägt die Bereitschaft der beiden Liebenden, sich wieder zu trennen, in eine Form absoluter Liebe um, die keine gesellschaftlichen Schranken kennt, aber auch eine schamlose Erniedrigung der Frau vor dem Mann und ein wechselseitiges Verfallensein impliziert. Direkt anschließend analysiert der vor Gericht geladene “gute Gott” diese Form der Liebe, die in seinen Augen ein Verbrechen gegen die Gesellschaft darstellt und deshalb unnachsichtig vertilgt werden musste.«

Schon aus dieser Inhaltsangabe wird deutlich, welche künstlerische Freiheit ein geachteter Literaturstar genoss, wenn er für den Rundfunk arbeitete – ganz zu schweigen von den immensen Honoraren, zumal wenn noch Mehrfachbearbeitungen entstanden. Auch andere große Schriftsteller schätzten diese Bedingungen. Alfred Andersch und Günter Eich – wie Bachmann zwei Vertreter der “Gruppe 47” (betätigten sich schwerpunktmäßig für das Hörspiel – und vor allem Zweiterer verunsicherte die Bevölkerung gern auch mit seiner Dichtung).
Bevor als Theaterautor groß wurde, schuf auch der Schweizer Friedrich Dürrenmatt Klassiker des Mediums, die heute noch gespielt werden – in jener eng gewordenen Nische, in der heute auch der Hundertste von Ingeborg Bachmann gefeiert wird.    

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Am besten nichts Neues

betr.: Aktuelle Filmkritik

Supergirl
DC-Superhelden-Abenteuer von Craig Gillespie

Kara Zor-El alias Supergirl (Milly Alcock) feiert ihren 21. Geburtstag mit einem Roadtrip – und zwar zusammen mit ihrem Hund Krypto quer durch die Galaxis. Abstand zur Erde ist ihr eigentlich ganz recht, denn dort steht sie sowieso nur im Schatten ihres Cousins Superman (David Corenswet). Außerdem stammen die beiden zwar vom selben Planeten, werden jedoch von den Gespenstern der untergegangenen Heimat ganz unterschiedlich heimgesucht. Während Superman bereits als Baby auf der Erde gelandet ist, musste seine Cousine mit eigenen Augen ansehen, wie Krypton in Schutt und Asche gelegt wurde. Jedenfalls bleiben sie und Krypto nicht lange allein: sie geraten an die kleine Schwertträgerin Ruthye Marye Knoll (Eve Ridley), die wiederum den Tod ihres Vaters rächen will. Eine neue, weitaus größere Bedrohung in Gestalt von Krem of the Yellow Hills (Matthias Schoenaerts) schweißt sie zum Team zusammen. DC-Schlagetot Lobo (Jason Momoa) ist etwas aus dem Leim gegangen, darf aber als komische Nebenrolle mitmischen …

Das DC Extended Universe geht in die nächste Runde – und Marvel-Überläufer James Gunn passt auf, dass es nicht zu viele Überraschungen gibt. Torben Sterner hat für den heutigen Podcast dennoch ein paar aufgespürt:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/supergirl

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Wohnwelten (19): Der verschwiegene Garten

betr.: So wohnen literarische Figuren

„Der verschwiegene Garten“ in der gleichnamigen „Pater Brown“-Erzählung von Gilbert Keith Chesterton ist der Schauplatz eines Verbrechens, das sich im Rahmen einer Abendgesellschaft ereignet. Das ihn umgebende Gebäude wie auch der Hausherr sind Teil der Geschichte.

Aristide Valentin, der Chef der Pariser Polizei, hatte sich verspätet, und einige seiner Gäste trafen bereits vor ihm zum Diner ein. Sie wurden von Valentins altem Faktotum Ivan empfangen, einem bejahrten Mann mit einer Narbe und einem Gesicht, das fast ebenso grau war wie sein Schnurrbart; er saß wie gewöhnlich an einem Tisch in der großen Eingangshalle des Hauses, die voller Waffen hing. Valentins Haus war vielleicht genauso eigenartig und berühmt wie der Hausherr. Es war ein alter Bau mit dicken Mauern und hohen, über die Seine hängenden Pappeln; aber das Seltsamste – und für einen Polizeimann vielleicht wertvollste – seiner Architektur bestand darin, daß es keinen anderen Ausgang als den durch die Vordertür gab, die von Ivan und dem Waffensaal bewacht wurde. Der große Garten war sorgfältig angelegt, und in ihn führten viele Türen des Hauses. Aus ihm jedoch gab es kein Tor zur Außenwelt; er war ringsum von einer hohen, glatten und unübersteigbaren Mauer umgeben, deren oberer Rand mit ausgesucht scharfen Eisenstacheln besät war; sicher kein schlechter Platz zum Nachdenken für einen Mann, dem ein paar hundert Verbrecher den Tod geschworen hatten.

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