Die Deutschen sind doof

betr.: NSAfD bei 21%

Schon die letzte braune Diktatur auf deutschem Boden war vorherzusehen. Arno Schmidt schrieb über einen Roman von Jules Verne dies:

Ein vom Stoff her besonders gewichtiges (und für uns peinliches) Buch sind die, unter dem Eindruck von 70-71* geschriebenen „500 Millionen der Begum“ – und da nun ist niemals so früh das finstere Panorama einer Hitler-Landschaft, bis in präzise Einzelheiten hinein, gezeichnet worden; buchstäblich intuitiv; mit der Hellsichtigkeit des Hasses! Alles „Gehabte“ ist erschütternd vorhanden: der tauromorphe Diktator in seinem „Stierturm“; die wahnwitzige Aufrüstung, mit dem Rumfummeln an & Prahlen mit „Geheimen Waffen“; die uniformierten, ekel von sich begeisterten Arbeiterheere, unter halbem KZ-Verschluß; und die „SS“-Typen – man kommt sich, als Deutscher, zum Speien blöd vor, wenn man erwägt, daß dergleichen „zur Warnung“ seit 1875 vorhanden gewesen ist; sogar hunderttausendfach ins Deutsche übersetzt!
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* Deutsch-Französischer Krieg 1879/71

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Geistiger Diebstahl im Sinne des Urhebers

betr.: Begriffserklärungen „Bootleg“ (Raubkopie) und „verschollenes Album“

Der Filmkomponist Bernard Herrmann wurde einmal gefragt, wie er dazu steht, dass von einigen seiner und anderer Soundtracks Raubkopien hergestellt und gehandelt würden. Es war die Zeit, als nur die wenigsten sinfonischen Filmmusiken (jenseits der Titelsongs) überhaupt auf Tonträger veröffentlicht wurden, und wenn dies doch geschah, dann waren auf den LPs nur Teile der Musik zu hören, nicht selten in kleineren Arrangements und / oder im Sinne der Gehörgängigkeit des angenommenen Käufergeschmacks verpoppten Single-Edits.
Herrmann hatte jedenfalls kein Problem mit solchen unerlaubten Sammlerstücken, schon weil sie seiner Intention zwangsläufig nahekamen. Er antwortete auf die eingangs gestellte Frage: „Ich wäre froh, wenn die Piraten meine Oper veröffentlichen würden!“
Ein halbes Jahrhundert später haben sich die Kopier- und Rezeptionswege der (Film-)Musik an sich ebenso verändert wie die Musik selbst. Die im jeweiligen Film verwendeten Master-Tapes von Herrmann und seinen Kollegen erlebten in den 90er Jahren eine Hochphase in Sammlerkreisen: auf nunmehr von privater Hand herstellbaren CD-Raubkopien.

Bis in unsere Ära der scheinbar (!) grenzenlosen Verfügbarkeit von praktisch allem, was der User hören möchte, besteht der Mythos des Unveröffentlichten, Verschollenen oder bewusst Zurückgehaltenen fort. Viele Produktionen und Konzertmitschnitte warten in den Tresoren und Nachlässen von Musikern und Produzenten und in Rundfunkarchiven auf ihre Freilassung: eine nachträgliche Veröffentlichung, eine Ausstrahlung in den linearen Medien oder schlicht eine Sicherheitslücke, durch die eine Kopie entweichen kann.
Der „Spiegel“* sieht im Phänomen des „verschollenen Albums“ Aufnahmen, die dem Publikum so entzogen sind „wie etwa das Bernsteinzimmer oder Aristoteles’ Ausführungen zum Genre der Komödie (…) – etwas Legendäres, das nur in Abbildungen oder Bruchstücken überliefert  und ansonsten dem Genuss und der Analyse entzogen ist.“ So „sind ‚You’re The Man‘ von Marvin Gaye oder ‚Rubberland‘ von Miles Davis (…) nie erschienen. Die Gründe reichen von stilistischen Differenzen mit der Plattenfirma bis zu künstlerischen Differenzen mit sich selbst. Früher oder später wurde, woran da gearbeitet worden war, als Raubkopie doch einem zahlenden Publikum zugänglich gemacht.

Der Sex-Appel des Verschwundenen

Die Volkswirtschaft lehrt, dass das knappe Gut besonders teuer gehandelt wird. Verschwundenes ist folglich unbezahlbar. Das gilt besonders für musikalisches Material, dessen Obskurität die Nachfrage in schwindelnde Höhen treibt – und dort bisweilen über Jahrzehnte hält. Qualität spielt dabei nur eine nachgeordnete Rolle. Was nie erschienen ist, kann unmöglich überbewertet werden. Deshalb ist das ‚verschollene Album‘ gewissermaßen ein Genre für sich. Es ist der Stoff, aus dem Mythen sind. Legenden, die man sich im Schein der Lavalampe erzählt. Geschichten, an denen sich die Fantasie entzündet. Welche Richtung hätte die Popgeschichte genommen, wenn ‚Smile‘ von den ‚Beach Boys‘ 1967 seine ganze Pracht entfaltet hätte? Wie hätte 1986 ‚Dream Factory‘ von Prince gewirkt, wenn es anstelle von ‚Sign O‘ The Times‘ erschienen wäre? Solche Fragen sind müßig, machen aber Spaß – nicht selten mehr als ihr Gegenstand, wenn er dann doch noch veröffentlicht wird.“
Vor solchen Enttäuschungen waren Soundtrack-Sammler sicher – zumindest, wenn sie den Film gesehen hatten.

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* Arno Frank in der Ausgabe 32/2023

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold
(frei nach Philippe Corentin)

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Zuverlässig unoriginell

betr.: Letzter Nachtrag zum Tode von Martin Walser

Inzwischen wissen wir, dass Martin Walser schon einige Tage vor dem 28.7. gestorben ist, der anfänglich als sein Todesdatum angenommen und die Wikipedia eingetragen wurde.
Auch dieser heutige Beitrag versteht sich als Nachruf-Nachlese.

Ich habe Martin Walser nie ausstehen können. Er erschien mir zuallererst als eitel, dann als pampig, schließlich als ein bedeutender Mann der Sprache, von dem mir gleichwohl keine einzige Formulierung so gut gefiel, dass ich sie mir hätte merken wollen. Das spricht für sich und ist beachtlich bei jemandem, der jahrzehntelang fleißig publiziert und sich überdies bis zuletzt an politischen Diskursen beteiligt hat.
Wenn Heinrich Böll für seine Gesinnung gelobt wurde, pflegte er zu antworten, die gäbe es bei ihm gratis. Er wollte lieber für seine Kunst gelobt werden, für seine Sprache. Bei Walser gab es künstlerisch für mich nichts holen (wie auch bei Grass und ganz anders als bei Böll).
Ich lese die Nachrufe auf hölzerne Titanen immer besonders aufmerksam, weil sie mir die vorläufig letzte Gelegenheit bieten, mittels eines neuen Gesichtspunktes mein eigenes Urteil noch einmal zu überdenken. Das hat sich im vorliegenden Falle nicht ergeben.

In der „FAZ“ übernahm Andreas Platthaus die huldvolle Aufgabe dieses Nachrufs. (Ich kenne seine Arbeit gut, weil er seit langem überaus kundig über Comics schreibt, merke ihm aber auch jedesmal an, wenn ihm ein Thema persönlich fremd ist und er sich erst hineinarbeiten muss.) Die exemplarische Gedichtzeile, die Platthaus zum Andenken aus dem Walser-Schatz auswählt, ist diese: „Möchte vergangen sein wie Schnee, / mitgeteilt dem See, / viele Male gefroren, viele Male getaut, / abwesend ohne Laut“.
Einen derartigen Masturbationskitsch hätte ich mich nicht einmal ins Poesiealbum einer Mitschülerin zu schreiben getraut, die mir weniger nahesteht.

In der „taz“ fragt sich Dirk Knipphals gleich zu Beginn, als was er Walser rückblickend herausstellen soll:  als „Den Umstrittenen? Die Instanz? Das Relikt?“ (Bezeichnenderweise nicht als „Der Autor“, „Der Künstler“ oder gar „Der Dichter“, was – mit Verlaub – die Hauptsache ist, die allem anderen erst hätte vorausgehen müssen.) Weiter unten beschreibt Knipphals die Paraderollen der Schriftsteller in der frühen Bundesrepublik: „Dass es eine moralische Instanz geben musste (Böll), jemanden, der barocke Sprachlust in der normalitätssuchenden BRD entfesseln würde (Grass), und auch einen listigen Spieler (Enzensberger), war im Szenario Nachkriegszeit sozusagen angelegt.“ Der Verstorbene muss bei dieser Anordnung leider draußen bleiben. Immerhin: „Im Grunde war er, alles in allem, der unwahrscheinlichste Autor der Bundesrepublik.“

Martin Walser hat natürlich auch noch einmal selbst zu mir gesprochen. Der SWR wiederholte ein von ihm selbst bearbeitetes und inszeniertes Hörspiel auf Basis seines großen Erfolges „Ein fliehendes Pferd“ (1978). Die Dialoge sind wirklich klasse! Leider funktioniert die Dramaturgie nicht, zumindest nicht im Hörspiel. Dass die beschriebenen Menschen ein solches Thema auf die vorgeführte Weise verhandeln, ist unglaubwürdig, die Sache hat keinerlei Rhythmus. Immerhin – und das ist gar nicht ohne – erweist sich der Autor hier als Vorläufer von Yasmina Reza und ihren Epigonen, die zehn Jahre später damit begannen, es zum eigenen Genre zu erheben, zwei bourgeoise  Ehepaare aufeinander loszulassen, die streitend daran verzweifeln, wie ähnlich sie einander sind.
Diese Passage finde ich wirklich hübsch: „Es sollte ein Gesetz geben, das ehemaligen Schülern verbietet, ihren Lehren je wieder unter die Augen zu kommen. Und einen Zusatz: Freunde, mit denen man länger als zehn Jahre nichts zu tun hatte, haben sich als Fremde zu benehmen. Noch ein Zusatz: Fremde, die einen einfach ansprechen, begehen damit ein dem Hausfriedensbruch vergleichbares Delikt.“ – Nicht ganz meine Meinung, aber gut gebrüllt!

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„It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“ (14)

Fortsetzung vom 26. Juli 2023

(siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/01/24/noel-coward/)

Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.

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Der Klassiker als Wunderknabe

betr.: 204. Geburtstag von Herman Melville

Auf die Frage, wie man sich am besten in einer noch unbekannten Tischrunde einführt, sollte man unbedingt davon abraten, als Erstes auf das Thema „Mein Leben unter den Kannibalen“ zu kommen. Der Schauplatz: Südsee vielleicht. Palmen, Orchideen, Kokosnüsse, Pfeile aus Blasrohren. Der Stoff sichert dem neuen Gast unter seinen Zuhörern einen gewissen Anfangserfolg. Doch schnell wird im Publikum der Zweifel wachsen, ob dem Erzähler wirklich zu trauen ist. Wenn das alles wahr sein soll, wieso hat ausgerechnet dieser junge Kerl mit dem gepflegten Bart überlebt? Er sitzt ja hier mitten unter uns im sicheren New York, und keine sichtbare Beschädigung ist zu erkennen. Kann es nicht sein, dass unser Gast – der Autor des Bestsellers „Taipi. Vier Monate auf den Marquesas-Inseln oder Ein Blick auf polynesisches Leben“, das 1846 auf Amerikanisch, bereits ein knappes Jahr später auf Deutsch erschien – nicht doch ein wenig zum Flunkern, zum Hochstapeln, zur „literarischen Überhöhung“ neigt? So ein Erfolg kann nicht von Dauer sein. Er war nicht von Dauer.

Tilman Spengler in „Klassiker der Weltliteratur“ – einer Serie, die auf der ARD Mediathek zu finden ist – über Herman Melville, der nach einer Jugend auf See und einem frühen literarischen Erfolg herunterkam, buchstäblich totgesagt wurde, dessen „Moby Dick“ zu Lebzeiten ein Misserfolg war und der als Hafeninspektor endete.

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Digitalisierung in Deutschland besser als gedacht

Heute saß ich mit zwei Freunden im Restaurant. Da wir mit unserem Mittagstisch etwas spät dran waren, war im Raum nur noch ein weiterer Tisch besetzt. Zwei ältere Damen amüsierten sich mit einem Smartphone. Minutenlang spielten sie immer wieder ein lautes Rülpsen ab – vermutlich der Soundtrack eines YouTube-Videos – und lachten sich darüber kaputt. Wir hofften, die unappetitliche Beschallung würde sich nach einer Weile erledigen, doch die Damen konnten sich überhaupt nicht wieder einkriegen, und es röhrte und blörrpste unablässig zu uns herüber. Irgendwann – unsere Vorspeise war inzwischen serviert worden – bat einer von uns, doch damit aufzuhören. Zum Glück hatten die Angesprochenen ein Einsehen.
Das ergab folgendes schräge Bild: ein Millennial  bittet zwei gutbürgerliche Boomerinnen, eine digital erzeugte Belästigung einzustellen, die das Klischee eher dem männlichen Geschlecht zuordnet.
Ich hätte mich nicht getraut, so etwas in einen Sketch hineinzuschreiben.

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Wenn Kinder so dumm wären wie angenommen (1)

betr.: Schreiben für Film und Fernsehen

Wer für die jugendlichen Zielgruppen schreibt, wird unentwegt mit der Begründung ausgebremst, Kinder seien zu doof, um intelligenten Witz zu verstehen, Satire als solche zu erkennen, kritisches Verhalten ohne ausdrückliche Belehrung kritikwürdig zu finden und scheinheilige Botschaften zu durchschauen. Selbstverständlich gebraucht niemand das Wort „doof“, aber es läuft darauf hinaus.
Bei meinen Kollegen (die ja unter den gleichen Bedingungen zu schreiben haben) lese ich dann oft, Kinder seien wahnsinnig schlau und überhaupt die viel besseren Menschen.
Das ist natürlich Blödsinn (und offensichtlich vorauseilender Gehorsam).
Kinder sind uns Erwachsenen geistig-moralisch nicht überlegen, sie verdienen aber unsere gesteigerte Nachsicht und Anleitung. Sie sind auch nicht klüger als wir Alten. Dümmer aber auch nicht. Was ihnen an Erkenntnis mangelt, machen sie mit ihrem Bewusstsein wett, dass sie vieles noch nicht wissen. Sie sind unentwegt am Dazulernen (sie tun das sehr bewusst) und am Improvisieren (um ihre Wissenslücken zu kaschieren). Das wiederum macht sie zu einem sehr interessanten und potenziell dankbaren Publikum, zu einem Publikum das überhaupt nicht doof ist.
Paul Maar, der als berühmter Schriftsteller in diesem Segment etwas Freiheiten genießt als ein namenloser Medienautor, gab dennoch kürzlich im Gespräch mit der „taz“ zu, er schätze seine Arbeit für Erwachsene höher ein als die für Kinder. Er bejahte aber auch Frage, ob Menschen, die für Kinder schrieben, die ausgeglicheneren seien. „Warum?“ – „Weil es freundlichere Menschen sind.“ – „Die Kinder?“ – „Die Autoren.“

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Planlos, doch mit aller Kraft

betr.: Autorenstreik in Hollywood

Es ist beeindruckend: die US-amerikanischen Drehbuchautoren halten ihren Streik noch immer durch. Im nunmehr vierten Monat der Maßnahme haben sich längst auch viele Schauspieler solidarisiert und dem Protest angeschlossen. Na gut … jetzt, da es gar nichts zum Verfilmen gibt, ist dazu der beste Zeitpunkt. Zumal ja auch dieser Berufszweig nicht vor den Bedrohungen durch die KI gefeit ist, gegen die die Drehbuchleute neben ihrer Forderung nach besserer Bezahlung außerdem demonstrieren.

Gerade weil ich die oft übersehene und allzu geringgeschätzte Arbeit der Autoren für so überaus wichtig halte, entgeht mir aber auch die Scheinheiligkeit nicht, die diesem Protest innewohnt. Gerade in Hollywood wird seit Jahren auf einem so jämmerlichen handwerklichen Niveau gearbeitet, dass ich mich frage, woran die Studiobosse überhaupt gemerkt haben, dass ihre Autoren streiken – vermutlich haben sie heimlich die Gewerkschaftszeitung gelesen.
In fast sämtlichen Filmen und den meisten Serien aus den USA, die sich zuletzt gesehen habe, hatte ich gar nicht den Eindruck, dass hier überhaupt ein Drehbuch vorliegt, so sehr rappelt der Baukasten, so fade und klischeehaft wird geredet, so unlogisch und vermurkst ist die Storyline.
In einer bestimmten Trickserie, deren einzelne Episode 20 Minuten dauert, werden pro Folge bis zu fünf Autoren genannt. Hand aufs Herz: es ist vollkommen unmöglich, an einem Drehbuch dieser Länge zu fünft zu arbeiten, ohne dass als Ergebnis ein reines Diskussionsprotokoll herauskommt. Jede KI würde ein konsumfreundlicheres Ergebnis abliefern, würde man ihr die Sätze einspeisen, aus denen jede Folge dieser Serie im Wesentlichen besteht, solange sie von Menschenhand verfasst wird: 

Damit kommst du nicht durch! – Das wirst du bereuen! – Oh nein! – Jetzt bist du dran! – Du wirst schon sehen! – Keine Angst! – Ich rette Dich! – Stehengeblieben! – Na warte! – Das wird Dir noch leidtun! – Wir müssen los! …

Natürlich ist mir bewusst, dass es nicht allein die Phantasielosigkeit und die mangelnde Inkompetenz der Autoren sind, die zu solcher Verödung führen. Die veröffentlichten Ergebnisse sind gezeichnet von einer nie dagewesenen Kontrollwut der Produktionsformen, die sich in die Bücher einmischen und sie reglementieren. Wenn die Streikenden klug sind, nehmen sie die Forderung in ihren Katalog mit auf: Lasst uns endlich unsere Arbeit machen!

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Sprechstunde bei Dr. Dolittle (2)

Fortsetzung vom 25. Juli 2023

Doctor Dolittle – Das Filmmusical mit Rex Harrison und die Schallplatte von Anthony Newley

Alan J. Lerner, Librettist des Musical-Welterfolges „My Fair Lady“, trat 1965 mit dem Vorschlag an dessen Hauptdarsteller Rex Harrison heran, in einem Film den „Dr. Dolittle“ zu spielen. André Previn sollte die Musik komponieren. Harrison sagte zu. Hinter der Idee steckte ganz offensichtlich der Wunsch, Harrisons Paraderolle des Professor Henry Higgins neu aufzubereiten: nur dass aus dem frauenfeindlichen Sprecherzieher ein insgesamt misantropher Tierarzt gemacht wurde. Beides mag übrigens dem Charakter und Temperament des Schauspielers Rex Harrison entsprochen haben, der in sämtlichen seriösen Quellen als cholerischer Lümmel beschrieben wird.

Die Arbeit an diesem Filmmusical erwies sich als problematisch. Sowohl Lerner als auch Previn gaben auf, stattdessen wurde Leslie Bricusse engagiert, der vom Londoner Westend aus internationale Musical-Erfolge gestartet hatte. Harrison drohte mit Ausstieg, denn er traute Bricusse den Job nicht zu. Man verdoppelte seine Gage, und er blieb.
Leslie Bricusse schrieb die Songs und Texte gemeinsam mit seinem Partner, dem Sänger und Schauspieler Anthony Newley, der im Film als Dolittles Assistent auftritt.
Das Projekt blieb schwierig, Drehplan und Budget wurden mächtig überzogen. Doch Bricusse fand im Rückblick süße Worte. „Doctor Dolittle“ brachte ihm seinen ersten Oscar – für den Song „Talk To The Animals“. Für den Chart-Erfolg sorgte Sammy Davis jr., der das ganze Repertoire auf einem Album verewigte. Das Studio 20th Century Fox war mit dem Misserfolg des eigentlichen Films weniger glücklich. Lange bevor ich den Film sah, ist mir eine vergnügliche LP in die Hände gefallen, auf der wiederum Anthony Newley die Songs des Films als Solonummern vorträgt, darunter auch die Aufnahme von „Talk To The Animals“, die sich als die definitive Version erwiesen hat.

Roger Moore talks to the animals in der letzten Folge der „Muppet Show“.

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