Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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„It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“ (13)

Fortsetzung vom 19. Juli 2023

(siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/01/24/noel-coward/)

Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.

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Sprechstunde bei Dr. Dolittle (1)

Doktor Dolittle – Die Zeichentrickserie

Im Rückblick erscheint mir das Kinderfernsehen der 70er Jahre als ein Füllhorn, aus dessen Inhalt ich bis heute einen Teil meiner Vitamine beziehe. In diesem reichhaltigen Obstsalat spielte „Dr. Dolittle“ nur eine Nebenrolle. Die Qualität dieser Zeichentrickserie reichte nicht an meinen persönlichen Kanon der 18-Uhr-20-Klassiker heran. Trotzdem bedaure ich sehr, dass es nie eine Wiederholung gab, die mir erlaubt hätte, meine Erinnerungen aufzufrischen – oder endlich das lustige U-Boot der Piraten abzuzeichnen. Die Chancen stehen heute so schlecht wie nie zuvor. Der Held wurde von einer Piratenbande verfolgt, die sich – wie für solche Charaktere üblich – aus fiesen Knilchen aus aller Herren Länder, besonders aus der Karibik, zusammensetzte. Über einen der Ganoven haben wir Schulkinder uns besonders köstlich amüsiert: über den dicken vertrottelten Kollegen „Schweinebacke“, der die obligatorische Augenklappe trug. Der Piratenkapitän, der in meiner Erinnerung eher wie ein Mafia-Gangster aussieht, trug einen Ohrring … Diese Mannschaft wäre heute eine fabelhafte Shitstorm-Steilvorlage.
Dr. Dolittle war ein eleganter Herr mit Schnurrbart (genauso hat Phileas Fogg einer anderen nie wiederholten Trickserie jener Jahre ausgesehen: „In 80 Tagen um die Welt“). Damit wich die Produktion erheblich von der äußeren Erscheinung ab, die der Autor der Buchvorlage von 1920 ihm gegeben hatte. Der Amerikaner Hugh Lofting hatte Dolittle in seinen Illustrationen als kleinen dicken Mann mit Mondgesicht und Knollennase gestaltet (ein Design, das einige Jahre später in einer ganz anderen Serie  umgesetzt wurde: „Doctor Snuggles“).  
Das ZDF produzierte für „The Further Adventures Of Doctor Dolittle“ noch eine realgefilmte Rahmenhandlung, in der der jugendliche Assistent des Doktors als ergrauter Seebär Rückschau hält. Es war das erste Mal, dass mir der Schauspieler Hans Hessling Freude bereitete.

Die Abenteuer des Doktor Dolittle gehörten lange Zeit zu den beliebtesten angelsächsischen Kindergeschichten. Sie erzählen von einem Mediziner, der lernte, mit den Tieren zu sprechen und der darüber zum Veterinär wurde. Menschen mag er nämlich nicht besonders. Dieser Subtext ist mir in der Trickserie völlig entgangen. Vielleicht war er aber auch gar nicht darin angelegt – wie gesagt, meine Erinnerung ist verschwommen. Bei der nächsten Begegnung mit dem Stoff war diese Botschaft deutlicher herausgearbeitet.

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Das Wild nicht aufscheuchen

Lesen einer Tierdokumentation

Beim Lesen des Off-Textes einer Tierreportage versetzen wir uns am besten in die Lage des heimlichen Beobachters, der die beschriebenen Vorgänge dokumentiert. Wir sprechen präsent, aber diskret (halblaut, ohne zu flüstern) und identifizieren uns mit dem Forscher, der sich bei der Formulierung seines Berichtes möglichst unauffällig verhält, um die Abläufe nicht zu stören und das Verhalten seines Gegenstandes nicht zu beeinflussen.
Dieser Duktus hat sich in allen Spielarten solcher Naturfilme unabhängig von der erforschen Gattung (Großwild oder Insekt) bewährt. Die Ideale Verbindung mit dem Zuhörer stellt sich ein, wenn dieser das Gefühl hat, gemeinsam mit dem Erzähler auf der Lauer zu liegen und zu beobachten. Zum Beispiel hier:

Die Aga-Kröte bevorzugt den Bereich unterhalb von Lichtquellen, denn das Licht zieht Mücken und andere Insekten an. Die Kröte lauert ihrer Beute unterhalb der Lichtquelle auf, um sie dann zu verschlucken. Man könnte ihre Vorgehensweise mit der des uns allen bekannten Staubsaugers vergleichen. Eine Analyse ihres Mageninhalts hat ergeben, dass sie so gut wie alles frisst, was dazu klein genug ist – angefangen von Fröschen über kleine Vögel bis zu Raupen, Insekten, Krebsen und anderen Kleinlebewesen. Eine andere Untersuchung hat gezeigt, dass die Kröte sogar einen Tischtennisball fressen würde, den man vor ihr auf und ab hüpfen lässt. Das wichtigste für Aga-Kröten bei ihren Mahlzeiten ist also, dass sich das Objekt ihrer Begierde bewegt.

Dieser Vortragsgestus ist so einleuchtend und uns allen so vertraut, dass wir ihn sogar parodistisch einsetzen können.
Der Folgende Text von René Goscinny beschreibt die Naturgesetze der Grundschule und parodiert dabei die Tierdokumentation: die Klasse ist ein archaisches System, der Klassenraum ein Dschungel, vom Lehrer geht Gefahr aus etc.
Besonders gut funktioniert dieser Text, wenn man ihn mit genau dieser Haltung liest: man hat neben dem Zuhörer in der letzten Reihe platzgenommen, um – unbemerkt von den natürlichen Bewohnern dieses Lebensraumes – seine Erfahrungen weiterzugeben.

Bei Schulbeginn ist es extrem wichtig, sich den auszusuchen, der das ganze Jahr über deinen Tisch, dein Pult, deine Schulbank mit dir teilen wird. Wenn Du die Bildungsstätte, an der du dich befindest, schon vorher besucht hast, kennst du alle guten Schüler. Natürlich ist ein guter Schüler ein höchst nützlicher Nachbar, weil ein bisschen von seinem Prestige und Wissen auch auf dich abfärbt. Nur aufgepasst! Wenn der gute Schüler eine Brille mit dicken Gläsern trägt, schreibt er tief über das Heft gebeugt, was dich daran hindert, an seinem Wissen teilzuhaben. Weil er schlecht sieht, wird er außerdem in die erste Reihe gesetzt, direkt vor die Nase des Lehrers, was sich unter Umständen als nachteilig erweist, insbesondere wenn du von Natur aus verträumt bist und gerne einer ständigen Kontrolle entgehst. Wenn du allerdings selbst eine starke Brille trägst oder ein guter Schüler bist, berühren dich solche Sorgen natürlich nicht. Such dir auf keinen Fall einen hoch gewachsenen Mitschüler aus. Wenn die ganze Klasse, was mitunter vorkommt, von einem Lachanfall gepackt wird, bildet sein über alle Kameraden herausragendes prustendes Gesicht ein ideales Ziel für den Lehrer, der dazu neigt, nicht lange zu fackeln: „Ihr beiden da hinten! Ist wohl bald Schluß?“

(Unteres Textbeispiel entnommen aus : „Das Buch von Goscinny“, Ehapa Comic Collection 2003)

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Der Song des Tages: „Maybe September“

Zum Tode von Tony Bennett, wenige Tage vor seinem 97. Geburtstag

An den hochkarätigen Musikern, die ihn schon 1955 bei seinem ersten Album  „Cloud Seven“ begleiteten, kann der Kennerblick ablesen, dass die gut 70jährige Karriere von Tony Bennett von Anfang an eine sehr solide Sache war. Von Bennett ist der kokette Ausspruch überliefert, er wolle nicht die meisten Hits, sondern die besten Songs im Repertoire haben. Wer abseits seiner zahlreichen Sampler in die Playlist hineinhört, erkennt, dass das kein Marketing-Spruch gewesen ist. Als beliebiger Beleg dafür sei heute „Maybe September“ genannt. Diese Ballade würde sicherlich auf keinem der besagten Sampler fehlen, stammte sie nicht aus dem Soundtrack eines vollkommen begrabenen Films („The Oscar“) und wäre ihr Komponist Percy Faith nicht auf einem völlig anderen Gebiet berühmt geworden: als Arrangeur und Orchesterleiter, der üblicherweise die Filmthemen anderer in eine besonders hübsche Form brachte.
Apropos … noch ein Satz von Tony Bennett fällt mir wieder ein. Vor wenigen Jahren sagte er der SZ: „Nach dem Art Deco kam nur noch Mist!“

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Das Tonstudio: Echokammer des Missverständnisses

betr.: Sprechen am Mikrofon

In meinem Einzelunterricht sitzen viele Interessenten nur ein einziges Mal. Nachdem sie eine informative erste Stunde genossen haben, geloben Sie den sportlichen Umgang mit einer ganzen Reihe falscher Vorstellungen und geklärter Irrtümer, vereinbaren einen zweiten Termin – und kehren nicht wieder. Die meisten sagen immerhin ab, wenn auch stets sehr, sehr kurzfristig.
Viele dieser Leute haben zuvor „Workshops“ und „Kurse“ besucht, „Seminare“ und „Coachings“ in Anspruch genommen. Solche Veranstaltungen sind zumeist betrügerische Gute-Laune-Weekends, in deren Verlauf die falschen Textgattungen behandelt werden (Nachrichten), Lügen über die Branche verbreitet werden („Bewirb dich doch mal beim Synchron, die brauchen immer neue Leute!“) unzutreffend-ungefähres Lob ausgeteilt („Da ist schon viel Schönes dabei!“), fehlgehende Komplimente gemacht („Du hast eine tolle Stimme!“) und gegenstandslose Hoffungen („Im Grunde hat doch jeder ein Talent!“) geweckt werden.
Der kleine Rest Ganovenehre in meinem Herzen kann das sogar nachvollziehen: die meisten, die sich für das Thema „Sprechen am Mikrofon“ interssieren, wollen nichts völlig Neues lernen, wollen sich nicht als erwachsene Menschen bei etwas so Alltäglichem wie dem Sprechen unterbrechen und korrigieren lassen (was in der Tat eine Zumutung ist). Sie wollen sich einfach ein paar Stunden lang als Insassen eines Studios fühlen und mit der Annonce nach Hause gehen, dass sich ihr Leben jederzeit mit einer leichten und anspruchslosen (sic!) Tätigkeit befüllen ließe, wenn sie nur mal bei einem Studio anklopften und auf sich aufmerksam machten. Danach wendet man sich rasch einer anderen tröstlichen Täuschung zu.
Als Anbieter von Einzel-Unterricht, der erst am Ende jeder Stunde sein Honorar kassieren muss, kalkuliere ich diese Unwägbarkeit mit ein, so gut es geht, was nicht bedeutet, dass sie bei der Planung keine Schwierigkeiten macht. Auch wenn die folgenden Hinweise niemals ernstgenommen werden, will ich sie nicht verheimlichen.

Die häufigsten autodidaktischen Irrtümer des Sprechens am Mikrofon

Eine Schauspielausbildung ist eine gute Voraussetzung, um als Sprecher am Mikrofon zu arbeiten.
Das wäre so, wenn an der Schauspielschule das Spielen am Mikrofon parallel zum Spielen vor Publikum und Kamera unterrichtet würde. Das geschieht aber nicht. Für alles, was man als Sprecher von der Schauspielerfahrung profitiert, gibt es etwas, das verwirrt und irreführt.

Eine schöne Stimme ist das Wichtigste.
Im Operngesang ist eine schöne Stimme sehr wichtig – zusätzlich zu Talent, Technik und Erfahrung. Beim Sprechen ist sie eine hübsche Zugabe zu Talent, Technik und Erfahrung. Wer mit seiner Stimme nicht technisch umgehen kann, besitzt ein wunderschönes Musikinstrument, das er nicht zu spielen gelernt hat.

Eine Seminarbescheinigung öffnet Studiotüren.
Sowas interessiert nun wirklich kein Schwein.

Alle sagen mir immer, was ich für einen tollen Humor habe. Sowas wird immer gebraucht.
Bevor man den eigenen Humor eventuell in den Vortrag mit einfließen lassen kann, muss man die Technik beherrschen.

Ich kann lesen, ich kann sprechen. Also kann ich ich auch genauso gut vom Blatt laut vorlesen.
Das ist so, als würde jemand sagen: Ich kann jede Klaviertaste anfassen, also kann ich auch Klavierspielen!

Schnellsprechen macht Eindruck!
Das Tempo wird von Ausspielmedium und Textgattung vorgegeben. Meistens ist „wahnsinnig schnell“ nicht das, was gebraucht wird. Schon gar nicht, wenn das Tempo zu Lasten der Sorgfalt geht.

Ein reifes Alter wird als Erfahrung ausgelegt.
Das Gegenteil ist richtig. Wer sich mit über 30 bei einem Studio vorstellt, bei dem fragen sich die Kollegen: wo hat der denn all die Jahre gesteckt? Es wird doch kein Quereinsteiger sein? In der Tat werden reife Stimmen gesucht – solche die auch reif klingen. Aber auch hier muss die Technik beherrscht werden.

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Das Paar mit der Nelke

betr.: 85. Geburtstag von Diana Rigg

Über Diana Riggs unwiederholbare Performance als Geheimagentin Emma Peel in „Mit Schirm, Charme und Melone“ sind unzählige Artikel und auch einige Bücher verfasst worden. Es gibt sogar Bücher über die Serie „The Avengers“ / „The New Avengers“ (so die müden Originaltitel), die in ihrer Aufmachung so tun, als sei Emma Peel die Hauptfigur gewesen. Dabei war sie nur in zwei von sechs Jahrgängen die Frau an der Seite von John Steed, der die Melone auf und den Schirm bei sich hatte. Wer die Serie kennt, wird das nicht als ungerecht empfinden. Ohne die beiden Peel-Staffeln wäre die Reihe damals ein rein britisches Phänomen geblieben und heute völlig vergessen.

Die Schauspielerin Diana Rigg war eine bezaubernde Erscheinung und zugleich irrsinnig komisch, was sich im Grunde widerspricht. Sie war schon amüsant, bevor sie Text hatte. Da ihr Faszinosum – wie gesagt – bereits ausgiebig analysiert wurde, will ich heute auf ihre Kunstfigur zu sprechen kommen. Ich glaube, ein Teil der Magie besteht in der besonderen Beziehung zwischen ihr und ihrem Kollegen John Steed.
Peels unmittelbare Vorgängerin auf dieser Position war die von Honor Blackman gespielte Cathy Gale. Ihrem Typ entsprechend war das Verhältnis zwischen den beiden Agenten, die gemeinsam gegen bodenständige und allmählich immer skurrilere Verbrecher zu Felde zogen, höflich und distanziert. Sie gingen beinahe wie zwei Männer miteinander um – ohne das mit irgendwelchen Buddy-Attitüden auflockern zu können. Peels Nachfolgerin Tara King wiederum hatte ein Techtelmechtel mit ihrem (deutlich älteren) Kollegen Steed. Dagegen ist nichts zu sagen, aber es ist sehr konventionell. (Selbstverständlich sehen wir in dieser britischen Serie aus den 60ern niemals irgendwelche Schlafzimmerszenen!)

Emma Peel, geborene Knight, war die Tochter eines berühmten Erfinders und hatte nach dessen Tod dessen Firma geerbt. Sie muss sich bald nach der Hochzeit mit dem  Rennfahrer Peter Peel aus diesem Amt zurückgezogen haben (die Serie verrät uns keine Einzelheiten) und ist mit Ende 20 bereits Witwe. Ihr Mann ist seit einer abenteuerlichen Reise verschollen.
Dass John Steed sie mit Mrs. anredet und ihre Flirts immer Flirts bleiben, gibt der Partnerschaft eine feine Note, die sie über alle anderen hinaushebt – zumal über das vergleichsweise geheimnislose Arrangement mit Tara King.
Besonders gut fängt der Vorspann der in Farbe gedrehten Episoden dieses Knistern ein. Steed wirft Emma eine Nelke zu, die er mit seinem Stockdegen aus einer Blumenvase  herausgeangelt hat. Emma fängt die Blume auf, tritt zu Steed hin und platziert sie zärtlich in seinem Knopfloch, eine Geste voll respektvoller Zuneigung. Sie wirkt aufrichtig und frisch, so oft man sie auch anschaut.

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„It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“ (12)

Fortsetzung vom 16. Juni 2023

(siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/01/24/noel-coward/)

Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.

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Das Märchen vom Individualismus

Fortsetzung vom 21. April 2015

Es würde ja schon helfen, ein persönliches kulturelles Interesse zu entwickeln, etwa einen persönlichen Musikgeschmack. Dieser Faktor der Selbstbestimmung ist mit dem Siegeszug des Algorithmus im Leben des vernetzten Menschen praktisch zum Erliegen gekommen.

Es gibt natürlich einige, die sich gar nichts aus Musik machen, aber das dürfte eine Minderheit sein. Die meisten von uns werden davon – absichtlich oder unbewusst – im Alltag in ihrer Stimmung beeinflusst. Dass sich jemand zumindest nicht dafür interessiert, auf welche Weise das geschieht und in welche Richtung dieser Einfluss ihn lenkt, lässt sich daran erkennen, dass er auf die Frage nach seinem Musikgeschmack die Antwort gibt: „Ach, alles querbeet!“
Ansonsten wird die Antwort vermutlich auf die Musik hinauslaufen, die in der Jugend des Befragten gespielt wurde, also vor allem in den Charts der Ära. Kaum jemand emanzipiert sich von dieser biographischen Bevormundung, obwohl es doch angeblich um „persönlichen Geschmack“ geht.*

Die Serie „Guardians Of The Galaxy“ spielt mit diesem Aspekt, indem sie den Helden Peter Quill alias Star-Lord bei jeder Gelegenheit die Musik seiner Jugend hören lässt, und es ist glücklicherweise der Pop des Planeten Erde aus den 70er und 80er Jahren. Warum glücklicherweise? Nun, wäre es die Musik des Barock oder das Zitherspiel der Vulkanier, gäbe es weitaus weniger Identifikationspotenzial mit den Vorlieben des Publikums. Die Songs ließen sich auch nicht auf erfolgreichen Samplern und Playlists vermarkten. Und mancher Kinobesucher würde sich schon deshalb unwohl fühlen, weil gegen seine Hörgewohnheit, seinen persönlichen Algorithmus, verstoßen wird. Peter Quill wäre kein Held, sondern ein unangenehmer Sonderling.

Wenn ich in meinem Musicalklassen nach dem Lieblingsmusical fragte – in diesem Zusammenhang kein rein persönliche Frage, sondern eine professionelle Angelegenheit -, dann wurde mir ausnahmslos das erste Werk genannt, das die Studierenden jeweils live gesehen hatten, zumeist an der Hand ihrer gütigen Großmutter. Mitunter wurde diese Frage auch sehr leidenschaftslos beantwortet, mit kontrolliertem Widerwillen, so als hätte ich nach einer Allergie gefragt.
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* Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2018/08/03/lieblingsfilme-zum-fuerchten/.

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