Der Mann, mit dem die Musikkritik Schlitten fuhr

betr.: 50. Todestag von Leroy Anderson

Leroy Anderson hat einen unerreichten Ehrenplatz in der Popkultur. Sein Stil liegt zwischen der Musik von Henry Mancini – dem Schöpfer des bestgelaunten Sounds der zweiten Jahrhunderthälfte – und den derben Späßen von Spike Jones. Alle drei waren sie große Humoristen, was ohne Worte gar nicht so einfach ist.
Ihre Musik war einmal überall.
Während Mancinis Filmsongs und -themen ständig nachgespielt und umarrangiert wurden („Der rosarote Panther“ hat es in dieser Form bis in die berühmten Land-Jugenderinnerungen von Heinz Strunk geschafft …), tauchten Spike Jones‘ Gags und Geräuschaffekte in unzähligen Radiojingles auf (und tun das als Samples bis heute).
Leroy Andersons große Hits wiederum wurden vielfach zu Erkennungsmelodien. Sein „Typewriter“ ist zuerst von Jerry Lewis als Playback seiner populärsten Pantomime vereinnahmt worden (uraufgeführt in der Komödie „Who’s Minding The Store“) und dann wieder und wiederverwendet worden, etwa als Indikativ der Leserbriefrubrik von Radio Luxemburg (RTL) oder in der Fernsehserie „Büro, Büro“. „Sleigh Ride“ dürfte heute das wichtigste instrumentale Weihnachtslied überhaupt sein – und RTL nutzte auch dieses für seinen festtäglichen Veranstaltungskalender. Radio Luxemburg hatte überhaupt eine innige Beziehung zu Andersons Musik: „Belle Of The Ball“ war in den ersten zehn Jahren die Erkennungsmelodie des Senders, ehe James Last 1967 eigens „Happy Luxembourg“ komponierte.
Doch nicht nur in unseren Breiten wusste man Andersons signatorische Musik zu nutzen. „The Syncopated Clock“ wurde zur Titelmusik der „Late Show“ auf WCBS – und tauchte wie unzählige weitere Anderson-Tunes unentwegt in Soundtracks auf.

Außerhalb der schwierigen Kunst der Leichten Muse wurde es dem Komponisten schwer gemacht, da half ihm auch seine gute Beziehung zu Arthur Fiedler von den „Boston Pops“ nicht weiter. Sein Musical „Goldilocks“ (ich bin ein großer Fan des Cast-Recordings mit Don Ameche und Elaine Stritch) wird von der Nachwelt ignoriert und hatte in Noel Coward einen prominenten Verächter. Andersons Klavierkonzert floppte, und als es lange nach seinem Tode 1993 endlich wieder zur Aufführung kam, spendete der „Boston Globe“ ein Lob, das schlimmer ist als jeder aufrichtige Verriss: „Es ist ein betörendes, schönes und mitreißendes Stück, elegant und durchzogen von jazzigen Blue Notes. Das Konzert mag strukturelle Lücken haben, dennoch ist es heiter, liedhaft und absolut ehrlich.“  

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Die zwei Großen aus der kleinen Kiste

betr.: 5. Todestag von Peter Thomas

Die Fernsehkult-Generation ist in etwa identisch mit den „Boomern“, die sich zur Zeit scharenweise in den Ruhestand verabschieden. Der Soundtrack zu ihrem Leben kam zu einem nicht unerheblichen Teil von zwei Männern: Peter Thomas und Christian Bruhn. Die haben nicht nur in der Schlagerbranche mitgemischt – uns also aus dem Radio heraus unterhalten -, sondern auch eine Unzahl von TV-Serien und Kinofilmen (die später im Fernsehen rotieren sollten) musikalisch gestaltet.
Beide waren große Könner und überaus produktiv. Doch während Peter Thomas heute hauptsächlich wegen seines Themas für „Raumpatrouille Orion“ abgefeiert wird, weiß man bei Christian Bruhn gar nicht, wo man anfangen soll. Nach der Nennung weniger Titelsongs ist man kurz versucht, ihn für den einzigen deutschen Fernseh-Komponisten der Nachkriegszeit zu halten: „Captain Future“, „Heidi“, „Timm Thaler“, „Hey, hey, Wickie“, „Die rote Zora“

Beide lassen sich in Buchform erforschen. Christian Bruhn hat 2005 eine Autobiographie vorgelegt, deren Titel „Marmor, Stein und Liebeskummer“ die Tür zu seinem beachtlichen Schlagerschaffen aufmacht (die wir schon aus Platzgründen gleich wieder schließen müssen). Es ist ein eminent witziges, lebenskluges Buch, in dem die alte Bundesrepublik uns wie ein Paradies pfiffigen Entertainments erscheint, in dem die Sonne niemals unterging. (In gewisser Weise war das wohl auch so …)

Peter Thomas starb, ohne sein Leben selbst erzählt zu haben, und so ist diese Aufgabe Gerd Naumann zugefallen: „Der Filmkomponist Peter Thomas“ erschien 2009. Das Buch ist gut recherchiert, aber komplett unlesbar. Wenn man sich schon kein kompetentes Lektorat leisten wollte, hätte allein das Redigieren der leutseligen Thomas-Zitate sehr gutgetan („Nun mach doch mal wat anderet, aber was besonders anderes. Aber so, dass es auch jeder versteht und dass auch jeder sich erinnert und sagt: Da ist eine Titelmusik, das ist aber sehr beknallt.“; „Ich sag: Hör mal, Meise! Einmal singen, Geld kriegen, Wiedersehen!“ – so geht das die ganze Zeit!).
Wer sich informieren möchte, während sich die Musik von Peter Thomas auf dem Plattenteller dreht, der könnte sich auf der todschicken Homepage des Meisters wohlfühlen.

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Der letzte Klassiker des Broadway

Zum Tode von Charles Strouse

In den heute vernehmlichen Nachrufen auf Charles Strouse – wo es überhaupt welche gibt – ist von seinen beiden Hauptwerken als Musical-Komponist die Rede: „Bye Bye Birdie“ (ein letztlich vergeblicher Versuch des Broadway, dem Lauf der Popkultur ins Gesicht zu lachen) und „Annie“ (einem sensationell gut besuchten Kitschmonster, das wie von selbst den Weg in die Verulkung fand, wie Kai Luehrs-Kaiser so richtig anmerkte).
Es muss uns genügen, dass ein fähiger Künstler zu seiner Zeit Erfolg hatte, wenn auch nicht mit den Arbeiten, die es verdient gehabt hätten. Auch den Liebhabern des klassischen Musicals ist Strouses „Golden Boy“ von 1964 weitgehend unbekannt. Ich kenne dieses swingende Boxerdrama nur von der Langspielplatte und ahne entfernt, was es bedeutet haben könnte, Sammy Davis jr. in der Hauptrolle zu erleben. Einen Augenzeugenbericht enthält die 5teilige Radiodoku „Der unmögliche Traum“, die diesem schwarzen Entertainer gewidmet ist, urgesendet im April und Mai 1984 im RIAS und noch nachhörbar auf der DLF-Seite zum Thema „Aus den Archiven“. Der Autor Siegfried Schmidt-Joos erzählt sogar, wie der „Golden Boy“ sich im Laufe seiner Spielzeit am Broadway entwickelt hat.
In ihr lebt auch Charles Strouse noch einmal auf. Ein weiteres vergessenes Kleinod des Komponisten ist „Applause“, seine Version des Filmklassikers „All About Eve“. Lauren Bacall übernimmt darin in ihrer einzigen Musical-Rolle am Broadway den Part von Bette Davis.

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Ixen für Anfänger: Erste Sätze, spätere Sätze (4)

Fortsetzung vom 10.11.2020

Etwas später … – Varianten

Eines dieser Textbeispiele betrachten wir abermals unter veränderten Vorzeichen.
Einmal stellen wir uns vor, die Vorrede wäre abgeschlossen, und es ginge mit Dialog oder einem Szenenwechsel weiter:


Etwas Großes, Dunkelgraues krachte ohne Vorwarnung in den Garten und begrub den Geräteschuppen unter sich. Und danach dauerte es noch Minuten, bis sich eine Tür des Hauses öffnete und sich erste ungläubige Bewohner ringsum versammelten, um das feuchtglänzende Ding zu bestaunen. Joe Goopy sah es als erster.

Nun denken wir uns einen weiteren Satz hinter diesem letzten Satz, sprechen ihn aber nicht aus:

In dem Schutthaufen begann sich etwas zu regen, schien etwas im Begriff, sich daraus zu erheben und für neuerliches Ungemach zu sorgen.

Welche Auswirkungen hat das auf die Betonung des letzten Satzes „Joe Goopy sah es als erster.“?

Auflösung folgt

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Didi und die Rache der Enterbten

Wer heute als links-strukturkonservativer Mensch gegen übertriebene Wokeness und die grimmige Aufforderung zum Gendern öffentlich aufbegehrt, hat auf einen Schlag eine Reihe von Problemen am Hals. Eines davon ist, dass er in den Verdacht gerät, ein Gesinnungsfreund von Dieter Hallervorden zu sein.
Jener seit bald 60 Jahren von seinem Heimatland von Millionen geschätzte und gebührenfinanzierte Publikumsliebling, der dennoch sehr an ebendieser Heimat leidet, ist ein widersprüchlicher Mann – was grundsätzlich kein schlechter Charakterzug ist. Schon mit meiner Verehrung hätte er ein Problem: ich liebe ihn nämlich noch immer dafür, wie er mich in meiner Kindheit in „Nonstop Nonsens“ zum Lachen brachte. Von dieser entscheidenden Phase seiner Karriere will er heute ja nichts mehr wissen, weil er sie als unter seinem Niveau erachtet. Das sehe ich anders – zumal mich sein späteres Werk nicht mehr überzeugt.* Hallervordens damaliges Konzept, sein Personalstil, der ganze Modus Operandi werden bis heute von mir bewundert. Ich mag die klassischen Gags und weiß auch, dass die landläufige Rubrik „Klamotte“ eine hohe und ehrenhafte Kunst ist.
Dennoch hatte ich damals wie heute mit einigem ein massives Problem. Einige Sketche waren  zutiefst homophob und Hallervorden machte nebenbei keinen Unterschied zwischen Homosexualität, Travestie und Transvestismus. Das schmerzte mich jedesmal, und doch fand ich die Sendung zum Totlachen. (Bei meiner Begeisterung für „Insterburg und Co.“ verhielt es sich ganz ähnlich, auch wenn die auf die gruseligen Travestien weitgehend verzichteten.)
Wann immer heute ein öffentlicher Mensch des demokratischen Spektrums aus gesellschaftspolitischen Gründen gecancelt oder sagen wir: kritisiert wird (Hallervorden geht’s ja insgesamt prächtig!), halte ich mich raus. Wenn ich ihn doof finde, bedaure ich, dass seine Ablehnung aus den falschen Gründen geschieht. Wenn ich seine Arbeit schätze, geht es mir wie einst mit Dieter Hallervorden. Ich lache weiter und bin ein wenig verstimmt über das übrige Publikum.
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* 1985 hat er mich noch einmal mit „Die Nervensäge“ begeistert, einer Sitcom, die auf der BBC-Serie „Goodbye, Mr. Kent“ (1982) basiert und später in „Didi – Der Untermieter“ umbenannt werden musste. Die unbezahlbare Rotraud Schindler war wieder an seiner Seite, ebenso die gemeinsame Tochter Nathalie.

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Der mit der Säge

betr.: „Sein oder Spielen – Über Filmschauspielerei“ von Dominik Graf

Phasenweise (etwas später als die meisten) habe ich Götz George sehr gern in der Rolle des Kommissar Schimanski in den „Tatort“-Krimis zugesehen. Heute kommen mir diese Filme, kommen mir George selbst und sein darstellerischer Ansatz komplett veraltet vor, unfreiwillig komisch. Die Episoden mit seinem direkten Vorgänger Hansjörg Felmy alias Kommissar Haferkamp – einmal bei Schimanski ausdrücklicher Gegenstand eines herablassenden Dialogs und in den 80ern Inbegriff eines überholten Konzeptes – haben sich viel besser gehalten.
In „Sein oder Spielen“ widmet der Regisseur Dominik Graf dem „ersten“ richtigen „Star“, den er anzuleiten hatte, den angemessenen Raum, eben Götz George. Und bringt etwas Licht in meine gewandelte Wahrnehmung.

Götz George musste nie darum kämpfen, ein prominenter Schauspieler zu werden, zu sein oder zu bleiben (auch wenn er ein ewiges Hadern und Ringen zur Schau stellte, das nur nachließ, wenn er sich ungewöhnlicherweise als Komödiant betätigte und bewährte: in „Schtonk“). Graf schickt diesen Sonderstatus voraus und beschreibt dann, was Götz George unbedingt anders machen wollte als sämtliche anderen, die diesen Beruf ausübten: „Der Star arbeitet permanent gestisch, nimmt dauernd etwas in die Hand – Kaffeebecher, Polizeimarken, Zigarettenschachteln oder Akten – und fummelt sich im Gesicht herum.* Anders als deutsche Schauspieler sonst zersägt er seine Texte in Gestotter, will um jeden Preis Alltäglichkeit, Normalität, eine Figur, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht, keinen Kommissar, der sich von der Sprechbühne in den Film verirrt hat.“
Wer diese Auftritte kennt, wer überdies die endgültig ins unkontrollierte Selbstplagiat abgerutschte Wiederauferstehung der Schimanski-Figur außerhalb der „Tatort“-Reihe in Erinnerung hat, der weiß: man kann auch zu viel des Guten tun (und damit der „Normalität“ keinen guten Dienst erweisen).
Am Ende des Themenkomplexes bedauert der Autor: „Die vitale ‚Alltäglichkeit‘ des Spiels blieb, muss man heute leider sagen, eine kurze Pausendarbietung im westdeutschen Film. Schnell setzte sich wieder das Spielen nach Drehbuch durch, das oft überzogen dramatisierte brave Dialog-Match entsprechend den Sehnsüchten der Dramaturgen und Produzenten.“ Dies bedeutete das Ende dessen, was zuvor wiederum als das „Ende des unmittelbaren Nachkriegsfernsehens“ gefeiert worden war.

Ist das bedauerlich? Sicherlich, ein bisschen. Wie wenig verwunderlich es ist, erklärt Dominik Graf an anderer Stelle selbst. Er berichtet von der unentwegten Schauspielerei unseres Alltags, von ihrer Offensichtlichkeit und davon, wie einvernehmlich wir alle in der Regel damit umgehen: „… wir ‚optimieren‘ uns ja auch permanent selbst, wir prahlen offen oder wir verkleiden uns mit einer Ausstrahlung von (zumeist falscher) Bescheidenheit. Und wir alle meinen dabei ernsthaft, die Zuschauer unseres Lebens würden es nicht merken? Gesten, Mimik, Satzmelodien sind wundersame Charakterisierungen, aber ja auch mehr oder weniger durchschaubare Maskerade. Sie sind auch oft im Leben schmerzhaft erlernte Taktiken, um für Verständnis oder Zuneigung zu werben oder uns die Welt vom Hals zu halten“.
Das ist der Grund für die Patina, die Götz Georges Spiel angesetzt hat: er hätte es als unter seiner Würde empfunden, den allzumenschlichen Drang, besser dastehen zu wollen, in sein Spiel mit aufzunehmen. „Normalität“ hieß für ihn: als Schauspieler (Selbstdarsteller?) etwas Besseres zu sein und sowas nicht nötig zu haben. Das war Ausdruck von Unbescheidenheit. Es war eine Zeitlang recht erfrischend, George dabei zuzusehen. Oder es wirkte wenigstens so.  

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* Es hätte Götz George sicherlich gekränkt innehalten lassen, wenn man ihn darauf hingewiesen hätte, wie übertrieben so etwas wirken und im Gutgemeinten steckenbleiben kann und wie viel früher das schon auf der Mattscheibe geschehen war, siehe: „Alle zappeln außer Helga“, https://blog.montyarnold.com/2024/11/24/das-haus-an-der-stoer/  

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Wohnwelten (6): Anja in „Otter Otter Otter“

Der Ich-Erzähler in Clemens J. Setz‘ Kurzgeschichte „Otter Otter Otter“ hat ein Rendez-Vous mit einem blinden Mädchen. An ihrer Wohnung bemerkt er eine Besonderheit, von der er nicht weiß, ob sie sich darüber eigentlich im Klaren ist. Der Erzähler verpasst den geeigneten Augenblick, sie danach zu fragen, und seine Besuche werden fortan von dieser Ungewissheit überlagert …

Anjas Wohnung lag nicht weit vom Girino in der Klosterwiesgasse. Das Haus besaß eine schöne Fassade voller Steingesichter. Am eisernen Zaun krümmten sich Fahrräder. Die Nebenhäuser waren auffallend eiscremefarben, (…)
Anja entschuldigte sich für die Unordnung. Aber ich hatte gar keine Zeit, darauf zu achten, denn gleich beim Betreten der Wohnung fielen mir einige auf den sonst kahlen Wänden des Vorzimmers stehende Wörter auf. Zunächst hatten sie wie Flecken eines minimalistischen Tapetendesigns ausgesehen, aber es waren Wörter, geschrieben mit dickem, schwarzem Filzstift.
SCHEISSHURE. SCHEISS HUR. HUR MIESE. HUR HUR. KLANE HUR KLANE HUR. DRECKFUT SCHEISS.
Ich muss wohl eine Weile blöd glotzend dagestanden sein, denn Anja rief plötzlich nach mir.
(…) Auch in der Küche, Herrgott, es ging so weiter. Auf den Schränken, über dem Herd. Nicht wirklich dicht beschrieben, aber überall zumindest ein Wort, alle im selben Tonfall.
Ob ich Tee wolle? Sie habe köstlichen Tee aus den Anden.
„Ach so, ja, bitte.“
Anja lachte über meine Schüchternheit.
Ich saß da und las die Wände durch. Du liebe Zeit. Ein grotesk elongiertes SLUT stand direkt neben mir an der Wand, der Abstand zwischen den einzelnen Buchstaben so lang wie ein Unterarm.
(…) Quer überm Küchenschrank stand in riesigen, eigenartig hochflackernden Lettern ARSCH SAU SAU SAU und DU MIESES SCHEIS. Die fehlerhafte Schreibweise machte einen besonders bösartigen Eindruck.
„Wollen wir ins Wohnzimmer?“
Ich folgte ihr. Hier gab es schöne Möbel, altersfleckig, aber charaktervoll. Ja, auch hier ging es weiter mit den geisteskranken Wörtern, einige waren sogar in roter Farbe geschrieben. Und da, auch in Blau.

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Die Last dem E und dem U

Bei der Aufteilung von Musik in E- und U-Musik (ernste Musik und Unterhaltungsmusik) handelt es sich um ein Klassifikationsschema zur Bewertung von musikalischen Phänomenen. Ausgehend von der Verteilungspraxis der GEMA und anderer Verwertungsgesellschaften kommt ihm seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle zu: dort wird die Vergütungshöhe danach festgelegt, welchem Buchstaben der betreffende Titel zuzuordnen ist. Die Unterscheidung steht unter dem Verdacht der Willkür, und die uneinheitliche Vergütung ist zwangsläufig ungerecht. Außerdem impliziert sie die schwachsinnige Idee, dass Klassische Musik (die ist mit E im Grunde gemeint) nicht unterhaltsam sein könne.

Im Alltag – oder sagen wir auf der kleinen Insel des Alltags, die sich mit der Rezeption von kulturellen Inhalten beschäftigt – wird sich über die Unterscheidung von E und U unentwegt beklagt, aber nicht wegen der genannten Denkfehler, sondern nur, um sich davon persönlich zu distanzieren. Rein privat, als Mensch und Musikfreund. Oder – wie es im Märchen immer so schön heißt – „um sich ein Ansehen zu geben“. Die Botschaft: „Durch meine Kritik an dieser Unterscheidung distanziere ich mich von den törichten Menschen, die sie vornehmen. Ich weiß gar nicht, wer diese Leute sind, wo sie leben und was sie machen, aber ich lehne sie ausdrücklich ab!“
Das ist mindestens scheinheilig, denn die meisten von uns mögen ein Idiom lieber als das jeweils andere. Sie erleben Wohlbehagen bei sinfonischen Streichern und ein Ressentiment bei allem anderen (rockigen Sounds, Jazz, Schlager, Tanzmusik, was auch immer) – oder umgekehrt.
Auch wenn das Gejammer über E und U in professionellen Kontexten erklingt (also von Musikern oder Musikvermittlern kommt), erlebe ich es grundsätzlich als Privatmeinung von Leuten, die betonen möchten, wie aufgeschlossen sie sind.

Wie ich höre, erwägt die GEMA tatsächlich eine Reform ihres Verteilerschlüssels. Und endlich erklärt mal jemand, was mit E und U überhaupt offiziell gemeint ist.
Der Komponist Helmut Lachenmann verteidigt diese Unterscheidung in der FAZ, denn „bei U und E geht es keinesfalls um die selbe Art von ‚Dienstleistung‘. Im Falle U geht es in allen Varianten um den unverzichtbaren ‚Dienst‘ an der Lebensfreude. Im Falle E geht es um die gleichermaßen unverzichtbare, letztlich aber schwierige und anspruchsvollere Erinnerung an unsere ästhetischen Bedürfnisse und Neugier als Teil unserer geistigen Versorgung.“ Im Online-Magazin VAN führt der Musiker weiter aus: Komponisten der E-Musik „haben die von ihnen vorgefundene Musizier- und Schaffenspraxis weiterentwickelt, quasi strapaziert“ und „das Musik-Erlebnis nicht als unterhaltsame und eher unverbindliche, sicher genussvolle Begehung eines kollektiv vertrauten Raums, vielmehr als dessen Öffnung, und wie auch immer irritierend oder befreiend erlebte Erweiterung“ verstanden.
Gut, er hat es wenigstens versucht.   

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Viele große Gatsbys

Fortsetzung vom 1. Februar 2025

In seiner Veranstaltungsreihe „Erfahren, woher wir kommen“ hat der verstorbene Hanjo Kesting die Wiederentdeckung des Autors F. Scott Fitzgerald und das Repertoire der Gatsby-Übersetzungen so erläutert:

Kein Autor hat die glänzende Zauber-Warenwelt der Goldenen 20er Jahre so berauschend und verführerisch beschrieben wie Fitzgerald, keiner hat so kindlich erschrocken in ihre Abgründe geblickt.
„Der große Gatsby“ ist eine zutiefst amerikanische Geschichte, eine Geschichte von der Macht des Geldes, die alle Gegenstände des täglichen Lebens – von den Blumen in den Beeten bis zu den Hemden im Kleiderschrank, nicht zuletzt die Menschen – in Waren verwandelt und nach ihrem Geldwert bemisst. Das Geld – allgegenwärtig, aber spukhaft-ungreifbar – bildet in diesem Buch den einzigen Fixpunkt, es nimmt den Platz des gelebten Lebens ein. Nichts liegt näher als von hier den Sprung in unsere Gegenwart zu tun, die spukhaft und ausschließlich von Gesetzen des Geldes bestimmt ist. In diesem Sinn ist „Der große Gatsby“ ein Buch für unsere Zeit. Und es darf nicht verwundern, dass jetzt, da Fitzgerald länger als 70 Jahre tot und das Urheberrecht abgelaufen ist, gleich vier neue deutsche Übersetzungen des Romans erschienen sind, zusätzlich zu den beiden älteren von 1928 und 1953. Zwei von ihnen existieren auch als Hörbuch. Es wäre reizvoll, diese Übersetzungen zu vergleichen. Einstweilen muss die Feststellung genügen, dass alle Übersetzungen ihre Vorzüge haben, ohne aber an die Feinheit und giftige Süße des Originals heranzureichen.

In Kestings eigenem „Übersetzungsversuch“ liest sich die zuletzt zitierte Passage so:

Die meisten großen Uferwillen waren jetzt verschlossen, und man sah fast keine Lichter, mit Ausnahme des schattenhaften, über den Sund gleitenden Schimmers einer Fähre. Und während der Mond höher stieg, begannen die wesenlosen Häuser wegzuschmelzen, bis ich allmählich der alten Insel gewahr wurde, die einst vor den Augen holländischer Seefahrer erblüht war, die frische, gründe Brust der Neuen Welt. Ihre verschwundenen Bäume, jene Bäume, die Gatsbys Haus weichen mussten, hatten einst flüsternd den letzten und größten aller Menschheitsträume genährt. Einen flüchtigen, verzauberten Augenblick lang muss der Mensch im Angesicht dieses Kontinents den Atem angehalten haben, zu einer ästhetischen Betrachtung angehalten, die er weder verstand noch ersehnte, zum letzten Mal in der Geschichte Aug in Auge mit etwas, das seiner Fähigkeit zu staunen angemessen war.

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Wohnwelten (5): Miss Marple

Wer sich das Heim der Miss Marple ins Gedächtnis ruft, sieht vermutlich die Filmszenen vor sich, in denen Margaret Rutherford vor ihrem Bücherregal steht, das säuberlich mit Kriminalroman vollgestopft ist. Dieses Regal und das Häuslein drumherum stehen in Milchester, unweit von London.
In den Romanen von Agatha Christie ist Miss Marple eine zierlichere Person, wohnt in einem noch kleineren Örtchen namens St. Mary Mead und ist überhaupt etwas anders als die Figur im Film. Darüber gibt es viele Artikel und einige Beschwerden der Autorin.
Wie wohnt nun aber die literarische Miss Marple?
Das muss man sich aus vielen Textstellen zusammensuchen. In Miss Marples erstem Fall „Mord im Pfarrhaus“ steht zu ihrer Einrichtung allen Ernstes nichts weiter als dies:

Wir wurden von einem winzigen Dienstmädchen eingelassen und in einen kleinen Salon geführt.
„Ein bisschen überfüllt.“ Colonel Melchett schaute sich um. „Aber viele gute Sachen. Ein Damenzimmer, was, Clement?“

Anne Hart hat sich die Mühe gemacht, aus all den Romanen und Kurzgeschichten um die ältliche Hobbydetektivin das Nötige für ihr Quellenwerk „The Life And Times Of Miss Jane Marple“ zusammenzusuchen. Daraus eine innenarchitektonische Zusammenfassung:

Wenn wir zu Besuch gekommen wären, hätte uns ein Dienstmädchen geöffnet, uns durch den Flur geführt, vorbei an einem Tisch, auf den Briefe und Visitenkarten gelegt werden, sowie vorbei an ein paar Garderobenhaken und einem Ständer für Miss Marples Spazierstöcke, hinein in Miss Marples hübsches, altmodisches Wohnzimmer. Ein Zimmer, das „sehr alt war, mit breiten, schwarzen Balken an der Decke, möbliert mit schönen alten Möbeln, die hineinpassten“. Drei Sessel im Wohnzimmer mochte Miss Marple besonders gern: den am Fenster, den großen Ohrenstuhl beim Kamin und „einen extra gekauften geraden Lehnsessel, der den Bedürfnissen ihres rheumatischen Rückens entgegenkam“.
Ein Bücherregal stand da, das Nachschlagewerke enthielt, auch ein medizinisches Buch, das Miss Marple schon nützlich gewesen ist.
Es gab zwei Lampen, einen Eckschrank, der alte Waterford-Gläser enthielt, und einen weiteren Schrank mit Flaschen. Auf dem Kaminsims standen Leuchter, und auf dem Boden lag wahrscheinlich ein guter Teppich, denn Miss Marple hatte einen gewissen Blick dafür.
Nachdem wir im Wohnzimmer Platz genommen hätten, würde man uns fast mit Sicherheit etwas zu trinken angeboten haben, erstaunlicherweise selten Tee. Der Schrank mit den Flaschen enthielt eine stattliche Kollektion: eine Karaffe mit Sherry, Kirschlikör nach „einem alten Rezept meiner Großmutter“, Schlüsselblumenwein, Pflaumengin, Whisky und einen Siphon mit Sodawasser für die Herren. In Sachen Essen und Trinken trennte Miss Marple streng nach Geschlecht.
Vielleicht hätte man uns gar nicht ins Wohnzimmer, sondern ins Esszimmer geführt, weil „ich finde, im Vorfrühling zwei Feuer zu unterhalten, ist eine solche Verschwendung“.
In Miss Marples Haus war weit vor Mitternacht Schlafenszeit. Als Gast wären Sie die Treppe hinaufgeführt worden – „eine altmodische Treppe mit einer scharfen Kehre in der Mitte“ – zu einem Schlafzimmer mit einem Frisiertisch, der diskret mit Chintz umhüllt war, damit man die Beine nicht sah, und einem Bett, das mit Miss Marples besten, monogrammverzierten Laken bezogen war.
Vielleicht hätten Sie auch eine Runde durch den Garten gedreht, den berühmten Garten, „so vortrefflich gelegen, dass man alles sehen konnte, was in St. Mary Mead geschah“.

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