Durchs Ohr ins Knie geschossen

betr.: 60 Jahre „Sonntagsrätsel“ / die Fortschritte der stimmlichen Deepfakes

Am 7. März 1965 wurde auf RIAS 2 um 9 Uhr 35 erstmals das (damals noch „Klingende“) „Sonntagsrätsel“ ausgestrahlt. Auf „Deutschlandfunk Kultur“ läuft es noch immer, und die Jubiläen häufen sich dieser Tage: die 3000. Ausgabe lief im Februar, und der TV-Liebling und einstige Moderator der Sendung Hans Rosenthal würde am 2. April seinen 100. Geburtstag feiern.
Die heutige Sendung (Nr. 3007) wiederum kommt dem Jubiläum „60 Jahre Sonntagsrätsel“ am nächsten, und so konnten wir heute darin etwas erleben, was uns in nächster Zeit ganz alltäglich erscheinen wird, mir persönlich aber doch recht gruselig vorkam: die Stimme des 1987 verstorbenen Hans Rosenthal wurde per KI wiederhergestellt, so dass er gemeinsam mit Ralf Bei der Kellen die Sendung moderieren konnte. („Zuvor haben wir uns vergewissert, dass diese Idee bei den Kindern von Hans Rosenthal auf Zustimmung stößt“, beeilt man sich zu versichern.)

Für jemanden, der den originalen Rosenthal sehr bewusst erlebt und gut im Ohr hat und der viel über die rasante Entwicklung dieser Technik nachdenkt (als beruflich Betroffener noch mehr als wir das alle tun) war das Anhören dieser Doppelconference eine besondere Erfahrung. Die Stimme klang tatsächlich wie das Original, aber die Sprechweise, die Art „geskriptet“ zu moderieren, war ganz und gar die von Ralf Bei der Kellen. Daher vermute ich, dass dieser es war, dessen Sprache von der KI umgestaltet wurde (ansonsten war es ein Moderatorenbruder im Geiste).
Dieser Aspekt ist von der Redaktion unterschätzt bzw. nicht beachtet worden, sonst hätte die Illusion durchaus perfekt gelingen können. Wir konnten die theoretisch bereits überholte Grenze der Möglichkeiten bestaunen, die der KI zum jetzigen Zeitpunkt noch gesetzt sind.

Soeben erfuhr ich (der nicht regelmäßig streamt) noch von einem anderen Status Quo zu diesem Themenkomplex: MagentaTV und Prime Video haben offensichtlich eine Serie – „Murderesses“, eine polnische Produktion – mit einer KI-generierten Synchronisation veröffentlicht. Das Ergebnis muss so übel aufgenommen worden sein, dass die Telekom die Serie nun wieder gelöscht hat. Machen wir uns nichts vor: das war ein näherkommender Einschlag, bald wird es so gemacht werden. Etwas sorgfältiger als diesmal: mit kompetenterer menschlicher Begleitung und mit noch schlauerer Technik.

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Ein Mann wird unnütz

betr.: 84. Todestag von Max Herrmann-Neiße

Stefan Zweig nannte die Gedichte von Max Herrmann-Neiße „die schönsten vielleicht, die seit Heinrich Heine im Exil geschrieben wurden“. Anlässlich des Erscheinens des Romans „Der Flüchtling“ 1921 schrieb die Prager Presse: „Was George Grosz gezeichnet hat – Herrmann-Neiße hat es geschrieben. Der Goya unserer Tage und ein kongenialer Dichter, ein Karl Kraus des Romans“. Besonders aktuell (wer’s braucht) ist das letzte vor dem Exil veröffentlichte Prosawerk „Der Todeskandidat“, das als Hörspiel zur Zeit in der ARD-Audiothek nachzuhören ist. Der Titelheld ist nicht etwa Häftling eines despotischen Regimes, sondern ein recht sorgenfreier junger Mann aus Berlin, den unerklärlicherweise plötzlich eine Depression befällt.*
 
1941 starb der Autor in London. Der Bayerische Rundfunk: „Max Herrmann-Neiße, über den unsere Literaturlexika kaum etwas wissen, der Leser noch weniger, Herrmann-Neiße, der dieses Deutschland verließ, ‘freiwillig‘, wie es zynischerweise eines dieser unwissend-dummen Lexika behauptet, war der enge Freund von George Grosz …, war bis in die dreißiger Jahre einer der bekanntesten deutschen Lyriker. Die Nazis schnitten ihm den Lebensnerv ab.“
Im Exil hat der Autor weitergeschrieben, und diese Texte sind mindestens leicht autobiografisch. Der Held der Kurzgeschichte „Schmitts Katze“ etwa lebt als Berliner Emigrant in London – obschon weder der Grund seines Umzugs erwähnt wird noch ein Anlass besteht, ihn mit seinem Erfinder zu verwechseln.

Mit der Wiederentdeckung des famosen Stilisten Max Herrmann-Neiße ist es natürlich Essig, und das liegt in der Natur der Sache. Inzwischen ist der „Content“, der sich über allem Gewesenen aufhäuft, einfach zu gewaltig, um darunter noch etwas aufzuspüren, das nicht sehr prominent zitiert oder explizit weiterverarbeitet wird.
1986 – zum 100. Geburtstag des Autors – drückte der Verlag „Zweitausendeins“ zum bisher letzten Mal die Läden eines kleines Zeitfensters der Erinnerung auseinander, als er die gesammelten Werke Herrmann-Neißes in mehreren Tranchen als bibliophile schmuck-Ausgabe herausbrachte. Das Stadtmagazin „Zitty“ freute sich: „Fadenbindung, Lesebändchen, klares Schriftbild, großzügiges Layout. Watt willste mer?“
Es hat nicht gereicht. 
___________
* Siehe https://blog.montyarnold.com/2025/02/20/27431/

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Was ich gern früher gewusst (oder kapiert) hätte …

Es gibt Menschen, die lieber wohnen, und solche, die lieber reisen.

Egal wie traumatisierend und abscheulich der Sportunterricht in der Schule war: man sollte regelmäßig Sport treiben.

Ich hätte das Programm von Radio Luxemburg auf Chromcassetten aufzeichnen sollen. Egal, was davon. So viel wie möglich.

Wen man nicht respektiert, vor dem darf man nicht zurückweichen.

Von unglücklichen Menschen sollte man keine guten Ratschläge annehmen, nur Warnungen.

Ich tauge nur wenige Jahre für das Tingeln.

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Lustig? Sieht nur so aus.

betr.: Filmkritik „Hundreds Of Beavers“, USA 2022 / 198. Todestag von Davy Crockett

Die Existenz des Apfelbauern und Applejack-Brenners Jean Kayak (Ryland Tews) wird durch eine Biber-Invasion vernichtet. Dieses Trauma und die Sehnsucht nach einer hübschen Kaufmannstochter motivieren ihn, zum Biberjäger zu werden. Und er wird einer der größten, die es je gab, erlegt schließlich in der verschneiten Wildnis der Jahrhundertwende die buchstäblichen „Hundreds Of Beavers“.
Das alles ist als skurriler Trickfilm aufbereitet, der menschliche Darsteller in einer simpel animierten Schneelandschaft kämpfen und leiden lässt. Die kleineren Tiere des Waldes sind Cartoons, die größeren sind Menschen in Hasen-, Wolfs- und Biberkostümen. Die Schwarzweiß-Optik, die halsbrecherischen Aktionen und das pantomimische Konzept beschwören den Slapstick der Stummfilmzeit herauf.

Idee und Konzept haben Potenzial, doch leider wirkt das Ergebnis, als hätten die Filmemacher um Regisseur Mike Cheslik niemals einen klassischen Cartoon oder eine Stummfilmkomödie gesehen, sondern lediglich in der Wikipedia danach gesucht und den erbeuteten Vierzeiler ungelesen per Copy-Paste gleich an eine KI weitergereicht. Die Figuren sind in ihrem Verhalten krude und beliebig (was auch in einem so durchgeknallten Entwurf fatal ist), Rhythmus und Timing der Kills, Crashs und Verfolgungsjagden sind miserabel, und selbst der Running-Gag mit dem Sherlock-Holmes-Dr.-Watson-Biberduo ist Murks, weil man sein Auftauchen am „Tatort“ (der Pelztierjägerfalle) allenfalls beim ersten Mal witzig findet und danach vergeblich auf kleine Variationen wartet. Handwerklich macht dieser Film konsequent alles falsch. Ihn durchweht ein schräges Gefühl von aufwändiger Schlampigkeit.

Ich sah den „Hundreds Of Beavers“ in einem Programmkino. Die ersten 70 Minuten lang gab es keinen hörbaren Lacher im Publikum, danach ein paar vereinzelte. Dennoch ging ich mit dem Gefühl nach Hause, dass sich alle anderen nach ihren Maßstäben recht gut amüsiert hatten. Mehr geht nicht mehr (so mein genereller Eindruck) in unserer digitalisierten Moderne, mehr erwartet niemand. Es ist unzweifelhaft diese heiter-unvergnügte Bescheidenheit, die einen Totalausfall wie diesen überhaupt möglich macht.

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Lange Sätze – Lesen vom Blatt

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Hagenbuch in Bless-Hohenstein

Hagenbuch
Hat jetzt zugegeben
So Prager und Kretzschmer heute
Dass er
Hagenbuch
Gleich nach seiner Ankunft
In der Anstalt Bless-Hohenstein
Ohne die Voranmeldung abzuwarten
So Prager und Kretzschmer heute
Dass er
Hagenbuch
Gleich zum oberen Leiter der Anstalt
Dem sehr ehrenwerten Professor Eduard von Bleiberg
Geeilt
Um dem sehr ehrenwerten Professor
Mitzuteilen
Dass mit Verlaub Herr Professor
Die Welt aus einem völlig falschen Verständnis heraus
Geschaffen worden sei
Und deshalb sei er
Hagenbuch
Jetzt hier

Und der oberste Leiter der Anstalt
Habe ihn
Hagenbuch
Lange und freundlich angesehen
Etwa 60 Sekunden
Und dann erst gesagt
Mein lieber Herr Hagenbuch
So Prager und Kretzschmer heute
Mein lieber Herr Hagenbuch
Zunächst wollen wir zwei uns ganz langsam setzen
Und dann ganz langsam einen Apfeltee zu uns nehmen
Und wir wollen uns dann
Vorsichtig einander vorstellen
Und ganz langsam uns immer näher kennenlernen
Bis wir unsere Vermutung bestätig wissen Dass wir
Mein lieber Herr Hagenbuch
Sicherlich mehrere Wochen in unserer Anstalt
Werden verbleiben müssen
Bis wir dann ganz langsam die Gewissheit haben
Dass Ihre Befürchtung
Die Welt sei aus einem völlig falschen Verständnis heraus
Geschaffen worden
Unsere Befürchtung
Mein lieber Herr Hagenbuch
Unsere Befürchtung nicht länger zu sein braucht
Und wir ganz langsam wieder
Vögel für Vögel halten
Wälder für Wälder
Wasser für Wasser
Und Menschen für Menschen

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Vom Gendern

Die Frauenrechtlerin, Journalistin und Autorin Luise F. Pusch gilt als die Erfinderin des Binnen-i, weist dieses zeitgeschichtliche Verdienst im Gespräch mit der „taz“ aber teilweise zurück. Nicht sie habe diese typografische Variante erfunden, „sondern ein Schweizer Journalist namens Christoph Busch. Aber ich habe es als kreative Lösung im gesamten deutschsprachigen Raum propagiert.“ Großbuchstaben innerhalb eines Wortes kamen seinerzeit auch durch das Weglassen des Bundestrichs bei zusammengesetzten Hauptwörtern in Mode.

Eine Beschränkung auf das generische Maskulinum lehnt Pusch auch 40 Jahre später ab, da sie es als mitschuldig an der Unsichtbarmachung der Frauen erachtet. Dennoch hadert sie mit manchen Gender-Schreibweisen. Das von ihrer Gesprächspartnerin so emsig gepflegte Gendersternchen habe seine Tücken. „Wichtig ist mir, dass das Sternchen nicht als Platzhalter interpretiert wird, wie beispielsweise in ‚Lerser*innen‘. Denn damit stünde das Maskulinum, hier ‚Leser‘, für die Männer, das Sternchen für die Diversen, und danach die Endung ‚innen‘ für uns Frauen. Das ist nicht einleuchtend, sondern kränkend.“

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Das Prinzip des Gleichlaufs

betr.: Sprechen am Mikrofon

Das fließende Lesen von Blatt ist ohne das Erfassen der Kontexte nicht zu machen. Es erlaubt uns, den Satzverlauf vorauszusehen – auch über den notwendigen Lesevorsprung von anderthalb Zeilen hinaus, den wir leisten können.

Genauso arbeiten auch Simultandolmetscher, wenn sie gleichzeitig (also mit einer Verspätung von durchschnittlich drei Sekunden bzw. bis zu fünf Wörtern) übersetzen, was gerade vor Publikum in einer anderen Sprache verkündet wird. Neben dem sinngemäßen Wortlaut vor allem die Absicht des Redners widerzugeben, macht das Simultandolmetschen so anspruchsvoll.
Angehende Dolmetscher lernen dafür das Antizipieren: das Bestreben, vorauszusehen, wo der Sprecher mit einem Satz hinsteuert. Das ist vor allem im Deutschen wichtig, in der „Awful German Language“, wie sie einst der Schriftsteller Mark Twain genannt hatte, weil das Verb im Deutschen erst nach vielen Nebensätzen kommt – wenn man schon längst wieder vergessen hat, wie der Satz einmal angefangen hat. Deutsche Muttersprachler (oder die des Farsi) sind im Vorteil, weil sie das Warten auf das Verb sind und ihr kommunikatives Sensorium ohnehin – unbewusst – auf diese Verspätung ausgerichtet ist.
Eine andere wichtige Technik ist das Segmentieren: Man übersetzt längere Sätze in kleinen Sinnabschnitten, Stück für Stück.
Außerdem gilt es, mit der Mehrdeutigkeit des gesprochenen Wortes klarzukommen. Wenn zum Beispiel in einem Satz das Wort “Deutsche” vor dem Wort “Bank” steht, ist es wahrscheinlich keine Bank zum Draufsetzen. Mit solchen Schlussfolgerungen werden auch Sprachsoftwares trainiert. Auch für diese gilt nämlich: üben, üben üben!

Beim Lesen vom Blatt sind die selben Techniken (oder Tugenden) unerlässlich wie beim Simultandolmetschen.
Und bei beiden Berufen fallen die Ausübenden meist gar nicht auf, wenn sie ihren Job richtig machen.

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Zwei kultige Geburtstagkinder

betr.: 86. Jahrestag der Galapremiere des Westerns „Stagecoach“ in der Radio City Music Hall / 92. Jahrestag der New Yorker Premiere des Monsterfilms „King Kong“

Inzwischen weiß ich, dass mein Podcast-Gesprächspartner Torben Sterner „Höllenfahrt nach Santa Fé“ (auch „Ringo“ oder „Stagecoach“) von den vier Western in der Liste „Aller 42 Kultfilme“ (von denen zwei ja noch ausstehen) am liebsten mag. Aber tut er das am Ende vielleicht nur, weil er dabei an „The Hateful 8“ denkt?
Das kann letztlich jeder für sich herausfinden.
Bei „King Kong und die weiße Frau“ sind wir uns im Wesentlichen einig. Der Unterschied: Torben hält die unnötigen King-Kong-Godzilla-Crossovers für grauenvollen Trash. Das stimmt, aber ich weiß, dass es noch viel viel Schlimmeres gibt.
Unsere Gespräche zu den heutigen Geburtstagsfilmen stehen hier:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/hoellenfahrt-nach-santa-fe-ringo

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/king-kong-und-die-weisse-frau

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Ein Genie und seine falschen Freunde

betr.: 125. Geburtstag von Kurt Weill (morgen)

Im Kulturradio wirft ein Datum seine Schatten voraus!
Eine Ö1-Moderatorin stellt zu Beginn ihrer Sendung die obligatorische Frage: „Und der Haifisch, der hat Zähne … Wer summt hier nicht gleich mit? Aber wer weiß auf Anhieb, wer diesen Song geschrieben hat?“ Mit ein klein wenig Ironie würde ich antworten: die meisten dürften den Namen wissen. Aber den Wenigsten von diesen Meisten würde ein zweiter Weill-Titel einfallen … zumindest „auf Anhieb“.
Der Kurt-Weill-Biograph Jürgen Schebera (geboren 1940 in Gablonz) hat dieser Tage im hr-Interview* zugegeben, dass die Schwierigkeiten, nach dem Krieg etwas über seinen Gegenstand zu erfahren, in der DDR noch mieser waren als in der BRD. Das ist insofern verblüffend als Weill neben Dessau und Eisler der wichtigste Komponist im Werk des DDR-Vorzeige-Dramatikers Bert Brecht gewesen ist. Andererseits gab es aber eben auch Dessau und Eisler, die sich beide propagandistisch ausbeuten ließen, während Weill es vorgezogen hatte, am Broadway Karriere zu machen, statt sich von den Nazis totschlagen zu lassen. Das hat man ihm – in ganz Deutschland – wohl verübelt, denn auch in der wiedervereinigten Republik wird dieser Faszinierende Alleskönner bis heute auf seine Brecht-Vertonungen reduziert.
Wenn jemand aus dem Kreis unserer Kulturschaffenden behauptet, er „liebe“ Kurt Weill bzw. seine Musik, ist es sehr leicht, ihn bei einer Lüge zu ertappen. Kennt sich dieser mit Weills amerikanischen Arbeiten gar nicht aus, geht es ihm offensichtlich weniger um dessen Kunst als darum, sich dem bildungsbürgerlichen Klischee anzuschließen, in dem Weill als Brecht-Anhängsel (und nur als solches) einen ehrenvollen Platz hat. Dann wurde in einem Aufwasch gleich ein weiterer Betrug mitbegangen und allzuoft gerne mitgeglaubt: der des angeblichen Philosemitismus.
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* Hier nachzuhören: https://www.hr2.de/podcasts/menschen-und-ihre-musik/zum-125-geburtstag-von-kurt-weill–juergen-schebera-weill-biograf,podcast-episode-139040.html

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Prima vista 0,5: Naturgeschichte von Selborne

betr.: Lesen vom Blatt / Übung

Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.

Heutiges Beispiel: aus „Naturgeschichte von Selborne“ von Gilbert White

Variante 1 (Übersetzung von Jürgen Abel, 1975)

… wir hatten in diesem Dorf vor mehr als zwanzig Jahren einen schwachsinnigen Jungen, an den ich mich noch gut erinnere. Von Kind auf fühlte er sich stark zu Bienen hingezogen. Er ernährte sich von ihnen, er beschäftigte sich mit ihnen – sie waren der einzige Gegenstand seines Interesses. Und so wie viele Menschen dieser Art selten mehr als einen Gesichtspunkt kennen, so widmete dieser Knabe alle seine geringen Fähigkeiten diesem einen Gegenstand. Im Winter verschlief er seine Zeit in seines Vaters Haus am Kamin in einem Zustand der Betäubung, und nur selten kam er hinter dem Kamin hervor. Im Sommer aber ging er auf den Feldern und an den sonnenbeschienenen Ufern des Flusses umso lebhafter seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Honigbienen, Hummeln, Wespen waren seine Beute, wo immer er sie fand. Er hatte keinerlei Angst vor ihren Stichen, sondern ergriff sie einfach nudis manibus, beraubte sie ihrer Waffen und sog ihre Körper aus, der Honigsäckchen wegen. Manchmal verwahrte er eine Anzahl dieser Gefangenen zwischen Hemd und Haut, manchmal sperrte er sie in Flaschen. Er war ein richtiger Merops apiaster oder Bienenvogel und eine Plag für alle, die Bienen hielten; denn er schlich sich in ihre Bienengärten, hockte sich vor die Bienenhäuschen, klopfte mit den Fingern an die Bienenkörbe und griff sich die Bienen, wie sie herauskamen.
Es war allgemein bekannt, dass er um des Honigs willen, den er so leidenschaftlich begehrte, ganze Bienenkörbe umstieß. Wo Met bereitet wurde, strich er um die Wannen und Kessel herum und bettelte um einen Schluck Bienenwein, wie er zu sagen pflegte. Und wenn er herumlief, pflegte er mit den Lippen ein summendes Geräusch zu machen, das ganz dem Surren der Bienen glich.

Variante 1 (Übersetzung von Rolf Schönlau, 2021)

… hier im Dorf gab es vor über zwanzig Jahren einen idiotischen Jungen, der, wie ich mich gut erinnere, schon als Kind eine große Vorliebe für Bienen hatte, die für ihn Nahrung und Vergnügen, ja sein ein und alles waren. Da Menschen wie er selten über mehr als ein Interessengebiet verfügen, richtete der Bursche seine geringen Fähigkeiten auf dieses eine Zeil aus. Im Winter döste er im Hause seines Vaters, wie in eine Starre verfallen, am Kamin vor sich hin und verließ nur selten seinen Platz, doch im Sommer war er quicklebendig, immer auf der Jagd in den Feldern und an sonnigen Böschungen. Bienen, Hummeln und Wespen waren seine Beute, nach der er überall suchte. Er hatte keine Angst vor ihren Stichen, sondern ergriff sie nudis manibus, mit bloßer Hand, entwaffnete sie von ihrem Stachel und saugte den Honig aus. Manchmal steckte er dutzende Bienen unter sein Hemd, manchmal verschloss er sie in Flaschen. Er war ein Merops apiaster oder Bienenfresser, sehr schädlich für Menschen, die Bienen hielten, denn er schlich sich in die Bienenhäuser, setzte sich vor die Stöcke, klopfte mit den Fingern an die Waben und holte sich die herauskrabbelnden Bienen. Um Honig zu bekommen, auf den er versessen war, stieß er sogar Bienenstöcke um. Wo man Met machte, war er bei den Kesseln und Bottichen und bettelte um einen Schluck Bienenwein, wie er es nannte. Wenn er herumlief, machte er mit den Lippen ein Geräusch, das sich wie das Summen von Bienen anhörte.

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