geführt von Monty Arnold

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In einem Artikel über das beginnende Kafka-Jubiläumsjahr lese ich, dass Franz Kafkas schriftstellerisch übermitteltes Selbstbild etwas Viehisches hat, dass er in den Tieren einen Teil seiner selbst erkannt habe. „Tieren traut man keine Moral zu, keine Schamgefühle, gar nichts von höherem Wert. Die Laute, die Tiere herausbringen, werden von Menschen nicht verstanden. Tiere gelten als arg beschränkt, sie scheinen keine sprachlichen Ausdrucksformen zu kennen. Domestizierte Tiere dürfen sich zwar in der Umgebung von Menschen aufhalten, sind aber keineswegs gleichberechtigt. Sie leben bei Menschen, aber nicht unter ihnen.“ Kafka habe seine Jugend so empfunden: „Er existierte in einem Kosmos fern der Eltern, unbeeindruckt von ihren Sorgen und Hoffnungen. Er lebte nicht mit ihnen, er lebte unter ihnen.“ Dieser Vergleich – wie wir unsere Haustiere betrachten, so ähnlich tun wir das auch mit unseren Kindern – ist so kühn wie allgemeingültig. Er betrifft nicht nur die Familie Kafka, sondern beschreibt einen undramatischen (und gerade deshalb so irritierenden) Normalzustand.
Die Erfahrung von Misshandlung wäre etwas Dramatisches, ein Aufwachsen in Verwahrlosung oder der Verlust von Heim und Familie durch einen Krieg oder einen Hausbrand. Doch selbst als jemand, der – wie die meisten von uns – solche Traumata nicht erleiden musste, der einfach eine normale Kindheit hatte, finde ich den Kafka-Vergleich treffend und allgemeingültig. Daran ändert alles Getue der Erwachsenen ums eigene Kind, ums Kinderkriegen an sich, um das hochemotionale Thema der Abtreibung nichts, ebensowenig die Vermenschlichung, die wir andererseits unseren Haustieren überziehen – früher hauptsächlich den Hunden („Der versteht jedes Wort!“), inzwischen haben die Katzen ordentlich aufgeholt („Ich bin bei meiner Katze angestellt.“).
Kafka hat‘s mal wieder erfasst, Kafka ist mal wieder überall!
betr.: 83. Jahrestag der Ermordung von Fritz Grünbaum in Dachau

Den in seiner Sinnfälligkeit recht amüsanten Titel „Scholzomat“ für unseren roboterhaft auftretenden Bundeskanzler habe ich lange nicht mehr gelesen. Der „Spiegel“ hat ihn vermutlich geprägt, mit Sicherheit jedoch besonders gern genutzt. Im Portrait zu Olaf Scholz‚ Wahlsieg fand sich tatsächlich noch der Satz „Scholz wird zum Scholzomat“ – gerade so, als habe im Laufe von dessen Leben irgendwann ein Mentalitätswandel stattgefunden.
Meine Theorie ist folgende: es könnte auf diese Textstelle hin passiert sein, dass der „Spiegel“ gebeten wurde, diese respektlose Bezeichnung künftig ruhen zu lassen. Jedenfalls ist sie etwa um diese Zeit aus dem Sprachgebrauch der Printmedien insgesamt verschwunden. Erinnern wir uns: weder auf „Genschman“ noch auf „Birne“ wurde eine derartige Rücksicht genommen, nachdem sie ihre hohen Ämter erklommen hatten.
Was soll’s – vielleicht ist es ja auch Zufall.
betr.: Das Prinzip des Gegenpols
Wir haben uns angewöhnt, literarische Werke unter den beiden großen Kategorien der Romantischen und der Realistischen abzulegen. Eine solche Polarität findet sich in allen Spielarten der Kultur (abstrakte Malerei – naive Malerei, Komödie – Tragödie …) oder wird dort eigens eingerichtet und wieder in Frage gestellt (E-Musik – U-Musik, katholisch – evangelisch …). Im Comic ist das heitere Element schon im Oberbegriff angelegt, denn er hat sich aus der Karikatur (einer humoristischen Kunstform) heraus entwickelt, die an ein rein erwachsenes Publikum gerichtet war. Erst als er die jugendlichen Zielgruppen in den Blick nahm, mit denen man ihn heute vor allem assoziiert, bildete sich ein realistischer zeichnerischer Ansatz heraus, und prompt wurden die komischen Zeichenstile, die der ursprünglichen Linie folgten, eigens etikettiert: sie hießen nun „Funnies“.
Wir lieben das Gefühl der Ordnung, das eine frühzeitige Aufteilung in zwei Gegenpole uns verschafft – eine kurze Verschnaufpause, bevor wir diese Hälften weiter ausdefinieren. Entsprechend bemerkenswert (oder irritierend) ist es, wenn ein solcher Knick unterbleibt.
Im Französischen ist jeder Schauspieler ein „comédien“. Das gefällt mir persönlich sehr gut, denn wenn mich eine tragische Performance wirklich bewegt hat, fühle ich mich so erfrischt, als hätte ich zwei Stunden lang herzlich gelacht.
Ich bin immer wieder verblüfft, wie passend ich die Namen meiner Mitmenschen finde. Selbst halbwegs geläufige Vornamen wie Roland, Susanne oder Dietmar werden von der Person, die sie trägt, vollkommen inhaltlich ausgefüllt. Meistens wären Spitznamen, die ja die Aufgabe haben, den bereits erweckten Eindruck nachträglich zu würdigen, gar nicht nötig.
Das kann natürlich nicht mit rechten Dingen zugehen. Vieles spricht dafür, dass Namen wirklich nur Schall und Rauch sind, wie der Volksmund sagt, und dass ich mir diese Übereinstimmung nur einbilde. Dennoch steckt etwas Magie in diesem Irrglauben, und so pflege ich ihn weiter.
Nicht zuletzt deshalb mag ich die ersten Zeilen des Romans „Vaters Meer“ von Deniz Utlu so gern. Wie ich ihnen entnehme, herrschten in der Türkei zeitweise ähnliche Zustände wie auf Ellis Island, bei der Entstehung der Namen afroamerikanischer Bürger oder bei der Gründung des Staates Israel.
Deniz Utlu schreibt: „Unser Name ist bedeutungslos, sagte Vater. Ein Name, den ein Beamter seinem Vater, also meinem Großvater, gegeben habe. Vater sagte : Viele Namen aus der Zeit, in der die Türkei die Nachnamen einführte, gehen auf die Launen geistloser Beamter zurück. Auch sind erstaunlich viele Menschen damals offiziell am 1. Januar geboren. Ganz einfach. Name: Stein. Geburtsdatum: 1.1.
Aber unser wahrer Name ist schön, sagte er. Irgendwann werde er diesen Namen in seinen Pass eintragen lassen, und dann hätten wir einen neuen, nämlich unseren alten und wahren Namen. Wie lautet er ?, fragte ich. In meiner Erinnerung gingen wir spazieren, die Sonne schien durch wassergrüne Blätter, da war ein See in der Stadt. Vater sagte : Beyt Haydo, das ist unser wahrer Name. Was bedeutet er ? Vater lachte, es war dieses tiefe Lachen aus seiner Kehle. Banditen, sagte er, und das schien ihn ungemein zu freuen. Auch mich freute das. Ich hatte einen geheimen Namen. Er gehörte Banditen.“
betr.: Literarische Neuübersetzung
Die von mir durchaus geschätzte Kritikerin Sigrid Löffler ist in mindestens einem Punkt völlig anderer Meinung als ich: jede Generation habe im Grunde eine eigene Übersetzung jedes wichtigen fremdsprachigen Werkes verdient – zumindest theoretisch, denn praktisch ließe sich das ja leider nicht umsetzen.
Ich stehe dieser Problematik ähnlich gegenüber wie dem traurigen Thema der Neusynchronisation alter Filme.
Neben dem Zugang, den ein Text für späteren Generationen öffnen muss, eine Aufgabe, die er sich mit der Leserschaft teilt, hat er noch eine weitere, die er ganz allein bewältigen muss: die Repräsentation der Zeit, aus der er stammt. Das ist keine Nebensache, und es gibt sogar einen Begriff dafür: Zeitkolorit. (Abgesehen davon spielt natürlich die Qualität der existierenden Übertragung eine Rolle und in diesem Zusammenhang weiterhin die Frage nach Kürzungen, zeitgeschmacklichen Frisuren u.ä.)
Viele Verlage begegnen diesem Dilemma, in dem sie keine Neuübersetzung in Auftrag geben, sondern eine ältere „bearbeiten“ lassen. Bei dieser Gelegenheit kann mit nunmehr misstönenden Formulierungen aufgeräumt werden. Doch schon das bedeutet mitunter eine üble Manipulation. Schließlich müsste darauf geachtet werden, ob ein Unwort mit voller Absicht als solches gebraucht wird, um den Charakter einer handelnden Figur zu illustrieren (ihn etwa als Rassisten oder als Macho zu kennzeichnen), ohne die künstlerische Freiheit etwaigen Empfindlichkeiten zu opfern. Erfahrungsgemäß sind die praktikantischen Hilfskräfte, die mit dieser Aufgabe betraut werden, nicht in der Lage, solche feinen Unterschiede zu erkennen.
Häufig wird bei der Überarbeitung einer alten Übersetzung aber auch einfach nur das Zeitkolorit ausgeräumt. Der legitime Wunsch, beim Lesen seinen Wortschatz zu erweitern, ist damit nicht zu vereinbaren.

Das obige Beispiel ist beliebig gewählt und bewegt sich im Rahmen des Üblichen. „Die Straße der Ölsardinen“ von John Steinbeck* erschien unmittelbar nach dem Krieg im Steinberg-Verlag Zürich.
Die aktuelle Ausgabe bei Diogenes nutzt weiterhin die Übersetzung des Schriftstellers und Theaterkritikers Rudolf Frank – oder was davon übrig ist. Die Änderungen (zumeist Kürzungen) sind so marginal wie sinnlos, doch sie machen die Prosa Stück für Stück ein wenig ärmer. An einer Stelle wird sogar der Sinn verändert. Statt „… eine schlechte Angewohnheit von Jugend auf, mein Traum“ heißt es jetzt: „… eine schlechte Angewohnheit, ein Traum“.
Wer es genau wissen will, wird wohl oder übel bei Steinbeck selbst nachsehen müssen.

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* Gelegenheitsarbeiter, Taugenichtse, Dirnen und Sonderlinge bevölkern die Cannery Row im kalifornischen Fischerstädtchen Monterey. Sie leben in alten Lagerhallen wie Mack und seine vier Kumpane, denen jede geregelte Arbeit verhasst ist; sie hausen in ausrangierten Dampfkesseln und verrosteten Röhren auf dem »leeren Platz«, der alles andere als leer ist oder wie Henri, der Maler, in einem Boot Marke Eigenbau, an dem er seit zwanzig Jahren herumbastelt und in dem es keine seiner Frauen und Freundinnen lange aushält. Sie treffen sich im unerschöpflichen Kramladen des Chinesen Lee Chong, um auf Pump einzukaufen, in den Kneipen rund um die Fischkonservenfabriken, in Doras Etablissement und im Laboratorium des einsiedlerisch lebenden Meeresbiologen »Doc«, den sie eines Tages mit einer grandiosen Party überraschen. Und das alles spielt sich unter den misstrauischen Blicken der ordentlichen Bürger von Monterey ab …
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