Nur der Vierte in der Reihe

betr.: 79. Todestag von Harry Langdon / 46. Todestag von Charlie Chaplin (übermorgen)

In seinem berühmten Artikel „Comedy’s Greatest Era“ für das Magazin „Life“ stellte der Filmkritiker James Agee 1949 Harry Langdon erstmals mit Charlie Chaplin, Buster Keaton und Harold Lloyd in die Reihe der „Großen Vier“ der Stummfilmkomödie (in die er freilich nur Solisten berücksichtigte). Das konnte nicht unwidersprochen bleiben, schon weil die anderen Drei im schönsten und gültigsten Sinne zu groß sind, um daneben noch Platz zu lassen. In unserer heutigen Wahrnehmung rangiert Langdon deutlich hinter ihnen bleibt somit in der Kürze der meisten einschlägigen Aufzählungen ungenannt. In seiner Glanzzeit (deren frühes Ende ja noch nicht abzusehen war) fand er gewichtige Fürsprecher. Der Produzent Mack Sennett nannte ihn an erster Stelle, wenn er nach dem größten Komiker gefragt wurde, den der Film hervorgebracht habe. Stan Laurel (das andere unschuldige Gesicht des Komischen Films) attestierte ihm das Zeug zu einem großen Schauspieler, dem Chaplins vergleichbar.

Die Einführung des Tonfilms war für alle Filmschauspieler eine Herausforderung, ganz besonders für die Komödianten, für deren Timing die Normierung der Projektoren auf 24 Einzelbilder pro Sekunde eine brutale Einschränkung bedeutete.
Was Langdon zusätzlich ausbremste, war – wenn wir einer gewissen Quelle glauben wollen – sein Charakter. Frank Capra – zuerst Gagschreiber im Stummfilm, später einer der wichtigsten Komödienregisseure des frühen Tonfilms – erklärt uns den Fall 1971 in seiner Autobiographie „The Name Above The Title“ und fasst ihn zehn Jahre später in „Comedy – A Serious Business“, der 8. Folge der Fernsehdokumentation „Hollywood“, noch einmal zusammen: „Harry Langdon hatte seine Figur nicht selbst erfunden. Das waren wir – wenn ich wir sage, meine ich Arthur Ripley und mich. Sennett hatte Harrys Nummer zusammen mit seiner Frau am Broadway gesehen und Fotos gemacht. Er mochte diesen kleinen Mann, der ein sehr langsamer Pantomime war. Er nahm ihn dann mit ins Studio und brachte ihn mit allen Komikern zusammen. Sie konnten schneller laufen, höher springen und besser fallen als alle anderen. Und da kam nun dieser kindliche Mann, der fünf Minuten brauchte, um auch nur zu zwinkern. Und den keiner wollte. Aber Sennett sagte: ihr habt ja keine Ahnung, der Kerl hat was! Also mussten Ripley und ich uns den Film anschauen, um zu sehen, ob man etwas daraus machen konnte. Wir taten das und waren der selben Meinung wie alle anderen auch. Wir hielten ihn für einen ziemlich armseligen Komiker. Ripley sagte, diesem Einfaltspinsel kann nur Gott helfen. Ich selbst hatte gerade ‚Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk‘ gelesen, und für mich gab es da eine unmittelbare Verbindung zu Langdon. Wir baten um Erlaubnis, die Idee weiterzuentwickeln. Das taten wir, der Film wurde gedreht und war ein riesiger Erfolg.

Es war die Geburt eines neuen Stars, einer neuen unschuldigen Persönlichkeit. Ich war für seine Gags zuständig und wurde schließlich sein Regisseur. Der erste Film, bei dem ich für ihn Regie führte, war ‚The Strong Man‘. Langdon konnte darin einbringen, was er am besten beherrschte. Er ging dann nach Hollywood, wo man ganz verrückt nach ihm war. Aber der arme Kerl kam mit seinem Erfolg nicht klar. Er fing an, bei seinen Filmen selbst Regie zu führen, und sein einziges Ziel war, so gut wie oder noch besser als Chaplin zu werden. Und zwar auf dessen ureigenem Gebiet! … Ich habe ihn danach jahrelang nicht getroffen, aber als ich erfuhr, dass er Theater spielt, ging ich hin, um ihm bei der Probe zuzusehen. Er hatte einen berühmten Gag aus ‚The Strong Man‘ wieder aufgenommen. Dafür musste er die Frau auf seinem Schoß im Sitzen rückwärts die Treppe hochtragen. Und der Regisseur schrie ihn an: schneller, Harry, schneller um Gottes Willen! – Das war genau das, was man von Langdon nicht verlangen durfte. Langsamer ja, aber schneller war unmöglich … Er hat nie erkannt, dass seine Figur anders war als die Chaplins. Chaplin hatte seine Figur selbst erfunden. Er konnte bei seinen eigenen Filmen selbst Regie führen, weil er seine Figur besser kannte als irgendjemand sonst. Bei Langdon war das anders. Seine Figur war für ihn erfunden worden, und das hat er nie verstanden. Das war seine Tragödie.“
In seiner Autobiographie schließt Capra gar mit dem Superlativ, Langdon sei „die tragischste Figur, der ich im Showbusiness begegnet bin“.

Seither ist dieser Darstellung auch widersprochen worden, und einige machen Capra gar als den rufmordenden Urheber von Langdons Niedergang aus – was die von mir bemühten Zeugnisse zumindest nicht nahelegen.
Es wäre großartig, die Ereignisse in einer sauberen, fairen Recherche aufgearbeitet zu finden. Eine gedruckte Harry-Langdon-Biographie böte dazu Gelegenheit. Sie wäre m. W. Die erste ihrer Art.

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Lesen vom Blatt: Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Fortsetzung vom 10.12.2023

Patrick Süskind erschafft in „Das Parfum“ die sprichwörtliche Sogwirkung, um die jeder Erzähler bemüht ist. In ersten Kapitel gibt es tatsächlich längere Zeit kein Satzende.

Da nun aber diese Transporte von Lastträgern vermittels Bastkiepen durchgeführt wurden, in welche man aus Rationalitätsgründen bis zu vier Säuglinge gleichzeitig steckte; da deshalb die Sterberate unterwegs außerordentlich hoch war; da aus diesem Grund die Kiepenträger angehalten waren, nur getaufte Säuglinge zu befördern und nur solche, die mit einem ordnungsgemäßen Transportschein versehen waren, welcher in Rouen abgestempelt werden musste; da das Kind Grenouille aber weder getauft war noch überhaupt einen Namen besaß, den man ordnungsgemäß in den Transportschein hätte eintragen können; da es ferner seitens der Polizei nicht gut angängig gewesen wäre, ein Kind anonymiter vor den Pforten der Sammelstelle auszusetzen, was allein die Erfüllung der übrigen Formalitäten erübrigt haben würde … – aus einer Reihe von Schwierigkeiten bürokratischer und und verwaltungstechnischer Art also, die sich bei der Abschiebung des Kleinkinds zu ergeben schienen, und weil im übrigen die Zeit drängte, nahm der Polizeioffizier La Fosse von seinem ursprünglichen Entschluss wieder Abstand und gab Anweisung, den Knaben bei irgendeiner kirchlichen Institution gegen Aushändigung einer Quittung abzugeben, damit man ihn dort taufe und über sein weiteres Schicksal entscheide.

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Wonka schämt sich

Das Leslie–Bricusse-Filmmusical* „Willy Wonka And The Chocolate Factory“ von 1971 mit Gene Wilder in der Hauptrolle führt hierzulande ein Schattendasein sogar bei den Fans des klassischen Musicals. Nicht einmal das Remake mit Johnny Depp im Jahre 2005 hat zu seiner Entdeckung beigetragen. Auch Sammy Davis jr.s Hit „The Candy Man“ wird von denen, die ihn noch kennen, kaum mit seiner Quelle in Verbindung gebracht. Im angelsächsischen Raum ist das anders, zumal der hintersinnige Bestsellerautor Roald Dahl die Vorlage geschrieben hat.

Der neue „Wonka“ kommt nun ganz modisch als Prequel all dessen daher. Das zum Knutschen gephotoshopte Bild des kindlichen Hauptdarstellers Timothée Chalamet (Beispiel für eine Generation männlicher Stars, die keinen Sixpack mehr braucht, wie die taz anmerkte) lässt schon erkennen, dass alles Abgründige, was die Autoren vor einem halben Jahrhundert umgetrieben hat, hier vermieden wird.

Eines habe ich mich beim Lesen der Ankündigungen immer gefragt: ist dieser Film ein Musical? Die Frage ist nicht unberechtigt. Da ich keinen Hinweis darauf fand, nahm ich an, es handele sich wohl um einen reinen Sprechfilm.
Nun erzählt mir meine Nachbarin, der Film sei sehr wohl ein Musical, und dass das niemand zugibt, sei kein Zufall, sondern eine Entscheidung der Produzenten. Das Musical als solches hat nach deren Meinung so sehr abgewirtschaftet, dass man das Genre lieber verheimlicht – auf die Gefahr hin, dass am Ende Leute im Saal sitzen, die sowas gar nicht sehen wollen.
Machen wir uns nichts vor: das Marketing schämt sich! Sogar der schmucklose Wikipedia-Artikel wurde auf Linie gebracht. Man muss ihn recht lange durchhalten, bis man weiter unten auf den Hinweis stößt, er enthalte „neue Songs“, die jemand dem Film „beigesteuert“ habe.

Timothée Chalamet ließ die Öffentlichkeit wissen, er habe Johnny Depps Darstellung (die ich – zugegeben – weiträumig umfahren habe) „mutig“ gefunden. Mit diesem Ausdruck haben wir früher im Kabarett nach der Vorstellung unseren Kollegen höflich mitgeteilt, dass uns ihre Arbeit nicht erreicht hat. Heute sagt man wohl „interessant“ …

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* Siehe auch: https://blog.montyarnold.com/2023/08/19/sprechstunde-bei-doctor-dolittle-3/

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Meine schönsten Hörbuch-Erlebnisse des Jahres: „Die Sturmhöhe“ gelesen von Rolf Boysen

Auf einer Anhöhe inmitten der rauen Landschaft des englischen Yorkshire liegt das Anwesen Wuthering Heights, dem Wind schutzlos preisgegeben. Sein Besitzer, der herzensgute Mr. Earnshaw, bringt von einer Reise den Findling Heathcliff mit. Heathcliff wächst bei der Familie auf dem Gutshof auf. Mit der stürmischen Tochter Catherine verbindet ihn eine tiefe Freundschaft, die von einer sexuellen Faszination grundiert ist. Sein Stiefbruder Hindley aber lässt ihn zu jeder Zeit den Klassenunterschied spüren, der Heathcliff von der Familie trennt. Als Hindley nach dem Tod des Vaters dem Alkohol und der Spielsucht verfällt und beide terrorisiert, entschließt sich Catherine ihren wahren Gefühlen zum Trotz, den angesehenen Nachbarn Edgar Linton zu ehelichen und zieht in dessen feudales, in einem windstillen, fruchtbaren Tal gelegene Herrenhaus Thrushcross Grange. In seinem grenzenlosen Hass auf die Zerstörer seiner „unsterblichen“ Liebe ruht Heathcliff nicht, bis er sie und ihre Nachkommen vernichtet zu haben glaubt. Die Geschichte wird über drei Generationen hinweg erzählt.

Die längste Zeit war mir Emily Brontës viktorianischer Literaturklassiker „(Die) Sturmhöhe“ nur durch die Hollywood-Verfilmung von 1939 bekannt. Die deckt aber nur einen Teil der Handlung ab und muss die männliche Hauptfigur Heathcliff gehörig schmirgeln, damit sie als romantischer Held funktioniert. In der Romanvorlage begegnet uns ein ein besessener Stinkstiefel, der über keinen einzigen positiven Charakterzug verfügt („ein unbeherrschtes Geschöpf ohne Bildung, ohne Kultur, eine dürre Wildnis aus Stechginster und Basaltfelsen“).

Dass es zwei Erzählperspektiven gibt – die einer alten Haushälterin und die eines kurzzeitigen Pächters –, hat mich auf den Gedanken gebracht, mir gelegentlich aus den diversen vorliegenden Hörbuch-Fassungen eine männlich-weibliche zusammenzubauen. Rolf Boysens intensive Interpretation und ein Hineinhören in ein weibliches Gegenstück – die fehlerfrei-adrette Fassung, die der WDR im Rahmen seiner reichhaltigen „Klassikerlesung“ zum Download bereithält – haben mich davon Abstand nehmen lassen. Natürlich gibt es auch Hörbücher im Duett. Eines Tages werde ich vielleicht eines davon auflegen. Aber das wird es schwer haben!
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* Diese Kostprobe hat sich im Online-Angebot erhalten: https://www.ndr.de/kultur/buch/Die-Sturmhoehe-Roman-von-Emily-Bronte-in-Am-Abend-vorgelesen,bronte104.html

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Fast so skurril wie die alte BRD

betr.: 39. Todestag von Rudolf Platte / „Der Hit“ (ZDF 1978)

Als ein bis zuletzt fleißiger und fürs Fernsehen tätiger Schauspieler seiner Generation war Rudolf Platte eines der reifen Gesichter, die mich zuverlässig durch meine Kindheit begleiteten – und die dann urplötzlich verschwanden. Im Gegensatz zu Theo Lingen, bei dem es sich ganz ähnlich verhielt, war Platte ab dem Zeitpunkt seines Todes auf dem Bildschirm nicht mehr aufzufinden, gerade so, als sei über seine zahllosen sendefähigen Arbeiten eine Wiederholungssperre verhängt worden. Nur sein Gastspiel in der immer wieder aufflackernden Schwarzweiß-Serie „Der Kommissar“ tauchte auf, wenn es wieder an der Reihe war. Und schon hier erschien Platte ein alter Herr, scheinbar ein Mann ohne Vergangenheit. Es ist verstörend, wie wenig uns Heutigen von diesem großen Komödianten geblieben ist, dem sein Berliner Theaterpublikum angesichts des Erfolgs seiner Lustspiele einst den Ehrentitel „Langspiel-Platte“ verliehen hatte.

Kürzlich sah ich ihn wieder. Fritz Schaefer recherchiert gerade zu Thomas Fritsch, und ich erzählte ihm von einem seltsamen Film mit ihm, den ich in meiner Kindheit im Fernsehen gesehen habe. Den Titel bekam ich nicht mehr zusammen, aber ich erinnerte mich, dass Fritsch darin einen Schlagersänger namens Laurent Larouse gespielt hat. Fritz‘ Recherche brachte folgendes zutage: der Film war kein Film, sondern ein abgefilmtes Berliner Boulevardstück namens „Der Hit“. Und der Sänger „Larouse“ hieß in Wahrheit „Larose“.
Ich riet Fritz, sich eine DVD-Kopie vom ZDF zu ordern. Das kostet Geld und dauert lang, aber immerhin gehört das ZDF zu den wenigen Sendern, die einen solchen Service überhaupt noch anbieten.
Wir haben uns das Ergebnis natürlich zusammen angeschaut. Anstatt mit Paul Hubschmid, den ich in der Vaterrolle vermutet hatte, gab es ein Wiedersehen mit Rudolf Platte, den uns die Inszenierung allen Ernstes als Sohn von Käthe Haack verkaufen will. Um wiederum der Vater von Thomas Fritsch zu sein, wirkt er zu alt.

Das Stück wirkt wie aus der Werkstatt: so unfertig, dass es ans Absurde grenzt. Man fragt sich unentwegt, was den Boulevard-Fuchs Christian Wölffer geritten hat, etwas Derartiges ins Programm zu heben. Der deutsche Titel dieses Frankreich-Imports ist nicht nur unpassend (wenn schon, müsste er „Zwei Hits“ lauten), er ist derart verwechslungsträchtig, dass das Werk nicht mal bei einer Internet-Recherche ohne weiteres auftaucht (als hätte man’s geahnt). Wer es doch findet, der liest als Platzhalter für fehlende Einträge ein Zitat aus der Schlussszene von „Citizen Kane“: „Wir müssen alles aufschreiben. Den Plunder und die Kunst.“

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Die wiedergefundene Textstelle: „Heck Meck an Deck“

betr.: 78. Geburtstag von Tomas Bunk

Was habe ich nicht alles Lustiges gelesen, seit ich im Pubertätsalter erstmals die „Slapstick“-Ausgabe in Händen hielt, in der Tomas Bunks Held Karsten Dose das Abenteuer „Heck Meck an Deck“ erlebte? Und noch immer ist dieser Comic nach meiner Kenntnis das einzige Beispiel geblieben, in dem ein so furioses Reimschema etabliert und durchgezogen wird (bei stets wackelnder, aber letztlich stabiler Logik der albernen Geschichte). Nachfragen beim Zeichner/Autor haben meinen Verdacht bestätigt, dass der sich dabei überhaupt nichts gedacht hat – jedenfalls nichts, was meiner recht strukturierten Vorstellung von einem Schaffensrausch entspricht. Wer sich über den folgenden Prolog nicht freuen kann, dem möchte ich eine historische Einordnung anbieten. Aus heutiger Sicht (und ich habe bei diesem Thema sehr genau hingesehen und zugehört) ist „Heck Meck an Deck“ die letzte, die verpfropfende Leistung auf dem Gebiet des bundesrepublikanischen Nonsens. Nonsens hatten unsere Vorfahren da, wo wir heute Comedy haben. Dann kamen aber erstmal die Achtziger! Das ist eine so bodenlos beklemmende Erkenntnis, dass wir dies hier nun bitter nötig haben:

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Meine schönsten Hörbuch-Erlebnisse des Jahres: „Friedhof der Kuscheltiere“ gelesen von David Nathan

In ihrer Frühzeit verfügte die deutsche Synchronisation über ein Personal, das in der Regel vom Schauspiel kam, dort weiterhin tätig war und sich außerdem auf anderen Gebieten – etwa in der Rezitation, im Hörspiel oder im Trickfilm – betätigte. Heute sind die Schubladen solider, die Stimmen weitgehend festgelegt. Das führt dazu, dass großartige Synchronschauspieler längst keine ebensoguten Hörbuch-Interpreten sind.* Während die Leistungen im ganz ähnlich gelagerten Fall des kommerziellem Krimi-Hörbuchs, mit dem gerne TV-Kommissarinnen und -Kommissare betraut werden, auf individuelle Weise missglücken, haben wir es bei Lesungen populärer Synchronstimmen mit einem einheitlichen Effekt zu tun (der einige „Enthusiasten“ sogar entzücken dürfte): die melodischen Besonderheiten der Synchronsprache finden sich auch in der Lesung wieder. Gestalterische Mittel, die zum bewegten Bild hilfreich und zielführend sein mögen, sind in der Lesung unpassend – etwa die allzu engagierte Ausgestaltung der unterschiedlichen Stimmen einzelner Rollen. Viele Synchronsprecher – die meisten sind parallel dazu eben keine Schauspieler und Rezitatoren – haben ihre Möglichkeiten nicht unter Kontrolle, und die Regie kann oder will nichts tun, um das anzuleiten und dem reinen Hörmedium anzupassen.

In seinen besten Arbeiten ist David Nathan die große Ausnahme von diesem Automatismus. Sein Vortrag ist ganz offensichtlich an der Synchronarbeit geschult, doch er übertreibt es nicht. Er weiß genau einzuschätzen, wo er eine Rolle einfärbt, und wenn er sich dafür entscheidet, kann er das genau dosieren. Er prahlt niemals mit seiner Verwandlungskunst und führt uns an seinen sonstigen Meriten zügig vorbei zur jeweiligen Geschichte.
Als jemand, der nicht nur Synchronstimmen-Hörbücher scheut, sondern auch dem Autor Stephen King bei allem Respekt nicht über den Weg traut, bedurfte es einer glaubhaften Empfehlung, um mich auf die 17 Stunden mit „Friedhof der Kuscheltiere“ einzulassen, die uns David Nathan als Stamm-Interpret des Autors vorliest.

Die Geschichte vom indianischen Friedhof, der die dort Begrabenen wieder zurückkehren lässt, kannte ich wie so viele von uns aus der knalligen Verfilmung von 1989. Doch, so wurde mir von einem befreundeten Kollegen versichert, dieser Roman sei in erster Linie ein sehr bewegender Text über das Trauern. Das stimmt – sogar für mich, der bisher vor allem über den Verlust von Menschen zu trauern hatte, die er nicht auch physisch begraben musste. Ein weiterer Aspekt hat mich fast noch mehr fasziniert: es gibt Menschen, die großartig darin sind, für jede noch so abwegige Entscheidung eine plausible Begründung herbeizureden. Der Held der Geschichte, Louis Creed, wundert sich selbst darüber, wie ihm dieses Talent zur Manipulation (auch seiner selbst) plötzlich zufällt, als er offenbar unter den Bann der verfluchten Ritualstätte gerät. Auch die delikate Frage, in welchem Alter einem Kind welche Wahrheiten zuzumuten sind, wird hier klug verhandelt. Und: das Buch hat ein Herz für Menschen, die Katzen doof finden.

David Nathan wählt das bedächtigste Tempo, dem sich noch bequem zuhören lässt, und gibt diesen Raum für die Entfaltung aller Bilder und Emotionen frei, derer das verzagte Herz des Zuhörers fähig ist. Er führt uns haargenau bis an den (bei jedem von uns unterschiedlich gelagerten) Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt – und das haben wir mit Louis Creed gemein. Durch die Präzision und Einfühlung des Vortrags werden wir auch für dessen törichtes Vorgehen empfänglich, was dem Film zu keiner Zeit gelingt.
Die wenigen Einwände, die gegen dieses Hörbuch sprechen, sind vermeidbarer Kleinkram – unglückliche Entscheidungen der insgesamt guten zugrundeliegenden Übersetzung und ein Mastering, das jede Produktionspause durch einen üblen Pegelsprung (eine Art technischen Jump Cut) deutlich markiert. Und natürlich die kleinen Sünden des großen Erzählers Stephen King.
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* Siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/06/22/23139/

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Comics, Lyrik, Kulturtalkshow, Chanson, Nonsens, großes Kino … das Beste zum Schluss!

Unverhofft glücklich endet mein Jahr als Theaterbesucher und Freund der Schönen Künste heute abend mit Sebastian Krämers Weihnachtsprogramm „Ein Licht geht uns auf …“ im Centralkomitee. In den Wochen davor hatte ich das Vergnügen von „König mit Barth – Ein Abend mit Ralf König und Markus Barth“ am selben Ort, dem Podcast „STRÄTER BENDER STREBERG“ mit den Kollegen Torsten Sträter, Hennes Bender (siehe Abbildung) und Gerry Streberg im Schmidtchen, Hennes‘ Solo „Wiedersehn macht Freude“ am nämlichen Ort, sowie Jens Wawrczecks Buchpremiere „How To Hitchcock“ im Savoy mit „Vertigo“-Präsentation.
Das Jahr dauert noch ein paar Tage, aber zumindest kulturell kann mir nichts mehr passieren!

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Endlich auch mal gesehen: „Der Frauenmörder von Boston“

„The Boston Strangler“ (1968) von Richard Fleischer ist ein bemerkenswerter Film. Kein makelloses Meisterwerk des Kinos, verdient er doch aus verschiedenen Gründen, an jedem Algorithmus vorbei herausgesucht und betrachtet zu werden. Erzählt wird die wahre Geschichte des ersten Serienkillers im modernen Amerika, der Anfang der 60er Jahre 13 Frauen ermordete, ehe man ihn fasste.
Die griffbereite thematische Schublade ist zu vernachlässigen, denn „Der Frauenmörder von Boston“ hat sehr wenig mit den zahllosen einschlägigen Filmen und Serien der letzten 30 Jahre gemein – weder mit den guten noch mit den schlechten. In dokumentarischer Tonlage fügt er eine Unzahl winziger Portraits verschiedener Menschen zusammen, die mit der Mordserie konfrontiert werden (als Verdächtige, Denunzianten, Polizisten, Opfer, Hinterbliebene …), mit dem Ermittlerteam als rotem Faden. All diese Szenen sind makellos inszeniert, gespielt, ausgestattet und fotografiert (Handkamera: Richard Kline) und werden zur kunstvollsten Splitscreen-Komposition zusammengefügt, die ich je sehen werde (ein damals neues Verfahren). „Variety“ nannte das Ergebnis einen „Triumph des Geschmacks und der Zurückhaltung“. Stimmt.

Was wir hier außerdem sehen, ist ein Abgesang auf die erzählerische Ästhetik des Studiosystems und des Technicolor-Zeitalters. Schon zwei Jahre später hätte der Film aus der Hand der gleichen Beteiligten völlig anders ausgesehen.
Doch nach einer Dreiviertelstunde wendet sich das Blatt.
Die Show ist fast zur Hälfte vorbei, da wird uns der Mörder erstmals deutlich gezeigt: zu Hause, als netter Familienvater, der plötzlich unter einem Vorwand das Haus verlässt. – Der Charmeur und Komödiant Tony Curtis wollte mit dieser Darstellung ganz offensichtlich aus seinem angestammten Rollenfach ausbrechen.
Ein kurzer Mittelteil schließt sich an, der hauptsächlich um den mordenden Handwerker Albert DeSalvo kreist, der eher zufällig von der Polizei gefasst wird, nachdem er sich eine Reihe von Nachlässigkeiten geleistet hat.
Der abschließende Akt ist ein Kammerspiel, ein Rededuell zwischen Curtis und dem großen Altstar des Films: Henry Fonda (der hier noch einmal die grundanständige Stütze der Gesellschaft gibt, ehe er Monate später in „Spiel mir das Lied vom Tod“ die Welt mit der Verkörperung des dreckigsten denkbaren Widerlings entsetzte). Die Verhörszenen spielen in einem leeren, gleißendhellen Raum und sind auch sonst als Gegenentwurf zum bisher Gezeigten angelegt. Dieser Spagat gelingt nicht recht. Der Film bricht auseinander, und der hintere Teil ist der langsamere, obwohl Tony Curtis seine ungewohnte Aufgabe wirklich anständig bewältigt (so anständig wie es seine falsche Nase erlaubt).

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Meine schönsten Hörbucherlebnisse des Jahres: „Spiel im Morgengrauen“ (SRF 1982)

Willi sprach kein Wort. Er gewann, verlor, trank ein Glas Kognak, gewann, verlor, zündete sich eine neue Zigarette an, gewann und verlor. (…) Und wieder lagen Karten vor ihm. Er setzte – wieviel, wusste er nicht genau. Eine Handvoll Banknoten. Das war eine neue Art, es mit dem Schicksal aufzunehmen. Acht. Nun musste es sich wenden.

Artur Schnitzlers „Spiel im Morgengrauen“ ist – seinem Klassikerstatus entsprechend – häufig als Hörbuch produziert worden. Die beste Interpretation dürfte die sein, die der mdr im Frühjahr in die Mediathek gestellt und – wie bei dieser Anstalt üblich – rasch wieder entfernt hat. Das Schweizer Radio und Fernsehen, das die Lesung 1982 produzierte, hält sie noch immer zum Nachhören bereit.*

In Schnitzlers Novelle führt der junge Leutnant Wilhelm Kasda (der Erzähler nennt ihn Willi) ein gemütliches Leben mit Kasernendienst, Gelegenheitsliebschaften und Kasino-Abenden. Als ihn ein ehemaliger Kamerad um Geld bittet, lässt sich Willi von seiner Neigung zum riskanten Glücksspiel zu einem Vorschlag ohne Gewähr verleiten: er will die benötigte Summe am Spieltisch auftreiben. Zunächst hat er eine enorme Glückssträhne und könnte mit einem stattlichen Gewinn aus der Partie aussteigen. Doch Willi kann nicht aufhören und ist am Ende hoch verschuldet. Kann er die Summe nicht binnen 24 Stunden begleichen, wie es der Ehrenkodex vorschreibt, muss er seinen Dienst quittieren. Ein Nachsuchen bei seinem Onkel bleibt ohne Erfolg.
Daraufhin wendet sich Willi an dessen Frau Leopoldine, mit der er einst ein kurzes Verhältnis gehabt hat. Damals war sie noch ein Blumenmädchen gewesen. Willi hatte sie ungewollt gedemütigt, indem er ihr zehn Gulden auf dem Nachttisch hinterließ. Leopoldine – die ihn damals geliebt hatte – verbringt nun eine Nacht bei ihm und bezahlt ihn ihrerseits – mit einer kleinen Summe, die für die Schulden des Kameraden reicht, nicht für die Willis.
Innerhalb von 48 Stunden hat sich das gesamte Leben des Helden in Schmach und Ruin aufgelöst: Geld, Glücksspiel und Liebesabenteuer haben ihre zerstörerischen Kräfte entfaltet, ein Wechselspiel von Eros und Thanatos – Liebe und Tod …

Die beiläufige Herzlosigkeit, dieser für deutsche Ohren so gnadenlos sadistische Unterton des kakanischen Zungenschlags, verleiht der Lesung des großartigen Textes eine Sogwirkung. Die Schauspielerin Maria Becker – 1920 in Berlin als Tochter zweier Schauspieler geboren und mit dem „Anschluss“ Österreichs in die Schweiz geflohen, wo sie sich den Ruf als Charakterschauspielerin und Tragödin erwarb – beherrscht diesen Ton perfekt, was ihre gestalterischen Möglichkeiten auf die Spitze treibt. Fast möchte man vor diesem grandiosen Vortrag warnen!

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* https://www.srf.ch/sendungen/hoerspiel/podcast-lesung-spiel-im-morgengrauen-von-arthur-schnitzler

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