In seiner gleichnamigen Kolumne im „Zeit-Magazin“ vom 10.8.2023 bringt Harald Martenstein Elend wie auch Größe (im Sinne ihrer Ausmaße) der Wokeness im heutigen Mainstream auf den Punkt. Seine Argumente sind so schlüssig und so weise gruppiert, dass ich gar nicht erst damit anfangen will, einzelne davon herauszusuchen. Dieser Text muss vollständig allgemein zugänglich sein!
betr.: „Hamilton“ / „Broadway Baby“, die „Musikstunde“ auf SWR2 zum Thema Musical
Das Hip-Hop-Musical „Hamilton“ ist ein Phänomen – sowohl am Broadway (wo es seit Januar 2015 gespielt wird) als auch in der fachtheoretischen Muscial-Bubble. Es ist mit 11 Tony Awards ausgezeichnet worden und „war für satte 16 Preise nominiert, mehr als jede andere Broadway-Produktion jemals erhalten hat“ (Hellotickets). Mit seiner PoC-Besetzung und einem Stilwillen, der einige der üblichen kommerziellen Selbstbeschränkungen des Genres missachtet, enthebt es sich aller Kritik (und damit wiederum restlos meiner persönlichen Neugier). Dass die Laufzeit der Show in Hamburg so kurz geraten ist (sie endet am 15. Oktober nach etwa einem Jahr), ist für niemanden eine Überraschung. Die Kalkulation der Veranstalter ging auf andere Weise auf: über die Kühnheit der Produktion ist viel geschrieben worden, und alle Vorberichte und Kritiken waren voll des Lobes oder doch zumindest der uneingeschränkten Hochachtung – anders als beim anspruchslosen Musical-Publikum, das die Aspekte solcher Huldigungen nicht juckt (die Ambition der Übersetzung, die Singularität der Produktion im deutschen Unterhaltungsangebot, die Tugend der Erzählung „nach einer wahren Begebenheit“ …).
Bis heute ist mir nur ein einziger Beitrag begegnet, der „Hamilton“ als unterhaltendes Kunstwerk wirklich ernstgenommen hat. Er kam von Nick-Martin Sternitzke in seiner fünfteiligen Reihe „Broadway Baby“ innerhalb der SWR2 „Musikstunde“, in der die Geschichte des Musicals unter einigen besonderen Blickwinkeln beleuchtet wurde, etwa unter dem der deutschen Musical-Kultur. Zu „Hamilton“ sagt er: „Die Besetzung dieses Musicals ist besonders: Die historischen Figuren sind bis auf eine Ausnahme mit nicht-weißen Darstellern besetzt. Das ist eine überfällige Idee, denn das Theater ist ja immer nur eine Behauptung und keine naturalistische Dokumentation. So sieht das Publikum eine diverse Besetzung, bekommt Musik, die absolut hip ist, und eine mitreißende Geschichte. – Nur ist die Gründungsgeschichte der USA aber faktisch auch eine Geschichte über Sklaverei und den Genozid an den Native Americans. Darüber erzählt ‚Hamilton‘ nicht wirklich viel. Nur eben, dass die Figuren alle Teil dieser Geschichte sein wollen – solchen Phrasen tauchen oft in den Songtexten auf. Und da kann man schon fragen: Warum will man Teil dieser Geschichte sein, die doch eigentlich so schrecklich ist? Warum will man nichts verändern an den herrschenden Verhältnissen, sondern sich einfach einfügen und vielleicht einen besseren Platz im System erobern? Von solchen Ideen hätte ‚Hamilton‘ ja auch erzählen und die Geschichte aus einer anderen Perspektive schildern können. Tut es aber nicht. Stattdessen wird weiße – blutige – Geschichte eben divers erzählt. Und die Musik malt das gefällig aus und Kritik und Publikum feiern das Musical.“ Auch die musikalische Qualität hat den Kulturjournalisten nicht überzeugt. Im „Song der Stunde“ – in der deutschen Übersetzung heißt sie „Schon bald“ – erblickt er „die Kriegsandrohung als läppische Elton-John-Beatles-Nummer. Man braucht nicht viel Fantasie, um den König gegen irgendeinen Autokraten der Gegenwart auszutauschen.“ Und genau das ist es, was man in puncto Relevanz als wohlfeil einordnen muss.
________________ Die fünfteilige SWR2-„Musikstunde“ zum Thema ist noch für einige Zeit in der ARD Audiothek nachzuhören. Auf der SWR-Homepage werden die Sendemanuskripte zum Download bereitgehalten.
In unseren Tagen legt sich eine weitere Schicht des Vergessens über einen der amüsantesten und gescheitesten Unterhaltungsschriftsteller meiner Jugendtage: Roald Dahl. Es ist das aktuelle Stadium eines anhaltenden Prozesses. Die autobiographischen Kriegs- und Fliegergeschichten, mit denen Dahl seinen Ruhm begründet hatte, rutschten in die schattigeren Winkel der Regale, als er zum Verfassen seiner legendären makabren Kurzgeschichten ansetzte, zu deren Weltruhm die TV-Serie „Alfred Hitchcock Presents“ beitrug und auf die meine Generation durch ein etwas preiswerteres Format hingewiesen wurde: „Tales Of The Unexpected“ („Ungewöhnliche Geschichten von Roald Dahl“), in dem der Autor am knackenden Studiokamin persönlich in seine Possen einführte. Draußen bleiben mussten hier die ausdrücklich erotischen seiner Geschichten, die in eigenen Bänden versammelt waren. In den letzten Jahren vor seinem Tode im Jahre 1990 wurde Dahl zum modernen und vielverfilmten Kinderbuchautor. Als solcher galt er zuletzt. Bis man begann, diese Bücher im Rahmen offiziell gutgemeinter Zensurbestrebungen zu zerlegen und grob inhaltlich zu verfälschen. Der Ruhm dieses literarischen Entertainers dürfte sich einigen Jahren restlos erledigt haben. Dann wäre er theoretisch reif für eine Wiederentdeckung.
Wer so lange nicht warten möchte, kann rasch noch einen seiner Texte lesen. Ich empfehle „Der Wunsch“ aus der Sammlung „Someone Like You“ (deutsch verlegt als „… und noch ein Küsschen“). Es ist mit knapp drei Seiten nicht nur die kürzeste von Dahls schwarzhumorigen Erzählungen, sie überbrückt auch die drei genannten Schaffensperioden. Der Held ist ein kleiner, phantasiebegabter Junge, der zum Ende hin … abstürzt.
Maurice Jarre ist Musikfreunden weniger geläufig als sein Sohn Jean-Michael – der beliebteste Elektronik-Musiker der 70er-Jahre-Charts und bis heute von vielen unvergessen. Das liegt hauptsächlich an Vater Jarres Karriere als Filmkomponist zu einer Zeit, da nur die wenigsten Soundtracks auf Tonträger zu haben waren und generell wenig Aufhebens um sie gemacht wurde. Sie fand – Evergreens wie „Dr. Schiwago“ zum Trotz* – eher im Hintergrund statt. Außerdem ist der Sohn mit seinem Werk unserer Gegenwart naturgemäß näher, die Erinnerung frischer. Ich liebe den Alten viel mehr als den Jungen. Nicht, weil der Junge nicht großartig wäre, sondern weil der Alte für mich einer der Allergrößten ist.
Maurice Jarre hatte eine Vorliebe für Märsche, seine Spezialität jedoch waren morastige, irgendwie dreckig und krank klingende Walzermelodien. Bei keinem anderen Komponisten – allenfalls bei Bernard Herrmann, der sich solchen Vergleichen ohnehin entzieht – klang der Dreivierteltakt so abgründig und besorgniserregend.
Als Jean-Michel Jarre vom ZEIT-Magazin darum gebeten wurde, uns ein paar Dinge zu verraten, die er gern früher gewusst hätte, gewährte er uns auch Einblicke in seine Familienverhältnisse. Er schrieb: „Streite mit deinen Eltern nur von Angesicht zu Angesicht!“ und „Ein abwesender Vater fördert frühe Charakterbildung.“ Das sind im Rahmen dieser Rubrik zwei beinahe versöhnliche Ansagen. Kritisch oder selbstkritisch könnte man ein Statement deuten, das den Vater gar nicht nennt: „Vertraue deinen Kindern, auch wenn du an ihren Plänen zweifelst.“ ___________________________ * Ein beliebter TV-Sketch der 70er Jahre beruhte darauf, dass sich eine Vielzahl von Bürgern nicht an den „Mittelteil von Dr. Schiwago“ erinnern konnte, als sie von Dieter Hallervorden danach gefragt wurden.
Der ST. GEORGE HERALD bittet um Neubewertung eines modernen Klassikers.
Der große Oscar-Abräumer des Jahres 2000 schien tatsächlich ein Film von bleibendem Wert zu sein, ein Feelgood-Movie mit einem Niveau wie wir es seit „Und täglich grüßt das Murmeltier“ nicht mehr gesehen hatten. Drehbuchautor Alan Ball erhielt daraufhin die Möglichkeit, mit „Six Feet Under“ eine Dramaserie zu machen, die solche Erwartungen tatsächlich erfüllt hat. „American Beauty“ hingegen ist fast so schlecht gealtert wie „Besser geht’s nicht“*. Abgesehen von ein paar wirklich flotten Dialogzeilen ist seine Faszination auf ein trauriges Gerippe aus Biederkeit und falschen Versprechungen abgeschmolzen. Daran haben auch die Besetzung und die Spielleitung von Sam Mendes ihren Anteil. Die beiden großen tragikomischen Nebenrollen wirken wie aus (zwei unterschiedlichen) Comics ausgeschnitten und in den Film eingeklebt: der Redneck-Nachbar und Familientyrann Chris Cooper (der in Wahrheit ein jammerndes, ungeoutetes Opfer ist) und die Karrierefrau und Mutter Annette Bening, deren schrilles Treiben nach einer Lachkonserve schreit. Wes Bentley ist für die Rolle des schrägen Nachbarsjungen zu hübsch (in einer braven Nacktszene wird er uns förmlich als Doppelgänger von Tom Cruise aufgetischt) und traktiert uns mit glückspornografischer Lyrik über eine Plastiktüte im Wind, während ihm und seiner Zuhörerin vor Rührung das Wasser in den Augen steht. Der betäubte Mittelpunkt des Ensembles ist Kevin Spacey, der damals seinen kometenhaften Aufstieg in Hollywood feierte. Die Plötzlichkeit, mit er sich vom Verlierer zum erleuchteten Freigeist wandelt, wäre auch ohne sein bürokratisch-roboterhaftes Spiel nicht vermittelbar. Seine Leistung als Ausbrecher aus der Hölle der Vorstadt gipfelt darin, dass er seine Pink-Floyd-Platten wieder raussucht und seinen Smoothie direkt aus dem Mixer trinkt, während die Familie zusieht. Die handelnden Figuren kritisieren / loben einander unentwegt für ihren Mut und ihre Eloquenz – so gut sind die Dialoge nun wieder nicht. Und alles versinkt im stetig rotierenden Wellness-Klangmuschel-Gedudel von Thomas Newman.
„American Beauty“ kneift konsequent vor seinem satirischen Potenzial, und das in einer aus heutiger Sicht bahnbrechenden Weise. Knapp 25 Jahre später sind pseudo-sozialkritische Töne obligatorisch, um seichte Familienfilme aufwerten.
Als Beitrag zur gerade verklingenden Debatte um den Rammstein-Sänger Till Lindemann schreibt Kira Kramer heute in der „F. A. Z.“* einen Artikel, der sich des Lebensthemas von Noël Coward und dem Sujet unserer Reihe widmet: der Erschaffung von und des Verschwindens hinter einer öffentlichen Persona. Darin heißt es:
… die vergangenen Monate sind verstrichen, ohne dass sich die Person Till Lindemann, als Mann hinter der Musik, je anders als über seinen Anwalt zu den Vorwürfen geäußert hätte. Zwar hat Lindemann sich auch zuvor selten separat zu seiner Kunstfigur zu Wort gemeldet – seine Sprache war die lyrische, die seiner Lieder, Gedichte, Videos und Bühnenshows – und darin ist er sich auch zuletzt treu geblieben. Egal, wie laut die Stimmen gegen ihn anklagten, egal, wer ihm zur Seite stand oder wer sich von ihm abwandte: Lindemann, der Mensch, blieb stumm. Lindemann, der Künstler, hingegen ließ es sich nicht nehmen, mit Anspielungen weiteres Öl ins Feuer – oder Schaum in die symbolische Peniskanone – zu gießen. „Alle haben Angst vor Lindemann“ und „die Sänger wollen nicht mehr“, schallten die abgewandelten Liedzeilen bei den Berliner Rammstein-Konzerten aus den Lautsprechern. Damit hat Lindemann selbst die Mauer eingerissen, die ihn von seiner Kunstfigur getrennt hat; falls es eine solche Trennung denn überhaupt je gegeben hat. Zumindest waren genügend Menschen bereit, einen solchen Abstand anzunehmen und unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit auch Vergewaltigungsphantasien einem fiktiven Charakter statt einem echten Menschen zuzuschreiben. (…)
Jetzt sollen wir ihn, den Gescholtenen, also wieder als Künstler betrachten (…) [Lindemann hat] alles dafür getan, dass wir ihn als den machohaften, obzönen und sexbesessenen Mann sehen, als der er sich seit jeher auf der Bühne inszeniert. Wenn er sich nicht als Mensch äußern will zu dem, was die Frauen ihm nachsagen, müssen wir auf sein Werk blicken.
Zwei interessante Umsetzungen einer schauerromantischen Vorlage von Dorothy L. Sayers
Etwas scharrte und winselte zwischen den Polstern. Wetherall verbeugte sich mit übertrieben höflicher Miene und stellte das Etwas auf die Beine. Und dann trat es Langley im Lampenlicht gegenüber. Es trug ein kostbares Kleid aus goldener Seide und Spitze, das zerknüllt und faltig um den dicken, schlaffen Körper hing. Das Gesicht war weiß und gedunsen, der Blick leer, der Mund stand töricht offen, kleine Speicheltropfen rannen aus den Winkeln herab, eine trockene rostfarbene Strähne klebte auf dem kahlen Schädel wie die toten Haarbüschel auf dem Kopf einer Mumie. / Das Wesen trug einen eleganten Hausmantel aus Goldlamé und Spitze, der schief und verdrückt um den gedunsenen Körper hing, dazu das schwammige, fahle Gesicht, blicklose Augen, der halboffene Mund, aus dessen Winkeln der Speichel rinnt, ein glanzloser Kranz rostfarbenen Haars wie die erstorbenen Locken am Kopf einer Mumie.
Der Ethnologe Charles Langley trifft nach längerer Zeit in einem Dorf in den baskischen Pyrenäen seinen alten Freund Dr. Wetherall und dessen Frau Alice wieder. Lady Alice, der er sehr freundschaftlich verbunden ist, ist nicht wiederzuerkennen: sie ist buchstäblich zum Kretin herabgesunken, ein körperliches und geistiges Wrack. Wetherall präsentiert ihren bedauerlichen Zustand mit triumphalem Unterton und genießt Langleys Entsetzen. Der hegt einen schrecklichen Verdacht, dessen Aufdeckung jedoch am Aberglauben der Einheimischen zu scheitern droht. Glücklicherweise bringt der Zufall Langley mit Lord Peter Wimsey zusammen, der sich spontan für den Fall interessiert und ihm viel Zeit widmen wird …
Mehr noch als im Film führt das Genre Horror im Hörspiel auf direktem Wege in die Trash- und Halbstarkenabteilung. Sieht man einmal von den Bearbeitungen weniger Klassiker ab – also von „Frankenstein“ und einigen wenigen Poe-Beispielen, das war’s eigentlich – sinkt die künstlerische Ambition in diesem Segment gegen null. Selbst „Dracula“-Hörspiele sind zumeist Albernheiten „für Fans“, von Lovecraft, wiederum Poe und von all den kleineren Monsterkalibern gar nicht zu reden. Auch das vorliegende Hörspiel, die große Ausnahme von dieser Regel, hat seine Tücken. Zunächst einmal wird die Autorin der Buchreihe um „Lord Peter Wimsey“ dem Krimi zugerechnet, eine nach allgemeiner Auffassung minderwertige Literaturform. Meine Generation, die mit der muffigen „Wimsey“-Fernsehserie aufgewachsen ist, in der Ian Carmichael mit feistem Blick und angezogener Handbremse den Helden spielte, wird dieser Autorin außerdem unbesehen keinerlei Esprit unterstellen. Alles Unsinn! Denn Dorothy L. Sayers ist nicht nur eine blitzgescheite Stilistin, ihre Plots sind so einfallsreich, dass Sätze wie „Wo waren Sie gestern abend?“, “Haben Sie ein Alibi?“ oder „Aber was ist das Motiv?“ darin gar nicht vorkommen können. Es handelt sich – ähnlich wie bei Håkan Nessers besten Frühwerken – eher um Sozialstudien, in denen am Rande ein Mord geschieht, um das Buch fürs umsatzträchtige Krimi-Regal zu qualifizieren. In „Die Geheimnisvolle Entführung“ (der Alternativtitel trifft es besser: „Macht der Finsternis“) gibt es gar keinen Mord. Der ermittelnde Protagonist tritt spät und auf und bleibt so lange in der Deckung seiner aufwändigen Verkleidung, dass er zur Nebenfigur wird. Auch einen Showdown gibt es nicht. Die Rettung des Opfers steht im Vordergrund, und davon abgesehen wird der Schurke nicht einmal bestraft. Doch diese „Geheimnisvolle Entführung“ ist nicht nur gruselig, sie ist geradezu grauenvoll.
Die BR-Hörspielfassung von 1974 „Macht der Finsternis“ ist etwas aufwändiger produziert als „Die Geheimnisvolle Entführung“ (4. Episode einer achtteiligen Lord-Peter-Reihe), 2002 von mdr, SWR, SfB und ORB koproduziert. Diese verlässt sich ganz auf die Fabulierlust von Dorothy L. Sayers. In beiden Versionen spielt Felix von Manteuffel die Rolle des Charles Langley.
betr.: „Inside Marvel“ Folgen 7 und 8, heute abend ab 20 Uhr 15 auf ProSiebenMAXX
Die INSIDE-Serien, die sich weit verzweigten und lange zurückreichenden Franchises widmen, sind schon deshalb sehenswert, weil sie aus einem gewaltigen Footage- und Zeitzeugen-Pool schöpfen können und auch die Konflikte hinter den Kulissen nicht aussparen. Wozu auch? Längst sind auch die etwas despektierlicheren Klatschgeschichten als gute Werbung erkannt worden. Die Geschichte von „Inside Marvel“ beginnt sogar noch etwas früher als die von „Inside Star Trek“: im Jahr 1961 (mit einer Vorgeschichte im Zweiten Weltkrieg). Leider und erwartungsgemäß werden die Comics nur am Rande verhandelt (und abgebildet), denn das „Marvel Cinematic Universe“ ist das Sujet, auf das alles hinausläuft. Es ist verblüffend, wie selten und beiläufig Stan Lee überhaupt erwähnt wird … Die Konzeption der einzelnen Folgen geht von den Titelhelden aus – mit den „Avengers“ als einer Combo, deren Zusammentreten im Kino von langer Hand vorbereitet wurde. Angesichts all der Gleichzeitigkeiten und verwertungsrechtlichen Verwicklungen des Marvel-Kosmos gelingt es der Serie sehr gut, eine schlüssige Chronologie hinzubekommen. Heute erleben wir mit den abschließenden Kapiteln „Guardians Of The Galaxy“ und „Ant-Man“ den Anschluss zur Gegenwart. Es ist zu empfehlen, sich auch den Rest einmal anzusehen – aus den gleichen Gründen, aus denen damals auch die Comics Freude machten. Eine Sache muss aber noch richtiggestellt werden. In der ersten Folge heißt es: „DC sind die Beatles, Marvel sind die Stones!“ Das ist natürlich Blödsinn.
Einige von uns wollen den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder während der Pandemie zwischendurch als überraschend menschlich wahrgenommen haben, phantasierten sogar, er habe für einen CSU-Politiker beinahe seriös gewirkt. Das lag weniger an seinen Inhalten als an dem knuffigen Sound, den der Begriff „Corona“ annimmt, wenn man ihn fränkisch ausspricht. Für mich war die Idee, wir hätten in Herrn Söder einen Staatsmann vor uns, zu jeder Zeit absurd. Sein opportunistisches Verhalten im Umgang mit Hubert Aiwangers Flugblatt-Affäre hat selbst meine Horrorvorstellungen übertroffen.
Söder weist immer wieder darauf hin, Franz Josef Strauß – das Urgestein vordemokratischer Raserei in demokratischen Strukturen – sei sein größtes Idol gewesen. Während sich seine Altersgenossen Starschnitte der Bay City Rollers ins Kinderzimmer pinnten, hing bei ihm ein FJS-Plakat (er ließ sich sogar davor fotografieren). Seit die überregionale Presse seinen Aufstieg begleitet, zeigt sich Markus Söder immer wieder als Liebhaber der Nerd- und Popkultur, um etwas menschlicher rüberzukommen – unvergessen sein maskenbildnerisch profihafter Auftritt als „Shrek“ auf einer Karnevalsveranstaltung. Der „Spiegel“ berichtete außerdem, wie gern er seinen hochoffiziellen Gästen in der Staatskanzlei Trinkbecher mit „Star Trek“ oder „Marvel“-Design reichen lässt, um deren Reaktionen zu beobachten. Sollte Söder den Posterboy etwa gewechselt und nun den Hulk aufgehängt haben? – Das wäre definitiv eine geistig-moralische Verbesserung. Doch auch jenseits solcher Mutmaßungen muss ich erkennen: Markus Söders (nicht unzutreffender) Vergleich der Kanzlermimik mit der eines Schlumpfes weist ihn endgültig als jemanden aus, der mir auch jenseits unseres gemeinsamen Baujahres nähersteht als mir lieb sein kann. Er hat nicht nur die selben Comics und Serien genossen wie ich, er hatte sogar die gleichen Favoriten. Ich muss mich mit den feinen Unterschieden trösten. Wenn auf den Postern in meinem Kinderzimmer mal Verbrecher abgebildet waren – Kater Karlo, Doctor Doom oder Ernst Stavro Blofeld -, dann waren es erfundene. Und keiner davon hatte Vorbildfunktion.
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