Hochgenuss aus Selbstachtung (1): Warum reines Hörvergnügen so eine ernste Sache ist

betr.: Sprechen am Mikrofon

Hörbücher werden nicht nach qualitativen Kriterien besetzt, sondern nach kommerziellen. Man wählt vorzugsweise beliebte Darsteller aus dem Fernsehen aus. Die Annahme, es müsse ja zu brauchbaren Ergebnissen führen, wenn Schauspieler mit dieser Arbeit betraut werden – Angehörige eines Gewerbes also, das dem literarischen Vortrag verwandt sei – ist längst widerlegt und der scheinbare Widerspruch gründlich erforscht und entzaubert.* Die so entstandenen Produkte umgeben uns also in großer Zahl, und wir müssen uns zu ihnen verhalten, wenn wir selbst am Mikrofon arbeiten.

Zu Beginn des Unterrichts wird man bei mir mit einer irritierenden Anweisung konfrontiert: bis wir aus dem Gröbsten raus sind – und das kann einige Monate dauern – verordne ich meinen Schülern eine Diät. Hinsichtlich der Menge mache ich Ihnen keine Vorschriften, rufe sie aber zu einer gehaltvollen Ernährung auf.
Da zu Anfang nicht nur Orientierung an den richtigen Vorbildern überaus wichtig ist, sondern auch die Vermeidung von falschen Vorbildern und ein Bruch mit lebenslangen Gewohnheiten und Vorurteilen, ist diese Umstellung unerlässlich.
Ich bitte die sich mir Anvertrauenden, einstweilen von den Heroen jener „guilty pleasure“-Produkte Abstand zu nehmen, die die Branche so gerne auf ihre Ab- und Zuhörer ausschüttet und die den Löwenanteil der Hörbuchproduktionen ausmachen: große Namen ohne einschlägige Qualifikation, die sich – und ich spreche hier ausdrücklich von der Hörbuch-Arbeit! – in zwei Kategorien teilen: die aufreizend Schlampigen, welche aus unterschiedlichen Gründen meinen, Respekt vor Ihrem Material nicht (mehr) nötig zu haben, und die Sorgfältigen, deren sicher gut gemeinter Eifer alles noch schlimmer macht.** Weiterlesen →

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„Neuengamme“ – ein Chanson

betr.: 73. Geburtstag von Effi Effinghausen

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Die schönsten Hörspiele, die ich kenne: „Vogel im Käfig“

„Zuerst einmal wollte ich mich erkundigen, ob Ihr Vogel es auch  nicht krummgenommen hat, dass er den ganzen Tag im Käfigverbringen musste. … Ich habe Tiere sehr gern, wissen Sie? Ich wollte nicht, dass ein unschuldiger Vogel leiden muss, deshalb habe ich ihn in den Käfig gesperrt. Übrigens mag ich es auch nicht, wenn unschuldige Menschen leiden.“

Der Molekularbiologe Dr. Kettler kommt nach Feierabend nach Hause und wundert sich, seinen Wellensittich im Käfig vorzufinden – und nicht durch die Stube fliegend, wie er es ihm tagsüber immer ermöglicht. Dann klingelt das Telefon. Der Anrufer erklärt ihm, er sei in der Wohnung gewesen und habe den Vogel wieder eingesperrt. Dann fordert er Dr. Kettler zum Selbstmord auf und diktiert ihm sogar die entsetzliche Methode …

Die haarsträubende und mitunter sogar etwas inkonsequente Geschichte erschafft einen Sog, den sie bis zuletzt durchhält. Dass die Handlung in Echtzeit und vollständig in einer Wohnung stattfindet, macht die Illusion perfekt. Besonders Peter Fricke spielt einfach großartig

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„Gottes Brot und Teufels Aufstrich“ (75)

Eine Graphic Novel von Monty Arnold
mit Zeichnungen von Stefan Sombetzki

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„It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“ (9)

Fortsetzung vom 24. Mai 2023

(siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/01/24/noel-coward/)

Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.

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Zu spät! Nichts drin!

betr.: 103. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki / aktuelle Bücher über eine selbstbewusste Ost-Identität

Was sich gerade hinsichtlich des Themas „(mein) Leben in der DDR“ in unserer Literaturlandschaft abspielt und wie heftig es im gesellschaftlichen Diskurs seinen Widerhall findet, hätte Marcel Reich-Ranicki unbedingt gefallen. Er hat in seinem „Literarischen Quartett“ häufig darüber geklagt, dass Schriftsteller jenseits ihrer hauptamtlichen Tätigkeit so wenig publizieren und dass Literatur längst nicht mehr zu solcher Anteilnahme bzw. Aufregung taugt wie in den seligen Tagen der Gruppe 47. In einer Sendung vom Anfang der 90er Jahre sinnierte er enttäuscht darüber, dass die Romane (es ging ihm natürlich zuallererst um diese Form) aus dem Innenleben der DDR noch immer auf sich warten ließen. Er sei doch so gespannt gewesen, was alles in den Schriftsteller-Schubladen geschmort und nur darauf gewartet habe, endlich unzensiert veröffentlicht werden zu können. Aber da habe er sich wohl geirrt. Nichts sei drin in den Schubladen.
Auch seine Meinung zu der Verherrlichung, die nun in mehreren Neuerscheinungen mit dem Leben in der kuscheligen „zweiten deutschen Diktatur“ getrieben wird, kann man sich aus dem vorliegenden Material gut ableiten. Aber wie das geklungen hätte, wenn der alte Entertainer (er mochte es, so bezeichnet zu werden!) sich noch mal so richtig in die Debatte geworfen hätte, das wird leider ein Geheimnis bleiben. Obwohl selbst niemals Bürger der DDR, hätte er sich mit diesem Argument eine gewisse Kompetenz und Zeitzeugenschaft nicht absprechen lassen. Mann, das hätte ordentlich gerummst – und sogar mit Niveau! Wie schade, die gegenwärtige Debatte ohne diese Stimme verfolgen zu müssen. 

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Vorspiele auf dem Theater (6)

Werkanfänge mit Musik-, Theater- oder Medienbezug

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Im Gedränge

betr.: Sprechen am Mikrofon

Die Zahl an Un-Worten und misstönenden Formulierungen, um die man gefälligst herumzuformulieren hat, wächst auch innerhalb von Fachsprachen.
Im Synchronstudio darf man nicht mehr „Menge“ sagen. Zumindest nicht gegenüber den Sprecherkollegen, die für solche Jobs gebucht werden. Während in der Aufnahmeleitung weiterhin von „Menge“ gesprochen wird, wenn von diesen zumeist rollennamenlosen Mini-Takes im Hintergrund die Rede ist, spricht man zu den Betroffenen von „Ensemble“.

Früher besetzten die Studios Sprechrollen wie den „Rufer in der Menge“ oder das „Mädchen auf der Party“ einfach aus den Nachbar-Ateliers, also mit den Sprechern anderer Produktionen, die eh im Hause waren. Inzwischen hat das straffere Zeitmanagement der Disposition zu einem Wegfall gemütlicher Leerläufe geführt. Heute wird grundsätzlich ge-ixt, da trifft man sich nicht mehr zufällig im Aufenthaltsraum. Kleinstrollen werden also an jene vergeben, die mit dem Wunsch an die Synchronbetriebe herantreten, „sowas“ auch mal machen zu wollen. Man erklärt ihnen, „Ensemble“-Takes bedeuteten einen guten Einstieg in die Synchrontätigkeit: am Mikrofon könne man so Sprachregelungen und Abläufe verinnerlichen, dem Studio sei es unterdessen möglich, Talente zu erkennen und für größere Aufgaben vorzusehen.
Das ist logisch richtig, wird in der Praxis jedoch nur in Ausnahmefällen so umgesetzt.

Von außen  in die Branche hereinzukommen – etwa aus dem Schauspiel, so wie in alter Zeit üblich –, ist schwer. Entgegen der weitverbreiteten Laien- und Schauspielermeinung sind „Schauspiel“ und „Synchronschauspiel“ nur am Rande vergleichbar, und den Gemeinsamkeiten stehen ebensoviele Gegensätze gegenüber. (Die meisten Synchroninteresssierten sind aber ohnehin keine Künstler sondern „Fans“.)
In den Ateliers fühlt sich niemand für die Einweisung des Nachwuchses zuständig – die geschäftliche Routine erlaubt es nicht, und niemand bezahlt dafür. Und auch die Schauspielschulen tun nichts, um ihre Zöglinge entsprechend breit aufzustellen. Sie richten sie ausschließlich auf Bühne und Kamera aus und sind der tatsächlich Meinung, die Sprecherziehung sei bereits alles, was auch als Qualifikation für das (Synchron-)Sprecherhandwerk nötig sei.

Das führt wiederum dazu, dass die Synchronstudios ihr Personal längst am liebsten und fast ausschließlich aus den Familien ihres bisherigen Personals beziehen. Da der Sprechernachwuchs am Mikrofon aufgewachsen ist, braucht er weder eine Talentprobe noch eine fachliche Einweisung, erst recht kein Vorstellungsgespräch. (Er braucht übrigens auch nicht zwingend persönliches Interesse an der Mikrofonarbeit mitzubringen.)

Wer sich als Anfänger bereitfindet, Mengentakes zu sprechen, der hat gute Aussichten, in dieser Abteilung zu verbleiben oder allenfalls in kleinere Nebenrollen auszusteigen. Das macht den betroffenen Sprecherinnen und Sprechern in der Regel nichts aus. Die meisten von ihnen finden schon winzige Auftritte in einer Netflix-Serie oder einem angesagten Blockbuster so sexy, dass sich die Mühe lohnt.

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Die wiedergefundene Textstelle: Das Blut des Stieres im Schlachthof

betr.: Krieg

Hitchcocks Film „Foreign Correspondent“ aus dem Jahr 1940 (seinem ersten Jahr in Hollywood) ist ein Propagandafilm, was in diesem Falle nichts Unehrenhaftes ist. Dennoch wurde bei seiner Eindeutschung 1961 der zeitgeschichtliche Teil entfernt (jener, der von der Bedrohung der Weltordnung durch die Nazis handelt) und nur der Thriller übriggelassen (zum Beispiel die mysteriöse Szene mit den Windmühlen, von denen sich eine in der falschen Richtung dreht). Falls die alte Fassung überhaupt noch gezeigt wird, ist sie von der neuen schon dadurch auf Anhieb zu unterscheiden, dass sie „Mord“ heißt – nicht „Der Auslandskorrespondent“ – und dass sie statt 105 nur 85 Minuten dauert.
1986 beauftragte das ZDF den Autor der ersten Dialogfassung, Eberhard Storeck, den Film für eine komplettierte TV-Neufassung nochmals zu bearbeiten. Auf diese Weise kam auch das Finale wieder an seinen Platz: der Held berichtet aus London im Rahmen einer Liveübertragung, als deutsche Bomber zum Angriff übergehen. Harris & Lasky machten dieser heroischen Rede in ihrem einschlägigen Fachbuch das größtmögliche Kompliment: „Hitchcocks Aufruf an sein Gastland, seinem Heimatland in dieser Stunde beizustehen, ist fast so brillant wie Chaplins berühmte Schlussansprache in ‚The Great Dictator‘.“ – Nur dass die eher für den Frieden spricht als gegen den Krieg.

Hallo, Amerika! Ich habe gesehen, wie ein Teil der Welt in Stücke geschlagen wird. Ein Teil der Welt, so schön wie Vermont, Ohio, Virginia, Kalifornien und Illinois, ist geschändet und blutet wie ein Stier im Schlachthof. Ich habe Dinge gesehen, die die Gräueltaten der Wilden zu einem Ammenmärchen verblassen lassen. [Der Ansager will die Sendung abbrechen, da die Sirenen heulen, das Licht ausgeht, Bomben fallen. Der Sprecher erklärt aber, dass er weitermachen wird, weil die Amerikaner hören müssen, was er zu sagen hat.] Ich kann den Rest des Textes nicht lesen, weil die Lichter ausgegangen sind. Ich werde jetzt aus dem Stegreif reden. Der Lärm, den ihr jetzt hört, kommt nicht von der schlechten Verbindung; es ist der Tod, der über London kommt. Ja, jetzt kommen sie. Wir hören die Bomben in den Straßen, in den Häusern detonieren. Schalten Sie nicht ab – bleiben Sie am Gerät – dies ist eine wichtige Geschichte, und auch Sie sind ein Teil davon. Es ist jetzt zu spät, etwas zu tun, als im Dunkel zu stehen und auf sie zu warten, als wären die Lichter überall aus, überall außer in Amerika. Lasst die Lichter brennen, schützt sie mit Stahl, mit Gewehren, baut eine Kuppel über sie, eine Kuppel aus Kampfschiffen und Bombern. Hallo, Amerika! Lass deine Lichter brennen! Es sind jetzt die einzigen Lichter der Welt!

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Virtual war gestern

betr.: Mixed Reality

„Die […] Phantomwelt wurde undeutlicher, sozusagen durchscheinend, und wie durch Ritzen begann er die Wirklichkeit wieder zu sehen. […] Zuerst war es sehr verwirrend für ihn, dass diese zwei Bilder ineinandergriffen wie die Wechselbilder einer Laterna magica. Aber nach kurzer Zeit schon konnte er Wirklichkeit und Illusion voneinander unterscheiden“. Was der Klassiker der Phantastik H. G. Wells in „Die merkwürdige Geschichte von Davidsons Augen“ beschreibt, erinnert an die Technik, die gegenwärtig versucht, der Virtual Reality (VR) den Rang abzulaufen: die Mixed Reality oder Augmented Reality (AR), die das alte Prinzip mit einschließt.
Während eine VR-Brille die komplette Illusion verspricht, werden bei der Mixed Reality reale und künstlich erzeugte Inhalte kombiniert. Bei einer Renovierung kann man sich zum Beispiel vorführen lassen, wie die Wohnung hinterher aussehen soll. Aber obwohl das Gerät gefälliger aussieht als seine Vorgängerin – eher wie eine Taucherbrille und leichter, da die Akkus am Körper getragen werden, mit zusätzlichen Außen-Bildschirmen, die die Augenpartie des Trägers simulieren … – ist sie damit eher etwas für Spezialisten als für Privatleute. Mechaniker können damit lernen, wo sie zu schrauben haben, Chirurgen, wo und wie tief sie schneiden müssen …
Hersteller Apple hofft, damit auch bei der breiten Masse zu punkten und sogar einen Makel der VR-Brille zu beheben. Die wurde nämlich von den meisten Käufern nach einigen Monaten gar nicht mehr genutzt, ähnlich wie ein begeistert angeschafftes Trampolin. Eine andere Zählung spricht immerhin davon, dass von 20 Millionen verkaufter Quest-Brillen aus dem Hause Zuckerberg nur noch jede dritte regelmäßig benutzt würde.

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