betr.: Werkanfänge mit Theater-, Musik- oder Medienbezug

betr.: Werkanfänge mit Theater-, Musik- oder Medienbezug

Fortsetzung vom 3. Juni 2023
(siehe auch https://blog.montyarnold.com/2023/01/24/noel-coward/)
Tamara Hahn hat vor einigen Jahren in aller Stille ein Buch vorgelegt, das uns in Fragen der Selbsterfindung und Selbstdarstellung ein Leitfaden sein kann – gerade in den Zeiten der Sozialen Medien. Nebenbei ist dies das einzige Buch überhaupt, das in deutscher Sprache über Noël Coward vorgelegt worden ist: „It’s All A Question Of Masks – Selbstinszenierung und Modernität bei Noël Coward“. Am Beispiel dieses Universal-Künstlers, der vor etwa 100 Jahren den modernen Prominenten im Selbstversuch quasi erfunden hat, erfahren wir allerlei Erstaunliches zum Thema Medienkompetenz. Es handelt sich um eine Dissertation von 2002, die der Lit Verlag Münster 2004 veröffentlicht hat und die noch immer erhältlich ist. Die Autorin hat mir gestattet, diesen bereichernden Text hier als Serie wiederzugeben, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.

Immer mit einem Fuß auf irdischem Boden
Am Tag als John Romita starb, saß ich mit einem Comic-Sammlerfreund zusammen, und wir dachten gemeinsam an ihn. Das ist kein Zufall im eigentlichen Sinne, denn ich habe in den letzten 50 Jahren viel an John Romita gedacht. Mein erstes Marvel-Heft war ein „Die Spinne“-Zweiteiler, und Romitas Name war der erste Marvel-Künstler, den ich mir gemerkt habe. Ich begriff erst während der Lektüre, dass es klüger gewesen wäre, die älteren Ausgaben vorher zu lesen. Bei „Fix und Foxi“ war die Reihenfolge ja egal …
John Romita hatte die Fähigkeit, besonders schöne Menschen zu zeichnen, ohne dass sich das distanzierend oder sonstwie störend auswirkte. Die übermenschliche Energie, die jedes Panel von Jack Kirby so wirkungsvoll machte, oder der Sex-Appeal der Bilder von John Buscema waren buchstäblich nicht zu übersehen. Romitas Effekte fielen nicht auf und alles wirkte alles so, als würde es tatsächlich so aussehen.
In der Medientheorie ist häufig davon die Rede, der Konsument solle vom Produkt abgeholt werden. Das ist etwas, was die Filme des Marvel Cinematic Universe bei mir allenfalls in den ersten Minuten schaffen – ich glaube, sie versuchen es nicht einmal. Das New York des Peter Parker erschien mir immer als ein realer, theoretisch erreichbarer Ort, der mir als Umsteigebahnhof in die Welt der Superhelden dienen könnte. Romitas Zeichnungen trösteten so mein vom bedrückenden Mief des saarländischen Landlebens geknechtetes Unter- und Selbstbewusstsein mit einer luftigen Perspektive. Ich vermute, mein Einstieg in Jack Kirbys halb-kosmische Welten gelang mir auch deshalb so glücklich und fließend, weil mir Spider-Man zuvor New York gezeigt hatte.
Wie alle halbwüchsigen Heftchenleser habe ich mir damals gewünscht, es würde eines Tages bewegte Bilder von meinen Lieblingen geben. (Den ersten tapsigen Versuch mit „Spider-Man, der Spinnenmensch“ von 1977 wollen wir mal höflich beiseitelassen.) Inzwischen ist technisch „alles möglich“, und die Macher der Filme haben sogar begriffen, dass sie sich nicht unnötig von den Vorlagen entfernen sollten. (An dieser Stelle verdrängen wir bitte den „Hulk“-Film von Ang Lee…) Doch sie beeilen sich in jedem ihrer Abenteuer, möglichst schnell von unserer Welt wegzukommen und schicken ihre Helden in überladene, komplett ortlose Kulissen. Trostlose Bildschirmschoner klaffen, wo sich in den Comics wirklich Portale in andere Welten geöffnet haben. Es würde den Kollegen der Animationsabteilung wirklich helfen, sich die Comics von Jack Kirby einmal anzuschauen …*
Außerdem müssen diese Verfilmungen zwangläufig auf Zeichnungen wie die von John Romita verzichten.
John Romita wechselte kurz vor der Einstellung unserer Heftreihe „Die Spinne“ auf einen Redaktionsposten, und seither lag seine zeichnerische Begabung brach, während der wenig subtile Ross Andru „Spider-Man“ übernahm. Er wurde später von John Romita jr. abgelöst, und auch das war kein Vergnügen, wenn man mit den Comics des Alten aufgewachsen war. Romita jr. hat sich im Laufe der Zeit prächtig entwickelt, aber er hat über die Abwesenheit von „Jazzy Johnny“ nie hinwegtrösten können.
Unglaublich, aber wahr: sogar das comicfremde Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat sich einen winzigen Nachruf auf John Romita abgepresst. Darin wird der Zeichner für seine Innovation des Spider-Man-Charakters gelobt: „Er gab der Comicfigur ein muskulöseres, reiferes Aussehen und mit Mary Jane Watson ein Topmodel als Freundin“.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2017/01/14/der-raum-ausstatter/
Eine Graphic Novel von Monty Arnold
mit Zeichnungen von Stefan Sombetzki


betr.: 102. Geburtstag von H. C. Artmann
„H. C. Artmann gilt vielen als der wohl charismatischste Dichter der österreichischen Neoavantgarde. Sein Verfahren, sich lustvoll poetische Stile, Traditionen und fremde Sprachen anzuverwandeln, ist unerreicht“, schrieb Alexandra Millner zu Artmanns 100. Geburtstag und verschlagwortete ihn weiterhin mit Begriffen wie “‘poetischer act‘, Dandyismus, Surrealismus, Schwarze Romantik, Populärkultur, Transkulturalität und Intermedialität“. Inzwischen wird Artmann außerdem als einer der wichtigeren Übersetzer des zum Kultautor aufgestiegenen H. P. Lovecraft geführt. Beim Lesen seiner, älterer und der inzwischen bei S. Fischer erschienen kommentierten Lovecraft-Bearbeitungen fiel mir etwas auf. Auch weniger glanzvolle Übertragungen früherer Zeiten – die also entstanden, als Lovecraft noch dem Schund zugerechnet und auf möglichst billiges Papier gedruckt wurde – lesen sich ebenso flüssig und farbenprächtig wie die edler edierten Neuauflagen. Hatten wir da einfach großes Glück? Oder ist es schlichtweg so, dass keine auch nur halbwegs professionell gefertigte Übersetzung Lovecrafts Material etwas anhaben kann, weil sein drastisches Genie immer durchsickert?
Ich habe es nicht eilig, das herauszufinden, und genieße es inzwischen, Lovecraft immer wieder neu zu lesen. Dass er sich bei H. C. Artmann in so guten Händen befindet, kann ja auch nichts schaden.
I. Das Basrelief
Die größte Gnade auf dieser Welt ist, so scheint es mir, das Nichtvermögen des menschlichen Geistes, all ihre inneren Geschehnisse miteinander in Verbindung zu bringen. Wir leben auf einem friedlichen Eiland des Unwissens inmitten schwarzer Meere der Unendlichkeit, und es ist uns nicht bestimmt, diese weit zu bereisen. Die Wissenschaften – deren jede in eine eigene Richtung zielt – haben uns bis jetzt wenig gekümmert; aber eines Tages wird das Zusammenfügen der einzelnen Erkenntnisse so erschreckende Aspekte der Wirklichkeit eröffnen, daß wir durch diese Enthüllung entweder dem Wahnsinn verfallen oder aus dem tödlichen Licht in den Frieden und die Sicherheit eines neuen, dunklen Zeitalters fliehen werden.
Und so liest sich die Lovecraft-Schlüsselpassage schlechthin – der Prolog zu “Cthulhus Ruf“ – bei Andreas Fliedner:
I. Das tönerne Grauen
Die größte Gnade, die uns die Natur hat zuteilwerden lassen, ist wohl das Unvermögen des menschlichen Geistes, alle seine Inhalte miteinander in Beziehung zu setzen. Weiterlesen
Dieser Ausdruck ist wie auch der filmische Parallelbegriff –>Remake so sehr im privaten Sprachgebrauch aufgegangen, dass sich für seine Definition aus berufenem Spezialistenmund niemand wirklich interessiert. Die Philosophin Juliane Rebentisch beschreibt das Covern als mitunter „kraftvolle Aneignung“ und verortet es ausschließlich in der Popkultur:
Eine Coverversion ist nach meinem Verständnis etwas anderes als die Interpretation einer Komposition. Von Gershwins „Summertime“ etwa gibt es unzählige Versionen, darunter großartige. Aber bei all diesen Versionen handelt es sich nicht um Coverversionen, sondern um Interpretationen eines der Oper „Porgy And Bess“ entstammenden Jazz-Standards. Eine Coverversion ist hingegen spezifisch für die Popmusik, weil sie sich auf ein ursprünglich mit einer anderen Stimme verbundenes Original bezieht, das als Hintergrund präsent bleibt. Es geht also nicht allein um das Verhältnis der Interpretinnen zum Notentext, sondern um mehr: um Verhältnisse zwischen Personen und denen von ihnen verkörperten Popmusik-Welten. Ein solches Verhältnis kann radikal umwertend sein – wie im Fall von Aretha Franklins leicht textveränderter Version von „Respect“, mit der sie Otis Reddings unangenehm machistisches Original in eine Hymne weiblicher Emanzipation verwandelte. Es kann sich aber auch um ein Verhältnis der gesuchten Wahlverwandtschaft handeln. Popmusik bietet sich gerade aufgrund ihrer prinzipiell über das rein Musikalische hinausweisenden Verfasstheit in besonderer Weise der existenziellen Besetzung an. Es geht nie nur um die Melodien, sondern immer auch um die konkreten Stimmen, die Persönlichkeiten, in denen sich diese Stimmen verkörpern, die Performance, die Mode, die Plattencover, die Videos – also das gesamte visuelle Erscheinungsbild –, und es geht – vermittelt durch all dies – um das Soziale, das sich einem Popmusikphänomen assoziiert. Es geht um Modelle von Lebensform. Sehr deutlich zeigt man sich deshalb in den entsprechenden Geschmacksurteilen. Und ganz besonders wenn es um Popmusik geht, da diese auf verschiedene Bereiche der Existenz ausgreift. Es geht nicht nur um die Frage, ob eine Musik zu mir passt, sondern ob die Welt, in die sie eingelassen ist, zu mir passt oder ich in die entsprechende Welt. Die Coverversion interessiert mich deshalb, weil sie diesen ganzen ethisch-ästhetischen Bedeutungshof um das Geschmacksurteil in der Popmusik selbst verhandelt. Wer covert was oder wen, und was sagt das über die Person, die die Wahl trifft?
betr.: Werkanfänge mit Theater-, Musik- oder Medienbezug

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
In seinem berühmten Gelassenheitsgebet hat der US-amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr – wohl aus Gründen der sprachlichen Musikalität – einen kleinen Schönheitsfehler zugelassen, der den Text als praktische Anweisung in seiner Qualität beeinträchtigt.
Einmal stimmt die Reihenfolge nicht. Zunächst muss ich unterscheiden, erst dann kann ich ändern oder zulassen bzw. gelassen bleiben.
Weiterhin entlässt der Autor den Leser mit der weniger konkreten, der leichter verschiebbaren Anweisung (gib mir) „die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“. – Darauf kann man warten bis zum Sankt Nimmerleinstag und sich also immer damit herausreden: leider hat Gott mir diese Weisheit bisher nicht gegeben. Der praktische Aufruf – das Ändern oder eben nicht Ändern – ist davon schon wieder überlagert worden. Dabei ist das doch die Aufgabe, die uns der Text stellen muss, will er als befolgt gelten dürfen.
Richtiger müsste es also heißen:
Gott, gib mir die Weisheit, zu unterscheiden, welche Dinge ich ändern kann und welche nicht, damit du mir auch die Gelassenheit schenken kannst,
zu ändern, was ich ändern kann,
und hinzunehmen, was von mir nicht zu ändern ist.