Tango und Jazz

betr.: 30. Todestag von Gerry Mulligan .

Wann und wie es mit Jazz angefangen hat, wissen viele der Fans dieser vielgestaltigen musikalischen Strömungen: das war Ende des 19. Jahrhunderts. Was die Wenigsten auswendig im Kopf haben: der Tango ist zeitgleich mit dem Jazz in den USA in Argentinien entstanden.
Für beide Musikstile war die Vermischung kultureller Strömungen wichtig, und bei beiden (beim Jazz ab der zweiten Phase, dem New Orleans Jazz*) handelte es sich um eine improvisierte Musik, die durch eine kollektive Praxis des Spielens geprägt war. Sowohl die ersten Tango- als auch die ersten Jazzmusiker waren keine ausgebildeten Künstler im klassischen Sinne. Sie spielten zunächst auf traditionellen Geigen und Flöten und entwickelten erst im Laufe der Zeit ihre spezifischen Instrumentierungen. Beide Musikrichtungen gehörten zunächst zum Underground in ein verruchtes Milieu, in die Welt der Hafenkneipen und Bordelle, und begeisterten das gehobene europäische Publikum, noch bevor sie in ihren Heimatländern ernstgenommen wurden. Verschmelzungen zwischen Jazz und Tango lägen angesichts all dieser Parallelen nahe, blieben jedoch eine Rarität.
„Summit“ ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Baritonsaxophonisten Gerry Mulligan und dem argentinischen Bandoneon-Spieler und Komponisten Astor Piazzolla. Für dieses Album gilt, was bereits viele Arbeiten des legendären Tango Nuevo-Begründers Piazzolla auszeichnet: sie sind nicht mehr im traditionellen Sinne tanzbar, sondern in erster Linie Musik zum Zuhören.
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2014/10/25/eine-abkuerzung-zum-jazz-2-der-new-orleans-jazz-1900-1925/

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Notes On A Podcast: David Lynch

betr.: 80. Geburtstag von David Lynch (morgen)

David Lynch wird dafür geliebt, dass er so rätselhaft ist. Und dass sein Grusel so schwer zu fassen ist. Viele seiner Fans haben im Grunde die gleichen Probleme mit ihm, die ich auch habe. Es stört sie aber nicht. „Mulholland Drive“ ist ein gutes Beispiel. Ich habe mich über die Jahre mit vielen Freunden und Kollegen über diesen Film unterhalten. Keiner von ihnen versteht ihn – so weit, so gut. Mich ärgert das, weil ich fest davon überzeugt bin, dass David Lynch ihn selbst nicht versteht, dass er ihn als Geschichte gar nicht interessiert. Es geht ihm nur um die Effekte. (Was tun die anderen inzwischen? Die denken vielleicht „Hui, alles so schön düster hier“ …)

Vor Kurzem gab es auf arte eine sehr aufschlussreiche Doku über David Lynch, es ist vielleicht ein halbes Jahr her. Da trafen wir ihn in seiner Werkstatt. Er hatte ein großes Atelier, ein richtiger Arbeitsplatz für einen bildenden Künstler. Dort sieht man ihn Monsterköpfe modellieren und wie er das alles filmt und Lichtstimmungen ausprobiert. Er stellt seine Spezialeffekte in Handarbeit her, das ist sehr sympathisch.
Als ich ihm da so zuhörte und ihm zusah, wie er im grauen Arbeitskittel in Knetmassen herumrührt und Stromleitungen legt, da erkannte ich: das hat alles Hand und Fuß. Aber es ist nichts für mich. Mir entstand der Eindruck eines Künstlers, der seine Bilder zuerst erschafft – der sie „malt“ – und der sie dann in seinem nächsten Projekt unterbringt. Handlung und Logik sind ihm wurscht. Mir aber nicht. Für mich ist sowas eher Performancekunst – eine sehr feine Sache, aber ich sehe lieber Filme. Diese Doku hat mir nachträglich verraten oder bestätigt, was mich mit David Lynch fremdeln lässt. Ohne dass ich seine Filme deswegen mit anderen Augen sehe. Ich mochte sie nicht, ich mag sie nicht.

Der Film von David Lynch, der mich im Rückblick am meisten überzeugt hat – ich habe ihn lange nicht gesehen – ist „Der Elefantenmensch“, ein Drama aus seiner Frühphase, Anfang der 80er. Bei diesem Film musste er noch viele Kompromisse machen und hatte seinen Personalstil auch noch nicht voll ausgeprägt. Die Lynch-Fans wollen sowas natürlich nicht hören. Genauso – und aus denselben Gründen – bin ich auch einer der Wenigen (der einzige?), die das Kubrick-Frühwerk „Lolita“ für einen von dessen besten Filmen halten.

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Zeitgenössisch frisch oder lieber angemessen antiquiert?

Vor bald 125 Jahren erschien „Buddenbrooks: Verfall einer Familie“, der 600-Seiten-Roman des 25jährigen Thomas Mann über die Geschichte der eigenen Familie, der ihm 1929 schließlich den Literaturnobelpreis einbrachte.
Auf ihrem Gebiet ist Gert Westphals Lesung fast ähnlich bedeutsam wie der Roman im Allgemeinen. Der „König der Vorleser“ („Die Zeit“) hat das Werk einst für den NDR eingelesen, redaktionell betreut von Hanjo Kesting. Derselbe Sender hat nun gemeinsam mit der Schweizerischen Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte (SBS) und dem rbb eine neue Version her- und bis April nächsten Jahres in die Mediathek gestellt. Mit 71 mal 25 Minuten ist sie vollständiger als die bei DAV verlegte Westphal-Fassung.
Neu-Interpret ist der Hamburger Schauspieler Thomas Sarbacher, der in der Schweiz lebt. Im rbb-Begleittext fehlt nicht der mich etwas irritierende Hinweis, Saarbacher verliehe dem Text „einen frischen, zeitgenössischen Ton“. Was soll das sein? Braucht man das bei einem so markanten Personalstil wie ihn Thomas Mann gepflegt hat? Im September 2024 sagte Tobias Wenzel in der DLF„Lesart“ zu diesem Thema: „Gert Westphal […] ist eine Idealbesetzung. Denn aus seinem Mund klingt die heute oft etwas antiquiert erscheinende Sprache Manns ganz natürlich. […] Unendlich reicher fühlt man sich nach dem Hören […]. Reicher und tief beeindruckt von der Sprachgewalt Thomas Manns.“

Nun denn: jetzt kann sich jeder selbst überzeugen. Eine Hörprobe der alten Aufnahme findet sich unter https://www.der-audio-verlag.de/hoerbuecher/buddenbrooks-verfall-einer-familie-mann-thomas-978-3-7424-3348-0/

Die 71 Folgen:

1. Thomas Mann erzählt die Geschichte einer Kaufmannsfamilie über vier Generationen. Er ist in Lübeck aufgewachsen, sein Vater war dort Senator. Die Stadt und seine Familie nahm er sich als Vorlage für seinen Roman. Geschrieben hat er ihn der erst 25-Jährige dann in München, wohin seine Familie nach dem Tod des Vaters übersiedelt war.
Wir schreiben das Jahr 1835 …

2. Alle vierzehn Tage laden Konsul Johann Buddenbrook und seine Gattin Antoinette in ihr Haus in der Mengstraße ein. Heute sind der Dichter Hoffstede und Pastor Wunderlich zu Gast. Selbstverständlich mit dabei sind der Sohn des Hauses, Jean Buddenbrook, mit Gattin Elisabeth und ihren drei Kindern Thomas, Antonie und Christian. Nicht anwesend ist Gotthold Buddenbrook, ein Sohn des Familienoberhaupts aus erster Ehe. Von ihm wird gleich die Rede sein, während sich die Gesellschaft zum Essen in den Speisesaal begibt…

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Bescheidenheit als alter Hut: Autofiktion (2)

Fortsetzung vom 13.1.2026

Ohne dass ein Aufhebens gemacht wurde, war bis Mitte des 20. Jahrhunderts die fiktionale Erzählkunst a priori reich an gelebtem Leben und gemachten Erfahrungen. Dann brach eine längere Periode des Friedens in der Westlichen Welt an (die eben im Begriff ist, zuende zu gehen); sie war bequem und schadete gleichwohl der Inspiration. Die Jahre auf See etwa haben die Werke von Herman Melville (siehe unten) und Joseph Conrad geprägt. Solche Erfahrungen wurden umgekehrt – falls sie in der jeweiligen Biographie nicht vorkamen – von einem Autor wie Edgar Allan Poe als entsetzliche Lücke empfunden. Sein einziger Roman „Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym aus Nantucket“ ist auch Nicht-Seefahrern leicht als Prosa eines Erzählers erkennbar, dem es an einschlägiger Erfahrung fehlt. Kurioserweise kommt ausgerechnet dieses phantastische Werk als Erlebnisbericht daher, als (restlos fiktive) Autofiktion auf hoher See. Conrad, Melville und Co. hingegen verzichteten darauf, sich selbst zum Teil ihrer Erzählung zu machen. Ebenso Truman Capote (siehe wiederum unten), der zum Ende seiner tatsachenbasierten Erzählung hin tatsächlich so sehr Teil derselben war, dass die strikte Auslassung seiner Person zu erzählerischen Verrenkungen führte.
Die Besessenheit, sich selbst wichtig, zum Thema und zum Wahrheits-Gütesiegel des eigenen Textes zu machen, ist in ihrer heutigen Form etwas Neues.
In seinem Nachwort zur Neuübersetzung von Upton Sinclairs Tatsachenroman „Boston“ über den Justizskandal um Sacco und Vanzetti* schreibt Dietmar Dath:

»Kann ein Roman wahr sein? In welcher Gebrauchsweise des Wortes „Wahrheit“ steckt die Möglichkeit, ein Erzählwerk an diesem Wort zu messen? Wer so fragt, weiß wohl schon, dass da ein anderer Wahrheitsbegriff gesucht werden muss als der, an dem man die Gattung einer naturwissenschaftlichen oder mathematisch-logischen Aussage eicht. Der gesuchte Wahrheitsbegriff ist frech unsachlich, es geht nicht um Sachen, man will damit von Menschen geschaffene Sachverhalte zu fassen kriegen, soziale, speziell: literarisch-ästhetische.
In den Vereinigten Staaten von Amerika ist man das Ineinandergreifen von Recherche und Erzählkunst seit einiger Zeit gewohnt. Herman Melvilles „Moby Dick“ (1851) zum Beispiel hat ein langes Vorspiel voller Expositionsmaterial, das dann im Roman auf der Jagd nach dem weißen Wal untergeht wie ein vollbeladenes Schiff im Meer. Truman Capotes „In Cold Blood“ (1965) ist eine Kriminalreportage und zugleich vollkommene Prosa. Norman Mailers „The Executioner’s Song“ (1979) schließlich, das großartige Buch über den Fall Gary Gilmore, die wahre Geschichte eines Mannes, der gegen alle humanitären Initiativen, die ihm zur Hilfe kommen wollten, darauf bestand, für Verbrechen, die er begangen hatte, hingerichtet zu werden, vereint die vorzüglichsten Eigenschaften von Melvilles und Capotes Arbeit. Denn Mailers Text ist sowohl Ergebnis von umfangreichen Recherchen, Interviews und Dokumentenlektüre als auch die überwältigende Texterfahrung einer mit Beobachtungen nicht zu zähmenden Ereignismonstrosität, die wiederum für einen ganzen historisch-gesellschaftlichen Gesamtzustand steht.«

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* Menasse Verlag Zürich 2017

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Tief unten im Finstern

Zwei Filmemacher, die wegen ihrer rätselhaften Filmsprache entweder verehrt oder abgelehnt werden, liefern die beiden Programmpunkte unserer heutigen Präsentation. Mit dem kultigeren der beiden fangen wir an: David Lynch. Einen Film, der ihn über die Maßen beeinflusst hat, haben wir hier schon besprochen – und wurden uns nicht einig: „Carnival Of Souls“. Mal sehen, wie es uns im heutigen Podcast mit diesem Hauptwerk des Meisters ergeht:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/blue-velvet-cache

A) Blue Velvet – Verbotene Blicke
Amerikanischer Thriller von 1986

Unter der kitschig-heimeligen Oberfläche der Kleinstadt Lumberton tut sich ein Abgrund auf. Der Collegestudent Jeffrey wird durch einige Zufälle dazu verleitet, ihn aufzuspüren und in ihn hinabzusteigen. Da sind zum einen seine brave Zuneigung zur Polizistentochter Sandi und die Ermittlungsdetails, die sie zuhause aufgeschnappt hat; da ist seine Faszination für die Barsängerin Dorothy, die sich regelmäßig vom Sadisten Frank misshandeln lässt; und da ist der seltsame Gegenstand, der alles ins Rollen bringt: ein abgeschnittenes Ohr, das Jeffrey zufällig findet …

Der Kult um den Regie-Surrealisten David Lynch ruht bis heute auf zwei Säulen: seine als bahnbrechend empfundene TV-Serie „Twin Peaks“ und der perverse Mystery-Thriller „Blue Velvet“. Beider Ereignisse sehen wir durch die staunenden Augen des Schauspielers Kyle MacLachlan, dessen zierlich-rosige Zurückhaltung alles Übrige nur umso alptraumhafter wirken lässt. Von einer nachvollziehbaren Handlung, wie sie in diesem Frühwerk noch anzutreffen ist, hat sich der Regisseur später zunehmend verabschiedet.

B) Chaché
Französisch-österreichisches Drama von 2005

Der Pariser Fernsehmoderator Georges Laurent und seine Frau Anne bekommen anonym Videocassetten zugeschickt, auf denen ihr Wohnhaus von gegenüber gefilmt wurde, stundenlange, ereignislose, unbewegte Aufnahmen. Einer Lieferung ist die Zeichnung eines Gesichtes beigelegt, das aus dem Mund blutet. Als auf einem weiteren Video der Gutshof zu sehen ist, auf dem Georges seine Kindheit verbracht hat, erinnert er sich an Majid, den er als algerisches Flüchtlingskind kennenlernte. Dass dieser heute durchaus ein Rachemotiv hätte, will Georges sich nicht eingestehen, weshalb er Anne nichts von seinem Verdacht erzählt. Sie erfährt doch davon – durch ein weiteres Video. Dann verschwindet Pierrot, der 12jährige Sohn der Laurents …

Der österreichische Regisseur Michael Haneke brachte es mit verrätselten Filmen zwischen viel Berufserfahrung und dem Studium der Filmgeschichte einerseits und der Missachtung fast sämtlicher Hollywood-Sehgewohnheiten andererseits zu einer bemerkenswerten Karriere. Mit seinen preisgekrönten Alterswerken „Das weiße Band“ und „Liebe“ schaffte er es in der Publikumsgunst sogar bis an den äußersten Rand des Mainstreams.

Nächste Woche: Zurück in die Zukunft und Star Trek VI: Das unentdeckte Land

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Neu im Kino: Fiese Reiche und schöne Knochen

Seit der Erfolg von „Knives Out“ zur Serie angewachsen ist, hat das uralte und irgendwie gemütliche Genre des Krimi-Kammerspiels, der Thriller in geschlossenen Räumen, wieder Konjunktur. Das passt prima zum Jubiläum der „Queen Of Crime“ Agatha Christie, das dieser Tage in den Mediatheken gefeiert wird. Aber ist der neueste Beitrag „The Housemaid“  auch so witzig wie es diese Beispiele?
Im aktuellen Podcast versuchen wir, es herauszufinden:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/the-housemaid-wenn-sie-wuesste-aktuelle-filmkritik

The Housemaid – Wenn sie wüsste
Thriller von Paul Feig

Die 27-jährige Millie hofft nach der Entlassung aus dem Gefängnis als Hausmädchen bei einem wohlhabenden Ehepaar neu anzufangen. Doch schon bald merkt sie, dass sich hinter der Fassade aus Luxus und Eleganz eine dunkle Wahrheit verbirgt, die weitaus gefährlicher ist als ihre eigene. Ein verführerisches Spiel um Geheimnisse, Skandale und Macht beginnt…

Sydney Sweeney und Amanda Seyfried spielen die Hauptrollen in dieser Verfilmung eines Bestsellers von Freida McFadden.

Außerdem unterhalten wir uns über den neuen Film von Ralph Fiennes:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/28-years-later-the-bone-temple

28 Years Later: The Bone Temple
Horror-Drama von Nia DaCosta

Nachdem Spike seine Heimatinsel hinter sich gelassen hat, gerät er in die Fänge der Satanistensekte um den Guru „Sir Jimmy Crystal“. Der kleine Junge wird genötigt, sich der Horde anzuschließen. Inzwischen hat Dr. Ian Kelson das Vertrauen eines grobschlächtigen Alpha-Virus-Trägers gewonnen, den er Samson nennt. Als Sir Jimmys Sekte Kelsons Refugium, den „Bone Temple“ entdeckt, erpresst er den Einsiedler, ihn bei seinen Plänen zu unterstützen …

Angeregt von der Comicserie „The Walking Dead“, die später erfolgreich als TV-Serie umgesetzt wurde, brachte der Brite Danny Boyle den Zombie-Mythos in „28 Days Later“ erfolgreich auf die Leinwand und machte inhaltliche Anleihen. Eine Fortsetzung später, legte er voriges Jahr mit „28 Years Later“ den Grundstein für eine neue Filmreihe, die nun im Kino ihre Fortsetzung findet.

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Zum Tode von Scott Adams

Sein „Dilbert“ war Ende der 80er Jahre der erste Comic-Strip, der sich spezifisch mit dem Computerzeitalter auseinandersetzte – wenn es hier auch vor allem der (nicht weniger wichtige) Büro-Alltag war, in dem Scott Adams Ignoranz und menschliche Doofheit wie unter der Lupe vorführte. Mit einer so zutreffenden Satire einen derartigen Erfolg zu haben, ist an sich schon ein dolles Ding: in seinen Glanzzeiten erschien „Dilbert“ in 2000 Zeitungen weltweit und wurde in Bücher gebunden.

Dass Scott Adams nun von uns gegangen ist, ist der Endpunkt eines mählichen Siechtums, das ihn und seinen Helden zuletzt unserer Aufmerksamkeit entzogen hat. Allem Anschein nach war es ein qualvolles.
Erstmals aufgeschreckt wurde ich durch die Kurzmeldung in einer fachlichen Reklamepublikation, die bereits einen Endpunkt setzte: im März 2023 stellte Adams seinen Comic ein, nachdem viele Zeitungen „Dilbert“ abgesetzt hatten und er den Übrigen wohl zuvorkommen wollte. Das wiederum war bereits die Folge „des sorglosen Umgangs seines Schöpfers mit Aussagen, die ihm als rassistisch gedeutet wurden. Adams hatte angegeben, dass er sich bisher mit der Gruppe der Afroamerikaner identifiziert hätte, jedoch eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Rasmussen seine Einstellung geändert habe. Darin hatten 47% der Afroamerikaner angegeben, dass sie die Aussage »It’s OK to be white« (einen von weißen Rassisten verwendeten Slogan) ablehnten. Adams gab an, dass er durch diese Umfrage bemerkt habe, dass er mit seiner Unterstützung und Identifikation mit der schwarzen Bevölkerungsgruppe der USA Teil einer »Hate Group« geworden sei, und empfahl, von Afroamerikanern Abstand zu halten.“
Das mag als Begründung, nach 40 Jahren die Freude an der eigenen Kunst verloren zu haben, unnötig und fadenscheinig sein, es ist dennoch ein aufschlussreiches Statement.
Später erfuhr ich, dass Adams sich schon 2006 als Holocaust-Zweifler hervorgetan und etwas später Misogynie zu einem männlichen Grundrecht erklärt hatte, selbstverständlich war er auch Covid-Impfskeptiker. Kurzum: das langsame Hinübersacken auf die rechte Seite, das sich bei in die Jahre kommenden Intellektuellen häufiger beobachten lässt.

Zuletzt war der Meister soweit, dass erDonald Trump persönlich um Hilfe anging. Im November 2025 bat er ihn auf „X“ um Unterstützung im Kampf gegen seine Krankenkasse: die verzögere ihm den Zugang zu einem dringend benötigten Prostatakrebs-Medikament. Trump versprach zu helfen.

Ich werde meine „Dilbert“-Comics in Ehren halten.

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Vom Nachleben wahrer Begebenheiten: Autofiktion (1)

Ich weiß nicht, ob das Kinopublikum wirklich so großen Wert auf den Wahrheitsgehalt seines Feierabend-Programms legt, doch es fällt auf, wie gern Hollywood seinen Produkten die Zeile voranstellt: „Nach einer wahren Begebenheit“. Während dieser Satz für mich eher nach schlechtem Gewissen klingt, mag er insofern gute Reklame sein, als sich auf dem Feld der Literatur die „Autofiktion“ tatsächlich großer Beliebtheit erfreut. Das Präfix „Auto“ (= von mir selbst / über mich selbst) hebt das folgende „Fiktion“ (= etwas Erfundenes) nämlich auf: nur die Details und der Stil sind fiktional, die enthaltene persönliche Interpretation ist legitim, dennoch sage ich die Wahrheit. Ich war dabei, ich muss es ja schließlich wissen.

Der trendige Begriff „Autofiktion“ ist seit langem in der Welt und hat es über den Umweg des Marketing-Sprech als Genrebegriff in den Sprachgebrauch geschafft. Clemens Böckmann dazu in der aktuellen „Wochentaz“: „Autofiktion, ernst genommen, bedeutet Ermächtigung und die Rückgewinnung einer zerstörten Autonomie. (…) Geschichten, die Identifikation erlauben, haben Konjunktur“  und fragt: „Was sagt es über eine Gesellschaft aus, dass sie die dringende Sehnsucht hat, sich mit den Opfern zu identifizieren? Wer meinte, mit dem Literaturnobelpreis für Annie Ernaux sei der Höhepunkt erfahrungsbasierter Literatur erreicht, wird durch die Programme deutscher Verlage und die Shortlists vieler Preise eines Besseren belehrt. (…) Folgt man der Spur der Autofiktion, führt sie direkt in Debatten über Identitätspolitik. Schon Ende der 1990er Jahre kritisierte Maxim Biller die Homogenität der deutschen Gegenwartsliteratur und verzweifelte an der selbstbezogenen, kleinbürgerlichen Langeweile angesichts ausschließlich weißer, nicht jüdischer Autoren.“ Inzwischen müsste Biller denselben auch noch ihr männliches Geschlecht und ihr fortgeschrittenes Alter zum Vorwurf machen, um nicht ungebührlich aus dem Erregungsraster zu rutschen – und würde sich damit gleich zweimal selbst in die Pfanne hauen.
Böckmanns Fazit: „Die realen Erfahrungen eines Opfers sollte niemand erleben müssen, doch ihre Erzählungen sind längst zur Ware geworden. Das Publikum will Leiden nachvollziehen – konsumieren – ohne daraus zwingend Konsequenzen zu ziehen.“ Als Grund dafür erkennt der Autor eine „Tendenz, sich nicht den Tätern zuordnen zu wollen. (…) Entsprechende Bücher bedienen das Bedürfnis nach Opfererzählungen und berühren Fragen von Schuld, blenden aber gesellschaftliche Verantwortung aus: Täter sind immer die anderen.“

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Immer noch viel besser als man denkt

betr.: 50. Todestag von Agatha Christie

Runde Geburtstage werden lieber gefeiert als runde Todestage. Doch Agatha Christie, die „Queen Of Crime“, steht über solchen Erwägungen. Ähnlich wie ihre Kollegin, die andere aktuelle Jubilarin Jane Austen, wird auch sie emsig immer wieder neu verfilmt, inzwischen erlauben ihre Erben sogar Nachdichtungen.*
Sowohl der wiedererwachte ARD-Krimi-Podcast „Kein Mucks“ aus auch der des SRF widmeten ihre aktuelle Folge am letzten Donnerstag der Erfinderin von Hercule Poirot und Miss Marple. In der kürzlich ins Netz gestellten Hörbuch-Reihe in der ARD Audiothek gibt es auch Erzählungen abseits dieser beiden Serien zu hören. Zwei davon liest erfreulicherweise der großartige Friedrich Schoenfelder, der bei dieser Aufgabe ebenso glänzt wie er es viele Jahre als Synchronschauspieler getan hat.

Ein besonderes Vergnügen vom 6. Januar ist noch auf der Homepage des Kultursenders Ö1 nachhörbar.** „Ausgewählt“ wirft unter dem Titel „Agatha Christie und die Musik“ einen Blick auf die Musik in einigen Verfilmungen der Christie-Krimis wie Nino Rotas Soundtrack zu „Tod auf dem Nil“ von 1977 oder das berühmte „Miss Marple-Thema“ von Ron Goodwin. Filmmusik ist hier ein guter Zugang, denn obwohl die britische Autorin Pianistin werden wollte und als junge Frau ein Musikstudium begann, spielt Musik in ihren Kriminalfällen kaum eine Rolle. Dass Agatha Christie Nino Rotas großartige Musik nicht mehr hören konnte, ist trotzdem bedauerlich.
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* https://oe1.orf.at/programm/20260108#819161/Agatha-Christie-und-die-Musik
** Siehe https://blog.montyarnold.com/2025/12/11/neue-faelle-fuer-miss-marple/

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Golden Globe für Bestes Drama: „Hamnet“

Mehr als 400 Jahre nach seinem Tod kann mit dem Namen Shakespeare noch jeder etwas anfangen. Über ihn persönlich wissen wir so gut wie nichts – nicht einmal mit Sicherheit, ob er die knapp 40 Dramen tatsächlich geschrieben hat, die sich teilweise bis heute auf den Spielplänen von Kino, Theater und Internet gehalten haben. Ab und zu wird er sogar selbst zum Thema. Es ist wieder soweit: Soeben hat „Hamnet“ den Golden Globe als bestes Drama erhalten, was zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch nicht klar war, aber Torben vermutete schon etwas in der Art:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/hamnet-aktuelle-filmkritik

HAMNET

Historisches Drama von Chloé Zhao

Die feinfühlige Agnes und ihre große Liebe, der Handschuhmachersohn William, wirken in der streng normierten ländlichen Gesellschaft von Warwickshire wie Freaks. Immerhin: sie finden zueinander und heiraten. Schon bald zeigt sich, dass William in der Enge der Kleinstadt verrückt wird. Er muss nach London, um dort seiner Theaterambition nachzugehen. Da Agnes wiederum das Leben in der Natur nicht aufgeben will, lässt William sie und die drei Kinder Susanna, Judith und Hamnet zurück. Das tragische Ereignis, das die Familie bald darauf erschüttert, werden die Eheleute getrennt voneinander verarbeiten …

Die Autorin Maggie O’Farrell half der Regisseurin, ihren gefeierten Roman zum Drehbuch umzuarbeiten. Die Frucht ihrer Arbeit wurde auf dem Toronto International Film Festival im vorigen Jahr mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

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