Der Song des Tages: Joy In The Morning

Zum Tode von Richard Chamberlain unmittelbar vor seinem 91. Geburtstag

Das Wichtigste zuerst: die Deutschen, die Richard Chamberlain phasenweise sehr geliebt haben, sprechen ihn falsch aus (auch bei den Nachrufen wird das so bleiben): er heißt nicht Tschemberläin, sondern – umgekehrt wird ein Schuh draus – Tschäimberlin.
Weniger wichtig, aber interessanter ist: als jemand, der als ein typischer Vertreter seiner Schauspielergeneration hin und wieder zum Singen genötigt wurde, zählte er zu jenen, die das tatsächlich konnten. Nicht nur die Titelmelodie seiner Serie „Dr. Kildare“ (in den USA sehr erfolgreich, bei uns völlig unbekannt) hat er interpretiert: „Three Stars Will Shine Tonight“, hie und da wurde er auch anlässlich seiner Kino-Hauptrollen ans Mikrofon gebeten.
Als er 1984 seine bei uns beliebteste Rolle spielte – den Pater Ralph im TV-Vierteiler „Die Dornenvögel“ -, war das Genre des Filmsongs bereits versunken, und so blieb der Titelmusik von Henry Mancini eine Vokalfassung verwehrt.
Das Liebesdrama „Joy In The Morning“ haben wir nie in einer deutschen Version gesehen, und das ist mindestens hinsichtlich des Soundtracks ein Verlust. Er stammte von Bernard Herrmann, den Song steuerte das bewährte Team Fain & Webster bei.
Mit „Dr. Kulani – Arzt auf Hawaii“ und den Wiederholungen von „Shogun“ konnte Chamberlain seinen deutschen Serien-Ruhm im jungen Privatfernsehen noch etwas dehnen. Die LP, die ihm der verantwortliche Sender SAT.1 in diesem Zusammenhang widmete, vermochte ihn als Sänger leider nicht bei uns etablieren.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Spoilern zwecklos

betr.: Das „Psycho“-Hörbuch von Jens Wawrczeck

Am 25. April erscheint „Psycho“ in einer neuen Hörbuch-Fassung. Es war ein weiter Weg dorthin. Er hat sich gelohnt.
Der (erste) moderne Horrorfilm „Psycho“ hat sich wenig überraschend in den 45 Jahren seit dem Ende von Hitchcocks Werk als dessen populärster Titel erwiesen: unerreichbar zahlreich sind die ikonischen Motive, Namen, Bilder, Dialogsätze und Töne. Wer sich in der Filmographie des Regisseurs auskennt, den überkommt Behagen angesichts der Tatsache, dass auch qualitativ nichts gegen dieses Quorum spricht. Dass das Beliebteste eines Künstlers auch zum Besten zählt, ist bekanntlich eine große Ausnahme!
Für Jens Wawrczeck und sein Hörbuch-Projekt „Hitch und ich“ brachte diese Ballung von Superlativen ein Problem mit sich. Die Rechte waren schwer zu bekommen. Nachdem Jens in der Vergangenheit sogar Romane wiederbelebte („The Trouble With Harry“ wurde im Rahmen der Übersetzung für die Hörbuchfassung sogar als Buch aufgelegt), stand er hier vor besonders zähen Verhandlungen. Und das bei einem Titel, der in seiner Serie schmerzlich vermisst worden wäre.

Die bis vor kurzem aktuelle Lesung der Romanvorlage von Robert Bloch stammt von Matthias Brandt, dessen Name zum Zeitpunkt der Aufnahme für das hiesige Publikum ebenso groß war wie der des Films. Auch jemandem, der im Verdacht einer gewissen Befangenheit steht, dürfen Sie dies glauben: Jens Wawrczecks Interpretation ist ein Hochgenuss und ein echter Gewinn. Dass seine Gestaltung der bösen Mutter die beste seit der deutschen Synchronfassung von 1960 ist, kann sich jeder vorstellen, der seine Arbeit kennt. Und gegen Ende wird ein weiteres schauspielerisches Glanzlicht gesetzt: Normans angetrunkenes Geständnis, die Leiche seiner Mutter gestohlen zu haben.
Endlich haben wir eine Fassung zur Verfügung, die den Stoff in wirklich jeder Hinsicht durchdringt, den weißen Elefanten im Raum nicht aus den Augen lassend: Hitchcock.

Was ist literarisch zu diesem Text zu sagen? Robert Blochs Stil ist ungemein vergnüglich – selbst im Vergleich mit der vertrauten Filmvorlage, in der uns einnehmendere Charaktere und Hitchcocks Art von Humor entgegenkommen. Und doch ist es aus heutiger Sicht eine völlig andere Geschichte, denn die berühmte Schlusspointe steht in der Romanvorlage ja noch aus. Und so „sehen“ wir Mutter Bates im Hörbuch durchaus – was im Film bekanntlich unterbleibt. Der sich daraus ergebende Unterschied erinnert an die Lektüre von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (bzw. die Lesung von Gunter Schoß*). Auch hier entsteht ein völlig neuer Blick auf eine altbekannte Geschichte. Wie „Psycho“ hat auch „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ uns im Kino die Auflösung längst verraten, auf die sich die Erzählung noch windungsreich zubewegt. Im zweiteren Fall waren dazu allerdings unzählige Bearbeitungen notwendig. Hitchcock hat es mit einem einzigen Werk geschafft.
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* https://www.ardaudiothek.de/sendung/robert-louis-stevenson-dr-jekyll-und-mr-hyde/83382274/

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Apokalypse allenthalben

Eine Rezensionskritik

Das „Hamburger Abendblatt“ hasst nichts so sehr wie negative Beurteilungen (wohlgemerkt: im aktiven Sinne). Filmkritiken in diesem Blatt sind im schlimmsten Fall Inhaltsangaben, die sich um eine Bewertung hanseatisch-zurückhaltend herumdrücken. Wenn also immerhin so verklemmt geflucht wird wie im Fall der Besprechung des musikalischen Dramas „The End“, darf man beim betreffenden Film von einem infernalischen Blödsinn auf der Höhe der Zeit ausgehen.
Die Problematik sowohl der Verweigerung einer Kulturkritik, die diese Bezeichnung verdient – und das ist weiß Gott nicht nur im „Abendblatt“ so – als auch der Fähigkeit der darin betrachteten Entertainment-Branche, Diskurs und Fiktion auseinanderzuhalten, wird bereits am Beginn des Artikels deutlich: „Die beiden Genres schließen sich eigentlich aus: Endzeitdramen handeln vom Ende der Welt und vom harten Überlebenskampf unter widrigsten Umständen in der Öde, die noch übrig geblieben ist. Musicals dagegen sind der Inbegriff des Eskapismus, wo man sich in eine schönere, buntere Welt träumt, singt und tanzt. Beides zusammen, das kann eigentlich nicht gut gehen. Aber genau das Joshua Oppenheimer gereizt, als er beide für seinen Film ‚The End‘ gekreuzt hat. Ein postapokalyptisches Musical, das heute in die Kinos kommt. Mit Songs, die nicht Gefühle transportieren, sondern Lügen“
Diese Textpassage enthält viel Wahres, dies aber eher zufällig bzw. versehentlich. Zunächst einmal ist nicht jeder Film, in dem Leute singen, gleich ein Musical. Aber mit dieser Verkürzung bewegt sich der Autor durchaus im aktuellen (laienhaften, nicht journalistischen) Trend. Dass eine Kombination von Endzeitdrama und Musical in kreativeren Zeiten als der unsrigen durchaus möglich gewesen wäre, ändert wiederum nichts an der gemachten Bestandsaufnahme. Der Hinweis, dass Musicals der Inbegriff des Eskapismus seien, gehört in die Vergangenheit und ist in dieser nicht-konjunktivischen Form nachlässig.

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Prima vista 0,5: „Falconer“

betr.: Lesen vom Blatt / Übung

Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.

Heutiges Beispiel: aus „Falconer“ von John Cheever

Variante 1:

Faragut war drogensüchtig und der Meinung, daß das Bewußtsein des Opiumessers breiter, umfassender und repräsentativer für die Condition humaine sei als das Bewußtsein jener, die nie in Berührung mit Drogen gekommen sind. Er benötigte als Droge ein Destillat aus Erde, Luft, Wasser und Feuer. Er war sterblich, und seine Sucht war eine wundervolle Illustration der Grenzen seiner Sterblichkeit. Er hatte während des Kriegs auf irgendeiner Insel erstmals Erfahrungen mit Drogen gemacht. Das Klima dort war erstickend, die Dschungelfäule seiner behaarten Partien eiterte, und der Feind war mörderisch. Der Truppenarzt hatte literweise einen klebrigen, gelben Hustensirup verordnet.* Jeden Morgen trank die Kampfgruppe ein Glas davon und ging in die Schlacht, high und in Frieden mit dem erstickenden Klima, dem Eiter und dem Morden. Die nächste Station war Benzedrin.  Benzedrin und die Bierration brachten ihn durch den Krieg und zurück an seine eigenen Gestade, zu seinem Heim und seiner Frau. Unschuldsvoll stieg er von Benzedrin auf Heroin um, und fast jede Meinung, die er hörte, bestärkte ihn in seiner Sucht. Gestern war das Zeitalter der Angst, das Zeitalter des Fisches, und heute, an seinem Tag, seinem Morgen, war das mysteriöse und abenteuerliche Zeitalter der Spritze. Seine Generation war die Generation der Süchtigen. Die Sucht war seine Schule, sein College, seine Flagge, unter der in die Schlacht marschierte. Jede Zeitung, jedes Magazin, jede Stimme aus dem Äther verkündete die Proklamation der Sucht. Sucht war das Gesetz des Propheten. Als er zu lehren begann, spritzten sich sowohl er wie der Vorstand des Departments vor jeder großen Vorlesung, da sie zugaben, daß das, was die Welt von ihnen erwartete, nur mit Hilfe der Essenz einer Blume hervorgebracht werden konnte. Es war Herausforderung und Reaktion. Die neuen Gebäude der Universität setzten die menschlichen Maßstäbe außer Kraft; sie sprengten die menschliche Einbildungskraft und die wildesten Menschheitsträume.

„Falconer“, Droemer Knaur 1978

Variante 2:

Drei

Farragut war drogenabhängig und glaubte, dass das Bewusstsein eines Opiumessers viel umfangreicher, detaillierter und bezeichnender für die Conditio humana war als das Bewusstsein eines Menschen, der nie süchtig gewesen war. Als Droge benötigte er ein Destillat aus Erde, Luft, Wasser und Feuer. Er war sterblich, und seine Sucht veranschaulichte das aufs Schönste. Seine ersten Drogenerfahrungen hatte er im Krieg auf einer Insel gemacht, auf der eine drückende Hitze herrschte, die Dschungelfäule an seinen behaarten Körperpartien eiterte und der Feind mörderisch war. Der Kompaniearzt hatte Unmengen eines klebrigen gelben Hustensafts bestellt*, und jeden Morgen tranken die Angehörigen der Kampftruppe ein Glas davon und zogen in die Schlacht, angetörnt und in Frieden mit der drückenden Hitze, dem Eiter und dem Morden. Als nächstes kam Benzedrin an die Reihe. Das Benzedrin und seine Bierration brachten ihn durch den Krieg und in sein Land zurück, zu seinem Heim und seiner Frau. Ohne eigene Schuld stieg er von Benzedrin auf Heroin um und wurde von seinem Umfeld in seiner Sucht bestärkt. Gestern war das Zeitalter der Angst, das Zeitalter der Fische, und heute, sein Tag, sein Morgen, war das geheimnisvolle, abenteuerliche Zeitalter der Nadel. Seine Generation war die Generation der Süchtigen. Die Sucht war seine Schule, sein College, die Flagge, unter der er in den Kampf zog. Die Sucht wurde in jeder Zeitung, in jeder Zeitschrift und von jeder Stimme im Radio verkündet. Sie war das Gesetz der Propheten. Am Beginn seiner Professorenlaufbahn setzten er und sein Dekan sich vor jeder großen Vorlesung einen Schuss, womit sie zugaben, dass das, was die Welt von ihnen erwartete, nur mithilfe der Essenz einer Blume hervorgebracht werden konnte. Es war Herausforderung und Antwort. Die neuen Gebäude der Universität überstiegen das menschliche Maß, die menschliche Vorstellungskraft, die wildesten Menschheitsträume.

„Willkommen in Falconer“, Dumont 2012

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* Das Verb
to order wird erst mit verordnen, später mit bestellen übersetzt.

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Meine zwei aktuellen Elefanten

Der Zufall hat mich zwei alte Bücher wieder aus dem Regal holen lassen, die zwei der größten phantastischen Erzähler des 20. Jahrhunderts repräsentieren: Roald Dahls erotischen Kurzgeschichtenband „Kuschelmuschel“ und den RayBradbury-Roman „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ („Something Wicked This Way comes“).

Seit ich diese Autoren für mich entdeckte, sind über 40 Jahre vergangen, und das Wiedersehen verleitete mich nicht nur dazu, beide miteinander zu vergleichen, sondern auch mich selbst mit dem Leser von damals.
Ich habe die Dahl-Geschichte „Der letzte Akt“ wiedergelesen, deren sexuelle Aspekte mir seinerzeit noch nicht nachvollziehbar waren. Unabhängig davon hat mich Dahls fesselnde Art, Menschen miteinander reden zu lassen, auf die gleiche Weise gefangengenommen wie heute. (Die meisten der Stories aus seiner mittleren und für mich besten Schaffensphase kommen ohne Sexszenen aus.) Es geht um eine Mutter soeben flügge werdender Kinder, die vom Unfalltod ihres Ehemannes überrascht wird. Ed war nicht nur Annas große Liebe bis zuletzt, er war auch der einzige Mann, mit dem sie je geschlafen hat. Es kostet sie gewaltige Anstrengungen, ins Leben zurückzufinden und sich von Selbstmordversuchen abzuhalten. Als sie auf einer Geschäftsreise den Mann wiedertrifft, den sie in ihrer Jugend für Ed verließ, kommt es zu einem für den Autor typisch abgründigen Kammer-Thriller. An das Ende der Geschichte konnte ich mich noch erinnern. Vergessen hatte ich die Details der Unterhaltung von Anna und Conrad in einer Hotelbar in Dallas, unter der ein großer Subtext brodelt. Eine amüsante Passage daraus sei hier aus demselben herausgerissen:
„Hast du mal darüber nachgedacht, warum eine Zigarette weiterbrennt, wenn du sie in den Aschenbecher legst? Tabak brennt nicht von allein. Jeder Pfeifenraucher kann dir das bestätigen.“
„Na ja, vielleicht benutzen sie Chemikalien.“
„Eben, eben. Sie benutzen Salpeter.“
„Brennt denn Salpeter?“
„Selbstverständlich. Früher war es ein Hauptbestandteil des Schießpulvers. Auch von Zündschnüren. Es ist sehr geeignet für Zündschnüre. Die Zigarette, die du da rauchst, ist eine erstklassige, langsam verbrennende Zündschnur. Verstehst du?“

Meine Rezeption von Ray Bradbury ist – trotz des hinzutretenden Erotikfaktors bei Dahl – volatiler gewesen. Ich halte ihn nah wie vor für den Erfinder großartiger Plots, weiß aber inzwischen, dass er nicht der ideale Produzent von Verfilmungen seiner eigenen Arbeiten ist. Ich habe einige seiner Kurzgeschichten als grässliche Fehltritte erlebt, als Versuche, irgendwem (seiner Frau?) zu beweisen, dass er auch ganz liebe Texte schreiben kann („Die Laurel-und-Hardy-Liebesgeschichte“). Ich habe mich gewundert, wie wenig er aus seinen großartigen Ideen mitunter herausholte („Die Stadt, wo niemand ausstieg“). Stilistisch hat mich die Kargheit der großartigen frühen Parabel „Fahrenheit 451“ beim Wiederlesen verblüfft, und so empfand ich die hochmögende Verdrechselung seiner späteren Sprachbilder als Versuch, diesen von ihm selbst bemerkten Mangel mit der Flucht ins andere Extrem zu parieren. Das kann eine Fehleinschätzung sein, aber es steht Autoren nicht gut zu Gesicht, wenn sie ihre Leser auf solche Ideen bringen. Selbstverständlich bleibt Bradbury einer meiner bevorzugten Autoren. In seinem Klassiker „The Illustrated Man“ etwa gelingt es ihm, seinen Sprachrausch solide zu motivieren.
„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ ist nun leider wieder ein Beispiel, in dem Monologe wie der folgende erklingen:
„Muss mich beeilen. Gewitter kommt bald. Wart nicht zu lange, Jim. Sonst – bums! Dann finden Sie dich, und die Münzen, das Taschenmesser und der andere Kram in deinen Taschen ist zu einem Klumpen zusammengeschmolzen, das Silber läuft dir die Hosenbeine runter. Und noch etwas: Wird ein Junge vom Blitz erschlagen, dann heb sein Augenlid hoch. Auf seiner Pupille kannst du die letzte Szene eingeprägt finden, die er erblickt hat, fein und winzig wie das Vaterunser auf einem Stecknadelkopf. Ein Foto, wie der Blitz herunterpfeift und deine Seele die glühende Treppe heraufholt! Beeil dich, mein Junge! Hol Hammer und Nägel, sonst bist du vor dem Morgengrauen tot.“
Aber ich werde noch ein wenig weiterlesen, wenn auch langsamer als ich es bei Dahl getan habe. Das hat auch mit der uralten Widmung zu tun, die vorn im Buch steht. Sie ist nicht an mich gerichtet (es ist ein Second-Hand-Buch), aber wirklich süß: „Lieber Yorck, das Leben ist ein Abenteuer mit unverwüstlich erscheinenden Schattenseiten. Es gibt eine Möglichkeit, sich ihnen erfolgreich entgegenzustellen … nach der Lektüre dieses Buches wirst du wissen, wie sie aussieht …“

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Literarischer Pseudo-Antirassismus

betr.: Rassismus bei H. P. Lovecraft

2017 überraschte der S. Fischer Verlag zuallererst sich selbst mit dem riesigen Erfolg, den die große kommentierte H. P. Lovecraft-Geschichtensammlung auf sich zog. Der etwas voreilige Titel des Prachtbandes „Das Werk“ konnte somit schon bald darauf tatsächlich eingelöst werden. Mit der zweiten, etwas schlankeren Ausgabe waren die Lovecraft-Erzählungen im Wesentlichen komplett. Der amerikanische Original-Herausgeber Leslie Klinger versauerte uns allerdings ein wenig das Vergnügen, indem er in deren Vorwort den angeblich wahnhaften Rassismus des Autors proklamieren und beklagen lässt; das Echo des ersten Bandes hatte auch diesen Aspekt wieder in die Debatte getragen. Beim Lesen dieser Seiten hat man das unbehagliche Gefühl, einer religiösen Predigt ausgesetzt zu sein – eine Zumutung wie sie Lovecraft selbst uns schon wegen seines parodistischen Sprachwitzes niemals antut. Wie fragwürdig es ist, seine Texte mit dem heutigen moralischen Hochmut zu lesen, mögen folgende Beispiele aus der Weltliteratur illustrieren, von denen sich noch zahllose andere finden lassen.

In „Robinson Crusoe“, dem Roman, der die englische Literatur begründete, lässt Daniel Defoe seinen Helden über die Moral der Kannibalen nachdenken, deren grausige Hinterlassenschaften (abgenagte Totenschädel) er auf seiner Insel entdeckt hat. „Ich begann, mit kühleren und gesetzteren Gedanken zu betrachten, mit welchem Fug und Recht ich mich zum Richter und Rächer über diese Männer aufwerfen und sie zu Verbrechern erklären dürfte, sie, die der Himmel doch so lange ungestraft ihre Handlungen vollbringen lassen und ihnen gleichsam erlaubt hatte, dass sie aneinander zum Vollstrecker seines Urteils würden. Manchmal stritt ich mit mir selber wie folgt: Wie kann ich wissen, wie Gott selber in diesem besonderen Fall urteilt? Sie wissen nicht, dass es Sünden sind, und begehen also auch nicht wie wir fast alle Sünden in Auflehnung gegen die göttliche Gerechtigkeit. Nachdem ich ein wenig darüber nachgedacht hatte, kam ich zu dem Schluss, dass diese Menschen nicht Mörder waren in dem Sinne, wie ich sie vorher in meinen Gedanken verurteilt hatte. So wenig jedenfalls wie jene Christen Mörder sind, die oft die in der Schlacht gemachten Gefangenen töten, ja noch öfter und bei vielen Gelegenheiten ganze Scharen von Menschen ohne Erbarmen über die Klinge springen lassen, auch wenn diese ihre Waffen schon weggeworfen und sich ergeben haben.“
Der Literaturkenner Hanjo Kesting stellte dazu fest: „Es sind ungewöhnliche Gedanken in einer Zeit, in der Großbritannien daranging, sein koloniales Imperium zu errichten. Shakespeare beschrieb die sogenannten ‚Wilden Völker‘, auf die man im Zuge der Entdeckungsreisen gestoßen war, am Beispiel seines Caliban in ‚Der Sturm‘ (‚The Tempest‘) noch als monströs und abscheulich. Defoe stellte sich eher auf die Seite von Montaigne, der den Hauptunterschied zwischen den sogenannten zivilisierten und den sogenannten wilden Völkern damit beschrieb, dass die einen Hosen tragen und die anderen nicht. Das heißt aber noch nicht (…), dass Defoe sie als gleichberechtigt ansah.“
„Nehmt auf euch des weißen Mannes Bürde!“ dichtete Rudyard Kipling 180 Jahre später auf dem Höhepunkt des britischen Imperialismus. „Wacht über eure frisch eingefangenen tückischen Völkerschaften, die noch halb Kinder sind, halb Teufel!“ Niemand käme auf die Idee, Kiplings Arbeiten – etwa das von Walt Disney paraphrasierte „Dschungelbuch“ – deshalb als das Werk eines Rassisten zu betrachten, das von den jugendlichen Zielgruppen fernzuhalten sei (jedenfalls noch nicht zum jetzigen Zeitpunkt) oder Shakespeare auf seinen zeittypischen Rassismus zu reduzieren. Und das ist auch gut so.

Noch einmal zurück zu Lovecraft. Sein Leser und Experte Marco Frenschkowski erinnert uns im BR daran: „Ohne Frage war Lovecraft ein Rassist. Allerdings nicht im Sinne der deutschen Geschichte. In seiner Jugend in Neuengland war nach unseren Kategorien ausnahmslos jeder ein Rassist.“

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Auf der Palme

„Auf dem Turm“ ist ein Hörspiel-Monolog, der auf dem Roman von Gert Hofmann basiert (ehrlicher: eine Lesung). Die Archivaufnahme des RIAS Berlin von 1983 steht in sechs Teilen zum Nachhören in der ARD Audiothek.
Der Interpret Heiner Schmidt hat sich entweder nicht auf diese Lesung vorbereitet, oder er hatte zum Zeitpunkt der Aufnahme generelle Probleme mit der fließenden Lesung vom Blatt. Jedenfalls mogelt er sich knapp neun Stunden lang durch diesen Text, indem er spätestens nach jedem 5. Wort eine lange Pause macht und hie und da den Sinnbogen zum Schein neu beginnen lässt – zufällig und ohne jeden Bezug zum Inhalt. Seine schauspielerischen Möglichkeiten verwendet der Vorleser komplett auf das Vortäuschen eines fehlenden Textverständnisses. Offensichtlich legt es diese Stop-and-Go-Motorik darauf an, als künstlerisches Konzept verstanden zu werden.

Der zugrundeliegende Roman von Gert Hofmann wurde 1982 mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. Die Lesung hätte den Preis für die größtmögliche Dreistigkeit in einer professionellen öffentlich-rechtlichen Audio-Produktion verdient.

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Die Kunst der Hörspieladaption

Der verschwundene Funktionstext

Dieser Tage läuft im NDR das zweiteilige Kriminalhörspiel „Der Russe aus Nizza“. Es ist ein für seine Entstehungszeit 2009 typisches Produkt: reißerisch, mit guter Atmo und ohne jeden Erzählrhythmus. Doch eines ist wirklich herausragend gelöst: die Adaption des Textes (Bearbeitung und Regie: Sven Stricker) versorgt uns in kürzester Zeit mit den für das Verständnis der Geschichte nötigen Grund-Informationen, ohne je in Funktionstext auszuarten: das sind diese albernen Textbausteine, die wir im Alltag nie verwenden würden, weil ja nicht in einer Hörspieladaption leben, in der wir den Hörern irgendetwas erklären müssen.
„Der Russe aus Nizza“ braucht nur knapp zwei Minuten, um uns drei der vier wichtigsten Personen (die vierte tritt erst später auf) vorzustellen und ihr Verhältnis zueinander zu erläutern. Das könnte ein Rekord sein!

    Nathalie: Na was meinst du?

Marcus:  Die Rossia?

    Nathalie:  (kichert) Rossiya.

    Marcus: Eine Schiffsreise … Du willst eine Schiffsreise machen? In Russland?

    Nathalie: (lacht) Ja!

    Marcus: Okay. Und warum bleiben wir nicht in Dänemark, so wie sonst auch?

    Nathalie: Ich glaube es würde uns guttun! Mir auf jeden Fall…

    Marcus: Stimmt was nicht mit uns?

    Nathalie: Nein, Quatsch was soll denn nicht stimmen?

    Marcus: Na ich mein ja nur … du hasst Russland.

    Nathalie: I-ich komm nun mal von dort…

    Marcus: Nathalie! Wir sind jetzt seit zehn Jahren verheiratet, und plötzlich fällt dir das auf?

    Nathalie: Manchmal muss man sich bestimmten Dingen eben stellen…

    Marcus: …. Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist…

    Nathalie: Ja, Marcus. Ganz sicher.

    Marcus: Gut, also wenn es das ist, was du möchtest, dann … ja, dann machen wir das eben.  Ich muss jetzt los, sonst verpass ich meinen Flieger.

    Nathalie: Marcus, triffst du in Nizza auch deinen Vater?

    Marcus: Wenn noch Zeit bleibt. Donnerstagnachmittag bin ich wieder da.

Der Russe aus Nizza

Hörspiel in zwei Teilen  nach dem Roman von Leif Davidsen

Erster Teil

    Vater Hoffmann: Wie geht es Nathalie mein Junge?

    Marcus:  Danke der Nachfrage, richtig gut. Sie verkauft immer mehr von ihrem Schmuck. Wenn das so weitergeht, muss sie vielleicht irgendwann gar nicht mehr als Dolmetscherin arbeiten.

    Marcus (als Erzähler im Off): Wir saßen in einem kleinen Restaurant mit Blick auf die Promenade und das Meer. Mein Vater war aus seinem idyllischen Dörfchen Fayence nach Nizza gekommen.

    Vater Hoffmann: Grüß sie bitte unbedingt von mir.

    Marcus: Ja, ja mach ich Vater. Sobald ich wieder zu hause bin.

    Vater Hoffmann: (lacht) Stimmt. Ihr telefoniert ja nie, wenn du unterwegs bist.

   Marcus: Na, ich muss mich halt auf meine Arbeit konzentrieren.

    Vater Hoffmann: Ja ja …deine Arbeit…

    Marcus als Erzähler: Er fand meinen Job total langweilig, die reine Zeitverschwendung. Und er hatte nie Lust, etwas darüber zu hören.

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