Vom Gendern

Die Frauenrechtlerin, Journalistin und Autorin Luise F. Pusch gilt als die Erfinderin des Binnen-i, weist dieses zeitgeschichtliche Verdienst im Gespräch mit der „taz“ aber teilweise zurück. Nicht sie habe diese typografische Variante erfunden, „sondern ein Schweizer Journalist namens Christoph Busch. Aber ich habe es als kreative Lösung im gesamten deutschsprachigen Raum propagiert.“ Großbuchstaben innerhalb eines Wortes kamen seinerzeit auch durch das Weglassen des Bundestrichs bei zusammengesetzten Hauptwörtern in Mode.

Eine Beschränkung auf das generische Maskulinum lehnt Pusch auch 40 Jahre später ab, da sie es als mitschuldig an der Unsichtbarmachung der Frauen erachtet. Dennoch hadert sie mit manchen Gender-Schreibweisen. Das von ihrer Gesprächspartnerin so emsig gepflegte Gendersternchen habe seine Tücken. „Wichtig ist mir, dass das Sternchen nicht als Platzhalter interpretiert wird, wie beispielsweise in ‚Lerser*innen‘. Denn damit stünde das Maskulinum, hier ‚Leser‘, für die Männer, das Sternchen für die Diversen, und danach die Endung ‚innen‘ für uns Frauen. Das ist nicht einleuchtend, sondern kränkend.“

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Das Prinzip des Gleichlaufs

betr.: Sprechen am Mikrofon

Das fließende Lesen von Blatt ist ohne das Erfassen der Kontexte nicht zu machen. Es erlaubt uns, den Satzverlauf vorauszusehen – auch über den notwendigen Lesevorsprung von anderthalb Zeilen hinaus, den wir leisten können.

Genauso arbeiten auch Simultandolmetscher, wenn sie gleichzeitig (also mit einer Verspätung von durchschnittlich drei Sekunden bzw. bis zu fünf Wörtern) übersetzen, was gerade vor Publikum in einer anderen Sprache verkündet wird. Neben dem sinngemäßen Wortlaut vor allem die Absicht des Redners widerzugeben, macht das Simultandolmetschen so anspruchsvoll.
Angehende Dolmetscher lernen dafür das Antizipieren: das Bestreben, vorauszusehen, wo der Sprecher mit einem Satz hinsteuert. Das ist vor allem im Deutschen wichtig, in der „Awful German Language“, wie sie einst der Schriftsteller Mark Twain genannt hatte, weil das Verb im Deutschen erst nach vielen Nebensätzen kommt – wenn man schon längst wieder vergessen hat, wie der Satz einmal angefangen hat. Deutsche Muttersprachler (oder die des Farsi) sind im Vorteil, weil sie das Warten auf das Verb sind und ihr kommunikatives Sensorium ohnehin – unbewusst – auf diese Verspätung ausgerichtet ist.
Eine andere wichtige Technik ist das Segmentieren: Man übersetzt längere Sätze in kleinen Sinnabschnitten, Stück für Stück.
Außerdem gilt es, mit der Mehrdeutigkeit des gesprochenen Wortes klarzukommen. Wenn zum Beispiel in einem Satz das Wort “Deutsche” vor dem Wort “Bank” steht, ist es wahrscheinlich keine Bank zum Draufsetzen. Mit solchen Schlussfolgerungen werden auch Sprachsoftwares trainiert. Auch für diese gilt nämlich: üben, üben üben!

Beim Lesen vom Blatt sind die selben Techniken (oder Tugenden) unerlässlich wie beim Simultandolmetschen.
Und bei beiden Berufen fallen die Ausübenden meist gar nicht auf, wenn sie ihren Job richtig machen.

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Zwei kultige Geburtstagkinder

betr.: 86. Jahrestag der Galapremiere des Westerns „Stagecoach“ in der Radio City Music Hall / 92. Jahrestag der New Yorker Premiere des Monsterfilms „King Kong“

Inzwischen weiß ich, dass mein Podcast-Gesprächspartner Torben Sterner „Höllenfahrt nach Santa Fé“ (auch „Ringo“ oder „Stagecoach“) von den vier Western in der Liste „Aller 42 Kultfilme“ (von denen zwei ja noch ausstehen) am liebsten mag. Aber tut er das am Ende vielleicht nur, weil er dabei an „The Hateful 8“ denkt?
Das kann letztlich jeder für sich herausfinden.
Bei „King Kong und die weiße Frau“ sind wir uns im Wesentlichen einig. Der Unterschied: Torben hält die unnötigen King-Kong-Godzilla-Crossovers für grauenvollen Trash. Das stimmt, aber ich weiß, dass es noch viel viel Schlimmeres gibt.
Unsere Gespräche zu den heutigen Geburtstagsfilmen stehen hier:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/hoellenfahrt-nach-santa-fe-ringo

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/king-kong-und-die-weisse-frau

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Ein Genie und seine falschen Freunde

betr.: 125. Geburtstag von Kurt Weill (morgen)

Im Kulturradio wirft ein Datum seine Schatten voraus!
Eine Ö1-Moderatorin stellt zu Beginn ihrer Sendung die obligatorische Frage: „Und der Haifisch, der hat Zähne … Wer summt hier nicht gleich mit? Aber wer weiß auf Anhieb, wer diesen Song geschrieben hat?“ Mit ein klein wenig Ironie würde ich antworten: die meisten dürften den Namen wissen. Aber den Wenigsten von diesen Meisten würde ein zweiter Weill-Titel einfallen … zumindest „auf Anhieb“.
Der Kurt-Weill-Biograph Jürgen Schebera (geboren 1940 in Gablonz) hat dieser Tage im hr-Interview* zugegeben, dass die Schwierigkeiten, nach dem Krieg etwas über seinen Gegenstand zu erfahren, in der DDR noch mieser waren als in der BRD. Das ist insofern verblüffend als Weill neben Dessau und Eisler der wichtigste Komponist im Werk des DDR-Vorzeige-Dramatikers Bert Brecht gewesen ist. Andererseits gab es aber eben auch Dessau und Eisler, die sich beide propagandistisch ausbeuten ließen, während Weill es vorgezogen hatte, am Broadway Karriere zu machen, statt sich von den Nazis totschlagen zu lassen. Das hat man ihm – in ganz Deutschland – wohl verübelt, denn auch in der wiedervereinigten Republik wird dieser Faszinierende Alleskönner bis heute auf seine Brecht-Vertonungen reduziert.
Wenn jemand aus dem Kreis unserer Kulturschaffenden behauptet, er „liebe“ Kurt Weill bzw. seine Musik, ist es sehr leicht, ihn bei einer Lüge zu ertappen. Kennt sich dieser mit Weills amerikanischen Arbeiten gar nicht aus, geht es ihm offensichtlich weniger um dessen Kunst als darum, sich dem bildungsbürgerlichen Klischee anzuschließen, in dem Weill als Brecht-Anhängsel (und nur als solches) einen ehrenvollen Platz hat. Dann wurde in einem Aufwasch gleich ein weiterer Betrug mitbegangen und allzuoft gerne mitgeglaubt: der des angeblichen Philosemitismus.
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* Hier nachzuhören: https://www.hr2.de/podcasts/menschen-und-ihre-musik/zum-125-geburtstag-von-kurt-weill–juergen-schebera-weill-biograf,podcast-episode-139040.html

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Prima vista 0,5: Naturgeschichte von Selborne

betr.: Lesen vom Blatt / Übung

Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.

Heutiges Beispiel: aus „Naturgeschichte von Selborne“ von Gilbert White

Variante 1 (Übersetzung von Jürgen Abel, 1975)

… wir hatten in diesem Dorf vor mehr als zwanzig Jahren einen schwachsinnigen Jungen, an den ich mich noch gut erinnere. Von Kind auf fühlte er sich stark zu Bienen hingezogen. Er ernährte sich von ihnen, er beschäftigte sich mit ihnen – sie waren der einzige Gegenstand seines Interesses. Und so wie viele Menschen dieser Art selten mehr als einen Gesichtspunkt kennen, so widmete dieser Knabe alle seine geringen Fähigkeiten diesem einen Gegenstand. Im Winter verschlief er seine Zeit in seines Vaters Haus am Kamin in einem Zustand der Betäubung, und nur selten kam er hinter dem Kamin hervor. Im Sommer aber ging er auf den Feldern und an den sonnenbeschienenen Ufern des Flusses umso lebhafter seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Honigbienen, Hummeln, Wespen waren seine Beute, wo immer er sie fand. Er hatte keinerlei Angst vor ihren Stichen, sondern ergriff sie einfach nudis manibus, beraubte sie ihrer Waffen und sog ihre Körper aus, der Honigsäckchen wegen. Manchmal verwahrte er eine Anzahl dieser Gefangenen zwischen Hemd und Haut, manchmal sperrte er sie in Flaschen. Er war ein richtiger Merops apiaster oder Bienenvogel und eine Plag für alle, die Bienen hielten; denn er schlich sich in ihre Bienengärten, hockte sich vor die Bienenhäuschen, klopfte mit den Fingern an die Bienenkörbe und griff sich die Bienen, wie sie herauskamen.
Es war allgemein bekannt, dass er um des Honigs willen, den er so leidenschaftlich begehrte, ganze Bienenkörbe umstieß. Wo Met bereitet wurde, strich er um die Wannen und Kessel herum und bettelte um einen Schluck Bienenwein, wie er zu sagen pflegte. Und wenn er herumlief, pflegte er mit den Lippen ein summendes Geräusch zu machen, das ganz dem Surren der Bienen glich.

Variante 1 (Übersetzung von Rolf Schönlau, 2021)

… hier im Dorf gab es vor über zwanzig Jahren einen idiotischen Jungen, der, wie ich mich gut erinnere, schon als Kind eine große Vorliebe für Bienen hatte, die für ihn Nahrung und Vergnügen, ja sein ein und alles waren. Da Menschen wie er selten über mehr als ein Interessengebiet verfügen, richtete der Bursche seine geringen Fähigkeiten auf dieses eine Zeil aus. Im Winter döste er im Hause seines Vaters, wie in eine Starre verfallen, am Kamin vor sich hin und verließ nur selten seinen Platz, doch im Sommer war er quicklebendig, immer auf der Jagd in den Feldern und an sonnigen Böschungen. Bienen, Hummeln und Wespen waren seine Beute, nach der er überall suchte. Er hatte keine Angst vor ihren Stichen, sondern ergriff sie nudis manibus, mit bloßer Hand, entwaffnete sie von ihrem Stachel und saugte den Honig aus. Manchmal steckte er dutzende Bienen unter sein Hemd, manchmal verschloss er sie in Flaschen. Er war ein Merops apiaster oder Bienenfresser, sehr schädlich für Menschen, die Bienen hielten, denn er schlich sich in die Bienenhäuser, setzte sich vor die Stöcke, klopfte mit den Fingern an die Waben und holte sich die herauskrabbelnden Bienen. Um Honig zu bekommen, auf den er versessen war, stieß er sogar Bienenstöcke um. Wo man Met machte, war er bei den Kesseln und Bottichen und bettelte um einen Schluck Bienenwein, wie er es nannte. Wenn er herumlief, machte er mit den Lippen ein Geräusch, das sich wie das Summen von Bienen anhörte.

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Das Prinzip der Heldenreise: Langeweile in tausend Gestalten

Es ist ehrenhaft, künstlerischen Prinzipien auf die Spur zu kommen. Leider wollen die, denen das gelingt, es dann immer auch aufschreiben. Und die Nachwelt erliegt leicht der Versuchung, diese Analyse als bequemen Leitfaden für die weitere Arbeit zu missbrauchen – die Herstellung von Romanen, Filmen, Comics, Musicals und Videospielen. Was folgt, gerät schnell zu einem repetitiven Mainstream, demgegenüber originelle Künstler mit ihrem Schaffen keinen Fuß mehr auf die Erde kriegen.
Insofern hat Syd Field mit seinem berühmten Leitfaden „Das Handbuch zum Drehbuch“ letztlich kein gutes Werk getan – und das nicht nur beim „Tatort“, dessen Autoren seit Jahren strikt dem dort niedergelegten Prinzip zu folgen und die bekannten vorhersehbaren Ergebnisse abzuliefern haben.
Was Redakteure oder Produzenten so praktisch finden, weil es ihnen Mühe erspart und den Erfolg berechenbar scheinen lässt, kann Schauspielern und Regisseuren nicht unbedingt gefallen. Als Ralph Fiennes nach Deutschland kam, um für seine erste Regiearbeit „Coriolanus“ zu werben, wurde er auf ein Derivat des besagten Handbuchs angesprochen, Ted Snyders „Rette die Katze“, und reagierte sehr unwirsch.
Susan Sontags Essay über die Klischees beim Science-Fiction-Film hingegen blieb ein Lesevergnügen, das vor allem vom Publikum aufgenommen wurde.
Als geradezu verheerend sollte sich eine ältere Analyse erweisen, die inzwischen zum Klassiker der Gattung „Große Epen zum Selbermachen“ aufgestiegen ist.
Der Mythenforscher Joseph Campbell legte 1949 in „Der Heros in tausend Gestalten“ die uralte Erzählstruktur offen, der schon Buddha, Herakles, Wotan und der Froschkönig gefolgt sind und die wir seither und vor allem heute unter dem Haudraufbegriff „Heldenreise“ im Munde führen. Es ist das Klischee vom Helden im Larvenstadium, der auf eine abenteuerliche Reise verschlagen wird, die auch ein Weg zu sich selbst ist und von der er gereift zurückkehrt, nachdem er in der Fremde einen gewaltigen Gegner besiegt hat.
George Lucas, der ein technischer Visionär, aber zu keiner Zeit am Erschaffen einer Erzählung interessiert war, hat dieses Prinzip bei „Star Wars“ intuitiv und ohne Kenntnis eines Leitfadens befolgt – auch wenn er das später anders darstellte.
 
Dass dieses Konstrukt so primitiv und beschränkend ist, erklärt noch nicht, dass sich alle so gern daran halten. Andererseits ist es auch sehr bequem, wenn man als Autor keine Phantasie hat. Und das Publikum hat gegen Kitsch leider nichts einzuwenden, solange es ihn nicht als solchen erkennt.

Die 12 Campbell’schen Stufen der Heldenreise

1. Station: Die gewohnte Welt

Die Geschichte beginnt normalerweise in der vertrauten Umgebung des Helden, die entweder feindselig-bedrückend oder schlicht langweilig ist. (So wie die Wüstenfarm auf dem Planeten Tatooine bei „Star Wars“). Der Held ist so unscheinbar wie unzufrieden und ahnt nichts von seiner Vorbestimmung (genau wie Balthasar Bux in Michael Endes „unendlicher Geschichte“).

2. Station: Der Ruf des Abenteuers

Der „Herold“, eine der archetypischen Figuren der Heldenreise, tritt auf: ein Bote des Abenteuers (bei Harry Potter ist es der Halbriese Hagrid, der bei der Pflegefamilie hereinplatzt und dem Waisenjungen etwas Überraschendes mitzuteilen hat). Er gibt dem Helden einen Anlass, seine Lebensführung in Frage zu stellen.

3. Station: Die Weigerung

Um es ein wenig spannend zu machen, weist der Held zunächst den Ruf des Herolds zurück. Doch ihn befällt eine Zug-Unruhe.

4. Station: Begegnung mit dem Mentor

Ein bärtiger, alter, weiser (weißer) Mann tritt auf und bekräftigt die Botschaft des Herolds mit väterlichen Gesten der Mahnung und Aufmunterung. Er ist ein Haudegen im Ruhestand, der dem zukünftigen Helden mit seinem Rat zur Seite stehen wird (wie Mr. Miyagi in „Karate Kid“).

5. Station: Das Überschreiten der ersten Schwelle

Noch ist der Held nicht überzeugt, sich aufzumachen. Doch ein tragisches Ereignis – Massaker, Tötung der Familie, Verwüstung des Dorfes … – gibt ihm den entscheidenden Antrieb. Der Verursacher dieser Katastrophe kann bereits der Bösewicht sein, zu den nun zu Felde gezogen wird, um Rache zu üben und weitere Untaten zu verhindern.

6. Station: Bewährungsproben, Verbündete und Feinde

Zu Beginn des Zweiten Akts beginnt die eigentliche Reise / Queste / Aventure. Der Held wird von der rauen Welt da draußen eingeschüchtert. Die unverzichtbaren Archetypen treten auf: die komischen Nebenrollen, die vom wenig amüsanten Naturell des notorisch grundanständigen Helden ablenken, indem sie unentwegt irgendwelche lustigen Sachen raushauen. (Nur „Schnuffi der Staubsauger“ schafft es ohne quasselnde Sidekicks. Es sei denn, wir rechnen seinen Freund, den kleinen Schraubenschlüssel, in diese Kategorie. Aber ist ja immer dabei und meistens still und gut verstaut.) Häufig wird auch ein Hilfs-Bösewicht eingeführt, mit dem wir uns herumschlagen können, ohne den geheimnisvollen Endboss zu frühzeitig preiszugeben.

7. Station: Das Vordringen zur tiefsten Höhle

Der Held hat sich zum ersten Mal bewährt. Jetzt soll es in die Höhle des Löwen und dem Bösen an den Kragen gehen. (Zum Beispiel zum Todesstern. Hin und wieder wird auch der irrwitzige Gebäudekomplex des stinkend reichen, aber genialen Bond-Bösewichts genannt. Doch das trifft es nicht. James Bond ist auf keiner Helden-, sondern auf einer Dienstreise. Er wird sich nicht entwickeln und weder eine Läuterung noch die Initiation erfahren, auf die der werdende junge Held hinarbeitet.) Nur mit Hilfe seiner Verbündeten kann der Held die unzähligen Gefahren in dieser „tiefsten Höhle“ überwinden: Feinde. Fallen. Rätsel. Action. Explosionen. Feuergefechte.

8. Station: Die entscheidende Prüfung

Es wird richtig bedrohlich und lebensgefährlich, geht aber notwendigerweise gut aus. Eventuell kommt ein Teammitglied der Guten zu Schaden und erinnert uns an den Ernst der Lage.

9. Station: Die Belohnung oder: Das Ergreifen des Schwerts

Der Held erringt einen symbolträchtigen / zauberwirksamen Gegenstand bzw. nach sagenhaftem Vorbild die Waffe, die er auf dem Titelblatt schon in der Hand hält: ein mächtiges Schwert. Noch kommt es nicht zum entscheidenden Kampf, doch das nötige Wissen um die Schwachstelle des Gegners – oder um die eigene Bestimmung – wird erworben.

10. Station: Der Rückzug

Der Held kann nach einer ersten Niederlage aus dem Reich seines Feindes entkommen. Er hat dazugelernt, ist an seinen Aufgaben gewachsen. Sein altes Ich ist gestorben. Nichts wird mehr sein wie zuvor. Er ist gerüstet für den Showdown.

11. Station: Die Auferstehung

Der Held greift wieder an. Der zuvor als ungemein mächtig geschilderte Bösewicht (zum Beispiel Skeletor in der angenehm ironischen Saga um die „Masters Of The Universe“) macht gegen seinen nunmehr zum Messias herangeschwollenen Herausforderer keinen Stich mehr und geht kläglich unter.

12. Station: Die Rückkehr mit dem Elixier

Die triumphale Rückkehr in die Heimat wird begleitet von Jubel und Partystimmung.

Das Muster der Heldenreise wird nirgends so streng und offensichtlich eingehalten wie in Animationsfilmen. Hier wird die anfängliche Loslösung aus dem zuvor geführten Leben als Verlust definiert, den es wieder herzustellen gilt: die Rückkehr nach Hause, die Wiedervereinigung mit der Familie.

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Novel ist nicht gleich Novelle

Ähnlich wie das Wort „Chanson“, das im Französischen eine allgemeinere Bedeutung hat als im Deutschen, hat auch der Begriff „Novelle“ hat eine andere Bedeutung als die angelsächsische Entsprechung „Novel“ für „Erzählung“. Mir wurde im Deutschunterricht erklärt, eine Novelle sei eine nicht übermäßig lange Erzählung, bei der es kurz vor Schluss zu einer Wende kommt, die buchstäblich alles über den Haufen wirft (- die Neuigkeit, die in der Bezeichnung angelegt ist). Tatsächlich konnte ich diese Definition bei meinen literarischen Erlebnissen seither gut nachvollziehen.
Offiziell sei eine Novelle „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit nach Goethe, straff komponiert und dicht“. Als Schwester des Dramas wird sie auch bezeichnet, als Geschichte, die einen „Falken“ braucht.
Stephanie Ahrens in einem BR-Feature der Reihe „radioWissen“: „Als Goethe 1828 einer kurzen Erzählung den Namen ‘Novelle‘ gibt, knüpft er an eine literarische Tradition an, die von Giovanni Boccaccio mit seinem ‚Decameron‚, einem Zyklus von Geschichten, im 14. Jh. begründet wird. Boccaccio, der neben dem Spanier Cervantes (‚Exemplarische Novellen‘, 1613) als Vater der Novelle gilt, bettet seine Erzählungen in eine Rahmenhandlung ein: Edle Florentiner flüchten vor der Pest in ein Landhaus, wo sie einander Geschichten vortragen, um sich zu unterhalten und die Zeit zu vertreiben. Es sind anregende, überraschende und kurze Texte, die die eingeschlossene adlige Gesellschaft amüsieren und von der drohenden Pestgefahr ablenken. Das italienische novella für ‚kleine Neuigkeit‘ spiegelt die Vorstellung von der kurzen, hörens- und erzählenswerten Angelegenheit wider, die sich damit nicht für den langen epischen Text, den Roman eignet. Die Kürze bedient gleichzeitig eine im 14. Jh. neue Leserschaft: die der aufsteigenden Mittelschicht, wohlhabende, geschäftige Händler und Kaufleute.“   
Nach Goethe entdeckten im Laufe des 19. Jahrhundert immer mehr Schriftsteller diese kurze Prosaform für sich. Nachdem Anton Tschechow um die Jahrhundertwende eine Reihe von Beispielen vorgelegt hat, die bis heute als Klassiker gelten, waren es im 20. Jahrhundert vor allem US-amerikanische Schriftsteller, die sich als Meister und Vorbilder herausstellten: Popstars wie wie Ernest Hemingway und der längst verstorbene Edgar Allan Poe, ewige Geheimtipps wie John Cheever und Richard Matheson – die Verlängerung dieser kurzen, willkürlichen Liste ist ein Vergnügen, das man sich jederzeit bereiten kann: „Eine Novelle lässt sich sozusagen ‘zwischendrin‘ mal lesen.“ (Stephanie Ahrens).

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Prima vista 0,5: Arthur Gordon Pym

betr.: Lesen vom Blatt / Übung

Eine Prima Vista Lesung in abgemilderter Form lässt sich durchführen, wenn man sich verschiedene Übersetzungen der selben Textpassage vornimmt: die erste wird still gelesen, die zweite laut.
Der Inhalt ist bekannt, der Wortlaut ändert sich.

Heutiges Beispiel: aus „Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym aus Nantucket“ von Edgar Allan Poe.

Variante 1 (Übersetzung von Hans Schmid, 2008):

21. März. Über uns hing jetzt eine unheilvolle Finsternis – doch aus den milchigen Tiefen des Ozeans stieg ein grelles Leuchten auf und stahl sich, am Schanzkleid des Bootes entlang, nach oben. Wir wurden fast begraben unter dem weißen, aschenartigen Regen, der dort, wo er auf uns und das Kanu fiel, liegen blieb, im Wasser aber zerschmolz, sowie er hineinfiel. Die Höhe des Kataraktes verlor sich zur Gänze im Zwielicht und in der Ferne. Und doch näherten wir uns ihm offensichtlich mit grässlicher Geschwindigkeit. In Abständen wurden breite, gähnende, aber nur vorübergehend sich öffnende Risse sichtbar, und aus diesen Rissen heraus, in denen es ein Chaos aus vorbeihuschenden und verschwommenen Bildern gab, kamen brausend und gewaltig, aber tonlos die Winde, zerrissen auf ihrem Weg den entflammten Ozean.

22. März. Die Dunkelheit hatte sich erheblich verstärkt, gemildert nur durch das grelle Leuchten des Wassers, das der weiße Vorhang vor uns zurückwarf. Viele gigantische und fahlig weiße Vögel kamen jetzt unaufhörlich von jenseits des Schleiers geflogen, und ihr Schrei war das ewige Tekeli-li!, mit dem sie wieder aus unserem Gesichtsfeld verschwanden. Hierauf regte sich Nu-Nu auf dem Boden des Bootes; aber als wir ihn berührten, stellten wir fest, dass er sein Leben ausgehaucht hatte. Und jetzt rasten wir hinein in die Umarmungen des Katarakts, dorthin, wo sich ein Spalt auftat, uns zu empfangen. Da aber erhob sich auf unserem Pfad eine verhüllte menschliche Gestalt, in ihren Ausmaßen viel viel größer als irgendjemand, der unter den Menschen wohnt. Und die Farbe der Haut und der Gestalt hatte die vollkommene Weiße des Schnees.

Variante 2 (Übersetzung von Gisela Etzel, 1965):

21. März. Nun hing ein mürrisches Dunkel über uns; aber aus den milchigen Tiefen des Ozeans hob sich glimmender Schein und stieg leuchtend an den Planken des Bootes hinauf. Der weiße Aschenregen lagerte sich erdrückend auf uns und begann das Kanu zu füllen, aber im Wasser zergingen seine Flocken. Der Gipfel des Kataraktes verschwand vollkommen im Dämmer der Höhe und Ferne. Doch näherten wir uns ihm offenbar mit grauenhafter Schnelligkeit. Zuweilen erblickte man in ihm weite, gähnende Risse, die sich jedoch augenblicklich wieder schlossen; und aus einer dieser Klüfte, in der sich ein Chaos flirrender und zerfließender Gestalten bewegte, strömte ein heftiger, aber geräuschloser Wind hervor, dessen mächtiger Atem den flammenden Ozean aufwühlte.

22. März. Die Finsternis war immer dichter geworden, und nur der Widerschein des Wassers auf dem weißen Riesenvorhang belebte flirrend die Meeresnacht. Viele ungeheure und gespenstisch bleiche Vögel flogen jetzt unablässig aus jenem Schleier hervor, und während sie sich unseren Blicken entzogen, schrillte noch ihr ewiges Tekeli-li! In unseren Ohren. Da rührte sich Nanu noch einmal auf dem Boden des Kanus; aber als wir ihn anfaßten, sahen wir, daß er den Geist aufgegeben hatte. Und jetzt rasten wir den Umarmungen des Wassersturzes entgegen, dorthin, wo sich eine Spalte auftat, um uns zu empfangen. Aber in diesem Augenblick erhob sich mitten in unserem Wege eine verhüllte, menschliche Gestalt, doch weit gewaltiger in allen Maßen als die Kinder der Erde. Und ihre Haut war von weißer Farbe, von der Farbe des leuchtendsten, blendendsten ewigen Schnees – –

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Singen im postpoetischen Zeitalter

Das Schlagerfestival im italienischen Sanremo (jawoll, der Name der Stadt wird zusammengeschrieben) ist ein seit 1951 ausgetragenes Wettsingen, das sich über fünf sehr lange Fernsehabende hinzieht. Es reicht seinen Siegertitel automatisch an den Eurovision Song Contest weiter. Auf diese Ehre verzichtet der diesjährige Gewinner Olly (Federico Olivero) und lässt den Zweitplatzierten aufrücken (den Favoriten in Sanremo), der sein Glück kaum fassen kann.
Lucio Corsi wird also in diesem Jahr sein Heimatland vor einem Millionenpublikum vertreten.

F.A.Z.-Ausriss

In den sozialen Medien tut Corsi seine Pflicht („Wir sehen uns beim ESC!“) und sprach auch mit Reportern so wie es sich seiner Meinung nach für einen Poeten gehört: „Ich habe mein Leben lang Gitarren gejagt, die aus ihren Koffern entkommen waren, bin Klavieren hinterhergerannt, die aus ihren Häusern fortgerollt waren, und habe Mundharmonikas zu erhaschen versucht, die vom Winde verweht worden waren.“ Er werde auch in Basel wieder Instrumenten nachjagen, versprach Corsi.
Nach dem vorsorglichen Abräumen dieser beachtlichen Menge schiefer Sprachbilder und verirrter Metaphern dürfen wir nun auf den Text seines Songs gespannt sein: ein Geständnis mit dem Titel „Volevo essere un duro“ (etwa: Ich wollte ein harter Typ sein). Die F.A.Z. hält ihn für chancenlos.

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Fliegen oder Stehlen?

betr.: Mikrofonarbeit / Lesen vom Blatt / Sprechen für Software

Die meisten Sätze bringen die inhaltliche Hinführung mit, wenn man sie nur aufmerksam liest.
Beispiel.
Ein Kapitel in einem Kinderhörbuch beginnt wie folgt:

„Am nächsten Morgen hätte sich Olga am liebsten erst mal gar nicht blicken lassen.“

Was verrät uns das?
Die Figur, um die es geht heißt Olga. Sie wird von Selbstzweifeln geplagt bzw. hat einen schlechten Tag. Man rechnet mit ihrem Erscheinen bei einem turnusmäßigen Zusammentreffen. (Dass es sich nicht um eine einzelne Verabredung handelt, impliziert die Formulierung „erst mal“.) Wir befinden uns mitten in einer Entwicklung bzw. einem Konflikt („am nächsten Morgen“), die Dinge sind in Bewegung, und Olga ist daran beteiligt.
Das ist eine ganze Menge Information für einen einzelnen Satz.

Das ist in den meisten Fällen so: es steht eigentlich alles da, was man braucht, um den Satz auch ohne seinen Zusammenhang zu verstehen und zu interpretieren.
Manchmal geschieht das auch über den Weg der sarkastischen Umkehrung. Den Satz „Du hast mir gerade noch gefehlt!“ wird niemand wörtlich nehmen.

Sätze, die sich nicht zweifelsfrei selbst erklären, gibt es vereinzelt auch.
Das beliebteste Beispiel wurde hier schon genannt. Der Ausspruch „Der tut nichts!“ hat eine völlig andere Bedeutung, je nachdem, ob er sich auf einen Hund oder auf einen Lehrling bezieht.
Im Französischen hat ein Verb zwei komplett unterschiedliche Bedeutungen: „voler“ bedeutet sowohl „fliegen“ als auch „stehlen“. Weil diese Definitionen so weit auseinanderliegen, wird es deshalb kaum zu Verwirrung kommen, der Zusammenhang wird es richten.
Im unwahrscheinlichen Fall, dass ein kleptomanischer Pilot aus Frankreich in einem Interview mit dem Deutschen Fernsehen gefragt wird: „Was werden Sie in Zukunft lieber tun, stehlen oder fliegen?“, würde die Antwort „Je vol“ einer Nachfrage bedürfen.

Was tut man aber, wenn man bei einer Software-Sprachaufnahme – also ohne die üblichen Hinweise eines linearen Kontextes – auf einen Take stößt, der zwei oder mehr unterschiedliche Bedeutungen haben könnte?
Falls die Regie keinen Informationsvorsprung hat (was bei Computerspielen vorkommen kann), muss sich für eine Variante entschieden werden. Magischerweise funktioniert das in den meisten Fällen im später sich ergebenden Zusammenhang.
Was mit Sicherheit seltsam klingt und nicht funktioniert, ist der Versuch, einen Kompromiss aus beiden Möglichkeiten zu bilden. Solche Situationen kommen in der Kommunikation unseres Alltags nämlich nicht vor.

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